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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel
In die Falle gegangen

»Glauben Sie bestimmt, daß er heute abend kommt?« fragte Armitage. Sie hatten sich auf Verabredung in seinem Arbeitszimmer versammelt.

Beck sah voller Bewunderung auf Dora. »Natürlich kommt er. Es wurde wohl selten so geschickt eine Falle gestellt. Dem Köder dort,« – er zeigte auf den Geldschrank in der Ecke – »kann er nicht widerstehen.«

»Ja, ich glaube, er kommt bestimmt heute abend,« fügte Dora ernst hinzu. »Wissen Sie, Phil, er will Sie ja nicht stören, so sucht er sich die Zeit aus, wo Sie auf der Gesellschaft Norma ›den Hof machen‹.«

»Dies Glück blüht mir diesmal nicht,« antwortete Armitage. »Thornton begleitet sie. ›Ich mußte geschäftlich unbedingt verreisen‹ und bin noch nicht zurück. Habe ich Ihnen erzählt, daß heute, als ich Norma vorbereitete, ein großer Mann hier war, ein Riesenkerl, sagte das Mädchen. Er kam herein und sagte, er wolle auf mich warten, nannte aber seinen Namen nicht und sagte schließlich, er wolle morgen wiederkommen, es daure ihm zu lange. Vielleicht ist gar nichts daran, ich bin nur argwöhnisch gegen alles und alle.«

»Einer von Lammans Freunden?« riet Dora.

Beck nickte. »Sicher; wollte auskundschaften, wo der Geldschrank steht und wie man am leichtesten dazu gelangt. Das erspart uns viele Mühe. Wir brauchen jetzt nur im Nebenzimmer zu warten. Für diesen Geldschrank braucht ein Einbrecher von Profession höchstens zwanzig Minuten.«

Armitages Arbeitszimmer, in dem die drei sich befanden, lag nach der Straße hinaus und hatte zwei Türen; eine führte in die Halle, die andre in das Speisezimmer, das nach hinten lag. In die Täfelung der Tür zum Speisezimmer hatte Beck zwei Löcher gebohrt, durch die man alles sehen konnte, was in dem Zimmer vorging.

Ein Gong ertönte. »Abendbrot,« sagte Armitage vergnügt. »Wir haben dazu noch reichlich eine Stunde, denn Ihre Freunde werden erst nach zwölf kommen, nicht wahr, Miß Myrl?«

Dora nickte. »Zwischen zwölf und eins, denke ich.«

149 Armitage öffnete die Tür und ließ seine Gäste voran in das Eßzimmer gehen, wo einladend der Tisch gedeckt war. Es herrschte eine fast ausgelassene Stimmung bei dem Mahl, denn die Aufregung belebte die kleine Gesellschaft mehr noch als der Champagner.

»Unser Besuch soll leben,« sagte Armitage und füllte die Gläser, bis der Schaum überlief. »Möge ihnen ein würdiger Empfang bereitet werden.«

Beck goß das ganze Glas bis zur Neige hinunter, als gelte das Wohl einem teuren Freund; aber Dora führte ihr Glas nur an die Lippen um es unberührt wieder niederzusetzen.

»Es sind kräftige und skrupellose Menschen,« sagte sie ernst, »die wohl sicher bewaffnet kommen. Sie werden vor einem Mord nicht zurückschrecken.«

»O, wir werden sie schon davon abhalten,« sagte Beck.

»Aber wenn sie sich als die stärkeren erweisen?« fuhr Dora fort. »Warum nicht lieber sicher gehen?«

»Wir wollen ganz sicher gehen, Kleine. Aber dies muß eine gemütliche Familiensache bleiben, bei der wir keine Fremden brauchen können.«

»Zwei kräftige und gut bewaffnete Männer,« sagte sie hartnäckig.

»Wir geben ihnen gar nicht Zeit, ihre Waffen zu brauchen. Es wird alles vorüber sein, noch ehe es recht begonnen.«

»Aber –«

»Du kannst mir trauen,« flüsterte er, »ich werde acht geben, daß ihm nichts geschieht.«

»Vor allem dir nicht,« flüsterte sie ebenso leise.

Der Glanz in ihren Augen und die feine Röte, die in ihre Wangen stieg, gefielen ihm ausnehmend. »Auch mir; wir sind ja gar nicht in Gefahr, und du kannst ganz beruhigt wegfahren.«

»Wegfahren, ich?«

»Aber natürlich,« warf Armitage ein. »Mein Auto steht vor der Tür und bringt Sie nach Haus.«

Dora sah flehend auf Beck, fand aber keine Nachgiebigkeit in seinem Blick.

