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Patriotische Phantasien

Justus Möser: Patriotische Phantasien - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
authorJustus Möser
titlePatriotische Phantasien
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
seriesReclams Universal-Bibliothek
volumeBand 1156
printrun1. Auflage
editorWilfried Zieger
year1986
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070727
projectid8b6e6d9e
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Justus Möser

Patriotische Phantasien

Ausgewählte Schriften aus den Patriotischen Phantasien

Vorrede der Herausgeberin

(zum zweiten Band der »Patriotischen Phantasien«)

Ich liefere hiemit den andern Band der »Patriotische Phantasien«, abermals nicht ohne Furcht, in der Auswahl derselben auch solche Stücke mitgenommen zu haben, welche sich zu genau auf das Land beziehen, für welches sie eigentlich allein geschrieben worden: Die Absicht meines Vaters war – doch ich kann diese nicht besser als mit den Worten ausdrücken, womit er sich in den Beiträgen zu den Osnabrückischen Intelligenzblättern selbst erkläret hat –: »Gleich anfangs, wie ich die Feder einigemal in diesen Beiträgen ansetzte, ging meine Absicht dahin, durch den Kanal derselben die Landtagshandlungen und andre öffentlichen Staatssachen dem Publikum mitzuteilen und meinen Landesleuten aus dem Ton, womit der Herr zu seinen Ständen spricht und diese ihm antworten, aus den Gründen, warum jenes bewilliget und dieses verworfen wird; aus der Sorgfalt, womit auch die kleinsten Sachen im Staate behandelt werden; aus der Art und Weise, wie man mit den gemeinen Auflagen verfährt, und überhaupt aus jeder Wendung der Landesregierung und Verfassung die vollständigste Kenntnis und aus dieser eine wahre Liebe für ihren Herrn und diejenigen, so ihm raten und dienen; ein sicheres Vertrauen auf ihre Geschicklichkeit und Redlichkeit und einen edlen Mut beizubringen. Jeder Landmann sollte sich hierin fühlen, sich heben und mit dem Gefühl seiner eignen Würde auch einen hohen Grad von Patriotismus bekommen; jeder Hofgesessener sollte glauben, die öffentlichen Anstalten würden auch seinem Urteil vorgelegt; der Staat gäbe auch ihm Rechenschaft von seinen Unternehmungen; und zu den Aufopferungen, die er von ihm fordere, würde auch seine Überzeugung erfordert; die Gesetze und ihr Geist sollten lebhaft in seine Seele dringen; er sollte die Grenzlinie, wo sich sein Eigentum von dem Obereigentum des Staats scheidet, mit dem Finger nachweisen können; er sollte sein Auge auch bis zum Throne erheben und mit einem fertigen Blick die Blendungen durchschauen können, welche ein despotischer Ratgeber zum Nachteil seiner und der Deutschen Freiheit oft nur mit mäßigen Kräften wagt; ihre Kinder sollten mit den Zehn Geboten auch die Gebote ihres Landes lernen und in allen Fällen, wo sie einst als Männer gestrafet werden könnten, auch ein Urteil weisen können; es schien mir nicht genug, daß ein Land mit Macht und Ordnung beherrschet wird, sondern es sollte dieser große Zweck auch mit der möglichsten Zufriedenheit aller derjenigen, um derentwillen Macht und Ordnung eingeführt sind, erreichet werden; der wichtigste und furchtbarste Staat, der sich auf Kosten der allgemeinen Zufriedenheit erhalten müßte, war mir dasjenige nicht, was er nach der göttlichen und natürlichen Ordnung sein sollte ...«

Und diese Absicht, wenn er sie gleich nicht völlig erfüllen mögen, hat ihn doch immer zu sehr zu Lokalverbesserungen, die für das Allgemeine minder erheblich sind, hingerissen, mich aber in die Notwendigkeit gesetzt, einige davon mitzunehmen, nachdem ich einmal eine zweite Sammlung versprochen hatte und dieses Versprechen aus vielen für mich nicht unwichtigen Ursachen gern erfüllen wollte.

Indessen schmeichle ich mir doch, daß immer noch einige Leser sein werden, die dergleichen besondere Naturalien mit in ihre Sammlung zu haben wünschen. Zum Vergnügen derjenigen, welche eine gefällige Kleinigkeit einer ernsthaften Betrachtung vorziehen, habe ich gleichwohl auch verschiedenes mit eingemischt, was ich nach meinem Geschmack ihres Beifalls wertgeschätzet habe. Ist einiges darunter, was weiter nichts als das Verdienst eines neuen Liedgens hat, was man des Abends, wenn man aus der Operette kommt, noch einmal singt: so hat doch auch dieses seinen Wert vor das Vergnügen dieses Abends, und meine Leser sind nicht verbunden, sich mehr als einmal daran zu ergötzen.

Erinnerung des Verfassers

(Vorrede zum dritten Band der »Patriotischen Phantasien«)

Die Leser dieser Phantasien müssen sich allezeit daran erinnern, daß sie aus wöchentlichen Blättern erwachsen sind, welche in einem kleinen Lande, worin man den Verfasser derselben leicht erriete, zu Beförderung verschiedener politischer Verbesserungen bekanntgemacht wurden. Hier erforderte manches, was man nicht bloß vorschlagen, sondern auch ausführen wollte, eine besondere Schonung der Personen und eine eigne Behandlung der Sachen. Oft nahm ich denjenigen, die sich in ihre eigne Gründe verliebt hatten und sich bloß diesen zu Gefallen einer neuen Einrichtung widersetzten, die Worte aus dem Munde und trug ihre Meinung noch besser vor, als sie solche selbst vorgetragen haben würden; diese beruhigten sich dann entweder mit der ihnen erzeigten Aufmerksamkeit oder verloren etwas von der Liebe zu ihren Meinungen, deren Eigentum ihnen auf diese Weise zweifelhaft gemacht wurde. Oft durfte ich auch die Gründe für eine Sache nicht geradezu heraussagen, um nicht da als Advokat zu erscheinen, wo ich als Richter mit mehrerm Vorteil sprechen konnte, und bisweilen mußte ich mich stellen, als wenn ich das Gegenteil von demjenigen glaubte, was ich würklich für wahr hielt, um gewisse dreiste Gründe, die in einer andern Stellung mir und meiner guten Absicht höchst nachteilig gewesen sein würden, nur erst als Zweifel ins Publikum zu bringen. Mir war mit der Ehre, die Wahrheit frei gesaget zu haben, wenig gedienet, wenn ich nichts damit gewonnen hatte; und da mir die Liebe und das Vertrauen meiner Mitbürger ebenso wichtig waren als das Recht und die Wahrheit: so habe ich, um jene nicht zu verlieren und dieser nichts zu vergeben, manche Wendung nehmen müssen, die mir, wenn ich für ein großes Publikum geschrieben hätte, vielleicht zu klein geschienen haben würde. Der wahre Kenner wird sich durch diese Blendungen nicht irremachen lassen; und diejenigen, welche die Originale kennen, die hie und da in den Phantasien gespielet sind, werden z.E. die Klagen eines Edelmanns im Stifte Osnabrück, welche man auswärts als ernstlich gemeinet aufgenommen hat, für nichts weiter als eine Ironie halten.

Das Sonderbarste aber ist, daß man mich daheim als den größten Feind des Leibeigentums und auswärts als den eifrigsten Verteidiger desselben angesehen hat. Sosehr diese Verschiedenheit der Urteile von meiner Behutsamkeit zeuget: so gern würde ich derselben zuvorgekommen sein, wenn es die Ökonomie jener Einschränkungen erlaubt hätte. Die entfernten Leser einer Predigt urteilen ganz anders als die Zuhörer derselben. Wo diese lauter bekannte Personen zu sehen glauben, finden jene nur allgemeine Menschen; und in dem Reiche der Gelehrsamkeit kann der Pfarrer weit freier reden als in seinem kleinen Sprengel. Ich erinnere dieses, sowohl um das Urteil zu berichtigen, das auswärts von diesen Phantasien gefället ist, als auch um andre geschickten Männer, welche nach dem jetzigen allgemeinen, Wunsche das politische Detail im kleinen Staate behandeln sollen, zu warnen, sich durch die Forderungen des großen Publikums nicht verleiten zu lassen, es mit ihrem kleinen zu verderben. Dies ist immer meine erste Sorge und die glückliche Frucht davon mein angenehmster Lohn gewesen.

Osnabrück, den 30. Februar 1778.

Möser

Schreiben an meinen Herrn Schwiegervater.

Endlich ist es mir, Gott Lob! gelungen; meine Frau hat ihre Puppen fortgeschickt; und diese Veränderung macht ihrer Erziehung noch die meiste Ehre. Das Kammermädgen hat die Gelegenheit dazu gegeben. Sie und meine Frau waren des Nachmittags spazieren oder, wie sie es nennen, philosophieren gewesen; und erstere war bei ihrer Wiederkunft mit einem Absatze ein klein wenig in die Mistpfütze geraten. Ich stand eben vor der Tür, aber ohne bemerket zu werden; und da ging es nun an ein Erzählen, an ein Lachen und ein Leben, das fast eine Stunde währete, alles über die kleine Geschichte von dem Fuße und der Mistgrube. Meine Frau ergötzte sich mit; und es war nicht anders, als wenn die Kinder einen Vogel gefangen hätten. Ich trat endlich hervor und sagte: »Es tut mir leid! aber Luise, die Kuh bölkt so sehr; will Sie nicht einmal zusehen, was ihr fehlt?« Das wäre eine artige Kommission, sagte das schnäppische Mädgen und fragte mich, ob ich wohl jemals eine Dame mit einer Kapriole und einer Saloppe im Kuhstalle gesehen hätte? Ich schwieg und dachte: Es ist noch nicht Zeit. Wie aber das Kammermädgen eine eigene Tafel verlangte und die kleine Magd, welche ihr zur Aufwartung ist, nicht mit der Viehmagd essen wollte: so nahm ich endlich Gelegenheit, mit meiner jungen Frau darüber im Ernst zu philosophieren. »Die heutige Erziehung der Töchter«, bemerkte ich, »ist zwar würklich sehr gut: man gibet ihnen feinere Sitten, Geschmack und Verstand; allein, es ist auch eine notwendige Folge davon, daß die Haut auf der Zunge feiner, die Hände weicher und alle Sinnen schwächer werden, als sich jene Fähigkeiten vermehren. Es ist eine sehr wahrscheinliche Folge, daß der Verstand, welcher die Wissenschaften kennet und liebet, sich ungern mit Erfahrungen in der Küche abgeben werde; und endlich muß diejenige Tochter schon einen sehr großen Grad von Vernunft besitzen, welche bei einem feinen Geschmack und einer vorzüglichen Einsicht ihre edlere und zärtlichere Glieder nicht in alle die krausen, gehackten, gezierten, frisierten und namenlosen Hüllen kleiden soll, wodurch jetzt so viele zu einer ordentlichen Hausarbeit ungeschickt werden. Wenn eine Person von vornehmem Stande sich dergleichen erlaubt, so denkt man endlich, sie sei zum Müßiggange privilegiert; und die vornehmen Haushaltungen würden schon so lange mit Unordnung geführet, daß man es geschehen lassen müsse. Bei Menschen Gedenken hat man wenigstens kein Exempel, daß in einer adlichen Haushaltung etwas Beträchtliches erübriget worden. Allein, wenn der zweite Rang dem ersten, der dritte dem zweiten und der vierte dem dritten in dieser komischen Rolle folgt, so muß die davon abhängende Haushaltung zuletzt jene Wendung auch nehmen, und wir werden in einem frisierten Hemde unsere Pacht verlaufen müssen. Jetzt, mein liebes Weib, kannst du noch die Ehre haben, ein Original zu werden; du kannst dich freiwillig herablassen und alle die Entoilage, alle diese Grosse-Beauté und diesen verdammten Marly, welcher dem gemeinen Besten jetzt hunderttausend Hände stiehlt, mit einer schicklichern Kleidung vertauschen, ohne darüber rot werden zu dürfen. Gott hat uns Mittel gegeben; daher können wir es mit Anstand tun. Wir können keinen glücklichern Gebrauch von unserm Vermögen machen, als wenn wir die schwachen Töchter, welchen nichts als ein großes Exempel fehlet, vor der Versuchung bewahren, in gleiche Ausschweifung zu fallen. Die Mütter werden dich preisen und die Väter mit Vergnügen auf ihre Kinder sehen, wenn sie solche nicht mehr als kostbare Zierpuppen betrachten dürfen; und wie zärtlich, wie aufrichtig wird dir das minder beglückte, aber auch ehrgeizige Mädgen danken, welches sich jetzt, da es ihm an dem Vermögen zu so vielen überflüssigen Notwendigkeiten fehlet, entweder versteckt oder für eine neue Frisur ihre Unschuld aufopfert. Alle unsere jetzigen Moden haben bloß das Verdienst des Wunderbaren, des Ausschweifenden und des Kostbaren. Sie tragen nichts zur Erhöhung deiner Reizungen bei. Diese werden vielmehr nur versteckt, beladen und auf eine recht gotische Art verziert. Neuigkeit und Einbildung haben zwar ihre Rechte; und ich verlange nicht, daß du diese verleugnen mögest. Allein, hebe dich einmal aus dem Schwarm so vieler verdienstlosen Affen. Erweitere deine Einbildung und erwäge, ob nicht eine heroische Verachtung aller Modesklaven etwas ebenso Neues und ebenso Reizendes vor deine Einbildung sein werde als alles, was dein Kammermädgen mit einem diebischen Blicke der Hofdame entwenden kann? Es ist jetzt die Mode, à la grecque zu sein; und diese sollte in der edelsten Ausbildung des menschlichen Körpers bestehen ...«

Ich weiß nicht, wie mir dieses alles in einem Odem vom Herzen fiel und woher meine kleine Frau die Gedult nahm, diesen lehrenden Ton zu ertragen. Inzwischen muß ich ihr zum Ruhm bekennen, daß sie mir in allem Beifall gab; und kaum waren acht Tage verflossen, so kam sie auf einmal mit den Worten in die Stube getreten: »Nun sieh mich à la grecque.« Nie hatte ich sie so reizend gesehen. Eine allerliebste Baurenmütze bedeckte ihr schönes Haar, das ohne Kunst aufgemacht war und sich nur so weit sehen ließ, als man es gerne siehet. Durch ein Kamisol mit kurzen Schößen drückte sich der schönste Wuchs und noch etwas mehrers aus. Die Ärmel an demselben gingen nicht weiter als bis an den Ellenbogen und waren frei von dem dreifachen Geschleppe, wodurch sie vordem immer gehindert wurde, einem hungerigen Manne einen guten Bissen mit eigener Hand vorzulegen. Ein netter und hübscher Rock schien mit einigem Unwillen den feinsten Fuß zu verraten, den ein weißer Strumpf und ein schwarzer Schuh weit gelenker zeigte als vorhin, da er mit Stoff und Band beschweret und von einem großen Geschleppe gefesselt war. Kaum hatte sie meinen Beifall aus meinen entzückten Blicken gelesen, so führte sie mich in die Küche, wo die frische Butter bereitstund, welche sie jetzt mit eigener Hand wusch, währender Zeit ihr junger schlanker Körper in jeder Bewegung eine neue Reizung zeigte. Ihr ganzes Gesichte schien sich verändert zu haben. Denn anstatt daß sie vorhin zu ihrer Dormeuse à la Tsching-Tschang-fyDiese neue chinesische Art von Dormeusen ist oben mit einer Springfeder, die, wenn man die Stirn krauszieht, beide Flügel vorn zusammenschlägt. Da die chinesischen Kammerjungfern die ganze Ingenieurkunst verstehen und sowohl die Angriffs- als Verteidigungsanstalten eines jeden Kopfs beurteilen und dirigieren müssen: so sind dergleichen große Erfindungen in diesem Lande sehr gemein. eine Haut wie Eselsmilch und ein Paar unreifer Augen gebrauchte: so war sie jetzt nichts denn Feuer und Leben; und wie wir auf den Acker gingen, konnte sie Beine und Hände gebrauchen, da vorher jede Furche vor ihr ein fürchterlicher Grabe und jeder Steig ein Riesengebürge war.

Seitdem haben wir nun unsern neuen Plan noch mit mehrer Überlegung ausgearbeitet. Das Kammer-Negligé, welches sonst von acht Uhr bis um zehn des Morgens währete, ist völlig abgeschafft; und so wie sie aufsteht, ist sie in ihrer kurzen Kleidung geputzt. Das große Negligé, womit sie sonst bei Tische erschiene, wird im Hause gar nicht mehr getragen und also auch des Nachmittages nicht zum drittenmal verändert, wie sonst geschähe, wenn etwan ein Besuch vermutet wurde. Des Abends aber fällt der Nachttisch von selbst weg, indem keine tausend Nadeln auszuziehen und keine hundert kostbare Kleinigkeiten wegzukramen sind. Durch diese Anstalten gewinnet sie täglich ein Plus von acht Stunden in ihrem würklichen Leben, welche, da sie nun zum Besten unser Haushaltung angewandt werden, mich nicht allein vor Schaden bewahren, sondern auch durch Gottes Segen in den Stand setzen werden, ein ehrlicher Mann zu bleiben. Das Kammermädgen haben wir in ihrem größten Staat, in unser besten Gutsche, nach der Stadt zurückgeschickt; und meine Frau und ich haben die Dame zu Pferde begleitet. Denn sie reitet nun auch, und dies ist ein nützliches Vergnügen, das den Körper stärkt und den Mut des Geistes unterhält, welchen eine Landhaushaltung erfordert.

Wenn wir einen Besuch erhalten: so empfängt ihn meine Frau in ihrer jetzt gewöhnlichen Kleidung, mit einem so heroischen Anstande, daß ein jeder ihre großmütige Verleugnung bewundert. Da ihrem Anzuge an Reinlichkeit und edler Schönheit nichts fehlet: so kann sie sich darin zeigen, ohne den Wohlstand zu verletzen; und unsre Denkungsart ist so bekannt, daß wir keine üble Auslegung befürchten dürfen. Im übrigen aber können Sie versichert sein, daß die Gesellschaft gerne bei uns ist, indem Munterkeit und Gefälligkeit sich über alles verbreiten und das, was wir unsern Freunden vorsetzen, durch die Aufmerksamkeit meiner Frau merklich verschönert wird.

Versuchen Sie es und kommen zu uns. Die Schnurre, welche Sie Wissenschaft heißen und dem schönen Geschlecht ehedem anpriesen, ist bei uns ordentlich zum Gelächter geworden. Die Arbeit, dieser Fluch, womit Gott das menschliche Geschlecht segnete, gibt uns wahres und dauerhaftes Vergnügen; und wir lesen außer der letzten Abendstunde nicht leicht ein Buch; indem wir einmal überzeuget sind, daß der Mensch nicht zum Schreiben und Lesen, sondern zum Säen und Pflanzen geboren sei und daß derjenige, welcher sich beständig damit beschäftiget, entweder keine gesunde Seele oder sehr viele lange Weile haben müsse. Die Quelle alles wahren Vergnügens ist Arbeit. Aus dieser kommt Hunger, Durst und Verlangen nach Ruhe. Und wer diese drei Bedürfnisse recht empfindet, kennet Wollust. Leben Sie wohl und besuchen uns bald.

Reicher Leute Kinder sollten ein Handwerk lernen

Der Hauptfehler unser mehrsten deutschen Handwerker ist der Mangel an Gelde. Das Söhngen einer bemittelten Mutter schämet sich, die Hand an eine Zange oder Feile zu legen. Ein Kaufmann muß er werden. Sollte er auch nur mit Schwefelhölzern handeln: so erhält er doch den Rang über den Künstler, der den Lauf einer Flotte nach seiner Uhr regiert; dem Könige Kronen, dem Helden Schwerter und dem edlen Landmann Sensen gibt; über den Künstler, der mit seiner Nähnadel den Mann macht und den Gelehrten durch seine Presse Bewunderung und Ewigkeit verschafft. Es hält schwer, sich aus diesem Zirkel zu heben: Wenn ein Handwerk einmal verachtet wird, so treiben es nur arme und geringe Leute; und was arme und geringe Leute treiben, das will selten Geschmack, Ansehen, Güte und Vortrefflichkeit gewinnen. Schrecklicher Zirkel, der uns an der Wiederaufnahme der mehrsten deutschen Landstädte zweifeln läßt! Indessen verdient die Wichtigkeit der Sache doch, daß man einmal diesen Knoten auflöse und dasjenige Ende ergreife, was Natur und Vernunft am ersten hervorstoßen. Der Klügste muß überall den Anfang machen; das soll vor diesesmal der Reiche sein, weil er es am ersten sein kann. Der Reiche soll also gemeine Vorurteile mit Füßen treten, seinen Kindern ein Handwerk lernen lassen und ihnen seinen mächtigen Beutel geben, damit der böse Zirkel zerstöret werde. Nichts gibt der Stadt London ein prächtiger Ansehen als die Buden ihrer Handwerker. Der Schuster hat ein Magazin von Schuhen, woraus sogleich eine Armee versorgt werden kann. Beim Tischler findet man einen Vorrat von Sachen, welche hinreichen, ein königliches. Schloß zu meublieren. Bei den Goldschmieden ist mehr Silberwerk, als alle Fürsten in Deutschland auf ihren Tafeln haben; und durch den Stadtschmied leben hundert Dorfschmiede, die ihm in die Hand arbeiten und ihm die Menge von Waren liefern, welchen er die letzte Feile und seinen Namen gibt. Solche Handwerker dörfen es wagen, den königlichen Prinzen ihr Gilderecht mitzuteilen. Solche Handwerker sind es, woraus der Lordmaire erwählt wird und Parlamentsglieder genommen werden. Ein solcher war Tailor, der als Generalzahlmeister im letztern Kriege sich als Meister zu dem Silberservice bekannte, woraus er die Generalität bewirtete. Was ist der Krämer dagegen, der mit Kaffee und Zucker hökert oder mit Mäusefallen, Puppen und Schwärmern hausiert!

Zur Zeit des Hanseatischen Bundes hatte das deutsche Handwerk eben die Ehre, die es noch in England hat. Noch in dem vorigen Jahrhundert ließen es sich die Vornehmsten einer Stadt gefallen, das Gilderecht anzunehmen; und Gelehrte machten sich sowohl eine Ehre als eine Pflicht daraus, Gildebrüder zu werden. Die fürstlichen Räte waren Zunftgenossen; und man hielt es vor keinen Widerspruch wie jetzt, zugleich ein guter Bürger und ein guter Kanzler zu sein. Es ist ein falscher Grundsatz gewesen, der hier eine Trennung gemacht hat. Sehr viele Streitigkeiten und unnötige Befreiungen würden ein Ende haben, wenn sie nie erfolgt wäre. Jedes Amt, das ein Bürger übernimmt, würdiget ihn in seiner Maße und erteilt ihm einige demselben angemessene persönliche Freiheiten. Es hindert ihn aber nicht, in allen übrigen der bürgerlichen Lasten und Vorteile teilhaftig zu bleiben.

Der Verfall der deutschen Handlung zog den Verfall des Handwerks nach sich. Der berühmte Reichsabschied, welcher die Handwerksmißbräuche heben sollte, in der Tat aber den Gilden einen Teil ihrer bis dahin gehabten Ehre raubte, kam hierzu. Und der Kaiser, der die Vereinigungen der Domkapitel und Ritterschaften wegen der Ahnenprobe bestätigte, fand es ungerecht, daß die Gilden nicht alle Söhne von Mutterleibe geboren in ihre Zunft aufnehmen wollten; gerade als ob es nicht die erste und feinste Regel der Staatsklugheit wäre, unterschiedene Klassen von Menschen zu haben, um jeden in seiner Art mit einem notdürftigen Anteil von Ehre aufmuntern zu können. In despotischen Staaten ist der Herr alles und der Rest Pöbel. Die glücklichste Verfassung geht vom Throne in sanften Stufen herunter, und jede Stufe hat einen Grad von Ehre, der ihr eigen bleibt, und die siebte hat sowohl ein Recht zu ihrer Erhaltung als die zweite. Diese Grundsätze hatte man bei dem Reichsabschiede ziemlich aus den Augen gesetzt; und die Wissenschaften, welche sich damals immer mehr und mehr ausbreiteten, erhoben den Mann, der von den Schuhen der Griechen und Römer schreiben konnte, über den Mann, der mit eigner Hand weit bessere machte.

Den letzten Stoß empfingen die Handwerke von den Fabriken. Die Franzosen, welche ihr Vaterland verlassen mußten, adelten diesen Namen. Fürsten und Grafen durften die Aufsicht über ihre Fabrikleute, welche vor ihre Rechnung arbeiteten, haben; aber wer ihnen deswegen den Titel eines Amtsmeisters hätte geben wollen, würde ihrer Ungnade nicht entgangen sein. Der Minister eines gewissen Herrn war ein Lederfabrikant, aber kein Lohgerber. Nach dem Plan der Neuen ist es besser, daß alle Bürger Gesellen und die Kammerräte Meister sein. Und die weitere Verachtung des Handwerks führet gerades Weges zu dieser türkischen Einrichtung.

