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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel
Die Vergeltung

Philip Armitages Leben war jetzt nicht mehr eintönig, es war aufregend, entzückend und sehr gefährlich.

Norma war sehr lieb, vielleicht noch herzlicher als in früheren Tagen, und die Veränderung seiner Vermögenslage war ihr überaus gleichgültig. Dora Myrl bemitleidete und neckte ihn abwechselnd, führte ihn täglich irgendwie in Versuchung und erprobte seine 37 Selbstbeherrschung durch tausend schlaue Winkelzüge. Sie wurde von dieser Liebesgeschichte, die sich vor ihren Augen abspielte, völlig in Anspruch genommen und war überzeugt, wie sie ihrer Freundin versicherte, daß alles zum glücklichen Ende führen würde.

All seine freie Zeit verbrachte Phil in der Wohnung, begleitete die beiden Mädchen zuweilen ins Theater, wenn er sich so viel abgespart hatte, um es sich erlauben zu können. Er hatte jetzt wirklich eine herrliche Zeit. Aber selbst in den wonnigsten Liebesstunden, wenn Normas Augen strahlten und ihre Stimme ganz gedämpft klang, wußte er sich im Zaum zu halten und vergaß nicht, daß ein Telegraphenbeamter, der überdies seine Stellung einer List verdankte und jeden Moment mit Schimpf und Schande fortgejagt werden konnte, als Freier für die schöne Erbin nicht in Betracht kam. Ihr Vater hatte ihn Mitgiftjäger genannt, und er hatte es sich geschworen, daß die Schmähung des Verstorbenen niemals eine gewisse Berechtigung erlangen sollte. Er konnte die Versuchung nicht meiden, aber er wollte ihr auch nicht erliegen; Norma fern zu bleiben, erschien ihm unmöglich. Aber schon nach kurzer Zeit mußte er für seine Schwäche büßen. Ihre Schönheit und Holdseligkeit erfüllte ihn mit brennender Sehnsucht, er litt Tantalusqualen.

Die scharfsinnige kleine Dora Myrl lachte innerlich und war fest überzeugt, daß die Liebe schließlich den Stolz besiegen würde, aber Norma war oft schwer beunruhigt durch die wechselnde Zärtlichkeit und Kälte des Mannes, den sie liebte.

Dieser Kampf blieb nicht ohne Einfluß auf Armitages Geist und Gemüt. Er begann, seine Besuche bei den Mädchen einzuschränken und weniger und weniger die Dienste seiner bereitwilligen kleinen Helferin in Anspruch zu nehmen, die bald auf den Gedanken kam, daß er verliebt und gegen früher recht verändert sei.

Um diese Zeit ereignete sich etwas, das seine liebeskranken Gedanken ernsteren Dingen zuwendete. Als er in seinem Zimmer arbeitete, hörte er Lammans wohlbekannte Stimme in dem großen Bureau.

Mit seinem gewohnten jovialen Humor erzählte der große Mann dem jungen Mädchen, daß er sich etwas Ferienzeit gegönnt habe, nun aber doppelt 38 arbeiten müsse, sonst lange es bei ihm nicht mehr zur Butter aufs Brot. Das übermütige laute Sprechen und Lachen erweckte in Armitage eine wahnsinnige Wut; mit einem Schlage erwachte die Erinnerung, wie schlau und gerissen der andre ihn unter dem Deckmantel aufrichtiger Freundschaft nicht nur um sein Geld, sondern auch um seine Hoffnungen betrogen hatte.

Nur mit Mühe zwang er sich zur Ruhe, preßte die Hände krampfhaft um die Seitenlehnen seines Stuhles und biß die Zähne fest aufeinander, bis er Lamman vertraulich sagen hörte: »Adieu, holde kleine Fee, lassen Sie dies bitte gleich expedieren.«

»Wie nett und lustig dieser Mr. Lamman ist,« sagte das junge Mädchen einen Augenblick später, als sie zu ihm ins Zimmer trat. Als Antwort knurrte er irgendwas, so daß sie ihn besorgt fragte, ob er krank sei. Er verneinte lächelnd und nahm ihr das Telegramm ab.

