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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunzehntes Kapitel
Gegenkomplott

Armitage lachte, als er das Telegramm in der wohlbekannten Geheimschrift las. Es war von der »Celtic« aufgegeben und sehr kurz: »Komme natürlich, direkt Savoy London. Besuche mich gleich nach Ankunft. Thornton.«

»Na, das ist reichlich durchsichtig,« dachte Armitage. »Paul Beck kann nicht so gerieben sein, wie Dora sich einbildet, sonst würde er nicht denselben Trick zweimal versuchen. Gewarnt ist halb gerettet und ich gehe ihnen nicht wieder in die Falle.«

Er zerriß die Depesche, besann sich dann aber eines andern. »Vielleicht haben die Mädchen ihren Spaß daran,« dachte er und schob das Telegramm unter seinen Teller; »wenn Lamman, Beck und Co. nichts Besseres mehr wissen, habe ich nicht viel zu fürchten. Sie scheinen am Ende ihrer Weisheit angelangt.«

Mehr und mehr wuchs in ihm die Überzeugung, daß er jetzt endlich sicher sei. Nie war ihm das Gefühl des Gehetztseins so zum Bewußtsein gekommen wie jetzt, wo er sich davon befreit fühlte. Er hatte sich eine Zigarre angezündet, und während er behaglich den aufsteigenden blauen Wölkchen nachsah, war er erfüllt von freudigen Zukunftsgedanken. Er sah sich im Geiste mit Norma auf der Hochzeitsreise in Italien. Sie hatten schon Pläne gemacht, welche Städte sie besuchen wollten. Er war früher schon dort gewesen und freute sich nun darauf, der Geliebten so viel Schönes zu zeigen. Rom, Neapel, Pompeji, Venedig, Mailand, Florenz und die wunderbare Alpenwelt mit den tiefgrünen Seen wollten sie zusammen genießen. Zusammen – vereint für immer – dieser Gedanke überwältigte ihn fast. Er konnte nicht länger ruhig sitzen und begann rastlos im Zimmer auf und ab zu gehen, durchglüht von der Vorahnung süßesten Glückes.

Um vier erwartete ihn Norma zum Tee, und er 111 erschien mit der Pünktlichkeit des ungeduldigen Liebhabers eine volle halbe Stunde zu früh.

Norma war noch allein, denn Dora Myrl war verständig und rücksichtsvoll und gönnte dem jungen Paar eine kleine Plauderstunde. Armitage zeigte seiner Braut das Telegramm. Sie sprachen und lachten darüber und amüsierten sich wie Liebende, um die die Außenwelt versinkt.

Nach einer Stunde – dem jungen Paar war es wie nach wenigen Minuten – erschien Dora auf der Bildfläche.

»Es tut mir wirklich leid, daß ich euch stören muß, aber ich bin dem Verschmachten nahe. Vielen Dank, Norma, ja, viel Sahne bitte. Mr. Armitage, Sie sehen heute ganz unverdient glücklich aus, das kann nicht allein die Liebe tun. Haben Sie etwa gehört, daß unser werter Freund Lamman bei einem Automobilunfall verunglückt ist?«

»Das nicht,« antwortete er lachend, »aber ich glaube, wir brauchen uns keine grauen Haare mehr um ihn wachsen zu lassen. Er und Ihr berühmter Paul Beck scheinen mit ihrem Latein zu Ende.«

»Mein Paul Beck! Warum sagen Sie das, Mr. Armitage? Was soll das bedeuten?«

»Beißen Sie mich nur nicht! Ich wollte Sie nicht kränken. Er gehört Ihnen nach dem Recht des Siegers. Sie hatten ein paar scharfe Waffengänge mit ihm um meinetwillen und schlugen ihn jedesmal. Ich kann Ihnen wirklich gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin,« setzte er mit plötzlichem Ernst hinzu.

»Und ich, Liebste,« flüsterte Norma und drückte die Hand der Freundin.

»Sie werden auch froh sein, wenn Sie hören, daß das Spiel nun so gut wie ausgespielt ist,« fuhr Armitage fort.

»Aber wie können Sie das wissen?«

»Weil sie auf ihre alten Kunststückchen zurückverfallen. Sie entsinnen sich des Briefes, der mich ohne Ihr Dazwischenkommen unfehlbar in ihre Hände gelockt hätte? Heute morgen habe ich ein Seitenstück dazu bekommen, derselbe Leim wie damals. Ich soll Thornton im Savoy aufsuchen, der kommt extra von New York herüber, um mich zu sehen. Wahrlich ein schwacher Streich des Altmeisters Beck, finden Sie nicht auch, Miß Myrl?«

112 Er lächelte spöttisch; Doras offen eingestandene Furcht vor Beck hatte ihm immer Spaß gemacht. Keinem Mann gefällt es übrigens, wenn ein hübsches und kluges Mädchen einen andern Mann für sehr viel klüger hält als ihn selbst.

