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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechsundzwanzigstes Kapitel
In Eile

Viele Leute suchen sich einzureden, daß allen Menschen ein gleicher Anteil an Freud und Leid zuerteilt wird. Aber neben den gewöhnlichen Freuden und Sorgen des Lebens, Reichtum und Armut, bleibt doch die Tatsache bestehen, daß die große Mehrzahl ihr Leben verbringt ohne die große Trösterin in allen Kümmernissen, die wahre Liebe. Für diese Benachteiligung gibt es keinen Ausgleich, denn Liebe ist ein Ding für sich. Sie ist die reinste, höchste Schönheit und nur dem Menschen allein gegeben. Leidenschaft ist nicht Liebe, auch nicht die Wollust der Sinne ist es. Liebe ist reiner und tiefer und dem Himmel näher; Glanz und Weite dringt in das Leben, wenn zwei Seelen in vollster Harmonie ineinander fließen.

Phil Armitage und seine holde Braut fanden das Leben, nachdem der lastende Schatten einer drohenden Gefahr geschwunden, viel heller und erfreulicher, und lebten jubelnd nur ihrer Liebe. Norma fand eine neue Bedeutung und neues Entzücken in jeder einfachen Lebensregung. Ihr Entzücken war vermischt mit 156 leiser wonniger Scham und Angst, denn seine Küsse machten ihre Pulse erbeben. In völlig unbewußter reiner Mädchenhaftigkeit, wie eine halberschlossene wilde Blume, frisch an Leib und Seele, wurde sie von der Armen der Liebe umfaßt. Das Geheimnis der gänzlichen Vereinigung erfüllte sie zugleich mit Furcht und Sehnsucht.

Sie war zufrieden, doch er war ungeduldig, erfüllt von dem Wunsche, sie ganz zu besitzen. Er genoß die Freuden der Gegenwart, aber seine Hoffnungen und Gedanken wanderten in die Zukunft, und er bat und umschmeichelte sie, sie solle den Tag bestimmen, der sein Glück vollkommen machen sollte.

Sie aber wehrte sein Drängen mit lächelndem Spiel ab und sagte weder nein noch ja.

In diesen Tagen sahen sie wenig von Dora Myrl. Sie hatte einen interessanten Fall übernommen, wie sie ihnen mitteilte, der ihre ganze Zeit und Aufmerksamkeit erforderte. Paul Beck schien ähnlich in Anspruch genommen. Aber der lebhafte Carl Thornton spielte eine wichtige Rolle in ihrem täglichen Leben, denn er hatte für jede Art Vergnügen den Eifer und die Freude eines jungen Menschen, der nicht verwöhnt war.

»Ich kam in Geschäften herüber,« sagte er, »aber nun bleibe ich noch ein bißchen zum Vergnügen.«

Und er amüsierte sich herrlich. Er gestand, er sei verliebt in Norma und in Dora, und Paul Beck sei der famoseste Mensch, dem er je begegnet. »Er täuschte mich, wie eine Amme ihren kleinen zweijährigen Zögling mit einem Stück Zucker,« sagte er und lachte über sich selbst.

Großen Spaß machten ihm die fortwährenden Verwechslungen, wenn man ihn für Armitage und diesen für ihn selbst hielt, und er ging häufig darauf aus, diesen Irrtum herbeizuführen.

»Macht eure Hochzeitsreise nach den Vereinigten Staaten, Kinder. Da werden wir einen Riesenspaß haben und können zum Beispiel unsre Frauen auf eine Woche vertauschen, ohne daß jemand was davon merkt, ausgenommen wir selbst.«

»Norma behauptet aber, wir seien uns ganz und gar nicht ähnlich«, antwortete Armitage lachend.

