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Paul Becks Gefangennahme

Mathias McDonnell Bodkin: Paul Becks Gefangennahme - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitlePaul Becks Gefangennahme
authorMc Donnell Bodkin
year1911
firstpub1911
translatorBerta Pogson
publisherJ. Engelhorns Nachf.
addressStuttgart
titlePaul Becks Gefangennahme
pages160
created20130624
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel
Verteidigung

Mit wachsender Ungeduld wartete Phil Armitage auf den versprochenen Brief aus New York. Es gibt 52 nichts Aufregenderes als Ungewißheit. Kein Gedanke an eine Gefahr beunruhigte ihn. Er wußte, daß Lamman toben und fluchen würde und freute sich im stillen darüber, denn er glaubte sich vor Verfolgung völlig gesichert. Aber eine große Ruhelosigkeit kam über ihn, er versuchte, zu lesen, und verstand nicht, was er gelesen hatte; nachts quälten ihn unbestimmte Träume, auf die er sich morgens nicht mehr besinnen konnte und die ein Gefühl kommenden Unheils in ihm hinterließen. Er hielt sich von Norma fern, denn er wollte nichts verraten, bevor er alles erzählen konnte. Langsam ging eine Woche vorüber, da kam endlich der sehnlichst erwartete Brief morgens mit dem heißen Wasser, ein dicker, eingeschriebener Brief in festem Umschlag. Er sprang aus dem Bett, verriegelte die Tür hinter dem Hausknecht und kuschelte sich recht behaglich von neuem in sein Bett, um zu lesen.

»Mein lieber Armitage!« hieß es da. »Du hast natürlich den Littledale zu dieser Zeit vollständig ausgezogen. Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, daß Marconi für uns ein großer Coup war. Stundenlang war hier alles wie von Sinnen. Als der Sturm vorübergebraust war, besaßen Thornton & Sohn gerade eine Million Dollars mehr als vorher und die Standard Oil-Leute eine Million weniger. Wie ich höre, muß Dein lieber Freund Lamman die Zeche bezahlen, so hast Du ihm also gut heimgezahlt. Ich wußte, daß Du das Spiel aufnehmen würdest, sobald Dir die Gelegenheit geboten würde. Für uns beide eine feine Sache, denn, wie verabredet, teilen wir die Beute. Ich lege Dir daher einen Scheck über Deinen Anteil an dem Raub bei.«

Armitage wandte das Blatt und fand die Tratte zwischen den Bogen. Wie verzaubert starrte er auf die Summe und wagte kaum, seinen Augen zu trauen. Dann faltete er vorsichtig das kleine Papier, das einen so horrenden Wert repräsentierte, zusammen, steckte es in sein Portemonnaie und nahm dann seinen Brief wieder auf.

»Ich habe es arrangiert, daß die Tratte unter keinen Umständen auf uns zurückgeführt werden kann, und mein Rat ist: leg das Geld fest und gib das Spekulieren auf. Heirate Deine Liebste, Norma hieß sie, nicht wahr? Und lebe glücklich, bis an Dein seliges Ende. Irene Thornton sendet Dir herzlichste Grüße 53 – ihr Gesicht findest Du auf dem Siegel des Briefes. Ist sie nicht wie eine Blume? Ich würde noch mehr sagen, aber sie guckt mir über die Schulter, und ich möchte ihrer Eitelkeit nicht zu sehr schmeicheln. Leb wohl, alter Freund, bring Deine Frau einmal herüber zu uns, wenn Du sie noch kriegst; Irene wird schon für sie sorgen, und ich –«

Hier brach der Brief ab, doch folgten die Worte: »Kommen Sie, bitte. Irene«, von einer Frauenhand geschrieben.

Phil legte den Brief neben sich; ihm schwindelte und es fiel ihm schwer, sich klarzumachen, daß er so plötzlich zu diesem Riesenvermögen gekommen war. Aber allmählich durchströmte ihn reinstes Entzücken.