Dora Myrls Antlitz erwiderte sein Lächeln nicht, sondern sie sagte: »Haben Sie das Telegramm bei sich? – Danke. – Nein, bitte,« sie hob abwehrend den Finger, als er etwas sagen wollte, »einen Augenblick! Lassen Sie mich in Ruhe lesen.«

Sie las, nicht einmal, sondern dreimal, und ihr Ausdruck wurde immer ernster.

»Aber Dora,« rief Norma, »was ist dir denn? Du siehst ja aus, als ob du die Todesanzeige eines guten Freundes bekommen hättest.«

»Tut's Ihnen leid um Paul Beck?« fragte Armitage immer noch lächelnd, »der allwissende und allmächtige Detektiv ist recht klein geworden, nicht wahr?«

»Es tut mir leid um Sie, Mr. Armitage,« gab Dora scharf zurück, »daß Sie einen Mann wie Beck auf Ihrer Fährte haben. Dies,« sie zeigte mit dem Finger auf das Papier, »ist sehr ernst zu nehmen.«

»Ach, Dora,« rief Norma erschrocken, »ich dachte, die Gefahr sei vorüber.«

»Ich bin vielleicht etwas schwer von Begriff,« sagte Armitage noch in voller Ruhe, »aber ich weiß wirklich nicht, was hieran so ernst sein könnte. Sie glauben doch nicht, daß ich diese freundliche Einladung annehme? Immer herein, meine Herrschaften, sagt auch die Spinne im Netz zu den Fliegen.«

»Und Sie glauben, daß Beck oder Lamman Ihnen die Depesche geschickt haben?« fragte Dora mit leiser Ungeduld. »Warum?«

»Warum schickten sie mir damals den chiffrierten Brief?«

»Aber sehen Sie denn nicht, daß das etwas ganz andres war? Damals hofften sie, Sie unvorbereitet zu fassen, wenn Sie mit ihnen zusammenstießen. Das können sie jetzt nicht mehr hoffen, selbst wenn sie töricht genug wären, dieselbe List, die Sie längst durchschaut haben, noch einmal zu versuchen.«

»Die Sie längst durchschaut haben,« warf er ein.

»Das ist ja Nebensache,« fuhr sie ungeduldig fort. 113 »Sie wissen, daß ihre List durchschaut ist und allmählich müßten Sie, Herr Armitage, doch auch herausgefunden haben, daß Paul Beck kein Hanswurst ist.«

»Was halten Sie denn von dem Telegramm?«

»Ich muß darüber nachdenken,« sagte sie langsam, »ich habe das Gefühl, daß es Gefahr in sich birgt. Die beiden sind entschieden um einen Schritt vorwärts gekommen. Erinnern Sie sich an den ersten Brief? Der hatte keine Unterschrift. Hier aber steht Thorntons Name. Das gefällt mir nicht.«

»Aber –« begann Armitage wieder.

»Geben Sie mir ein paar Minuten Zeit,« bat sie, »ich glaube, ich sehe den roten Faden.«

Ihre Ungeduld war vorüber, alle Gedanken konzentrierten sich auf dieses Rätsel.

Phil Armitage und seine Braut saßen eine lange Weile still und beobachteten ihr Gesicht. Mit halbgeschlossenen Augen, gerunzelter Stirn und fest verschlungenen Fingern rang Dora mit diesem Problem.

»Ich glaube, ich hab's,« sagte sie endlich, wobei die Spannung in ihren Zügen plötzlich nachließ. »Hören Sie mich an, Mr. Armitage, und du auch, Norma. Zuerst wollen wir die Idee, daß das Telegramm Sie bewegen sollte, mit denen da zusammen zu treffen, gänzlich ausschalten. Sie müssen ja wissen, daß der Trick mißlingt. Aber wie kommt Thorntons Name unter die Nachricht? Ich glaube, daß er selbst kabelte.«

»Aber dann ist ja alles in schönster Ordnung,« sagte Armitage aufatmend. »Thornton kann ich vertrauen wie mir selbst. Was zum Kuckuck mag er nur hier wollen?«

»Das ist die Hauptfrage, und ich denke, ich weiß die Antwort darauf: Beck und Lamman stecken dahinter. Sie haben seinen Namen und seine Adresse ausfindig gemacht, sich vielleicht sogar seine Photographie verschafft. Für Paul Beck war das einfach genug; er wird sich nur gefragt haben, wem die Marconiaffäre am meisten einbrachte. Nun haben sie ihm natürlich in Ihrem Namen gekabelt und ihn dringend gebeten, herüber zu kommen. Wenn Sie die Depesche nochmals lesen, werden Sie sehen, daß sie einfach eine Antwort auf eine Botschaft von Ihnen ist.«

