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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebzehntes Kapitel
Ein Waffenstillstand

Baxter war schüchtern und verlegen wie ein Schulknabe, als er dem kleinen Hausmädchen zu dieser mitternächtigen Fahrt in den Wagen half. Er wunderte sich über sich selbst und konnte sich über sein Gefühl keine Rechenschaft geben. Er war von jeher sehr empfänglich für weibliche Schönheit gewesen und liebte die Frauen. Auch wurde er von dem schöneren Geschlecht bevorzugt und verwöhnt, oft zur Verzweiflung viel jüngerer und glühenderer Verehrer der betreffenden Schönen. Bisher hatte aber noch keine, auch die schönste nicht, sein Herz schneller schlagen lassen. Woher kam es denn nur, daß er jetzt zitterte und bebte an der Seite dieses Mädchens während der kurzen Fahrt, wo er in der Dunkelheit ab und zu ihr feines Gesichtchen mit den vertrauensvollen Augen von den vorübergleitenden Laternen beleuchtet sah?

Der Wagen war sehr schmal, daher saßen sie dicht nebeneinander. Baxter befand sich in einem solchen Erregungszustand, daß er nicht hätte sagen können, ob es ihm lieb sei oder leid, als die Fahrt zu Ende war.

100 Seine Haushälterin war noch wach und nahm das Mädchen, auf ein Wort von ihm, sofort unter ihren mütterlichen Schutz; sie war in diesem Hausstand längst an seltsame Vorkommnisse gewöhnt.

Ein Zimmer wurde flink für den Gast, der behend mit zugriff, hergerichtet und schon nach zehn Minuten war alles in behaglichster Ordnung.

Baxter war äußerst besorgt um ihr Behagen gewesen, deshalb dankte sie ihm herzlich, bevor sie sich zurückzog.

»Sie sind so gut zu mir,« sagte sie schüchtern – ein tanzender Flimmer in ihren Augen strafte diese Schüchternheit Lügen – »Sie haben mir viel besser geholfen, als ich erwarten konnte; hoffentlich finden Sie niemals Grund, Ihre Freundlichkeit zu bereuen.«

»Niemals, mein Kind,« sagte Baxter herzlich, »niemals, das weiß ich bestimmt; darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen.«

Helle Freude erfüllte sein Herz bei dem Gedanken, daß er diese kleine Unschuld vor Armitages beleidigender Zudringlichkeit gerettet habe. In Gedanken an sie, deren bezauberndes Lächeln beim Abschied ihm tief ins Herz gedrungen, wanderte er in ungewohnter Erregung in seinem Zimmer auf und ab.

»Armes kleines Ding,« sagte er vor sich hin, während er sich noch eine Zigarre anzündete, »das muß eine schlimme Zeit für sie gewesen sein. Mir scheint, sie hat bessere Tage gesehen, sie ist so klug und wohlerzogen. Ich würde mich nicht bedenken –«

Der Satz wurde nie beendet. Er riß sich plötzlich zusammen. »Das geht ja nicht, ich werde auf meine alten Tage noch sentimental. Es ist besser, ich richte all meine Aufmerksamkeit auf unsern guten Freund Armitage. Dieses Mal habe ich ihn sicher.«

Er fuhr mit der Hand in die Rocktasche, suchte einen Augenblick mit den Fingern darin herum – das Päckchen Karten war nicht mehr da.

Zum erstenmal verlor er seinen Gleichmut, durchsuchte die andre Rocktasche, die Brusttasche, seine Hosentaschen, die Taschen seines Überrocks, der auf einem Stuhl lag, und wußte dabei, daß die Arbeit vergeblich war, denn er hatte das Päckchen Karten in die rechte Tasche gleiten lassen. Wer konnte es genommen – gestohlen haben? War es der schlaue Armitage 101 gewesen oder das junge Mädchen? Sicher doch nicht die steife, altmodische Dame, Mrs. Pye? Sie hatten alle gar keine Gelegenheit gehabt. Wer konnte es gewesen sein? »O!« dieser letzte Gedanke war der häßlichste von allen. Nein, das war ja nicht möglich! Dieses natürliche, frische kleine Ding war eines solchen Streichs nicht fähig. Der Verdacht war aber erweckt. Sie hat die beste, oder vielmehr die einzige Chance gehabt, die Karten zu stehlen, und weg waren sie.

Er klingelte energisch, worauf die Haushälterin erschien.

»Wollen Sie dem Mädchen bitte sagen, daß ich noch ein paar Worte mit ihr zu reden hätte?«

»Sie ist zu Bett gegangen,« antwortete die Haushälterin, »ich hörte sie schon vor gut zehn Minuten ihre Tür abschließen, aber ich kann sie ja nochmal herausklopfen, wenn Sie es wünschen.«

»Nein, danke,« sagte er kurz, aber wie immer rücksichtsvoll, »morgen ist auch noch früh genug.«

Als er wieder allein war, sah er ruhig vor sich hin. »Ohne zwingenden Beweis will ich nichts Schlechtes von dem kleinen Ding glauben, und heute abend werde ich mich nicht mehr damit quälen, die Sache zu enträtseln.«

Mit der gewohnten Ruhe schob er alle unliebsamen Gedanken von sich, und fünf Minuten später, nachdem er seinen Kopf auf das Kissen gebettet hatte, war er tief und fest eingeschlafen.

