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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierundzwanzigstes Kapitel
Weibes Wille

»Wieder geschlagen, Beck?« fragte Lamman höhnisch. »Die kleine Dora ist Ihnen doch über. Nehmen Sie einen Whisky und Soda, um sich zu trösten.«

141 Beck lehnte Lammans gastfreies Anerbieten ab. »Im Gegenteil,« sagte er kurz, »diesmal war ich erfolgreich.«

»Wahrhaftig?« schrie Lamman frohlockend. »Ich fing schon fast an, zu verzweifeln. Die kleine Dora Myrl ist ein Satan. Haben Sie sie wirklich bezwungen und die Beweise in Händen, die Sie brauchen? So, daß wir unsern Freund hinter Schloß und Riegel setzen können?

»Ja, ich habe Papiere, die vollkommen ausreichen, um ihn zu überführen auch ohne Thorntons Aussage; und außerdem ist Thornton hier in einem Privathotel und erwartet meine Anordnungen.«

Lamman sprang erregt auf. »Sie sind ein Genie, Beck, ganz gewiß!« Er lief im Kontor auf und ab und stieß die Stühle aus dem Wege. Als er zum zweitenmal an Beck vorbeikam, schlug er ihm auf die Schulter und bot ihm wie beglückwünschend herzlich die Hand. Beck aber, der gerade in seinem Notizbuch nach etwas suchte, sah die dargebotene Hand nicht.

»Aber wie zum Teufel haben Sie das fertig gebracht?« forschte Lamman.

»Das Glück war mir hold. Ich wußte, daß für Armitage jemand dem Dampfer bis Queenstown entgegenreisen würde, und erriet, daß Miß Myrl dieser Jemand sein würde. Sie war so brillant als altes amerikanisches Dämchen verkleidet, daß ich sie eine ganze Stunde lang auf dem Holyhead-Dampfer nicht erkannte. Dann hatte ich leichtes Spiel. Als ich mich als Parlamentsmitglied Donnelly an sie herangemacht hatte, war mir aufgefallen, daß sie besonders achtsam mit einem kleinen Täschchen umging, in dem sie, wie ich mir dachte, ihre Beglaubigungspapiere trug. Ich kaufte in Dublin ein sehr ähnliches Täschchen, ließ die Buchstaben P. P. ebenfalls darauf befestigen und brachte es im Zug nach Queenstown fertig, die beiden Taschen zu vertauschen. Dann schickte ich Miß Myrls Kutscher mit ihr nach Cork und holte Thornton mit ihren Papieren von Bord; das ist die ganze Geschichte.«

Lamman lachte laut und unbändig. »Nie im Leben habe ich etwas so Smartes gehört,« schrie er. »Die kleine Hexe Dora wird wohl vor Wut rasen. Sind Sie überzeugt, daß die Beweise jetzt genügen?«

»Miß Myrl sprach von Papieren, die sie sicher 142 in Armitages Geldschrank bewahrte, als sie dort die Rolle des Zimmermädchens spielte. Erstens eine Photographie mit Namenszug und außerdem eine Reihe Briefe an sie selbst und andre aus der Zeit vor und nach seiner Verwandlung, von denen Armitage glaubt, sie seien längst vernichtet.«

»Man soll nur auf Frauen bauen,« sagte Lamman höhnisch.

»Diese Papiere würden uns sehr nützen, wenn wir sie erlangen könnten; aber das ist unmöglich. Die Briefe allein würden genügen, um ihn zu überführen. Aber meine Beweise werden wohl auch hinreichen.«

»Je eher wir ans Werk gehen um so besser,« rief Lamman. »Er müßte sofort festgenommen werden, um unvorhergesehenen Zufällen vorzubeugen.«

»Einen Augenblick,« sagte Beck, »ich möchte erst noch ein paar Fragen an Sie richten.«

»Natürlich, natürlich. Ich stehe mit Vergnügen zu Diensten, wenn ich der Sache nützen kann.«

»Welchen Rat gaben Sie dem jungen Armitage, als er Sie als Ihr Freund um Auskunft bat in der Amalgamated Gold-Spekulation?«

Hätte Beck ihm plötzlich einen mächtigen Boxschlag in die Magengegend versetzt, Lamman hätte nicht konsternierter sein können.

Er sank kraftlos in seinem Stuhl zusammen, die Augen traten förmlich aus ihren Höhlen, und seine rote Gesichtsfarbe verwandelte sich in ein krankhaftes Gelb.

