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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwanzigstes Kapitel
Ein Zusammentreffen

Ein etwas geziertes, sehr adrett gekleidetes altes Dämchen mit falschem Vorderhaar nahm sich eine Fahrkarte erster Klasse von Euston nach Queenstown, und übergab dem Gepäckträger ihren Handkoffer mit vielen Ermahnungen.

»Ich nehme ihn mit ins Coupé,« sagte sie mit einem leis nasalen Ton, »auf der Bahn geht immer irgend etwas verloren. Erster, bitte! So, danke schön,« und mit spitzen Fingern legte sie ein Sixpencestück 116 in die breite Hand. Das alte Jüngferchen war anscheinend das Reisen gewöhnt. Fast eine halbe Stunde war sie zu früh gekommen, machte es sich mit Kissen und Decken in ihrer Ecke recht gemütlich, nahm aus einer kleinen Tasche, die mit dem Handkoffer ihr ganzes Gepäck bildete, ein Buch und richtete sich auf ein behagliches Lesestündchen ein.

Die Verkleidung war vorzüglich. Dora hatte sie sowohl an Norma wie an Armitage ausprobiert, die beide nicht die leiseste Ahnung hatten, wer hinter dem alten Dämchen steckte, das mit einer amerikanischen Sammelliste zu ihnen kam. Und doch fühlte die sich nicht ganz sicher. Nie zuvor hatte sie solche Mühe auf eine Verkleidung verwendet, war auch nie so zufrieden mit dem Resultat gewesen, und doch fürchtete sie noch ein scharfes Augenpaar.

Der Bahnsteig begann sich zu füllen. Obwohl sie ganz vertieft in ihr Buch schien, entging den scharfen Augen hinter den Brillengläsern keiner der Vorübergehenden. Viele bekannte Menschen sah sie. Der Staatssekretär von Irland ging den Bahnsteig entlang mit seinem Privatsekretär und nickte dem Parlamentsmitglied Mr. Donnelly, einem sehr bekannten und beliebten Abgeordneten aus dem Süden Irlands, freundlich zu. Außerdem verschiedene bekannte Sportsleute; zu ihrem stillen Vergnügen sah Dora auch einen Taschendieb, einen Meister in seinem Fach, den sie einmal kennen gelernt, langsam den Bahnsteig entlang schlendern. Sie vermutete ihn auf dem Weg zu einem der großen irischen Rennen und bedauerte, daß sie diesmal darauf verzichten mußte, ihn näher kennen zu lernen.

Dora hatte nur drei Damen als Reisegefährtinnen in ihrem Coupé und überließ sich aufatmend ihrer interessanten Lektüre, denn sie fühlte sich sicher, da Paul Beck nicht ihr Reisegefährte war. Es war schon etwas wert, daß man ihr nicht von Anfang an folgte; das bewies, daß der listige Beck diesmal ihren Feldzugsplan nicht vorausgesehen hatte.

Sie war einen Tag zu früh abgereist, um nicht durch irgendwelche Zufälligkeiten aufgehalten zu werden. Sie beabsichtigte, sich den Tag in Dublin auszuruhen und abends nach Queenstown zu fahren, wo am nächsten Vormittag die »Celtic« fällig war.

Dora liebte eine schnelle Eisenbahnfahrt und 117 machte nie ein Hehl daraus, daß ihr ein Coupé erster Klasse bequemer und weit angenehmer war, als das modernste Automobil – kein Staub und eigentlich doch ohne Gefahr. Ein Automobil sei sehr gut, wenn man Eile habe und es keinen Zug gäbe, aber zum Vergnügen . . . . Niemals ließ man sie den Satz beenden, denn die Geringschätzung in ihrem Ton klang zu herausfordernd.

