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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtzehntes Kapitel
Ein Komplott

Am Nachmittag desselben Tages erzählte Dora ihren Freunden von Becks Gastfreundschaft und von dem Frühstücks-tete-a-tete. Norma war sehr ungehalten und außer sich.

»Von dem gutmütigen, angenehmen Mr. Baxter hätte ich nie so etwas für möglich gehalten. Ein verächtlicher Spion! Und zu mir war er so lieb und väterlich, während er Phil zu fassen suchte.«

Dora begriff nicht, wieso sie diese Worte so empörten. Sie schloß die Lippen fest und schwieg; aber als auch Armitage mit der Bemerkung einfiel, er finde dieses Spiel doch reichlich verächtlich und nichtswürdig, konnte sie sich nicht länger halten.

»Das finde ich durchaus nicht,« rief sie so energisch, daß die beiden sie erstaunt ansahen, »im Krieg 106 und in der Liebe ist alles erlaubt. Er hatte sich diesen Schlachtplan entworfen; ich hätte es an seiner Stelle ebenso gemacht. Bedenkt doch, daß Beck auf der Jagd nach einem Verbrecher ist. Du brauchst gar nicht so beleidigt auszusehen, Norma, ich spreche von Becks Standpunkt aus. Alles, was er von Armitage weiß, ist, daß er für Geld ein Telegramm fälschte. Für ihn ist es kein Spiel, sondern Pflicht, seinen Mann zu erwischen.«

»Ja, und dir sei Dank, daß er ihn nicht erwischte,« sagte Norma versöhnlich. »Du brauchst dich nicht so aufzuregen, Dora, ich wollte gar nichts gegen die Detektivs sagen. Ich weiß genau, wer der klügste Detektiv auf der ganzen Welt ist.«

»Ich auch,« sagte Dora mutlos, »aber leider ist es nicht Dora Myrl, mein Kind.«

»Ende gut, alles gut,« warf Armitage dazwischen. »Wie soll ich Ihnen danken, Miß Myrl? Auf den alten Baxter hatte ich nicht den geringsten Verdacht. Sie haben mich trotz meiner blinden Dummheit gerettet.«

»Bis jetzt,« verbesserte Dora.

»Bis jetzt und weiter. Ich denke mir, Freund Baxter wird nun wohl genug haben. Er muß es ja selbst fühlen, daß er eine verächtliche – na, sagen wir wenigstens, eine lächerliche Rolle gespielt hat. Ich möchte wetten, daß wir von ihm nichts weiter hören.«

»Sie würden Ihre Wette verlieren. Sie kennen Beck nicht.«

»Du scheinst ihn nach kurzer Bekanntschaft sehr gut zu kennen, Dora,« sagte Norma mit einem verschmitzten Blick auf die Freundin, der dieser das Blut in die Wangen trieb.

»Ich kenne ihn vom Hörensagen und ich fürchte ihn,« war ihre kurze Antwort.

Armitage behielt insofern recht, als Baxter ihn nicht mehr besuchte. Der seit Monaten auf ihm lastende Druck schien zu weichen, er glaubte sich sicher vor weiterer Verfolgung, und Norma war selig, daß er, wie sie Dora anvertraute, wieder ganz wie früher sei. Beide waren Dora sehr dankbar und versuchten, sie ebenfalls froh und hoffnungsfreudig zu stimmen. Dora aber, sonst eine der heitersten, war niedergeschlagen und kleinmütig. Ihr wurden zu dieser Zeit drei interessante Fälle angeboten, aber sie wies alles zurück, 107 denn sie hatte noch immer das Gefühl einer drohenden großen Gefahr für den Geliebten der Freundin.

Durch ein eigentümliches Zusammentreffen war auch Beck zu dieser Zeit verzagt und mißgestimmt. Er ging auf vierzehn Tage in ein kleines irisches Bad, kam aber noch verstimmter zurück.

»Also hat das kleine Mädel das Spiel gewonnen,« sagte Lamman. »Ich kenne sie recht gut. Hübsches Geschöpf und nicht zu prüde.«

Die Bemerkung war nicht nach Becks Sinn. »Miß Myrl ist eines der entzückendsten jungen Mädchen, die mir je begegnet sind, und ebenso klug wie hübsch.«

»Oho,« rief Lamman laut auflachend, »hat die göttliche Dora es Ihnen angetan? Seien Sie auf der Hut, alter Freund! Salomon war weise und Simson stärker als alle, aber beide sind einer Frau unterlegen.«

»Miß Myrl war mir jedenfalls überlegen,« sagte Beck lachend.

»Aber Sie geben es nicht auf?« forschte Lamman.

Eine wütende Gier klang durch diese Worte und Beck mußte unwillkürlich an Shylock denken, wie er das ihm verfallene Pfund Fleisch verlangt.

»Sie denken nicht daran, die Sache aufzugeben?« fragte Lamman nochmals.

»Nein,« erwiderte Beck ruhig, »ich gebe nie eine Sache verloren.«

Sie hatten in Lammans elegantem Quartier in Park Lane gefrühstückt, und Beck hatte seine wiederholten Niederlagen durch Dora ehrlich erzählt.

