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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel
Hausse und Krach

Zum erstenmal in seinem Leben studierte jetzt Phil Armitage die Börsenberichte. Flüchtig glitt sein Blick über die Spalten der Zeitung – Parlament und Sport – denen sonst sein Interesse gegolten hatte, und haftete an dem Berichte über den Geldmarkt.

In den ersten Tagen blieb Amalgamated Gold ganz ruhig, dann begann ein leises Schwanken auf- und abwärts über die Parilinie und allmählich ging es ruhig und sicher in die Höhe. Ein Achtel, ein Viertel, ein Halb wurde erreicht, und immer weiter stiegen die Aktien. Armitage genügten die Zeitungsberichte nicht mehr, er verfolgte die neuesten Meldungen im Klub. 16 Die fieberhafte Aufregung der Spieler rann auch durch seine Adern. Bald zog die Hausse allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, tolle Gerüchte kamen auf, und bildeten das Tagesgespräch im Klub.

Unser Freund Phil lächelte überlegen, wenn er solche Unterhaltungen mit anhörte, er gehörte ja zu den Eingeweihten, und die törichten Bemerkungen der Außenseiter machten ihm Spaß. Eines Tages traf er Lamman zufällig auf der Straße.

»Na,« sagte dieser, als Armitage ihm warm die Hand drückte, »bist du zufrieden?«

»Werden sie noch weiter steigen?« fragte Armitage.

Lamman lachte sein gutmütiges, dröhnendes Lachen. »Wie kann ich das sagen? Ich bin kein Prophet. Aber wenn du zu den jetzigen Preisen verkaufen willst, so nehme ich deinen kleinen Vorrat, du wirst mir wohl die Vorhand lassen, was? Spielen und jobbern ist nichts für junge Leute, das fällt auf die Nerven.«

»Was tust du denn?« fragte Phil.

»Ich kaufe,« sagte Lamman mit einem ermutigenden Zwinkern und raste davon.

Für den Augenblick war Phil zufrieden und beruhigt; er fühlte aber doch, wie sehr die Sache ihm auf die Nerven ging. Als eines Tages die Fünfdollaranteile auf elf standen, ging er zu seinem Makler.

Mr. Samson empfing ihn mit übergroßer Liebenswürdigkeit.

»Ich gratuliere, Mr. Armitage,« sagte er, »Sie haben eine feine Nase gehabt. Sie verzeihen wohl, daß ich Ihnen abgeraten habe, aber ich ahnte ja nicht, daß Ihnen so etwas liegt.«

Phil Armitage war noch sehr jung. Ihm schmeichelte das Kompliment, als habe er wirklich etwas Wunderbares vollbracht.

»Natürlich, Herr Samson,« erwiderte er mit überlegener Miene. »Ich kam nur herein, um mal zu hören, wie ich stehe.«

»Sehr gern,« antwortete der Makler. »Jenkins,« rief er in das große Bureau, »bitte bringen Sie mir mal Mr. Armitages Konto.«

Er schlug das Buch auf dem Tisch auf. »Lassen Sie uns mal sehen. An dem Tag, als Sie uns die Order gaben, kauften wir zwei Partieen zu –«

17 Armitage unterbrach ihn höflich. »Bemühen Sie sich nicht um die Einzelheiten. Können Sie mir sagen, wie ich jetzt stehe – ich meine, wie viel mir dies Geschäft einbringt, wenn ich jetzt verkaufe?«

»Sie glauben also, daß der Höhepunkt erreicht ist?« fragte Mr. Samson ängstlich und mit lächerlicher Unterwürfigkeit.

