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Patriotischer Beitrag zu Deutschlands höchstem Flor

Christoph Martin Wieland: Patriotischer Beitrag zu Deutschlands höchstem Flor - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleC. M. Wieland's sämmtliche Werke. Dreißigster Band.
authorChristoph Martin Wieland
year1857
firstpub1781
publisherG. J. Göschen'sche Verlagshandlung
addressLeipzig
titlePatriotischer Beitrag zu Deutschlands höchstem Flor
pages20
created20131127
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Christoph Martin Wieland.

Patriotischer Beitrag
zu

Deutschlands höchstem Flor,

veranlaßt

durch einen im Jahr 1780 gedruckten Vorschlag
dieses Namens.

 


 

So haben wir sie denn endlich erlebt, diese von Barden und Allraunen geweissagte, aber selbst von Barden und Allraunen nicht so nahe geglaubte Zeit! Nicht erst unsere Urenkel oder die Enkel unserer Urenkel, nein, wir selbst werden sie sehen! Es nähert sich das goldene Alter Deutschlands – ja, was sag' ich? Es ist schon da!

Magnus ab integro Seclorum nascitur orde,
Jam redit et Virgo, redeunt Saturnia regna!
Virgils vierte Ekloge:
    Wiederum erneut sich die große Folge der Säkeln,
    Schon auch kehrt Asträa, es kehrt die saturnische Herrschaft. Voß.

Deutschland in seinem höchsten Flor! In einem Flor, worin noch kein Land, kein Volk der Erde gestanden, seitdem es Völker auf Erden gibt! In einem Flor, der Germanien zur Königin der Länder, die zukünftige deutsche Akademie zur Königin aller Akademien und das neue Reichskammer-Gerichtsarchiv zum Urbild aller Archive machen wird! Selige, goldner als goldne Zeit!

Eilet, sagten die Parcen zu ihren Spindeln, die schönen
Tage zu spinnen!

Und dreimal glücklich wir, daß wir sie erlebt haben! Und, o! des glorreichen, vor allen andern Jahrhunderten verherrlichten achtzehnten Jahrhunderts, dessen letztes Fünftel ausersehen ist, seine zahlreichen Wunder mit dieser unsere verwegensten Wünsche übertreffenden Fülle von immer dauernder, immer steigender Nationalglückseligkeit zu krönen!

352 Sage mir Niemand: »Es ist ja nur ein Vorschlag!« – Was Vorschlag! Alles ist so gut, als ob es schon wäre. Das neue Reichskammer-Gerichtsarchiv steht schon in altgothischer Majestät vor meinen Augen da! Schon seh' ich die zehn oder zwölf Mitglieder der deutschen Akademie pragmatischer Wissenschaften ihre jährlichen Pensionen von zehn tausend Gulden einstreichen! Schon haben die deutschen Fürsten und Herren (die Reichsstädte hoffentlich mit eingeschlossen) von dem ihnen so edelmüthig zu zwei und ein halb Procent vorgestreckten Capital von zwei und siebzig Millionen Gulden ihre Schulden bezahlt! Kurz, was in sechs oder zehn oder zwölf Jahren unfehlbar seyn wird, ist so viel, als ob es jetzt schon wäre. Deutschland in seinem höchsten Flor, wenn es will! Da haben wir's mit klaren Worten! Deutschland darf nur wollen. Denn der Mann mit der wundervollen NasenwurzelLavat. physiognom. Fragmente, III. B. S. 161. sagte ja: Man kann Alles, was man will; und alles Volk sprach Amen! und seit dem sagen und glauben Leute mit allerlei Nasenwurzeln, daß man nur wollen dürfe!

