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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel
Eine Warnung

Zahnweh wird als ein schlechter Witz von solchen Leuten angesehen, die nie mit dieser Qual Bekanntschaft gemacht haben. Ein Zahnarzt gilt häufig als komische Person, und über das Zahnziehen erzählt man sich drollige Geschichten. Aber Phil Armitage fand die Zahnschmerzen, die ihn eine ganze lange Nacht hindurch plagten, nichts weniger als amüsant. Er hatte wegen der quälenden Schmerzen kein Auge schließen können. Fest biß er die Zähne aufeinander und ertrug die dumpfe Pein ohne Stöhnen, obwohl er mehrmals stark in Versuchung war, aus dem Bett zu springen und seinen schmerzenden Schädel gegen die Wand zu schlagen. Jede Stunde hörte er schlagen; endlose Zeit schien zwischen einer jeden zu liegen, bis schließlich die Dämmerung heraufkam.

Mit dem nahenden Tageslicht kam auch eine Erleichterung von den rasenden Schmerzen, doch ein dumpfes Klopfen und Hämmern blieb zurück. Er hatte den Tag mit seiner Braut verbringen wollen, aber selbst die Liebe lindert kein Zahnweh, und so ließ er sich bei ihr entschuldigen, was sie ziemlich übelnahm.

Nachmittags, als der Schmerz sich ausgetobt hatte, kam Mr. Baxter, um ihn zu besuchen. Seine freundliche Teilnahme tat dem armen Teufel, der eine ganze Nacht und auch den Tag über gegen die qualvolle Pein angekämpft hatte, sehr wohl. Das Gespräch kam natürlich auf Mittel gegen solche Schmerzen. Baxter war äußerst taktvoll, vermied sogar den in ähnlichen Fällen stets gebrauchten guten Rat: »Ich würde mir den Zahn ausziehen lassen.« Trotzdem fühlte Armitage einen Zweifel an seinem Mut heraus und erklärte, weshalb er sich den Zahn nicht ausziehen lasse.

»Vor ungefähr sechs Wochen hatte ich zum erstenmal in meinem Leben Zahnschmerzen,« sagte er.

»Glücklicher Mensch,« murmelte der andre.

»Ja, glücklich war ich wenigstens in der Wahl meines Zahnarztes. Ich ging zu einem, Brennan hieß er, Andrew Brennan. Der sagte mir, ich hätte die schönsten Zähne, die er je gesehen und weigerte sich glatt, den Zahn zu ziehen. Er gab mir irgendein 85 famoses Zeug, das wie Feuer brannte, aber nach fünf Minuten war der Schmerz wie weggeblasen. Am folgenden Tag setzte er mir eine Goldplombe ein und sagte mir, daß ich vermutlich in vier bis fünf Wochen einen erneuten Anfall bekommen würde, ich solle dann sofort zu ihm kommen, er würde mich wieder davon befreien. Seine letzten Worte waren noch: ›Lassen Sie sich nicht überreden, sich den Zahn ziehen zu lassen.‹«

»Und weshalb gingen Sie nicht sofort wieder zu ihm?« war Baxters völlig logische Frage.

»Weil er fort ist, weggezogen, und seine neue Adresse nicht zu erfahren war. Er hatte seine Sprechstunden in Morrel Row gehabt. Als ich eines Tages dort vorüberging, war alles leer; ich ging in das Haus und fragte nach ihm, bekam aber von dem brummigen Besitzer, der sich vermutlich ärgerte, einen guten Mieter verloren zu haben, keine Auskunft.«

Baxter hörte mit großem Interesse zu. »Es ist nicht schwer, jemand in London aufzufinden, wenn er sich nicht verbirgt.«

»Ich wünschte, Sie könnten meinen Zahnarzt wiederfinden.«

»Vielleicht gelingt es. Versuchen werde ich es jedenfalls. Treffe ich Sie morgen zu Hause?«

»Den ganzen Tag. Ich habe noch einige dringende geschäftliche Sachen zu erledigen, vorausgesetzt, daß mein Oberkiefer mir Ruhe läßt.«

Voller Triumph erschien Baxter am nächsten Morgen und hatte es so eilig, seine gute Nachricht zu verkünden, daß er das Hausmädchen, die gerade Gläser ins Büfett stellte, gar nicht bemerkte.

