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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel
Verloren und gefunden

Der Plan gelang vollkommen. Armitage brachte nach und nach seine Habseligkeiten in Thorntons Wohnung. Am letzten Abend nahmen die Freunde ein üppiges Abschiedsdiner im Savoyhotel ein, wo Thornton jetzt wohnte. Beide waren in großer Aufregung über das Abenteuer und sprachen bis tief in die Nacht miteinander. Armitage hatte das Gefühl, einen seltsamen Traum zu träumen, von dem er im nächsten Augenblick erwachen würde, aber Thornton spielte seine Rolle mit vollendetem Gleichmut. Am andern Morgen tauschten sie die Kleider. Thornton rasierte sich, nahm herzlichen Abschied von seinem Freund und fuhr fort, um den Zug nach Liverpool zu erreichen. Phil Armitage mit Schnurrbärtchen und kurzem Spitzbart blieb in der Verwandlung als Cyril Littledale zurück.

Armitage wunderte sich im stillen, weshalb der ruhelose Yankee, der gewöhnlich seinen Zug im allerletzten Moment erreichte, sich heute so viel Zeit genommen hatte. Thornton war seinen Fragen ausgewichen und hatte von notwendigen Abschiedsbesuchen gesprochen, und niemals kam Phil eine Ahnung von dem übermütigen Streich, den der unverwüstliche Yankee vorhatte.

Als der Hansom um die Ecke bog, klopfte Thornton mit dem Griff seines Regenschirms gegen die Klappe, und als in dieser ein breites, rotes Gesicht erschien, gab er Aby Lammans Adresse an.

Mit großer Wärme empfing der sehr überraschte 31 Aby seinen lieben Freund, und Armitages zweites Selbst gab ihm nichts nach an Herzlichkeit.

Es stellte sich nun heraus, daß Lamman fast das Herz gebrochen war aus Verzweiflung über des Freundes Verschwinden. »Ich fürchtete schon,« sagte er – »ich will lieber gar nicht sagen, was ich mitunter fürchtete. Nachts konnte ich nicht schlafen aus Sorge um dich. Mich quälte immer der Gedanke, daß ich es doch schließlich war, der dir diese Grube gegraben, wenn auch in bester Absicht, und ich fühle mich verpflichtet, dir herauszuhelfen. Sage mir bitte, ob ich irgend etwas für dich tun kann. Die dumme Sache hat mich ja allerdings selbst recht hart getroffen, aber –«

Der andre schnitt ihm die Rede ab mit der Erklärung, daß er noch am selben Nachmittag nach New York abreisen wolle.

Lamman tat erstaunt und entsetzt; er meinte wieder und wieder, es sei doch zu hart, das alte Leben und die alten Beziehungen so gänzlich aufzugeben; er versuchte ihm den Gedanken auszureden und wurde um so eifriger, je fester entschlossen er den falschen Armitage fand. Schließlich sah er ein, daß es so wohl am besten sei, und bot dem Freunde großmütig ein Darlehen an, das aber dankend abgelehnt wurde.

»Weißt du,« rief er plötzlich liebenswürdig, »ich hätte die größte Lust, die Bude hier zuzumachen und dich nach Liverpool zu begleiten. Und ich tue es wirklich.«

Die beiden reisten zusammen zweiter Klasse, denn die jetzigen Verhältnisse des armen Armitage erlaubten nicht den Luxus der ersten. Sie aßen zusammen, aber Armitage bestand darauf, seinen Anteil zu bezahlen. Lamman ging mit an Bord und schwatzte mit ihm, bis das mächtige Schiff von der Kaimauer losmachte, und nicht einen Moment zweifelte er, daß er dem wahren Armitage Lebewohl gesagt habe.

