Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Paul Clifford

Edward Bulwer-Lytton: Paul Clifford - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer
titlePaul Clifford
publisherJ. B. Metzler'schen Buchhandlung
volumeViertes Bändchen
printrun Zweite Auflage
year1836
translatorGustav Pfizer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20061009
projectid894c510c
Schließen

Navigation:

Siebzehntes Kapitel.

Den harten Mann, mit abgestorbnem Triebe,
Und ruh'ger Stirne, brütend finstern Plan;
Dabei die reine Jugend, hold durch Liebe –
Ich seh es gern, obwohl mit Schauder, an.

G. Fletcher.

Am Vormittag nach dem Ball stand der Wagen William Brandons gepackt und gerüstet vor der Thür seiner Wohnung in Bath; der Advokat war indeß noch mit seinem Bruder eingeschlossen; »Mein lieber Josef,« sagte der Anwalt, »ich verlasse Dich durchdrungen von dem Gefühl der Zärtlichkeit, die Du gegen mich an den Tag gelegt, theils dadurch, daß Du hieher kamst, ganz Deiner Lebensweise zuwider, theils daß Du mich überall hin begleitetest, auch wo es nicht nach Deinem Geschmack war.«

»Sprich nicht davon, lieber William,« sagte der gutherzige Squire, »denn Deine entzückende Gesellschaft ist für mich das Angenehmste – (und das kann ich von wenigen Leuten Deiner Art sagen denn mir für meinen Theil ist sonst der Umgang mit den gescheutesten Leuten das Unangenehmste,) von der Welt. Und besonders dünken mich die Advokaten – (wie verschieden freilich von Deinen Amtsgenossen bist Du) ganz und gar unerträglich!«

»Ich habe jetzt,« sagte Brandon, der mit seiner gewöhnlichen krankhaften Lebhaftigkeit in raschen Schritten auf und ab im Zimmer gieng und seines Bruders Compliment kaum bemerkte, »ich habe jetzt noch eine Bitte an Dich – Sieh dieses Haus sammt Dienerschaft noch für einen oder zwei Monate wenigstens als das Deinige an. Unterbrich mich nicht – es soll keine Artigkeit seyn, ich rede von dem Vortheil unserer Familie.« Und nun setzte er sich neben seines Bruders Armsessel, denn ein Gichtanfall hielt den Squire in strenger Haft, und entwickelte ihm seinen Lieblingsplan, Lucie mit Lord Mauleverer zu vermählen. Trotz der beharrlichen Aufmerksamkeit des Grafen gegen die Erbin hatte sich doch der ehrliche Squire nie von einer ernstlichen Absicht träumen lassen, und er war vor Ueberraschung außer sich, als er die Erwartungen des Advokaten vernahm.

»Aber mein lieber Bruder,« begann er,»eine so große Partie für meine Lucie, der Statthalter, der Graf – – «

»Und was ist es denn?« rief Brandon stolz und unterbrach seinen Bruder, »ist nicht das Geschlecht der Brandon«, das seine Sprößlinge mit dem königlichen Blute vermählte, weit edler als das des aufgepfropften Stammes der Mauleverer? Welche Anmaßung liegt in der Hoffnung daß die Tochter des Grafen von Suffolk einen verblichenen Namen mit ein wenig kostbarem Pulver der weiland Goldschmide von London vergolden sollte? Zudem« fuhr er nach einer Pause fort, »wird Lucie reich, sehr reich werden, und eh zwei Jahre verfließen kann möglicherweise mein Rang dem Mauleverers gleich sein.«