Wie bei einer echten Amerikanerin – wenn Dora eine Rolle spielte, so arbeitete sie sie aus bis in die feinsten Einzelheiten – war Doras Frühstückskorb vorzüglich ausgerüstet. Nachdem sie ihre Candys mit den andern Damen geteilt, machte sie Tee auf einer entzückenden kleinen Maschine, die sie in einer Ecke ihres Frühstückskorbes bequem zur Hand hatte und taute dadurch die britische Steifheit so völlig auf, daß sie von einer Dame eine herzliche Einladung, sie in London zu besuchen, erhielt und von einer andern, die in Chester ausstieg, hörte, wie sie ihrem Gatten von der Liebenswürdigkeit der Amerikanerinnen vorschwärmte, sobald man nur der richtigen Klasse begegne.

Auch an Bord des Dampfers erprobte sie ihre gute Verkleidung und ihre Rolle. Sie wäre fast mit dem irischen Abgeordneten, Mr. Donnelly, dem sie einmal vorgestellt war, zusammengeprallt. Er erkannte sie natürlich nicht, entschuldigte sich aber gutmütig wegen seiner Ungeschicklichkeit und holte ihr höflich einen Deckstuhl an ihren Platz an der Reeling. Er pflanzte sich neben ihr auf und begann eine Unterhaltung. Es war klar, auch er hielt sie für eine Amerikanerin. Er war zweimal drüben gewesen und sprach mit beredter Zunge in seinem weichen irischen Dialekt über die Menschen und Einrichtungen dieses wunderbaren Landes, wandte sich aber häufig an ihr besseres Urteil und war ebenso geneigt, zuzuhören, wie selbst zu sprechen. Nach einer Weile gelang es ihr, ihn auf sein eigenes Land zu bringen, und nun hatte sie ihre helle Freude an seinen mit boshaftem Humor vorgetragenen Schilderungen. Sie war ganz entzückt von seinen irischen Anekdoten und freute sich, als er ihr erzählte, daß er sich auch auf der Reise nach Queenstown befinde, wo er vor seinen Wählern sprechen wolle, und daß sie am folgenden Abend mit dem gleichen Zuge fahren würden.

In Dublin gefiel es Dora sehr gut. Ihr Zimmer 118 im Hotel sah auf einen weiten, prachtvoll angelegten Garten, wo die blauen Spitzen der Dubliner Berge über die fernen Häuser herübergrüßten. Überall die größte Freundlichkeit und Gefälligkeit bei den Angestellten sowie bei den andern Hotelgästen; es war ein sehr angenehmer Gegensatz zu der kühlen Höflichkeit in den besten Hotels auf der andern Seite des Wassers. Den Tag verbrachte sie damit, die Sehenswürdigkeiten in Dublin in Augenschein zu nehmen, fuhr mit der Bahn hinaus nach den berühmten Phönixgärten, kletterte auf die Nelsonsäule hinauf, von wo sie über all den Dächern, Schornsteinen und Kirchtürmen einen wundervollen Ausblick hatte. Dublin ist eine Stadt mit vielen Kirchen, und sie konnte von ihrem Standpunkt noch einen Streifen der silberschimmernden Bucht erkennen. Dann besuchte sie die beiden alten Kathedralen.

Sehr erfreut war sie, als sie ihren neuen Freund, Mr. Donnelly, auf dem Bahnsteig traf, und er ihr seine Gesellschaft für die lange, langweilige Nachtreise anbot.

Sie hatten ein Coupé für sich allein dank der Beliebtheit des bekannten Abgeordneten, den Gepäckträger wie Schaffner mit respektvoller Vertraulichkeit behandelten. Dora fand in ihm den angenehmsten Menschen, der ihr je begegnet – mit einer einzigen Ausnahme – und diese Ausnahme war der Mann, dem sie am wenigsten zu begegnen wünschte. Ihr neuerwachtes Interesse an Irland erhöhte seinen Eifer, ihr von seinem Ländchen zu erzählen. Er liebte entschieden seine Heimat und seine Landsleute sehr. So manches Geschichtchen aus der guten alten, wie aus der Jetztzeit hatte er zu erzählen, und sie lauschte gern seinem weichen melodischen, südlichen Dialekt.