Er zog sich rasch an und nahm seinen gewohnten Platz im Frühstückszimmer am Fenster ein, von wo er auf die Themse hinausblickte. Während er wartete, las er seinen Brief noch zweimal durch, steckte ihn wieder in den Umschlag und legte ihn neben sich auf den Tisch. Dann machte er sich frisch über sein Frühstück. Während der ganzen Zeit erfüllte ihn tiefste Befriedigung; jetzt konnte er Norma heiraten, denn die Bedingung ihres Vaters war erfüllt.

Niemals vergaß er die Glückseligkeit dieses Morgens; noch nie hatten ihm die Speisen so geschmeckt, dazu der tanzende Sonnenschein auf der Themse, das Zwitschern der Vögel in dem Terrassengarten unter ihm, all diese Einzelheiten schienen sich für immer seiner Seele einzuprägen.

Da zerstörte etwas den Traum. Der lautlos sich bewegende Kellner setzte eine Schüssel auf den Tisch und warf dabei den Brief hinunter. Armitage erwachte sofort und bückte sich nach dem Brief, doch der Kellner war noch schneller und überreichte ihm den Brief mit einer leise gemurmelten Bitte um Verzeihung wegen seiner Ungeschicklichkeit.

Armitage ärgerte sich über seine eigene Sorglosigkeit, dankte dem Kellner und versenkte den Brief in die Brusttasche. Im nächsten Moment aber kam ihm ein besserer Gedanke. Am andern Ende des Zimmers brannte ein helles Feuer im Kamin, rasch schritt er hinüber, ließ den Brief in die Glut fallen und wartete, bis auch das letzte Restchen verbrannt war. Er stieß wieder auf seinen Kellner in der Tür der Garderobe, wunderte 54 sich, was der wohl da zu suchen hatte, gab ihm aber in seiner Herzensfreude ein recht reichliches Trinkgeld.

Es gibt Tage im Leben eines jeden Menschen, auch wenn er ganz frei von Eitelkeit ist, wo er gern besonders gut aussehen möchte. Solch ein Tag war heute für Armitage, und er putzte sich in der Garderobe mit großer Sorgfalt, die Krawatte wurde frisch gebunden, der Scheitel noch verbessert, und der Rock gründlich abgebürstet. Nachdem er seinen Paletot angezogen hatte, fuhr er zufällig mit der Hand in die Brusttasche und vermißte seine Brieftasche. Sofort machte er sich auf den Weg nach dem Frühstückszimmer, begegnete aber schon unterwegs dem diensteifrigen Kellner mit der Brieftasche in der Hand. Er hatte sie, wie er sagte, unter dem Stuhl gefunden und hoffte, sie zurückzuerstatten, ehe sie vermißt wurde.

Die beiden jungen Mädchen Norma und Dora waren zu Hause, als Armitage sich eine Stunde darauf bei Norma im Belgrave Square melden ließ. Die Herrin saß mit gekreuzten Beinen wie ein Schneider in einem der tiefen Sessel und strickte an einer rotseidenen Geldbörse. Dora saß auf dem Boden auf einem Haufen Kissen und las; sie legte ruhig ihr Buch aufgeklappt neben sich, während Norma flink die Füße zu Boden gleiten ließ, als Philip so unerwartet in der Tür erschien.

»Was gibt's?« riefen beide, denn sie sahen ihm an, daß er eine große Neuigkeit für sie hatte. Norma gab ihm kaum die Hand und stieß ihn gleich auf den Sessel nieder, von dem sie bei seinem Eintritt aufgesprungen war.

»Ich habe euch eine sehr seltsame Geschichte zu erzählen.«

»Was denn?« rief Norma aufgeregt, »ich sterbe schon vor Neugierde.«

»Soll ich hinausgehen?« fragte Dora ernsthaft.

Ehe Armitage antworten konnte, rief Norma hastig abwehrend: »Nein, nein. Wenn du gehst, Dora, gehe ich auch und ich komme ja bald um vor Neugier.«

Nun bestand auch Armitage pflichtgemäß auf ihrem Bleiben, und Dora ließ sich mit einem Märtyrerblick und den Worten: »Wenn es denn sein muß«, wieder auf ihren Kissenhaufen sinken.

