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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel
Tischrücken

»Dieser neue Streich war Lammans alleiniges Verdienst,« vertraute Phil Norma an bei einem traulichen Tete-a-tete in seinem Salon. »Der andre sah zu dumm aus. Deine kluge kleine Freundin Dora 78 hielt ihn für Peter Baxter in einer Verkleidung. Immer kann Sie ja nicht recht haben, aber ein seltenes Menschenkind ist sie sicher. Ohne sie wäre ich glatt in diese Falle gegangen. Sie ist das klügste und das tapferste Mädel, das ich je kennen lernte.«

»Und das hübscheste? Phil, sag es mir ehrlich, findest du sie nicht entzückend hübsch?«

»Ach ja, sie sieht ganz gut aus.«

»Ganz gut! Es gibt überhaupt keine zweite wie sie. Aber so seid ihr Männer, scheut euch stets, ein Mädchen in Gegenwart eines andern zu loben; ihr meint, wir sind alle eifersüchtige Gänse.«

»Es gibt schon ein Mädchen, das ich ohne Scheu vor jedermann herausstreiche.«

»Ich glaube dir ebenso wenig, wenn du sagst, daß ich hübsch bin, als wenn du sagst, daß Dora häßlich ist.«

»Das habe ich nicht gerade gesagt; ich meinte nur im Vergleich –«

»Ach, Vergleiche sind häßlich.«

»In diesem Fall wohl nicht; denn die eine ist schön, und die andre sieht ziemlich gut aus.«

Vielleicht war Norma mit diesem Vergleich doch nicht ganz unzufrieden. Sie verfolgte das Thema nicht weiter.

»Dora schwört darauf, daß Paul Beck auch bei der letzten Sache seine Hand im Spiel gehabt habe,« fuhr sie fort; »sie meint, daß nur er auf die Idee verfallen könne. All ihre Gedanken sind bei Paul Beck, Phil.«

»Oder ihr Herz.«

»O nein! Sie würde es nicht eingestehen und darüber lachen, wenn sie wirklich verliebt in ihn wäre. Sie schwört nämlich feierlich, daß er der einzige Mann sei, in den sie sich jemals verliebt habe, deshalb ist es sicher nicht wahr, aber sie sieht ihn überall und in allen möglichen Menschen. Soll ich dir ein Geheimnis verraten, Phil?«

»Wenn du willst.«

»Das ist wieder so recht, wie ihr Männer seid; während du rasend neugierig bist, sagst du, ›wie du willst!‹ Du darfst aber keiner Seele etwas verraten, denn ich versprach Dora fest, es nicht zu erzählen.«

»Dann tue es lieber nicht.«

»Dir kann ich es ruhig anvertrauen, denn du wirst ihr doch nicht verraten, daß ich es dir erzählt habe. Sie 79 glaubt, daß dein Freund und Retter, der heute abend herkommt, um uns in den Spiritismus einzuweihen, kein andrer ist als Paul Beck in einer andern Verkleidung.«

»Du willst dich wohl über mich lustig machen?«

»Es ist mir voller Ernst und ihr ebenfalls.«

»Aber das ist ja verrückt,« rief Phil aufgebracht, »ich hätte es nie für möglich gehalten, daß ein so kluges Mädchen auf so verrückte Gedanken kommen kann. Sie zeigte mir eine Photographie von Paul Beck, und die beiden haben nicht die geringste Ähnlichkeit. Baxter ist ein kluger Kerl, aber offenherzig wie ein Kind. Der ist so wenig ein Detektiv, wie ich ein Erzbischof.«

»Vielleicht bist du ein verkleideter Erzbischof,« neckte Norma.

»Warte, das ist eine Verleumdung, dafür muß ich mich rächen.«

»Nicht doch, Phil, wie kannst du nur. Tante muß gleich hier sein. Ich weiß gar nicht, wo sie so lange bleibt.«

»Mein neues Hausmädchen, die gute kleine Dora, sorgt wohl für sie. Tantchen macht sich sicher oben noch schön, und wir haben noch fünf Minuten für uns.«

»Mrs. Pye,« verkündete das neue Hausmädchen von der Tür her, und eine altmodische ältere Dame mit freundlichem Gesicht, in schwerer Brokatseide, ein schwarzes Spitzenhäubchen auf dem schneeweißen Haar, kam rasch durch das Zimmer getrippelt.

»Wie geht es Ihnen, Mr. Armitage? Ich muß wegen meiner Verspätung um Entschuldigung bitten. Mein Häubchen wollte gar nicht sitzen, und ohne Ihr gefälliges, nettes Mädchen wäre ich nie fertig geworden. Es war sehr freundlich von Ihnen, Norma und mich auch zu bitten. Ich glaube fest an den Spiritismus, und nichts macht mir mehr Vergnügen als eine Séance.«

»Aber bestes Tantchen, Mr. Baxter behauptet gar nicht, Spiritist zu sein; er gesteht, daß die ganze Sache nur auf Täuschung hinausläuft.«

»Er ist nicht das erste Medium, das auf solche Weise Ungläubige zu bekehren sucht. Mit solchen Reden bin ich gar nicht einverstanden, dazu ist mir die Sache viel zu heilig.«

»Hier haben wir den Sünder selbst,« erwiderte Armitage, als der lächelnde Mr. Baxter mit einem kleinen runden Tisch unter dem Arm in der Tür 80 erschien. Er setzte das Tischchen sofort nieder und begrüßte die Damen und den Wirt.

