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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel
Die Photographie mit Namenszug

»Den Brief hätte ich haben müssen, Mr. Lamman, ich bin gar nicht mit mir zufrieden,« sagte Paul Beck, als er mit Lamman in dessen luxuriösem Palais in Park Lane beim Frühstück saß, nachdem er ihm seine Erlebnisse und seinen Mißerfolg im Ganymedklub berichtet hatte.

»Sie haben getan, was in Ihren Kräften stand,« erwiderte Lamman herzlich. »Das Glück war Ihnen nicht hold. Wie konnten Sie ahnen, daß er den kostbaren Brief verbrennen würde.«

»Ja,« gab Beck zu, »ein bißchen Glück gehört zu meinem Beruf, aber meines hat mich selten im Stich gelassen.«

»Mit dem Brief hatte es aber seine Richtigkeit?«

»Ja, ich war ein Tor, daß ich ihn mir durch die Finger gleiten ließ. Ich sah die amerikanische Marke und möchte wetten, daß ein Wechsel darin steckte und zwar kein kleiner. Die Sache ist ja ganz klar, Brief und Wechsel kamen von seinem Verbündeten in New York.«

»Wenn Sie dessen so gewiß sind, weshalb fassen Sie ihn nicht?«

»Haben Sie als Knabe mal versucht, einen Vogel zu fangen?« fragte Beck. »Wenn Sie sich bewegen, 59 ehe der Vogel in der Falle ist, so verscheuchen Sie ihn und haben das Nachsehen. Es hat keinen Zweck, jemand zu packen, wenn man ihn nicht festhalten kann. Ich zeigte Ihnen die Photographie, nicht wahr?«

»Ja, Armitage mit Schnurr- und Backenbart.«

»Littledale, bitte,« widersprach Beck lächelnd. »Das Bild wurde von Littledale aufgenommen, in die Bücher als Littledale eingetragen und von Littledale bezahlt. Wenn wir nur beweisen könnten, daß es Armitage ist.«

»Ich kann es beschwören.«

»Das nützt nichts, denn ein Dutzend Leute würden das Gegenteil beschwören, aber wenn wir ihn selbst dazu bringen könnten, es zuzugeben.«

»So dumm wird er doch nicht sein.«

»Man begeht leicht eine Torheit, wenn man verliebt ist. Littledale-Armitage ließ sich vor ungefähr drei Wochen für das Mädchen, das er liebt, photographieren.«

»Für Miß Lee? So eine Unverschämtheit!«

»Ja, der Photograph ist ein heller Kopf und hat viel Erfahrung. Er sagt, er weiß immer ganz genau, wenn ein junger Mann sich für seine Liebste photographieren läßt, und bei diesem sei er seiner Sache ganz sicher gewesen. Nun zweifle ich nicht daran, daß er das Bild mit seinem alten Namenszug an Miß Lee schickte, und wenn wir das Bild in unsre Hände bekommen könnten, hätten wir leichtes Spiel.«

»Glauben Sie, daß Sie es erlangen werden?«

»Wenn das Glück mir hold ist; aber ich kann nichts vorher sagen. Ja, bitte noch eine Tasse Kaffee, viel Rahm, bitte.«

Zwei Tage später fuhr Norma Lee in einem Hansom zu dem großen Laden von Redfern und wurde am Eingang von Dora Myrl erwartet.

»Verzeih, daß ich mich verspätete, ich konnte nicht wegkommen.«

»Tut nichts,« antwortete Dora mit ihrer gewohnten frohen Laune. »Mir macht es Spaß, die Leute zu beobachten. Eben ist eine von Kleptomanie besessene Dame fortgefahren; sie hatte einen Spitzenschal in ihrem Muff und Spitzen trägt man ja nicht gerade im Muff, wenn man sie ehrlich gekauft hat.«

»Dora, du bist wirklich bewundernswert; manchmal habe ich ordentlich Angst vor dir. Und wenn ich mal Spitzen 60 stehlen will, nehme ich dich gewiß nicht mit. Aber heute hätte ich gewünscht, daß du bei mir gewesen wärst. Es hätte dir gefallen, so viel kluge Leute waren da.«

