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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel
Eine Partie Bridge

Der gefällige Mr. Baxter war gleich bereit, seinen Tisch wieder einmal mitzubringen, um Mrs. Pye einen Wunsch zu erfüllen, doch die Nichte widersetzte sich einer Wiederholung energisch; sie sagte, sie fürchte sich vor dem Tisch, der sei entschieden behext. Sie glaube zwar nicht an Geister und glaube natürlich auch Mr. Baxter, daß die Sache nur auf einem Trick beruhe, aber – und gegen dieses unlogische, weibliche »Aber« war nicht anzukommen.

94 Auch Armitage, der zuerst eine Wiederholung sehr gern gesehen hätte, änderte nun seinen Sinn wie eine Wetterfahne und erklärte ernsthaft: »Eine Wiederholung würde nur den erstaunlichen Eindruck der ersten Sitzung abschwächen.«

Das hübsche Hausmädchen, das diesen Unterhandlungen mit dem stillen Entschluß, den Tisch, wenn nötig, völlig zu zerbrechen, gelauscht hatte, atmete erleichtert auf.

Baxter ließ sich die Laune nicht trüben, aber die enttäuschte Mrs. Pye sah recht mißmutig drein. Plötzlich hatte Armitage einen guten Einfall: »Leutchen, was würdet ihr zu einem Spiel Bridge sagen? Wir sind gerade vier. Sie spielen doch, Baxter, was? Wir andern spielen gern.«

»Ich spielte Bridge nur selten,« antwortete Baxter bescheiden.

Norma war über den Vorschlag erfreut und auch Mrs. Pye war er sehr willkommen; ihr Antlitz hellte sich sofort auf, und aller Spiritismus war vergessen.

Einstmals war sie eine berühmte Whistspielerin gewesen, hatte mit großem Ärger das rasch in Mode kommende Bridge betrachtet und geschworen, daß sie niemals dieses neumodische Spiel lernen werde. Als aber all ihre alten Freunde in das feindliche Lager übergegangen waren und sie einen Whist nicht mehr zustande bringen konnte, neigte sie ihr stolzes Haupt und ergab sich dem neuen Tyrannen, um sogar in kurzer Zeit eine der leidenschaftlichsten Bridgespielerinnen zu werden. Sie hatte durch die Übung des Whistspiels ein wunderbares Kartengedächtnis, ließ sich aber durch die scharfen Regeln des geliebten alten Spiels leicht in Verwirrung bringen.

Die Leichtigkeit und Wandelbarkeit des Spiels, die den Hauptreiz des Bridge bilden, führten sie unausgesetzt irre, sie spielte gewissenhaft, aber durchaus nicht gewandt. Armitage war ein mittelmäßiger Klubspieler und Norma eine allen Regeln spottende sorglose Novize. Mr. Baxter war in diesem Rubber das unbekannte Element.

Wie gewöhnlich war Baxter höchst dienstbereit. Er schob den hübschen, eingelegten Kartentisch mitten ins Zimmer und öffnete ihn, so daß die breite grüne 95 Tuchfläche zum Spiel einlud. Er suchte in der Schublade nach Karten und Spielmarken.

»Hier ist nur ein Spiel Karten,« rief er Armitage nach längerem Suchen zu.

»Nein, nein,« gab Armitage zurück, »es müssen zwei da sein.« Er durchsuchte die Schublade ebenfalls ohne Erfolg.

»Ich meine bestimmt, daß heute morgen noch zwei Spiele darin waren,« sagte er.

Das Hausmädchen wußte ganz sicher, daß noch vor fünf Minuten zwei Spiele dagewesen waren.

Baxter, liebenswürdig und gefällig wie immer, wußte sofort Rat. »Ich hole rasch ein Spiel aus meiner Wohnung,« rief er. »In fünf Minuten bin ich wieder da,« und war schon aus dem Zimmer, ehe noch jemand danke sagen konnte.

Ganz so schnell, wie er versprochen, kam er nicht zurück, doch erschien er nach einer knappen Viertelstunde nicht mit einem, sondern zwei Spielen Karten in nettem Kästchen.

Sofort ließ sich die kleine Gesellschaft um den Tisch nieder. Baxter nahm die Karten fächerartig in die Hand und ließ die andern ziehen. Armitage zog ein As, Mrs. Pye eine Treffsieben, Baxter und Norma jeder einen König, so daß sie als Partner miteinander zu spielen hatten.

Mrs. Pye war sehr zufrieden, sie kannte Armitages Spielweise und freute sich, ihn als Partner zu bekommen.