»Sie müssen entschuldigen, Armitage,« sagte er, »daß ich meinen eigenen Tisch mitbringe. Es ist ein Zaubertisch, den mir ein guter Freund einmal vermacht hat.«

Er rückte das Tischchen mit den Klauenfüßchen in die Mitte des Zimmers; äußerlich schien es nichts Besonderes an sich zu haben, war von dunklem Nußbaum, mit stumpfer, nicht polierter Platte.

Die alte Dame zitterte vor Aufregung, völlig überzeugt, ein Medium vor sich zu haben, das seine geheimnisvolle Macht verleugnete, um dann um so größere Wirkung zu erzielen.

»Wollen wir gleich die Sitzung beginnen?« fragte sie eifrig.

»Ich fürchte mich vor der ganzen Geschichte,« sagte Norma, »ich möchte nicht daran teilnehmen.«

»Sei nicht albern, liebes Kind,« wendete die Tante ein, »Spiritismus ist eine Religion; unser Verkehr mit der andern Welt eine Art religiöser Andacht. Ich glaube fest, daß die Geister, die Mr. Baxter herbeizitieren wird, wohlwollend und gesprächig sein werden. Es ist unsre Pflicht, uns über unser zukünftiges Leben zu unterrichten, so viel wir können.«

»Mein verehrtes, gnädiges Fräulein,« sagte Baxter, »Sie brauchen keine Angst zu haben. Es ist nur ein guter Beschwörungstrick, den ich Ihnen zeigen möchte. Ich bin ebensowenig wie Sie selbst der Mann, der da glaubt, daß die abgeschiedenen Seelen nichts Besseres zu tun haben, als mit Möbelstücken um sich zu werfen oder törichte Antworten auf törichte Fragen mit dem Tisch abzuklopfen.«

Mrs. Pye war nicht beleidigt; sie verstand ihn wohl, er wollte auf die alberne Nervosität ihrer Nichte beruhigend wirken.

»Mr. Baxter,« flüsterte sie ihm zu, »ich bin überzeugt, daß Sie ein wahres, ehrliches Medium sind.«

»So ehrlich wie der beste unter ihnen,« erwiderte er in demselben Flüsterton, und mit dieser Antwort war sie ganz zufrieden.

Auch ihre Nichte war beruhigt. »Wenn keine Geister erscheinen,« sagte sie, »fürchte ich mich nicht vor dem Tisch.«

81 »Lassen Sie uns anfangen,« bat Mrs. Pye.

»Noch einen Augenblick, verehrte Frau,« antwortete Baxter und schob mit Hilfe des neuen Hausmädchens die Möbel beiseite, um den Teppich für die Bewegungen des Tisches frei zu machen.

Norma stieß einen Schrei aus, als plötzlich das elektrische Licht erlosch und in dem eben noch hellerleuchteten Zimmer plötzlich tiefe Dunkelheit herrschte. Mr. Baxter drückte nun auf den Knopf einer kleinen elektrischen Taschenlampe, und ein heller Lichtstrahl schien durch das Dunkel, als er die Lampe am andern Ende des Zimmers auf das Klavier setzte. In dem großen Raum herrschte jetzt ein mattes Dämmerlicht, das noch gespenstischer wirkte als die vollkommene Dunkelheit.

Die vier nahmen ihre Plätze um den Tisch ein, drückten die Finger und Daumen auf die Oberfläche und warteten. Aus dem dunklen Hintergrunde beobachtete das neue Hausmädchen alle Vorgänge mit stiller Neugier.

Armitage bemerkte wohl, als er seine Finger auf die Tischplatte drückte, daß diese mit etwas Weichem und Klebrigem bestrichen war und dachte sich, das gehöre zum Spiel.

Als ihre Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten, vermochten sie klar zu sehen, daß alle vier ruhig auf ihren Plätzen blieben, auch die Hände nicht von dem Tisch nahmen, der allmählich zu zittern anfing und sich auf eine der drei Klauen stellte.

»Die Geister sind in der Nähe,« flüsterte Mrs. Pye halb entsetzt und halb begeistert; »sprechen Sie bitte mit ihnen, Mr. Baxter.«

»Wer ist da?« fragte Baxter in so geschäftsmäßigem Ton, als habe jemand an die Tür geklopft.

Der Tisch klopfte langsam in der üblichen Weise. »Nathanael Pye.«

Nun wurde Mrs. Pye sehr erregt. »Fragen Sie ihn, ob er glücklich ist.«

Ohne diese Frage von Baxter abzuwarten, begann der Tisch sofort wieder zu klopfen: »War noch nie so glücklich.«

»O, wie froh bin ich,« flüsterte die alte Dame, »mein armer guter Nathanael. Fragen Sie ihn, ob er mich noch ebenso lieb hat wie früher.«

Diesmal wartete Nathanael, bis Baxter die Frage 82 wiederholt hatte, zögerte dann noch einen Augenblick und klopfte: »Mehr als je – viel mehr.« Danach kam noch ein besonderes Schlußpochen, das man wohl für ein geisterhaftes Kichern nehmen konnte.