»Frühstück bei Vernons, nicht wahr?«

»Ja, und so viele berühmte Leute, ich erkannte sie nach ihren Bildern in den Zeitungen. Meinen Tischherrn hatte ich noch nie gesehen, er war aber der netteste von allen.«

»Das erzähle ich Phil.«

»Erzähle nur, er war alt genug, um mein Vater zu sein, hatte überhaupt so etwas angenehm Väterliches an sich. Ich war Lil sehr dankbar, daß sie mir gerade den als Tischherrn gab. Er kannte fast alle Leute, die ich kenne, wußte, was für Spiele und welche Bücher ich liebe, und wir schwatzten wie ein paar alte Freunde.«

»Er hat ja ordentlich Eindruck auf dich gemacht. Aber komm jetzt; du hast den besten und empfindlichsten Schneider in London schon volle fünf Minuten mit der Anprobe warten lassen.«

»Einen Augenblick noch, Dora. Er wußte auch alles über Phil.«

»Wer?«

»Mein Tischnachbar.«

»Wie heißt er?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe den Namen bei der Vorstellung nicht verstanden und auf seinen Gläsern lag auch keine Karte, aber er schien mir bald gar nicht mehr fremd.«

»Ja, ja, das sagtest du schon,« unterbrach sie Dora, deren Interesse plötzlich erwacht war. »Was sagte er über Mr. Armitage? Antworte, schnell, schnell.«

»Nur Liebes und Gutes. Warum bist du so erregt, Dora. Was sollte er sonst wohl sagen? Meinst du, daß ich es anhören würde, wenn jemand schlecht von Phil spräche? Er scheint ihn von Kindheit an gekannt zu haben.«

»Hat Phil jemals von diesem Mann gesprochen?«

»Wie kann ich das sagen, ich weiß ja nicht einmal seinen Namen. Du bist heut wirklich unausstehlich, Dora. Er kennt Phil sehr genau, ließ sogar durchblicken, er wisse, daß er momentan Unannehmlichkeiten habe. Ich sagte natürlich nichts.«

»Natürlich nicht!« entgegnete Dora mit scharfer Ironie des Tones.

»Ja, aber er fragte nach meiner Adresse und ob er mir seinen Besuch machen dürfe.«

61 »Und was sagtest du?«

»Ich sagte natürlich ja. Er wollte heute kommen, aber ich sagte ihm, daß ich mit dir Besorgungen machen wolle. Was starrst du mich so an?«

Dora hörte sie anscheinend gar nicht. Ihre Gedanken arbeiteten rastlos. »Er muß es sein,« dachte sie, »das sieht ihm so ähnlich, seinen Namen verheimlichen und herausfinden, wann sie nicht zu Hause ist. Was hofft er denn aber nur bei ihr zu entdecken? – O –« ein plötzlicher Einfall, der sie blaß werden ließ vor Schreck – »seine Photographie. Ich war ja verrückt, daß ich sie nicht längst zwang, das Bild zu verbrennen.« Laut sagte sie plötzlich: »Adieu, Norma, ich muß fort.«

Wie der Blitz war sie verschwunden, und Norma stand so erstarrt und ratlos da, daß einer der Ladenangestellten zu ihr trat und fragte: »Hat sie Ihnen etwas entrissen, Fräulein? Soll ich die Polizei holen?«

»Nein, nein, um Gottes willen! Sie ist meine beste Freundin; sie muß irgend etwas Dringendes vergessen haben.«

In fliegender Eile rief Dora sich vor dem Laden einen Hansom herbei. Sie nannte Normas Adresse und fügte hinzu: »So schnell Ihr Gaul laufen kann, ich zahle Ihnen doppelte Taxe.« Und fort ging es wie im Fluge. Die ganze Zeit peinigte sie der Gedanke: »Komme ich noch zur rechten Zeit?«

Als der Hansom um die Ecke fuhr, sah sie einen andern sich gerade in Bewegung setzen und erblickte noch den dunklen Rücken eines Mannes in der Haustür.

