Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Mathias McDonnell Bodkin >

Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zwölftes Kapitel
Blinder Alarm

Von seinem inneren Groll ließ Beck nichts merken; er schien so aufrichtig, freundschaftlich und gut gelaunt, daß Armitages Vorliebe und Bewunderung für seinen Retter täglich zunahm.

Diese einseitige Freundschaft führte zu sehr vertrautem Verkehr, und mehr als einmal, wenn sie plaudernd und rauchend zusammensaßen, fürchtete Dora bei ihrem Aus- und Eingehen zu hören, daß Phil seinem wachsamen Feinde sein Herz ausschütte.

Sie fühlte, daß Beck mehr als je das Bestreben 71 hatte, seine Beute zu erwischen, und mit dem feinen weiblichen Instinkt, der den Männern abgeht, empfand sie, daß ein persönlicher Widerwille gegen Armitage diesen Wunsch unterstützte.

Schwül und drückend lastete die Gefahr auf ihr; sie war stets auf der Hut, achtete auf jedes Wort und auf jede Bewegung Becks. Trotz ihrer Wachsamkeit war es der Zufall – oder vielmehr Armitages Nachlässigkeit, was sie vor einem erneuten Vorstoß warnte.

Als sie eines Tages ihren Tee bei Norma Lee getrunken hatte und auf ihrem Rad zurückkehrte, sah sie noch, wie eine Droschke von Armitages Wohnung fortfuhr. Ein heißer Schreck durchzuckte sie, und in rasendem Tempo langte sie vor dem Hause an, schob ihr Rad rasch hinter das Gitter des kleinen Vorgartens, öffnete mit ihrem Drücker und ging sofort in das Eßzimmer. Sie wußte, daß Armitage beabsichtigt hatte, zu Hause zu essen, und dies war seine Essenszeit. Als sie das Zimmer leer fand, erschrak sie, fand aber eigentlich nur ihre Ahnung bestätigt. Ihr scharfer Blick gewahrte sofort eine gewisse Unordnung. Der Stuhl stand halb im Zimmer, die Gabel lag auf dem Tischtuch und die Serviette auf dem Fußboden.

Er war augenscheinlich bei Tisch abgerufen worden und war dem Ruf sofort gefolgt, aber wie und von wem? Das war sicher eine Falle; aber womit hatte man ihn geködert?

Ihr Blick fiel auf ein zusammengeknülltes Papier, das Armitage achtlos neben seinem Teller hatte liegen lassen. Sie griff danach und glättete es auf dem Tischtuch.

Welche Enttäuschung! Der Brief war in unleserlichen Chiffres geschrieben, nur die Adresse war zu lesen, »Macklins Privathotel, Rodolph Row 37«.

Ihre Gedanken arbeiteten mit rasender Schnelligkeit, um hier einen Ausweg zu finden. Vielleicht war das Lammans Geheimschrift; die kannten wenigstens drei Leute – Lamman, Armitage und Thornton, vielleicht auch Beck. Der Brief hatte Armitage zu großer Eile bewogen, das hätte kein Brief von Lamman oder Beck fertig gebracht, wohl aber einer von Thornton. Jetzt ging ihr ein Licht auf. Man hatte ihm eine gefälschte Botschaft von Thornton geschickt, darauf würde er wohl gleich anbeißen. Und er hatte 72 angebissen. Wohin? Die gedruckte Adresse auf dem Briefbogen gab ihr einen Wink, dem sie sogleich folgen wollte. Diese Gedanken waren ihr wie sausend durch den Kopf geflogen, und kaum hatte sie den Brief gelesen, so stopfte sie ihn auch schon in die Tasche und flog die Treppe hinunter. Ihr Rad hatte eine sehr hohe Übersetzung, und wie ein Vogel schoß sie davon. Auf jeden Fall mußte sie ihn erreichen, ehe er ahnungslos in diese Falle ging.

Dora kannte London wie ein Kaninchen seinen Bau, sie hatte einen stark ausgeprägten Ortssinn. Das ganze Straßenlabyrinth lag wie auf einer Karte vor ihrem inneren Auge. Wie ein Droschkenkutscher kannte sie die Straßen, die breiten und leeren, und die engen und sehr belebten, auch wußte sie, wo es bergauf und wo es bergab ging. Die Strecke, die Armitages Droschke durchfahren mußte, um von Tite Street bis Rodolph Row zu gelangen, lag klar vor ihr. Sie mußte ihn einholen, und sich tief über die Lenkstange neigend sauste sie auf ihrem Rad dahin.

