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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einundzwanzigstes Kapitel
Überlistet

Rasch sauste der leichte Wagen eine Straße von Queenstown hinunter, dann eine andre hinauf, darauf ging es erst nach rechts, dann nach links, eine kleine 122 Vorstadt flog vorbei, und nach kaum zehn Minuten waren sie auf dem Lande.

Mit Windeseile ging es die gute Chaussee entlang, die sich in dem klaren Mondschein endlos vor ihnen dehnte.

Dora klammerte sich fest an den dahinsausenden Wagen. Einen Augenblick meinte sie, der Mann habe sie falsch verstanden, deshalb zupfte sie ihn mit der freien Hand am Ärmel. Er wandte ihr sein gutmütiges Gesicht zu, und sie suchte mit dem Namen des Hotels den Lärm der Räder und der Pferdehufe zu übertönen.

Er grinste, nickte und feuerte seinen Gaul mit einem erneuten Peitschenhieb zu geradezu wahnsinniger Eile an. Sie flogen nur so dahin.

Dora war verblüfft und wütend. Was bedeutete das? Raub, am Ende gar Mord! Sie hatte grauenhafte Geschichten von der Wildheit der Irländer gehört und ihre Hand erfaßte den kleinen Revolver, den sie immer bei sich trug. Aber das Gesicht des Kutschers war weder das eines Räubers noch das eines Mörders. Sein gutmütiges Grinsen und das Zwinkern seiner hellblauen Augen deutete eher auf innerliches Behagen, wie man es etwa bei einem wohlgelungenen, übermütigen Streich empfindet.

Sie waren wohl reichlich sechs Kilometer gefahren, als der Kutscher sein Pferd in langsameren Gang versetzte und sich mit einschmeichelndem Lächeln an seinen Fahrgast wandte.

»Sie wünschten mich zu sprechen, Fräulein?«

»Wohin fahren Sie mich?«

»Nach Cork.«

»Das ist aber ein Irrtum, ich wollte ja nur nach Queenstown.«

»Soo? Ja, das ist dann woll 'n großer Irrtum, aber ganz allein Ihrer, Fräulein, denn nun geht's nach Cork, der schönen Stadt. Und eine schöne Nacht haben Sie für die Fahrt, dem Himmel sei Dank.«

Da tauchte ein plötzlicher Verdacht in ihr auf. Das war Paul Becks Werk, er hatte sie also doch erkannt und schickte sie auf diese tolle Irrfahrt. Die Antwort auf ihre nächste Frage wußte sie, noch ehe sie die Frage gestellt.

»Und warum fahren Sie mich nach Cork, wenn ich in Queenstown bleiben will?«

»Weil Mr. Donnelly es mir so aufgetragen hat.«

123 Da war es heraus, sie war in die Falle gegangen. Sie war so wütend, daß sie den Kopf verlor und schrie: »Der Mann ist gar nicht Donnelly, sondern ein Betrüger.«

»Wenn Sie mir einreden könnten, daß ich nicht Mike Tracy, sondern mein eigener Zwillingsbruder bin, dann würde ich Ihnen auch das glauben. Ich kenne Mr. Donnelly und kann ihn wohl von 'nem hergelaufenen Kerl unterscheiden.«

»Ich zahle Ihnen das Doppelte, was er Ihnen gab, wenn Sie mich sofort nach Queenstown zurückbringen. Ich weiß nicht, was er Ihnen gegeben oder versprochen hat, aber von mir erhalten Sie auf der Stelle zwanzig Pfund.«

Mike zuckte nur die Achseln. »Meinen Sie denn, daß es mir nur um das schmutzige Geld zu tun ist? Nicht einen Heller hat mir Mr. Donnelly gegeben oder versprochen, und ich würde auch keinen Heller von ihm annehmen.«

»Mike,« flehte sie nun, »bitte bringen Sie mich zurück. Ich bin fremd hier im Land, aber ich habe stets gehört, daß die Irländer gut sind zu Frauen und Kindern. Ich muß morgen früh in Queenstown sein.« Sie wischte ihre Brillengläser ab und sah mit bittenden Augen zu ihm auf.