Diesem Übel kann nicht vorgebogen werden, oder reiche Leute müssen Handwerker werden. Da der Gold- und Silberfabrikant, der Hut- und Strumpffabriqueur an vielen Orten in Palästen wohnet und alle der Vorzüge genießet, welche Erfahrung, Klugheit, Aufführung und Reichtum gewähren kann: warum sollte ein Meister Hutmacher und ein Meister Strumpfwirker, wenn er es so hoch als jene bringt, nicht eben das Ansehen erlangen können? Die Meisterschaft ist gewiß keine Unehre. Der Zar Peter der Große diente als Junge und Geselle und ward Schiffs-Zimmermeister. Der Krieg ward ehedem zunftmäßig erlernt. Einer mußte als Junge und Knape gedient haben, ehe er Ritter oder Meister werden konnte. Die zunftgerechte Krieger haben sich zuerst von dem gemeinen Landkrieger unterschieden, und das ist der erste Ursprung des Dienstadels gewesen. Noch jetzt ist im Militärstande ein Schatten dieser Verfassung übrig. Einer muß erst als Gemeiner gedienet haben, ehe er von Rechts wegen zum Grade eines Offiziers gelangen kann. Unter den Gemeinen finden sich oft sehr schlechte Leute, und man ist in neuern Zeiten, wo jeder gesunder Kerl willkommen ist, minder aufmerksam auf die Ehre der Rekruten. Allein, es ist darum kein Schimpf, als Gemeiner gedienet zu haben, ob man gleich wegen des letztern Umstandes schon anfängt, den Rekruten aus fürstlichem Geblüte höher andienen zu lassen, und überhaupt einen bedenklichen Eingang macht, jenes große Gesetz, dem sich nur Peter der Große unterwarf, allmählich in Vergessenheit zu bringen und damit die Ehre der Gemeinen, wovon doch der Geist des Regiments abhängt, zu vermindern.

Wenn es also an sich eine Ehre ist, zunftgerecht sein, und wenn sich sogleich ein Handwerk hebt, sobald es nur Leute treiben, die demselben den äußerlichen Glanz geben können: was hindert es denn, daß reiche Leute ihren Kindern ein Handwerk lernen lassen? Man denke nicht, die Ehre sei bloß eine notwendige Triebfeder des Militärstandes. Der geringste Bediente, der geringste Handwerker ohne Ehrgeiz ist insgemein ein schlechter Mensch.

Um aber dem Handwerke seine Ehre wiederzugeben, sollte man jede Zunft zum wenigsten doppelt einteilen. In England wie in Frankreich steht der handelnde Handwerker mit dem tagwerkenden (journeyman) nicht in einer Gilde, und überall werden Kaufleute von Krämern unterschieden.

Die Kaufleute machen billig die erste Klasse der Bürgerschaft aus. Niemand aber sollte zu dieser Klasse gehören, der nicht am Schluß des Jahrs bescheinigen könnte, daß er eine nach den Umständen jedes Orts abgemessene Quantität einheimischer Produkten und im Lande verfertigter Waren auswärts verkaufet habe. Nächst diesen könnten diejenigen, welche mit fremden Waren ins Große handeln, ihren Rang behalten.

Auf die Kaufleute aber sollten alle Handwerker in ihrer Ordnung folgen, welche ein bestimmtes Lager von ihrer Arbeit halten. Diesen mögten die Handwerker, welche auf Bestellung arbeiten oder Tagwerk machen und gar keinen Verlag haben, folgen. Die Kräamerei aber sollte die unterste Klasse von allen sein oder jedem Bürger offenstehen und folglich gar kein Gilderecht haben.

Denn was ist doch in aller Welt mancher Krämer? Ein Mann, der Tag und Nacht darauf denkt, neue Moden, neue Kleidungsarten und neue Reizungen vor den Geschmack einzuführen; ein Mann, der in der ganzen Welt herumlauscht, ob nicht irgendwo eine ärmere Nation sei, welche ein Stück Arbeit um etliche Pfennige wohlfeiler macht, und dann seinen Mitbürger, der unter mehrern Lasten und bei teurem Arbeitspreisen die seinige nicht gleich ebenso wohlfeil geben kann, ums Brod bringt; ein Mann, der jedem Handwerke mit klugem Fleiße nachstellet und, sobald es einigen Fortgang hat, sofort auf Mittel und Wege denkt, etwas Ähnliches oder etwas anders einzuführen, wodurch die einheimische Arbeit entbehret, gestürzet und der Vorteil in seine Hände gebracht werden kann. – Der allezeit fertige Einwurf, dessen sich Käufer und Verkäufer bedienen: Es wird auswärts wohlfeiler gemacht, sollte nicht leicht von einem jeden nach seinem Vorurteil gebraucht, sondern vom Polizeiamte beurteilet werden. Die holländischen Fabrikstoffen sind alle wohlfeiler als die französischen und diese oft glänzender und verführerischer als die englischen. Allein, Frankreich hält davor, und jeder kluger Mensch wird es dafürhalten, daß der Staat weniger leide, wenn fünf Taler an einen Einheimischen als drei an einen Fremden bezahlet werden. Die Ausflucht, daß die holländischen Stoffen wohlfeiler sein, bemächtiget den französischen Untertanen nicht, diese aus Holland kommen zu lassen; und der Engländer muß seine Butter mit 8, 12 bis 18 Mgr. das Pfund bezahlen, wenn er sie gleich aus Irland unter der Hälfte frei in sein Haus geliefert erhalten könnte. Was würde auch sonst aus einem verschuldeten Staate werden, wenn die Auflagen in demselben dies teurer und es dem Einheimischen unmöglich machten, gegen den Fremden zu gleichem Preise zu arbeiten? Unserm ehmaligen zärtlichen Landesvater Ernst August dem Andern kam jedes Lot Silber, das auf dem Hüggel hieselbst gegraben wurde, auf vier Gulden zu stehen; und er gewann seiner Großmut nach mehr dabei, als wenn er es vor einen Gulden hätte aus Amsterdam kommen lassen. Denn was konnte er mehr gewinnen als den Vorteil, armen Untertanen Brod zu geben?

Die Alten hatten zwei Wege, dem Eigensinn und der Überteurung der Handwerker zu wehren. Dieses war ein jährlicher freier Markt und die Freimeisterei. Das Große, das Überlegte, das Feine und das Nützliche, was in diesem ihren Plan steckt, verdient die Bewunderung aller Kenner und beschämt alle Wendungen der Neuern. Durch tausend Freimeister, welche in Hamburg auf einer ihnen angewiesenen Freiheit wohnen, entgeht dem Staate kein Pfennig; und die zunftmäßigen Handwerker werden durch sie in der Billigkeit erhalten. Allein, hundert Krämer, welche mit Ehren und Vorzügen dafür belohnet werden, daß sie fremde Fabriken zum Schaden der einheimischen Handwerker emporbringen, alles Geld aus dem Lande schicken und Kinder und Toren täglich in neue Versuchungen führen, hätten unsre Vorfahren nie geduldet. Ein Jahrmarkt dünkte ihnen genug zu sein, den Fremden auch etwas zuzuwenden und sowohl die zünftige als freie Meisterschaft in Schranken zu halten.

Und was soll man von der geringen Art Krämer sagen? Sollte es wohl der Mühe wert sein, ihnen Zunftrecht zu vergönnen? Sie müssen, sagen sie, sechs Jahre diese Handlung mühsam lernen und sich lange quälen, ehe sie zu der nötigen Wissenschaft gelangen. Allein diese Lehrjahre sind eigentlich bei der Kaufmannschaft und nicht bei der Krämerei ursprünglich hergebracht. Und was ist es nötig, dem jungen Burschen dasjenige mühsam lernen zu lassen, was jede Krämerin, wenn sie einen Monat in der Buden gewesen, insgemein besser als der ausgelernte Eheherr weiß? Ich sage wohlbedächtlich insgemein, denn es gibt auch große Krämer, welche ebensoviel Einsicht, Erfahrung und Handlungswissenschaft als der große Kaufmann gebrauchen. Dergleichen privilegierte Seelen rechne ich nie mit, wenn ich von dem großen Haufen spreche. Von diesem sage ich nur, daß er die öffentliche Aufmunterung nicht verdiene und daß die mit der Krämerei bis dahin verknüpft gewesene falsche Ehre die Anzahl der Krämer in vielen Städten unendlich vermehret, verschiedene Handwerker völlig verdrungen, andre bloß zum Pfuschen und alle übrigen um zwei Drittel heruntergebracht habe. Der schlechte Krämer sorgt nicht dafür, auch nur einen einheimischen Bürstenbinder emporzubringen, und läßt sogar die weiße Stärke, welche jede Hausmagd zu machen imstande ist und worauf gerade hundert von hundert zu gewinnen sind, aus Bremen kommen; so groß ist seine Wissenschaft und sein Patriotismus. Wie glücklich werden unsre Nachbaren, die Preußen, sein, wenn die mit einer weisen Hinsicht auf die Verdienste solcher Krämer gemachte Einrichtungen die Würkung haben, daß alle Handwerker sich wieder zu ihrem alten Flor erheben und alle solche Krämer zu Grabe begleiten.

Der handelnde Handwerker in England besitzt ganz andre Eigenschaften. Er lernt erst das Handwerk und dann den Handel. Die Gesellen eines handelnden Tischlers müssen fast ebenso vollkommene Buchhalter als manche Kaufleute sein. Der Meister greift keinen Hobel mehr an. Er sieht seine vierzig Gesellen den Tag über arbeiten, beurteilet dasjenige, was sie machen, verbessert ihre Fehler, zeigt ihnen Vorteile und Handgriffe, erfindet neue Werkzeuge, beachtet den Gang der Moden, besucht Leute von Geschmack oder geht zu Künstlern, deren Einsicht ihm dienen kann, und kömmt in seine Werkstatt zurück, wenn er im Parlament das Wohl von Ost- und Westindien mit entschieden oder auf der Börse seine Geschäfte verrichtet hat.

Wie unterschieden ist dieses Gemälde von unsern mehrsten deutschen Fabriken. Da nimmt ein großer Herr Leute an, welche sich ihm darbieten und ein hübsches Projekt ausgedacht haben. Der vornehme Stümper, der durch einen glücklichen Zufall ein gutes und patriotisches Herz empfangen hat, siehet es mit beiden Augen an, verliebt sich in die Hoffnung, sein Vaterland aufzuhelfen, überläßt sich dem schlauen Projektmacher, der nur nach seinem Beutel trachtet, und findet die erste Probe unverbesserlich. Sein Auge entdeckt ihm nichts an dem Stoffe, das ihm vorgelegt wird. Er weiß nicht, ob zu viel oder zu wenig Wolle, Zeit und Arbeit daran verwendet ist; er kennt keine Arbeit; hat kein Maß der Zeit; keine Hand zum Gefühl und keinen einzigen durch Erfahrung und Einsicht gestärkten Sinn, um eine Sache richtig und schnell zu beurteilen; und doch will er eine Fabrik regieren. Allein, was kommt am Ende heraus? Er freuet sich noch und ist längst betrogen – zur Strafe, daß er das Handwerk nicht ordentlich gelernet hat. Doch ich habe mich aus meinem Wege entfernt. Die Einteilung der Handwerker in handelnde und Tagwerker und die Erhebung der erstem zu dem Range wahrer Kaufleute sollte dienen, dem Reichen, der seinem Sohn ein Handwerk lernen lassen will, einen Prospekt zu geben, daß er sich keinesweges erniedrige, wann er diesen Schritt tut. Sein Sohn kann als handelnder Handwerker mit Recht zu eben der Ehre gelangen, wozu es der vornehmste Bankier (das Wort klingt), wenn er glücklich ist, bringen kann. Es ist nicht nötig, daß er ein Tagwerker bleibe; und verwünscht sei der faule Junge, wenn er reich und dumm ist und höchstens auf dem Faulbette aller Müßiggänger, der betretenen Mittelstraße, liegenbleibt.

Die Ehre, wozu es reicher Leute Kinder im Handwerke bringen können, ist gezeigt. Sollte es nötig sein, auch den Vorteil zu beweisen? Ich denke, er müsse einem jeden selbst einleuchten. Doch ein Exempel wird allemal noch gern angehört. Nicht leicht ist ein Ort zur Lohgerberei besser gelegen als die hiesige Stadt; und wenn wir wollen, so müssen alle Häute aus Ostfriesland sich zu uns ziehen. Das hiesige Lohgerberamt hat Proben seiner Erfahrung und Geschicklichkeit gegeben. Es ist stark und reich gewesen und noch jetzt in ziemlichem Ansehen, wiewohl es nach und nach immer mehr abnimmt, weil unsre Krämer sich ein Geschäfte daraus machen, allerlei fremdes Leder einzuführen, Worin steckt aber die Wahre Ursache des Verfalls? Darin, daß jeder Lohgerber nicht einige tausend Taler im Vermögen hat.

Von dem englischen Leder sagt man, daß sechs Jahre darüber hingehen, ehe eine rohe Haut gar und zeitig werde. Vielleicht ist hier etwas übertrieben. Aber wahrscheinlich ist es, daß alle Häute, wenn sie drei Jahre zu ihrer Gare und Reife haben, unendlich schöner, dauerhafter und edler werden, als sie im ersten und andern Jahre sind. Wenn nun unsre Lohgerber ein solches Kapital hätten, um alle Häute, welche jährlich in Ostfriesland und hiesigen Gegenden fallen, anzukaufen und solche die gehörige Zeit von Jahren Über reifen lassen zu können, würde sodenn nicht die hiesige Zubereitung der englischen und brabändischen gleich und der Vorteil soviel größer sein? Ein Lohgerber, der seine Felle unter zwölf Monaten losschlagen muß, gewinnet vielleicht kaum 4 p. C, und wer sie drei Jahre liegenlassen kann, nicht unter 30. Von denen, die ihm den größten Vorteil geben, wird er gesegnet, von dem Taglöhner hingegen, dem seine Schuh von halbgarem Leder im ersten Regen zerfließen, ohne Vorteil verdammet.

Ich betrachte die Sache jetzt nicht von ihrer edelsten Seite: sondern nur von derjenigen, welche auch dem gemeinsten Auge aufstößt. Sonst hat Rousseau bereits die Gründe gezeigt, warum ein jeder Mensch ein Handwerk lernen solle, damit er nicht nötig habe, fremdes Brod zu essen, wenn er eignes haben könnte. Man sähe diese wichtige Wahrheit ehedem nicht deutlicher ein als in der Türkei, wo der gefangene ungarische Magnat, weil er nichts gelernet hatte, vor dem Karren ging und der Handwerker seine Sklaverei so leidlich als möglich hatte. Wieviel Bedienungen und Stände sind nicht in der Welt, welche zwar einen Mann, aber nicht den sechsten Teil seines Tages erfordern. Was macht er mit den übrigen fünf Sechsteln? Er schläft und ißt und trinkt und spielt und gähnt und weiß nicht, was er mit seiner Zeit anfangen soll. Wie mancher Gelehrter wünschte sich, etwas arbeiten zu können, wobei er seinen Kopf und seine Augen minder anstrengen und ein Stück Brod im Schweiße seines Angesichts essen könnte, wofür jetzt seiner verstopften Galle oder seinem versäuerten Magen ekelt? In einem Lande, worin sich hunderttausend Menschen befinden, haben zehntausend gewiß, um nur wenig zu sagen, den halben Tag nichts zu tun. Man setze diesen halben Tag zu sechs Stunden: so werden alle Jahr an die zweiundzwanzig Millionen Stunden, und wenn man jede nur auf 1 Pfennig anschlägt, an die hunderttausend Taler verloren. Würde aber, wenn ein jeder ein Handwerk könnte, ihn seine Geschicklichkeit und der dem Menschen gegebene natürliche Trieb zur Arbeit nicht reizen, etwas mit seinen Händen zu schaffen? Jedoch diese Betrachtungen gehören eigentlich nicht zur Sache.

Eine sehr wichtige aber ist es, daß Ihro Königliche Hoheit, unser gnädigster Herr, dermaleinst aus einem Lande zu uns kommen werden, wo alle Handwerker zur größten Vollkommenheit gediehen sind. Es ist kein Zweifel,oder Höchstdieselbe werden wünschen, alles bei dero geliebten Untertanen zu finden und nichts in der Fremde suchen zu müssen. Die ersten Eindrücke, welche Höchstdieselbe von ihren zärtlichen und rechtschaffenen Eltern (der Glanz des Thrones darf niemanden hindern, diese Privattugenden an des Königs und der Königin Maj. Maj. zu bewundern) erhalten, sind die geheiligten Pflichten, welche ein Landesherr gegen sein Volk zu beobachten hat; und unter diese rechnet man nunmehr auch, daß ein Landesherr als Vater seinen Kindern das Brod nicht entziehe und es den Fremden gebe. Seine Königl. Hoheit werden diese geheiligte Wahrheit gewiß früh hören und gern ausüben. Wie aber, wenn unsre Handwerker alsdann nichts liefern können, was einen Herrn, der von seiner ersten Jugend an alles besser und vollkommener gesehen hat, mit Billigkeit befriedigen kann? Wenn der Schlosser ein Grobschmied, der Bildhauer ein Holzschuhmacher und der Maler ein Michelangelo della scopa ist? Wenn wir bei den dankbarsten Herzen uns mit unsern dummen Fingern hinter die Ohren kratzen müssen? oder dastehen wie der Junge des Hogarths,In The Noon. Hogarth war auch ein Handwerker, der auf Bestellung und zum Verkauf arbeitete. In seiner Stube, worin er die ihn täglich besuchende Fremde im Nachtrocke mit der Mütze in der Hand ehrbar empfing, hatte er einen kleinen Schrank, worin alle seine Werke, die er öffentlich verkaufte, bereitlagen. Hier erklärte er denn wohl selbst seinen Käufern den Sinn verschiedener Groupen und verkaufte davon vor etliche Schillinge. Allein, zu welchem Ruhm hat er es nicht gebracht, und würde nicht die große Welt seinen Umgang mit Eifer gesucht haben, wenn er den besondern Geist in seinen Reden gehabt hätte, welchen er in seinen Karikaturen zeigte? welchem die Pastete in den Fäusten bricht und die Brühe durch die Hosen fließt? Werden wir denn nicht mit Wahrscheinlichkeit sehen und mit Recht erleiden müssen, daß der Herr dasjenige, was er gebraucht, daher kommen lasse, wo die Eltern ihren Kindern das Handwerk besser lernen lassen? Wird nicht der ganze Hof dem Exempel des Herrn folgen? Und wird nicht das Exempel des Hofes alle Affen du bon ton mit Recht dahin reißen? Dann werden wir klagen und wie alle diejenigen, die ihre Schuld fühlen, ungerecht genug sein, über diejenige zu murren, die uns mit Recht verachten. Wir werden den besten Herrn nicht so lieben, wie er es verdient, und aus Scham zuletzt undankbar werden. Ihro Königliche Hoheit Ernst August der Andre hatten die Gnade, einige Handwerker reisen zu lassen. Man weiß, wie der Erfolg davon gewesen und wie weit der Schlösser, welcher sich diese Gnade recht zunutze machte, alles übertraf, was wir in der Art jemals gesehen hatten. Seine Geschicklichkeit hat andere gebildet, die ihn zwar nicht erreicht, sich aber merklich gebessert haben. Ihro Königliche Majestät von Großbritannien fordern die hiesigen Gilden auf und bieten den jungen Leuten, welche ein Handwerk gelernet haben und Genie zeigen, die Reisekosten und alle mögliche Beförderung an. Was können wir in der Welt mehr erwarten, und ist es nicht eine außerordentliche Vorsorge auf die künftigen Zeiten; daß diejenigen Knaben, welche sich jetzt zum Handwerke geben, gerade zu der Zeit, wann die Minderjährigkeit urtsers hoffnungsvollen Landesherrn ein Ende nimmt und unsre getreuesten Wünsche ihn zu uns führen worden, nicht bloß ausgelernte, sondern auch große Meister sein können? Machen wir uns nicht vorsätzlich alles des Unwillens, des Murrens und der Undankbarkeit schuldig, welche uns dereinst, wann wir als zunftmäßige Stümper den Fremden nachgesetzt werden, gewiß dahin reißen wird, im Fall wir uns nicht mit dankbarem Eifer bestreben, diese Gelegenheit mit beiden Händen zu ergreifen?

Was können also vernünftige und bemittelte Eltern besser tun, als ihren Kindern ein Handwerk lernen zu lassen? Mit der Krämerei wird es in zwanzig Jahren sehr betrübt aussehn, da sich alles in Krämer verwandelt und zuletzt einer den andern zugrunde richten muß. Es ist zuviel gefordert, daß einer bloß von der Kramerei leben will. Die Modenkrämer in der ganzen Welt wissen ihre Coeffüren, ihre Broderien und alle Arten Galanterien selbst zu machen. Die Tiroler arbeiten auf der Reise und machen in jeder müßigen Stunde die Ohrringe, die Halsgeschmeide, die Zitternadeln, die Bouquets, die Allongen und unzählige andere Dinge selbst, die sie verkaufen. Die Italiener machen überall Mausefallen, Barometer und Diaboli Cartesiani. Die Franzosen reiben wenigstens Tabak, um bei einem kleinen Handel die übrigen Stunden nützlich anzuwenden. Das geschieht, weil sie eine Kunst oder ein Handwerk zum Grunde ihrer Handlung gelegt haben. Bei uns hingegen ... O Scarron! Scarron! wo bleibt deine Perücke und was darunter saß?

Zur Urkunde der Wahrheit dessen, was oben angeführt, setzen wir folgendes Reskript hieher:

Wir Georg der Dritte von Gottes Gnaden König und Churfürst. Uns ist aus Eurem Berichte vom 11ten Febr. untertänigst vorgetragen worden, was maßen in der Stadt Osnabrück eben wie in andern Städten des Hochstifts die zur Aufnahme derselben vorzüglich dienenden Handwerke nach und nach in Abnahme und Verfall geraten sind.

Da Wir nun aus besondrer Gnade für die dortige Bürgerschaft Uns gnädigst entschlossen haben, die nötigsten und dienlichsten derselben bestens wiederherzustellen, insbesondere aber einige junge Leute, welche denenselben sich zu widmen gedenken und dazu eine vorzügliche Fähigkeit zeigen, nachdem sie sattsam vorbereitet und tüchtig befunden sein werden, auf ihren Reisen zu unterstützen und bei ihrer Wiederkunft auf alle tunliche Weise zu befördern:

So habet ihr dem dortigen Magistrat von dieser Unserer Absicht Eröffnung zu tun und von demselben weitere Vorschläge einzuziehen, auf was Art hierunter das vorgesetzte Ziel am besten erreichet werden könne. Wir etc.

St. James den 22. März 1766.

Die Spinnstube, eine osnabrückische Geschichte

Selinde, wir wollen sie nur so nennen, ihr Taufname war sonst Gertrud, war die älteste Tochter redlicher Eltern und von Jugend auf dazu gewehnt worden, das Nötige und Nützliche allein schön und angenehm zu finden. Man erlaubte ihr jedoch, soviel möglich, alles Notwendige in seiner größten Vollkommenheit zu haben. Ihr Vater, ein Mann von vieler Erfahrung, hatte sie in Ansehung der Bücher auf ähnliche Grundsätze eingeschränkt. Die Wissenschaften, sagte er oft, gehören zum Üppigen der Seele; und in Haushaltungen oder Staaten, wo man noch mit dem Notwendigen genug zu tun hat, muß man die Kräfte der Seelen besser nützen. Selinde selbst schien von der Natur nach gleichen Regeln gebauet zu sein und alles Notwendige in der größten Vollkommenheit zu besitzen.

Die ganze Haushaltung bestand ebenso. Wo die Mutter von einer bessern Art Kühe oder Hühner hörte, da ruhete sie nicht eher, als bis sie daran kam. Man fand das schönste Gartengewächse nur bei Selinden. Ihre Rüben gingen den märkischen weit vor; und der Bischof hatte keine andre Butter auf seiner Tafel, als die von ihrer Hand gemacht war. Was man von ihrer Kleidung sehen konnte, war klares oder dichtes Linnen, ungestickt und unbesetzt, jedoch so nett von ihr gesäumt, daß man in jedem Stiche eine Grazie versteckt zu sein glaubte. Das einzige, was man an ihr Überflüssiges bemerkte, war ein Heideblümgen in den lichtbraunen Locken. Sie pflegte aber diesen Staat damit zu entschuldigen, daß es der einzige wäre, welchen sie jemals zu machen gedächte; und man konnte denselben um so viel eher gelten lassen, weil sie die Kunst verstand, diese Blumen so zu trocknen, daß sie im Winter nichts von ihrer Schönheit verloren.