»Deine Anwesenheit würde uns bei der Arbeit, die wir zu tun haben, nur verwirren,« sagte er. »Ich will morgen früh, wenn du erlaubst, mit der guten Nachricht bei dir vorsprechen.«

150 Da gab sie nach mit ungewohnter Fügsamkeit.

Das Automobil sauste durch die Straßen, und nach kurzer Zeit hielt der Chauffeur vor Queen Annes Mansions.

»Es ist gut so, John,« sagte Dora, »Sie brauchen nicht zu warten.« Und nach einem zufriedenen »Danke schön« surrte das Auto davon. Sie blieb auf den Treppenstufen stehen, bis das Geräusch des Autos völlig verklungen war, dann ging sie rasch wieder hinunter und rief eine Autodroschke an. »Nach Tite Street, schnell,« rief sie.

An der Ecke der vereinsamten Straße stieg sie aus, gab dem Chauffeur ein gutes Trinkgeld und glitt dann geräuschlos wie ein Schatten auf die Tür zu.

Leise drehte sich der Drücker in dem gutgeölten Schloß, geräuschlos öffnete sich die Tür zum Arbeitszimmer unter ihrer Hand, so lautlos, daß die schärfsten Ohren in London, die nebenan gespannt horchten, nichts vernahmen.

Die Uhr auf dem Kamin schlug zwölf. Armitage zitterte vor Aufregung, da nun die Stunde heranrückte. Seine Stimme sank zum Flüstern herab, er konnte kaum noch ruhig sitzen.

Beck, gelassen wie immer, trank bedächtig und mit voller Würdigung des Jahrgangs seinen Portwein.

Als Armitage sich eine Zigarre anzünden wollte, legte ihm Beck abwehrend die Hand auf den Arm. »Nein,« sagte er, »Sie sind doch ›auswärts auf dem Ball‹ und unser Besuch könnte vielleicht wissen wollen, wessen Zigarren er riecht. Darauf wollen wir es nicht ankommen lassen.«

»Und wie, glauben Sie, werden sie kommen?« flüsterte Armitage mit völlig unnötiger Vorsicht.

»Wie vornehme Leute, durch die Tür. Es ist sehr leicht mit einem Dietrich, das Fenster würde viel mehr Schwierigkeit machen.«

Schon nach drei Minuten bewahrheiteten sich seine Worte. Als sie angestrengt hinauslauschten, hörten sie den leisen Klang von Metall auf Metall an der Haustür.

Beck drehte sofort das elektrische Licht aus, und sie saßen in pechschwarzer Dunkelheit und tiefem Schweigen.

Das Rasseln wiederholte sich zwei- oder dreimal in Absätzen, dann spürten sie einen leichten Luftzug, 151 als die Tür geöffnet wurde. Sie hörten eigentlich nichts, fühlten nur eine Art Bewegung, als die Tür zum Arbeitszimmer geöffnet wurde.

»Jetzt,« raunte Beck und war mit einem Schritt an der Tür, in der die beiden Löcher zu leuchtenden Punkten in der Dunkelheit geworden waren.

Einer der Eindringlinge trug eine kleine elektrische Laterne, die das Zimmer erhellte. Beck kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, daß dieser Mann sich bückte, wie um etwas vom Boden aufzunehmen. Er konnte aber nichts Genaues unterscheiden, bis die beiden mit ihren gelben Lichtstreifen sich auf den Geldschrank am andern Ende des Zimmers zubewegten, denn der Fußboden an der Tür lag nicht im Bereich seines Guckloches. Beck sah, daß die beiden sehr groß waren – einer fast ein Riese; sie trugen beide Masken, doch glaubte er genau unterscheiden zu können, wer sich darunter verbarg.

Das erste Geräusch, das sich hören ließ, war ein unterdrücktes Lachen, halb verächtlich, halb entzückt, und die geflüsterten Worte: »Dies Blechding da nennt man einen Safe; den kann ich ja mit einem Büchsenöffner aufmachen.«

»So tu es doch, du Narr, und red' nicht,« knurrte der andre.

»Schon recht, Herr, beißen Sie mir nur nicht gleich den Kopf ab. Man kann sich doch wohl noch freuen über 'ne leichte Arbeit.«

Der große Mann pflanzte sich rittlings auf einen Stuhl gerade vor den Geldschrank, den er den wachsamen Augen an der Tür völlig verdeckte. Die elektrische Lampe stand am Boden und warf gigantische und groteske Schatten der sich bewegenden Männer an die Decke.