Und wer wollte nicht wollen? Was ist leichter und mehr in eines Jeden Gewalt als wollen? Oder, falls es auch eines Bewegungsgrundes bedürfte, was für ein stärkerer Antrieb zum Wollen, als Alles können, sobald man will? Unsere schwachmüthigen, einfältigen Vorfahren, die ließen sich freilich so was nicht träumen! Die würden sich eingebildet haben, daß ein solcher Vorschlag zu den süßen patriotischen Träumen gehöre, deren man sich in guter Laune auf einen Tag bei Duzenden und Schocken träumen lassen kann, weil man nur träumen wollen darf, und gegen die weiter nichts einzuwenden ist, als daß sie – in dieser armen Alltagswelt – moralisch, politisch und ökonomisch unmöglich sind. Aber seitdem uns die große Wahrheit geoffenbart ist, daß man Alles kann, 353 was man will, seit dem kann von einer so schwachherzigen Einwendung die Rede nicht mehr seyn. Deutschland in seinem höchsten Flor, wenn es will – Zweifeln Sie nicht, edler, vaterländischer deutscher Mann! Deutschland will. Warum sollte es nicht wollen? Wer sollte nicht den höchsten Flor seines Vaterlandes wollen? O, ganz gewiß, es will! – Die herrlichen Zeiten! Ich sehe sie schon! Sie sind da! Deutschland will! Die allgemeine Freude, die allgemeine Schwärmerei, womit dieser eben so unverhoffte als glücklich ersonnene Vorschlag aufgenommen wurde, ist uns Bürge dafür. Kaiser und Reich, an welche derselbe gerichtet ist, können unmöglich die so offenbaren, so einleuchtenden Vortheile, die ihnen dargeboten werden, von sich weisen! Und es ist gar nicht zu zweifeln, daß sie, sobald das Ratificationsgeschäft des Teschner Friedens und die westphälische GrafensacheDie westfälischen Grafen hatten 1654 im Fürstenrathe eine Curiatstimme erhalten. In dieser Curie (Collegium) kam es zum Streite über das Religionsverhältniß, und dieser Streit wurde 1784 durch einen Vergleich dahin geendigt, daß die Stimme durch einen katholischen und protestantischen Gesandten vertreten wurde, welche zusammen nur eine Stimme haben, aber von Materie zu Materie abwechseln sollten. S. Reuß Staatscanzlei VII. 405. beendigt sind, nichts Dringenderes haben werden, als zu wollen, »daß Deutschland die höchste Stufe seines Glücks und Ansehens erreiche.«

Und man bedenke, nur mit einem Fond von hundert Millionen Gulden rheinisch! Welch ein geringer Aufwand, welch ein kleines, leichtes, in unser Aller Taschen (so wenig auch darin seyn mag) liegendes Mittel zu einem so großen Zwecke! Was sind hundert Millionen Gulden? Was sind sie für ein so reiches Land, wie Deutschland? für ein Land, dessen Einwohner, wenn man auch nur vierzig Gulden auf jeden Kopf im Durchschnitt rechnet, wenigstens tausend Millionen jährlicher Einkünfte haben? Welcher Ehrenmann, der zum Beispiel tausend Gulden jährlich einnimmt, wird nicht mit Freuden hundert Gulden hergeben wollen, um die sämmtlichen deutschen Reichslande in die allerblühendsten Umstände zu setzen? Hat der edle Erfinder des Vorschlags 354 also nicht vollkommen Recht, zu sagen, daß Deutschland nur wollen dürfe?

Indessen, so einleuchtend dieß Alles ist, so ist doch nicht zu bergen, daß sein Vorschlag über die Art und Weise, wie diese wahre Kleinigkeit der hundert Millionen Gulden zusammen gebracht werden soll, in der Ausführung mehr Schwierigkeiten finden dürfte, als sich der patriotische Verfasser im ersten Feuer der Erfindung vielleicht vorgestellt haben mag. – »Man hebt (spricht er) im Durchschnitte von jedem Morgen Land fünf, sechs oder zehn Kreuzer; so geben die neunzig Millionen Morgen, die in Deutschland wirklich angebaut werden, gerade neunzig Millionen Gulden.« – Das ist freilich leicht zu sagen, und eben so leicht ist's in der Vorstellung, »die deutschen Zins- und Zehntherren, die Juden, die getauften Handels- und Gewerbsleute, die Inhaber der Fischwasser und die gesammte Dienerschaft der deutschen Staaten binnen zwölf, zehn oder sechs Jahren mit einer Abgabe von zwölf Millionen zu belegen.« – Aber Sie glauben nicht, werthester Herr, was diese Auflage in Concreto in den zehn Reichskreisen, rücksichtlich auf die (wie Sie wissen) so sehr verschiedene physisch-ökonomische und noch ungleich verschiedenere und zum Theil (wie Sie gleichfalls wissen) höchst verwickelte bürgerliche Verfassung und Verhältnisse der unzähligen deutschen Staaten, in der Ausführung für leidige Schwierigkeiten und Hindernisse finden würde!

Ich habe daher, aus patriotischem Triebe, das Meinige nach Möglichkeit zu Beschleunigung eines so erwünschten Werkes beizutragen, auf einen kürzern, einfachern und nicht der geringsten erheblichen Schwierigkeit ausgesetzten Weg gedacht, wie die erforderlichen hundert Millionen Gulden zusammen gebracht werden könnten, und mein unmaßgeblicher Vorschlag ist folgender.