In ihrem Hause war eingangs zur rechten Hand ein Saal oder eine Stube, welches man so genau nicht unterscheiden konnte. Vermutlich war es ehedem ein Saal gewesen. Jetzt ward es zur Spinnstube gebraucht, nachdem Selinde ein helles, geräumiges und reinliches Zimmer mit zu den ersten Bedürfnissen ihres Lebens rechnete. Aus derselben ging ein Fenster auf den Hühnerplatz, ein anders auf den Platz vor der Tür und ein drittes in die Küche, der Kellertür gerade gegenüber. Hier hatte Selinde manchen Tag ihres Lebens arbeitsam und vergnügt zugebracht, indem sie auf einem dreibeinichten Stuhle (denn einen solchen zog sie dem vierbeinichten vor, weil sie sich auf demselben ohne aufzustehen und ohne alles Geräusch auf das geschwindeste herumdrehen konnte) mit dem einen Fuße das Spinnrad und mit dem andern die Wiege in Bewegung erhalten, mit einer Hand den Faden und mit der andern ihr Buch regiert und die Augen bald in der Küche und vor der Kellertür, bald aber auf dem Hühnerplatze oder vor der Haustür gehabt hatte. Oft hatte sie auch zugleich auf ihre Mutter im Kindbette achtgehabt und die spielenden Geschwister mit einem freudigen Liede ermuntert. Denn das Kindbette ward dero Zeit noch in einem Durtich (dortoir) gehalten, wovon die Staatsseite in die Spinnstube ging und mit schönem Holzwerk, welches Pannel hieß, nun aber minder glücklich boiseriePannel, ouvrage à pans oder Stückelarbeit, wovon auch das Wort Pfennig als das erste Stück eines Schillings seinen Ursprung hat, drückt die Sache unstreitig besser aus als boiserie. genannt wird, gezieret war. Desgleichen hatten die Eltern ihre Kinder noch mit sich in der Wohnstube, um selbst ein wachsames Auge auf sie zu haben. Über dem Durtich war der Hauptschrank, worin die Briefschaften, die Becher und andre Erbschaftsstücke verwahret waren; und auch diesen hatte Selinde zugleich vor Dieben bewahrt. Wann die langen Winterabende herankamen, ließ sie die Hausmägde, welche sich daher ebenfalls, überaus reinlich halten mußten, mit ihren Rädern in die Spinnstube kommen. Man sprach sodann von allem, was den Tag über im Hause geschehen war, wie es im Stalle und im Felde stünde und was des andern Tages vorzunehmen sein würde. Die Mutter erzählte ihnen auch wohl eine lehrreiche und lustige Geschichte, wenn sie haspelte. Die kleinen Kinder liefen von einem Schoße zum andern, und der Vater genoß des Vergnügens, welches Ordnung und Arbeit gewähren, mittlerweile er seine Hände bei einem Fisch- oder Vogelgarn beschäftigte und seine Kinder durch Fragen und Rätsel unterrichtete. Bisweilen ward auch gesungen, und die Räder vertraten die Stelle des Basses. Um alles mit wenigem zu sagen: so waren alle notwendige Verrichtungen in dieser Haushaltung so verknüpft, daß sie mit dem mindesten Zeitverlust, mit der möglichsten Ersparung überflüssiger Hände und mit der größten Ordnung geschehen konnten; und die Spinnstube war in ihrer Anlage so vollkommen, daß man durch dieselbe auf einmal so viele Absichten erreichte, als möglicher Weise erreichet werden könnten. Nicht weit von dieser glücklichen Familie lebte Arist, der einzige Sohn seiner Eltern und der frühe Erbe eines ziemlichen Vermögens. Als ein Knabe und hübscher Junge war er oft zu Selinden in die Spinnstube gekommen und hatte manche schöne Birn darin gegessen, welche sie ihm geschälet hatte. Nach seiner Eltern Tode aber war er auf Reisen gegangen und hatte die große Welt in ihrer ganzen Pracht betrachtet. Er verstand die Baukunst, hatte Geschmack und einen natürlichen Hang zum Überflüssigen, welchen er in seiner ersten Jugend nicht verbergen konnte, da er schon nicht anders als mit einem Federhute nach der Kirchen gehen wollte. Man wird daher leicht schließen, daß er bei seiner Wiederkunft, jene eingeschränkte Wirtschaft nicht von ihrer besten Seite betrachtet und die Spinnstube seiner Mutter in einen Vorsaal verändert habe. Jedoch war er nichts weniger als verderbt. Er war ein billiger und vernünftiger Mann geworden, und sein einziger Fehler schien zu sein, daß er die edle Einfalt als etwas Niedriges betrachtete und sich eines braunen Tuchs schämte, wenn andre in goldgesticktem Scharlach über ihn triumphierten.

Seine Eltern hatten seine frühe Neigung zu Selinden gern gesehen, und die ihrigen wünschten ebenfalls eine Verbindung, welche allen Teilen eine Vollkommene Zufriedenheit versprach. Seinen Wünschen setzte sich also nichts entgegen; und so viele Schönheiten als er auch auswärts gesehen hatte, so war ihm doch nichts vorgekommen, welches ihre Reizungen übertroffen hätte. Er widerstand daher nicht lange ihrem mächtigen Eindruck, und der Tag zur Hochzeit ward von den Eltern mit derjenigen Zufriedenheit angesetzt, welche eine ausgesuchte Ehe unter wohlgeratenen Kindern insgemein zu machen pfleget. Allein, sooft Arist seine Braut besuchte, fand er sie in der Spinnstube, und er mußte manchen Abend die Freude, seine Geliebte zu sehen, mit dem Verdruß, zwischen Rädern und Kindern zu sitzen, erkaufen.

Er konnte sich endlich nicht enthalten, einige satirische Züge gegen diese altväterische Gewohnheit auszulassen. »Ist es möglich«, sagte er einsmal gegen den Vater, »daß Sie unter diesem Gesumse, unter dem Geplauder der Mägde und unter dem Lärm der Kinder so manchen schönen Abend hinbringen können? In der ganzen übrigen Welt ist man von der alten deutschen Gewohnheit, mit seinem Gesinde in einem Rauche zu leben, zurückgekommen, und die Kinder können unmöglich edle Gesinnungen bekommen, wenn sie sich mit den Mägden herumzerren. Ihre Denkungsart muß notwendig schlecht und ihre Aufführung nicht besser geraten. Überall, wo ich in der Welt gewesen, haben, die Bediente ihre eigne Stube; die Mägde haben die ihrige besonders; die Kammerjungfer sitzt allein; die Töchter sind bei der Französin, die Knaben bei dem Hofmeister; der Herr vom Haus wohnt in einem und die Frau im andern Flügel. Bloß der Eßsaal nebst einigen Vorzimmern dienen zu gewissen Zeiten des Tages, um sich darin zu sehen und zu versammlen. Und wenn ich meine Haushaltung anfange, so soll die Spinnstube gewiß nicht im Corps de logis wieder angelegt werden.«

»Mein lieber Arist«, war des Vaters Antwort, »ich habe auch die Welt gesehen und nach einer langen Erfahrung gefunden, daß Langeweile unser größter Feind und eine nützliche Arbeit unsre dauerhafteste Freundin sei. Da ich auf das Land zurückkam, überlegte ich lange, wie ich mit meiner Familie meine Zeit vor mich ruhig und vergnügt hinbringen wollte. Die Sommertage machten mich nicht verlegen. Allein die Winterabende fielen mir desto länger. Ich fing an zu lesen, und meine Frau nähete. Im Anfang ging alles gut. Bald aber wollten unsre Augen diese Anstrengung nicht aushalten, und wir kamen oft zu dem Schlusse, daß das Spinnen die einzige Arbeit sei, welche ein Mensch bis ins höchste Alter ohne Nachteil seiner Gesundheit aushalten könnte. Meine Frau entschloß sich also dazu; und nach und nach kamen wir zu dem Plan, welcher Ihnen so sehr mißfällt. Dies ist die natürliche Geschichte unsers Verfahrens. Nun lassen sie uns auch Ihre Einwürfe als Philosophen betrachten.

In meiner Jugend diente ich unter dem General Montecuculi. Wie oft habe ich diesen Helden in regnichten Nächten auf den Vorposten sich an ein schlechtes Wachfeuer niedersetzen, aus einer versauerten Flasche mit den Soldaten trinken und ein Stück Kommißbrod essen sehen? Wie gern unterredete er sich mit jedem Gemeinen? Wie aufmerksam hörte er oft von ihnen Wahrheiten, welche ihm von keinen Adjutanten hinterbracht wurden? Und wie groß dünkte er sich nicht, wenn er in der Brust eines jeden Gemeinen Mut, Gedult und Vertrauen erwecket hatte? Was dort der Feldherr tat, das tue ich in meiner Haushaltung. Im Kriege sind einige Augenblicke groß; in der Haushaltung alle, und es muß keiner verloren werden. Sollte nun aber wohl dasjenige, was den Helden größer macht, den Landbauer beschimpfen können? Ist der Ackerbau minder edel als das Kriegeshandwerk? Und sollte es vornehmer sein, sein Leben zu vermieten, als sein eigner Herr zu sein und dem Staate ohne Sold zu dienen? Warum sollte ich also nicht mit meinem Gesinde wie Montecuculi mit seinen Soldaten umgehen?

Ein gesunder und reinlicher Mensch hat von der Natur ein Recht, ein starkes Recht, uns zu gefallen. Der Ehrgeizige braucht ihn; die Wollust sucht ihn; und der Geiz verspricht sich alles von seinen Kräften. Ich habe allzeit gesundes und reinliches Gesinde; und bei der Ordnung, welche wir in allen Stücken halten, fällt es uns nicht schwer, es wohl zu ernähren und gut zu kleiden. Das Kleid macht nicht bloß den Staatsmann; es macht auch eine gute Hausmagd; und es kann Ihnen, mein lieber Arist, nicht unbemerkt geblieben sein, daß der Zuschnitt ihrer Mützen und Wämser ihnen eine vorzügliche Leichtigkeit, Munterkeit und Achtsamkeit gebe. Ich erniedrige mich nicht zu ihnen; ich erhebe sie' zu mir. Durch die Achtung, welche ich ihnen bezeige, gebe ich ihnen eine Würde, welche sie auch im Verborgnen zur Rechtschaffenheit leitet. Und diese Würde, dieses Gefühl der Ehre dienet mir besser als andern die Furcht vor dem Zuchthause. Wenn sie des Abends zu uns in die Stube gelassen werden, haben sie Gelegenheit, manche gute Lehre im Vertrauen zu hören, welche sich nicht so gut in ihr Herz prägen würde, wenn ich sie ihnen als Herr im Vorübergehen mit einer ernsthaften Miene sagte. Durch unser Betragen gegen sie sind sie versichert, daß wir es wohl mit ihnen meinen, und sie müßten sehr unempfindliche Geschöpfe sein, wenn sie sich nicht darnach besserten. Ich habe zugleich Gelegenheit, ohne von meiner Arbeit aufzustehen und meine Zeit zu verlieren, von ihnen Rechenschaft wegen ihrer Tagesarbeit zu fordern und ihnen Vorschriften auf den künftigen Morgen zu geben. Meine Kinder hören zugleich, wie der Haushalt geführet und jedes Ding in demselben angegriffen werden muß. Sie lernen, gute Herrn und Frauen zu werden. Sie gewöhnen sich zu der notwendigen Achtsamkeit auf Kleinigkeiten; und ihr Herz erweitert sich bei Zeiten zu den christlichen Pflichten im niedrigen Leben, wozu sich andre sonst mehr aus Stolz als aus Religion herablassen. Ordentlicher Weise aber lasse ich meine Kinder mit dem Gesinde nicht allein. Wenn es aber von ungefähr geschieht: so habe ich weniger zu fürchten als andre, deren Kinder mit einem verachteten Gesinde verstohlne Zusammenkünfte halten. Ich muß aber dabei bemerken, daß ich meine Kinder hauptsächlich zur Landwirtschaft und zu derjenigen Vernunft erziehe, welche die Erfahrung mit sich bringt. Von gelehrten Hofemeistern lernen tausend die Kunst, nach einem Modell zu denken und zu handlen. Aufmerksamkeit und Erfahrung aber bringen nützliche Originale oder doch brauchbare Kopien hervor.« Arist schien mit einiger Ungedult das Ende dieser langen Rede zu erwarten, und vielleicht hätte er Selindens Vater in manchen Stellen unterbrochen, wenn der Ernst, womit diese ihrem Vater zuhörte, ihn nicht behutsam gemacht hätte. »Es ist einem jeden nicht gegeben«, fiel er jedoch hier ein, »sich mit seinem Gesinde so gemein zu machen; und ich glaube, man tut allezeit am besten, wenn man sie in gehöriger Ehrfurcht und Entfernung hält. Alle Menschen sind zwar von Natur einander gleich. Allein, unsre Umstände wollen doch einigen Unterschied haben; und es ist nicht übel, solchen durch gewisse äußerliche Zeichen in der Einbildung der Menschen zu unterhalten. Mit eben den Gründen, womit Sie mir die Spinnstube anpreisen, könnte ich Ihnen die Dorf schenke rühmen. Und vielleicht bewiese ich Ihnen aus der Geschichte des vorigen Jahrhunderts, daß verschiedene Kaiser und Könige, wenn ihnen die allezeit in einerlei Gemütsuniforme erscheinende Hofleute Langem weile verursachet, sich oft in einem Baurenhause gelabet und ihren getreuesten Untertanen unerkannter Weise zugetrunken haben.«

»Und Sie wollten dieses verwerfen?« versetzte Selindes Vater mit einem edlen Unmute. »Sie wollten eine Handlung lächerlich machen, welche ich vor die gnädigste des Königs halte? Kommen Sie«, fuhr er fort, »ich habe hier noch ein Buch, welches ich oft lese. Dieses ist Homer. Hier hören Sie (und in dem Augenblick las er die erste Stelle, so ihm in die Hand fiel): ,Der alte Nestor zitterte ein wenig, aber Hektar kehrte sich an nichts,' Welch eine natürliche Schilderung!« rief er aus. »Wie' sanft, wie lieblich, wie fließend ist diese Schattierung in Vergleichung solcher Gemälde, worauf der Held in einem einfarbigen Purpur steht, den Himmel über sich einstürzen sieht und den Kopf an einer poetischen Stange unerschrocken in die Höhe hält? Wodurch war aber Homer ein solcher Maler geworden? Wahrlich nicht dadurch, daß er alles in einen prächtigen, aber einförmigen Modeton gestimmt und sich in eine einzige Art von Nasen verliebt! Nein, er hatte zu seiner Zeit die Natur überall, wo er sie angetroffen, studiert. Er war auch unterweilen in die Dorfschenke gegangen, und der schönste Ton seines ganzen Werks ist dieser, daß er die Mannigfaltigkeit der Natur in ihrer wirklichen und wahren Größe schildert und durch übertriebene Vergrößerungen oder Verschwörungen sich nicht in Gefahr setzt, statt hundert Helden nur einen zu behalten. Er ließ der Helene ihre stumpfe Nase, ohne ihr den schönen Hügel darauf zu setzen; und Penelopen ließ er in der Spinnstube die Aufwartung ihrer Liebhaber empfangen.«

Arist wollte eben von dem Durtich sprechen, welcher beim Homer wie ein Vogelbauer in die Höhe gezogen wird, damit die darin schlafende Prinzen nicht von den Ratzen oder andern giftigen Tieren angegriffen würden. Allein, der Alte ließ ihn nicht zu Worte kommen und sagte nur noch: »Ich weiß wohl, die veredelten, verschönerten, erhabenen und verwehnten Köpfe unser heutigen Welt lachen über dergleichen Gemälde. Allein, mein Trost ist: Homer wird in England, wo man die wahre Natur liebt und ihr in jedem Stande Gerechtigkeit widerfahren läßt, mehr gelesen und bewundert als in dem ganzen übrigen Teile von Europa; und es gereicht uns nicht zur Ehre, wenn wir mit dem niedrigsten Stande nicht umgehen können, ohne unsre Würde zu verlieren. Es gibt Herrn, welche in einer Dorfschenke am Feuer mit vernünftigen Landleuten, die das Ihrige nicht aus der Encyclopädie, sondern aus Erfahrung wissen und aus eignem Verstände wie aus offnem Herzen reden, allezeit größer sein werden als orientalische Prinzen, die, um nicht klein zu scheinen, sich einschließen müssen. Wenn wir dächten, wie wir denken sollten: so müßte uns der Umgang mit ländlichen, unverdorbenen und unverstelleten Originalen ein weit angenehmer Schauspiel geben als die Bühne, worauf einige abgerichtete Personen ein auswendig gelerntes Stück in einem geborgten Affekte daherschwatzen.«

Wie Selinde merkte, daß ihr Vater eine Wahrheit, welche er zu stark fühlte, nicht mehr mit der ihm sonst eignen Gelassenheit ausdrückte, unterbrach sie ihn damit, daß sie sagte: sie würde sichs von Aristen als die erste Gefälligkeit ausbitten, daß er seiner Mutter Spinnstube wieder in den vorigen Stand setzen ließe. Und sie begleitete diese ihre Bitte mit einem so sanften Blicke, daß er auf einmal die Satire vergaß und ihr unter einer einzigen Bedingung den vollkommensten Gehorsam versprach. Selinde wollte zwar anfangs keine Bedingung gelten lassen. Doch sagte sie endlich: »Die Bedingungen eines geliebten Freundes können nichts Widriges haben, und ich weiß zum voraus, daß sie zu unserm gemeinschaftlichen Vergnügen sein werden.« Arist erklärte sich also, und es ward von allen Seiten gutgefunden, daß Selinde ein Jahr nach ihres Mannes Phantasie leben und alsdann dasjenige geschehen sollte, was sie beiderseits wünschen würden. Jeder Teil hoffte, in dieser Zeit den andern auf seine Seite zu ziehen.

Der Hochzeitstag ging fröhlich vorüber, und wanngleich Arist sich an demselben in seiner schönsten Größe zeigte, so bemerkte man doch auf der andern Seite nichts, was man Überfluß nennen konnte. Selindens Vater kleidete alle Arme im Dorfe neu; nur sich selbst nicht, weil sein Rock noch völlig gut war. Er gab nicht mehr als drei Speisen und ein gutes Bier, welches im Hause gemacht war. Denn der Wein war damals noch keine allgemeine Mode, und es hatte sich kein Leibarzt beifallen lassen, der Braunahrung zum Nachteil das Wasser gesunder zu finden. Die Braut trug ihr Heideblümgen, und die liebenswürdigste Sittsamkeit war das durchscheinende Gewand vieler edlen und mächtigen Reizungen. Sie war weiß und nett ohne Pracht. Des andern Morgens aber erschien sie nach der Abrede in unaussprechlichen Kleidungen. Denn die Zeit hat die Modenamen aller Kopfzeuge, Hüllen und Phantasien, welche dero Zeit zum Putz eines Frauenzimmers gehörten, längst in Vergessenheit kommen lassen. Und wenn sie solche auch erhalten hätte: so würde man sie doch ebensowenig verstehen als dasjenige, was man in der Limpurger Chronik von gemützerten, geflützerten, verschnittenen und verzattelten, von Kleinspalt, Kogelns, Sorkett und Disselsett lieset.Die Worte davon lauten in fastis Limpurg. S. 18 also: »Die Kleidung von den Leuten in Teutschen Landen war also gethan. Die alte Leute mit Nahmen, trugen lange und weite Kleider, und hatten nicht Knauff sondern an den Armen hatten sie vier oder fünff Knäuff. Die Ermel waren bescheidentlich weit. Dieselben Röcke waren um die Brust oben gemützert und geflützert, und waren vornen auffgeschlitzt bis an den Gürtel. Die junge Männer trugen kurze Kleider, die waren abgeschnitten auff den Lenden, und gemützert und gefalten mit engen Armen. Die Kogeln waren groß. Darnach zu Hand trugen sie Röcke mit vier und zwanzig oder dreißig Geren, und lange Hoicken, die waren geknäufft vornen nieder biß auff die Füß. Und trugen stumpe Schuhe. Etliche trugen Kugeln, die hatten vornen ein Lappen und hinten ein Lappen, die waren verschnitten und gezattelt. Das manches Jahr gewähret. Herren, Ritter und Knechte, wann sie hoffarten, so hatten sie lange Lappen an ihren Armen bis auff die Erden, gefüdert mit Kleinspalt oder mit Bund, als den Herren und Rittern zugehort, und die Knechte, als ihnen zugehort. Die Frauen giengen gekleidet zu Hoff und Däntzen mit par Kleidern, und den Unterrock mit engen Armen. Das oberste Kleid hieß ein Sorkett, und war bey den Seiten neben unten aufgeschlissen, und gefüdert im Winter mit Bund, oder im Sommer mit Zendel, das da ziemlich einem jeglichen Weibe war. Auch trugen die Frauen der Burgersen in den Städten gar zierliche Holcken, die nennte man Fyllen, und war das kleine Gespense von disselsett, krauß und eng beysammen gefalten mit einem Same beynahe einer Spannen breit, deren kostet einer Neun oder Zehen Gülden.« Die Kugeln hingen vermutlich auch an den Kappen, und rührt daher das heutige Sprichwort: Kappen und Kugeln verspielen.

Selinde, die alles, was sie war, jederzeit aus Überlegung war, spielte ihre neue Rolle würklich schöner, als wenn sie solche gelernet hätte. Sie stand spät auf, saß bis um neun Uhr am Koffeetische, putzte sich bis um zwei, aß bis um vier, spielte bis achte, setzte sich wieder zu Tische bis zehn, zog sich aus bis um zwölfe und schlief wieder bis achte; und in diesem einförmigen Zirkel verfloß der erste Winter in einer benachbarten Stadt, wohin sie sich nach der Mode begeben hatten.

Wie der folgende Winter sich näherte, fing Arist allmählich an, Überlegungen zu machen. Sein ganzes Hausgesinde hatte sich nach seinem Muster gebildet. In der Haushaltung war vieles verloren, vieles nicht gewonnen und in der Stadt ein Ansehnliches mehr als sonst verzehrt. Er mußte sich also entschließen, auf dem Lande zu bleiben, wofern er seine Wirtschaft in Ordnung halten wollte. Selinde hatte ihm bis dahin noch nichts gesagt. Denn auch dieses hatte er sich bedungen. Allein nunmehr, da das Probejahr zu Ende ging, schien sie allmählich mit einem Blicke zu fragen, wiewohl mit aller Bescheidenheit und nur so, daß man schon etwas auf dem Herzen haben mußte, um diesen Blick zu verstehen.

Zur Zeit, wie Arist in Paris gewesen war, hatte man eben die Spinnräder erfunden, welche die Damen mit sich in Gesellschaft trugen, auf den Schoß setzten und mit einem stählernen Haken an eben der Stelle befestigten, wo jetzt die Uhr zu hängen pflegt. Man drehete das Rad mit einem schönen kleinen Finger und tändelte oder spann mit einem andern. Von dieser Art hatte er heimlich eins vor Selinden kommen lassen und vor sich ein Gestell zu Knötgen. Denn die Mannspersonen fingen eher an zu knötgen als zu trenseln.Das Trenseln, welches vor dreißig Jahren Mode war, bestand darin, daß man goldne und silberne Borten, auch seidne Zeuge in ihre Fäden auflösete. Viele modische Leute kauften sich neue Borten, um ihre Hände solchergestalt zu beschäftigen. Ehe sichs Selinde versah, rückte Arist mit diesen allerliebsten Kleinigkeiten hervor und gedachte damit eine Wendung gegen sein feierliches Versprechen zu machen. Vielleicht wäre es ihm auch eine Zeitlang geglückt, wenn nicht das charmante Rädgen mit einer unendlichen Menge Breloquen wäre gezieret gewesen. Sie wußte zwar die Geschichte ihres Ursprungs und zu welchem Ende der Gott der Liebe diese kleinen Siegeszeichen erfunden hatte, nicht. Allein, sie sahe doch ganz wohl ein, daß dieser überflüssige Zierat ein kleiner Spott über ihre ehmaligen Grundsätze sein sollte. Indessen schwieg sie und spann. Arist aber machte Knötgen.

Kaum aber war ein Monat und mit diesem die Neuigkeit vorüber, so fühlte Arist selbst die ganze Schwere dieser langweiligen Tändelei. Längst hatte er eingesehen, daß nichts als nützliche Arbeit die Zeit verkürzen und ein dauerhaftes Vergnügen erwecken könnte. Allein, diese seine Erkenntnis war unter dem Geräusch jugendlicher Lustbarkeiten verschwunden; jetzt verwandelte sie sich aber in eine lebhafte Überzeugung, da die Not sich bei ihm als ein ernsthafter Sittenlehrer einstellte. Er fing also an, Selinden offenherz- und zärtlich zu gestehen, wie es wohl schiene, daß sie recht behalten würde ...

