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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreiundzwanzigstes Kapitel
Waffenstillstand

Dora fuhr mit einem leisen Schreckensschrei empor und starrte den Eindringling an.

Becks Herz klopfte, als er ihr blasses, bekümmertes Gesicht und ihre nassen Augen sah. Er fand sie in dieser Traurigkeit beinahe noch lieblicher als sonst. Wohl eine Minute lang standen sie sich wortlos gegenüber.

Das Mädchen fand zuerst die Sprache wieder. Ihre Stimme klang rauh und gepreßt, da sie tapfer die Tränen zurückzudrängen suchte. »Sie kommen also auch noch zu mir, um sich Ihres Triumphes zu freuen? Das ist nicht sehr edel. Ja, Sie haben gesiegt, ich gebe es zu. Zum Schluß haben Sie gesiegt. So, und nun gehen Sie und nehmen das da mit.« Sie wies auf die Smaragdbrosche, die auf dem weißen Tischtuch funkelte.

Wohl nie sah ein Sieger weniger siegesbewußt aus als der arme Beck. »Ich kam nur,« sagte er, »weil ich fühlte, daß ich Sie sehen und Ihnen sagen mußte, wie traurig ich bin.«

»Daß Sie gewannen?«

»Daß Sie verloren.«

Seine Sanftmut brachte sie noch mehr in Harnisch. »Sie haben mich belogen,« rief sie, »betrogen und bestohlen, und nachdem Sie auf solche Art triumphiert haben, kommen Sie und tun, als sei es Ihnen leid! Und das wagen Sie mir zu sagen!«

»Ist das gerecht, Miß Myrl?«

Ihr Herz sagte, daß sie nicht gerecht sei, doch ihr Antlitz verriet nichts davon.

»Es war ein ehrlicher Kampf zwischen uns,« sagte er, »ich hatte Glück und trug den Sieg davon.«

»Aber mit welchen Mitteln haben Sie gesiegt.«

»Mit denselben, mit denen Sie zu gewinnen suchten. Wir kämpften mit gleichen Waffen. Verzeihen Sie die Frage, Miß Myrl, haben Sie mir immer die Wahrheit gesagt? Wären Ihnen Skrupel gekommen, wenn Sie mir Papiere, die Ihnen nützen konnten, hätten entwenden können? Ich sah einmal zwei Hexenmeister sich zu einem Spiel Karten zusammensetzen,« er mußte über den Vergleich lächeln, »und hörte, wie der eine fragte: ›Wollen wir ehrlich spielen oder so gut, wie wir es können?‹ 137 ›So gut, wie wir es können‹, war die Antwort. Glauben Sie, daß der Verlierende nachher dem andern den Vorwurf des Falschspielens machen durfte?«

Seine gute Laune besiegte sie endlich. Sie entsann sich, wie fröhlichen Mutes er seine Niederlagen aufgenommen hatte.

»Verzeihen Sie mir,« flüsterte sie, »ich war ungerecht, aber ich bin so sehr unglücklich.«

Sie sank wieder auf ihren Stuhl, barg ihr Gesicht in den Händen und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Beck konnte nie eine Frau weinen sehen. Seine Freunde hoben das lobend hervor, seine Feinde erzählten es mit Verachtung. Am wenigsten aber konnte er die Tränen dieses Mädchens ertragen. Er trat zu ihr heran, neigte sich über sie und legte die Hand scheu und zögernd auf ihre Schulter.

»Dora,« flüsterte er, »weshalb quälen Sie sich so um diese elende Geschichte. Sie haben ein Spiel verloren, dafür gewinnen Sie das nächste. So geht es uns andern doch auch.«

Sie sah auf, zornig blitzten die blauen Augen durch die Tränen.