Thornton führte seine Rolle bis zu Ende durch, winkte ihm, an die Reeling gelehnt, noch Abschiedsgrüße zu und belohnte sich dann im Rauchsalon durch einen guten Trunk für diese Leistung. »Wenn Armitage ebenso gut durchhält, so müssen wir siegen.«

Armitage wurde inzwischen auf dem Telegraphenbureau mit einem Jubel empfangen, der ihn zugleich überraschte und erfreute. Er fand bald heraus, daß 32 er hier ein besonderer Liebling war. Sein Stellvertreter war ein mürrischer, ungeschliffener Mensch, und sowohl der Postmeister als seine Tochter waren hoch erfreut, den immer gut gelaunten Yankee wieder zu haben. Des jungen Mädchens Willkomm schien Armitage sogar, in Anbetracht der fernen Irene, ein wenig reichlich herzlich.

Merkwürdig rasch wird ein neues Leben zur Gewohnheit und läuft dann wie ein Rad im Uhrwerk glatt und gleichmäßig dahin. Nach acht Tagen war Armitage völlig vertraut mit seinen neuen Pflichten, und nach einem Monat war ihm diese Tätigkeit zur zweiten Natur geworden. Seine Arbeit war leicht, sein Zimmer hatte er ganz für sich, und es gab Stunden, wo er, völlig ungestört durch abgesandte oder hereinkommende Telegramme, lesen konnte. Als unabhängiger Mann, als er noch völlig frei über seine Zeit verfügte, hatte er kaum hin und wieder mal eine Stunde Zeit gefunden zu ernster Lektüre. Als Telegraphenbeamter las er durchschnittlich vier bis fünf Stunden am Tag. Anfangs hatte die ungewohnte, gleichmäßige Arbeit, wie ein narkotisches Mittel, die bittere Verzweiflung über seine unglückliche Liebe eingelullt, aber nach einiger Zeit hörte diese Wirkung auf, wie ja auch die betäubenden Mittel durch steten Gebrauch ihre Kraft verlieren, und in ihm erwachten Liebe und Sehnsucht mit schneidendem Schmerz, gerade wie ein Kranker aus tiefem, betäubendem Schlaf zur alten Qual erwacht. Vor Wochen schon hatte er von dem plötzlichen Tode des alten Lee gelesen, mit tiefstem Mitleid für die Tochter, doch ohne Hoffnung für sich selbst. Er widerstand damals der Versuchung, zu ihr zu gehen oder ihr zu schreiben, denn er wollte den Vorwurf ihres Vaters, als Bettler ihre Hand zu begehren, nicht rechtfertigen, fühlte er doch, daß er, sobald er in ihre liebevollen, vorwurfsvollen Augen blickte, schwach werden würde. Aber der Gedanke an die Geliebte quälte ihn von Tag zu Tag mehr, störte ihn in seiner Arbeit, machte ihn ruhelos und raubte ihm den Schlaf.

Ohne Interesse schlug er eines Tages seine Lieblingszeitschrift auf. Mit leisem Erbeben, in das sich die seltsamsten Gefühle mischten, fand er auf dem 33 Titelblatt, wo er noch nie eine Anzeige gesehen, folgende Ankündigung:

Gefunden. »Kleines goldenes Medaillon mit Buchstaben P. A., enthaltend Damenporträt. Gute Belohnung erwartet. Persönliche Anfrage erbeten.«

Sein Medaillon mit ihrem Bild! Diese Anzeige rief ihm den Tag ins Gedächtnis, an dem er es verloren hatte, den Tag, an dem er ihr seine Liebe gestand. Jahre schienen seitdem vergangen. Häufig hatte er das kleine Ding vermißt, und die Hoffnung, es wieder zu erhalten, erfüllte ihn mit großer Freude.

Seit seiner Ankunft hatte er dem jungen Mädchen, das sein amerikanischer Freund so sehr gelobt hatte, das Telegraphieren beigebracht, und sie freute sich stets, wenn sie seinen Platz an dem Apparat einnehmen durfte. Fünf Minuten, nachdem er die Anzeige gefunden, fuhr er in einem Hansom so rasch wie möglich nach Queen Anne Mansions, der in der Anzeige angegebenen Adresse.

Während er unterwegs ist, wollen wir untersuchen, wie die Annonce auf das Titelblatt der Zeitschrift kam, und müssen dazu um vierzehn Tage in unsrer Geschichte zurückgreifen.