Die Szene, welche hierauf folgte, ist zu rührend, um sie zu beschreiben. Es ist genug zu wissen, daß Selinde den Sieg und eine ganz neue Spinnstube erhielt,,woraus sie wie zuvor ihre ganze Haushaltung regieren konnte. Nur wollte Arist nicht, daß sie eingangs zur Linken liegen sollte, weil er hier seinen Saal behalten und die Damen, so ihn besuchten, wie im Menuett, von der Rechten zur Linken führen wollte. Dies ward leicht eingeräumt; und jedermann weiß, daß sie beide unter Rädern und Kindern ein sehr hohes und vergnügtes Alter erreichet haben. Man sagt dabei, daß die damalige Landesfürstin ihnen die Ehre erwiesen, sie in der Spinnstube zu besuchen, und daß sie zum Andenken derselben eine dergleichen auf dem Schlosse zu Iburg angelegt habe, welche bis auf den heutigen Tag die Spinnstube genannt wird.

Etwas zur Verbesserung der Armenanstalten

Wie, Sie wollen das Betteln rühmlich machen? In der Tat, das fehlt den faulen Müßiggängern noch. Allein, herunter mit dem Schleier, herunter mit dem Regentuche, worin sich viele unsrer Bettlerinnen verstecken, um ihre Ehre nicht zu verlieren. Verdient eine arme unglückliche Person so viel Schonung: so sorge man für sie daheim; und setze dieselbe nicht der traurigen Notwendigkeit aus, ihr Brod vor den Türen zu suchen. Verdienet sie es aber nicht: so verfolge Schimpf und Verachtung den verschuldeten Bettler. Er gehe, wenn er ja gehen soll, als ein Scheusal durch die Gassen und sei allen jetzt wankenden, jetzt auf die faule Seite nach und nach sinkenden, jetzt sorglos darauflos zehrenden Einwohnern ein so schreckliches Exempel, daß sie sich lieber das Blut aus den Fingern arbeiten und Wasser und Brod genießen, als auf künftige Almosen ihre Zeit und ihren Fleiß ungenutzt verschlafen oder verprassen. Eine Bettlerin im Regentuch ist eine Satire wider die Obrigkeit, die entweder die Unglückliche nicht versorgt oder die Schuldige nicht strafet. Nirgends gibt es mehr Bettler, als wo eine unüberlegte Gütigkeit sich als christliches Mitleid zeigt und jeden Armen ernährt; nirgends gibt es weniger als bei den Fabriken, wo man den Bettler, der noch arbeiten kann, auf dem Misthaufen sterben läßt, um andre zum Fleiße zu zwingen.

Doch ich will die Sache gelassen betrachten. Von dem großen Gesetze, daß niemand im Staat sein Brod umsonst haben müsse, weil die Versuchung zur Faulheit sonst zu stark werden würde; und daß es besser sei, denjenigen, der nur noch einzig und allein ein gesundes Auge übrig hat, sein Brod durch eine ihm anvertrauete Aufsicht verdienen zu lassen, als ihn auf dem Faulbette zu ernähren, will ich jetzt nichts erwähnen. Es ist bekannt genug; der Satz, worauf ich bauen will, soll sein: Armut muß verächtlich bleiben.

Nur muß man mich wohl verstehen. Ein gesunder fleißiger Mensch ist nie arm. Der Reichtum bestehet nicht in Gelde, sondern in Stärke, Geschicklichkeit und Fleiße. Diese haben einen güldnen Boden und verlassen einen nie; das Geld sehr oft. In der letzten Ernte sahe ich die Frau eines Heuermanns, deren Mann ein Hollandsgänger ist, welche selbst mähete und band und ihr vierteljähriges Kind neben sich in der Furche liegen hatte, wo es so 'geruhig als in der besten Wiege schlief.

Nach einer Weile warf sie mutig ihre Sense nieder, setzte sich auf eine Garbe, legte das Kind an die gesunde Brust und hing mit einem zufriedenen und mütterlichen Blicke über den saugenden Knaben. Wie groß, wie reich, dachte ich, ist nicht diese Frau? Zum Mähen, Binden, Säugen und Frau zu sein gehören sonst vier Personen. Aber dieser ihre Gesundheit und Geschicklichkeit dienet für viere. Die Natur zeigt hier eine homerische Allegorie für die Arbeitsamkeit ohne Cayluss und Winckelmann.

Wenn ich es also als ein Gesetz annehme, daß Armut schimpfen müsse, sobald sie nicht durch ein besonders Unglück ehrlich gemacht wird: so verstehe ich darunter den Mangel, der aus Ungeschicklichkeit und Faulheit entspringt, und mache mit Fleiß dieses große Gesetz hart, weil wir von Natur ohnehin weichherzig genug sind, mit jedem Armen ohne Untersuchung Mitleid zu haben, und unser Herz insgemein den Verstand betriegt, wenn es aufs Wohltun ankömmt. Das Sprüchwort: »Armut schimpft niemand« dienet insgemein nur dem stolzen Armen, dessen Eitelkeit sich beleidigt fühlt. Und wenn wir dem Armen ins Verhör gehen: so finden sich immer viele zweideutige Umstände zu seiner Entschuldigung. Daher mag die Armut überhaupt immer etwas Verächtliches behalten, wenn wir nur dabei unsre Hochachtung gegen die Frau, die zugleich mähet, bindet und säuget, verdoppeln. Jene Verachtung und diese Hochachtung müssen zusammenbleiben und die Bewegungsgründe zum Fleiße verstärken.

Dieses Gesetz muß aber nicht eher in Übung kommen, bevor wir nicht einige Voranstalten gemacht haben, wozu folgende meines Ermessens hinreichen werden. Man teile alle Arme in drei Klassen.

In die erste Klasse sollen diejenigen kommen, welche durch Unglücksfälle oder Gebrechlichkeit arm sind und einige Schonung verdienen.

In die andre alle, welche eben keine Schonung verdienen und sich nur damit entschuldigen, daß sie keine Gelegenheit zu arbeiten haben, um ihr Brod zu gewinnen.

In die dritte alle mutwillige Bettler, die durch ihr eigen Verschulden arm sind und gar nicht arbeiten wollen, ohnerachtet sie Gelegenheit, Geschicklichkeit und Kräfte dazu haben.

Die Einrichtung dieser Klassen werde mit Zuziehung der Pfarrer und mit der genauesten Untersuchung gemachet; sodann aber die erstre Klasse durch öffentliche Vorsorge zu Hause versorgt, die andere mit Arbeit versehen und die dritte in dem angelegten Werkhause dazu gezwungen.

Man sieht leicht ein, daß bei diesem Plan alles auf die Vorkehrungen für die zweite Klasse ankomme. Und wenn ich zeige, daß mit den Armengeldern, welche jetzt verteilet werden, noch halb soviel mehr als sonst ausgerichtet werden könne: so glaube ich, wenigstens einen guten Rat dazu mitgeteilet zu haben. Ich will solchen auf einen ganz leichten Satz bauen. Man nehme z. E. in seine Hand zween Taler und gebe einigen Armen davon 6 Mgr.: so sind 12 Personen versorgt. Man lasse aber diese 12 Personen jede 2 Stücke Garn, welche zusammen 4 Mgr. wert sind, spinnen und bezahle ihnen solche mit 8 Mgr.: so ernährt man

a) mit ebendiesen zween Talern 18 Personen; jede davon bekommt

b) 2 Mgr. mehr; es bleiben

c) die Armen durch die Arbeit gesund; sie genießen

d) ihr Brot nicht umsonst; locken also

e) andre nicht zum Unfleiße und laufen

f) nicht herum.

Diese Sätze sind klar; nur wird man sagen: Die Armen werden entweder das Garn von andern aufkaufen, oder es werden auch selbst fleißige Leute sich zu den Armen gesellen, um ihr Garn zum doppelten Preise zu verkaufen.

Der Einwurf ist richtig. Allein, hier muß man durch einigen Schimpf vorbauen.

Man wähle folglich ein öffentliches Zimmer auf einem Armenhofe. Dort sein Räder und Flachs. Dieses sei des Winters gewärmt und erleuchtet und von dem frühesten Morgen bis zum spätesten Abend keinem Armen verschlossen. Und was in diesem Zimmer gesponnen wird, das werde doppelt bezahlt. Der Schimpf, in einem öffentlichen Zimmer zu spinnen und in der Zahl der Armen bekannt zu sein, wird den fleißigen und empfindlichen Mann hinlänglich abhalten, seine Hand sinken zu lassen. Hingegen ist ebendieser Schimpf nicht unschwer für diejenige zu tragen, die sonst auf den Gassen betteln und von Obrigkeits wegen in die zweite Klasse gesetzt sind. Die Anstalt wird den Betrug verhüten, und bei einem Lichte und einer Wärme können mehrere Personen zusammensitzen, mithin vieles ersparen. Dabei hat jeder Arme seine Freiheit, zu gehen und zu kommen und, wenn er des Tages eine bessere Arbeit findet, solcher nachzugehen.

So bald ist aber nicht diese öffentliche Anstalt gemacht: so muß keiner sich unterstehen zu betteln; oder er muß sich gefallen lassen, in die dritte Klasse gesetzt, ins Werkhaus eingesperret und zur Arbeit gezwungen zu werden. Denn nun ist die Entschuldigung, daß er keine Gelegenheit habe, sein Brod zu verdienen, gehoben und folglich die Obrigkeit berechtiget, das letzte Mittel zu gebrauchen.

Die Armengelder in hiesiger Stadt, welche von Obrigkeits wegen gesammlet und vor den Türen gegeben werden, belaufen sich des Jahrs zum allerwenigsten auf 12+000 Taler. Davon sollen 40 Hausarme einen jährlichen Zuschuß von 50 Taler empfangen: so bleiben noch 10+000 Taler übrig. Wenn diese auf obige Art verwendet werden: so können 150 Arme der zweiten Klasse jeder das Jahr 100 Taler verdienen, und so viel Arme finden sich hoffentlich nicht. Man wird einwenden: Die Anstalt sei ganz gut, wenn man jährlich mit Gewißheit auf eine sichere Summe rechnen könnte. Allein, warum kann man das nicht? In der Stadt London sind die Almosen von jedem Hause fixiert und zum Etat gebracht. In Deutschland oder doch wenigstens in einem großen Teil desselben hat man die unbeständigsten Gefälle zu fixieren gewußt. Warum sollte dieses nicht auch mit den Almosen geschehen können? Wir legen Schätzungen an, um Pulver zu kaufen und die besten Städte damit in den Grund zu schießen. Sollte man denn nicht auch so etwas tun können, um andre wiederum glücklich zu machen? Sind die Armen nicht ein ebenso wichtiger Gegenstand der öffentlichen Vorsorge als andre Dinge? Und würde sich nicht jeder Hauswirt jährlich gern zu einem gewissen Almosenbeitrag selbst subskribieren, wenn er dagegen von allem andern Überlauf enthoben sein könnte? Würden diese Gelder nicht besser angewandt werden als diejenigen, die wir ohne genügsame Prüfung vor den Türen oft an Unwürdige verschwenden? Und werden wir von unserm neuangelegten Werkhause, welches wir mit so großen Kosten aufgeführet haben, den wahren Vorteil haben, wofern wir nicht durch jene Klassifikation zuvor alle mögliche Ungerechtigkeit entfernen? Wie viele Vermächtnisse, Hospitäler und Stiftungen ließen sich nicht ohnehin mit jener Anstalt für die Arme vereinigen, so daß eins dem andern die Hand böte und den Fleiß gemeinschaftlich beförderte?

Von dem moralischen Gesichtspunkte

Können Sie mir ein einziges schönes Stück aus der physikalischen Welt nennen, welches unter dem Mikroskopio seine vorige Schönheit behielte? Bekömmt nicht die schönste Haut Hügel und Furchen, die feinste Wange einen fürchterlichen Schimmel und die Rose eine ganz falsche Farbe? Es hat also jede Sache ihren Gesichtspunkt, worin sie allein schön ist; und sobald Sie diesen verändern, sobald Sie mit dem anatomischen Messer in das Eingeweide schneiden: so verfliegt mit dem veränderten Gesichtspunkt die vorige Schönheit. Das, was Ihnen durch das Vergrößerungsglas ein rauhes Ding, eine fürchterliche Borke, ein häßlicher Quark scheinet, wird dem ungewaffneten Auge eine süße und liebliche Gestalt. Der Berg in der Nähe ist voller Höhlen und der Herkules auf dem Weißenstein ein ungeheures Geschöpfe; aber unten – in der Ferne – wie prächtig ist beides?

Wann dieses in der physikalischen Welt wahr ist, warum wollen wir denn diese Analogie in der moralischen verkennen? Setzen Sie Ihren Helden einmal auf die Nadelspitze und lassen ihn diesesmal unter Ihrem moralischen Mikroskopio einige Männgen machen! Nicht wahr, Sie finden ihn recht, schwarz, grausam, geizig und seinem Bruder ungetreu ... Aber treten Sie zurück, wie groß, wie wundernswürdig wieder?

Wer heißt Ihnen nun, die Schönheit dieses großen Eindrucks um deswillen anfechten, weil die dazu würkende Teile bei einer schärfern Untersuchung so häßlich sind? Gehöret nicht ein guter Teil Grausamkeit ebensogut zur wahren Tapferkeit als Kienruß zur grauen Farbe? Muß nicht ein Strich von Geiz durch den Charakter des Haushalters gehen, um ihn sparsam zu machen? Ist nicht Falschheit zum Mißtrauen und Mißtrauen zur Vorsicht nötig?

Die Leute, welche von der Falschheit der menschlichen Tugenden schreiben, wollen immer Fümet ohne Fäulung und Blitze haben, die nicht zünden. Sie werden zwar sagen, die Grausamkeit sei alsdenn nur Strenge, der Geiz nur Härte und die Fäulung eine natürliche Auflösung: Allein, daß Sie die Pest unter den Wölfen zu einem Erhaltungsmittel Ihrer Schafe machen, verändert die Sache nicht. Wir wollen also aufrichtig zu Werke gehen und die Tugend bloß für die Taugsamkeit oder die innere Güte eines jedweden Dinges nehmen. So hat ein Pferd, so hat das Eisen seine Tugenden und der Held auch, der seinen gehörigen Anteil Stahl, Härte, Kälte und Hitze besitzt. Die Anwendung soll sein Verdienst und die Menge der Wirkungen, welche das menschliche Geschlecht davon zieht, die Größe seines Verdienstes bestimmen ...

Antwort auf verschiedene Vorschläge wegen einer Kleiderordnung

Seitdem man unlängst den Gedanken geäußert, daß eine Kleiderordnung so gar leicht nicht zu machen sei, wie sich manche wohl einbildeten, sind über zwanzig Vorschläge dazu eingelaufen, deren Verfasser nicht allein zu erwarten, sondern auch zu fordern scheinen, daß man ihre Gedanken öffentlich mitteile und ihnen den darauf gesetzten Preis zuerkenne.

Um allen diesen Forderungen auf einmal abzuhelfen, will man nur mit wenigen erklären, wie keiner unter allen die Sache auf der rechten Seite getroffen und den versprochenen Preis verdienet habe. Einige Proben werden hoffentlich hinreichen, sie davon selbst zu überzeugen.

Alle sprechen von Bauern als der untersten Klasse der Menschen; vermischen unter diesem Namen alles, was einen schatzbaren Acker bauet; unterscheiden weder Freie noch Leibeigne, und wenn sie ja recht genau gehen wollen: so setzen sie Vollerbe, Halberbe und Kötter voneinander, ohne zu untersuchen, ob einer sein eigen Erbgut oder einen fremden Acker baue oder unter welchen Bedingungen er einen Hof bewohne. Und dann ist es bei ihnen keinem Zweifel unterworfen, daß nicht der Bürger den Rang für den besten ... (leider hat unsre verräterische Sprache kein Wort mehr, den ruricolam vom colono zu unterscheiden) den Vorzug habe. Allein, seit wann, mögte man wohl fragen, ist es dann ein Schimpf, seinen väterlichen Acker zu bauen? Seit wann hat die Vernunft dem Hochmute das Recht bestätiget, das Wort Bauer so unschicklich gebrauchen zu dürfen? Was kann einen Landesherrn bewegen, denjenigen Mann für den schlechtesten zu halten, der monatlich seinen Schatz richtig bezahlt und die erste Stütze des Staats ist? In Spanien ist das Pflügen so schimpflich als in Deutschland das Abdecken. Sollten wir es etwan auch dahin bringen? Die Hummeln ehren und die Bienen beschimpfen? Warum soll der schatzbare Landeigentümer, der sein angestammtes Gut mit eignen Hengsten bauet und der seinen Pudding so oft essen kann, als er will, bei Turm und Leibesstrafe ein braunes Kleid tragen? Weil er es aus Bescheidenheit bishero gern getragen hat und es aus freier Wahl allezeit als ein Ehrenzeichen tragen wird?

Alle sind ferner geneigt, den fürstlichen Dienern überall große Vorzüge einzuräumen. Sollte aber der Mann, der seinen Ellenbogen auf seinen eignen Tisch stützt und von seinem Fleiße oder von seinem Vermögen wohl lebt und andern Gutes tut, nicht ebenso gut sein, als der sich im Dienste krümmet? Soll man den Hunger nach Bedienungen, der jetzt überhandnimmt und so manchen tapfern Kerl dem Fleiße und der Handlung entzieht, noch durch Vorzüge und Ehre reizen? Ist denn das deutsche Herz so tief herabgesunken, daß es schlechterdings den Dienst über die Freiheit setzt? Und sehen diese Leute nicht, daß, da sie solchergestalt allen Vorzug dem Dienste geben, kein Mann von Ehre und Empfindung der ungeehrten Freiheit getreu bleiben werde?

Alle sprechen von fürnehmen und geringen Bürgern. Wer ist aber der fürnehme und geringe? Der Mann, der aus seinem Comtoir der halben Welt Gesetze und Königen Kredit gibt, oder der Pflastertreter, der in einem langen Mantel zu Rate geht? Der Handwerker, der tausend dem Staate gewinnt, oder der Krämer, der sie herausschickt? Der Mann, der von seinen Zinsen, oder der, so von Besoldung lebt und dem gemeinen Wesen in der Futterung gegeben ist? Der Taugenichts, der seines wohledlen Großvaters Rang noch mit geerbten Stock und Degen behauptet, oder der Meister, der die beste Arbeit macht?

Keiner denkt an die Gefahr, die dem Lande bevorsteht, das dem Fleiße die Ehre raubt, von seinen wohlerworbenen Reichtümern zu glänzen. Wird denn auch wohl nur ein Hollandsgänger, wenn er etwas erworben hat, in sein undankbares Vaterland zurückkehren, wenn es ihm nicht erlaubt, seine silberne Knöpfe zu zeigen? Werden wir nicht die Leute, so Mittel haben, ohne sich ein bißgen hervortun zu dürfen, durch eine gar zu genaue Einschränkung zwingen, sich in solche Länder zu begeben, wo sie unter dem Schutze eines leeren Titels ihre Torheit und ihren Reichtum nach Gefallen zeigen können? Werden wir diejenigen, so wir mit Gewalt in eine niedrige Klasse setzen, auch abhalten können, sich einen Adelbrief oder einen Titel und mit diesem das Recht geben zu lassen, sich in derjenigen Farbe zu zeigen, die ihnen am besten gefällt? Oder werden etwa die Gesetze bloß für kluge Leute gegeben? Es ist kein einziger unter ihnen, der nicht den Adel in eine Klasse werfe und ihn, alt oder neu, bewiesen oder unbewiesen, reich oder arm, im Dienst oder außer Dienst, unter einer Rubrik setze. Glauben die Verfasser, demselben durch diese Vermischung zu schmeicheln? Oder meinen sie, daß es etwas sehr Vernünftiges sei, ein Oberheroldsamt aufzurichten, für demselben alle Stammtafeln zu prüfen und um zwei fehlender Ahnen willen den bemittelten Mann, der sich auf diese Art beschimpft halten würde, aus dem Lande zu weisen? Glauben sie, daß die gemeine Ehre und der gemeine Vorzug sich ebenso gut als der Hofrang und die Hofkleidung ausmachen lasse? Ein Fürst darf nur sein Hausrecht gebrauchen, um zu befehlen, daß dieser in dieser und jener in jener Kleidung an Hof kommen solle. Wer keine Lust dazu hat, der setzt sich in seinem Lehnstuhl und pfeift. Allein, um die Kleider im ganzen Staat zu regulieren, ohne hier wider die Billigkeit, dort gegen die Klugheit und dann gegen sein eignes und des Landes Interesse anzustoßen, dazu gehöret sehr viel. Ich erwähne nichts von der Tyrannei, welche darin steckt, wenn Fürnehmere sich alles erlauben und den Geringern alles untersagen wollen; nichts davon, woher sie die Befugnis nehmen wollen, zehn freien Eigentümern das und zehn andern das zu verbieten und die Bürger eines Staats in willkürliche Klassen abzuteilen; und endlich nichts davon, wie gefährlich ein solcher Eingang für die allgemeine Freiheit sein würde, wenn ein Landesherr die gemeine Ehre wie die Hofehre beistimmen und alle, die sich weigerten, täglich Brot und Lehnung von ihm anzunehmen, in die niedrigsten Klassen verweisen [wollte]. Was heute dem geringen Eigentümer widerfährt, das wird dem großen auf die Zukunft unmerklich zubereitet; und schon in Frankreich gilt keiner mehr, oder er muß gedienet haben; die Heerstraße zum Despotismus. In Holland und England weiß man von keinen Kleiderordnungen; und um dergleichen Dinge vernünftig zu bestimmen, werden große Exempel, edle Selbstverleugnungen und tapfere Lehrer und Prediger erfordert; der Zwang schimpft und macht aus mutigen, fleißigen und lebhaften Bürgern eine träge, verzagte und kriechende Herde.

Schreiben einer Hofdame an ihre Freundin auf dem Lande

Das heißt einmal auf dem Lande gewesen und nun auch in meinem Leben nicht wieder. Bin ich doch beinahe erstickt von dem Dufte Ihrer groben Schüsseln! Welcher Mensch setzt einem dann noch Schinken und Kalbsbraten vor? Hatten Sie nicht auch noch einen Rinderbraten oder Markpudding? Es war ein Glück für mich, daß die Fenster offen waren, sonst wäre ich nicht lebendig aus dem Speisezimmer gekommen, so kräftig, so sättigend war alles bei Ihnen angerichtet. Ich glaube, Sie kennen bei Ihnen den Hunger wie der geringste Taglöhner. Gott Lob! ich habe in zehn Jahren nicht gewußt, was Hunger sei, und setze mich nicht zu Tische, um zu essen, sondern bloß um die unnütze Zeit zwischen dem Nachttische bis zur Cour zu vertreiben. Allein, Sie ... mit Augen voller Lust sehen Sie die Schüsseln. Und die Lichter? Himmel, waren doch in jedem so starke Dochte, wie unsre Großmütter machten! Und sahen die Bediente nicht aus, als wenn sie die Wohlfahrt des Hauses einem jeden unter die Nase reiben sollten? In meinem Leben habe ich solche Physionomien nicht gesehen. Die Leute müssen, deucht mich, in ihrem Leben nichts getan haben als essen. Ich mußte Ihrem Kammermädgen drei Schritte aus dem Wege gehen, um nicht in ihrer Atmosphäre die Luft zu verlieren.

Gestehen Sie es nur aufrichtig, es ist eine besondre Dummheit, welche Ihnen und den Landleuten überhaupt allezeit eigen bleibt, daß sie nichts zu derjenigen feinen Vollkommenheit bringen, welche wir am Hofe haben. Wenn Sie einen Garten recht schön machen wollen: so suchen Sie die besten Früchte darin zu ziehen. Wollen Sie sich gut kleiden: so nehmen sie vom besten Zeuge. Und zur Speise? Nun, das versteht sich. Friesisches Rindfleisch, holländisches Kalbfleisch, Karpen von dreißig Pfunden und welsche Hahnen so groß, wie sie für eine Bürgerhochzeit gemästet werden können oder der Lord Anson sie auf der Insel Tinian fand. Je nun, von solcher Atzung kann auch wohl eben kein feiner Geist in die Dickköpfe kommen. Und es ist kein Wunder, wenn sie sich immer wie die Kugeln zum Ziel werfen lassen.

Wie allerliebst sieht es dagegen nicht bei uns aus. Gärten haben wir da, ich will nur allein derer von Porcellain gedenken, worin alle Bäume und Blumen von einer schöpferischen Hand auf das ähnlichste nachgeahmet und alle Jahrszeiten zu unserm Befehle sind. Fordet man Frühling: so ist alles in der Blüte, und diese Blüte hat sogar den ihr eignen Geruch. Will man Sommer: so schafft der Gärtner, daß alle Bäume mit den schönsten Früchten prangen, die nun freilich nicht zu essen, aber eben deswegen um so viel schöner sind, weil sie der gemeine Mann nicht sogleich herunterschlucken kann.