»Denken Sie vielleicht, es sei verletzte Eitelkeit, was mich schmerzt und weinen macht – halten Sie mich wirklich für so kleinlich? Ach, das ist es wahrlich nicht. Aber meine Ungeschicklichkeit hat meine liebste Freundin, die mir ganz vertraute, unglücklich gemacht. Ihr wird das Herz brechen, wenn er bestraft wird.«

»Er hat es aber doch verdient.«

»Er hat es nicht verdient. Wie können Sie wagen, so etwas zu sagen. Er ist ehrlich, großmütig, wahr und aufrichtig. Ist das in Ihren Augen ein Verbrechen?«

»Er änderte Aby Lammans Telegramm.«

»Gewiß tat er das und mit vollem Recht. Sie brauchen nicht solch ein Gesicht zu machen. Aby Lamman betrog ihn um hunderttausend, betrog ihn in ganz gemeiner Weise. Er nahm sich nur sein eigenes Geld zurück. Setzen Sie sich, ich will Ihnen alles erzählen; ich wollte, ich hätte es längst getan.«

Geduldig hörte Beck zu. »Sind Sie ganz sicher, daß alles sich so verhält?« fragte er, nachdem sie geendet.

»Ganz sicher. Ich kenne Lamman nur zu gut. Er ist schlecht und hat seine Millionen durch gestohlene 138 Geheimnisse erlangt. Wenn er irgendwo ein neues Patent oder eine Verbesserung wittert, dann stiehlt er sie. Eine ganze Diebsbande steht in seinem Dienst. Ich hatte einen Fall, wo er einen alten Diener bestochen hatte, daß er ihm einen Plan von der neuen Erfindung seines Herrn ausliefern sollte. Der Mann gestand alles, aber Lamman war zu schlau, den konnten wir nicht fassen. In einem andern Fall, einem Einbruch, verwendete er einen Einbrecher von Profession mit Namen Hackett. Damals hoffte ich ihn zu fassen, aber die Leute schlugen die Sache nieder, sie waren ebenfalls bestochen worden.

»Als ich Lamman dann später wieder traf,« fuhr sie erregt fort, »lachte er mich aus, und obwohl er genau wußte, was ich von ihm dachte, wagte er es, mich mit seiner Liebe zu belästigen, der schreckliche Mensch. Wir waren beide auf dem Lande in demselben Hause zu Besuch und begegneten uns eines Tages zufällig im Park. Wenn ich schreckhaft wäre, so weiß ich wahrlich nicht, was mir da hätte passieren können. Das bin ich aber nicht. Ich trage immer einen Revolver bei mir, und er wußte, daß ich schießen kann und es auch gewiß tun würde, so –«

Sie brach plötzlich ab und warf einen Blick auf Beck. Seine Lippen waren fest aufeinander gepreßt, und seine rechte Hand, die auf dem Tisch ruhte, hatte sich zur Faust geballt.

»Glauben Sie mir?« flüsterte Dora leise, im stillen erfreut über seinen Zorn.

»Ja, ich glaube Ihnen,« stieß er zwischen den Zähnen hervor. »Der Halunke, ich wollte, ich wäre damals in der Nähe gewesen.«

»Ach, das wünschte ich auch,« rief sie, »dann hätten Sie den Menschen erkannt, und all dies wäre nicht geschehen. Ich wünschte, ich hätte Ihnen alles erzählt, als es noch Zeit war, damals als wir unser Plauderstündchen hatten. Erinnern Sie sich noch des netten Frühstücks?« – Als ob er das jemals vergessen könnte! »Aber ich fürchtete mich, ich kannte Sie damals noch nicht, wie ich Sie jetzt kenne, und außerdem bildete ich mir ein, Sie besiegen zu können. Nun ist es zu spät.«

»Es ist noch nicht zu spät.«

Die Stimme und die Worte ließen sie in plötzlich erwachter Hoffnung erzittern; erregt sprang sie auf.

139 »Ist das Ihr Ernst?« Angstvoll starrte sie ihn mit großen Augen an.

»Natürlich ist es mein Ernst. Noch ist nichts geschehen. Lamman konnte ich nie leiden, und das freut mich jetzt. Er weiß nicht, was geschehen ist. Miß Myrl, ich denke wie Sie in diesem Fall und mache mir nichts aus dem Gesetz, wenn ich das Gesetz für ungerecht halte. Ich habe es schon mehr als einmal gebrochen und den Opfern zur Flucht verholfen; das gedenke ich auch jetzt zu tun. Wollen Sie mir nun die Hand geben? Wir gehören zur gleichen Partei.«

Glückselig legte sie ihre Hand in die seine. Er drückte sie fest und empfand den leichten herzlichen Gegendruck mit Wonne.