»Ich habe ihn,« rief er, »ich wußte es ja.«

»Meinen Zahnarzt?«

»Ja.«

»Sind Sie sicher, daß es derselbe ist?«

»Ja, ganz sicher.«

»Whisky und Soda, Jane,« rief er dem Mädchen zu; »Ihre Entdeckung müssen wir begießen. Erzählen Sie mir alles.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen.« Baxter dachte gar nicht daran, seine Hilfskräfte zu verraten. »Ich fragte in seiner alten Wohnung nach, eins kam zum andern, und weit mehr durch glücklichen Zufall als 86 durch besondere Mühe erfuhr ich, was ich wissen wollte. Ihr Freund hat sich jetzt in Gower Street niedergelassen und scheint brillant zu tun zu haben. Andrew Brennan, ein kleiner, magerer, gut aussehender Mensch, der den Scheitel in der Mitte trägt.«

»Das ist er!«

»Ich wußte es ja.«

»Es war wirklich überaus liebenswürdig von Ihnen, sich meinetwegen so viel Mühe zu geben.«

»Das war mir ein Vergnügen. O, ich tat noch mehr. Da er so beschäftigt ist, ließ ich Sie für drei Uhr heute nachmittag gleich vormerken. Bis dahin ist noch reichlich Zeit, und wenn es Ihnen angenehm ist, begleite ich Sie.«

Das Mädchen stellte Whisky, Syphon und Gläser zusammen auf ein Tablett; dabei klangen die Gläser mehrere Male in einem gewissen Takt aneinander.

Baxter fuhr überrascht herum und sah daher nicht den erstaunten Ausdruck in Armitages Gesicht.

Noch einmal klangen die Gläser, als das Mädchen sie hinübertrug und mit dem Teebrett auf ein Tischchen zwischen die beiden Herren setzte. Baxter sah scharf in das hübsche Gesicht, das unter seinem Blick heiß errötete. Er goß sich bedächtig ein und nahm prüfend den ersten Schluck.

»Wollen Sie gleich mitkommen?«

»Heute lieber nicht,« war Armitages zögernde Antwort. »Jetzt hat es ja nicht solche Eile, denn ich habe keine Schmerzen mehr, aber noch allerlei zu erledigen. Dank Ihrer Liebenswürdigkeit weiß ich ja nun, wo er zu finden ist.«

Baxter drängte ihn nicht. »Wie Sie meinen,« sagte er freundlich. »Aber wäre es nicht höflicher, ihm zu telephonieren, daß Sie nicht kommen? Ich werde es gleich selbst tun; drüben in Ihrem Wohnzimmer, ja, ich weiß Bescheid.«

Als sich die Tür hinter ihm schloß, wandte sich Armitage voll Neugier zu seinem hübschen Hausmädchen: »Warum haben Sie mir denn ›Nein, nein‹ telegraphiert, Miß Myrl? Sie werden gewiß Ihre guten Gründe haben, aber ich kann mir absolut nicht denken, weshalb ich nicht mit Mr. Baxter zum Zahnarzt gehen sollte.«

87 »Wirklich nicht?« fragte sie mit leisem Hohn. »Zu diesem Zahnarzt sind Sie damals als Littledale gegangen und jetzt kommen Sie als Armitage. Bilden Sie sich ein, daß der seine eigene Arbeit nicht wiedererkennt? Er würde Sie wiedererkennen, wie man Pferde – und auch andere Tiere – an ihren Zähnen erkennt. Daran haben Sie nicht gedacht, wohl aber Herr Beck.«

»Aber –«

»Ach, ich weiß; er ist ja nicht Beck, sondern nur Mr. Baxter, und sein Eifer, Sie hinzubringen, wie sein Auffinden Ihres Zahnarztes sind bloße Zufälligkeiten! Sie sehen aber doch ein, daß der Zahnarzt eine Gefahr bedeutet. – Scht!«

Baxter war leise wieder eingetreten und fand Herrn und Dienerin in eifriger Unterhaltung. Wenn sein Verdacht erwacht war, so ließ er nichts davon merken: »Es ist in Ordnung, ich habe gleich Anschluß bekommen.«

Zwei Minuten später war er mit Armitage in angeregter Unterhaltung über Aeroplane – ein Thema, das beide außerordentlich interessierte.