Unsre Tafeln geben den schönsten Gärten in der Pracht des Anblicks gewiß nichts nach, und auf den Anblick kommt doch alles an, weil man bei einer hohen Tafel mehr für ein göttliches Auge als für einen gemeinen niederträchtigen Magen sorget. Jeder Tag, ja selbst jeder Gang hat seine eigne Farbe. Zur maigrünen Suppe sind die Nebengerichte ganz anders als zum himmelblauen Hecht schattiert; und ich wollte keinem Koche raten, eine Brühe couleur de procureur general zu einer grünen mit Silber inkrustierten Pastete zu geben oder mosaique auf dem Schinken aus andern Farben zusammenzusetzen, als wovon die Frisur an der Hammelkeule oder der Email andrer Krusten gemacht ist. Ich wollte keinem raten, im Frühlinge, wo die Natur und die Tafel mit Blumen besetzt sein muß, einfarbige oder wohl gar rote und gelbe Gallerte zu geben und die Tafel mit modernen Dormans zu groupieren, wenn der ganze Aufsatz à la romaine ist., Der Kaiser, der sich durch die Erfindung der Farcen einen unsterblichen Namen gemacht und zuerst Fische von Schweinefleisch und Schinken von Käse erfunden hat, würde gegen unsre heutigen Köche eine schlechte Figur machen, und seine Tafel, worauf er oft zur Pracht alle Speisen in petit point oder künstlich gestickter Arbeit nachahmen ließ, gegen die unsrigen, wenn sie mit Gerichten von Porcellain oder Email besetzt sind, sehr verlieren. Ünsre Köche sind in der Mythologie, der Geschichte, der Dichtkunst, der Malerei, der Heraldik und überhaupt in allen nur immer möglichen Künsten und Wissenschaften weit erfahrener als mancher Hofmeister, der doch sonst auch alles wissen muß, und es müßte schade sein, wenn sie nicht eine Belagerung besser ausbacken könnten als der größte Feldmarschall.

Urteilen Sie also, was ich bei Ihnen auf dem Lande gelitten habe, wo Ihre Krebse nichts als Krebs und Ihre großen Karpen nichts als Karpen waren. Wie ist es aber möglich, daß Sie Ihre Zeit so abgeschmackt zubringen und Ihren Verstand so wenig üben können! Noch ist es Zeit, sich zu bekehren. Sie haben erst zwanzig Jahr und eine Figur, die wenigstens etwas verspricht. Kommen Sie also zu uns. Ich will Ihnen die Manier und den Weg zur Bewunderung in einem Monate zeigen, und so können Sie vielleicht noch eine kleine Rolle am Hofe mitspielen ...

Von dem Verfall des Handwerks in kleinen Städten

Die Handwerker in kleinen und mäßigen Städten nehmen immer mehr und mehr ab; ihre Aussicht wird täglich trauriger, und die natürliche Folge davon ist, daß sie sich zuletzt in lauter Pfuscher verwandeln müssen. Die Ursache hievon ist zwar so schwer nicht zu finden. Indessen, wann man die Mittel angeben will, wie einem Übel abzuhelfen: so ist es doch allemal gut, sie noch einmal aufzusuchen und mit Aufmerksamkeit zu betrachten. Erst müssen wir aber sehen, wodurch die großen Städte den kleinen so vieles abgewonnen haben und noch abgewinnen. Der erste Meister, der es in einer großen Stadt so hoch brachte, daß er dreißig, vierzig und mehr Gesellen halten konnte, verfiel ganz natürlicher Weise auf den Gedanken, jedem Jungen oder Gesellen sein eignes Fach anzuweisen und denselben dazu ganz allein zu gebrauchen. So unterrichtete ein Uhrmacher zuerst einen Gesellen bloß in der Kunst, die Uhrfedern zu machen. Ein ander durfte nichts als Stifte und ein ander nichts als Räder arbeiten. Dieser verfertigte Zifferblätter, jener emaillierte sie, und ein ander machte Gehäuse dazu, die wiederum ein ander gravierte oder durch getriebene Arbeit verschönerte. Wie alle diese Gesellen ausgelernet hatten, verstand keiner, eine ganze Uhr zu machen. Sie blieben also, wie sie sich besonders setzten und heirateten, von dem Hauptuhrmacher abhängig und gezwungen, sich unter ihm an dem großen Orte aufzuhalten, wo er seinen Markt aufschlug. Ebenso machte es der Tischler. Er hatte fünfzig und mehr Gesellen; der eine lernte nichts als Stuhlbeine schneiden; der andere lernte, sie ausarbeiten und der dritte polieren. Nach einer notwendigen Folge behielt er diese seine Gesellen, wie sie alle Haarklauber in ihrer Art und Meister für sich waren, als Taglöhner neben sich; oder, wo sie sich verändern wollten, mußten sie an einen ebenso großen Ort gehen, wo sie andern Hauptmeistern in die Hand arbeiten konnten.

Dies ist die kurze Geschichte von dem Ursprung der sogenannten Simplifikation und noch jetzt der Gebrauch in London wie in Paris. Die großen Meister genießen außer der Hülfe ihrer Gesellen den Vorteil, einige hundert solcher in einzelnen Stücken vorzüglich geschickter und ums Taglohn arbeitender Meister in ihrer Abhängigkeit zu haben, und gelingt es nur reichen Gesellen, die etwas zuzusetzen haben, daß der Hauptmeister sie zu allen Arten von Arbeiten des Handwerks anführet. Sonst braucht er sie nur in einzelnen Verrichtungen, und wenige Gesellen verlangen es besser, weil sie nicht Mittel genug haben, selbst Hauptmeister zu werden und, wenn sie alle Teile des Handwerks lernen wollten, damit, sobald sie nicht Hauptmeister sind, nichts anfangen können. Denn wozu sollte es ihnen nutzen, alle Teile einer Uhr verfertigen zu können, da gar keine Uhr auf die alte Art oder von einer Hand mehr verfertiget werden kann, ohne höher im Preise zu kommen, und sie die Mittel nicht haben, als Hauptmeister sich die Arbeit von hundert Untermeistern zunutze zu machen? Es konnte also erstlich nicht fehlen, oder in großen Städten mußte besser und wohlfeiler gearbeitet werden können als in kleinen.

Ein Maler, Modelleur, Vergulder, Bildhauer, Vernisseur oder Graveur gehören unstreitig mit dazu, um allen Arten von Handwerkern ihre wahre Vollkommenheit zu geben; der Tischler gebraucht sie wie der Schmied und der Zeugmacher wie der Goldarbeiter. Allein, ein kleiner Ort ist keine Schaubühne für so große Akteurs; und schwerlich wird ein mäßiges Städtgen vortreffliche Maler, Bildhauer und andre Künstler unterhalten können.

Die Folge hievon ist zweitens , daß in großen Städten der Handwerker die größten Künstler zu seiner Führung und Hülfe haben kann und, da er sich derselben nur beiläufig bedient, dafür nicht mehr als den wahren Wert bezahlt. In einer großen Stadt ist insgemein der Geschmack oder wenigstens die Mode, welche dessen Stelle vertritt, neuer, glänzender und verführerischer als in einer Landstadt. Die Werke, so daselbst gemacht werden, zeichnen sich dadurch vorzüglich aus; und so muß drittens der beste Meister in einer Landstadt in einigen Jahren seinen Markt verlieren, weil ihm der Meister der großen Stadt solchen mit Hülfe des Geschmacks und der Mode, ehe er es noch einmal merkt, abgewonnen hat.

Ein Meister in der großen Stadt hält dreißig, vierzig und mehr Gesellen, wenn der in einer kleinen deren nur zwei oder drei hat. Dort wird also dasjenige in einer Haushaltung gemacht, was hier in zwanzigen verfertiget wird; und weil zwanzig Haushaltungen mehr Beschwerden und Abgiften haben als eine: so arbeitet viertens die eine mit vierzig Gesellen wohlfeiler als die zwanzig Haushaltungen mit zween.

In großen Städten sind insgemein Niederlagen von rohen Materialien, die der große Materialist für eine Menge von Abnehmer hält. In der kleinen Stadt hingegen fehlt es entweder an solchen Niederlagen; oder der Handwerker muß sich solche selbst anschaffen; oder aber sie sind nicht so gut als in den großen Niederlagen, wo die Menge des Absatzes immer frischen Vorrat, häufigere Umschläge und bessere Preise aus der ersten Hand zuwege bringt. Der Handwerker hat dort nicht nötig ein Kapital in die rohen Materialien zu stecken, weil ihm ein ander das Magazin hält; und so hat fünftens das Handwerk in großen Städten auch hierin vieles zum Voraus.

Sechstem sind insgemein an großen Orten bereits einige Fabriken vorhanden, wobei sich Presser, Tuchscherer, Schönfärber und andre Professionisten befinden. Nun hält es schwerer, an einem Orte, wo gar keine Fabrik vorhanden, eine einzige als an andern, wo bereits fünfe vorhanden, noch zehen zu errichten. Hier ist der Esprit de Fabrique bereits zu Hause. Der geringe Tuchmacher, der einen Webestuhl zuwege bringt, findet sogleich Gelegenheit, dasjenige, was er gemacht hat, walken, scheren, färben und pressen zu lassen, ohne daß es mehr kostet, als er tragen kann. In einer kleinen Stadt hingegen können zehn Tuchmacher nichts anfangen. Sie sind nicht imstande, die Kosten einer eignen Walkmühle, einer Schönfärberei und andere Erfordernisse zu übertragen: sie können folglich ihre Arbeit zu keiner Vollkommenheit bringen; und wenn sie ja so glücklich sind, einmal einen Färber zu erhaschen: so ist es ein Pfuscher, der ihre Sachen noch dazu verdirbt; und wenn sie solche zur Appretur in große Städte tragen, werden sie leicht übernommen, angeführt und in falsche Unkosten gestürzt.

Endlich und siebendens sind große Fabriken imstande, kostbare Erfindungen und Maschinen und Wind und Wasser zu nutzen. Sie können auf deren Entdeckung und Anlegung vieles verwenden. Sie können eigne Leute zum Absatze und zur Entdeckung fremder Nationen Geheimnisse reisen lassen und eine Fabrik durch die andre unterstützen. Alles dieses fehlt in kleinen Städten. Hier kömmt alles auf die kostbare Hand an; der Verdienst ist zu schwach, um die Anschaffung großer Maschinen und die Anlegung von Wasserwerkern zu nutzen, und so ist alles hier teurer als an großen Orten.

Wenn man dieses überdenkt: so wird man leicht einsehen, daß das Handwerk in kleinen Städten, wo die Simplifikation nicht statthat, sondern der Handwerker ein Tausendkünstler sein muß, wo ihm die Hülfe des Geschmacks, der Moden und der schönen Künste fehlt; wo ihm keine Niederlagen, Maschinen und große Erfindungen helfen und wo insgemein der Esprit de Fabrique mangelt, notwendig versinken müsse. Man wird leicht einsehen, daß die Krämer, welche bessere und wohlfeilere Ware aus jenen großen Orten anschaffen können, sich in der Geschwindigkeit vermehren und den Handwerker platt niederdrücken müssen. Man wird endlich bemerken, daß ein Ort, der einmal auf diese Art zu sinken anfängt, seine edelsten Bürger verlieren und, da für jede zehn Taler, die der Krämer gewinnet, hundert zum Lande hinausgehen, seinen sichern Untergang befürchten müsse, wofern er nicht einen übermäßigen Reichtum von rohen Materialien zur Ausfuhr besitzt.

Von dem großen Vorteil, welchen die Handwerker in großen Städten dadurch erlangen, daß sie gleichsam eine tägliche Messe vor der Tür haben, will ich nichts erwähnen, weil er eigentlich nur den Virtuosen und Marktschreiern zustatten kommt. Indessen ist er doch zum Vorteil neuer Erfindungen von ungemeinem Werte. Churchill konnte zu London binnen acht Tagen leicht funfzigtausend Stück von seinen Satiren absetzen, d'Eon de Beaumont mit seinen Briefen alle seine Schulden bezahlen und noch ein Ziemliches erübrigen. Ein Marin, der die Mondfinsternis vom 1. April 1764 in Kupfer stechen ließ und solche nebst einem kleinen Glase verkaufte, fand gewiß gleich hunderttausend Käufer. Einer, der lederne Dinteflaschen von besondrer Art, ein ander, der einen neuen Korkzieher, welcher den Kork heraushebt, indem man ihn einschraubt, und noch ein ander, der ein Federmesser, das auf einer Seite rund geschliffen war, erfand, verdiente in der Geschwindigkeit mehr, als alle Handwerker in einer kleinen Stadt das Jahr durch zusammen verdienen. Und Wem sind die Lectures on Heads oder die Vorlesungen über 91 Stück von Papp, yerfertigte Köpfe unbekannt, womit der Erfinder, Herr Steevens in London, in den 298 Malen, daß er seine Vorlesungen darüber vor einer zahlreichen Gesellschaft wiederholte, sich mehr erwarb als alle Komödianten und Operisten in ganz Deutschland? Ich schweige von den Koffee- und Teeconversations des Herrn Foote. Dergleichen Unternehmungen werden dem besten Genie in einer mäßigen Stadt kaum Beifall, viel weniger einen Taler einbringen. Er eilt also heraus nach dem großen Orte, wo er sich für besser Geld zeigen kann, wenn er anders Lunge genug hat, den großen Markt zu überschreien. Und so verlieret die kleine Stadt ein Genie nach dem andern, weil sie demselben nicht alle Tage einige tausend Zuschauer, Bewunderer und Käufer verschaffen kann.

Doch es ist hohe Zeit, daß wir die kleinen Städte auch einmal ohne Hinsicht auf die großen betrachten und die Urkunden, warum in ihnen das Handwerk immer mehr und mehr abnimmt, in ihrem eignen Archive aufsuchen.

Es finden sich hier wichtige Stücke; nur schade, daß man sie nicht recht beurteilen kann, ohne die ganze städtische Anlage und Verfassung zu kennen. Und diese ist bei manchen so verdunkelt, man hat die wahren Begriffe davon dergestalt vernachlässiget und verloren, daß es Mühe hat, sich einem jeden, dessen Sache es eben nicht ist, sogleich einige Folianten nachzuschlagen, verständlich zu machen. Doch ich weiß noch einen Rat, und den wollen wir befolgen, bis man mir einen bessern angibt.

Wir wollen hier, um die Anlage und Verfassung der Städte mit hinlänglicher Deutlichkeit zu übersehen, eine nagelneue Stadt auf dem Papier anlegen. Hier sei das Dorf und dort der Landesherr, der ihm in einem gnädigen Briefe bekanntmacht, daß es nach reiflicher Überlegung in eine Stadt verwandelt und mit Wall und Mauren umgeben werden solle. Was werden die Eingesessene dieses Dorfes dagegen vorstellen?

»Ach, gnädigster Herr!« werden sie untertänigst sagen, »verschonen Sie uns doch mit dieser Gnade. Unser sind fünfhundert geringe Markkötter, die nichts als eine Hausstätte und ein klein Gärtgen dabei besitzen. Wir haben bis hiezu als arme geringe Leute, die keinen Acker bauen und keine Pferde halten, unsre Fuß- und Handdienste, sooft wir zur gemeinen Verteidigung aufgeboten worden, schuldigst verrichtet, unsre Wachen am Amthause alle 6 Wochen willig getan, unsern Rauchschatz bezahlt und unser Pfund Wachs dem Kirchspielsheiligen reichlich abgeführet. Womit haben wir es denn in aller Welt verbrochen, daß wir jetzt Wall und Graben anlegen, Tore bauen und unsern Mistfahl vor der Haustür, welches unser einziger bester Raum ist, kostbarlich zufüllen und mit Steinen bepflastern sollen? Womit haben wir es verbrochen, daß wir unsere geringe Markkotten, wobei wir kaum eine Austrift für unser Vieh haben, ewig mit der Last, alle diese kostbaren Anlagen zu unterhalten, beschweren sollen? Es gehen fünf Wege durch unsern kleinen Ort; wir werden also auch fünf Tore und fünf Brücken anlegen und um den dritten Tag auf die Wache ziehen müssen, um solche zu bewachen. Wir werden uns Kanonen und Doppelhaken, und Gott weiß, was alles zur Verteidigung dieser Wälle anschaffen, mit unsern Söhnen und Knechten auf dem Musterplatze liegen und, wenn ein großer Herr durch unsre Mauern zieht, ihm zu Ehren mehr Pulver verschießen müssen, als wir mit demjenigen, was wir in einem Monat erübrigen, bezahlen können. Kommt ein Feind, dem wir nicht widerstehen können: so wird er sich in unsern Mauren festsetzen und Geld, Quartier, Essen und Trinken satt fordern. Kommen Sie uns, gnädigster Herr, mit Ihrer Mannschaft zu Hülfe: so werden Sie solche in unsre Häuser legen und von uns fordern, daß wir ihnen unser einziges Bette und unsre beste Kammer einräumen sollen. Und was werden uns nicht unsre eigne Vorsteher, unsre Bürgercapitains, unsre Bürgerobersten und unzählige andre Bediente, die zu einer solchen Anstalt notwendig erfordert werden, kosten? Jetzt bringen wir unsern Rauchschatz an den Vogt und haben außer einen Bauerrichter keinen Vorsteher zu besolden. Dann aber werden wir deren wenigstens fünfzig und Rathäuser und Arsenals und Pulvertürme und mehr Steinpflaster zu unterhalten haben, als sich im ganzen Lande befindet. Wie kann man aber uns geringen Leuten dieses der Billigkeit nach aufbürden? Von unserm Acker kann man dieses nicht fordern; denn wir haben keinen. Auf unsere Köpfe kann man es nicht legen, da jedermann in hiesigem Lande seinen Kopf frei hat; und da sonst niemand eine Vermögensteuer bezahlt: so wird man das wenige, was wir mit unser Hand erwerben, solange Recht noch Recht bleibt, auch nicht damit belegen können.«

Dieses werden ihre Gründe sein, dem sich noch hundert andre von gleichem Gewichte hinzufügen lassen. Was wird aber der Landesherr auf diese Beschwerden versetzen?

»Lieben Leute«, wird er sagen»»es ist wahr, ihr seid nicht schuldig, diese Last für das ganze Land zu übernehmen. Allein, es ist kaiserlicher Befehl, und die Reichs- sowie die gemeine Landsnot erfordert es, daß euer Dorf in eine Stadt verwandelt werde. Wir haben sonst in Kriegeszeiten keine Zuflucht, und ein streifender Feind kann sonst alles auf einmal ausplündern, wenn wir nicht unsre besten Sachen hinter eure Mauren flüchten können. Damit es euch aber nicht zu hart falle: so soll das ganz Land zu Errichtung der Wälle und Graben helfen. Wir wollen solche auf gemeinsame Kosten in guten Stand setzen und euch eine kleine Akzise von allem, was durch euren Ort geht, erlauben, damit ihr solche unterhalten könnt. Ihr sollet den bisherigen Rauchschatz dazu einbehalten und von den Wachen an den Amthäusern befreiet sein. Die Bruchfälle, so in euerm Orte vorfallen, sollen zum Unterhalt eurer Bürgercapitains dienen. Sie sollen die Fischerei in den Graben zu ihrer Ergötzlichkeit und für die Räumung behalten. Ihr sollet, da ihr keinen Acker habt und alle diese Lasten einzig und allein von eurer Handarbeit bestreiten müsset, nach Vorschrift der vom Kaiser ausgegangenen Befehle, das Handwerk und den Handel durchs ganze Land allein treiben dürfen und dabei von allen Zöllen befreiet sein. Es soll kein Jude oder ander reisender Krämer gegen euch gedultet werden. Und wir wollen ohne die höchste Not keinen Krieg anfangen, ohne euch zu Rate zu ziehen, damit wir euch nicht zu oft mit den Kosten einer außerordentlichen Verteidigung überladen.«

So sieht der Originalkontrakt zwischen dem Lande und seinen Städten durch ganz Deutschland aus; und man wird leicht von selbst einsehen, daß derselbe nicht anders angenommen werden könne: er ist auch würklich dem Plan vieler orientalischen Städte vorzuziehen, worin man oft tausend Ackerhöfe zusammengezogen hat, weil man sich nicht getrauete, eine solche schwere Anlage bloß dem Fleiße oder dem Handel und Handwerke allein aufzubürden.

Ehe wir aber die Folgen, so wir hieraus zu unser Absicht gebrauchen, ziehen wollen, wird es nötig sein, einige scheinbare Einwürfe zu heben, welche man jetzt einer solchen ehedem unter obigen Bedingungen angelegten Stadt machen könnte. Man kann sagen, es sei erstlich dieser Originalkontrakt von den Markköttern selbst gebrochen, da sie anfänglich ihre Bannkreuze zunächst an ihrem Kohlgarten gehabt, jetzt aber eine weitläuftige Feldmark und Äcker in Menge hätten. Allein, man kann dreiste annehmen, daß kein Weichbild einen Morgen Landes erhalten habe, ohne von jedem jährlich einen Scheffel Korns zu übernehmen,Dies ist der Ursprung des sogenannten Morgenkorns, welches noch jetzt aus der Wiedenbrücker, Lübker, Beckumer und andrer Städte Feldmarken entrichtet wird. womit insgemein ein Mann beliehen wurde, der dafür die auf diesen Äckern haftende gemeine Reichs- und Landesverteidigung ausrichtete. Wo sie nun, dieses Korn nicht mehr entrichten, da haben sie solches mit barem Gelde ausgekauft; und sie genießen dieses ihres Kaufs mit Rechte. Hiernächst sind nach geschlossenem Originalkontrakt für jede Stadt weitläufige Landwehren und Wahrtürme hinzugekommen, deren Unterhaltung und Besatzung die Stelle derjenigen gemeinen Verteidigung vertritt, welche aus der Feldmark, ehe sie der Stadt zugestanden wurde, erfolgte. Allenfalls aber muß man ihr den Acker nehmen und sie auf ihre usprüngliche Verfassung von neuen einschränken. Man wird zweitens sagen: die Städte könnten jetzt Wälle und Mauren, Landwehren und Wahrtürme eingehen lassen, auch ihre Wachen abschaffen, da man jetzt das eine so wenig als das andere zur gemeinen Verteidigung weiter gebrauche; und so wäre es nicht unbillig, wenn die alten Markkötter wieder zu den Amtswachten, zum Rauchschatze und zu andern gemeinen Auflagen gezogen oder aber die ihnen zugestandene Akzisegelder zur gemeinen Landesverteidigung verwendet würden. Allein, nicht zu gedenken, daß das letztere in vielen Ländern, wiewohl nicht durch einen philosophischen Schluß, würklich geschehen und daß man mit diesem Einwurfe alle Lehngüter, da die Lehnleute auch nicht mehr dienen, aufheben und viele andre geist- und weltliche Privilegien, die unter andern Umständen und Bedingungen gegeben sind, wieder einziehen könnte: so.stehen die den Städten von Reichs wegen obliegenden Quartier- und Winterquartierslasten, sowie die von ihnen für das Land übernommenen Einquartierungen und viele andre mit ihrer Verfassung verknüpfte Lasten noch immer mit ihren Gründen in keiner Verhältnis: und solange der Landmann sowenig seinen Kopf als sein Vermögen zur gemeinen Verteidigung versteuret, muß auch der Einwohner einer Stadt beides frei haben. Wenn sie also nicht Handwerk und Handel zum voraus behalten: wofür soll denn der Kötter zwischen den Mauren mehr tragen als derjenige, so außer den Mauren wohnet? Warum soll ein Bürger, der vom Staate nichts Steuerbares als sein Haus und sein Gärtgen besitzt, einem Soldaten Quartier geben, da der Besitzer eines Hauses und Gärtgens auf dem Lande Himmel und Erde bewegen würde, wenn man ihn damit belegen wollte? Warum sollen die Kötter hinter den Mauren zur gemeinen Verteidigung Akzisegelder entrichten, solange im ganzen Lande keine Akzise eingeführet ist? Man setze sie wieder in ihren alten Zustand: so bezahlen sie hier von ihren Häusern Rauchschatz und von ihrem Handel einen Trafikanten-Taler. Weiter aber in solchen Ländern nichts, wo keine andere gemeine Auflagen insgemein bewilliget sind.

Man wird endlich und drittens richtig bemerken, daß das Land, welchem zum Besteh das Dorf in eine Stadt verwandelt worden, nicht die ganze Provinz gewesen sei. Ganz gut; man nehme das Land kleiner an; man setze nach dem Sinn der Reichsgesetze, daß das Land, mit welchem der Originalkontrakt geschlossen worden, vier Meilen lang und vier breit gewesen: so wird man der Stadt doch auf allen Seiten zwei Bannmeilen geben müssen, binnen welchen ihr der Handel und das Handwerk ganz allein zusteht, wofern anders jener Originalkontrakt nicht gebrochen werden soll.