Sofort hatte sie ihren Plan fertig; sprang leichtfüßig aus dem Hansom und reichte dem Kutscher solch reichlichen Fahrlohn, daß er vergnügt davon fuhr.

Dann drückte sie auf den Knopf der elektrischen Glocke, öffnete sich aber zu gleicher Zeit mit dem Drücker. In der Halle stieß sie auf das Hausmädchen. »Still, Margaret, sprechen Sie leise. Ist nicht soeben ein Herr hinauf in den Salon gegangen?«

»Ja, Fräulein.«

»Haben Sie ihm die Tür geöffnet?«

»Nein – Elise. Ich hörte nur, wie er sagte, Fräulein habe ihn gebeten, sie zu besuchen und zu warten, bis sie wiederkäme.«

»So hat er Sie gar nicht gesehen? Das ist gut! 62 Her mit Ihrem Häubchen und Ihrer Schürze. Helfen Sie mir rasch!«

Das Mädchen war nicht auf den Kopf gefallen und begriff ihre Absicht sofort. Dora warf Hut und Jacke beiseite, setzte vor dem Spiegel das Häubchen mit den langen Bändern auf und band die weiße Schürze über ihr einfaches dunkles Kleid. In fünf Sekunden war sie in ein fesches Hausmädchen verwandelt.

Leise wie eine Katze schlich sie die Treppe hinauf und öffnete die Tür völlig lautlos. Im ersten Augenblick sah sie der Fremde, der das Gesicht dem Fenster zugekehrt hatte, nicht. Sie wußte, daß die Photographie auf einem kleinen Tisch an der Tür stand. Glücklicherweise wurde sie durch einen großen Strauß frischer Blumen fast völlig verdeckt. Doras Herz hüpfte vor Freude, als sie das Bild hinter den Blumen und Blättern gewahr wurde; rasch verbarg sie es unter ihrer Schürze und zwängte den Rahmen unter den Gürtel.

Nicht um einen Moment zu früh.

Der Fremde drehte sich plötzlich um. Ein Blick in dieses freundliche, kluge Gesicht mit dem entschlossenen Mund und Kinn zeigte Dora, daß ihre Befürchtung gerechtfertigt war. Es war der furchtbare Paul Beck, der sie lächelnd ansah. Ihr Herz klopfte rasend, doch ihr Gesicht verriet nichts davon. Sie war ein sehr hübsches, schüchternes kleines Hausmädchen, weiter nichts.

Herr Beck hatte einen sicheren Blick für weibliche Reize. »Noch nie sah ich ein süßeres Frauengesicht,« dachte er, als seine Blicke den lachenden Blauaugen begegneten.

Seltsamerweise nahmen Doras Gedanken eine ähnliche Richtung. »Kein Wunder, daß er Norma ganz gefangen nahm. Solch ein männliches und doch gütiges Gesicht; so recht ein Mann zum Liebhaben, zu dem man aber auch aufsehen muß. Schade, daß er zur Gegenpartei gehört.«

Auf seinen fragenden Blick sagte sie mit der Höflichkeit des wohlerzogenen Dienstboten: »Ich wollte nur fragen, ob ich dem Herrn ein Glas Wein oder Tee bringen darf. Meine Herrschaft wünscht, daß ich immer frage, ob etwas gewünscht wird, wenn jemand auf sie wartet.«

›,Danke nein; ich will Sie nicht bemühen.« Dora fühlte ihre Wangen erglühen unter seinem 63 bewundernden Blick. »Ich werde nicht lange warten können, möchte mir nur die hübschen Sachen in diesem Zimmer etwas ansehen, wenn das gestattet ist?«

»Gewiß, mein Herr,« antwortete sie ernsthaft in dem frohen Bewußtsein, daß die »hübsche Sache«, die er suchte, sicher unter ihrer Schürze verborgen war.

»Würden Sie mir wohl ein Blatt Papier besorgen?« fragte Beck und zog seinen Füllfederhalter heraus. »Ich möchte Ihrer Herrin ein paar Worte schreiben, wenn sie nicht bald kommt.«

Als Dora mit dem Papier wiederkam, wußte sie, daß Beck den Salon vergeblich abgesucht hatte, auf seinem gelassenen Gesicht zeigte sich jedoch keine Spur von Enttäuschung, und ruhig setzte er sich zum Schreiben nieder.