355 Man rechnet bekanntermaßen die Anzahl der sämmtlichen Bewohner des heiligen römischen Reichs deutscher Nation auf vierundzwanzig Millionen. Wahrscheinlich ist diese Zahl zu gering, und ein berühmter Gelehrter ist der Meinung, daß bei einer genauern Zählung des Volkes wohl siebenundzwanzig bis achtundzwanzig Millionen herauskommen dürften. Wir wollen es aber, um desto weniger einer Uebereilung beschuldigt zu werden, bei der runden Zahl der besagten vierundzwanzig Millionen lassen.

Diese vierundzwanzig Millionen Menschen vel quasi würden, wenn Deutschland (wie nicht zu zweifeln) will, auf die noch übrigen zwanzig Jahre dieses gegenwärtigen Jahrhunderts mit einer Kopfsteuer von einem Pfennig wöchentlich belegt, welche an jedem Ort auf die bequemste Weise erhoben und der ganze Betrag quartaliter von den höchsten und hohen Ständen an die allgemeine Reichsflorcasse frachtfrei abgeliefert würde.

Die vierundzwanzig Millionen Pfennige, welche solcher Gestalt wöchentlich erhoben werden, machen sechs Millionen Kreuzer, und diese sechs Millionen Kreuzer geben just die runde Summe von hunderttausend Gulden rheinisch. Diese Kopfsteuer würde also in einem Jahre genau fünf Millionen und zweimalhunderttausend Gulden abwerfen, folglich in zwanzig Jahren die von dem Herrn Erfinder des Projects verlangten hundert Millionen, mit einem Ueberschuß von vier Millionen, über deren Anwendung ich mich im Folgenden erklären werde.

Einem Jeden muß sogleich in die Augen leuchten, daß die jährlichen fünf Millionen und zweimalhunderttausend Gulden unmöglich auf eine einfachere und das werthe Publicum weniger belästigende Weise erhoben werden können, als 356 durch die vorgeschlagene wöchentliche Pfennigsteuer. Einzeln lebende Personen zahlen für sich selbst; jeder Hausherr oder Hausvater für sich und seine sämmtlichen Hausgenossen. Ich gestehe, daß dieß bei den Personen von den obersten Classen jährlich eine Abgabe von sechs, acht bis zehn Gulden machen kann. Allein, wer ein großes Haus halten kann, hat auch Einkünfte dazu; und ich bin versichert, daß in ganz Germanien kein einziger Biedermann athmet, der den höchsten Flor des lieben deutschen Vaterlandes nicht durch einen zwanzigjährigen wöchentlichen Beitrag von etlichen Pfennigen mit tausend Millionen Freuden bewirken helfen wollte. Schreibern dieses, der nur einen sehr unbedeutenden Pfahlbürger des heiligen Reichs vorstellt, würde es wöchentlich mit sechzehn Pfennigen und also jährlich mit drei Gulden achtundzwanzig Kreuzern betreffen: er erklärt sich aber hiermit bereit, nicht nur diese drei Gulden achtundzwanzig Kreuzer, sondern selbst das Triplum und Quintuplum, wenn's nöthig seyn sollte, willigst beizutragen, wenn dadurch auch nur der höchste Flor von Neuholland, Neuseeland, Feuerland oder Californien bewirkt werden könnte; geschweige denn zu einem Institut, wo es um nichts Geringeres als den höchsten Flor von Deutschland zu thun ist. Und welcher deutsche Patriot sollte nicht eben so denken und allenfalls nicht lieber zwier in der Woche fasten oder ohne Frühstück bleiben, als sich seinem Beitrage zu einem so glorreichen Werke entziehen wollen?

Was diejenigen betrifft, die so arm sind, daß sie auch nicht einmal einen Pfennig wöchentlich entbehren können, so versteht sich von selbst, daß ihnen (übrigens dem Bettelmandate jedes Ortes in allewege unbeschadet) erlaubt seyn müsse, ihren Pfennig von wohlthätigen Herzen zu erbetteln; 357 da denn mit nichten zu zweifeln ist, daß sich unter den Reichen und Vermögenden nicht ihrer genug und überflüssig finden sollten, die einander das Vergnügen noch streitig machen würden, ihre dürftigen Mitbürger durch ein so geringes Almosen in den Stand zu setzen, zu Deutschlands höchstem Flor Praestanda zu prästiren.