Zwei junge Mädchen sitzen in einem reizend ausgestatteten Salon, dessen Hauptfarbe ein prachtvolles, sehr gut zu Gesicht stehendes Rosa ist.

Norma Lee lehnt müde in einem der tiefen Sessel und tut, als ob sie in eine wundervolle Shakespeareausgabe vertieft sei. Das Buch ist bei Romeo und Julia aufgeschlagen; im Theater hatte sie das Stück einmal zu Tränen gerührt, aber die kalten schwarzen Buchstaben vermochten sie nicht zu rühren wie die lebende menschliche Stimme, und allmählich hatte sie Julias Liebeskummer über ihrem eigenen vergessen.

Das andre Mädchen, blond und blauäugig, war in allem der schärfste Gegensatz zu der dunkeläugigen Schönheit. Obwohl älter, sah sie doch jünger aus mit ihrer schlanken, biegsamen Figur, die durch eifrig betriebenen Sport gestählt war. Ein anschließendes Kleid hob die vollkommene Gestalt. Niemand hätte in diesem zierlichen Geschöpf die berühmte Geheimpolizistin Dora Myrl gesucht, deren feiner, scharfer Verstand die geriebensten Verbrecher gemeistert, und 34 deren kaltblütiger Mut den grausigsten Gefahren Trotz geboten hatte. Frisch und fröhlich wie ein Vögelchen an einem sonnigen Frühlingsmorgen, war sie ebenso lebendig und auf dem Posten, wie ihre Freundin mutlos und verzagt. Sie schrieb eifrig mit einer Füllfeder, brauchte aber kein Löschblatt, sondern ließ die Tinte auf dem Papier eintrocknen. In dem Zimmer herrschte Totenstille, bis sie ihre letzte Seite beendet und die beschriebenen Blätter in einen festen Umschlag gesteckt hatte, den sie sorgfältig siegelte, wobei sie ihr Petschaft mit einer Sphinx benutzte. Dann drehte sie sich in ihrem Schreibtischstuhl herum. »Träumst du noch immer, Norma?«

»Wie kannst du mich so etwas fragen, Dora?«

»Also sagen wir, grämst du dich noch immer, wenn dir das besser gefällt?«

»Habe ich dazu nicht genügend Grund? Der plötzliche Tod meines Vaters und –«

»Und was noch?«

»Wie kannst du nur so häßlich sein. Ich stehe nun mutterseelenallein, ist das nicht traurig genug?«

Im nächsten Augenblick saß Dora Myrl auf der Lehne des Sessels. »Rechnest du mich für gar nichts? Laß nur, vergeude deine Küsse nicht an mich, ich bin nicht eifersüchtig und weiß recht gut, daß du von mir so viel hältst, wie du unter den gegebenen Verhältnissen von einem weiblichen Wesen halten kannst. Warum bist du nicht aufrichtig, kleine Heuchlerin? Du trauerst um deinen Vater, aber ebenso sehr um jemand anders.«

»Oh! Dora,« rief Norma, »glaubst du, daß ich ihn jemals wiedersehen werde?«

»Natürlich, wenn du nur willst.«

»Ach, Liebste, ich wußte wohl, daß du mir helfen würdest.«

»Weshalb hast du mich denn nicht um meine Hilfe gebeten?«

»Ich schämte mich ein wenig.«

»Schämen,« rief Dora empört, »ein Mädchen braucht sich ihrer Liebe nie zu schämen, wenn der Mann ihrer würdig ist, und davon ist man doch immer überzeugt, wenn man verliebt ist.«

»Hast du dich je verliebt, Dora?« fragte Norma, überrascht durch die plötzliche Wärme im Ton dieser selbstsicheren kleinen Person.