Am nächsten Morgen stand er wie immer früh auf, doch als er das Eßzimmer betrat, sah er eine Fremde, die an dem kleinen Tisch am Fenster saß, mit dem Rücken nach der Tür.

Die Gestalt kam ihm bekannt vor, doch ehe er Zeit fand, ein Wort zu sagen, erhob sie sich und trat ihm entgegen. Es war das hübsche, scheue, weinende kleine Mädchen von gestern und doch eine ganz andre. Dieses Mädchen war mit ausgesuchter Eleganz gekleidet und zeigte die ruhige Sicherheit der großen Dame. Sie beantwortete sein grenzenloses Erstaunen mit einem strahlenden Lächeln und stellte sich ihm vor.

»Herr Beck, wie ich vermute. Ich bin Dora Myrl, darf mir aber wohl nicht schmeicheln, daß Sie schon von mir gehört haben?«

Bei dem Namen kam ihm die Erleuchtung, ein 102 heller Strahl ließ eine Reihe kleiner Ereignisse nun in einem ganz andern Licht erscheinen.

Zu ihrer größten Überraschung lachte er vergnügt. »Sie also waren es die ganze Zeit. Was bin ich für ein Narr! Natürlich habe ich schon von Ihnen gehört und freue mich ungemein, jetzt Ihre werte Bekanntschaft zu machen, Miß Myrl.«

Einen Moment war Dora völlig verblüfft. Sie hatte zorniges Aufbrausen, böse Worte und Vorwürfe erwartet. Es war ja entzückend, wie er die Sache auffaßte. Nun konnte sie ihre kleine Komödie zu Ende spielen. Sie lächelte noch verführerischer als vorher. »Ich war schon recht fleißig in Ihrem Interesse, Herr Beck,« sagte sie.

Er folgte mit den Augen der Richtung ihres Fingers und sah das vermißte Päckchen Karten.

»Ich bemerkte gestern abend,« fuhr sie fort, »als Mr. Armitage gab, daß die Karten klebten. Nachdem Sie dann während der Fahrt mir das Päckchen so freundlich überließen, besah ich sie genau und fand, daß die meisten einen ganz dünnen Überzug von Wachs hatten, der die Fingerabdrücke der Spieler bewahrte. Nebenbei bemerkt, sah ich etwas Ähnliches an Ihrem interessanten kleinen Tisch. Sie sollten mit Ihren Sachen wirklich etwas besser umgehen, Herr Beck. Ihre Karten habe ich gut gereinigt, jetzt wird das Geben keine Schwierigkeiten mehr machen.« Feierlich überreichte sie ihm das Päckchen.

Er nahm es mit einer Verbeugung entgegen. »Sie sind wirklich ein Wunder, Miß Myrl,« sagte er lächelnd. In seinem Ton lag ehrliche Bewunderung.

Ihr ganzes Wesen wandelte sich plötzlich, die Förmlichkeit und kühle Steifheit war verschwunden. »Ist das Ihr Ernst, Herr Beck? Sind Sie nicht böse, daß ich Sie täuschte und Ihre Gutherzigkeit zum besten hatte?«

»Böse?« rief er herzlich, »warum? Ich würde Sie ebenso behandelt haben, wenn ich genügend Spiritus gehabt hätte. Alles ist erlaubt in der Liebe und im Krieg.«

Ein lachender Funke sprühte in ihren Augen. »Und um was gilt es hier?« fragte sie übermütig.

»Verhöhnen Sie mich nicht, Miß Myrl,« er war bei ihrer Frage zurückgewichen – er, der unerschütterliche Beck, »wie Sie die Stärkere sind, so seien 103 Sie auch gnädig und haben Sie Mitleid mit dem überwundenen Feind. Sie haben mich auf der ganzen Linie geschlagen, und mir kam nie die leiseste Ahnung, wer auf der andern Seite stand. Die Photographie damals?«

»Ja, natürlich, die nahm ich fort.«

»Und der Brief in der Geheimschrift? Natürlich waren Sie es, die den jungen Dummkopf vor der Falle bewahrte – dann der Zaubertisch und die Karten! Sie haben das ganze Spiel gewonnen – ein richtiger großer Schlemm.«

Seine gute Laune bedrückte sie ein wenig. Er gestand seine Niederlage ein, sprach aber wie der fröhliche Gewinner.

»Und doch geben Sie es nicht auf?« fragte sie.