Wenn nun, nach diesem meinem Vorschlage, zu Ende des Jahres 1781 bereits fünf Millionen und zweimalhunderttausend Gulden erhoben seyn werden; so kann sogleich im Jahre 1782 mit Erbauung des vorgeschlagenen Reichs-Kammergerichts-Canzlei- und Archiv-Gebäudes der Anfang gemacht, die zu Straßburg und Aschaffenburg zerstreuten Kammergerichts-Acten herbeigeschafft, das deutsche Richter- und Advocaten-Seminarium, wie auch die zwei großen Philanthropine in jedem der zehn Reichskreise erbaut, das Kammergericht friedensschlußmäßig besetzt, und das sehr respectable besondere Executionsregiment zum Gebrauche desselben aufgerichtet werden!

Da Alles dieß, mit Einschluß der zu Bezahlung der philanthropinischen Lehrer und Versorgung armer Philanthropinisten jährlich erforderlichen zweihunderttausend Gulden, nach dem Anschlage des Herrn Verfassers erst vier Millionen wegnehmen wird; so könnte unmaßgeblich von der übrig bleibenden Million noch im Jahre 1782 das beträchtliche Landgut, das tüchtige Gebäude und das Laboratorium für die deutsche Akademie erkauft, erbaut und mit den nöthigen Geräthschaften versehen werden. Mit den noch übrigen zweimalhunderttausend Gulden müßten sich die Bedienten und Commissarien zur Ausführung und Besorgung dieser wichtigen Geschäfte, der Casse und Rechnungen anstatt der ihnen ausgeworfenen zweimalhundertundfünfzigtausend einstweilen begnügen lassen; 358 jedoch mit der ausdrücklichen Bedingung, daß ihnen der Abgang von dem Ertrage der künftigen Jahre baldmöglichst erstattet werde.

Die im Jahre 1782 eingehenden fünf Millionen könnten (nach dem Vorschlage des Herrn Verfassers S. 6. No. 9.) im Jahre 1783 zu Vermehrung des nöthigen Viehstandes im heiligen römischen Reiche verwandt werden. Den Spöttern, welche bei diesem Artikel einwenden könnten, »daß es nöthiger seyn dürfte, auf Verminderung des Viehstandes, zumal in gewissen bekannten Reichskreisen, Bedacht zu nehmen,« – gebührt gar keine Antwort.

Im Jahre 1784 können die zwei Arbeits- und Manufacturhäuser in jedem Kreise, und im Jahre 1785 auch die für jeden Kreis zu erbauenden beiden Arbeitshäuser zu Stande kommen. Und wenn dann der Ueberschuß, nebst dem Ertrag der Jahre 1785 und 176, auf die Urbarmachung und respective Austrocknung und Anbauung der morastigen Gegenden und öden Districte verwandt würde: so würde man im Jahre 1787 bereits mit Allem fertig seyn, wozu der Herr Verfasser die ersten achtundzwanzig Millionen bestimmt hat; und so könnte gleich im Jahre 1788 mit den Anlehen an die höchsten und hohen Stände zu Erleichterung ihrer Schuldenlast der Anfang gemacht werden.

Mein deutsch-patriotisches Herz wallet und überwallet mir vor Freuden, wenn ich an den blühenden, glücklichen und ehrenvollen Zustand denke, worin ich mein geliebtes Vaterland noch vor Abfluß dieses Jahrzehends zu sehen hoffen kann. Und wenn ich mir erst vorstelle, wie die leidigen Franzosen vor Neid über unsre Vorzüge gelb werden, wie die stolzen Engländer uns anstaunen, kurz, wie Sonne, Mond und Sterne kommen und sich vor uns zur Erde neigen 359 werden: so verjüngt sich meine Seele in mir, und ich fange an vor Freuden zu springen und zu jubeln und kann mich nicht enthalten, Deutschland hiermit stehenden Fußes um Erlaubniß zu bitten, daß ich dem Urheber unsrer Glückseligkeit, dem preiswürdigen Erfinder dieses weisen und in seiner Art einzigen Vorschlags von den ersten eingehenden fünf Millionen eine jährliche Pension von 25,000, sage fünfundzwanzigtausend Gulden rheinisch, für ihn und seine ehelichen Leibeserben, männlicher und weiblicher Linien, schöpfe und auswerfe; zu einem, wiewohl geringen, Zeichen der unendlichen Dankbarkeit der ganzen Nation für eine Wohlthat, welche nur durch das innere Bewußtseyn des verdienstvollen Urhebers nach Würden belohnt werden kann.