Armitage lächelte geheimnisvoll und schüttelte den Kopf. »Das habe ich nicht gesagt. Ich wünschte nur eine ungefähre Auskunft.«

»Verzeihen Sie, wenn ich indiskret war. Einen Augenblick.« Er rechnete eifrig mit seinem goldenen Bleistift auf einem Stück Papier. »Hier haben Sie eine Aufstellung. Wir haben zwanzigtausend Anteile für Ihre Rechnung gekauft. Der Durchschnittsgewinn ist ungefähr sechs Dollar. Wenn Sie jetzt verkaufen wollen, Mr. Armitage, so macht das einen Gewinn von zirka vierundzwanzigtausend Pfund.«

Armitage war sprachlos. In einer Woche vierundzwanzigtausend Pfund und in einem Monat waren es vielleicht hunderttausend. Manche Zeitungen prophezeiten ja ein immer weiteres Steigen. Er fühlte, daß er seinen Freund Lamman um Rat fragen müsse, denn er war ja unerfahren wie ein neugeborenes Kind in solchen Dingen. Und doch schmeckte die Hilfe des großmütigen Freundes ein wenig bitter; sein Egoismus hatte sein Gewissen betäubt, das ihn mahnte, es sei unedel, gerade diesen Mann um Hilfe anzugehen.

»Soll ich für Sie realisieren?« fragte Mr. Samson.

»Nein, Mr. Samson. Ich will noch nicht verkaufen. Amalgamated werden wohl noch weiter hinaufgehen. Sie hören in ein paar Tagen von mir.«

Er wunderte sich selbst über die ruhige Gelassenheit, mit der er sich von dem Makler verabschiedete. Wie getragen durch das große Glück schritt er dahin. Plötzlich aber durchzuckte ihn ein Gedanke. Dieser ganze große Reichtum war Zaubergold, das ebenso rasch zerrann, wie es gewonnen wurde. Schon war er ein paar Schritt rückwärts gegangen, um den Makler mit dem Verkauf zu beauftragen, da winkte er sich einen Wagen heran und gab dem Kutscher Lammans Adresse.

Lamman war augenscheinlich erfreut über seinen Besuch.

18 »Hab' dich halb und halb erwartet. Nun?« Das eine Wort enthielt unendlich viel.

»Ich wäre schon längst gekommen, wenn ich nicht fürchtete, dich zu stören,« sagte Armitage etwas verlegen. »Du bist ein Zauberkünstler. Wie kann ich dir danken?«

»Ist nicht der Rede wert. Ein kleiner Tip kostet mich ja nichts. Ich bin ja selbst beteiligt, und hoffe noch mehr damit zu machen.«

Darauf biß Armitage sofort an. »Du würdest mir also auch raten, noch länger abzuwarten?«

»Nein,« antwortete Lamman gemessen. »Ich gebe dir keinen Rat; die Verantwortung übernehme ich nicht. Du sollst mir keine Vorwürfe machen können, wenn durch irgend einen Zufall die Sache schief geht.«

Armitage lächelte und glaubte zu verstehen.

»Du glaubst nicht, daß die Papiere fallen werden?«

»Natürlich glaube ich das. Das tun sie jedenfalls, ehe sie sicher und fest zu einem hohen Preise liegen; dann hört ja die Spekulation auf.«

Armitage hatte den Rat, den er haben wollte. »Adieu, alter Junge und tausend Dank für den Tip. Ich fühle mich ganz beschämt unter diesen Verhältnissen.«

»Nicht nötig,« war Lammans Antwort, »im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt. Übrigens nimm dich in acht, ich könnte dir ja auch mal einen falschen Tip geben.«

»Wenn mir nichts größere Sorge machte,« lachte Armitage.

Als die Aktien am nächsten Tag etwas fielen, las Armitage den Bericht in der »Times« in voller Gemütsruhe und beglückwünschte sich im stillen zu seinem treuen Freund.

Er beglückwünschte sich erst recht am folgenden Morgen, wo die Aktien bis auf neunzehn getrieben wurden. Wie viele andre nahm auch Armitage sich vor zu verkaufen, sobald die runde Summe erreicht sei. Dieser Augenblick kam aber nie.

Um Mittag kam in den Klub die Nachricht, daß die Preise fielen. Eine Weile schienen sie unausgesetzt auf und ab zu gehen, dann plötzlich fielen sie ins Bodenlose. Tiefer und immer tiefer!

Wilder Tumult und förmliche Panik herrschte in New York und kaum weniger in Throgmorton Street. 19 Menschen wurden zu Bestien, einige erschossen sich, andre wurden wahnsinnig. Die Seifenblase war geplatzt, die Aktien waren nicht das Papier wert, auf dem sie ausgegeben wurden, und Phil Armitage war völlig ruiniert.


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