»Was in aller Welt hat das mit unserm Fall zu tun?« stieß er mühsam hervor.

»Weiter nichts,« sagte Beck sanft, »als daß Sie den jungen Mann, der Ihnen völlig vertraute, um sein ganzes Vermögen betrogen haben, und als er Gleiches mit Gleichem vergalt, suchten Sie ihn ins Zuchthaus zu bringen, um ihm dann seine Braut zu nehmen.«

»Ein ganz verfluchtes Lügengewebe,« brüllte Lamman. »Aber selbst wenn jedes Wort wahr wäre, was geht das Sie an? Tun Sie Ihre Arbeit und nehmen Sie dann Ihr Geld dafür.«

»Was es mich angeht? Zum Teufel mit Ihnen, Sie verfluchter Halunke!« Einen Augenblick riß der Zorn Beck fort. »Wie können Sie es wagen, mich – 143 Paul Beck – als Werkzeug Ihrer schmutzigen Geschäfte brauchen zu wollen.«

»Wollen Sie mehr Geld haben?« höhnte Lamman, »ist es darum?«

»Ich brauche Ihr Geld nicht,« sagte Beck mit völlig wiedergewonnener, gefährlicher Ruhe. »Ich kam heute nur hierher, um mir das Vergnügen zu machen, Ihnen einmal zu sagen, was ich von Ihnen denke.«

»Denken Sie etwa, ich lasse den jungen Windhund entwischen, weil Sie niederträchtig genug sind, die Sache über den Haufen zu werfen?«

»Ich werfe sie nicht über den Haufen, ich gehe nur ins feindliche Lager über.«

»Dann war wohl auch alles, was Sie von den Papieren sagten, erlogen?«

»Nein, wahr! Sie sind sämtlich hier in dieser Brieftasche.« Er streckte die Hand mit der Brieftasche in Lammans erreichbare Nähe. Sollte das ein Köder sein? Jedenfalls wirkte es wie ein solcher.

Mit der linken Hand suchte Lamman ihm die Brieftasche zu entreißen, während er mit der rechten Faust Beck nach dem Gesicht schlug. »Ich will die Papiere haben, und wenn ich Sie darum ermorden müßte,« schrie er.

Aber Becks linker Arm fing den Schlag auf, während die rechte Faust Lammans Kinn mit einem so dumpfen Stoß traf, daß es klang wie der Hufschlag eines Pferdes, wodurch Lamman durch das ganze Zimmer geschleudert wurde und in einem der großen Sessel haltlos zusammenbrach.

Beck atmete tief auf. »Das hat wohl getan,« sagte er, nahm seinen Hut und verließ ruhig das Zimmer.

Einige Stunden später saß Lamman, immer noch leicht verstört von seiner Unterhaltung mit Beck, in seinem geräumigen Wohnzimmer in Park Lane und blätterte in den Zeitungen. Auf der Börse war nicht viel los und die Kopfschmerzen machten ihn auch unfähig zur Arbeit.

»Eine Dame wünscht Sie zu sprechen,« sagte der Hausmeister und brachte ihm auf silbernem Tablett eine Karte.

»Dora Myrl,« las Lamman plötzlich ermuntert. »Lassen Sie sie eintreten, Podgers.«

Selten hatte Dora so verführerisch ausgesehen. Wie ein Sonnenstrahl glitt sie in ihrem eleganten 144 hellen Kleide in das große Zimmer. Ein Meisterwerk von Hut aus zarten Spitzen und entzückenden Rosenknospen stand vorzüglich zu ihren rosigen Wangen und leuchtend blauen Augen, und ihre wundervolle Gestalt wurde durch das tadellos sitzende Kleid wirksam gehoben.

Lamman sah sie mit offener, vielleicht etwas zu offener Bewunderung an. »Das ist wirklich ein besonderes Vergnügen,« rief er.