Der Squire war vor Erstaunen sprachlos; und Brandon fuhr fort ohne ihm Zeit zur Antwort zu lassen. Es ist überflüßig, das Gespräch im Einzelnen zu berichten; es genügt zu sagen, daß der gewandte Advokat seinen Bruder nicht eher verließ, als bis er seine Absicht bei ihm erreicht hatte; bis Josef Brandon versprach, zu Bath im Besitz des Hauses und der Einrichtung seines Bruders zu bleiben, der Bewerbung Mauleverers kein Hinderniß in den Weg zu legen, die Gesellschaft wie bisher zu besuchen, und besonders Lucie, welche offenbar den Lord Mauleverer nicht ausschließlich begünstigte, durch keine Anspielung auf die Hoffnungen und Erwartungen ihres Oheims und Vaters zu beunruhigen. Jetzt nahm Brandon von seinem Bruder Abschied und gieng hinauf Lucien aufzusuchen. Er fand sie, wie sie sich über den vergoldeten Käfig eines ihrer gefiederten Lieblinge beugte und zu dem kleinen Insaßen in der anmuthigen, tändelnden Sprache redete, in welche alle unschuldige zärtliche Gedanken sollten gekleidet seyn. So schön war Lucie in ihrer mädchenhaften und liebkosenden Beschäftigung, und so wenig schien sie geeignet, das Werkzeug ehrsüchtiger Plane und das Opfer weltlicher Berechnungen zu werden, daß Brandon plötzlich im innersten Herzen ergriffen bei ihrem Anblick verstummte; bald jedoch sammelte er sich wieder, näherte sich ihr und sagte als feiner Weltmann: »Glücklich ist der, für welchen solche Liebkosungen und Worte aufgespart sind.«

Lucie wandte sich um. »Er ist krank« sagte sie auf den Vogel deutend, der mit steifen und gesträubten Federn dasaß, stumm und gleichgültig selbst gegen die Stimme, welche so musikalisch war wie seine eigne.

»Armer Gefangner!« sagte Brandon, »selbst ein vergoldeter Käfig und süße Töne können Dir den Verlust der freien Luft und der wilden Wälder nicht ersetzen.«

»Aber« sagte Lucie ängstlich, »es ist doch nicht die Einsperrung die ihn krank macht. Wenn Sie das meinen, will ich ihn sogleich freilassen.«

»Wie lang hast Du ihn schon?« fragte Brandon.

»Drei Jahre,« antwortete Lucie.

»Und es ist Dein liebster Liebling?«

»Ja, er singt nicht so hübsch als die andern, aber er ist viel gescheuter und so zärtlich!« »Kannst Du ihn denn freilassen?« fragte Brandon lächelnd. »Wäre es nicht besser ihn in Deinem Gewahrsam sterben zu sehen als ihn leben lassen und nie mehr erblicken?«

»O nein, nein!« sagte Lucie lebhaft, »wenn ich Jemand – ein Wesen liebe, so wünsche ich daß dieses glücklich sey, nicht ich.«

Mit diesen Worten nahm sie den Vogel aus dem Käfig, trug ihn ans offne Fenster, küßte ihn und hielt ihn auf ihrer Hand in die Luft hinaus. Der arme Vogel sah sich mit mattem, kränklichem Aug' um, als ob der Anblick der Häusermassen und der geschäftigen Straßen nichts Vertrauliches oder Einladendes für ihn habe, und erst als Lucie mit zärtlicher Entschlossenheit, ihn sanft wegschüttelte, benutzte er die ihm gegönnte Freiheit. Er flog zuerst auf einen gegenüberstehenden Balkon und dann nach einer kurzen Pause der Ueberraschung gleichsam sich erholend, umkreiste er in kurzem Fluge die Häuser, und nachdem er einige Augenblicke verschwunden war, flog er wieder zurück, flatterte um das Fenster, flog wieder herein, setzte sich wieder auf die schöne Hand seiner Gebieterin und drängte sich an ihren Busen.

Lucie bedeckte ihn mit Küssen. »Sie sehen, er will mich nicht verlassen,« sagte sie.

»Wer könnte es auch?« sagte der Oheim mit Wärme, für diesen Augenblick aus allen Gedanken, ausgenommen die Zärtlichkeit gegen das junge sanfte Wesen, das vor ihm stand, herausgezaubert, »Wer könnte es auch?« wiederholte er mit einem Seufzer, »als etwa ein alter, verwelkter Ascete wie ich. Ich muß Dich wahrlich verlassen; sieh, mein Wagen ist vor der Thüre. Will meine schöne Nichte unter den sie umgebenden Lustbarkeiten sich herablassen, dann und wann des grämlichen Advokaten zu gedenken, und ihn durch eine Zeile von ihrem Glück und Wohlseyn versichern? Obgleich ich selten andre als Geschäftsbriefe schreibe, darfst doch Du wenigstens einer Antwort von mir gewiß seyn. Und sag' mir Lucie, ist wohl irgend Einer in dieser ganzen Stadt so thöricht zu glauben, diese nichtigen Edelsteine, nur dazu gut meinen Stolz auf Dich durch ein äußres Zeichen zu beurkunden, könnten einer Schönheit, die über allen Schmuck hinaus ist, auch nur den kleinsten weitern Reitz verleihen?«

Mit diesen Worten brachte Brandon ein ledernes Kästchen hervor, berührte eine Feder und der überwältigende Schimmer von Diamanten, die manches patricische Herz entzückt hätten, sprang blendend Luciens Augen entgegen.