»Warum müssen Sie?« fragte er mürrisch, »antworten Sie mir. Nur um den amerikanischen Dampfer bei seiner Ankunft zu erreichen?«

»Ja, ja.«

»Sind Sie ein Detektiv?« Sie zögerte einen Augenblick; das genügte dem gewitzten Irländer. »Keine Antwort ist auch 'ne Antwort. Sie sind morgen früh besser in Cork aufgehoben.«

»Aber warum?«

»Ich schwatze nicht aus der Schule. Aber schließlich kann es ja nun nichts mehr schaden, wenn ich die Wahrheit sage. ›Mike‹, sagte Mr. Donnelly vorhin am Bahnhof, ›eine Dame kommt von Dublin, um morgen früh den Dampfer hier abzuwarten. Sie ist ein Detektiv,‹ sagte er, ›und auf dem Dampfer kommt ein junger Mensch herüber, für den hat sie keinen schönen Willkommengruß. Verstehst du?‹

›Versteh',‹ sag ich, ›dann ist sie besser in Cork aufgehoben als in Queenstown, Euer Gnaden.‹ Dazu nickte er 124 und lachte. »Und darum kommen Sie nach Cork, so flink der beste Gaul weit und breit Sie dahin bringen kann.«

Wieder knallte er mit der Peitsche, und sie flogen dahin. In rascher Fahrt ging es durch eine liebliche Landschaft im klaren Mondschein. Riesige Bäume warfen ihre schwarzen Schatten über den Weg. In der Ferne tauchte eine Bergkette auf, die sich scharf gegen den mondhellen Himmel abhob.

Dora besaß ein gutes und sicheres Urteil über andre Menschen und fühlte instinktiv, daß bei diesem breitsprechenden Irländer weder Bitten, Flehen noch Bestechung fruchten würde.

»Darum kommen Sie nach Cork.« Diese Worte waren unerschütterlich wie das Schicksal, deshalb gab sie sich keine weitere Mühe.

Der Kutscher war eine mitteilsame Natur, und Schweigen war ihm eine Qual; daher begann er wieder ein Gespräch.

»Wenn ich meine Meinung sagen darf,« fing er an, »so find' ich das ein merkwürdiges Geschäft für 'ne Dame wie Sie. Sogar ein Mann schämt sich doch manchmal. Was hat Ihnen denn der arme Junge aus Amerika getan, daß sie ihn durchaus einsperren wollen?«

»Aber ich will ihn ja gar nicht einsperren; ich will überhaupt keinen Menschen einsperren; ich möchte im Gegenteil einen Mann vor dem Gefängnis bewahren, wenn Sie mir nur glauben wollten.«

»Ja, sehen Sie, meine Gnädige,« unterbrach er sie»›ich will ja gern höflich und ehrlich mit Ihnen sprechen und möchte jedes Wort glauben können, das aus Ihrem Mund kommt, aber zuerst muß ich doch wohl Mr. Donnelly glauben, unserm Abgeordneten, den ich von Kindesbeinen an kenne. Wenn er mir nun so sagt, und Sie sagen gerade das Gegenteil, was soll der Mensch da glauben?«

»Glauben Sie Ihrem Freund, ob mit Recht oder Unrecht,« rief Dora, denn sie sah ein, daß der Fall hoffnungslos für sie war.

»Aber Sie sind doch ein Detektiv?« beharrte er.

»Meinetwegen,« sagte Dora freundlich. Sie sagte nie, wenn es sich irgend umgehen ließ, eine Lüge und hielt auch in ihrem Beruf sich stets an die Wahrheit, wenn sie nicht durch das Gegenteil etwas zu erreichen hoffte.