»Aber weshalb sollten die beiden wünschen, daß er mir kabelt?«

114 »Das wünschten sie natürlich nicht. Darin liegt der schwache Punkt ihres Plans. Es war vorauszusehen, daß er Ihnen telegraphierte, dagegen konnten sie nichts tun. Nun müssen wir überlegen, wie wir jetzt stehen. Wenn ich das Rätsel richtig gelöst habe, ist Thornton bereits auf der ›Celtic‹ unterwegs – wie er glaubt, auf Ihren besonderen Wunsch. Paul Beck wird wohl seine Photographie haben und gedenkt ihn bei seiner Ankunft in Liverpool zu empfangen; er erzählt ihm irgend eine glaubhafte Geschichte, warum Sie ihn zum Empfang schicken. Erst wird er alles aus ihm herauslocken, was er wissen will und hinterher vor Gericht wird er ihn als Zeugen aufrufen. Nun, Mr. Armitage, was halten Sie von meiner Lösung?«

»Sie ist nur zu wahrscheinlich. Ich bezweifle gar nicht, daß Sie recht haben. Wie maßlos dumm bin ich gewesen!«

»Dora, das ist ja schrecklich. Jetzt eben waren wir noch so glücklich und lachten über die Depesche. Wir glaubten, die Gefahr sei vorüber, und nun ist sie mit doppeltem Schrecken wieder da. Hast du keinen Plan, Liebste, diesen schrecklichen Beck zu überlisten?«

»Sag' schrecklicher Lamman, wenn du willst, Norma, aber bedenke, daß Beck sich nur müht, einen Verbrecher zu erwischen.«

»Phil ein Verbrecher! Dora, schämst du dich nicht?«

»Beck hält ihn doch dafür.«

»Dann ist Beck ein Narr.«

»Für dich und Mr. Armitage wäre es ein Glück, wenn er einer wäre, er ist aber kein Narr. Wir wollen uns nicht um Beck zanken. Wir müssen ihn überlisten, wenn wir können; ich habe mir etwas ausgedacht, das vielleicht zum Ziel führt.«

»Das wird es gewiß.«

»Ich bin dessen nicht so sicher; immerhin müssen wir unser Möglichstes tun und im übrigen auf die Vorsehung bauen. In drei bis vier Tagen wird Ihr Freund durch drahtlose Telegraphie zu erreichen sein, Mr. Armitage. Sie müssen ihm drahten, er solle in Queenstown von Bord gehen, dorthin würden Sie einen Vertreter mit Briefen und Beglaubigungsschreiben senden.«

»Aber warum soll ich ihn nicht selbst erwarten? Wo nehme ich einen Vertreter her?«

115 »Das ist doch Dora natürlich,« fiel Norma ein, »du bist wirklich dumm, Phil. Dora wird die ganze Sache in die Hand nehmen.«

»Ich halte es nicht für sicher, wenn Sie selbst hinfahren,« erklärte Dora; »vermutlich werden Sie beaufsichtigt und verfolgt, und an Verkleidungen sind Sie nicht gewöhnt. Wenn Sie Vertrauen zu mir haben –«

»Natürlich haben wir Vertrauen zu Ihnen, aber –«

»Dora, du bist unser Schutzengel,« flüsterte Norma.

»Solch hartes Stück Arbeit ist wohl noch nie einem Schutzengel aufgebürdet worden,« sagte Armitage. »Nein, eine Reise nach Irland und zurück, das hieße Ihre Güte mißbrauchen, Miß Myrl. Nebenbei könnte die Sache gefährlich werden, diese Schurken werden vor nichts zurückschrecken.«

Doras Augen blitzten zornig auf, doch bezwang sie sich. »Wir haben es nur mit einem Schurken zu tun, und der hat nichts zu bedeuten! Wie ich Ihnen schon mehr als einmal sagte, weiß ich manches von Paul Beck, aber Sie wissen nichts über ihn. Man nennt ihn den Don Quijote der Detektivs, und jeder weiß, daß er nie gegen eine Frau unhöflich oder grob wird. So wollen wir das ruhen lassen, wenn Sie sonst mit meinem Plan einverstanden sind.«

»Einverstanden? Selbstverständlich. Ich wüßte nicht, wie der Plan mißlingen sollte.«

Norma warf einen angstvollen Blick auf das ernste Gesicht der Freundin. »Du glaubst doch nicht, daß es mißlingt, Dora?«

»Ich weiß nicht. Ich fürchte Paul Beck.«


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