Diesmal war es nur eine private Mitteilung. Aber nun kamen Lammans Depeschen regelmäßig, immer von ihm persönlich abgegeben. Gewohnheit tut viel. Armitage brauchte sich bald nicht mehr mit aller Kraft zu bezwingen, wenn er die laute Stimme vernahm, obwohl immer noch ein siedender Zorn in ihm aufkochte. Die Depeschen brachten etwas Abwechslung in die monotone Arbeit, denn er machte sich den Spaß, sie mittels des Code zu entziffern, den er von Littledale erhalten hatte.

Eines Morgens kam Lamman in das Bureau, nicht wie sonst sorglos und zu Scherzen aufgelegt, sondern ernst und geschäftsmäßig. Auch schrieb er nicht wie gewöhnlich ein Formular aus, sondern brachte seine Depesche fertig geschrieben mit. »Ich möchte dies sofort abgeschickt haben,« sagte er mit scharfem Ton.

Armitage fiel die unterdrückte Erregung und der leise Triumph in seiner Stimme auf, und er brannte vor Neugier auf den Inhalt dieses Telegrammes.

Er brauchte nicht lange zu warten. »Von ihrem speziellen Freund, Mr. Lamman,« sagte das junge Mädchen, das mit weiblichem Scharfsinn seinen Haß erraten hatte und sich einbildete, er sei der Eifersucht auf ihr hübsches kleines Persönchen entsprungen. »Dringend.«

Hastig griff Armitage nach dem Papier und entzifferte es mit Leichtigkeit. Die Adresse war dieselbe 39 wie auf jenem unvergeßlichen Telegramm »Broadway, New York.«

»Marconis kaufen,« hieß es da, »kaufen, kaufen und weiter kaufen.«

Armitage glättete das Papier, seine Finger berührten schon den Apparat, um die Botschaft abzuschicken, als ihn ein Gedanke blitzartig durchzuckte.

Plötzlich war es ihm klar, warum ihm Littledale gerade diesen Posten übermittelt, warum er ihn in Lammans Code eingeweiht, und warum er ihm das Versprechen abgenommen hatte, seiner Firma den ersten guten Tip zu telegraphieren.

Sofort war auch sein Entschluß gefaßt, dies war der erwartete Tip und sollte sogleich an den Freund gesandt werden. Nicht der leiseste Gewissensbiß quälte ihn, er wollte Abraham Lamman vergelten, was er ihm angetan.

So schnell seine Hände nur arbeiten wollten, tippte er die Geheimbotschaft an Lammans Agenten in New York: »Marconis verkaufen, verkaufen und weiter verkaufen.«

Dann schickte er an Thorntons Sohn Lammans richtige Botschaft, »kaufen, kaufen und weiter kaufen«.

Als er fertig war, riß er das Papier in kleine Stücke und warf sie ins Feuer. Wilder Triumph und die Erregung über das Abenteuer durchglühte seine Adern, als er sich den Weg der beiden Telegramme durch Stadt und Land und die unendlichen Meilen tiefster Finsternis unter dem Ozean ausmalte, die die Geldleute in New York bis zur Tollheit erregen sollten.

Noch während er schrieb, überlegte er, was nun zu tun sei. Er hatte die Schiffe hinter sich verbrannt. Der nächste Tag schon würde Nachfrage, Entdeckung und Überführung bringen. Das Vorgefühl von Lammans grenzenlosem Staunen und seiner namenlosen Wut erregte ihm heiße Freude. Er aber wollte nicht mehr zugegen sein, wenn die Bombe platzte.

Ohne besonderes Nachdenken schienen seine Pläne sich aus seiner Erregung von selbst zu ergeben.

»Jane,« wandte er sich an das junge Mädchen, »würden Sie wohl für mich einspringen? Ich habe eine dringende Verabredung.«

»Mit Vergnügen,« antwortete sie munter. Dann 40 als sie in sein Gesicht blickte, sagte sie: »O, Mr. Littledale, Sie sind doch nicht krank? Sie sehen so blaß aus.«

»Nie im Leben ging es mir besser, Jane.«

»Das sieht man Ihnen nicht an. Sie sehen aus, als brauchten Sie dringend eine Veränderung.«

»Auf die hoffe ich auch, Jane, eine völlige Veränderung. Für jetzt adieu und haben Sie tausend Dank, daß Sie so gut zu mir sind.«

Plötzlich beugte er sich über sie und küßte sie. Überrascht lachend und errötend gab sie ihm eine zärtliche Ohrfeige und sagte ihm, er solle machen, daß er hinaus komme.