Jetzt zur Sache. Die erste Ursache des Verfalls der kleinen und mäßigen Städte ist der Bruch dieses Originalkontrakts, da man demselben zuwider Handel und Handwerker binnen den Bannmeilen (banlieues) dieser Orte geduldet hat. Ich weiß wohl, diese Bannmeile ist nicht überall von gleicher Länge gewesen, indem ein Ort, der viele Graben, Wälle, Bollwerke, Toren und Brücken zu unterhalten hat, ganz andre Bannmeilen bekommen hat als ein Weichbild, das höchstens eine steinerne Mauer und zwei Tore zur Landesverteidigung unterhält oder etwa mit einer Kompagnie belegt wird, wenn in dem größern Ort viele Regimenter liegen. Allein, das hindert nicht, daß nicht eine Bannmeile, sie sei nun so groß oder so klein, wie sie wolle, sollte sie auch für ein kleines Flecken nicht über eine halbe Stunde betragen, aus der ursprünglichen Anlage herfürgehe und durch keine Verjährung geschmälert werden könne, weil diese Verjährung des Städtgen mit der Zeit von selbst aufheben und in ein Ackerdorf verwandeln würde.

In Sachsen, wo die Städte noch in ziemlichem Flor sind, wird auf die Bannmeile ganz genau gesehen und auf den Dörfern kein Handel und kein Handwerk gestattet. Man findet auf denselben zwar wohl einige Höker, die mit Teer, Tran, Wagenstricken und Schwefelhölzern handeln, auch wohl einen Hufschmied und Rademacher und endlich von den Handwerkern einen Altflicker. Allein, außer diesen wird kein Gewerbe außerhalb den Städten und Weichbildern geduldet. In den mehrsten westfälischen Provinzien hingegen, und besonders in unserm Stifte, ist seit hundert Jahren sowohl der Handel als das Handwerk aus den Städten auf das Land gezogen. In allen Dörfern sind Apotheken, Weinschenken und Krämer in Menge, und es ist noch nicht gar lange, daß sich aus einem einzigen Kirchspiele dreißig Schneider meldeten und Gilderecht verlangten. Wir wollen nun annehmen, daß sich hier tausend Krämer und Handwerker auf dem platten Lande befinden und ernähren: so ist dieses ein Abgang von tausend Bürgern für die Städte, die sich ehedem daselbst ernährten, nun aber auf dem Lande frei sitzen und ihre zurückgebliebene Mitbürger unter der Last der beständigen Wachen, Einquartierungen und Auflagen zur Unterhaltung von Wällen, Toren und Mauren seufzen lassen. Diese Last dauert unvermindert fort; die Zahl der Bürger hingegen nimmt ab; und wenn es einmal so weit gediehen, daß sie bis auf zwei- oder dreihundert zusammenschmelzen: so muß die Stadt ganz eingehen, weil in diesem Falle die Last für jedem bis auf hundert Taler des Jahrs steigen muß, wogegen derjenige, so außer den Mauren sitzt, höchstens einen Taler bezahlt.

Diesem gänzlichen Verfalle vorzukommen, ist kein ander Mittel, als daß ein Landesherr mit seinen Ständen sowohl den Handel als das Handwerk von dem Lande wieder in die Städte ziehe und da, wo diese zu entlegen sind, das Dorf, was dazu am bequemsten liegt, zum Weichbilde erhebe. Die zweite Ursache des Verfalls der Landstädte ist der Mangel einer genauen Bilanz zwischen dem Ackerbau und dem Fleiße. Sobald der Handel und das Handwerk den Städten vorabgelassen und ihnen gleichsam ein Monopolium im Lande eingeräumet wird: so müssen die Bürger in gleichem Verhältnisse mit dem Landmann die öffentlichen Lasten tragen. Dies ist der erste Grund ihrer Verfassung gewesen. Ihnen ist die Unterhaltung von Toren, Wällen, Graben, Pulvertürmern und Zeughäusern nebst deren Verteidigung als ihr Anteil der gemeinen Landesverteidigung auferlegt worden; währender Zeit der Landmann entweder selbst fürs Vaterland fochte oder einen Lehnmann unterhielt oder eine Steuer zu Bezahlung der Söldner entrichtete. Wollten nun die Städte den Handel und das Handwerk vorab behalten und gleichwohl sich auf keine Bilanz mit dem umhegenden Lande einlassen: so werden sie leicht zuviel oder zuwenig beitragen. Hiernächst und da jede Landschaft insgemein aus dreien Ständen bestehet, wovon zween mehr Anteil an der Wohlfahrt des platten Landes als der Städte haben: so würde in der Beurteilung und Bewilligung der gemeinen Verteidigung ein verschiedenes und den Städten schädliches Interesse herrschen. Daher ist es billig und notwendig, daß eine Bilanz gemacht und dazu ein Satz von der Art, wie er sich vieler Orten findet, angenommen werden, nämlich: Wenn einer Stadt zwei Bannmeilen zugestanden sind und diese zwei Bannmeilen zehntausend Taler aufzubringen haben, sollen neun Teile vom Acker und der zehnte von dem städtischen Fleiße entrichtet werden.

Durch diesen Satz vereiniget sich das Interesse der Stände; und die schädliche Vermutung fällt weg, daß ein Stand dem andern die Lasten zuzuwälzen gedenke.

Ein solcher Satz, welcher bloß nach den Bannmeilen abgemessen wird, drückt den Großhandel der Städte nicht. Dieser wird, weil er sonst nicht bestehen kann, nicht dadurch beschweret, sondern denselben zur mehrern Ermunterung des Fleißes und des daher in die Wohlfahrt des ganzen Landes fließenden Vorteils billig freigelassen. Ein solcher Satz würde auch zugleich dazu dienen, die Last, welche die Städte jetzt noch durch die Einquartierung für dem Lande voraushaben, in richtige Abrechnung zu bringen. Denn gesetzt, daß eine Stadt sodann mit tausend Mann belegt würde: so wäre nichts Billigers und Leichters, als ihr für jeden Mann ein Sichers an ihrem Beitrage abziehen zu lassen oder aber derselben dasjenige zu vergüten, was sie über ihren Anteil an den öffentlichen Lasten solchergestalt tragen müßte.

Zur dritten Ursache rechne ich den Abfall der gemeinen Ehre. Zur Zeit, wie der Krieg noch mit Lehnleuten geführet wurde, verhielten sich die Bürger zu den Lehnleuten wie ein Garnisonbataillon zum, Feldbataillon; und mancher trefflicher Lehnmannn trug gar kein Bedenken, eine Kompagnie unter dem Garnisonbataillon anzunehmen. Aber durch die große Veränderung im Militärwesen hat der Bürger als Bürger sehr vieles von seiner alten Ehre verloren. Dies verursacht, daß die besten Genies und die bemitteltesten Leute unter ihnen Glück und Ehre im Herrndienste der gemeinen bürgerlichen Ehre vorziehen. Und da der Herrndienst sich nicht wie der alte Bürgerdienst mit dem Handel und dem Handwerke vertragen will: so macht dieses einen entsetzlichen Ausfall aus der Zahl der Bürger. Der römische Soldat ging lange Zeit vom Pfluge zu Felde und vom Siege zum Pfluge. Dies erhob und erhielt die gemeine Ehre. Sobald aber Schwert und Pflug getrennt wurden, so wurde dieser schimpflich und verlassen, jenes aber geehrt und gesucht.

Hiegegen ist kein ander Mittel, als den Bürger in Uniforme zu setzen und ihn auf eine vernünftige Weise zu seiner vormaligen Ehre wieder zu erheben. In der Tat ist auch gar kein hinlänglicher Grund anzugeben, warum der Bürger und Landwirt zwischen zwanzig und fünfzig Jahren nicht sowohl einen roten oder blauen als einen braunen Rock tragen könne? Warum unsre Kinder auf Schulen und Universitäten nicht ebenso gut das Exerzieren als Reiten, Tanzen und Fechten lernen sollten? Warum Übung und Mannszucht nicht eben das aus ihnen sollte machen können, was aus ihren Söhnen gemacht wird? Und warum ein Doktor der Rechte nicht so gut mit dem Degen als mit der Feder fechten sollte? Es liegt einzig und allein an dem Grade der Ehre, welcher damit verknüpft wird. Ein Fürst sei nur so unvorsichtig und gebe einem Land- oder Garnisonbataillon nicht den gehörigen und zärtlichen Gard der Ehre, der ihm zukömmt: sogleich wird es seine besten Leute und seinen ganzen Ton verlieren. Er beehre seine Bürger, sobald sie in Uniforme gesetzt und gleich andern geübt sind, mit seinem Beifalle und mit der nötigen Achtung: sogleich werden sich die reichsten und bemitteltesten Leute um die Wette bestreben, einen Platz darunter zu erhalten. So war die alte Verfassung. Durch diese kluge Verteilung der Ehre erhielt man alle Stände in ihrer glücklichsten Gradation, und man brauchte nicht nach dem Exempel des jetzigen Königs von Frankreich jährlich zwei Kaufleute zu adeln (ein Ausweg, der allein die Schwäche unser neuern Politik zeigt), um den Handel emporzubringen.

Der Gedanke, daß alle Bürger in Uniforme gesetzt werden sollen, wird manchem seltsam vorkommen. Ich behaupte aber, daß dieses der erste und fürnehmste Schritt zur Wiederherstellung der städtischen Wohlfahrt sein werde. Wenn der Soldat ein Handwerk treibt: so sieht der Offizier dieses gern. Er betrachtet ihn als einen tüchtigen, guten und sichern Mann; und wenn er heiraten will: so ist das Handwerk die beste Empfehlung bei seiner Braut. Sie sieht darauf als auf seine sicherste Pension im Alter. Wenn hingegen ein bürgerlicher Handwerker den Degen ergreift: so lacht man darüber. So närrisch ist unsre Einbildung. Der Grund ist und bleibt aber unstreitig, daß die nordischen Völker und besonders die Deutschen die Ehre hauptsächlich mit den Waffen verknüpfen und diejenigen auf die Dauer verachten, die solche zu tragen und zu brauchen nicht berechtiget sind. Und so ist kein ander Mittel, als den Degen mit dem Handwerke wieder zu verbinden, um diesem Stande die nötige Ehre zu verschaffen. Die hartnäckichtesten Belagerungen, wovon wir in der Geschichte lesen, sind von Bürgern ausgehalten worden, die für ihren Herd, für Weiber und Kinder gefochten. Man lieset, daß diese mit zu Walle gegangen und ihren Männern geholfen, sie verbunden und begraben haben. Warum sollte ihnen enn nicht nach den Feldregimentern die Ehre von Garnisonregimentern eingeräumet werden können? Warum sollte ein kluger Fürst solche Leute, die ihre Pflicht ohne Sold tun, die ihre Uniforme selbst bezahlen, ihre Pension selbst erwerben, ihre Offizier, Feldprediger, Feldärzte und Kommissarien selbst unterhalten, Pulver, Blei und Waffen selbst anschaffen und ihre ganze Bezahlung allein in der nötigen Ehre finden würden, warum, sage ich, sollte ein kluger Fürst diese nicht wieder zu ihrem alten Range und durch denselben dahin bringen können, daß sie ihr Handwerk mit Eifer, Mut und Freude fortsetzten und solches allezeit in Verbindung mit der Ehre betrachteten? Ich will nichts davon erwähnen, daß die Uniforme zugleich ein Mittel sein würde, der Kleiderpracht abzuhelfen und dem Staate unendliche Summen zu ersparen; nichts davon, wie sehr der Wetteifer dadurch angeflammet werden könnte, wenn keinem Taglöhner, keinem Beiwohner und keinem andern als würklichen Bürgern und Meistern die Ehre der Uniforme und anderer Ehrenzeichen zugestanden würde, und endlich nichts davon, wie reich und mannigfaltig die Quelle der bürgerlichen Belohnungen werden würde, welche man jetzt aus Not, aber zum Verderben des Staats in Adelsbriefen und Titeln suchen muß. Es ist genqg, daß für dreihundert Jahren die bürgerliche Verfassung so gewesen, daß sie damals in großem Flor war und daß in London die Bürger den Titel Liverymen als ihren eigentlichen Ehrennamen betrachten, wodurch sie sich von Beiwohnern und Einliegern, die nicht zur Fahne und Farbe gehören, unterscheiden. Mancher wird zwar gedenken, es sei gefährlich, so vielen Leuten das Recht der Waffen zu erlauben und selbige den regulären Truppen gleich zu üben. Allein, dies ist die Politik der Despoten, die ihren freien Untertanen das Recht zu klagen, nicht aber das Recht, ihren Worten Nachdruck zu geben, verstatten wollen. Fürsten, welche anders denken, tragen kein Bedenken, eine wohlgeübte Nationalmiliz zu unterhalten; und nichts ist gewisser, als daß nach der Wendung, welche die Sachen nehmen, in hundert Jahren die Nationalmiliz überall das Hauptwesen ausmachen und Freiheit und Eigentum, welche sonst bei der Fortdauer unser jetzigen Verfassung zugrunde gehen muß, von, neuen befestigen werde.

Die vierte Ursache des städtischen Verfalls ist, daß das Beschwerliche der alten Einrichtungen beibehalten und das Nützliche davon verloren ist. Das Regiment ist durch den Verlust seiner Ehre auseinandergejagt, und die Offiziers sind geblieben. Eine Stadt hat ehedem leicht dreitausend wehrhafter Bürger gehabt; jetzt sind deren an manchen Orten keine fünfhundert vorhanden; und doch sollen, diese den Generalstab oder den Magistrat nach dem ersten Plan unterhalten. Dies ist nicht möglich; und so verläuft ein Bürger nach dem andern das Regiment und setzt sich in Freiheit aufs Land.

Es muß daher entweder die alte Verfassung durch Mitteilung der nötigen Ehre wiederhergestellet oder aber auch dasjenige, was davon zurückgeblieben, völlig aufgehoben und für den ganzen Generalstab ein einziger Amtmahn mit einem tüchtigen Schreiber eingeführet werden, wofern anders die noch übrigen Bürger unter der Last nicht erliegen sollen. Alsdenn aber sind die Bürger, wofern man sie nicht willkürlich behandeln will, keiner andern Steuer als den allgemeinen Landsteuren unterworfen, und das ganze Land ist schuldig, ihnen für jeden einquartierten Soldaten die Miete, für jede Wache, so sie außer der gemeinen Reihe tun, den Lohn und für jedes Bollwerk die Unterhaltungskosten zu bezahlen. Geschieht dieses nicht: so zieht sieh jeder aus einem so beschwerlichen Käfigt heraus, und die Stadt höret allmählich auf, Stadt zu sein.

Eine andre Frage ist es jedoch, ob eine Stadt unter einem Amtmann solchergestalt bestehen könne? Hievon findet sich kein Exempel in der Geschichte; und es ist auch gar nicht glaublich oder wahrscheinlich, daß irgendeine beträchtliche Anzahl von geschickten, fleißigen und unternehmenden Handwerkern oder Kaufleuten sich jemals auf andre Art vereinigen könne und werde, ohne eine bürgerliche Obrigkeit ihres Mittels zu haben. Eben deswegen aber ist es um so viel nötiger, auf die Wiederherstellung der gemeinen Ehre zu denken. Die Mittel, Städte in Flor zu bringen, jedem Bürger Patriotismus einzuflößen und ihn zu großen Unternehmungen zu begeistern, waren in den alten Zeiten Ehre, Ruhm, Freiheit und Privilegien. In den neuern Zeiten glaubt man sich zu versündigen, wenn man ihnen einen Ehrentitel mehr gibt, als sie vor dreihundert Jahren gehabt. Treffliche Politik, deren Ungrund nicht deutlicher als aus dem elenden Anblicke der Städte selbst erhellet. Der Abfall jener Ehre hat aber nicht allein die besten und bemitteltesten Leute in den Herrndienst gejagt, ihre Söhne zu Titeln und ihre Töchter zu unbürgerlichen Ehen verführt, sondern auch auf die niedrigste Klasse der Einwohner gewürket. Sie ist an manchen Orten schuld daran, daß der Taglöhner dem Bürger gleich auf die Wache ziehen und solchergestalt den vierten Pfennig von seinem Erwerb steuren muß. Denn da er des Jahrs gewiß 50 Wachen tun muß und nach der von den französischen Generalpächtern jetzt gemachten Rechnung, welche jedoch das Parlament noch viel zu stark findet, nur zweihundert Arbeitstage im Jahr, sonst aber kein Vermögen hat: so steuret der Taglöhner, der funfzigmal des Jahrs auf die Wache zieht, den Vierten von allem, was er hat. Dies ist eine übermäßige Steuer, die ihm nie würde aufgebürdet sein, wenn der wahre Bürger die alte Ehre eines Garnisonsoldaten behalten und man es für einen Schimpf geachtet hätte, diese Ehre mit einem Taglöhner zu teilen. Die sicherste Folge davon ist, daß Taglöhner, Beiwohner und alle Arten geringer Leute, welche doch zum Flor der Manufakturen und zur wohlfeilen Hand so unentbehrlich sind, schlechterdings unter der Bürgerschaft nicht bestehen und entweder auf befreiten Plätzen oder auf dem Lande wohnen, mithin solchergestalt dem städtischen Wesen nicht zum Vorteil kommen können. Die bürgerliche Ehre erwächst aus dem Vermögen, viele Beschwerden freudig überstehen zu können. Und will ein Taglöhner diese Ehre haben: so muß er Bürger werden und seinen Anteil der Beschwerde übernehmen. Allein, es muß erst wieder eine Ehre werden, das Bürgerrecht zu haben; und das kann allein durch eine allgemeine Vereinigung der Reichsfürsten geschehen, wodurch sie dem Bürger wieder zu seiner ehemaligen kriegerischen Ehre verhelfen.

Die Menge von kleinen Territorien und ihr beständiger heimlicher Krieg gegeneinander mag füglich zur fünften Ursache ihres Verfalls gezählet werden, besonders da so wenig an Reichs- als Kreistagen die gemeine deutsche Wohlfahrt in Handel und Wandel in einige Betrachtung gezogen wird.

Man muß erschrecken und lachen, wenn man an manche Kreistagesgeschäfte gedenkt. Vorzeiten, wie erfahrne Kanzler, Burgemeister und Syndici aus den Städten als Gesandten auf den allgemeinen Reichstag geschickt wurden, so las man in den Reichsabschieden noch wohl, daß kein ungefärbter Ingwer verkauft, kein ungenetzt und ungeschornes Tuch ausgeschnitten, keines mit Teufelsfärbe gefärbt, keine Häute ungesalzen verführt, keine Wolle außerhalb Reichs gebracht und keinem Wandschneider ein dunkles Vordach verstattet werden solle.Siehe die Polizeiverordnung von 1577 Tit. 20. 21. 22. Seitdem aber solche Herrn, denen man es eben nicht zum Schimpf anrechnen kann, wenn sie von Wollen- und Lederarbeiten nichts verstehen, zum Reichstage abgeschickt worden, hat man zwar von vielen wichtigen Dingen, aber nichts von solchen gehört, welche auf den Handel der Nation und eine gute allgemeine Polizei die geringste Beziehung hätten. Aber desto fleißiger und reiflicher sollten dergleichen Sachen auf den Kreistagen und besonders auf denen Kreistagen, welche von einer Menge kleiner Reichsstände beschickt werden und dazu in der Reichs-Polizeiordnung eigentlich angewiesen sind, überleget werden. Die Landstädte sollten hier, ohne Nachteil ihrer Mittelbarkeit, ihre eigne Handelstage, ihre Kreisbörse und ihre Vereinigungen haben. Sie sollten die Handels- und Handwerks-Polizeisachen für sich abtun mögen und von ihrem Landesherrn mit dem Vertrauen beehret werden, daß sie solche besser als seine Krieges- und Kammerräte beurteilen und einrichten würden.

Die heutige Politik der einander nacheifernden Nationen bestehet darin, daß die eine für der andern schönere, bessere und wohlfeilere Waren zu verfertigen und damit den auswärtigen Markt zu gewinnen und zu erhalten sich bemühet. Die Politik der Kreisstädte und der kleinen Staaten hingegen geht einzig und allein dahin, sich einander durch schlechte, betriegliche und wohlfeilere Waren den Vorteil abzujagen. Wenn die Stadt Köln es wagt, zwölflötig Silber zu verarbeiten, um den Augspurgern den Preis abzugewinnen: so wagt es ..., eilflötig Silber zu verarbeiten; und kaum hat diese damit den Anfang gemacht: so macht die Stadt ... ihre Probe zehnlötig; und damit diese nicht zu viel gewinne: so ist die Probe der Stadt ... achtlötig; und der Jude hat seine Hausierware aus sechslötigem verfertigen lassen. Der arme Untertan, der von allem diesen nichts verstehet und das neue Silber immer glänzend genug findet, wird indes betrogen und denkt, der Markt, worauf er ein Lot Silber für 12 Mgr. kaufen kann, sei ungleich schöner als ein ander, der es zu 24 Mgr. ausbietet. Sollte aber einem solchen Unwesen nicht durch Kreisschlüsse abgeholfen, einerlei Silberprobe eingeführt und der Preis desselben auf dem Kreistage so gesetzt werden, wie es die auswärtige Korrespondenz mit sich brächte?

Der westfälische Kreis muß sich schämen, wenn er an die Art und Weise gedenkt, wie er sich von einigen Frankfurter Kaufleuten mit dem Zinn behandeln läßt. Die Wilden in Amerika werden nicht so arg mit gläsernen Korallen, Spiegeln und Puppenzeug als wir mit dem Zinne um unser gutes Geld betrogen. Die Italiener, Tiroler, Bayern, Schwaben und Franken, welche unsre Gegenden mit allerhand ungeprobten Waren belaufen, versorgen sich alle in Frankfurt, und dort arbeitet man für das platte Land im westfälischen Kreise wie für die Hottentotten. Das Pfund Zinn, was die Tiroler den Landleuten aufhängen, hält über drei Viertel Blei; und da ist es kein Wunder, daß die Zinngießer in den Städten, die Gewissen und Ehre haben, gegen eine solche Ware keinen Markt halten können. Der Engländer ist noch großmütig mit uns umgegangen, da er uns die englische Zinnarbeit entzogen. Er hat das rohe feine Zinn fast so hoch im Preise als das verarbeitete gehalten und uns dadurch außer Stand gesetzt, es so wohlfeil zu verarbeiten, als er es uns durch die allzeit fertigen Bremer zuschickt. Allein, die Frankfurter – doch warum sind wir so sorglos oder vielmehr so uneinig im westfälischen Kreise, daß wir uns dergleichen Handlungen nicht gemeinschaftlich widersetzen?

Wie schwach sind unsre Maßregeln, die wir gegen solche Mißbräuche ergreifen? Wir sehen mit den einheimischen Handwerkern durch die Finger und erlauben ihnen erst ein bißgen und dann wieder ein bißgen und noch ein bißgen von der alten wahren reichsgesetzmäßigen Silber- oder Zinnprobe herunterzugehen, damit sie gegen die Betrieger doch noch einigermaßen den Markt halten können. Wir werfen ein Auge auf die angrenzende Länder und haben auf jeder Grenze eine besondre Probe, sinken immer nach dem Maße, als unser Nachbar sinkt, und bringen es durch diesen landverderblichen Wetteifer dahin, daß zuletzt alle Handwerker Betrieger und allerseits Untertanen betrogen werden müssen. Dieses würde nicht geschehen, wenn die gesamten Städte im Kreise sich vereinigten, die fremden Hausierer ausschafften und ihre Landesherrn dahin bewögen, die Schlüsse der Kreisstädte mit seiner Macht zu unterstützen.

Die Vereinigung aller westfälischen Städte, eine Kreis- Handlungsversammlung und ein gutes Einverständnis zwischen dieser Versammlung und einer gleichen im niedersächsischen Kreise würde überdem gewiß für die Wiederaufnahme der Städte von unendlichem Vorteil sein. Es ist eine ganz irrige Meinung, wenn man glaubt, daß die Verschiedenheit der Länder und ihrer Landesherrn solches gar nicht zulasse. Wir haben zu Bremen und Emden alle Freiheit zur Handlung, die wir nötig haben. Wir haben sogar einen Vergleich mit England, daß die Bremer nicht bloß ihre eigne Produkte, sondern auch die nachbarlichen mit bremischen Schiffen ins großbritannische Reich fahren dürfen. Es ist an beiden Orten kein Landesherr, der sich der Aufnahme des Handels widersetzt. Wir können uns vielmehr von ihnen alle nur mögliche Begünstigung versprechen. Warum sollten sie also nicht gemeinschaftlich eine Schiffsfracht von ihren Produkten und verfertigten Waren zusammenbringen und einen offnen Hafen besuchen, gemeinschaftlich sich der Einfuhr dieser oder jener fremden Produkte widersetzen und eine einförmige Handelsordnung behaupten können? Der Schiffer liegt auf der Reede, läuft ganze Monate, um einige Fracht zu erhalten, und segelt endlich mit halber Fracht ab; da doch, wenn eine richtige Korrespondenz unter den Kreisstädten fürwaltete, wenn man zeitige Nachricht von den Produkten und Waren hätte, welche auswärts abzusetzen sind, und überhaupt die auswärtige Handlung hinlänglich kennete, eine der andern die Hand bieten, die Abseglung der Schiffe sicher und zeitig wissen, sich darnach einrichten und solchergestalt mit Nachdruck und Vorteil handeln könnte.