Eine ganze Weile hatte sie glatte Fahrt. Die Straßen waren breit, leer und mit Holz gepflastert. Sie wußte, welch einen Vorsprung die Droschke hatte und wo es ihr vielleicht gelingen könnte, sie zu überholen. Es war ihr ein Trost, wenn sie einen schnellfahrenden Hansom hinter sich ließ. Bald aber geriet sie in die verkehrsreiche Victoria Road und befand sich in einem rauschenden Strom von Gefährten aller Art; sie fuhr im Zickzack, bald rechts durch eine Lücke, dann wieder zur Linken; es war eine gefährliche Fahrt und es gehörten sowohl Doras sicherer Blick wie ihre starken Nerven dazu. Glücklich gelangte sie bis Westminster. Whitehall hinauf hatte sie wieder freie Bahn. Trotz der erhobenen Hand eines Polizisten tauchte sie in den Wirbel des Strand, aber gleich hinter Charing Croß fühlte sie sich völlig eingekeilt, und es war ebenso unmöglich, vorwärts oder rückwärts auszuweichen, wie rechts oder links. Nun zum erstenmal, aber nur einen Augenblick, wollte ihr der Mut sinken. Sofort kam der tröstliche Gedanke, daß sein Wagen sich hier ebenfalls festgefahren haben müsse. Als die Fuhrwerke sich im Schneckentempo wieder in Bewegung setzten, drang sie allmählich bis zum Trottoir vor, 73 sprang vom Rad und begann auf dem Fußsteig neben ihrem Rad entlang zu laufen.

Es ist erstaunlich, was man einem hübschen jungen Mädchen alles verzeiht; ein Mann würde von der Menge mißhandelt werden, wenn er etwas derartiges versuchte. Ihre Bitte um Entschuldigung nahmen die Fußgänger freundlich auf und machten ihr tatsächlich Platz. Als sie sich dem Ende der Straße näherte, sah sie einen Wagen, der sich ungeduldig aus der Menge herauszuarbeiten suchte.

Ihre Augen hatten alle Wagen im Vorbeieilen durchsucht, aber Armitage in keinem gefunden; dieser eine Wagen entkam, ehe sie einen Blick hatte hineinwerfen können. Im nächsten Moment war auch sie wieder auf der Straße und sauste dem entfliehenden Hansom nach, dessen Tempo verriet, daß der Insasse doppelten Fahrlohn versprochen hatte. Es gab aber in London kein Pferd, das es mit Dora auf ihrem Rade aufgenommen hätte. Langsam verringerte sich die Entfernung zwischen ihr und dem Hansom, und als sie auf die gleiche Höhe gekommen war, schloß sie einen Moment in banger Erwartung die Augen. Sie fuhr jetzt direkt neben dem Fenster, und als sie den Blick hob, sah sie das scharf geschnittene Profil des jungen Armitage. Die Hände auf die Krücke des Regenschirms gestützt, kerzengerade aufgerichtet und scharf voranspähend, war er ein Bild namenloser Ungeduld. Dora klingelte wie närrisch, doch trug ihr das keinen Blick von ihm ein. Darauf holte sie ein loses Geldstück aus der Tasche und warf es gegen das Fenster. Das Klirren erweckte ihn aus seiner Versunkenheit, und ein Ausruf der Überraschung entfuhr ihm, als er Dora ganz leicht und anmutig neben dem wippenden Hansom dahingleiten sah. Sie machte ihm ein Zeichen anzuhalten. Er klopfte an die Klappe und der Wagen zottelte an den Kantstein. Sofort war das Rad an seiner Seite. Armitage öffnete den Schlag und rief: »Was gibt es, Dora, sagen Sie schnell. Ich bin in wahnsinniger Eile. Es geht ja auf Tod und Leben.«

Jetzt war aber Dora nicht mehr in Eile. Sie tat ein paar tiefe Atemzüge und fuhr sich mit einem dünnen Spitzenläppchen über das erhitzte Gesicht.

74 »Sie haben einen Brief vergessen,« sagte sie gleichmütig, »den wollte ich Ihnen nachbringen.«

»Und Sie kamen den ganzen Weg, nur um mir den Brief zu bringen? Das ist ja nicht möglich.«

»Ich weiß, daß es ein höchst wichtiger Brief ist,« sagte sie und zog den Brief heraus.