»Sieh, die Heuchlerin,« lachte ihre Freundin, »und 55 dabei möchte sie brennend gern alles hören. Fang gleich an, Phil, und spann' uns nicht auf die Folter.«

Er erzählte nun seine wunderbaren Erlebnisse vom Anfang bis zum Ende. Die Mädchen hörten ihm mit gespanntester Aufmerksamkeit zu. Dann rief Norma in ihrer strahlenden, übersprudelnden Freude: »Eine halbe Million Dollars, Phil? Wieviel Pfund sind das? Einhundertzwanzigtausend! Nein, ist das herrlich! Das klingt ja wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. Und noch dazu, daß dies Geld von dem abscheulichen Mr. Lamman stammt, der dir solch bösen Streich gespielt hat, das ist ja wundervoll. Ich freue mich unbeschreiblich.«

Sie kam zu ihm mit ausgestreckten Händen und glückstrahlenden Augen. Phil Armitage bedauerte in diesem Augenblick wohl, daß Dora im Zimmer war. Norma las etwas in seinen Augen, worauf sie errötend auf die Freundin blickte, welche ernst und schweigend vor sich hinstarrte.

»Was ist denn dir passiert, Dora? Du sagst kein Wort, hast keinen Glückwunsch für Phil? Vielleicht,« rief sie mit plötzlichem Zorn, »hältst du es gar für unrecht, daß er sein Geld von dem Kerl, dem Lamman, wiederhaben wollte.«

»Nein,« sagte Dora langsam, »das finde ich ganz berechtigt, aber –«

»Was gibt es denn da für ein ›Aber‹?«

»Es ist gefährlich. Lamman ist, soweit ich ihn beurteilen kann, nicht der Mann, sich über so etwas zu beruhigen.«

»Meinetwegen kann er tun, was ihm beliebt,« sagte Armitage unbekümmert.

»Er ist gegenwärtig schon an der Arbeit, daran zweifle ich nicht. Übrigens, was haben Sie mit dem Brief gemacht?«

Des Mädchens Antlitz, Stimme und Wesen hatten sich gänzlich verändert. Scharf, klar und entschlossen, hätte niemand in ihr die frohe, lachende Dora Myrl, die man gewohnt war im Salon zu sehen, wiedererkannt.

Armitage lächelte über die Veränderung. Dora Myrl, der berühmte weibliche Detektiv, die schon manch schweres Verbrechen aufgedeckt, manch tiefes Geheimnis enträtselt hatte, hatte er niemals ernsthaft genommen; er glaubte nicht an ihre Fähigkeit.

56 »Ich habe ihn ganz und gar verbrannt,« sagte er gutmütig. »Genügt das Euer Gnaden?«

Sie nickte. »So weit ja.«

»Erst wollte ich ihn mitbringen, besann mich dann aber anders.«

Er erzählte, wie der Kellner den Brief vom Tisch geworfen hatte und wie er ihn erst in seine Brusttasche gesteckt hatte. »Im selben Augenblick kam mir der Gedanke, wie gefährlich es sei, wenn er in fremde Hände geriete; deshalb verbrannte ich ihn und war froh, daß ich es getan hatte, als ich meine Brieftasche vermißte.«

»Sie vermißten Ihre Brieftasche? Wie kam das?«

»Aber Dora, du stellst ja das reine Kreuzverhör an.«

»Norma, bitte, verzeih' einen Augenblick. Die Sache ist ernst.« Dann wandte sie sich wieder an Armitage. »Wie kam das mit der Brieftasche?«

Er erzählte es. »Ich war ja wie berauscht vor Freude und habe wohl daneben gegriffen, als ich meinte, sie in die Tasche zu stecken.«

»Unsinn, Mr. Armitage. Die Brieftasche wurde entwendet und zurückgegeben, nachdem sie nach dem amerikanischen Brief durchsucht war. Es war ein Glück, daß Sie es bemerkten, als der Kellner den Brief vom Tisch schob, sonst hätten Sie ihn nie wieder gesehen. Ich errate, wer der Kellner war. Man erzählt, er sei ein wunderbarer Kellner, wie er eben ein Wunder in allem ist.«

»Wer ist dies Wunder, wenn ich fragen darf?«

»Lachen Sie nicht, Mr. Armitage; die Sache ist durchaus nicht zum Lachen, wenn es sich so verhält, wie ich glaube. Was Sie mir soeben erzählt haben, bedeutet, daß Ihre Feinde Sie ausfindig gemacht haben und auf Ihrer Spur sind.«