»Das wollen wir abwarten. Wann ist denn der große Tag?«

157 »Weiß nicht – ich kann sie nicht dazu bringen, ihn zu bestimmen.«

Thornton schwieg einen Augenblick, als sei ihm plötzlich eine neue Idee gekommen. »Was willst du wetten, daß ich sie dazu bringe?«

»Du?«

»Ja, ich als du. Sie sagt, wir sind uns nicht ähnlich, und ich wette, daß ich sie täuschen kann, wenn du mir freie Bahn gibst. Verabrede dich mit ihr und laß mich hingehen. Wir wollen um einen Brillantring für deine oder meine Liebste wetten, daß ich es ihr abschmeichele.«

»Aber –«

»Du brauchst dich nicht zu beunruhigen. Wenn ich wirklich einen Kuß bekomme, so holst du dir dafür einen von Irene. Gilt die Wette?«

»Meinetwegen, aber –«

»Gut, gut. Wo kann ich sie treffen?«

»Heute abend, wenn du willst, auf einem Ball, zu dem ich zu kommen versprach. Ich kenne die Leute gut genug, um für dich eine Einladung zu erreichen. Die Zeit von elf bis zwölf überlasse ich dir, nicht eine Minute mehr, und wenn du Norma böse machst, bekommst du es mit mir zu tun.«

»Die Zeit ist reichlich kurz bemessen, aber mag es sein. Und du brauchst nicht zu fürchten, daß ich sie böse mache, ich will ihr nur zeigen, wie man lieben soll.«

Die Stimme klang völlig wie Armitages eigene, und auch die Handbewegung war die seine. Einen Augenblick stieg ihm das Blut in den Kopf bei dem Gedanken, daß Norma sich täuschen lassen könne.

Als Norma mit ihrer Tante, strahlend in der Erwartung eines fröhlichen Abends mit Armitage, zu dem Ball erschien, trat ihr oben an der Treppe Thornton entgegen, im Knopfloch die weiße Moosrose, die sie Armitage beim Frühstück gegeben. Die Tante begrüßte ihn arglos als Mr. Armitage, und auch auf Normas lächelndem Antlitz war nicht der leiseste Verdacht zu lesen, als er sie zu dem ersten Walzer aufforderte.

Sie plauderten wie Liebende während des Walzers und Thornton fühlte sich völlig sicher, als er den schüchternen Händedruck verspürte, der einem andern galt.

158 Als sie beim zweiten Tanz, zu dem ein Fremder sie holte, sich lächelnd von ihm trennte, fühlte er sich seines Erfolges sicher.

Den dritten Tanz saßen sie in dem verstecktesten Winkel des Wintergartens. Er spielte Armitage lebenswahr und bat mit unwiderstehlicher Inbrunst.

»Mein Liebling,« flehte er, »ich kann diese Ungewißheit nicht länger ertragen, sag mir den Tag, an dem du dich mir ganz zu eigen geben willst. Flüstere mir ins Ohr, Liebste; die Liebe und Dankbarkeit eines ganzen Lebens soll es dir vergelten.«

Sie schwieg eine ganze Weile; zweimal versuchte sie zu sprechen, brachte es aber nicht fertig. Schließlich flüsterte sie mit unterdrücktem Lachen: »Was würde Irene zu diesem Arrangement sagen, Mr. Thornton?«

Einen Augenblick war er wie auf den Mund geschlagen, dann aber wirkte ihr Lachen ansteckend, und er brach in ein helles Gelächter aus über den Streich, den sie ihm gespielt.

»Ich erkannte Sie sofort,« sagte sie, als sie sich beruhigt hatten, »und die Rosenknospe verriet mir, daß Phil mit dahinter steckt; so faßte ich den Entschluß, euch beiden die Lehre zu geben, nie wieder den Augen einer Frau zu mißtrauen.«

»Ich werde den Ihrigen nie wieder trauen,« sagte er, »vor einigen Minuten blickten sie noch so liebevoll und vertrauend. Armer Armitage,« fügte er leise hinzu.

Sie hatte es doch gehört. »Armer Armitage! Allerdings. Wollen Sie ihm bitte sagen, daß ich ein paar Worte mit ihm zu sprechen hätte.«

Thornton zögerte.

»Gehen Sie,« rief sie gebieterisch, »und sagen Sie ihm, er solle sofort zu mir kommen.«

Thornton suchte den Freund mit dem unbestimmten, unbehaglichen Gefühl, daß er Unheil gestiftet. »Na, Armitage wird es nett ergehen,« dachte er.

Aber sein unterdrücktes »Armer Armitage« hatte das Herz des jungen Mädchens gerührt. Sie wollte ihm zeigen, wie sehr ihr Geliebter zu bedauern sei.

Als er daher eine Stunde später wieder auf den Freund stieß, fand er ihn auf dem Gipfel des Entzückens.