An der Ecke nahm er sich einen Hansom und fuhr in seine Wohnung, wo er, immer drei Stufen auf einmal, die Treppe hinaufsprang.

Er verschloß seine Tür, holte das Rasierbesteck hervor und rasierte sich glatt. Dann packte er seine eigenen Sachen in einen Handkoffer und ließ alles, was Thornton gehört hatte, zurück. An seinem leichten Überzieher schlug er den Kragen bis ans Kinn herauf, schleppte seinen Koffer die Treppe hinunter und pfiff nach einer Droschke.

»Nach Euston,« sagte er im Einsteigen und verbarg sein Gesicht so viel wie möglich.

Am Bahnhof gab er dem Kutscher den doppelten Fahrlohn, worauf dieser eilig davon rasselte.

»Wohin, Herr?« fragte der Gepäckträger, der seinen Koffer ergriffen hatte.

»Nirgends. Ich warte auf einen Freund, der vielleicht nicht kommen wird.«

Der Gepäckträger griff grinsend an die Mütze; er konnte sich die Geschichte schon zusammenreimen; der aufgeschlagene Kragen und die Eile, den Kutscher loszuwerden, sagten genug. Damen waren ja manchmal unberechenbar, dachte er bei sich und eilte davon, um weiteres Geld zu verdienen. Als der nächste Zug herein war, rief Armitage einen Hansom, stieg ein und verlor sich in der Menge. Littledale, der Telegraphenbeamte, war verschwunden und hatte keine Spur hinterlassen, dagegen tauchte Armitage aus dem Nichts heraus und fuhr nach dem Ganymedklub.

»Kann ich ein Zimmer haben, John?« fragte er den Portier.

»Ich glaube wohl. Freut mich, daß Sie wieder da sind, Mr. Armitage. Ich will gleich mal nachfragen.«

41 Ja, er hatte Glück, es war gerade ein Zimmer frei. Er freute sich, zu den alten vertrauten Räumen, Gewohnheiten und Gefährten zurückzukehren, wieder er selbst zu sein, wenn auch nur auf kurze Zeit. Er nahm sein Frühstück in dem Grillroom ein, tadellos serviert und vorzüglich zubereitet. Während er noch behaglich bei Käse und Sellerie saß, kam ein jüdisch aussehender Fondsmakler, den er oberflächlich kannte, eilig in den Speisesaal.

»Hallo, Armitage,« rief dieser ihn an, »sind Sie das? Haben Sie Karnigey irgendwo gesehen?«

»Was gibt es denn?«

»Der Teufel ist los, jedenfalls drüben überm großen Teich.« Diese Worte erweckten in Armitage die Erinnerung an die beiden Telegramme, die, wie er vermutete, drüben wohl die Aufregung zustande gebracht hatten.

»Was ist denn los?« fragte er mit schnell erwachtem Interesse.

»Ach, in Wall Street herrscht ein ungeheurer Sturm, von dem wir hier auch die Ausläufer kriegen. Hallo, da ist Karnigey, nun muß ich fort. Im Rauchzimmer erfahren Sie alles Neue, Armitage,« rief er noch im Davoneilen.

Armitage eilte in den im Keller gelegenen Rauchsalon und riß im Vorbeigehen rasch eine Zeitung von einem Tisch. Unten fand er eine aufgeregte Menge, die mit Spannung die neuesten Berichte über den rasenden Kampf der tollgewordenen Finanz, Tausende von Meilen weit entfernt, erwartete.

Aus den Spalten seiner Zeitung und den Reden um ihn herum vermochte sich Armitage die Hauptmomente schnell zusammenzustellen.