Norma schrie auf und schloß der Freundin mit der Hand den Mund. »Um Gottes willen, Dora!«

»Ich möchte dich nicht beunruhigen, mein Liebling; aber wenn wir uns Scheuklappen vorbinden, gewinnen wir hier nichts.«

»Er tat aber doch Lamman nichts andres, als der zuerst an ihm getan.«

»Er tat recht und Lamman unrecht, wenn du so willst; aber Lamman kam nicht mit dem Gesetz in Konflikt, so wie er.«

»Können sie ihn bestrafen?«

57 »Erst müssen sie ihn überführen, und das müssen wir zu verhindern suchen.«

Unwillkürlich machte ihr Eifer Eindruck auf Armitage; er lächelte nicht mehr. »Sie glauben, der Kellner war ein Spion?«

»Ich glaube, es war ein Detektiv, Mr. Armitage – und zwar der fähigste und bedeutendste, den es gibt. Es ist ja klar, daß der Mann, wer er auch sein mag, argwöhnt, daß Mr. Philip Armitage und Littledale, der Telegraphenbeamte, ein und dieselbe Person sind. Weiter ist klar, daß er es nicht beweisen kann, sonst würde er nicht auf der Lauer liegen und Beweise zu erhaschen suchen.«

»Jetzt, wo Sie es erwähnen, weiß ich, daß ich einige Male die unbestimmte Empfindung hatte, als wenn ich beobachtet würde; ich konnte aber keinen greifbaren Grund für dies Gefühl finden.«

»Instinkt ist oft nützlicher als plausible Gründe.«

»Im Klub passierte mir noch eine kleine Sache, an die ich bisher kaum einen Gedanken verschwendete; auch jetzt erscheint sie mir kaum des Erwähnens wert.«

»Alles ist hier der Erwähnung wert.«

»Eines Abends, als ich zu Bett ging, ließ ich meinen Kragenknopf fallen; ein kleines Knöpfchen aus Perlmutter, das wegrollte. Ich ließ ihn liegen, weil ich dachte, ich würde ihn am Morgen mit Leichtigkeit finden. Ich fand ihn auch am nächsten Morgen, aber total zerquetscht. Es ist mir unerklärlich, wie der Knopf so zerbrechen konnte.«

»Mir nicht. Ein schwerer Mann in Filzpantoffeln trat darauf, während Sie schliefen. Hatten Sie die Tür abgeschlossen?«

»Ja, ich schließe stets ab; die Tür war auch morgens noch verschlossen.«

»Dann kam er also durch die verschlossene Tür herein, um Ihr Zimmer zu durchsuchen; das bestätigt meinen Verdacht. Lamman hat den gefährlichsten Detektiv engagiert, und der ist Ihnen auf der Spur.«

»O Dora, was sollen wir nur tun?« rief Norma, »und ich war so glücklich! Dies ist zu furchtbar!«

Armitage war sich der Gefahr, in der er schwebte, jetzt völlig bewußt, warf aber Dora rasch einen bittenden Blick zu, den sie mit einem leisen Nicken beantwortete.

58 »Die Gefahr ist ja nicht groß, du Schäfchen, wir müssen nur gut aufpassen.«

»Wirst du alles für Phil tun? Ich weiß, du kannst ihn retten.«

»Wenn Mr. Armitage meine Dienste annehmen will.«

»Mein verehrtes Fräulein, ich freue mich, Sie als ersten Ratgeber der eingeleiteten Verteidigung begrüßen zu dürfen.«

Dora fühlte den tiefen Ernst, der aus den scherzhaften Worten hindurchklang, mit denen er Norma beruhigen wollte, und nickte ihm zu.

»Darf ich mir noch die Frage erlauben,« fuhr er in demselben scherzenden Ton fort, »wie ist der Name des Leiters der Gegenpartei? Sie glaubten ihn ja zu kennen.«

»Ich bin meiner Sache ziemlich sicher, denn kein andrer wäre Ihnen so geschwind auf die Spur gekommen. Haben Sie jemals von Paul Beck gehört?«


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