»Nein, das tue ich nicht,« sagte er langsam. »Sie müssen mir Revanche geben, und am Ende gewinnt doch, wer das meiste Glück hat, und das bin ich.«

»Dann also adieu, Herr Beck. Wollen Sie mir meine Tasche zu Miß Lee schicken? Ich freue mich sehr, daß Sie mir nicht zürnen.«

Er nahm die Hand, die sie ihm so freundschaftlich hinstreckte und hielt sie fest. »Nein, Miß Myrl, so leicht kommen Sie nicht los,« sagte er und führte sie an den Frühstückstisch, der mit feinem Porzellan und Silber nett gedeckt war. »Sie schulden mir etwas für all die Streiche, die Sie meiner Dummheit spielten. Setzen Sie sich und schenken Sie einem alten einsamen Junggesellen seinen Tee ein, bitte.«

Ohne Zieren ging Dora auf seinen Wunsch ein, legte Hut und Boa ab, glättete ihr Haar vor dem Spiegel und nahm gelassen den Platz vor dem großen silbernen Teetopf ein.

»Zucker, Herr Beck? – ein Stück? Ja, und viel Sahne?«

Noch nie meinte Beck einen so köstlichen Tee getrunken zu haben; er war ein guter Esser beim ersten Frühstück, und auch Dora tat all den guten Dingen Ehre an, dabei plauderten sie wie alte Freunde.

»Bedenken Sie, dies ist nur ein Waffenstillstand zwischen uns, kein Friede,« sagte sie. »Wenn das Frühstück vorüber ist, sind wir wieder Feinde, und ich werde Sie wieder unterzukriegen suchen.«

»Von solchem Feind geschlagen zu werden, ist mir eine Ehre,« erwiderte er galant.

»Solange wir noch Freunde sind, möchte ich gern von Ihnen erfahren, warum Sie gar so erpicht darauf sind, den armen Armitage ins Gefängnis zu bringen. Ich habe sonst gehört, Herr Paul Beck finge nur wirkliche Verbrecher ein.«

»Das ist Armitage,« sagte Beck kurz. »Er ist ein Fälscher und Schwindler, und von einem solchen denke ich nicht besser, weil er jung und hübsch ist. Aber Frage gegen Frage. Warum sind Sie so erpicht darauf, ihn zu retten?«

Dora zögerte einen Augenblick. Sie war versucht, ihm die volle Wahrheit zu sagen, wagte es aber doch nicht. »Meiner Freundin wegen,« sagte sie schließlich.

Er bemerkte ihr Zögern und deutete es falsch.

»Darf ich mir noch eine Frage erlauben?«

Sie nickte.

»Ich möchte gern wissen – das heißt, wenn Sie es mir sagen wollen – ob Miß Lee mit Armitage verlobt ist?«

Wieder zögerte sie mit der Antwort. »Ja,« sagte sie dann, »in gewisser Weise sind sie wohl verlobt, aber es ist noch nichts fest abgemacht.« Sie wollte ihm den leisen Wink geben, daß seine ausdauernde Jagd das Glück des jungen Paares vernichte. Er aber, irre geleitet durch eine unbewußte Eifersucht auf Armitage, verstand sie ganz falsch.

»Der Bube spielt offenbar mit beiden,« dachte er. »Es ist merkwürdig, daß anständige Frauen sich so oft in schlechte Männer verlieben, und augenscheinlich lieben sie ihn beide.«

»Kennen Sie diesen Armitage schon lange?« fragte er.

Liebe macht die Männer blind, die Frauen aber scharfsichtig. Mit stillem Entzücken bemerkte Dora, daß Beck, – der törichte, unerschütterliche Beck, – auf Armitage eifersüchtig war.

»Er ist ein alter und sehr lieber Freund von mir,« antwortete sie mutwillig mit einem Ton, der ihren Worten eine tiefere Bedeutung beilegte. »Wenn ich ihn nun loszubitten versuchte,« setzte sie sanft hinzu, »was würden Sie dann tun?«

»Für Sie würde ich sehr viel tun, Miß Myrl, glauben Sie mir.«

»Aber das nicht?«

105 »Nein, das nicht – in Ihrem eigenen Interesse nicht.«

»Dann müssen wir eben den Kampf zu Ende kämpfen. Leben Sie wohl, Herr Beck, und tausend Dank. Der Waffenstillstand ist vorüber. Sie sind als Freund genau so liebenswürdig, wie als Feind gefährlich. Ich wünschte, wir wären Freunde.«

»Wir können doch Freunde sein, wenn unser Kampf beendigt ist.« In seiner Stimme war eine fast zärtliche Bitte.

»O, natürlich, wenn ich gewinne. Aber nun adieu.« Sie reichte ihm die Hand und war aus dem Zimmer wie ein verlöschender Sonnenstrahl.

Beck erschien das Zimmer kälter und dunkler, nachdem sie gegangen. Ihre letzten Worte »Wenn ich gewinne« klangen ihm im Ohr. Müde ließ er sich auf den Stuhl fallen, von dem sie sich soeben erhoben hatte. »Sie vergibt es mir nie, wenn ich den Burschen überführe. Frauen sind so, sie können keinen Fehlschlag ertragen. Ich möchte am liebsten –« Finster runzelten sich seine Brauen, und die Lippen schlossen sich fest. »Nein,« sagte er dann entschlossen, »Freund Armitage ist im Gefängnis sicherer. Den jungen Halunken soll sie auf keinen Fall heiraten; ich werde sie vor sich selbst schützen, wenn sie mich auch dafür haßt.«


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