Die Beobachter an der Tür konnten den Fortschritt der Arbeit nur nach dem Geräusch beurteilen. Zuerst hörten sie das leichte Knirschen des Bohrers in dem Metall. Dann folgte das Zischen der blauen Stichflamme eines Lötrohrs, das sie auf die Tür einwirken ließen. Die Arbeit ging unablässig vorwärts mit wütendem, ungeduldigem Nachdruck. Ein paarmal hörte man einen unterdrückten Fluch, wenn einer der Männer seine Finger an dem Bohrer 152 quetschte, oder sich an der Flamme verbrannte, doch die Arbeit wurde keine Sekunde lang unterbrochen.

Nach einer kleinen Weile hörte man wieder das dumpfe Lachen.

»Fertig,« flüsterte Beck draußen in der Dunkelheit, die Hand am Türgriff.

»Da haben Sie die Pastete, Herr!« Die aufgebrochene Tür hing schief herunter und gleich darauf hörte man das Rascheln von Papier.

»Jetzt,« flüsterte der Detektiv.

Armitage war zuerst im Zimmer, Beck blieb ein wenig zurück, um das elektrische Licht anzudrehen. Als Armitage unbekümmert in die Dunkelheit hineinschoß, stieß er an einen Haufen Drähte, die gerade vor der Tür ausgebreitet waren; er stolperte und fiel vornüber, setzte die Drähte aber zu einem Alarmläuten in Bewegung.

Sofort sprangen die Einbrecher auf die Füße, aber Beck hatte sich schon auf Lamman geworfen, bevor dieser imstande war, seinen Revolver zu ziehen. Der Kampf war wild und kurz; Becks Griff war wie die Umklammerung eines großen Bären, er schwenkte den riesigen Feind in die Höhe, doch gelang es diesem, wieder auf die Füße zu kommen; da wechselte Beck den Griff. In demselben Augenblick hörte er einen Schrei hinter sich und sah mit einem Blick über die Schulter, daß Armitage am Boden lag, während der Einbrecher mit einem schweren Totschläger ausholte. Mit seiner ganzen Kraft schleuderte Beck Lamman durch das Zimmer und erfaßte mit einem geschickten Seitensprung den Einbrecher am Handgelenk, gerade als die tödliche Brechstange auf Armitages Haupt niedersausen sollte. Einen Augenblick spannte sich Muskel gegen Muskel, dann erblaßte das Gesicht des Verbrechers vor rasendem Schmerz, und die Brechstange fiel polternd aus den entnervten Fingern zu Boden.

Mit einem zweiten eisernen Griff nach Handgelenk und Ellbogen warf Beck den großen Kerl anscheinend ohne die geringste Anstrengung herum, gab ihm einen Tritt gegen die Beine und schleuderte ihn auf den Rücken.

»Keine Bewegung, Hackett!« sagte er und fühlte in seiner Tasche nach den Handschellen. Hackett lag regungslos.

153 Als Lamman rückwärts durch das Zimmer taumelte, hatte er das Glück, in einem der großen Lederstühle zu landen, wo er einen Augenblick atemlos und wie betäubt und verstört dem Kampfe zusah. Plötzlich aber erkannte er seinen Vorteil und sprang mit einem Satz auf, die Hand am Abzug seines Revolvers.

Becks breiter Rücken war ihm zugekehrt, als er sich über Hackett beugte. Lammans Arm erhob sich, suchte sich zu festigen, und der Finger legte sich fester an den Abzug des Revolvers.

»Nieder oder ich schieße.«

Diese Worte wurden dicht an Lammans Ohr hervorgestoßen, und als er den Kopf wandte, erstarrte er fast vor Schreck, denn er blickte direkt in die schwarze Mündung eines Pistolenlaufs. Dahinter, gerade noch zur Hälfte verdeckt durch die Gardine, stand Dora Myrl unbeweglich wie eine Statue.

»Nieder mit der Pistole oder ich schieße.« Die Worte klangen noch schärfer und bestimmter als vorher.

Nach einem Blick in das blasse, entschlossene Gesicht mit den funkelnden blauen Augen ließ er den Revolver zu Boden fallen und Dora verschwand hinter der Gardine.

Ehe Lamman noch eine Bewegung machen konnte, ging Armitage mit den Fäusten auf ihn los. Beide Männer waren gute Boxer. Lamman empfing den Ansturm mit einem Schlag, der Armitage ein paar Schritt zurücktaumeln ließ; im nächsten Augenblick aber antwortete Armitage mit einem Schlag hinter das Ohr, unter dem Lamman zusammenbrach. Der Kampf war beendet.