»Keinen Dank, Lucie!« sagte Brandon, seiner Nichte schüchterne und sich sträubende Dankbarkeit ablehnend, »ich ehre mich selbst, nicht Dich, und nun Gott segne Dich, liebes Mädchen. Lebe wohl! Sollte sich eine Veranlassung ergeben, wo Du eines vertrauten, wohlmeinenden und weisen Rathgebers benöthigt wärest, so lege ich Dir, liebste Lucie, zum Abschied die Bitte ans Herz, kein Bedenken zu tragen, an Lord Mauleverer Dich zu wenden. Neben seiner Freundschaft für mich, nimmt er großen Antheil an Dir und du kannst ihn mit der größten Zuversicht und allem Vertrauen um Rath fragen, denn« hier lächelte der Advokat, »er ist vielleicht der einzige Mann auf der Welt, den meine Lucie nicht in sich verliebt machen kann. Seine Galanterie, kann als Schmeichelei erscheinen, aber sie ist durchaus nicht mit der Liebe verwandt. Versprich mir, daß du dieß ohne Bedenken thun willst.«

Lucie gab leicht das Versprechen und Brandon fuhr in sorglosem Tone fort: »Ich höre, Du habest letzte Nacht mit einem jungen Gentleman getanzt, den Niemand kannte, und dessen Begleiter in sehr sonderbarem Aufzug erschienen. In einem Ort, wie Bath, ist die Gesellschaft so gemischt, daß die größte Behutsamkeit in Bekanntschaften durchaus nothwendig ist. Du mußt mir verzeihen, liebste Nichte, wenn ich dir bemerke, daß eine junge Dame nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Verwandten es schuldig ist, in ihrem Betragen die strengste Umsicht zu zeigen. Es ist eine schlimme Welt und von der pfirsichzarten Blüthe des Rufs ist leicht der Blüthenstaub abgestoßen. In solchen Punkten kann Dir Mauleverer von großem Nutzen seyn. Seine Charakterkenntniß, sein durchdringender Scharfblick und sein Takt im Benehmen sind unfehlbar. Ich bitte, laß Dich von ihm leiten; vor Wem er Dich warnt, der ist sicherlich Deiner Bekanntschaft unwürdig. Gott segne Dich! Du wirst mir oft und freimüthig schreiben, liebe Lucie; vertraue mir Alles an, was Dir begegnet, alles was Dich anzieht, ja auch Alles was Dir zuwider ist.«

Hierauf schloß Brandon, der dem Anschein nach das Erröthen nicht beachtet hatte, das während seiner Rede Luciens Wangen überflog, seine Nichte in die Arme und eilte, wie um seine Empfindungen zu verbergen, in seinen Wagen. Als die Pferde um die Straßenecke waren, wies er den Postillon an, vor Lord Mauleverers Wohnung zu halten. »Nun« sagte er bei sich selbst, »wenn ich diesen gescheuten Gecken gewinnen kann, daß er meine Pläne unterstützt und meinem Spiele gemäß seine Karten ausspielt, nicht aber nach der Eingebung seiner Eitelkeit – so bekomme ich einen Ritter vom Hosenband-Orden zum Neffen.«

Indeß eilte Lucie, in Thränen schwimmend, denn sie liebte ihren Oheim zärtlich, zu dem Squire hinab, ihm Brandons prächtiges Geschenk zu zeigen.

»Ha!« sagte der Squire, »wenige Menschen wurden mit schönern, edlern und größern Eigenschaften geboren – (nur Schade daß sein Hauptverlangen immer war, in der Welt sich emporzuschwingen; durch kein andres Bestreben wird man ein größerer und herzloserer Schurke!) als mein Bruder William!«

 Kapitel 2 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.