Sollte Deutschland noch überdieß wollen, daß ihm, etwa auf dem Platze des neuen Kammergerichts-Canzlei- und Archivgebäudes, dessen Stifter er ist, oder im Vorhofe der deutschen Akademie, eine metallene kollossalische Bildsäule errichtet würde; so würde ich einer solchen Auswirkung des vaterländischen Enthusiasmus nicht anders als meinen wärmsten Beifall zujauchzen können. Auch ist nicht zu zweifeln, daß der burgundische Kreis, dem der Herr Verfasser (über alles billige Verhoffen) eben so gut wie dem schwäbischen und westphälischen zwei Philanthropine, zwei Armenhäuser, zwei Arbeits- und Manufacturhäuser, zwölftausend Gulden für Urbarmachung und Grundverbesserung und fünfmalhunderttausend Gulden zu Vermehrung des nöthigen Viehstandes angewiesen hat, ihm für diese großmüthige Gleichstellung eine besondere verhältnißmäßige Erkenntlichkeit zufließen lassen werde.

Der ganze Ertrag, den die vorgeschlagene Pfennigsteuer in zwanzig Jahren abwirft, macht (wie schon gesagt) 360 einhundert und vier Millionen und also vier baare Millionen mehr, als der Herr Verfasser nöthig hat. Hierzu kommen noch die binnen zwanzig Jahren beizurechnenden fünf Schalttage, als welche noch fünf und ein Siebentheil einer Woche und also einundsiebzigtausendvierhundertachtundzwanzig Gulden drei Kreuzer und ich weiß nicht wie viele Heller eintragen werden. Allein wir brauchen wegen dieses Ueberschusses im mindesten nicht verlegen zu seyn. Ich will vor der Hand nur zwei Vorschläge, wie solche gemeinnützig angewandt werden könnten, in Anregung bringen, wiewohl sie vielleicht unter diejenigen gehören, die der Herr Verfasser des Projects S. 6 seines Werkes in petto behalten hat.

Der erste betrifft die vermuthliche Nothwendigkeit, außer dem oben bemeldeten besondern Executionsregiment zum Gebrauch des höchstpreislichen Kammergerichts, noch ein besonderes Executionsregiment zu allfallsiger Beitreibung der jährlichen Interessen, welche die deutschen Fürsten und Herren von den ihnen zu zweiundeinhalb pro Cent vorgestreckten Capitalien zu bezahlen haben werden, aufzurichten – wozu ich unmaßgeblich die jährlichen Interessen von drei Millionen vorgeschlagen haben wollte.

Sodann und zweitens möchten wohl die noch übrigen eine Million einundsiebzigtausendvierhundertachtundzwanzig Gulden drei Kreuzer schwerlich besser und gemeinersprießlicher benutzt werden können, als zu Erbauung und reichlicher Dotirung eines allen zehn Reichskreisen gemeinschaftlichen Hospitals, worin alle die wackern Leute, die vor lauter übermäßiger Weisheit, Deutschheit, Empfindsamkeit, Menschen- und Vaterlandsliebe in Abfall ihres Verstandes gekommen sind, lebenslänglich und standesgemäß versorgt würden.

361 Sollte dieser mein Bei- und Nachtrag zu Beförderung des großen Werkes, dessen Ausführung gewiß jeder wackere deutsche Landsmann mit mir aufrichtig wünschen wird, etwas beitragen können, wer würde glücklicher seyn als ich? – Ich muß indessen unter der Hand gestehen, daß ich selbst deßfalls in gewissen Augenblicken etwas schwachgläubiger bin, als einem tapfern Manne ziemt, und mich nicht ganz von der albernen Furcht los machen kann, Deutschland möchte etwa am Ende wohl gar nicht – wollen wollen. Das wäre ein verzweifelter Streich! – Und doch – warum sollten wir uns solche kleinmüthige Gedanken machen? Daß der Vorschlag Deutschlands höchsten Flor wirklich bewirken würde, daran kann ja gar kein Zweifel seyn. Die hundert Millionen sind auch da. Woran sollt' es also liegen? Ist denn Deutschland nicht eine moralische Person? Kann denn Deutschland, als eine solche, nicht wollen, was zu seinem Besten dient? Und da dieser große moralische Koloß achtundvierzig Millionen Arme hat (freilich sind auch einige Millionen Aermchen darunter!) warum sollte er nicht Alles können, was er will? – Also, wer ein echter blauäugiger und goldhaariger Deutscher ist, ziehe seinen Seckel, und die Spötter sollen bald zu Schanden werden!

