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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfzehntes Kapitel
Der Liebe holder Traum

Norma Lee hatte ein zärtliches Herz. Als sie den Grund von Armitages Wegbleiben vernahm, löste sich ihr Groll sofort in Mitgefühl auf.

»Warum hast du mir nicht die Wahrheit gesagt?« fragte sie, als sie ihn endlich wieder hatte. »Ich wäre sofort zu dir gekommen. Aber,« ihr Ton klang etwas beleidigt, »du hattest ja Dora, die konnte dich streicheln und verwöhnen, da brauchtest du mich nicht. Schade, daß sie heute nicht mit kam.«

»Das finde ich gar nicht schade.«

»Das sagst du ja doch nur aus Höflichkeit, und wenn sie hier an meiner Stelle wäre, würdest du von mir dasselbe sagen! Nein, nein, bleib sitzen, sonst kippt das Boot, und nach einem kalten Bad trage ich kein Verlangen.«

In einem leichten Ruderboot glitten sie über das ruhige Gewässer der oberen Themse. Es war einzig schön auf dem Fluß an diesem wundervollen Herbsttag; die Luft war von jener reinen Klarheit, die man nur im Herbste kennt, und in der Bäume, Wasser und die fernen Stadttürme eine neue, überraschende Schönheit annehmen. Die Blätter flüsterten leise, doch kein Lufthauch kräuselte den Wasserspiegel. Eine einsame Drossel pfiff im nahen Walde und schien neben dem dahingleitenden Boot herzufliegen, denn immer wieder ertönte ihr Ruf und erhöhte den Zauber.

Die beiden Menschen waren sehr glücklich – allein auf dem stillen Wasser, und die Schönheit um sie her erschien wie ein Zauberrahmen um das selige Entzücken ihrer Herzen. Das Mädchen, in duftigen Batist gekleidet, saß am Steuer, die seidenen Steuerleinen in der einen Hand, während die andre wohlig in das laue Wasser tauchte. Der Mann war schlank und ebenmäßig gebaut und trug einen weißen Flanellanzug; er hatte den Panamahut etwas zurückgeschoben und tauchte lautlos seine Ruder in den schweigenden Strom. Lange Zeit schwiegen beide; das Mädchen hatte die 90 Lider mit den seidigen Wimpern gesenkt, weil sie wußte, daß der Blick des Geliebten an ihr hing.

Langsam und leise bewegte sich das Boot bei den gleichmäßigen Ruderschlägen vorwärts mit seiner Ladung von Jugend, Liebe und Glück.

Der Mann brach das Schweigen mit den alt vertrauten Worten in innigstem Flüsterton: »Ach, Norma, wie liebe ich dich.«

Jetzt klang kein Groll mehr in der leisen Stimme, die ihm antwortete, nur die Sehnsucht einer alles verzehrenden, alles begehrenden Liebe. »Mehr als alle, Phil – liebst du mich mehr als alle andern?«

»Für mich gibt es keine andre, Liebling, nur dich.«

»Dora ist sehr schön, Phil.« Sie sah ihm mit erwachender Eifersucht ins Gesicht. Ein Gedanke, der sie seit Wochen beunruhigte, kleidete sich endlich in Worte.

Sein Lächeln beruhigte sie. »Eifersüchtig, Norma? O, du törichtes Mädel. Ich freue mich aber doch, daß du eifersüchtig bist, wenn auch völlig ohne Grund. Dora Myrl ist gewiß recht hübsch und fabelhaft klug; sie ist uns beiden eine treue Freundin. Zweimal wenigstens hat sie mich aus großer Gefahr gerettet, dafür wirst du sie doch nicht weniger lieben?«

»Hältst du die Gefahr wirklich für so groß, wie Dora meint?« fragte sie rasch; alle andern Gedanken versanken vor der Sorge um den Geliebten. »Sag mir die Wahrheit, Phil, die volle Wahrheit; bisher hast du mich wie ein Kind zu täuschen versucht.«

»Nein,« antwortete er langsam, »ich halte die Gefahr nicht für so groß, aber Gefahr ist immerhin vorhanden. Wenn die Sache noch einmal an mich heranträte, so würde ich es wieder genau so machen und die Folgen tragen. Ich fühle nicht die geringsten Gewissensbisse, weiß aber recht gut, daß das Gesetz meine Tat mit einem bösen Namen nennt, und wenn sie mich fassen, so geht es mir schlecht. Lamman will seine Rache haben.«

»Du hast ihm doch nur heimgezahlt, was er an dir getan,« rief sie ungehalten, »warum schickt man ihn denn nicht ins Gefängnis?«

»Gesetz, Kind, Gesetz. Aber laß uns davon nicht länger reden, Norma; was kommen soll, kommt doch, und es ist immer noch früh genug, das Unglück kommt 91 stets zu früh. Wir wollen uns diesen herrlichen Tag nicht mit vorläufig noch unnötigen Sorgen verderben.«

»Ich muß davon sprechen, denn ich komme mit meinen Gedanken nicht davon los. Die Gedanken lassen sich nicht hier- und dorthin lenken wie ein Boot.« Sie zog an der Steuerleine und ließ das Boot im Zickzack gehen. »Die Gedanken quälen mich seit Monaten; es ist eine Erlösung, davon zu sprechen. Was meint Dora?«

»Sie sagt wenig, doch kann ich deutlich merken, daß sie ängstlich ist. Lamman ist ihr Nebensache – einen schlauen, eingebildeten Narren nennt sie ihn, den sie mit Leichtigkeit um den kleinen Finger wickeln könnte. Aber sie fürchtet Beck, und je häufiger sie ihn narrt, desto mehr Angst bekommt sie.«