»Ich bin so froh, ach, so froh; Sie ahnen gar nicht, wie froh ich bin. Ich wag' es noch gar nicht zu glauben, es scheint fast zu herrlich, um wahr sein zu können.«

»Darum machen Sie sich nur keine Gedanken. Das Gute ist ebenso wahr wie das Böse. Aber wir haben noch Arbeit vor uns, und ich brauche Ihre Hilfe. Wir sind doch jetzt gute Kameraden, nicht wahr?«

Diese Kameradschaft schien sehr belebend auf ihn zu wirken.

»Können Sie morgen mit nach London zurückkommen?« fragte er.

»Mit dem nächsten Zuge, wenn Sie wünschen.«

»Nein, morgen ist früh genug. Cork ist es schon wert, daß man es sich ein wenig ansieht. Ich habe Thornton nach Mackays Hotel geschickt, wo er sich ruhig verhalten soll, bis er wieder von mir hört. Nun wird ihn Armitage aufsuchen und nicht Lamman.«

»Wie kann ich Ihnen jemals danken, Mr. Beck? Vor fünf Minuten noch war ich das unglücklichste Geschöpf der Welt, und jetzt bin ich das glücklichste. Wenn ich Ihnen das nur irgendwie vergelten könnte.«

»Das können Sie,« sagte Beck ruhig, »tausendfach sogar.«

Ihre Augen begegneten einander und sie schlug die ihren nieder und errötete.

»Sind das nicht reichlich hohe Zinsen?« fragte sie leise. »Ich fürchte, Mr. Beck, Sie sind im Grunde doch ein recht habgieriger Gläubiger.«

Ein Grübchen erschien auf der rosigen Wange, und 140 in dem Blick, den sie ihm zuwarf, lag eine lachende Herausforderung. Aber schnell wechselte sie das gefährliche Thema. »Wie glücklich werden Norma und Phil sein; sie sind ja so rasend verliebt ineinander und möchten so gern heiraten. Sie hätte es wohl gewagt, aber er wollte nicht, solange die Gefahr noch nicht vorüber war. Er wolle sie nicht an einen Sträfling fesseln, sagte er mir. Das fand ich prächtig von ihm; verliebte Männer warten sonst gewöhnlich nicht gern.«

»Sehr ungern sogar,« fügte Beck entschieden hinzu. »Aber es kann noch eine weitere Verzögerung geben. Lamman gibt die Sache nicht auf. Wenn ich ihm die Geschichte vor die Füße werfe und ihm dazu meine Meinung sage, so wird ihn das nur zu schärferer Hetze anspornen. Er weiß genug, um gefährlich zu sein. Armitage ist noch nicht außer Gefahr.«

»Wollen Sie Lamman mir überlassen?« fragte Dora lächelnd. »Ich habe einen Plan, wie wir ihn abschütteln können. Sie haben mich von meinem Dünkel kuriert, aber mit Lamman nehme ich es wohl noch auf. Wollen Sie meinen Plan hören?«

»Wenn ich darf. Wollen Sie mit mir auf den Fluß hinauskommen und ihn mir dort erzählen?«

Sie tat, als zögerte sie ein bißchen. »Kann ich Ihnen auch trauen? Sie waren als Mr. Donnelly sehr gefährlich und sind vielleicht als Herr Beck noch gefährlicher. Merken Sie sich's, wenn ich mit Ihnen gehe, so ist es nur zu einem ernsten Gespräch.«

»Ich war nie im Leben ernster gestimmt,« sagte Beck.

Sie sah ihn mit schelmischem Argwohn in die Augen. »Ich will nur meinen Plan entwickeln.«

»Ich auch – ich will nur meinen Plan entwickeln.«

Als Dora an diesem sonnigen Tage zu der Ruderfahrt auf dem Flusse Lea aufbrach, trug sie eine Smaragdbrosche, und als sie heimkehrte, auch einen Ring mit Smaragden und Brillanten auf dem dritten Finger ihrer linken Hand.


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