»Der? Wissen Sie, was darin steht? Nein, das können Sie ja nicht wissen.«

»O doch! Es ist in Geheimschrift die Mitteilung Ihres amerikanischen Freundes, daß er sich in großer Gefahr befindet und Sie bittet, sofort zu ihm zu kommen.«

»Aber wie um alles in der Welt konnten Sie das erraten?«

»Ich habe noch mehr erraten,« antwortete sie ruhig, »den Brief hat nicht Ihr Freund geschrieben, sondern Lamman, und Paul Beck steckt dahinter. Das ganze ist eine Falle, mein harmloser Freund.«

»Aber warum, wieso?«

»Ja, verstehen Sie denn nicht, daß Ihre Kenntnis der Geheimschrift gegen Sie zeugen würde? Auch hofft man wohl noch auf weitere Zugeständnisse von Ihnen.«

»Das glaube ich nicht. Wie könnten denn die beiden um meine Freundschaft mit Thornton wissen?« fragte er ungeduldig.

»Bitte, geben Sie mir jetzt keine Rätsel auf! Woher wissen denn die beiden, daß Sie als Littledale das Telegramm gefälscht haben? Woher weiß Beck so ziemlich alles, was er wissen will? Das kann ich Ihnen ebenfalls nicht sagen und doch ist es so.«

Armitage war nicht überzeugt. »Es war außerordentlich lieb von Ihnen, mir so nachzujagen. Ich verstehe ebenso wenig, wie Sie das fertig brachten, als wie Sie erraten konnten, was in dem Briefe stand. Sie sind ein Weltwunder! Und höchst wahrscheinlich haben Sie recht mit dem Brief, immerhin besteht doch auch die Möglichkeit, daß Thornton wirklich in Verlegenheit ist und meiner bedarf.«

»Mr. Thornton ist in New York. Was könnte er denn von Ihnen wollen?«

»Das weiß ich nicht, aber –«

»Aber Sie wollen Beck blind in die Falle laufen?«

»Durch Sie gewarnt, werde ich auf meiner Hut sein.«

»So wollen Sie doch hingehen?«

75 »Ja,« erwiderte er etwas gedehnt, »wenn Sie nichts dagegen haben?«

»Ich habe sehr viel dagegen. Ich lasse Sie nicht gehen. Ich hänge mich an Ihren Rock, um Sie festzuhalten. Bedenken Sie, daß Norma Sie meiner Obhut anvertraut hat; ich will dies Vertrauen rechtfertigen.«

Armitage fand sie besonders hübsch in ihrer Aufregung; wie animiert und entschlossen sie aussah, als sie ihm halb im Ernst und halb im Scherz mit physischer Kraft drohte. Obwohl er zugeben mußte, daß vieles für ihre Auffassung sprach, war er doch im Herzen davon überzeugt, daß Thornton den Brief geschrieben hatte und seiner bedürfe. Er müßte ja ein erbärmlicher Wicht sein, wenn er den Freund im Stich ließe.

Die scharfen blauen Augen lasen ihm die Gedanken von der Stirn, und Dora ging sofort von der Drohung zur flehentlichen Bitte über.

»Tun Sie, was Sie wollen,« sagte sie. »Alles, um was ich bitte, ist nur ein kurzer Aufschub. Dem Hotel gegenüber ist ein kleines Restaurant – Jammet. Ich sterbe geradezu vor Hunger und Durst und ich finde, Sie schulden mir ein Diner nach der Fahrt, die ich, ob mit Recht oder Unrecht, in Ihrem Interesse unternahm. Lassen Sie uns da hineinschlüpfen und uns am Fenster einen Tisch nehmen, wo Sie die Hoteltür im Auge behalten können. Wenn nicht Lamman oder Beck, vielleicht auch beide, das Hotel verlassen, bevor wir unser Mahl beendet haben, so will ich zugeben, daß ich mich geirrt habe, und Sie können Ihrem Freund zu Hilfe eilen. Sind Sie einverstanden? Ich bin wirklich grausam hungrig und allein kann ich natürlich nicht dorthin gehen. Eine Mahlzeit bei Jammet ist aber wie ein schöner Traum, das weiß ich aus Erfahrung.«

Noch immer zögerte er.

»Wenn Ihr Freund in dem Hotel ist,« suchte sie ihn weiter zu überreden, »so kann er nicht fortgehen, ohne daß Sie ihn sehen. Sie glauben doch nicht, daß er etwa ermordet wird, während wir gegenüber speisen?« Die blauen Augen hoben sich mit eindringlichem Flehen zu den seinen. »Sagen Sie ›Ja‹, ich bin so hungrig.«

Da gab er den Widerstand auf. Sie hatten auf dem Fußsteig miteinander verhandelt, während der Kutscher mit gutmütigem Lächeln wartend auf sie 76 heruntersah. Nun zahlte Armitage ihm die doppelte Taxe und mit einem »Vielen Dank und viel Vergnügen!« fuhr er strahlend davon.