Als Lamman nach zehn Minuten wieder zu sich kam, saß er an dem Schreibtisch, die Hände frei, aber die Füße gefesselt. Hackett mit gefesselten Armen und Beinen dehnte sich in einem großen Sessel und rauchte gemütlich seine Pfeife, die für ihn angezündet worden war. Armitage ging ungeduldig im Zimmer auf und ab. Dora Myrl war verschwunden.

Beck stand hinter Lammans Stuhl und legte ein Blatt Papier vor ihn hin mit der höflichen Bitte: »Wollen Sie dies bitte kopieren und unterschreiben.«

Lamman warf einen Blick darauf. »Eher lasse ich mich hängen.«

»Na, gehängt werden Sie wohl nicht,« gab Beck 154 gelassen zurück, »aber es passiert Ihnen etwas reichlich so Unangenehmes, wenn Sie nicht tun, was ich verlange.«

»Sie können mich nicht zwingen, zu unterschreiben, wenn ich nicht will.«

»Ich glaube aber, Sie werden das kleinere Übel wählen, wenn Sie die Folgen Ihrer Weigerung bedenken.«

Lamman las noch einmal. Es war ein kurzes Geständnis, daß er, Lamman, in Gemeinschaft mit dem bekannten Einbrecher Bob Hackett versucht habe, wichtige Papiere zu rauben; daß sie bereits den Safe erbrochen hatten, als sie von Mr. Paul Beck mit Mr. Philip Armitage, in dessen Zimmer der Einbruch stattfand, auf frischer Tat ertappt wurden. Mr. Armitage wolle auf Grund früherer Bekanntschaft auf weitere Verfolgung verzichten, bestehe aber auf diesem Geständnis als Sicherheit.

»Ich wäre toll, wenn ich das unterzeichnete,« schrie Lamman.

»Mir ist es lieb, wenn Sie es nicht tun,« erwiderte Beck, »es war Armitage, und nicht ich, der diesen Gedanken hatte. Ihre Verurteilung wegen Einbruch paßt uns viel besser als ein bloßes Geständnis. Armitage, wollen Sie mich bitte mit Scotland Yard verbinden? Sagen Sie, Paul Beck wünsche den Chef dringend, in wichtiger Angelegenheit, zu sprechen.«

»Halt,« brüllte Lamman, »was wollen Sie tun?«

»Das liegt doch auf der Hand.«

»Niemand wird glauben, daß ich einen Einbruch beging.«

»Die Beweise sind überzeugend.«

»Ich schwöre, daß das Ganze eine Falle für mich war. Und das war es auch, eine ganz verfluchte Falle.«

»Und Ihr Freund Hackett?«

»Er muß sehen, wie er durchkommt.« Lamman hatte seine Stimme zum Flüsterton gedämpft, aber Hackett hatte die Worte doch gehört und brummte: »So dumm bin ich nicht. Das haben Sie schon einmal versucht, Lamman, das gelingt Ihnen nicht wieder. Wenn ich ins Loch komme, sollen Sie mit.«

»Warum verlangen Sie von mir, Beck, daß ich dieses Papier unterschreibe?«

»O, ich verlange es absolut nicht, das steht völlig in Ihrem Belieben; nur müssen Sie rasch wählen.«

155 »Welche Sicherheit habe ich, daß dies Blatt, wenn ich es unterzeichne, nicht gegen mich gebraucht wird?«

»Keine, aber Sie wissen ja, was geschieht, wenn Sie nicht unterschreiben.«

»Dann werde ich also unterschreiben.«

»Natürlich.«

Lamman schrieb hastig und setzte seinen Namen darunter. Beck las es durch und sagte dann: »Jetzt können Sie gehen.«

Gefolgt von Hackett schlich Lamman, machtlose Flüche vor sich hinbrummend, hinaus in die Nacht.

Beck übergab Armitage das Schreiben. »Lassen Sie sich lieber einen neuen Safe machen, dieser ist zu schwach für Zähne wie Lamman sie hat. Jetzt können Sie ihn auf Kandare reiten, wenn er übermütig wird. Aber vergessen Sie nicht, daß Sie alles Miß Myrl verdanken, denn sie hat diese kleine Abendgesellschaft für Lamman arrangiert, und ohne sie hätte er uns die Rechnung mit ein paar Pistolenkugeln bezahlt.«


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