Jetzt schien aber der Tisch das gute Betragen satt zu haben, denn nun wurde er wild, hob sich bald auf das eine Bein, bald auf das andre, und begann im Zimmer herum zu rasen, so daß die vier zu schnellem Laufen gezwungen wurden; plötzlich aber wurden ihre Hände von dem Tisch abgestoßen, der nun noch eine Weile allein weitertanzte, genau im Takte der von Baxter gesummten Melodie. Als in einer Ecke eine Klingel ertönte, schoß der Tisch auf seinen Platz zurück, und alle sahen, wie von der Decke ein Papier darauf niederfiel. Nun wurde das Zimmer wieder erhellt, und da sah man auf dem Papier mit kühn geschwungenen Buchstaben die beiden Worte »Gute Nacht«, an denen die Tinte noch nicht trocken war.

»Die Geister sind zur Ruhe gegangen,« sagte Baxter.

Die kleine Gesellschaft befand sich in angenehm gruseliger Erregung. Phil und Norma drangen in Baxter, ihnen das Geheimnis zu erklären, doch speiste er sie mit Redensarten und Ausflüchten ab. Zu Armitage sagte er: »Mein Tisch kann noch ganz andre Dinge ausführen, wie ich Ihnen vielleicht später einmal zeigen werde. Durch Erklärungen verdirbt man den Haupteffekt.«

Mrs. Pye lächelte überlegen, sie brauchte keine Erklärung; alles war ja so klar.

Baxter wollte sich sofort empfehlen, aber davon wollte sein liebenswürdiger Wirt nichts hören. »Wenn Sie jetzt schon gehen,« sagte er, »so konfisziere ich den Tisch und nehme ihn auseinander, um hinter Ihre Schliche zu kommen. Wir wollen noch ein bißchen Abendbrot essen, darauf müssen Sie warten.«

Baxter ergab sich wie immer in bester Laune und machte nur die eine Bedingung, daß niemand den Tisch anrühre.

Um auf diesen Scherz einzugehen, zogen sich alle in eine Ecke des Zimmers, möglichst weit von dem kostbaren Tisch zurück. Niemand bemerkte, daß auf seiner Oberfläche die Fingerabdrücke der verschiedenen Hände hafteten. Vielleicht war es dem Hausmädchen 83 aufgefallen. Jedenfalls, als sie mit dem Teegeschirr auf silbernem Tablett hereinkam, mußte sie dicht an dem Tisch vorüber, stolperte über die Ecke des Teppichs und konnte gerade noch das Teegeschirr retten, nur der Topf mit dem heißen Wasser kippte und ergoß seinen Inhalt über den Tisch.

Mit einem leisen Schreckensschrei setzte sie das Teebrett auf den Boden, zog ein großes Taschentuch aus der Schürzentasche und begann, den Tisch mit voller Kraft abzureiben und zu polieren.

Bei ihrem Schrei hatten sich alle umgewandt und sahen das Unglück. Wohl eine Sekunde lang umschattete sich das freundliche Antlitz des Mr. Baxter, aber im nächsten Augenblick lächelte er wieder.

Er selbst tröstete das hübsche kleine Hausmädchen, die ganz außer sich war über ihre Ungeschicklichkeit. »Es hat ihm nichts geschadet, Kleine,« sagte er herzlich, »ich finde sogar, daß er so poliert viel besser aussieht.«

Den Rest des Abends, auch während des Abendbrotes, war er die Seele der Gesellschaft, erzählte Anekdoten und Witze und spielte die Begleitung zu den irischen Liedern, die Norma mit vielem Gefühl sang.

Mrs. Pye erzählte ihm einige nette Erlebnisse des entschlafenen Nathanael, und Norma gestand später, daß sie sich glatt in ihn verliebt habe und nicht begriffe, wie ein so verständiges Mädchen wie Dora diesen gutmütigen, ehrlichen Menschen für einen verkappten Detektiv halten könne.

Armitage war sehr entzückt über den guten Eindruck, den sein Freund hinterlassen hatte, und tat sich nicht wenig zugute auf seine Menschenkenntnis. Alle sangen Baxters Lob, nachdem er mit dem Zaubertischchen unter dem Arm fortgefahren war, und das neue Hausmädchen lauschte ernsthaft ihren Worten.

Als aber Baxter sich wieder in seiner Wohnung befand, setzte er seinen kostbaren Tisch mit einem lauten Krach nieder und betrachtete kummervoll die glänzende Platte.

»Was für ein unglückseliger Zufall,« murmelte er vor sich hin, »Paul, mein lieber Junge, dem Glück hat sich anscheinend lange Ferien genommen; hoffentlich kommt es bald zurück.« 84


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