Doch nein! – In diesem Lucianischen Tone will und darf ich über einen Gegenstand, wie dieser, nicht aufhören! Die Wörter Vaterland, Vaterlandsliebe, allgemeines Bestes, bezeichnen heilige Dinge; und wie lächerlich auch bei einzelnen Personen die Ausbrüche ihrer Vaterlandsliebe seyn mögen, so verdient doch die Quelle und die Absicht derselben gelobt zu werden. Wenn irgend eine Art von Wahnsinn an den Respect, den (wie man sagt) die Araber und Türken für alle blöde und wahnsinnige Menschen tragen, Anspruch machen 362 kann, so ist es gewiß der patriotische. Also noch ein paar Worte in vollem Ernste.

Ein jedes Project, dessen Ausführung voraussetzt, daß zwanzig oder zehn oder fünf Millionen oder auch nur eine Million Menschen uneigennützig, aufgeklärt, edelmüthig, voll warmer Theilnehmung an dem Besten aller übrigen, voll anhaltenden Eifers zu thätiger Beförderung des höchst möglichen Glücks ihrer Zeitgenossen und der Nachwelt seyn sollte – oder, mit andern Worten, jedes Project, welches auch nur bei einer Million Menschen eine Sinnes- und Denkensart voraussetzt, die man kaum bei einem von hunderten findet – ist ein unmögliches Project. Aber seine moralische Unmöglichkeit steigt auf den höchsten Grad, wenn es voraussetzt, daß fünf Millionen Köpfe oder auch nur fünfmalhunderttausend, ja nur fünfzigtausend denkende Köpfe unter einen Hut gebracht und in eine zusammenstimmende Wirksamkeit zu Ausführung eines weitläuftigen, verwickelten, in einen unübersehbaren Detail eingehenden und von allen Seiten mit Schwierigkeiten umringten Plans gesetzt werden müßten.

Kein Mensch in der Welt kann Alles, was er will, es sey denn, daß er weise genug ist, nichts zu wollen, als was er kann. Eine ganze große Nation kann freilich mit vereinigten Kräften ungeheure Wirkungen hervorbringen; aber dann liegt die Schwierigkeit im Wollen oder in dem Mittel, ihr den Willen zu machen. – Gebt mir, wo ich stehen könne, so will ich die Erde von ihrer Stelle rücken, sagte Archimedes, ohne Furcht, nicht Wort halten zu können. Aber diejenigen, denen er dieß zumuthete, konnten eben sowohl den Mond mit den Zähnen fassen oder auf einem Sonnenstrahle nach dem Ringe des Saturns reiten, als ihm geben, wo er stehen könne, um die Erde fortzurücken.

363 Die tägliche Erfahrung lehrt zu Paris und London, daß einige tausend, ja nur einige hundert Privatpersonen sehr viel Gutes thun können, wenn sie wollen; und daß, sobald es blos um Wohlthätigkeit gegen die Armen oder um die Errichtung eines Museums, um ein herrliches musikalisches Fest oder nur um das Steigen eines großen Luftballs zu thun ist, sehr ansehnliche Summen ohne große Schwierigkeit zusammen gebracht werden. Aber versuche es einmal ein patriotischer Projectmacher zu Paris, durch freiwillige Beiträge zweihundert Millionen Livres zu Anlegung großer Philanthropine und Arbeitshäuser, Urbarmachung wüster Plätze und Vermehrung des Viehstandes in jeder französischen Hauptprovinz zusammen zu bringen, und man wird sehen, ob er mit seinem Antrage mehr Eingang finden wird, als unser wohlmeinender Landsmann mit dem seinigen!