»Ich komme nicht zum Vergnügen, sondern aus geschäftlichen Gründen,« gab Dora zurück. »Sie haben Herrn Beck heute gesehen.«

»Vor ungefähr zwei Stunden. Verdammter – verzeihen Sie, Miß Myrl.«

»O, vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren, wenn Sie fluchen wollen. Ich bin in ähnlicher Stimmung. Er hat Ihnen aufgesagt und ist ins feindliche Lager übergegangen.«

»Woher wissen Sie das?«

»Woher ich das weiß?«wiederholte sie spöttisch. »Weil er selbst es mir gesagt hat und weil die andern auch für meine Dienste gedankt haben.« Ihr Zorn schien sie plötzlich zu übermannen und erregt fuhr sie fort: »Ja, mich haben sie verabschiedet nach allem, was ich für sie getan habe, nur weil er mich einmal überlistete und mir die Papiere stahl. Ich werde entlassen wie ein Dienstbote.«

»Aber warum wurde Beck zum Verräter?« fragte Lamman, zu sehr mit sich beschäftigt, um auf ihren Kummer einzugehen. »Ich hatte ihm ein großes Honorar versprochen, und er war nahe daran, seinen Lohn einziehen zu können.«

»Norma Lees Puppengesicht ist schuld,« erwiderte Dora verächtlich. »Ihr seid ja alle in sie verliebt – Herr Beck, Sie selbst und – Mr. Armitage.«

Sie zögerte ein wenig vor dem letzten Namen. Lamman war schlau und kannte die Frauen gut; ihm fiel dies sofort auf. »Eifersüchtig,« dachte er bei sich. »Ist es möglich, daß sie auf Norma eifersüchtig ist?«

»Bitte, streichen Sie mich von der Liste,« sagte er nachlässig. »Ich habe gehört, daß diese junge Dame mit dem interessanten jungen Mann verlobt ist.«

»Wenn das wahr ist, so hätte er es mir früher sagen können,« fuhr Dora in solcher Erregung auf, daß Lammans Argwohn zur Gewißheit wurde.

145 Sie bezwang sich rasch wieder. »Glauben Sie ja nicht, daß ich mir so viel daraus mache,« sie schnippte mit den Fingern, »mit wem er sich verlobt oder verheiratet, aber ich verlange, daß man mich mit gebührender Höflichkeit behandelt.«

Lamman lächelte innerlich, während er äußerlich vollkommenen Ernst bewahrte. »Was für Närrinnen macht doch die Liebe selbst aus den klügsten Frauen,« dachte er.

»Morgen ist Ball bei ihrer Tante,« fuhr Dora fort, »und ich bin nicht geladen. Noch vor einer Woche wußten sie nicht, wie sie mir genug Liebes erweisen konnten.«

»Wird Armitage dort sein?«

»Welche Frage! Natürlich wird er dort sein und den ganzen Abend mit Miß Lee im Wintergarten vertändeln.«

Nun sah Lamman seinen Weg. Er erriet, warum Dora zu ihm gekommen war, und war entschlossen, ihr alles zu erleichtern.

»Miß Myrl,« begann er – »ich wage es nicht, ›Dora‹ zu sagen, so gern ich es auch täte – Beck hat sich auf die andre Seite geschlagen, und Sie hat man verabschiedet, sehen Sie irgendeinen Grund, weshalb Sie nicht zu mir herüber kommen sollten? Sie werden mich nicht undankbar finden. Es ist doch noch möglich, daß wir Armitage und den andern einen gehörigen Denkzettel geben.«

»Das könnten wir sicher.«

»Tun Sie es,« rief er ungestüm, »und nennen Sie selbst Ihren Preis. – Dora,« fuhr er fort, »ich weiß, ich habe mich Ihnen gegenüber, als wir uns zuletzt sahen, sehr schlecht benommen. Ihre Schönheit hatte mich rasend gemacht, das muß als Entschuldigung gelten. Ich bin bereit, alles wieder gut zu machen. Bringen Sie es fertig, daß Armitage die Strafe zuteil wird, die er so reichlich verdient hat, dann, beim Himmel, heirate ich Sie vom Fleck weg.«

Sie sah ihn neugierig an und trat einen Schritt zurück. Augenscheinlich war es ihm Ernst mit dem, was er sagte, und er erwartete keine Weigerung.

»Sie erweisen mir zu viel Ehre,« sagte sie nach einer Weile.

»Ehre hin, Ehre her – mein Einkommen beträgt fünfzigtausend Pfund jährlich; davon können Sie die Hälfte verbrauchen.«

146 »Aber wie ist dieser Reichtum erworben!«

»Darauf brauchen wir nicht näher einzugehen. Sie sind ein vernünftiges Mädchen und kennen den Lauf der Welt. Soll's gelten?«

»Wenn ich darauf eingehen wollte, was für Sicherheit bieten Sie mir?«

»Mein heiliges Ehrenwort.«

Sie sah ihn mit ihren blauen Augen so spöttisch lächelnd an, daß er mitlachen mußte – wenn auch etwas verlegen.