Höchst angenehm floß die Zeit dahin. Dora braute eine duftende Tasse Tee mit ihrem famosen amerikanischen Apparat, und die beiden genossen das einfache Mahl und plauderten wie alte Freunde – amerikanisch und irisch. Nach einer Weile bemerkten die scharfen Augen des Mädchens, daß der Mann anfing, schläfrig zu werden, und mit amerikanischem Freimut sagte sie es ihm auf den Kopf zu.

Und ebenso ehrlich gab er diese leichte Schwäche zu. »Gestern abend habe ich mit Bekannten noch 119 ziemlich lange Karten gespielt,« gestand er, »ich konnte nicht gut aufhören, da ich andauernd gewonnen hatte und sie ihre Revanche forderten. Ein Nickerchen von zwanzig Minuten, wenn Sie nichts dagegen haben, und ich bin wie neugeboren.«

Sie hatte nichts dagegen; sie bestand sogar darauf, ihm ihr Luftkissen zu leihen, und zeigte ihm, wie man es am bequemsten hinlegte. »Ich werde inzwischen lesen, ich habe in meiner Tasche ein sehr interessantes Buch.«

»Nun kann ich Ihnen wieder dabei helfen,« sagte er gutmütig, »denn ich habe eine Lampe in meiner Tasche.« Er nahm seine Tasche herunter, öffnete sie, wühlte eine Zeitlang darin herum und brachte schließlich eine elektrische Lampe zum Vorschein, die mit Haken versehen war, an denen man sie an der Polsterung befestigen konnte.

»Ich reise so viel,« erklärte er, »und lese unterwegs auch gern. Erlauben Sie, bitte.«

Er suchte die Lampe über ihrem Kopf zu befestigen, stellte sich aber etwas ungeschickt dabei an, und zufällig berührten sich ihre Hände, als ihre gewandten Frauenfinger zugriffen, um die Haken festzumachen. Das Licht fiel klar und voll auf die Seite ihres Buches. Sie lächelte Donnelly dankend zu, der gleichfalls lächelnd zu ihr aufsah, während er die Riemen um seine Tasche wieder festschnallte.

Plötzlich durchzuckte sie der Gedanke, daß er jemand, den sie kannte, sehr ähnlich sei. Einige Augenblicke zerbrach sie sich den Kopf darüber, dann wie durch einen Blitzstrahl wurde die Ungewißheit erleuchtet. Das liebenswürdige Lächeln, das eine ebenmäßige Reihe sehr weißer Zähne zeigte, die Kopfform, das schelmische Zwinkern der klaren blauen Augen. Er sieht aus wie – nein, Herr des Himmels, es ist Paul Beck!

Fast instinktiv hob sie ihr Buch so hoch, daß ihr Gesicht dahinter verborgen war, denn sie fühlte, wie sie erblaßte unter dieser lähmenden Erkenntnis. Ihre erste Sorge galt ihrer kleinen Handtasche, die ihre Briefe und Ausweise enthielt. Gott sei Dank, sie lag sicher neben ihr. Sie fuhr mit der Hand durch den ledernen Bügel und prüfte das Schloß. Es war noch fest verschlossen, und sie atmete erleichtert auf, daß sie dieser Gefahr entronnen war.

120 Sie, die sonst stets gelassene und selbstbewußte Dora, zitterte vor Angst und Aufregung. Die Klugheit und Kühnheit dieses Mannes und die absolute Vollkommenheit seiner Nachahmung erschreckten sie. Er hatte sich den irischen Abgeordneten, dem er ähnelte, zum Vorbild genommen und kopierte ihn täuschend, sowohl im Äußern, in der Kleidung, Haltung, wie in Sprache und Benehmen. Dora, deren Lebensaufgabe darin bestand, sich zu verstellen und die Verkleidungen andrer zu erforschen, die außerdem beide persönlich kannte, den Nachahmer so gut wie das Original, hatte sich vollkommen täuschen lassen. Über ihr Buch warf sie einen vorsichtigen Blick auf den ruhig schlummernden Mr. Donnelly. Mit voller Natürlichkeit hatte er sich so gelegt, daß sein einer Arm das Gesicht gegen das Licht beschattete, man sah nur die Spitzen des Bartes. Seine sorglose Haltung würde Doras Überzeugung noch verstärkt haben, wenn ihr ein Zweifel geblieben wäre. Sie wußte, er war es. Gedanken und Befürchtungen sausten und brummten ihr durch den Kopf wie ein mit voller Kraft arbeitender Motor.