Eine solche Versammlung müßte sich leicht selbst erhalten können. Von einzelnen Kreisständen können die fremden Waren, die der Aufnahme unserer einheimischen Fabriken entgegen sind, mit keinem Impost belegt werden. Was man in Bremen damit beschweren würde, das würde über Emden frei kommen; und was man auch hier mit neuen Imposten belegen wollte, das würde man über Holland kommen lassen. Allein, wenn alle Kreisstände eins sind: so kann die Spekulation höher gehen und die schönste Bilanz erhalten werden. Man kann aus einigen zum Besten des Kreises gereichenden Imposten eine eigne Kreiskasse errichten, Leute daraus besolden und auf neue Unternehmungen in der Handlunge denken, deren Möglichkeit wir jetzt zwar einsehen, aber gewiß einzeln nie zustande bringen werden. Es steht sodenn bei uns, Frankreich zu nötigen, uns billige Vorteile in der Handlung einzuräumen oder uns nicht zu verdenken, wenn wir, wie die Engländer, für alle französischen Weine und Brannteweine rheinische, portugiesische und italienische trinken. Es steht bei uns, mit allen nordischen Reichen Handlungsverbindungen zu errichten, uns Vorteile zu bedingen und doch einige Figur in der Welt zu machen, anstatt daß wir jetzt annehmen, was jede Nation uns zuschickt, und uris auf die schimpflichste Art von allen Vorteilen verdringeh lassen müssen. In der ganzen Welt ist kein Reich von der Größe und Lage, als der niedersächsische und westfälische Kreis ist, das eine erbärmlichere Figur in der Seehandlung mache als wir. Und warum? Weil jedes Dorf auf sein Privatinteresse sieht und kein großes Ganze vorhanden ist, das sich zur Handlung vereinigt.

Alle Bemühungen einzelner kleiner Kreisstände in Handlungs- und Polizeisachen bedeuten nichts, solange man das Werk nicht mit gesamter Hand angreift. Ja, es sind Handwerkssachen, die selbst der Kreis nicht zwingen kann und die durchaus von dem gesamten Reiche verbessert werden müssen. Sachen, die ihrer Nation und Eigenschaft nach ebensogut als Reichs-, Lehn- und Adelssachen einzig und allein von dem allerhöchsten Reichsoberhaupt beurteilet und verordnet werden können und müssen.

Zum Exempel wollen wir bloß der Freimeisterei gedenken. Alle Rechtsgelehrte geben den Landesherrn das Recht, wofern die Handwerker ausspürig werden, denselben einen oder mehrere Freimeister entgegensetzen zu dürfen . Allein, sie bedenken nicht, daß dieses Recht beinahe von gar keinem Nutzen sei, weil sich kein Bursche bei dem Freimeister in die Lehre gibt, und wo er ja einen erhält, solcher hernach in Deutschland nicht reisen kann und so, vieler Vorteile beraubt ist, daß es fast kein einziger wagen mag, seinen Sohn einem Freimeister zu übergeben. Was hilft also dem angenommenen Freimeister das landesherrliche Pivilegium , wenn er den Vorteil, Lehrbursche zu haben, entbehren und, wofern er einen Gesellen haben will, solchen kostbarlich aus fremden, außerhalb Reichs gelegenen Orten kommen lassen muß?

Wie aber, wenn Ihro Kaiserl. Majestät, nach dem Beispiele des jetzigen Königes von Frankreich, in allen großen deutschen Städten vier Freimeister in jeder Kunst privilegierten, die miteinander eben wie die zünftigen Meister korrespondierten, ihre Lehrburschen zu Freigesellen machten, ihre Logen oder Krüge zu deren Aufnahme hielten und in allen ebenso aneinander hingen als die geschlossenen Zünfte? Wie, wenn es Ihro Kaiserl. Majestät gefiele, sich mit England, Frankreich und Holland darüber zu vereinigen, daß die Haupt-Freimeisterlogen in jedem Reiche eine gemeine Kundschaft zusammen errichteten und die Freigesellen wechselsweise voneinander annähmen? Sollte alsdenn nicht das Recht eines jeden Landesherrn, nach Gefallen einen Freimeister anzuordnen, von ganz andrer Würkung sein? Jetzt ist es ein Schatten; alsdenn aber würde es das allerkräftigste Mittel werden, auf einmal den größten Wetteifer in ganz Deutschland zu erregen. In den alten Zeiten waren viele Gesellschaften und besonders die von der sogenannten runden Tafel, worin niemand zugelassen wurde, als der gewisse Ahnen beweisen konnte. Diese Gesellschaften hießen Massoneien , welches mit dem holländischen Mactschapy und dem deutschen Maskopei übereinkömmt. Gegen diese Gesellschaften wurden freie Massoneien errichtet, worin jeder ehrlicher Mann, ohne Rücksicht auf seine Geburt, aufgenommen wurde. Ihre Mitglieder nennten sich freie Massons, welches lächerlich genug durch FreimäurerDie Erbauung der Paulskirche in London, welche die jetzt sogenannten Freimäurer durch Beischüsse an Gelde zustande brachten, hat zu jener Mißdeutung und auch dazu Gelegenheit gegeben, daß jene Freigesellschaften die Maurerwerkzeuge als Ordenszeichen angenommen haben. übersetzt ist und in der Tat nur einen Freigesellen bedeutet, wie denn Mate im Holländischen und Masson im alten Englischen noch einen Gesellen bezeichnet. So wie nun diese Freigesellen sich gegen jene adliche Zünfte emporgebracht haben, ebenso sollte sich auch die Freimeisterei in allen Künsten gegen die Zünfte ausbreiten. Frankreich hat uns in diesem Stücke vor zweien Jahren ein Exempel gegeben. Woran liegts also, daß wir ihm nicht nachfolgen? An dem Willen der Landesfürsten? Nein, diese sind dazu längst bereit, aber nicht imstande, ein solches Werk auszuführen. Es gehöret für den Kaiser; und die Reichsstände müssen es gemeinschaftlich befördern. Ein solches Werk würde das größte sein, was in diesem Jahrhundert am Reichstage vorgenommen worden; und die Einrichtung der Freimäurer könnte in allen Stücken dabei zum Muster dienen. Doch wir wollen hier schließen.

Die Politik der Freundschaft

»Zu ihr hin will ich gehen; ihr sagen, daß sie die niederträchtigste Kreatur von der Welt sei; daß sie das edelste und zärtlichste Vertrauen gemißbraucht und mich auf eine recht schändliche Art hintergangen habe. Ja, dies will ich tun; diese Genugtuung will ich haben. Ich will sie in ihren eignen Augen erniedrigen, ihr den verräterischen Brief vorlegen und sie dann ihrer Scham und den Bissen ihres Gewissens überlassen ...«

»Und wenn Sie das denn nun getan haben, Madame?«

»So bin ich gerochen.«

»Gerochen? und wodurch? Dadurch, daß Sie Ihre ganze Schwäche zeigen? Das ist in der Tat eine sonderbare Rache. O meine liebe Ismene, sollten Sie mich je beleidigen: so glauben Sie nicht, daß ich es Ihnen so leicht machen werde, mich zu vergessen und sich zu beruhigen.«

»Also sollte ich es mir wohl gar nicht einmal merken lassen, Arist, daß ich so schändlich hintergangen bin?«

»Nein, Ismene. Ihr Eifer mag noch so gerecht, das Ihnen widerfahrne Unrecht mag noch so klar sein: so muß es der letzte Schritt unter allen sein, seinem Freunde wissen zu lassen, daß man von seiner uns zugefügten Beleidigung unterrichtet sei. Nie kann dieser uns hernach wieder unter die Augen treten, ohne sich zu schämen; und wer sich vor uns zu schämen hat, der flieht uns erst, haßt uns leicht und verfolgt uns zuletzt, um sich eines beschwerlichen Zeugens seiner Unwürdigkeit zu entledigen.«

»Aber wenn mir nun der Haß und die größte Feindschaft einer solchen Person, als diejenige ist, worüber ich mich beklage, angenehmer wäre als alle die Freundschaft, welche sie ehedem vor mich gezeigt hat?«

»Das ist nicht möglich. Eine Person, welche Sie einmal wertgeschätzt haben, kann nicht ohne alle Verdienste sein. Sie muß wert sein, gebessert und wiedergewonnen zu werden; und das können Sie nie hoffen, wenn Sie ihr einmal gerechte Vorwürfe gemacht haben. Falsche Vorwürfe treffen flach; aber wahre fassen tief, und man vergißt sie um so viel weniger, je mehr man sie verdient hat. Sie benehmen dem Schuldigen seinen Wert und diejenige redliche Zuversicht, welche doch zum wahren Vertrauen und zu einer aufrichtigen Freundschaft unentbehrlich ist. Erinnern Sie sich nur einmal Ihrer Geschichte mit Cephisen. Diese Ihnen jetzt so werte Freundin hatte Ihnen fälschlich ein Verbrechen schuld gegeben, welches man niemals erweiset und allezeit ohne Beweis glaubt. Sie hörten es, und beruhigten sich damit, daß es aus Eifersucht geschehen sein könnte. Sie veränderten nichts in Ihrem Betragen gegen sie. Sie bezeugten ihr immer das zärtliche Vertrauen, die nämliche Achtung und ebendie Gefälligkeiten, welche Sie allezeit gegen sie gehabt hatten. Keine Zurückhaltung, kein Ernst im Blicke verriet die mindeste Empfindlichkeit. Kaum waren einige Wochen verflossen: so gereuete Cephisen ihre Verleumdung. Sie ward unruhig, und das Bekenntnis ihres Verbrechens schwebte ihr hundertmal auf der Zunge, ohne daß sie es wagen mogte, um Verzeihung zu bitten. Von der edelsten Reue gerührt, kam sie endlich in Gesellschaft derjenigen Personen, gegen welche sie mit der falschen Beschuldigung herausgegangen war, zu Ihnen und tat Ihnen unter tausend Tränen gleichsam eine öffentliche Erklärung. Damals gestanden Sie mir, Ismene, daß Sie sich keinen Begriff von einer edlern Genugtuung machen könnten, als diese gewesen wäre. Ihre Zärtlichkeit vor Cephisen verdoppelte sich, und dasjenige, was unter andern die größte Feindschaft veranlasset haben würde, ist der Grund einer der dauerhaftesten Freundschaften geworden. Würde aber der Erfolg ebenso angenehm gewesen sein, wenn Sie Ihre Freundin gleich zur Rede gestellet, derselben ihre Verleumdung vorgeworfen und sie damit auf ewig ihrer Schande überlassen hätten? Würde die Reue Cephisens jemals zugereicht haben, eine völlige Versöhnung unter ihnen herzustellen? Und war nicht gleichsam Ihr heroischer und freiwilliger Entschluß nötig, um ihr ein Vertrauen zu sich selbst und mit diesem die Würde wiederzugeben, sich als eine Freundin in Ihre Arme werfen zu können?«

»Es ist wahr, Arist, ich fühle die Wahrheit dessen, was Sie sagen, und bin nun zu groß, um in Vorwürfe auszubrechen.«

»Glauben Sie nur, liebenswürdigste Freundin, der Unschuldige verzeihet leicht. Aber der Schuldige kann nie wieder ein Herz zu uns gewinnen, wofern wir ihm nicht helfen, sich vor dem Richterstuhl seines eignen Gewissens zu rechtfertigen und erst wiederum ein Vertrauen zu sich selbst zu gewinnen. Die Gelegenheit dazu können wir ihm nicht besser unterlegen, als wenn wir ihn zuerst in der guten Meinung lassen, daß wir sein Verbrechen nicht wissen. Hierdurch wird er allmählich sicher; bemüht sich erst, etwas wiedergutzumachen, wird immer eifriger, und zuletzt, nachdem er uns viele neue Beweise von seiner Redlichkeit gegeben, wagt er es, Verzeihung für das Vergangene zu erwarten und zu bitten. Ehender kann er es nicht tun, ohne sich in seinen eignen Gedanken zu erniedrigen. Es fehlt ihm auch die Gelegenheit zu jener Rechtfertigung, wofern wir ihn gleich durch verdiente Vorwürfe beschämen und entfernen.«

»Dies wird aber doch wohl nur die Pflicht gegen solche schuldige Freunde sein, die würklich Verdienste haben?«

»Freilich; aber selten ist ein Mensch ohne einige Verdienste; und man kann auch oft einen Bösewicht auf kurze Zeit oder in einzelnen Geschäften ehrlich machen, wenn man ihn für ehrlich hält und Vertrauen auf ihn setzt. Es gereicht der Tugend zur Ehre, daß auch der böseste Mensch denjenigen ungern hintergeht, der ihn für einen rechtschaffenen Mann hält. Glauben Sie, Ismene, daß ich nicht bisweilen in die Versuchung geraten würde, Ihnen ungetreu zu werden, wenn ich versichert wäre, daß Sie ein Mißtrauen in mich setzten?«

»Oh, schweigen Sie, Arist; oder Ihre Gründe fangen an, bei mir allen ihren Wert zu verlieren.«

Also sollen die deutschen Städte sich mit Genehmigung ihrer Landesherrn wiederum zur Handlung vereinigen

Deutschland hat seine Häfen wie andre Reiche, und es ist zur Handlung so gut gelegen als das beste. Allein, solange seine gegenwärtige Regierungsverfassung dauret, wird es nie zu der Größe in der Handlung gelangen, wozu es nach seinen Kräften gelangen könnte.

Schon in der Taufe, wie unsre Vorfahren aus dem Heidentum bekehret wurden, mußten sie nicht bloß dem Teufel, sondern auch den Teufelgilden, das ist allen den großen Verbindungen entsagen, welche sie in Ermanglung einer vollkommenen Oberherrschaft nach dem Exempel aller freien Völker unter dem Schutze einer irdischen Gottheit zu ihrer Verteidigung und Aufnahme errichtet hatten. Die besorgte Eifersucht Karls des Großen verstattete ihnen kaum, ihre Schiff- und Brand-Assekurations-Gesellschaften beizubehalten. Alle übrige Verbindungen wurden aufgehoben.

De Sacramentis pro Gildonia invicem conjurantibus ut nemo facere praesumat. Alio vero modo de eorum eleemosynis aut de Incendio aut de Naufragiis, quamvis convenientiam faciant, nemo in hoc jurare praesumat.

Capit. Caroli M. de 779.

Auf dem Reichstage zu Worms von 1231 ward die Frage aufgeworfen: ob eine Stadt oder Gemeinheit mit andern Verbindungen oder Gesellschaften aufrichten könnte? Und der gute Kaiser Henrich erkannte mit Rat der Reichsfürsten, daß ihnen dergleichen nicht erlaubt sein könnte.

In der neuesten Wahlkapitulation heißt es endlich noch, wiewohl leider zu einem sehr großen Überflusse:

Ihro Kaiserliche Majestät wollen die Commercia des Reichs zu Wasser und zu Lande nach Möglichkeit befördern – Dagegen aber die großen Gesellschaften, Kaufgewerbsleute und andre, so bisher mit ihrem Gelde regiert, gar abtun.

Und so hat zu allen Zeiten von dem ersten Augenblick an, da der deutsche Nationalgeist sich einigermaßen erheben wollen, bis auf die heutige Stunde ein feindseliges Genie gegen uns gestritten. Man denke aber nicht, daß unsre Gesetzgeber zu schwache Augen gehabt haben. Nein, die Territorialhoheit stritt gegen die Handlung. Eine von beiden mußte erliegen; und der Untergang der letztern bezeichnet in der Geschichte den Aufgang der erstern. Wäre das Los umgekehrt gefallen: so hätten wir jetzt zu Regenspurg ein unbedeutendes Oberhaus, und die verbundenen Städte und Gemeinden würden in einem vereinigten Körper die Gesetze handhaben, welche ihre Vorfahren, mitten in dem heftigsten Kriege gegen die Territorialhoheit, der übrigen Welt auferlegt hatten. Nicht Lord Clive, sondern ein Ratsherr von Hamburg würde am Ganges Befehle erteilen.

Noch sind es keine vierhundert Jahre, daß der Hanseatische Bund den Sund und die Handlung auf Dänemark, Schweden, Polen und Rußland mit Ausschluß aller übrigen Nationen behauptete; Philipp den IV. von Frankreich nötigte, den Briten alle Handlung auf den französischen Küsten zu verbieten, und endlich mit einer Flotte von hundert Schiffen Lissabon eroberte, um auch diesen großen Stapel zur Handlung vor alle entdeckte und zu entdeckende Weltteile zu seinem Winke zu haben; eine Unternehmung, welche mehr Genie zeiget als die Erfindung des Pulvers, deren die Reichsgeschichte noch wohl gedenket, wenn sie jenen großen Entwurf auf Lissabon mit Stillschweigen übergeht. Kaum sind dreihundert Jahre verflossen (1475), daß eben dieser Bund England nötigte, den Frieden von ihm mit 10000 £ Sterling zu erkaufen, Dänemark feilbot, Liefland erobern half und den Ausschlag in allen Kriegen mit ebendem Übergewichte gab, womit es England seit einigen Jahren getan hat. Keine Krone wegerte sich, die Ambassiadores dieser deutschen Kaufleute (sie hießen mercatores Romani Imperii) zu empfangen und dergleichen an sie abzuschicken. Noch im sechzehnten Jahrhundert behauptete er die alleinige Handlung in der Ostsee mit einer Flotte von 24 Kriegesschiffen gegen die Holländer. Und dieser große Geist der Nation ist es, welchen Ihro Kaiserliche Majestät allergnädigst abzutun geschworen haben. Dieser Geist, welcher sich gewiß von beiden Indien Meister gemacht und den Kaiser zum Universal-Monarchen erhoben haben würde, ist es, welchen die Reichsfürsten nicht ohne Ursache verfolgt, aber allezeit übereilt ersticket haben. Was muß ein Deutscher nicht empfinden, wenn er die Nachkommen solcher Männer gleichsam in der Karre schieben oder Austern fangen, Zitronen aus Spanien holen und Bier aus England einführen sieht?

Fünfundachtzig verbundene Städte in der untern Hälfte von Deutschland waren es indessen, welche diese Wunder verrichteten und in der Handlung die Mittel fanden, so große Kosten zu bestreiten; währender Zeit in der obern Hälfte von Deutschland eine Südsee-Kompagnie mit ihrer Handlung die Levante beherrschte und die Schätze aus Asien und Afrika in Deutschland zurückbrachte. Beide Kompagnien, sowohl die Hanseatische oder die nordliche und westliche als die südliche verstanden ihr gemeinschaftliches Interesse; und man kann es nicht ohne Erstaunen betrachten, daß Englands Handlung damals durch deutschen Fleiß nach der Levante getrieben wurde. Die Größe der Venetianer und die Flotten, womit die unglücklichen Kreuzzüge unterstützet und die wichtigen Unternehmungen auf Afrika und Asien ausgeführet wurden, sind aus dem Handel erwachsen, welchen die verbundenen Städte in Oberdeutschland aus den italienischen Häfen trieben.

Jedoch diese güldne Zeiten der deutschen Handlung kommen wohl niemals wieder. Sie werden kaum mehr geglaubt; sosehr haben wir uns von ihnen entfernt. Das Besonderste dabei ist, daß alle Handwerker zugleich ausgeartet und der fliehenden Handlung nachgefolget sind. Man sehe nur auf die alten Arbeiten an Altären, Einfassungen der Reliquien, Monstranzen, Kelchen, Bechern und dergleichen, auf die Kästlein von Ebenholz; auf die Kunstwerke von Elfenbein und auf verschiedene andre getriebene, geschnitzte, eingelegte und durchgearbeitete Stücke, welche sich noch hie und da in Kabinetten finden; man betrachte nur einige Denkmäler der Malerei, Bildhauerkunst und Baukunst, so uns aus dem XIV., XV. und XVI. Jahrhundert noch übrig sind; man gedenke an das Dauerhafte, Kühne und Prächtige der gotischen Stücke, welche um deswillen, daß sie nach einem besonderen Zeitgeschmack gearbeitet sind, ihren Kunstwert nicht verloren haben: so wird man sehen, daß zur Zeit der Hanseatischen Handlung eine Periode in Deutschland gewesen, worin es die größten Meister in jedem Handwerke gegeben habe. Und man kann dreiste behaupten, daß die Deutschen die Handlung und den damaligen gotischen Stil der Kunst zu gleicher Zeit aufs höchste gebracht hatten. Man würde jetzt Mühe haben, einen einzigen solchen Meister in Ebenholz, Elfenbein und Silber wieder aufzubringen, dergleichen vor dreihundert Jahren in allen Städten angetroffen wurden. Fast alle deutsche Arbeit hat zu unser Zeit etwas Unvollendetes, dergleichen wir an keinem alten Kunststück und gegenwärtig an keinem rechten engelländischen Stücke antreffen. So sehr ist das Handwerk zugleich mit der Handlung gesunken. Die einzige Aufmunterung der Handwerke kommt jetzt noch von Höfen; und was sollen einige wenige mit Besoldungen angelockte Hofarbeiter gegen Handwerker, die während des Hanseatischen Bundes vor die ganze Welt in die Wette arbeiteten?

Das Exempel der Städte in Frankreich, wovon die vornehmsten im vorigen Kriege dem Könige ein Schiff baueten, der ähnliche Entschluß des Theaters zu Paris und der große Anschein, daß jede große Stadt und Herrschaft in Deutschland, wenn der Landesherr wollte, ein Schiff zur See haben könnte, mögte zwar manchen auf den Einfall bringen, daß man endlich auch wohl eine deutsche Flotte in See setzen und sich damit ebendie Vorteile wieder erwerben könnte, welche unsre Vorfahren besaßen und andre Seemächte besitzen, die ihre Kommerzientraktaten mit der Kriegesmacht unterstützen. Man könnte wenigstens hoffen, die Handlung damit offen- und die Seemächte abzuhalten, sich in jedem Reiche Monopolien zu bedingen. Denn was sind die heutigen Kommerzientraktaten anders als Monopolien? Und ermächtiget sich nicht beinahe jeder Herr, die Handlung seines Reichs den meistbietenden Seemächten zu verpachten? Allein, dergleichen süße Träume, ohne deren Erfüllung Deutschland gleichwohl niemals einen einzigen Kommerzientraktat mit den nordischen Reichen zustande bringen wird, verbietet uns die Reichsverfassung und auf sichere Weise selbst die Kaiserliche Kapitulation. Beim Anfang des Dreißigjährigen Krieges legten es die Schweden dem Kaiser sogar zum Übermut aus, daß er an eine Reichsflotte in der Ostsee, welche doch, wenn man sich nur über den Namen versteht, nichts Ungewöhnliches war, gedacht hatte. Wir müssen uns also durch andre Wege helfen.

Fast alle Reiche haben sich auf sichere Weise gegen uns geschlossen, seitdem die Flotten der Gewerksleute, welche mit ihrem Gelde regierten, wie die Kapitulation es zur Ehre der Nation noch ausdrückt, alleruntertänigst abgeschafft werden müssen. Den Lübeckern, Bremern und Hamburgern, welche einzeln zu schwach waren, den Unterhandlungen der Seemächte sich mit Nachdruck entgegenzusetzen, ist nichts weiter übriggeblieben, als dasjenige aus der Fremde abzuholen, was man daselbst gern los sein will, und etwas wieder dahin zu bringen, was man von den Seemächten noch zur Zeit nicht erhalten kann. Man läßt ihnen bloß die Almosen, welche jene verachten. Die einzige Handlung in der Levante ist noch frei, so lange bis es der Seemacht, welche gegenwärtig darüber aus ist, solche durch einen Kommerzientraktat zu pachten, gelingt, auch diesen Ausfluß zu sperren.

Wie ist aber die levantische Handlung beschaffen? Geradeso, wie wir solche gebrauchen. Die dortigen Türken, Griechen, Mohren und Juden sind wie unsre westfälischen Packenträger oder wie die italienischen Hechel- und Barometerkrämer, welche so viel Ware borgen, als sie tragen können, damit tief ins Land hausieren gehn und, wenn sie solche verkauft haben, das Geborgte bezahlen und ihren Packen von neuen füllen. Dies ist die ganze Handlung; und man trifft fast keinen großen türkischen Kaufmann an, welcher ein Warenlager vor solche Hausierer hielte. Dieses überlassen sie den Fremden.

Bei solchen Umständen sollte man gedenken, es würden einige hundert Bremer oder Hamburger Kaufleute dort ihre Warenlager haben und vor die Hausierer alles, was in Niedersachsen und Westfalen nur verfertiget werden könnte, in Bereitschaft halten; besonders da die dortigen Sensali oder Mäkeler die Hausierer genau kennen und gegen eine billige Provision den ganzen Handel führen. Allein, die genaueste Erkundigung zeigt, daß kein bremisches oder hamburgisches Comptoir in der ganzen Levante sei. Man läßt diese Vorteile den Franzosen, Engländern und Holländern über, die natürlicher Weise dasjenige zu Hause verfertigen lassen, was sie dort abzusetzen gedenken. Wie wichtig ist aber nicht dieser Handel? Und zu welchem Reichtume erhob sich nicht damit der Herr Fremaux in Smyrna, der in einer Teurung vor hunderttausend Gulden Korn unentgeltlich austeilen und dennoch Millionen nach Amsterdam zurückbringen konnte?