»Was für eine Sicherheit verlangen Sie«, fragte er, »was soll ich tun?«

»Wenn Sie mir einen Brief schrieben mit beglaubigter Unterschrift, in dem Sie alle Punkte nennen, dann könnte ich mir die Sache überlegen; es eilt ja nicht.«

»Ich will alles niederschreiben, was Sie wollen, und wann Sie wollen.«

»Ich werde wieder zu Ihnen kommen, wenn ich mich entschlossen habe.«

»Wann wird das sein!«

»In einigen Tagen – vielleicht.«

Lamman fühlte seine Hoffnung schwinden. Es war klar, sie konnte sich auch jetzt noch nicht entschließen, den leichtsinnigen Armitage aufzugeben.

»Bitte gehen Sie noch nicht. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?«

»Nein, danke sehr.«

»Aber bleiben Sie noch ein bißchen in dem großen Stuhl sitzen; es ist ein Genuß, Sie anzusehen, und alle Leute sind ja nicht so blind wie Armitage. Sind Sie sicher, daß Sie in der Sache erfolgreich sein werden, wenn Sie wollen?«

»Ganz sicher. Hat Beck Ihnen von einem Bild mit Unterschrift erzählt?«

»Das Sie vor ihm verbargen?«

»Richtig; und von Armitages Tagebuch als Littledale?«

»Nein, von dem Tagebuch hat er mir nichts gesagt.« Lamman zitterte vor Erregung.

»Sie glauben, daß sowohl die Photographie wie das Tagebuch vernichtet sind?«

»Und das sind sie wohl auch, vermute ich.«

147 »Bitte, vermuten Sie gerade das Gegenteil; sie befinden sich sicher in einem Geldschrank, zu dem ich allein die Schlüssel habe. Nein, nein, mein lieber Mr. Lamman, bleiben Sie ruhig sitzen. Ich trage die Schlüssel nicht mit mir herum; außerdem erinnern Sie sich wohl . . .«

Lamman lachte hellauf. »Dachten Sie, ich wollte sie Ihnen entreißen? Nach der Lektion, die Sie mir das letzte Mal erteilten. Sie sagen, die Papiere sind in einem Geldschrank, aber wo ist dieser Geldschrank?«

Jetzt lachte Dora gerade heraus. »O himmlische Unschuld. Haben Sie die Vorfälle bei unsrer geschäftlichen Bekanntschaft vergessen, Mr. Lamman? Ich nicht. Geldschränke sind, wie ich nur zu gut weiß, nicht absolut sicher, wo Sie und Ihre Freunde in Frage kommen.«

Er fuhr zusammen, als ob ihm plötzlich ein ganz neuer Gedanke in den Sinn käme. Die scharfen Augen, die sein Gesicht beobachteten, sahen einen neuen Plan rasch entstehen. Er antwortete aber leichthin: »Sie haben wirklich eine zu schlechte Meinung von mir, Miß Dora. Kann ich Sie denn nie überzeugen, daß Ihre Idee auf Einbildung beruht?«

In seinem Ton lag die Bejahung, während seine Worte verneinten.

»Behalten Sie nur Ihr Geheimnis, bis wir handelseinig sind. Ich will weder Ihr Geheimnis noch Ihre Papiere stehlen.«

Er sagte ihr nicht, daß er bereits von Beck wußte, wo sich der Geldschrank befand. Vielleicht vergaß er es.

»Wann werde ich Sie wiedersehen?« fragte er.

»In einigen Tagen nach dem Ball.«

»Wann ist der Ball?« Die Frage kam ganz beiläufig.

»Morgen Abend.«

»Na, vielleicht erhalten Sie im letzten Augenblick noch eine Einladung,« sagte er mit herausforderndem Lächeln. »Wenn nicht, darf ich dann hoffen, Sie am darauffolgenden Tag zu sehen?«

»Vielleicht. Aber nun leben Sie wohl. Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich zu sagen hatte.«

»Leben Sie wohl und aufrichtigen Dank.«

»Vorläufig noch unnötig. Sie können mir danken, wenn wir uns wiedersehen, wenn Sie dann dazu aufgelegt sind.« 148


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