Als er nach einer guten Stunde fortging, öffnete Dora ihm die Haustür, sie war immer zur Hand, um ihn sicher aus dem Hause zu lassen. Als sie ihm seinen abgebürsteten Hut hinreichte, stieß er plötzlich die Frage hervor: »Jane, wann haben Sie telegraphieren gelernt?«

Sie fühlte den scharfen Angriff in seiner Frage, war aber auf der Hut und parierte mit Gedankenschnelle. Zitternd und errötend – ein Bild ängstlicher Schüchternheit gestand sie: »Ich war früher Telegraphistin, aber der Dienst war zu schwer, deshalb suchte ich mir eine andre Stellung.« Rasch fuhr sie dann fort: »Sie hörten, wie ich dem Herrn ›Nein, nein‹ telegraphierte? Bitte halten Sie mich nicht für dreist, ich will Ihnen den Grund erzählen. Die Zahnschmerzen waren nur ein Vorwand, um sich von seiner Braut fern zu halten. Er hatte mich gerade gebeten, ich solle mit ihm frühstücken gehen, als Sie kamen, Mr. Baxter. Er bettelte und drohte, und da dachte ich es mir leichter, ihm die Antwort zu telegraphieren. Er bestürmte mich sofort wieder, als sie auf einen Augenblick hinausgingen.«

»Haben Sie schon früher mit ihm gefrühstückt?« fragte Beck kurz.

88 »Ach, er sah mich und erkannte mich damals bei Jammet,« dachte Dora entzückt, »er kennt sogar meinen Hinterkopf, was für Augen der Mann hat!«

Sie errötete wieder und antwortete scheu: »Nur ein einziges Mal im Restaurant Jammet habe ich mit ihm gegessen. Ich fuhr auf dem Rad hin und er traf dort mit mir zusammen. Ich hätte es nicht tun sollen, das weiß ich wohl, aber damals dachte ich mir nichts dabei, erst hinterher –«

»Ja, ich verstehe, Kleine,« sagte Beck gütig. Er bemitleidete das harmlose, errötende kleine Ding und fühlte eine namenlose Wut gegen Armitage, der mit dieser Unschuld spielte. Er hatte inzwischen fast eine Vorliebe für den offenherzigen jungen Mann gefaßt, nun aber änderten sich seine Gefühle wie mit einem Schlag. »Lamman hat recht,« dachte er, »ein glattzüngiger schlechter Kerl; ist mit Miß Lee verlobt und versucht dieses unschuldige kleine Ding ebenfalls einzufangen. Der ist im Zuchthaus gut aufgehoben.«

Das Mädchen sah mit flehendem Blick in sein ernstes Gesicht. »Sie sind nicht böse auf mich, nicht wahr?«

»Gewiß nicht, mein Kind,« sagte er mit mehr Wärme. »Was für ein Recht habe ich, böse zu sein?«

»Mir liegt sehr viel an Ihrer guten Meinung,« flüsterte sie mit so feiner Koketterie, daß er sie nicht herausfühlte.

»Kein Mensch könnte Ihnen einen Vorwurf machen, Sie haben sich ganz richtig benommen, Kleine,« sagte er ermutigend. »Aber warum bleiben Sie bei dem jungen Herrn?«

»Die Stellung ist sehr gut, ich würde nicht leicht wieder so etwas finden. Ich stehe ganz allein und kam durch Miß Lee hierher. Sie ist immer sehr gut zu mir gewesen und würde böse werden, wenn ich ohne Grund die Stellung aufgäbe, und ich kann ihr doch den wahren Grund nicht sagen.«

Baxter bewunderte ihren Scharfsinn, die Kleine war klug trotz ihrer Unschuld. »Vielleicht haben Sie recht. Ich freue mich, daß ich mit Ihnen darüber gesprochen habe und daß Sie mir offen alles eingestehen. Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen jetzt sage: wenn Sie jemals einen Freund brauchen, dann kommen Sie zu mir.«

89 »Das werde ich nicht vergessen,« erwiderte das wahrheitliebende, unschuldige kleine Hausmädchen.


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