»Er wird einen Blick in das Schlafzimmer werfen, ehe er geht,« dachte Dora, »er wird sich einbilden, daß Norma das Bild dort hingestellt hat.« So ging sie in das Schlafzimmer hinüber und versteckte sich hinter den Bettgardinen.

Ihre Vermutung erwies sich als richtig. Sie hatte vergeblich auf das Öffnen oder Schließen der Tür gehorcht, oder auf Schritte auf der Treppe, plötzlich aber sah sie durch ein winziges Loch in der Gardine, wie die Tür sich geräuschlos öffnete und Beck im Türrahmen erschien. Sie sah, wie seine Augen das Zimmer durchsuchten; da wurde die Versuchung, ihn aus seiner Ruhe aufzuschrecken, übermächtig in ihr. Sie kam plötzlich hervor und stieß einen Schrei aus, als sie den Eindringling bemerkte.

Beck zeigte keinerlei Aufregung über ihr unerwartetes Auftauchen. Er blieb vollkommen Herr der Situation.

»Erschrecken Sie nicht, mein Kind,« sagte er beruhigend, »ich habe mir die Finger mit der dummen Feder beschmutzt und, wie ich fürchte, auch das Gesicht. Ich sehe mich nach Wasser zum Waschen um. Vielleicht sind Sie so freundlich, mir das Badezimmer zu zeigen?«

Er hatte einen deutlichen Tintenspritzer an der Nase, auch seine Fingerspitzen waren beschmiert, er hatte also die Entschuldigung für den Notfall vorbereitet. Seine Ruhe entzückte Dora, und ohne ein weiteres Wort wies sie ihm den Weg, drehte den Warmwasserhahnen auf und legte ihm ein Handtuch hin.

64 »Ich fürchte, ich habe Sie erschreckt, mein Kind,« sagte Beck, »Sie hielten mich wohl für einen Einbrecher?«

»Ach nein,« erwiderte Dora schüchtern, »im Gegenteil.«

Diese naive Antwort machte dem Besucher Spaß. »Im Gegenteil,« wiederholte er lächelnd, »das gefällt mir.«

Seine unverändert gute Laune war Dora rätselhaft, weil sie wußte, daß er seinen Zweck nicht erreicht hatte.

»Soll ich etwas bestellen?« fragte sie an der Haustür, als er ein Zweischillingstück in ihre Hand gleiten ließ.

»Nein, mein Kind, zu bestellen ist nichts, ich werde mir ein andermal das Vergnügen machen.« Dann vergaß er in der Eile noch, seinen Namen zu nennen, worüber sie sich durchaus nicht wunderte.

Dora warf das Geldstück in die Höhe und fing es wieder.

»Davon trenne ich mich nie, das ist ein Heckpfennig und muß mir Glück bringen.«

Als Norma nach einer halben Stunde heimkam, fand sie die flüchtige Freundin als Hausmädchen verkleidet und mit dem Geldstück spielend.

»Was für ein neuer Unsinn ist das?« begann sie, während sie in dem Zimmer hin und her ging; plötzlich vermißte sie das Bild an seinem gewohnten Platz. »O Dora, was hast du damit angefangen?«

»Dort ist es,« sagte Dora ruhig und wies auf ein Häufchen Asche im Kamin.

»Du böses Mädchen! Du hast doch sein Bild nicht wirklich verbrannt?«

»Ja, und du wirst es mir auf den Knieen danken, wenn ich dir erzähle, warum ich es tat.«

Norma hörte atemlos auf die Erzählung der Freundin.

»Darf ich den Rahmen behalten?« fragte Dora, nachdem sie geendet.

»Sicherlich, Liebste, aber warum willst du ihn haben?«

»Um Pauls Bild hineinzustecken. Ich bin ganz verliebt in den Mann. Ach, Norma, der ist ja zehn von deinen alltäglichen Phils wert. Wäre er doch auf unsrer Seite statt auf der andern!« 65


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