Früh am Morgen war ein Blitz herniedergezuckt aus blauem Himmel. In einer ruhigen Zeit und ohne Veranlassung begann ein wahnsinniger Angriff auf Marconis Drahtlose, bei dem die Standard Oil Gesellschaft im Vordergrund stand. Kein noch so sicheres Unternehmen hält solch einem Angriff stand. Die Marconi-Preise fielen rapid und wurden von den Maklern wie in einer Panik weiter und weiter hinuntergetrieben. Auch die Aktionäre wurden von dem allgemeinen Schrecken ergriffen. Plötzlich sprang aber ein einzelner in die Bresche. William G. Thornton trotzte 42 unerschrocken dem ihn umbrandenden Sturm. In einem Atem nahm er ein halbes Dutzend Angebote von der schreienden Menge an. Sein »Gilt, gilt, gilt, gilt!«kam scharf und flink wie aus der Pistole geschossen. Hierauf trat eine kurze Pause ein, dann warfen sich die Standard Oil-Leute auf ihn. Er wich nicht einen Zoll, während ganze Packen Anteilscheine ihm zugeworfen wurden.

Als Armitage das Rauchzimmer betrat, war die Aufregung auf ihrem Höhepunkt; alle umdrängten den kleinen Telegraphenapparat, der unentwegt seine wilden Neuigkeiten abrollte. In diesem Kampfspiel handelte es sich um Millionen. Mit Armitages Eintritt schien der Konflikt in eine neue Phase zu treten. Der ungeheure Angriff der Standard Oil Company, der alles niederzureißen drohte, war aufgehalten. Langsam fingen sie an, sich zurückzuziehen vor des »alten Thorn« unbarmherzigem Druck auf die Preise. Das Telegraphenband zeigte steigende Preise. Wunderbare Gerüchte tauchten auf von neuen Patenten, viel großartiger noch als die früheren, die den Wert der Aktien verdoppelten.

Es kam zu einem plötzlichen Stillstand, und als sich die Baissiers zurückzogen, drängten die Haussespekulanten herbei. Stetig stiegen die Aktien, schneller und schneller, die Verluste des Tages wurden ausgeglichen, Pari erreicht und überschritten, die Preise immer mehr in die Höhe getrieben in rasender Aufregung und ohne Gegendruck. Zum Schluß hatten die Fünfdollaraktien eine Prämie von zehn Dollars erreicht. Es gab nur noch Käufer und keine Verkäufer mehr, als die schreiende, wahnsinnig erregte Menge auf die Straße drängte.

So war die große eintägige Finanzschlacht – die wütendste und grimmigste, die Wall Street je erlebt – ausgefochten und gewonnen, und Vermögen von Millionen waren in ein paar rasenden Stunden verloren oder erworben.

Es kam auch kein Rückschlag. Am nächsten Tag bestätigte sich das Gerücht von einem neuen Patent, welches drahtlose Telegraphie auf jede Entfernung sicherer und leichter machte als die Kabel, so daß die Aktien auf zwanzig Dollars stiegen, wo sie eine feste Notierung erreichten.

Armitage konnte weder essen noch schlafen, ihm 43 schwindelte vor Aufregung und übermäßiger Freude. Er hatte ja den Sturm erregt, der auf zwei Kontinenten die Geldmärkte erschütterte. Er wußte, daß sein Freund gewonnen und sein Feind verloren hatte, aus seiner Hand waren Sieg und Niederlage hervorgegangen. Fiebernd vor Erregung erwartete er Nachricht von drüben und brauchte auch gar nicht sehr lange zu warten. Einer der Pikkolos kam, »Mr. Armitage, Mr. Armitage!« rufend durch die Räume des Klubs, »ja, ja, für Sie, Herr, gerade angekommen.«

Armitage nahm die Depesche aus des Knaben Hand. Sie enthielt nur zwei Worte: »Habe geschrieben.«

Augenscheinlich wollte der junge Thornton sich dem Telegraphenamt, wo die Botschaften gebucht werden, nicht anvertrauen, die Post war sicherer. So mußte er denn warten. Die leise Warnung vor Gefahr, die aus der Kürze der Botschaft sprach, ließ Armitage unbeachtet. Er hatte seine Vorsichtsmaßregeln getroffen, so daß eine Entdeckung ausgeschlossen war. Seine Freude wurde nicht durch den leisesten Gewissensbiß getrübt, er empfand ungeheuchelten Triumph, daß er Lamman mit seinen eigenen Waffen geschlagen hatte, und war bereit, seinen Anteil der Beute mit voller Gemütsruhe entgegenzunehmen.


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