»Seien Sie nicht böse, Baxter,« rief Armitage bald darauf vergnügt, »wenn ich Ihr As steche. Hoffentlich sind Sie kein allzu guter Spieler.«

»Ich kenne die Karten, das ist alles.«

Karten kennen ist aber eine große Sache, wie Baxter bald durch sein Spiel bewies.

Armitage gab mit einem der Spiele, die Baxter geholt hatte. In der Regel verstand er das prächtig, ließ die Karten in großem Bogen auf die bestimmten Plätze fallen, heute aber schienen seine Finger ungeschickt. Die Karten klebten ihm am Daumen und aneinander, und zweimal hatte er zwei Karten statt einer gegeben. Er wurde verdrießlich über seine Ungeschicklichkeit und machte seine Sache nur noch schlechter.

Als er mehr als die Hälfte ausgeteilt hatte und 96 schließlich sich doch wohl vergeben haben würde, kam Baxter ihm gutmütig zu Hilfe.

»Sie haben keine Schuld, Armitage,« sagte er, »das liegt entschieden an den Karten. Geben Sie nur mit einem neuen Spiel noch einmal. Hier sind ja noch zwei andre.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er die Karten zusammen und steckte sie wieder in das Kästchen, das er dann in die Seitentasche seines Smokings versenkte.

Das zweite Spiel erwies sich als tadellos. Armitage ließ wie sonst die Karten in großem Bogen auf ihre Plätze fallen, und in kurzer Zeit erhob sich ein kleiner Haufen vor jedem der Mitspielenden.

Zuerst wußten weder Armitage noch seine Partnerin, was sie aus Baxter machen sollten; mitunter spielte er vorzüglich, dann wieder anscheinend ebenso gedankenlos unbekümmert und waghalsig, wie Norma gegen alle Regeln. Bald aber fanden sie den Kernpunkt seiner ungewöhnlichen Art heraus. Sobald er mit dem Strohmann spielte, verstand er ein Spiel zu spielen, das voll zu würdigen Armitage Kenner genug war, und das er nie mit gleicher Gewandtheit hatte spielen sehen. Gab aber die andre Seite, so spielte er nur für die Hand seiner Partnerin und übertrat fortwährend die Regeln in ihrem Interesse. Schon nach den ersten Runden schien er zu erraten, wie sie spielen würde, und indem er ihr völlig in die Hand spielte, war es wunderbar, was für verzweifelte Tricks er ihr sicherte.

Obwohl das Glück sich mehr auf Armitages und seiner Partnerin Seite neigte, wuchs doch das Häufchen Silber ständig vor Baxter und Norma. Das junge Mädchen war begeistert über ihren Erfolg und lachte fröhlich über die Niederlage der Tante. Baxter war auch in ungewöhnlich vergnügter Stimmung; kam das nur von seinem glücklichen Spiel? Das kleine Hausmädchen glaubte das nicht.

Sie hatten verschiedene Rubber gespielt und waren bei dem unwiderruflich allerletzten, als Norma mit einem eigentümlich eifersüchtigen Schmerz beobachtete, daß das Mädchen, wie sie mit einem Tablett mit Likören hinter Baxters Rücken stand, Armitage ein fast unmerkliches Zeichen gab.

97 Kurz darauf stand er auf, entschuldigte sich und versprach, im Augenblick zurück zu sein.

Es vergingen aber volle zehn Minuten, ehe er wiederkam, und den Spielern, die gelangweilt auf ihre Karten starrten, erschien die Zeit noch viel länger. Armitage schien etwas erregt und verstört und vermied es, den Blicken seiner Verlobten zu begegnen.

Mit einem verlegenen »Es tut mir so leid, daß ich euch habe warten lassen,« nahm er die Karten auf und spielte aus.

Wie es häufig vorkommt, war der letzte Rubber der aufregendste des ganzen Abends. Armitage und seine Partnerin standen auf achtundzwanzig, die andern auf vierundzwanzig. Baxter hatte gegeben und zwar an seine Partnerin eine sehr schlechte Karte. In Verzweiflung machte sie Pik zum Atout. Nachdem sie ihre Karten hingelegt hatte, ging sie hinüber, sah in seine Karten und wandte sich enttäuscht ab, da sie das Spiel als hoffnungslos verloren betrachtete.

Aber Baxters Gewandtheit zeigte sich der Mißgunst des Glückes gewachsen. Er und der Strohmann hatten zusammen achtmal Pik, jeder vier. Es gelang ihm, aus der Hand des Strohmanns zwei Stiche zu machen und so zog er dann die ganze Pikflöte herunter. Als die Atouts alle herausgezogen waren, blieb ihm ein Trick. Dann spielte er die dreizehnte Karte aus seiner eigenen Hand aus und brauchte nun nur noch einen Trick mehr, um das Spiel zu gewinnen.