»Glaubt sie noch immer, daß in Mr. Baxter dieser Beck steckt?«

»Sie hat in letzter Zeit nichts mehr darüber gesagt, deshalb glaube ich, daß sie den Gedanken aufgegeben hat. Verrückte Idee von solch einem gescheiten Mädel, nicht wahr?«

»Ich bin meiner Sache nicht so sicher. Wenn ich mit ihm zusammen bin, so erscheint es mir unmöglich, ihm zu mißtrauen, er ist so ehrlich und gutmütig. Aber ich kenne Dora seit vielen Jahren und weiß, daß sie manch Wunderbares fertig gebracht hat, erinnere mich aber nicht, daß sie jemals unrecht gehabt hätte. Wenn sie mir gerade heraus sagte, Mr. Baxter ist kein andrer als Beck, so würde ich ihr doch wohl glauben müssen.«

»Das wird sie dir aber nicht sagen, Norma. Gestern kam sie zu mir in mein Arbeitszimmer unter dem Vorwand, Staub wischen zu müssen, und sagte: ›Ich sage kein Wort mehr gegen Ihren guten Freund Baxter, Mr. Armitage; je mehr er hier verkehrt, desto lieber wird es mir sein.‹«

»Vielleicht will sie ihn gern im Auge behalten.«

»Jedenfalls brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, wenn wir unserm Schutzengel gehorchen, und ich muß gestehen, ich habe Baxter gern und habe auch Vertrauen zu ihm.«

»Ich auch, aber –«

»Wir wollen das ›Aber‹ Dora überlassen, sie wird 92 schon aufpassen. Es ist auch nur deinetwegen, Liebling, daß mich die Geschichte beunruhigt.«

»Aber warum meinetwegen, Phil?«

»Weil ich dich liebe und dich mit jedem Tag tausendmal mehr liebe als den Tag zuvor und mich danach sehne, dich ganz zu eigen zu nehmen; aber ich darf dich ja nicht bitten, die Hochzeit zu bestimmen, bis diese gefahrdrohende Wolke vorübergezogen ist.«

»Du brauchst mich nicht zu bitten,« sagte sie mit dem freudigen Mut großer Liebe, »ich bin jeden Tag bereit, dich zu heiraten, wann du willst.« Dann barg sie, erschreckt über ihre eigene Kühnheit, ihr purpurn übergossenes Gesicht in den Händen. »Ach, Phil,« schluchzte sie, »ich fürchtete schon, daß du aufgehört hättest, mich zu lieben.«

In seiner Überraschung und Freude hätte er fast die Ruder schwimmen lassen; rasch legte er sie in das Boot und war mit zwei Schritten neben ihr, legte den Arm um sie und zog sie an sich.

»Mein süßer Liebling – dich nicht mehr lieben! Ich werde dich lieben, so lang ich atme, und nach dem Tode werde ich dich dort drüben lieben, immer und immer. Wenn ich im Grabe liege und höre dich rufen, so werde ich zu dir kommen.«

»Wenn du mich wirklich so liebst, Phil, dann mußt du auch wissen, wie ich dich liebe. Glaubst du, daß mich irgend etwas von dir trennen könnte? Euer Lamman und Beck sind mir ja so gleichgültig, wenn du mich nur liebst. Ich las neulich ein herrliches altes Gedicht von dem ›Nußbraunen Mädel‹. Hast du jemals davon gehört?«

»Ich kenne es zum größten Teil auswendig.«

»Dann weißt du auch, was die Maid antwortet, als der Mann glaubt, daß das Gesetz sie trennen wird. Ich habe dabei geweint.«

»Ist das wahr, Norma?« flüsterte er und zog sie noch fester an sich.

»Wahr? Gewiß ist das wahr. Ich dachte, du kenntest das Gedicht.«

»Aber so empfindest du, Norma? Sag mir die Wahrheit, spiel' nicht mit mir.«

»Ja, so empfinde ich, das ist reinste Wahrheit. Die Maid liebte nicht heißer als ich, und du bist zehn solcher Männer wert.«

93 Armitage antwortete nicht mit Worten, er küßte, küßte sie wieder und wieder, während das Boot dahintrieb, der Himmel lächelte und Bäume und Wasser sanft und hold von Liebe murmelten. »Laß uns hoffen, Liebling, daß ich dir auch so werde antworten können, wie der Mann in dem Gedicht, als die Gefahr für ihn vorüber war.«


Er griff wieder zu den Rudern und trieb das Schifflein mit schnellen, langen Schlägen stromaufwärts, tiefeinschneidend in die klare Fläche mit der scharfen Spitze des Bootes. Bald darauf lief er an einem grünen Uferrand auf, den die breiten Zweige eines mächtigen Baumes beschatteten. Wie gut das Essen so im Freien schmeckte! Alle Vorräte hatten sie aus dem Boot auf den Feldrain gebracht, kaltes Fleisch, Salat, Brot, Kuchen und Früchte, auch leichten Wein, der in dem Sonnenlicht in den Gläsern funkelte.

Als sie ihm die Zigarre anzündete, es ihm mit Kissen auf dem weichen Gras recht bequem machte und mit der Hand auf seiner Schulter dicht neben ihm saß, waren auf der Welt nicht zwei Menschenkinder glücklicher als sie. Sie redeten närrische holde Worte der Liebe, deren die Liebenden nie müde werden, und machten Pläne für eine glückliche Zukunft, in die niemals ein Schatten fallen sollte.

In ungetrübter Glückseligkeit verfloß der Tag, aber der Abend brachte Wolken und einen kalten, scharfen Wind, und als sie eilig heimwärts ruderten, legten sich die düstern Schatten der drohenden Gefahr wieder über ihr Glück.


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