Und gleichwohl wäre der Unterschied zwischen beiden Nationen ganz zum Vortheil des französischen Patrioten. Denn alle Einwohner Frankreichs machen unter einem einzigen souverainen Haupte nur ein Volk, nur einen Nationalkörper aus, dessen Kräfte in einer großen Nationalhauptstadt, wie in dem Herzen des Ganzen, concentrirt sind: Deutschland hingegen ist ein vielköpfiges Aggregat von einer großen Anzahl ganz verschiedener Völker und Staaten; eine Republik von Fürsten und Ständen unter einem durch Gesetze und Capitulationen beschränkten Wahlkönige; durch eine Staatsverfassung verbunden, die niemals ihres Gleichen gehabt hat; – durch nichts als diese Staatsverfassung und eine gemeinschaftliche, wiewohl nicht durchgängig angenommene Schriftsprache verbunden; sonst durch alles Andere, Religion, Regierung, Staatswirthschaft, Polizei, Sitten und Gebräuche, Lage, Verhältnisse, Interesse, Mundarten, Grade der Cultur 364 u. s. w. zum Theil himmelweit verschieden, getrennt und in Collision gesetzt. Diese unsere Staatsverfassung, vermöge welcher Deutschland in gewissem Sinne noch eben so wie das alte Germanien in mehr als zweihundert besondere, größere, mittelmäßige und kleine, zum Theil sehr mächtige, zum Theil sehr unmächtige Staaten zerstückelt ist, wovon der geringste, als ein unmittelbarer Stand des Reiches, die Landeshoheit in seinem Bezirke eben so vollkommen auszuüben berechtigt ist, als der größte; diese Staatsverfassung ist es, welche jedem Vorschlage, jeder Bestrebung, die auf allgemeines Nationalbestes, allgemeinen Nationalruhm, allgemeine Nationalreformen abzweckt, im Wege steht. Diese Staatsverfassung ist es, die uns immer verhindern wird, ein anderes allgemeines Nationalinteresse zu haben, als die blose Erhaltung derselben; wiewohl nie alle Glieder des Ganzen hiervon überzeugt seyn werden. Sie ist es, weßwegen die Deutschen nie als ein Volk denken und handeln, nie das, was man in moralischem Sinne National-Uniform nennen könnte, haben werden. Um ihrentwillen werden wir nie mit vereinigten Kräften gleichsam für einen Mann stehen oder, insofern wir einen Staatskörper vorstellen, eine große thätige Rolle in Europa spielen. Um ihrentwillen werden wir niemals einen gemeinsamen Mittelpunkt, nie einen gemeinschaftlichen Schauplatz für Talente, Künste und Wissenschaften, nie ein allgemeines und lebendiges Modell für Geschmack und Urbanität, nie eine wahre Nationalschaubühne, nie eine allgemein anerkannte Hauptstadt Germaniens haben, von deren Daseyn jenes Alles die natürlichen Folgen seyn würde. Um ihrentwillen wird unsere Sprache, unsere Literatur, unsere Kunst und unser Ruhm in diesem Allem nie das werden, was sie vermöge unserer 365 Fähigkeiten werden könnten; – und, ach! um ihrentwillen werden alle solche Projecte, die Deutschlands möglichsten Flor zum Gegenstande haben, ewig patriotische Träume bleiben, und niemals, niemals wird es dahin kommen, daß die Ravensteiner oder Waldecker sich um den Viehstand der Ellwanger, oder die Stände von Meklenburg um die bestmöglichste Erziehung der Bürgerskinder der Reichsstadt Buchhorn bekümmern werden.

Aber alle diese Nachtheile unserer Staatsverfassung werden (anderer minder wichtiger Vortheile jetzt nicht zu erwähnen) durch den einzigen unschätzbaren Gewinn weit überwogen: daß, solange wir sie erhalten, kein großes policirtes Volk in der Welt einen höhern Grad menschlicher und bürgerlicher Freiheit genießen und vor allgemeiner auswärtiger und einheimischer, politischer und kirchlicher Unterjochung und Sklaverei sicherer seyn wird, als die Deutschen. Zwei einander immer entgegen drückende Kräfte werden das aus so ungleichartigen Theilen bestehende Ganze immer im Gleichgewicht erhalten, und selbst jede Gefahr, diese Verfassung reißen zu sehen, wird sie fester zusammen ziehen. Wir werden, solange wir sie erhalten, nie eine einzige Religion, aber dafür Gewissensfreiheit und das Recht behalten, aus dem alten oder neuen Kirchengesangbuche zu singen. Wir werden mit männlicher Freiheit philosophiren, untersuchen, reden, lesen und schreiben dürfen. Der einzelne Tyrann, der sich eine ungebührliche Gewalt über seine Untergebenen heraus nehmen wollte, außerdem daß die Gesetze Hülfe gegen ihn verschaffen, wird dem Abscheu aller übrigen Theile der Nation ausgesetzt seyn. Unsere Schriftsteller und Künstler werden weniger belohnt, weniger träg oder übermüthig gemacht, aber dafür auch weniger gefesselt, gedrückt und eingezwängt werden; 366 wir werden ihrer eine desto größere Anzahl besitzen, und der Wetteifer unter ihnen wird Gewinn für die Nation seyn. Alle Talente werden sich mit größerer Freiheit, Mannigfaltigkeit und Originalität entfalten; wir werden uns weniger an einander reiben und abschleifen, aber den Stempel, den die Natur Jedem aufgedrückt hat, desto schärfer erhalten. Wir werden keine deutsche Akademie haben, die sich anmaße, über Werke des Genius ex Cathedra zu entscheiden; Hofgunst, Grille und Eigensinn der Reichen und Großen wird keinen so mächtigen Einfluß auf Geschmack, Denkart und Sitten bei uns behaupten können, als in einer unbeschränkten Monarchie. Selbst die Sprache wird (zu großem Behuf der Literatur) an der Nationalfreiheit Theil nehmen; man wird uns so wenig ein Wörterbuch als ein Glaubensformular aufdringen können; und ein Jeder, den eine Partei, eine Cabale unterdrücken wollte, wird in dem aufgeklärten Theil der Nation einen Beschützer und Rächer finden.