»Dies Spiel ist höchst eigenartig,« sagte er nachdenklich, »ich glaube nicht, daß mir schon je etwas Ähnliches vorgekommen ist.«

»Was denn?« fragte Mrs. Pye etwas scharf, denn sie war durchaus unzufrieden mit der Wendung, die das Spiel genommen hatte.

»Daß die letzten Karten die Fünf, Vier, Drei und Zwei von derselben Farbe sind,« erwiderte Baxter.

Er spielte die Karofünf aus, die Zwei lag auf dem Tisch in der Hand des Strohmannes, Armitage und seine Partnerin gaben die Vier und Drei dazu. So hatte Baxter mit völlig aussichtslosen Karten drei Tricks, und damit den allerletzten Rubber gewonnen.

Während Mrs. Pye, die mit Anstand zu verlieren wußte, Baxter zu seinem glänzenden Spiel 98 beglückwünschte, gelang es Norma, ihrem Verlobten ein paar Worte zuzuflüstern. Die eifersüchtige Regung hatte sich wieder verflüchtigt.

»Ist etwas passiert, Phil?«

»Nichts, Liebling.«

»Ich bin überzeugt, daß Dora dir irgend etwas mitgeteilt hat. Komme morgen und erzähl' es mir. Um halb zwei bin ich zu Hause.«

Mrs. Pye verabschiedete sich. »Gute Nacht, Mr. Baxter, gute Nacht, Mr. Armitage. Bitte, bleiben Sie ruhig sitzen und lassen Sie sich nicht stören, unser Wagen steht schon vor der Tür. Und vielen Dank, Mr. Baxter, für die Lektion im Bridgespielen.«

Aber als nun auch Baxter aufbrechen wollte, hielt ihn Armitage zurück und bat ihn, noch ein Glas mit ihm zu trinken und eine gemütliche Zigarre zu rauchen. Der stets gefällige Baxter ließ sich wieder in seinen Sessel fallen, und Armitage brachte das Gespräch wieder auf Aeroplane.

Aber die scharfen Augen und Ohren, die ihn beobachteten, merkten nur zu gut, daß er gar nicht recht bei der Sache, und daß dies nur eine List war, um Zeit zu gewinnen. Doch hörte er lächelnd und geduldig Armitages Auseinandersetzung an. Seit er wußte, daß der junge Mann das unschuldige kleine Hausmädchen zu verführen suchte, hatte sich seiner ein starker Widerwillen gegen Armitage bemächtigt.

Als es Baxter endlich gelang, aufzubrechen, fand er zu seinem höchsten Erstaunen das kleine Hausmädchen seiner wartend in der Halle mit geröteten Augen und in großer Erregung.

Sie trug eine kleine Reisetasche in der Hand und war zum Ausgehen angezogen. »Ach, Mr. Baxter,« schluchzte sie, als sie ihn sah, »Sie versprachen, mir zu helfen, Sie versprachen, mich zu retten.«

»Ja, Kleine, was hat's denn gegeben?« fragte er freundlich und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Er wollte mich küssen,« schluchzte sie mit erstickter Stimme. »Von der Seite seiner Braut, die er doch vorgibt zu lieben, kam er herausgeschlichen, und wollte mich mit Gewalt küssen.«

»Der nichtswürdige Schurke,« knirschte Baxter.

99 Jetzt verstand er, warum Armitage aufgestanden und hinausgegangen war, und weshalb er ihn zurückgehalten hatte, bis das Mädchen aus dem Wege sei.

»Ich bleibe nicht eine Nacht länger in diesem Haus,« schluchzte sie, »um keinen Preis bleibe ich hier.«

Baxter sann einen Augenblick nach. »Wenn Sie sich mir anvertrauen wollen, so nehme ich Sie gleich mit in meine Wohnung. Es ist nicht weit von hier, und meine Haushälterin, eine gute, treue Seele, wird sich Ihrer annehmen. Ich habe einen Wagen vor der Tür, wollen Sie mitkommen?«

»O, vielen, vielen Dank. Bei Ihnen habe ich keine Angst.«

Die Bereitwilligkeit, mit der sie sich ihm anvertraute, war nicht ganz nach seinem Geschmack; sie vertraute ihm wie einem Mann, der wohl hätte ihr Vater sein können.

Ob er wohl zufriedener gewesen wäre, wenn er gewußt hätte, aus welchem Grunde das hübsche Zimmermädchen so bereitwillig seinen Vorschlag annahm?


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