125 »Na, und darum kann man wohl keinen Stein auf Sie werfen,« sagte er nachdenklich, »Sie sind nun mal dazu erzogen und wissen es nicht besser.«

Dora lächelte, und als er ihr dann ein kleines rundes Loch an der Seite des Wagens zeigte, das von einem Schuß herrührte, den ein Betrunkener einmal auf einen Herrn abgefeuert hatte, den er auch so bei Nacht nach Cork gefahren hatte, fragte sie: »Trinken Sie gar nichts? Sonst finden Sie eine Flasche in dem Korb da an Ihrer Seite.«

In komischer Überraschung starrte er sie an. »Donnerwetter, das laß ich mir gefallen! Detektiv oder nicht, – Sie gefallen mir wirklich. Sie sind, weiß Gott, viel zu gut zu mir, das hab' ich gar nicht um Sie verdient.« Er fand die Flasche und goß den Kognak glucksend in den silbernen Becher. »Wenn Sie mir zutrinken wollten,« sagte er mit drollig altmodischer Höflichkeit, »dann schmeckt es mir nochmal so gut.«

Die Komik dieser ganzen Situation amüsierte Dora; entführt und gegen ihren Willen durch dieses fremde Land gefahren, sollte sie nun in aller Freundschaft ihrem Entführer zutrinken. Sie berührte den Becher mit den Lippen und gab ihn lächelnd zurück.

»Auf Ihr Wohl!« rief er herzlich und goß den ganzen Becher voll auf einen Zug hinunter.

Doras Lebensmut hob sich allmählich wieder. Alles war noch nicht verloren. Wenn sie noch rechtzeitig nach Cork kam, um den Schnellzug zu erreichen, so konnte sie mit Thornton nach Dublin fahren. Außerdem war ihre Beglaubigung ja sicher. Unwillkürlich faßte sie wieder nach ihrer kostbaren Handtasche. Becks List würde ihm nichts nützen, denn Thornton war gewarnt. Selbst wenn sie ihn jetzt verfehlte, würde er sich im Klub mit Armitage in Verbindung setzen, oder Armitage würde ihn im Savoy aufsuchen und dann war alles gut. Es lag in ihrem Charakter, stets die rosige Seite herauszufinden, und diese Fahrt durch die mondhelle Nacht und dazu das einfältig, treuherzige Geplauder des Kutschers waren von eigenartigem Reiz.

Jetzt sauste das kleine Gefährt nicht mehr auf der Landstraße dahin. Das Pferdchen hatte schon lange die Peitsche nicht mehr gefühlt und war in einen langsamen Trab gefallen, bergauf ging es völlig mit Schneckenpost.

126 Dora fürchtete die Schlauheit des Mannes und wagte nicht, ihn zu größerer Eile anzutreiben, damit er ihr Vorhaben nicht errate und hintertreibe.

Langsam kroch graue Dämmerung über das Land und fand die beiden noch immer auf dem Weg. Der Mond erblaßte und verschwand, und hinter den Bergspitzen erschien der strahlende Rand der Sonne, alles ringsumher mit goldenem Schimmer überflutend. – Unter sich im Tal sah Dora die zusammengedrängten Häuser und Türme der Stadt Cork, umrahmt von dem breiten Strom Lea. Gerade als sie darauf niederblickte, stieg an dem einen Ende der Stadt ein weißes Wölkchen auf, dem rasch ein zweites und drittes folgte, bis ein langer weißer Dampfstreifen sich von den dahinter liegenden Bergen abhob.

»Da geht der Schnellzug nach Dublin,« rief der Kutscher und wies mit der Peitsche hinab. Mit schmunzelndem Grinsen sagte er: »Mr. Donnelly hat gesagt, die Dame ist früh genug in Cork, wenn der Schnellzug weg ist. Es tut mir leid, daß ich Sie so lange aufgehalten habe, aber nun sollen Sie auch da sein, ehe Sie sich's versehen.«

Er lockerte die Zügel, berührte leicht mit der Peitsche seinen Gaul, der sich wieder mit der früheren Geschwindigkeit in Bewegung setzte. Zuerst flogen sie an einzelnen Häusern vorbei, dann rasselten sie durch die Straßen der Vorstadt, bis in die Mitte der Stadt.

»Turners Hotel wird wohl das beste für Sie sein,« meinte der Kutscher, »es ist ruhig und angenehm für eine Dame, wenn auch das Imperial eleganter ist.«

»Wie Sie wollen,« sagte Dora lachend; es war unmöglich, dem Manne lange böse zu sein.

Mit dummem Gesicht sah er auf das Goldstück, das Dora in seine breite Hand gelegt hatte, bevor sie ihrem Gepäck in das Hotel folgte.

