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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel
Aus den Klauen des Todes

Armitage war wie gelähmt, er konnte und wollte es nicht fassen. An jenem Abend tat er, was er nie vorher getan hatte. Er nahm sich drei Flaschen Champagner mit auf sein Zimmer und trank und trank, bis er einschlief. Er gewann aber nur kurzen Aufschub, denn nach einigen Stunden erwachte er aus schweren Träumen, wunderte sich über das brennende elektrische Licht und darüber, daß er noch angezogen war. Plötzlich aber kam ihm mit einem schneidenden Schmerz das volle Bewußtsein seines Zusammenbruchs. Nun saß er stundenlang und starrte in die trostlose Zukunft. Er hatte nicht nur sein Vermögen verloren, sondern auch das Mädchen, das er liebte. Jetzt war er wirklich ein Bettler und mußte ihr ihr Wort zurückgeben; er wollte ihr gleich schreiben und sie freigeben.

Allmählich fing er an, der Zukunft ernst ins Angesicht zu blicken; vor ihm lag ein völlig verändertes Leben voll Mühe und Arbeit. Bisher hatte er sehr glücklich und behaglich gelebt. Er hatte keine Eltern mehr, war vollkommen sein eigener Herr, und sein Vermögen reichte aus, um seine Launen und Wünsche zu befriedigen. Er war hübsch und stattlich, gesund und beliebt bei alt und jung. So war er dahingetrieben im Strom des Lebens, bis seine Liebe für Norma Lee ihm die erste bittere Stunde bereitete. In den langen Stunden dieser Nacht glaubte er auf alles eher verzichten zu können als auf dieses Mädchen. Sie aber war ihm verloren, sie würde aus seinem Leben ganz und gar verschwinden und vielleicht gar einem andern angehören; das war der tiefste Stachel in seinem Elend.

Ein eiskaltes Bad brachte seine Nerven zur Ruhe, und mit gutem Appetit ging er zum Frühstück hinunter. Man muß ja essen, selbst wenn man ruiniert ist!

Drei Briefe lagen neben seiner Tasse. Er ergriff 20 den kleinsten zuerst. Er war sehr kurz. Gestern noch wäre er glücklich darüber gewesen, heute empfand er beim Lesen einen stechenden Schmerz.

»Lieber Phil. Heute mittag um zwölf werde ich allein zu Hause sein. Deine Dich liebende Norma.

P. S. Vater weiß Bescheid.«

Er durfte es nicht wagen, dieser Verabredung zu folgen. Er wußte, es würde ihn feig machen, denn sie würde ihn jetzt nur noch mehr lieben und willens sein, ihm auch jetzt noch zu folgen.

»Nein,« flüsterte er vor sich hin, »ein solcher Lump bin ich doch nicht. Ich will ihr alles schreiben, und wenn ich von hier fortgehe, hinterlasse ich keine Adresse. Ich muß ganz verschwinden aus ihrem Leben.«

Der zweite Brief war von Lamman, kurz, männlich und aufrichtig wie er selbst.

»Lieber Armitage. Ich kann es mir nicht verzeihen, daß ich an Deinem Unglück schuld bin. Gestern habe ich den ganzen Tag gehofft, daß Du rechtzeitig wenigstens einen Teil der Amalgamated verkauft hättest. Ich könnte mich ohrfeigen, daß ich Dir nicht den Rat gab, mit Deinem Gewinn Dich zurückzuziehen. Aber selbst die Klügsten unter uns sind manchmal Dummköpfe. Mich hat der Schlag auch ziemlich schwer getroffen, aber ich kann es durchhalten. Wenn ich Dir irgendwie helfen kann, wende Dich vertrauensvoll an mich. Immer Dein Freund A. Lamman.«

»Guter Kerl,« dachte Armitage, »wie anständig, mir seine Hilfe anzubieten; er ist aber der letzte, von dem ich etwas annehmen kann. Ich hätte überhaupt gar nicht zu ihm gehen dürfen, mir ist eigentlich ganz recht geschehen.«

Mr. Samsons Mitteilung, die letzte der drei, war kurz und trocken. Beigefügt war eine Abrechnung, von der Armitage absolut nichts verstand, als daß ihm von seinem Vermögen 129 Pfund Sterling, 7 Schilling, 4 Pence übrig blieben.