»Ich muß etwas andres versuchen,« sagte er, »deshalb kam ich heute zu Ihnen, Lamman. Dabei können Sie helfen.«

»Wenn ich helfen kann, bin ich sehr dabei, darauf können Sie sich verlassen.«

»Bei der Hausse in Marconis – wer war da der Haupthaussier?«

»Das wollte ich sein, aber Armitage, der verfluchte Kerl – machte mich zum Baissier.«

»Aber an wen telegraphierte Armitage? Wer hat am meisten gekauft?«

»Thornton & Sohn waren die Hauptkäufer.«

»Thornton & Sohn! Der Sohn ist vielleicht der Mann, den ich brauche. Sie müssen mir von drüben 108 seine Photographie und alles, was man über ihn erfahren kann, besorgen.«

»Gern; das ist nicht schwer. Ich werde noch heute telegraphieren und werde in einer Woche alles haben, was wir brauchen.«

Dieser Schuß von Beck traf ins Schwarze. Als er nach acht Tagen Lamman in seinem Kontor aufsuchte, fand er ihn seltsam aufgeregt und frohlockend.

»Diesmal haben wir ihn,« rief Lamman, als sich die Tür hinter Beck geschlossen hatte, »es ist sein Doppelgänger.«

»Ruhe, Ruhe,« sagte Beck, »ich vermute, Sie haben die Photographie des jungen Thornton?«

»Hier ist sie. Wenn nicht der New Yorker Photograph darauf stünde, würde ich schwören, es sei Armitage. Aber außerdem habe ich noch genauen Bericht erhalten. Der junge Thornton überwarf sich wegen einer Kontoristin, die er inzwischen geheiratet hat, mit seinem Alten und war über ein Jahr fort, niemand wußte, wo. Aber wir wissen es, was? Alles paßt großartig. Nun haben wir die Beweise, und Armitage ist völlig in die Enge getrieben.«

»So?« fragte Beck.

Diese ruhige Frage dämpfte Lammans Enthusiasmus.

»Aber natürlich,« suchte er bei seiner Meinung zu beharren, »der Fall ist ja ganz klar.«

»Er war immer klar,« sagte Beck. »Sie haben von Amerika nichts erfahren, was ich nicht schon wußte, außer dem Namen und der Adresse dieses Doppelgängers unsres Freundes. Wir brauchen den Beweis, daß Armitage der Beamte Littledale war, und den Beweis haben wir jetzt so wenig wie vorher.«

»Ich wüßte nicht, wie wir stärkere Beweise bekommen könnten.«

»Aber ich! Aber ehe wir unsern Vogel fangen, müssen wir den Käfig bereit haben. Wir müssen den jungen Thornton herüberholen, damit er für uns aussagt.«

»Aber er ist Armitages Verbündeter.«

»Um so besser für uns.«

»Außerdem ist er in New York.«

»Wir müssen ihn herüberlocken. Der Plan ist einfach genug. Wir müssen ihn mit einem Geheimtelegramm im Namen seines Freundes Armitage 109 fangen. Diesen Yankees ist eine Reise nach England nicht mehr als uns eine Fahrt nach einem Vorort von London, und Thornton wird keine Dora Myrl zur Seite haben. Ist er erst hier – so werde ich als Freund von Armitage – die Rolle kann ich gut spielen – wohl alles Nötige aus ihm herausholen.«

»Aber wird er kommen?« fragte Lamman zweifelnd.

»Er kommt sofort, davon bin ich überzeugt. Er und Armitage sind Diebsgenossen, wie Sie selbst soeben noch sagten. Daß er nicht käme, fürchte ich absolut nicht.«

»Was gibt es denn sonst zu fürchten?«

»Miß Dora Myrl.«

Lamman lachte geräuschvoll. »Hören Sie, Beck, Dora Myrl spukt bei Ihnen im Oberstübchen, und wenn Sie nicht solch ein gleichgültiger Mensch wären, würde ich denken, Sie wären verliebt. Wie kann Dora denen helfen oder uns etwas in den Weg legen drüben überm Ozean?«

»Wenn Sie ein bißchen nachdenken, wird es Ihnen von selbst einfallen. Als Knabe las ich mal ein Buch ›Versetz dich in seine Lage‹; das muß ein Detektiv stets tun. Wenn wir also an Thornton so telegraphieren, daß er gerade mit dem nächsten Dampfer noch abreisen kann, was wird er dann voraussichtlich tun?«

»Abreisen – wenn Sie sich nicht in ihm irren.«

»Und was noch?«

»Herüberkommen; logische Folgerung, wenn er einmal an Bord gegangen ist.«

»Na ja, aber dieser moderne, gewandte junge Mann wird vor der Abreise sicher an seinen Freund Armitage telegraphieren, daß er kommt. Und Armitage wird als erstes die Depesche Dora Myrl zeigen.«

»Wieder Dora Myrl,« sagte Lamman halblaut.

»Und was wird sie tun?«

»Ich gebe es auf. Ich bin kein Prophet. Wie kann ich vorhersagen, was sie tun wird?«

»Ich glaube, ich kann es. Sie wird unsern Plan sofort erraten und ihr Möglichstes tun, um ihn zu vereiteln. Wenn Thornton durch Funkenspruch zu erreichen ist, so wird sie ihm mitteilen, daß er getäuscht worden ist, und wird ihn bitten, in Queenstown an Land zu gehen, um Botschaft von Armitage zu erwarten. Dem muß ich entgegenwirken, aber vermutlich wird sie ihre 110 Karten ebenso mischen wie ich die meinigen. Jedenfalls je eher wir die Sache anfassen um so besser. Wir wollen Thornton morgen die Depesche schicken, damit er gerade noch die ›Celtic‹ erreichen kann.«


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