Hatte er sie erkannt? das war die quälendste Frage. Zuerst glaubte sie es bestimmt, er war ihr offenbar gefolgt, und keine Verkleidung, das fühlte sie, würde vor seinem durchdringenden Scharfsinn bestehen. – Dann kam ihr ein tröstlicher Gedanke. Wenn ihr Zusammentreffen nun wirklich Zufall war? Durch langjährige und höchst merkwürdige Erfahrungen war Dora dazu geneigt, dem Zufall große Macht einzuräumen. Beck würde versuchen, Thornton abzufangen sobald er erreichbar war. Sie hatten beide denselben Gedanken gehabt. Queenstown bot ihm die beste Chance, genau so wie ihr; so kam es, daß sie beide denselben Zug benutzten. Eines beruhigte sie, sie hatte ihre Tasche mit den Briefen und Beglaubigungen sicher am Arm und Beck konnte ohne diese nichts ausrichten. Hätte er sie erkannt, so würde er auch erraten, was das Täschchen enthielt, und es ihr gewiß auf irgendeine Weise entwenden. Sie hatte mehr Glück als Verstand gehabt, daß sie so weit noch sicher war. Sie zitterte bei dem Gedanken, daß sie sich in der Höhle des Löwen befand.

Als Mr. Donnelly aus kurzem Schlummer erwachte, fand er das kleine amerikanische Dämchen 121 noch ebenso freundlich und gesprächig wie vorher. Auch er spielte seine Rolle mit einer Leichtigkeit und Gewandtheit weiter, die ihren künstlerischen Sinn trotz aller Angst entzückte. Nicht ein einziges Mal überschritt er die Grenze voller Natürlichkeit. Selbst die wohlverwahrte kleine Tasche an ihrem Arm vermochte ihre abergläubische Furcht vor diesem Mann nicht völlig zu beschwichtigen.

Auf dem Bahnsteig in Queenstown war ein solches Gedränge, daß Miß Penelope Putman, die besorgt ihr kostbares Täschchen festhielt, nicht vorwärts, durch die Menge, kommen konnte.

Mr. Donnelly eilte sofort zu ihrem Beistand herbei. Jeder schien Donnelly hier zu kennen und machte ihm bereitwillig Platz. »Wenn Sie einen Augenblick hier warten wollen, Miß Putman,« sagte er, »will ich Ihnen einen Gepäckträger und einen Wagen zum Hotel besorgen. Queens Hotel sagten Sie, nicht wahr?«

Sie dankte ihm in dem angenehmen Bewußtsein, ihr Täschchen fest und sicher in der Hand zu halten. Er eilte durch die Menge und kehrte bald mit einem Gepäckträger zurück, der den Handkoffer für Miß Putman zum Wagen trug.

Ihr Täschchen fest in der Hand, kletterte sie mit Donnellys Hilfe auf das hohe offene zweiräderige Wägelchen. Er legte ihr das Kissen noch bequem in den Rücken und stopfte die Decke fest um ihre Kniee und Füße, mit übertriebener Sorgfalt, wie sie dachte, denn das Hotel war nicht weit vom Bahnhof.

»Und Mike, sorgen Sie gut für die Dame,« rief Donnelly.

»Ja Herr, darauf können Sie sich verlassen,« war die muntere Antwort. Mike knallte mit der Peitsche, und das leichte Gefährt setzte sich in einem Tempo in Bewegung, daß Dora Hören und Sehen verging.


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