Dieser Brief ließ ihn nachdenken und berechnen, wie es um ihn stand. Seine Schulden waren nicht der Rede wert, denn er zahlte immer bar. Wenn alles bezahlt sein würde, blieben ihm noch rund zweihundert Pfund. Dadurch wurde ihm wenigstens Zeit gegönnt, sich ordentlich umzusehen. Er hatte Elektrotechnik 21 studiert und sich jeder neuen Erfindung immer wieder mit besonderem Interesse zugewandt. Er konnte einen Telegraphenapparat konstruieren, hatte auf dem Papier eine neue Flugmaschine erfunden, dann wieder interessierte ihn die drahtlose Telegraphie. Damit mußte es ihm doch gelingen, Geld zu verdienen, wenigstens genug für seinen Lebensunterhalt.

Als er die drei Briefe geschrieben hatte, ging er aus, um sich nach Arbeit umzusehen.

Wochen und Monate suchte er vergebens. Er hatte eine billige Wohnung bezogen, lebte sehr einfach, ging allen ehemaligen Bekannten aus dem Wege, und doch glitten ihm seine zweihundert Pfund rasch durch die Finger; er hatte ja niemals sparen gelernt.

Eines Abends wanderte er auf dem breiten Trottoir vor dem Marble Arch auf und ab, eine gute Zigarre im Munde; um sich die leisten zu können, hatte er sich beim Mittagessen mit Milch und Brötchen begnügt.

Seine Gedanken beschäftigten sich, wie jetzt immer, mit der Frage des Broterwerbs, doch beobachtete er nebenbei einen jungen Menschen, der etwas unsicher vor ihm herging und ihm seltsam bekannt vorkam. Der junge Mann war nicht gerade betrunken, doch fiel es ihm entschieden schwer, geradeaus zu gehen. Armitage war gerade neben ihm, als er plötzlich, ohne nach rechts und links zu sehen, den Fahrdamm betrat, um ihn zu überqueren. Ein Automobil kam puffend die Straße herauf, der Chauffeur brauchte seine Huppe wie wild. Der Mann hörte die Huppe wohl, zögerte unschlüssig einen Moment; auf das Trottoir zurückzutreten, wäre das einfachste und natürlichste gewesen, statt dessen schoß er plötzlich dem Automobil in den Weg. Weiter drüben war die Bahn frei, aber ehe er so weit kam, stolperte er und fiel fast vor die Räder des Autos. Der Chauffeur gebrauchte die Bremse, doch war der Wagen zu sehr in Fahrt. Armitage schoß über die Straße, ergriff den zusammengebrochenen Mann beim Kragen und riß ihn fort; er kam beinahe noch zu rechter Zeit und doch nicht ganz. Eines der schleppenden Beine wurde noch von dem Rad erfaßt und gebrochen.

Der rasende Schmerzensschrei klang hell durch die stille Luft und zog eine Menge Menschen von allen Seiten 22 herbei. Das Automobil stand ein paar Schritt weiter, der Besitzer sprang mit leichenblassem Gesicht heraus.

»Ist er tot?« fragte er angstvoll.

»Ich glaube nicht,« antwortete Armitage, der sich tief über den zitternden Körper gebeugt hatte. »Ich glaube, ich fühle sein Herz schlagen.«

»Das stimmt,« mischte sich nun eine dritte Stimme mit dem gedehnten, nasalen Klang der Amerikaner hinein, »diesmal habt Ihr mein Lebenslicht noch nicht ausgepustet, guter Freund. Das Bein ist kaput, das ist alles.«

Mit einem Ächzen richtete sich der Mann ein wenig in die Höhe und sah sich um. Armitage entfuhr ein Ausruf höchsten Erstaunens. Das Gesicht, blaß und schmerzverzogen, war das des Telegraphenbeamten, der eine so große Ähnlichkeit mit ihm selbst hatte.

Auch der Besitzer des Automobils sah die Ähnlichkeit. »Ihr Bruder?« fragte er Armitage, der nur den Kopf schüttelte.

Der Überfahrene lächelte und wollte sprechen, sank dann aber in tiefer Ohnmacht zusammen.

»Schnell, schnell, helfen Sie mir ihn in den Wagen tragen; wir müssen ihn ins Hospital schaffen. Der Wagen fährt schnell und sehr ruhig.« Der alte Herr riß den Schlag auf und half Armitage, den Verunglückten zu betten. »Wollen Sie bitte mitkommen,« sagte er dann. »Recht so, Schutzmann,« rief er nun aus dem Fenster, »machen Sie uns den Weg frei; hier ist meine Karte und meine Nummer. Diesmal sind wir allerdings nicht schuld an dem Unfall. Ich bringe den armen Teufel ins Hospital – Bein gebrochen, glaube ich.«


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