»Das kann ich nicht nehmen, Gnädigste,« sagte er und berührte die goldene Münze fast ängstlich mit dem dicken Zeigefinger, als könne er sich daran verbrennen. »Ich kann das wirklich nicht nehmen. Mr. Donnelly wollte mich bezahlen, aber von ihm wollte ich auch nichts nehmen, ich wollte gern für die gute Sache auch was tun.«

»Ich habe die lange Fahrt gemacht,« sagte Dora 127 lachend, »und es ist nur gerecht, daß ich dafür bezahle; darunter leidet die gute Sache nicht.«

»Sie sind wirklich ein Engel an Güte,« sagte er, als er die große Faust über dem Geldstück zusammenschloß. »Alle andern würden wild und toll vor Wut sein über den Streich, der ihnen gespielt wurde. Aber wer weiß, vielleicht wird das schließlich die Glücksfahrt in Ihrem Leben.«

Gesund an Körper und Geist, wie Dora war, verschlief sie in ein paar Stunden die große Ermüdung und Enttäuschung der letzten Nacht und kam nach einem kalten Bad strahlend und frisch zum Frühstück. Sie war bei der Ankunft mit dem langen Mantel und herabgelassenen Schleier gleich auf ihr Zimmer gegangen; dort aber hatte sie Penelope Putman in den Handkoffer gesteckt, um als Dora Myrl wieder zum Vorschein zu kommen. Es war doch schön, wieder sie selbst zu sein.

Sie war beinahe guter Laune, als sie mit gesundem Hunger an dem reichgedeckten Frühstückstisch saß und sich eine Tasse starken Tee einschenkte. Neben ihr lag das kostbare Täschchen, der Talisman gegen jede Verzweiflung. Vergnügt schlug sie ein gesprenkeltes Truthühnerei auf und strich sich ihr geröstetes Brot dick mit der berühmten Butter von Cork.

Sie hatte ihr Frühstück fast verzehrt, als in ihr plötzlich der Wunsch aufstieg, die Briefe und Papiere zu durchblättern.

Zu ihrem Erstaunen paßte der Schlüssel nicht, er war entschieden zu dick für das Schlüsselloch; das war ganz unbegreiflich, und in höchster Bestürzung betrachtete Dora Tasche und Schlüssel. Es war unzweifelhaft der richtige Schlüssel; sie hatte gar keinen ähnlichen an ihrem Ring; und auch die Tasche war die richtige, eine kleine braune Ledertasche, auf der in Goldbronze die Buchstaben P. P. prangten. Es war gar kein Irrtum möglich. Immer wieder versuchte sie den Schlüssel, der doch auf den ersten Blick viel zu groß erschien. Ein eisiger Schauer rann ihr über den Rücken bei dem erwachenden Zweifel an der Echtheit ihrer Tasche.

Mit einer zusammengebogenen Haarnadel vermochten ihre geschickten Finger das einfache Schloß leicht zu öffnen.

Ein Schrei entrang sich ihren Lippen, als sie ein paar 128 zusammengefaltete Stücke Zeitungspapier hervorzog. Darunter verborgen lag ein Lederetui. Sie ließ es sofort aufschnappen und fand eine zierliche Smaragdbrosche, ein Kleeblatt mit goldenem Stiel. Auf einem Papierstreifen stand in einer nur zu wohlbekannten Schrift: »Miß Dora Myrl mit ergebenster Empfehlung von Paul Beck.«

Mit einem Schlage wurde ihr sein Hohn und ihr Elend klar. Sie war nicht nur überlistet und genarrt, nein, auch ihre Freunde waren ruiniert. Paul Beck besaß die Papiere und jetzt auch den Zeugen. Keine Hoffnung mehr – Armitage kam ins Zuchthaus und Norma würde das Herz brechen.

Der tiefe Schmerz dieser bitteren Enttäuschung war zu viel für die sonst nicht eben weichherzige Dora. Sie ließ den Kopf auf die Hände sinken und weinte bitterlich.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie aufschrecken. »Ein Herr wünscht Sie zu sprechen, Fräulein,« sagte der Kellner, »Herr Paul Beck.«


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