Armitage schob Doras Rad, während sie ihm den Weg zu dem gar nahen Restaurant zeigte. Er hatte keine Ahnung gehabt, wie nahe er seinem Ziel gewesen war. In sieben Minuten kamen sie zu dem Seiteneingang des Restaurants Jammet. Durch die breiten Fenster an der Straße hatte man einen vollen Blick auf den Eingang des Hotels, über dem »Macklin« in vergoldeten Buchstaben prangte.

Armitage setzte sich mit dem Gesicht nach der Straße, und Dora ihm gegenüber begann sich sogleich in das Menu zu vertiefen. Sie kannte dies Lokal recht gut, hatte häufig mit Bekannten hier gefrühstückt oder zu Abend gegessen; es war ja ein bißchen abgelegen, dafür aber ruhig und anheimelnd, außerdem gab's hier die beste Küche und die feinsten Weine. Die Räume waren sehr einfach, dagegen aber Gedeck, Geschirr und Gläser von kostbarster Feinheit.

Dora spielte einige Minuten mit dem Menu. »Haben Sie einen besonderen Wunsch?« fragte sie. »Nein? Dann werde ich bestellen, und Sie werden bezahlen – damit wir beide beschäftigt sind.«

Sie stellte ein exquisites kleines Diner zusammen und weigerte sich energisch, dieses Göttermahl durch trockenen Sekt zu entweihen. Sie bestellte einen schweren alten Rheinwein, der wie flüssiges Gold in den Gläsern funkelte. – –

Langsam schälte sie sich einen Pfirsich und nippte an ihrem Wein, ohne Armitages Ungeduld zu beachten.

»Jetzt dürfen Sie rauchen; Sie bekommen vorzügliche türkische Zigaretten hier.«

»Danke,« antwortete er etwas kurz, »ich mag jetzt nicht rauchen.«

Er leerte hastig sein Glas und streckte die Hand aus, um sich wieder einzuschenken, blieb aber mit der Hand am Hals der Flasche unbeweglich sitzen.

Zwei Herren verließen das Hotel gegenüber. Der eine war Lamman, den Hut tief ins Gesicht gedrückt; der andre ein dicker, rosiger Geck mit dummem, gutmütigem Gesicht.

Als sie über den Fahrdamm schritten, hatte Armitage 77 einen Moment die Empfindung, als ob Lamman sein Gesicht am Fenster erkannt habe und erschrocken sei; der andre aber nahm in diesem Augenblick Lammans Arm und schien ihm einen Scherz zuzuflüstern, denn sein bis dahin finsteres Gesicht erheiterte sich, und beide lachten herzlich und gingen ohne einen weiteren Blick nach dem Fenster vorüber.

Während Armitage hinausstarrte, beobachtete ihn Dora scharf und las die ganze Begebenheit aus seinen Mienen.

»Nun,« fragte sie mit spöttischem Lächeln, »sind Sie jetzt zufrieden?«

»Ich bitte Sie herzlich um Verzeihung, Miß Myrl, Sie hatten wieder einmal recht. Es war eine Falle, doch –«

»Doch wünschen Sie sich völlig davon zu überzeugen, daß Ihr Freund sich nicht in Verlegenheit befindet. Dagegen habe ich nichts mehr einzuwenden. Zahlen Sie erst für unser Diner – ich glaube, Sie haben noch nie ein besseres, aber auch kein teureres gegessen – und dann gehen wir hinüber und fragen.«

»Nein, ein Mr. Thornton wohnt nicht im Hotel,« sagte ihnen der Portier, »aber zwei Herren, die erst vor kurzem fortgingen, aßen in einem der Privatzimmer und gaben mir den Auftrag, wenn jemand nach Mr. Thornton fragen sollte, ihn sofort hinaufzuführen. Sie sind wohl der erwartete Herr? Ihre Freunde waren sehr enttäuscht, Sie verfehlt zu haben.«

»Das glaube ich gern,« murmelte Dora, als sie wieder auf der Straße waren. »Aber sagen Sie mir, Mr. Armitage, hatte der zweite liebenswürdige Herr einige Ähnlichkeit mit Ihrem Retter, Mr. Peter Baxter?«

»Nicht im entferntesten,« rief Armitage, vielleicht innerlich erfreut, daß Dora mit ihren Ideen diesmal völlig auf falscher Fährte war. »Er sah ganz anders aus.«

»Dann bin ich erst recht überzeugt, daß er es war,« dachte diese scharfsinnige junge Dame bei sich.


 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.