159 »Gratuliere mir, alter Freund. Ich bin der glücklichste aller Sterblichen. Wir heiraten in der ersten Woche des September und machen unsre Hochzeitsreise nach New York.«

In dieser Nacht kreuzten sich zwei Briefe. Von Norma gingen etliche eng beschriebene Blätter an Dora, die eine genaue Beschreibung des Vorfalls auf dem Balle und seiner Folgen enthielten. »Wann kann ich Dich sehen, Liebste?« hieß es in dem Postskriptum, »in einem Brief kann man doch nicht alles sagen, was man auf dem Herzen hat.«

Von Dora kam eine Karte, kurz und liebenswürdig. Sie wolle zu Bekannten auf das Land fahren zu längerem Besuch und werde sich freuen, wenn Norma zum Abschied noch vorher zu ihr kommen könne.

Als Norma am andern Nachmittag zu Dora kam, fand sie die Freundin reisefertig und einen großen Koffer und eine Handtasche fertig gepackt auf dem Korridor.

Als Norma lächelnd und errötend ihr Herz ausschüttete, nahm Dora sie in den Arm und küßte sie mit so seltsamem Ungestüm, wie man es an dieser zurückhaltenden jungen Dame gar nicht gewöhnt war.

»Ich wünsche dir viel Glück, Liebste,« sagte sie, »ich weiß, du wirst glücklich werden.«

»Ach, Dora, ich bin so aufgeregt, seit ich den unvermeidlichen Tag festgesetzt habe.«

»Unsinn, Liebling; wenn du den Mann lieb hast, kannst du ihm auch vertrauen.«

»Und du?« fragte Norma, als erwarte sie auch ein vertrauliches Geständnis.

»O, ich fahre aufs Land zu einem langen Besuch, wie ich dir schon schrieb. Du nimmst doch eine Tasse Tee?«

Sie plauderten vergnügt, während sie ihren Tee tranken. In Normas Augen lag eine leise Enttäuschung, die Dora nicht zu bemerken schien.

»Ich fahre mit dem Nachmittagszug,« sagte sie. »Es ist ein wundervoller alter Landsitz in Kent. Ich war letzte Woche schon einmal dort – ein großes altes Haus mit herrlichem Garten voll Obstbäumen, Rosen und süßduftenden altmodischen Blumen.«

»Die Hauptsache sind doch angenehme Wirte. Kennst du den Besitzer näher?«

160 »O ja!«

»Und hast du ihn gern?«

»Sehr gern. Ich glaube, du würdest meinen Geschmack teilen, Norma.«

»Und wie heißt der Besitzer? Das hast du mir noch nicht gesagt.«

»Paul Beck.«

»Was!« Normas Gesicht zeigte Überraschung und Schreck, und in ihre Augen traten Tränen. Aber Dora sah strahlend glücklich aus; wenn es ihr schweres Leid verursachte, so zeigte sie nichts davon.

»Paul Beck,« stammelte Norma, »ich ahnte nicht, daß er verheiratet ist.«

»Ja, das ist er.«

»Bist du deiner Sache sicher?«

»Ganz sicher,« antwortete Dora munter.

»Ich dachte – ich hatte gehofft,« fing Norma stotternd an. Die Enttäuschung war für die weichherzige kleine Heiratstifterin sehr bitter.

»Hoffentlich amüsierst du dich gut, Dora,« brachte sie endlich heraus.

»Davon bin ich ganz überzeugt,« rief die gänzlich unverständliche Dora.

»Wirst du lange bleiben?«

»Ja, es wird wohl ein ziemlich langer Besuch werden.«

»Du mußt aber jedenfalls bis September zurück sein. Ich will eine große Hochzeit geben und brauche dich natürlich als erste Brautjungfer.«

»Ich fürchte, das ist unmöglich, Liebling.« Ihre Stimme klang sehr sanft; sie faßte nach der Hand der Freundin und drückte sie, während sie durch Tränen lächelte.

Norma sah sie verwirrt an, doch stieg eine Ahnung der Wahrheit in ihr auf.

»Aber weshalb unmöglich, Dora?«

»Weil ich eine verheiratete Frau bin. Wir wurden heute morgen getraut. Paul sagt, er habe einundvierzig Jahre auf mich gewartet, und nun habe er Eile.«

 

Ende

 

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