Dieß sind einige der wesentlichsten Vortheile, die wir unsrer gesetzmäßigen Constitution zu danken haben; und, wahrlich! sie allein sind schon wichtig genug und von unsern Vorfahren theuer genug erkauft worden, um sie über Alles hoch zu achten, stolz auf sie zu seyn und sie als das Palladium der Nation anzusehen, an dessen Besitz oder Verlust ihre Freiheit, ihre Stärke, ihr Ruhm, ihr des Steigens noch immer fähiger Wohlstand geheftet ist.

Diese Beobachtung führt uns, meines Bedünkens, zu einem zwiefachen Resultat, wovon uns das eine zur Aufmunterung und das andere auf alle Fälle zum Troste dienen kann.

Das erste ist: unserm Patriotismus, besonders dem schriftstellerischen, – der seit geraumer Zeit wie die Taube 367 Noahs herumflattert und, weil er nirgends Grund finden kann, im Lande der Träume hin und her fährt, Chimären ausbrütet, auf die Erfindungen, Talente und Verdienste einzelner Mitbürger sich viel zu gute thut oder durch Verachtung fremder Vorzüge, die wir nicht erreichen können, sich nach Art des berühmten Fuchses in der Fabel zu helfen sucht – seine wahre Richtung und sein echtes Geschäft anzuweisen. Wenn unsere dermalige gesetzmäßige Constitution das Einzige ist, was uns Deutsche zu einer Nation macht, und wenn sie augenscheinlich der Grund unsrer wesentlichsten Vortheile ist: was kann denn also deutscher Patriotismus anders seyn, als Liebe der gegenwärtigen Verfassung des gemeinen Wesens und aufrichtiges Bestreben, zu Erhaltung und Vervollkommnung derselben Alles beizutragen, was Jeder nach seinem Stande, Vermögen und Verhältnisse zum Ganzen dazu beizutragen fähig ist? Mit wie vielem Rechte kann man von uns Deutschen sagen, was der römische Dichter von den Landleuten sagt: Felices sua si bona norint!Glückliche, wofern sie ihr Gutes erkennten. Glücklich, wenn der Schlummer der Gewohnheit uns nicht gleichgültig, blind und undankbar gegen die größten Wohlthaten unsrer Verfassung gemacht hätte; wenn wir ihrer nicht genössen, wie der Gesundheit, deren hohen Werth man erst fühlt, wenn man sie verloren hat!

Sollte dieß Letztere aber – wie es denn nicht unmöglich ist – jemals bei uns oder unsern Nachkommen der Fall seyn; so würden wir beim Verlust einer Verfassung, von welcher so mancherlei Nachtheile unzertrennlich sind, uns mit dem trösten können, was wir dabei auf einer andern Seite gewinnen würden. Und da der Mensch glücklicher Weise nun einmal so organisirt ist, daß er sich mit der Zeit in Alles finden und seine Vorstellungsart und Lebensweise 368 unvermerkt zu seinen Umständen umstimmen kann; so würden wir uns an die Vortheile halten müssen, die uns durch die Veränderung der Nationalverfassung zuwachsen würden, und vermuthlich in ihnen hinlängliche Beweggründe finden, uns ein Schicksal gefallen zu lassen, das so manche edle Nation schon getroffen hat und vermöge der Unbeständigkeit der menschlichen Dinge und der natürlichen Verkettung zwischen Ursachen und Wirkungen über lang oder kurz auch das unsrige werden dürfte.

 


 








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