35 »Niemals, leider! Ich glaube, ich habe kein Herz. Im ganzen habe ich die Männer lieber, als meine Geschlechtsgenossinnen; ich lache und scherze gern mit jungen Leuten und amüsiere mich mit ihnen. Liebe Freunde sagen von mir, daß ich entsetzlich flirte; das tue ich in Wahrheit aber gar nicht, wenn mit Flirten gemeint ist, daß man glauben macht, man sei in einen Mann verliebt. Ich habe kein leichtes Leben, Norma, trotz meinen Erfolgen und freudigen Stunden. Und wenn ich mich recht einsam fühle, dann möchte ich mich wohl verlieben, so wie man es immer in Gedichten und Romanen findet, und zuweilen wohl auch mal im wirklichen Leben – so wie du zum Beispiel, Norma. Ich möchte einen Mann ganz zu eigen haben und – weshalb soll ich es nicht eingestehen – auch Kinder; dann möchte ich gern so echt weiblich sein wie du, Norma. Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich manchmal beneide.«

»Ich bin doch wahrlich nicht zu beneiden, eher zu bemitleiden. Er ist ganz aus meinem Leben geschwunden und vielleicht schon lange tot.«

»Er ist nicht tot,« erwiderte die andre munter mit ihrer alten frischen Lebhaftigkeit, »und er liebt dich, wie du ihn liebst, das ist die Hauptsache.«

»Was nützt das, wenn ich ihn nicht finden kann?«

»O, wir werden ihn schon finden.«

»Aber wie?«

»Du weißt doch, wie man Polizeihunde auf eines Menschen Spur setzt? Man gibt ihnen etwas, was der Betreffende an sich trug. Nun mußt du dir in mir solch einen Polizeihund vorstellen.«

»Du kommst mir viel eher wie ein Schoßhündchen vor.«

»Seien Sie nicht unverschämt, mein Fräulein! Du trägst ein Medaillon um den Hals, das diesem jungen Mann gehörte.«

»Dora, woher weißt du, daß es ihm gehörte?«

»Weil dein Bild darin ist. Mädchen tragen ihr eigenes Bild nicht ohne Grund unter der Taille auf der Brust. Norma, dies Medaillon wollen wir als Lockspeise benutzen; wir wollen es annoncieren.«

»Das nützt nichts, er liest wenig Zeitungen und erst recht keine Annoncen.«

»Wie heißt seine Lieblingszeitschrift?«

»Auch darin sieht er nie die Anzeigen an.«

36 »Na, wir setzen es eben dahin, wo er es sehen muß, auf das Titelblatt.«

»Ist das möglich?«

»Natürlich, Schäfchen. Ich kenne die Leute und glaube, daß sie es wohl für mich tun werden, sonst tun sie es jedenfalls für Geld. Laß mich nur den Köder in die Falle hängen für dein scheues Vögelchen.«

Schon nach einer Woche ging Philip Armitage in die Falle. Er trat in Dora Myrls Salon und wurde von diesem munteren Menschenkind empfangen.

»Ihr Medaillon?« sagte sie auf seine eifrige Frage, »o, ich denke wohl, daß es das Ihrige sein wird. Das Bild ist darin, sagen Sie? Ja, das stimmt! Und ein recht hübsches Mädchen sogar,« setzte sie mit einem schnellen Seitenblick und einem spitzbübischen Lächeln hinzu.

»Diese Frage möchte ich hier nicht erörtern,« wehrte Armitage steif ab. »Wenn Sie die Freundlichkeit haben wollen, mir das Medaillon zurück zu geben, so bin ich gern bereit, eine entsprechende Belohnung zu zahlen.«

»Ich habe das Medaillon nicht gefunden,« erwiderte sie lachend. »Ich verlange keine Belohnung, glaube auch, daß Sie sie der Finderin viel lieber werden zukommen lassen; freilich besteht sie auf voller Bezahlung.«

Armitage vernahm einen zornigen Ausruf hinter sich und sah, als er sich umwandte, ein junges Mädchen aus ihrem Stuhl hinter einem japanischen Wandschirm aufspringen. Norma Lee kam mit ernstem Gesicht auf ihn zu. »Kümmern Sie sich nicht um das übermütige Geschöpf, Mr. Armitage,« rief sie. »Hier ist das Medaillon; ich freue mich, daß Sie es wieder haben möchten.«

»Die Belohnung,« rief Dora, »vergeßt die Belohnung nicht!« und verließ rasch das Zimmer.


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