Sollte es denn aber nicht möglich sein, daß einige Landstädte nur ein oder anders gemeinschaftliches Packhaus in den levantischen Häfen errichteten und dort einen gemeinschaftlichen Bedienten hielten, welchem sie ihre Waren in Kommission zuschicken könnten? Sollten alle Kämmereien der westfälischen Städte, wenn die Unternehmung für einen einzelnen Kaufmann im Anfange zu groß ist, nicht imstande sein, eine so leichte Sache zum Vorteil ihrer Bürger und Handwerker auszuführen? Sie brauchen dazu weder Schiffe noch Flotten. Der Holländer ist alle Stunde bereit, unsre Produkten dahin zu führen. Er bittet darum und fragt nur, an wen die Ablieferung geschehen solle. Und dieses An wen? ist es, was wir nicht beantworten können, solange wir in den Landstädten so einfältig sind zu glauben, daß die Seestädte auf ihre Gefahr und Rechnung unsre Waren dort absetzen, ausborgen und verhandeln werden. Wir haben die glücklichste Lage zur Handlung. Tausend und abermals tausend Schiffsböden sind in Holland vor uns bereit. Wir sind der Lage nach den Holländern das, was die Engländer im Lande ihren Seehäfen sind. Aber in England sind die im Lande fleißige Handwerker und schaffen den Seefahrern Stoff zum Absatz. Wir hingegen versorgen die Holländer mit wenigem oder nichts. Diese verlieren darüber an allen Ecken den Markt; und sie sind noch zu groß, um zugleich unsre Höker und Mäkeler zu werden. Dafür müssen wir sorgen; wir müssen Comptoirs und Warenlager in der Fremde halten; und die Kämmereien in den Städten könnten durch eine Vereinigung diesen Endzweck befördern. Unsre Kaufmannssöhne spazieren nach Bremen und Hamburg. Nach Cadix, nach Lissabon, nach Smyrna, nach Aleppo, nach Kairo sollten sie gehn, sich um dasjenige bekümmern, was dort mit Vorteil abgesetzt werden kann, sich dort Bekannte und Assoziierte erwerben und dann handlen.

Es sind bisher Ostindische, es sind Levantische Kompagnien errichtet worden. Man hat das dazu erforderliche Kapital in Aktien verteilet und nicht den Inhaber jeder einzelen Aktie, sondern nur denjenigen, welcher zehn oder zwanzig zusammen gehabt, als ein stimmbares Mitglied betrachtet. Dieser Plan ist gut vor Kompagnien in großen Hauptstädten, aber schlecht vor eine Kompagnie, deren Aktionärs weit auseinander zerstreuet wohnen. Wer will daselbst eine Aktie nehmen, sich blindlings der Führung einiger wenigen stimmbaren, vielleicht durch besondre Absichten geleiteten Mitglieder überlassen und um einer Aktie willen einen großen Briefwechsel unterhalten? Der Besitzer einer solchen einzelnen Aktie kann mit Billigkeit nicht fordern, daß ihm die Direkteurs von allem Nachricht geben sollen; und so denken viele, es ist besser, sein Geld zu behalten, als solches an Orte und Leute auf guten Glauben hinzuschicken, die man nicht kennt und von welchen man keine Nachrichten erwarten kann.

Eine ganz andre Gestalt bekömmt aber die Sache, wenn eine Stadt zehn, zwanzig oder hundert Aktien zusammen nimmt, mithin eine oder mehrere Stimmen zur Haupthandlung erhält. Vor diese ist es der Mühe wert, einen besondern Korrespondenten darauf zu halten, und diese kann fordern, daß ihr die Directeurs von allen Vorfällen, Absichten und Unternehmungen ordentliche Nachricht geben sollen. So hielt es die Deutsche Hanse. Die Kaufleute einer Stadt machten Eins, mehrere Städte zusammen ein Quartier und alle Quartiere den Bund aus; und auf diese Weise konnte eine Korrespondenz bequem geführt, die Handlung wohl dirigiert und alles zeitig beachtet werden, anstatt daß tausend einzelne Aktionärs entweder die Direktion verwirren oder sich wie Schafe führen lassen müssen.

Die Übernehmung einer stimmbaren oder zusammengesetzten Aktie ist vor eine Stadt leicht, und wenn es auch unglücklich geht, der Schade so empfindlich nicht, wozu viele beitragen. Es ist aber auch nicht nötig, daß ebendie Kämmerei einer Stadt die große Aktie auf ihre Gefahr nehme. Sobald die Sache nur so eingerichtet wird, daß jeder Ort eine ganze und damit auch eine Stimme zur Direktion erhält, finden sich leicht so viel Teilnehmer, die zusammentreten und ihre Stimme durch einen gemeinschaftlichen Bevollmächtigten führen lassen. Sie sind alsdenn sicher, von allem, was unternommen wird, zeitige und gehörige Nachricht zu empfangen. Sie erhalten ihren Anteil an dem Einflusse; und es würde eine ganz neue Szene vor die deutsche Handlung sein, wenn die Konsuls aller niedersächsischen und westfälischen Städte zu Hamburg, Bremen oder Emden ihre eigne Versammlung hätten und das Handlungsinteresse jeder Landstadt in der Seestadt wahrnähmen.

Schreiben einer Dame an ihren Kapellan über den Gebrauch ihrer Zeit

Mein lieber Herr Kapellan! Ich muß Ihnen einmal einige Gewissensfragen tun. Sie sagen mir immer, ich müßte von jeder Stunde meines Lebens am Ende Rechenschaft geben; und die Stunde dieser Rechenschaft rücke mit jedem Augenblicke näher. Nun wollte ich gern beim Schlusse dieses Jahres, um nicht übereilt zu werden, einen kleinen Anfang mit der Rechnung machen. Ich finde aber dabei einige Schwierigkeiten, worüber ich mir Ihre Erläuterungen ausbitten muß.

Erstlich habe ich auf dem Lande gesehen, daß die Leute bei der schwersten Arbeit nur 5 und höchstens 6 Stunde schlafen. Ich aber bin des Abends um 11 Uhr zu Bette gegangen und des Morgens um 8 wieder aufgestanden, mithin vier Stunden länger im Bette geblieben. Sollte ich diese auch berechnen müssen, oder werden sie so mit durchlaufen?

Zweitens habe ich in meinen jungen Jahren wohl einige Stunden am Kaffee- und Nachttische zugebracht; jetzt aber, da ich eben keinen Trost mehr vor dem Spiegel finde und meine Dormeuse sehr geschwind aufsetze, bringe ich diese Zeit mit der größten Langeweile zu. Sollte ich dafür nicht billig eine Schadloshaltung fordern können?

Drittens habe ich oft Gott gedankt, daß ich drei Stunde am Tische verweilen könnte, weil mir sonst die Zeit bis zur Assemblee zu lang wurde. Diese Wohltat habe ich mit Dank genossen; und so wird man von mir doch nicht verlangen, daß ich dieserhalb noch lange Rechnung geben solle?

Viertens hoffe ich doch, eine Stunde zum Kaffeetrinken werde einem jeden Christenmenschen freigegeben sein?

Fünftens habe ich von 5 Uhr bis um 8 in diesem Jahre 730 Spiel Karten verbrauchen helfen und solchergestalt arme Fabrikanten unterstützt; könnte ich diese nützliche Anwendung meiner Zeit nicht doppelt anrechnen?

Sechstens habe ich von 8 Uhr bis um 11 zu Abend gegessen und mich einigermaßen zu den Verrichtungen des folgenden Tages vorbereitet; auch wohl, nachdem ich eben aufgeräumet war, ein hübsches Buch zu meiner Ermunterung in die Hand genommen; diese Stunden können also richtig berechnet werden. Wollten Sie mir aber wohl dieserhalb ein Zeugnis geben, womit ich bestehen könnte?

Sagen Sie mir nicht, daß ich die Zeit hätte nützlicher anwenden sollen. Denn dieses ist hiesigen Orts, wo man weder Opern noch Komedien, weder Redouten noch Akademie hält, schier unmöglich. Gesetzt also, ich hätte weniger Zeit im Bette und bei Tische zubringen wollen, was hätte ich in aller Welt anfangen sollen? Reiten habe ich nicht gelernt; die Jagd ist mir zu mühsam; des Spazierens werde ich bald müde; und durch jede Arbeit, die ich verrichtet hätte, würde ein armer Mensch sein Brod verloren haben. Mein gutes Einkommen überhebt mich auch der Arbeit, und je weniger ich selbst tue, je mehr gebe ich fleißigen Armen zu verdienen. Es würde ein sträflicher Geiz sein, wenn ich selbst die Küche versehen oder ein Kammermädgen weniger halten wollte.

Ich habe es einmal versucht und bin mit einem heroischen Vorsatze um 4 Uhr des Morgens aufgestanden; allein, so wahr ich ehrlich bin, ich mußte mich um 6 Uhr wieder niederlegen, bloß um mich von der Langenweile zu erholen.

Was für ein entsetzlicher Morgen war dieser! Es fror mich; ich gähnte; mein Kammermädgen grämelte; die Leute murreten; und die ganze Haushaltung geriet in Unordnung. Ich las ein Buch, ohne das Gelesene zu empfinden; ich war geschäftig, ohne was zu beschicken; dabei regnete es, sonst wäre ich wohl hingegangen, um ein bißgen im Holze bei den Nachtigallen zu schaudern. Kurz, den ganzen Tag über war mir nicht wohl; und da tat ich ein Gelübde, niemals ohne die höchste Not vor 8 Uhren aufzustehen.

Ebenso bin ich einmal des Nachmittags zu Hause und allein geblieben. Um 4 Uhr trank ich meinen Kaffee; um 5 Uhr Tee; um 6 Uhr ward ich etwas matt; ich ließ mir meine Tropfen und eine kleine Bouteille Kapwein geben. Ich nahm etwas davon und las; nahm wieder ein bißgen, und was meinen Sie? – Aus war die Bouteille, ehe es achte schlug. Bei Tische des Abends war ich nicht ein bißgen heiter, und alles, was ich mit Mühe herunterbringen konnte, war eine Tasse Schokolade, und nach Tische mußte ich mich gleich zu Bette legen. So übel lief dieser Versuch ab.

Was aber bei dem allen das Beste sein mag, mein Herr Kapellan, so preise ich die Leute glücklich, die alle Tage 16 Stunden mit nützlichen Arbeiten zubringen können; ich beneide sie sogar, wenn dieses etwas zu meinet Entschuldigung helfen kann. Ja, mich dünkt, daß Leute, die im Leben so glücklich sind, alle ihre Stunden nützlich hinbringen zu können, wenn es dermaleinst zur Rechnung kommen sollte, mindern Lohn verdient haben als ich, der es so sauer wird, nur eine Stunde ohne Schlaf, Spiel oder Essen zu nutzen. Ich spreche im Ernst; die Tage gehen mir so langsam und die Jahre so geschwind hin, daß ich ganz verwirret darüber bin. Oft schmäle ich noch mit meiner seligen Mutter im Grabe, daß Sie mich nicht mehrern Geschmack an der Haushaltung beigebracht und daß ich in den Jahren, wo die Begierde zu gefallen mich zu keiner ernsthaften Überlegung kommen ließ, mir nicht wenigstens eine kleine gute Faust, womit ich einen Topf vom Feuer nehmen könnte, erworben habe. Allein, da sagte meine liebe Mutter: »Kind, wer will dir die Hand küssen, wenn sie nach der Küche riecht?« Und um einen kleinen Fuß zu behalten, trippelte ich höchstens einmal auf einer grünen Terrasse herum. Jetzt in meinem Alter kann ich mir nicht einmal abgewöhnen, ohne Handschuh zu schlafen; wie wollte ich mich denn in andern Stücken ändern können?

Sie, Herr Kapellan, haben mir oft gesagt, daß Sie keine Stunde hinbringen könnten, ohne eine Prise Tabak zu nehmen. Ach, nehmen Sie jetzt auch eine und überlegen dabei einmal, wie ich meine Rechnung besser einrichten könne? Zeigen Sie mir einen Plan, der meinen Kräften und meiner Gewohnheit angemessen ist. Einen Plan, wobei ich nicht nötig habe, mein Bette früher zu verlassen, oder die Assemblee zu versäumen. Nehmen Sie mich als ein Geschöpfe an, das lahme Füße und Hände und dabei einen Kopf hat, der durch die Länge der Zeit nun einmal so verdorben ist, daß er zu einsamen ernsthaften Betrachtungen gar nicht mehr aufgelegt ist, dem Youngs Nachtgedanken sogleich die heftigste Kopfschmerzen verursachen und der diese Nacht gewiß nicht schlafen wird, da ich so lange geschrieben habe.

Ich bin in dessen Erwartung etc.

Vorschlag zu einer Korn-Handlungskompagnie auf der Weser

Es ist eine besondre Sache um uns arme Deutschen; ohne Hauptstadt sollen wir ein eignes Nationaltheater, ohne Nationalinteresse Patriotismus und ohne ein allgemeines Oberhaupt unsern eignen Ton in der Kunst erlangen; wir, die wir auf die Bühne höchstens einen Provinzialnarren bringen, zum allgemeinen Reichsbesten dann und wann eine gute Hausanstalt machen und in den Kunstwerken selten mehr als eine Art von Bocksbeutel kennen, wo wir nicht Muster in der Fremde suchen; und nun sollen wir auch sogar Handlungskompagnien ohne Nationalunterstützung errichten?Wir kommen nicht einmal zu einem rechten Nationalfluche oder Scheltworte: jede Provinz flucht und schimpft anders oder verbindet mit dem Fluche oder Worte andre Begriffe; anstatt daß ein Fluch aus Paris nicht allein in Frankreich, sondern auch sogar in Deutschland in seinem völligen Ton verständlich ist. Die Pariser Galgen, Zuchthäuser und Spitäler sind so bekannt wie der Fuchs in der Fabel. Jede Allegorie, jede Allusion, so auf Grubstreet, Tyburn, Bedlam in der Komedie gemacht wird, ist völlig verständlich und sinnlich. Der dadurch bezeichnete Begriff kömmt zu einer hinlänglichen Intuition; einer nenne mir aber einmal einen deutschen Galgen, der so bezeichnet werden könnte. Alles, was bei uns auf die Bühne kömmt, ist noch zur Zeit provinzial; und sowenig Wien als Berlin und Leipzig haben ihren Ton zum Nationalton erheben können.

Nun wohl! wird mancher sagen: so wollen wir die Musik den Italienern, die Komedie den Franzosen und den Patriotismus als eine Ware, die nirgends besser als in England bezahlt wird, den Engländern überlassen. Wir wollen nach Bremen reisen, um den dortigen Kaufleüten den Sand in ihre Schiffe schieben zu helfen, welchen sie für Ballast einladen; wir wollen uns von den Franzosen zu Nantes auf die Sandberge führen lassen, welche dort am Hafen von den Bremern wieder ausgeschoben und unter dem Titel: Les produits de l'Allemagne bekannt sind. Das wollen wir tun; unser Phlegma schickt sich zu allem, warum nicht auch hierzu?

Allein, der erste Anblick mag so ungünstig sein, wie er will: so ist es doch für einen ehrlichen Mann hart, dergleichen bittre Vorwürfe mit Gelassenheit anzuhören. Es ist hart, sich auch des Vergnügens begeben zu sollen, dann und wann ein glänzendes Projekt zu machen. Wir wollen also immerhin in unsern Forderungen gegen die deutsche Nation unerschrocken fortgehen und solchemnach auch eine Korn-Handlungskompagnie an der Weser, da dergleichen jetzt an der Elbe versucht wird, errichten; auf dem Papier, das versteht sich. Sollte sie auch nur ein bloßer Traum bleiben: so ist es doch angenehmer, gute als schreckliche Träume zu haben.

An der Oberweser hört man nicht selten klagen, daß das Korn keinen Preis halten wolle, und im vorigen Jahre galt das hiesige MalterDas hiesige Malter besteht aus 12 Scheffeln oder 11 neubraunschweigischen Himten, und der Berliner Scheffel verhält sich gegen den hiesigen wie 5 zu 9 oder wie 40 zu 72. Rocken oberhalb Paderborn nach der Diemel zu 4 Taler. Der dortige Landmann seufzete und verlor den Mut zu bauen; der Acker fiel daselbst im Preise; und die durch den letztern Krieg verödeten Gegenden reizten weiter keine Neubauer. Jedermann klagte dort; und wann gleich die unterhalb Paderborn liegenden Gegenden von ihrem Überflusse zum erstenmalWir ziehen unser Korn sonst von der Emse; und der Preis ist in den Gegenden, welche von der Emse am weitsten entfernt sind, sonst immer am höchsten gewesen; bis auf voriges Jahr, wo aus dem Paderbornschen vieles Korn herübergekommen. einiges Korn auf der Achse in unsre Heidländer brachten: so machte doch solches keine merkliche Veränderung des Preises in den Gegenden an der Diemel.

Warum, hieß es damals, schicken diese Gegenden ihr überflüssiges Korn nicht nach Bremen, wohin so vieles aus Polen und Liefland eingeführt wird und der Preis doch noch immer so hoch bleibt, als es billiger Weise zu erwarten steht? Haben sie nicht die Weser bei Beverungen und andern Orten in der Nähe? Fehlt es ihnen an Fuhrwerk oder an Einsicht? Oder sind sonst Schwierigkeiten vorhanden, welche sich diesem natürlichen Abflusse widersetzen?

Dies war nun gut genug gefragt; aber es brauchte keiner andern Antwort als: Die Bremer kaufen kein Korn. Und so war alle Aussicht von dieser Seite verloren. Man fragte nun nicht weiter, sondern erwartete in ruhiger Verzweiflung, ob die Zeit Käufer oder Würmer zu dem überflüssigen Segen bringen würde? Hätte man sich aber nach der Ursache, warum die Bremer kein Korn kaufen, erkundiget: so würde man näher zur Sache gekommen sein.

In allen Seestädten von England und Frankreich, woraus das mehrste Korn verführet wird, steckt kein Handelsmann sein Geld in Korn, sondern denkt: »Die guten Hausväter auf dem platten Lande müssen ihr Korn wohl zur Stadt schicken, wenn sie es los sein wollen; sie können unsre Boden heuren und die Proben von ihrem Korn dem Mäkeler geben. Erhalten wir denn einmal Ordre aus der Fremde, Korn zu versenden, und mit der Ordre die bare Remesse: nun, so schicken wir zu den Mäkelern, vernehmen ihre Preise und lassen diese, wenn wir einig werden, für die Einladung sorgen. Von dieser Handlung haben wir kein Risiko; wir ziehen unsre Bodenheuer, unsre Provision und was wir auf dem Wechsel verdienen. Was am Korn verdorben und was davon verloren oder gewonnen wird, das ist für den guten Hausvater.«

So sprechen alle Kaufleute in den Seestädten; und so sprechen auch die Bremer; mithin bleibt allen Kornländern und überhaupt allen gesegneten Gegenden, welchen ihre Produkte leicht zur Last bleiben, kein ander Mittel übrig, als Boden in den Seestädten zu heuren, dort ihr Korn für eigne Rechnung aufzuschütten, die Proben davon auf der Börse zu zeigen und zu erwarten, bis der Kommissionär in der Seestadt Ordre erhält, Korn einschiffen zu lassen, oder aber ein ander Kaufmann sein Geld oder sein Schiff nicht zu nutzen weiß und es auf Spekulation verschickt.

Ist also nur die Hauptfrage entschieden: ob von einem Seeorte Korn ausgeführet wird – und dies kann man von Bremen behaupten, weil das liefländische und polnische Korn, was dort jährlich aufgeschüttet wird, noch niemals dort verfaulet ist: so kommt es lediglich noch darauf an, ob die Länder, welche ihr Korn dahin verschicken wollen, den Markt gegen das Schiffkorn halten können; und hiernächst, ob sie für eigne Rechnung Niederlagen von Korn daselbst anlegen wollen? Das erste, nämlich daß die Gegenden an der Oberweser, besonders wenn der Ackerbau daselbst durch den vermehrten Absatz in die Höhe steigt, den Markt gegen das Schiffkorn halten können, ist nach demjenigen, was bereits angeführet worden, glaublich; das andre aber erfordert eine Kompagnie oder einen großen Beutel. Denn wenn einzelne Landleute, einzelne Pächter ihren Vorrat dahin abschicken wollten: so würden sie jeder einen besondern Boden heuren, besondre Leute zur Aufsicht und zum Umschlagen halten, unterschiedene Mäkeler brauchen und entweder aus Verlegenheit unter Preise verkaufen oder sich untereinander den Handel verderben und hernach einzeln zugrunde gehen; anstatt daß, wenn eine Kompagnie oder eine mächtige Hand die Niederlage in Bremen hält, alle diese Schwierigkeiten wegfallen; überdem aber noch verschiedene Punkte mit der Obrigkeit wegen beeideter Messer, Probierer, Handelsrichter und dergleichen reguliert werden können, welche einzelne Leute selten suchen und erlangen, gleichwohl aber zu Vermeidung aller Streitigkeiten mit den Kommissionärs und zu Erhaltung Treu und Glaubens unumgänglich erfordert werden, auch überall in den Seestädten, wo Korn ausgeführet wird, in Gebrauch sind.

Es ist aber auch nicht durchaus nötig, daß der ganze Vorrat der Kompagnie in Bremen aufgeschüttet werde. Wenn sie mächtig genug ist: so wird sie an allen Stapelorten an der Weser ihre Niederlagen errichten und daraus immer, sowie ihr Hauptmagazin in Bremen ausgeleeret wird, solches wieder anfüllen können. Durch diese Vorsorge bleibt der Vorrat in den Stapelorten gewissermaßen auch zugleich ein eignes Landesmagazin, dessen man sich in Zeit der Not selbst bedient. Man überhäuft den Seeort nicht zu sehr und setzt sich nicht in Gefahr, das Opfer laurender Spekulatorn zu werden. Die Bodenheuer und das Handlohn muß in den Stapelorten wohlfeiler sein als in dem Seeorte; und wenn es allmählich nach letzterm abgeht: so kann es gelegentlich und als Rückfracht auch zur bequemsten Jahrszeit, und wenn die Schiffer sonst nicht zu laden haben, fortgeschaffet werden. Aller dieser Vorteile kann eine Kompagnie sich bedienen, nie aber ein einzelner Pächter, wofern er nicht mehr im Vermögen hat, als er in jenen Gegenden zu haben pflegt. Eine Kompagnie kann auch ehender die Korrespondenz mit benachbarten wegen der Zölle, des Stapelrechts und andern Dingen ausführen, darüber einen Generalakkord schließen und sich zu gewissen Bedingungen einlassen, welche ein einzelner Mann nicht leicht, jene aber, da sie den beiderseitigen Vorteil davon zeigen kann, mehrenteils leicht zu erhalten imstande ist.

Um nun auch hievon eine Anwendung auf unser Stift zu machen: so werden wir, wenn von der Weser das Korn außerhalb Reichs verfahren wird, nicht zu besorgen haben, daß die Menge von Kornwagen, welche aus den Gegenden von der Weser kommen, uns unsre lieben gewohnten teuren Preise verderben; besonders wann auf dem nächsten Reichstage durch Gottes sonderbare Fügung eine Prämie auf die Ausfuhr gesetzet würde, welche die Böhmen mit Vergnügen allein bezahlen würden, sobald der Abzug aus der Elbe und Weser die ober- und niedersächsischen Gegenden von ihrem Überfluß entladen und somit die jetzigen Sperrungen gegen das fruchtbare Böhmen unnötig machen könnten. Aber so muß der Überfluß in der Mitte von Deutschland unverkauft liegen, währender Zeit Hamburg und Bremen den Polen und Russen dienen. Sollte das Heil. Röm. Reich nicht wenigstens zu gewissen Zeiten die Einfuhr verbieten und sich über die Ausfuhr verstehen?

Der hohe Stil der Kunst unter den Deutschen

Die Zeiten des Faustrechts in Deutschland scheinen mir allemal diejenigen gewesen zu sein, worin unsre Nation das größte Gefühl der Ehre, die mehrste körperliche Tugend und eine eigne Nationalgröße gezeiget hat. Die feigen Geschichtschreiber hinter den Klostermauren und die bequemen Gelehrten in Schlafmützen mögen sie noch so sehr verachten und verschreien: so muß doch jeder Kenner das Faustrecht des 12ten und 13ten Jahrhunderts als ein Kunstwerk des höchsten Stils bewundern; und unsre Nation, die anfangs keine Städte duldete und hernach das bürgerliche Leben mit eben dem Auge ansähe, womit wir jetzt ein flämisches Stilleleben betrachten; die folglich auch keine große Werke der bildenden Künste hervorbringen konnte und solche vielleicht von ihrer Höhe als kleine Fertigkeiten der Handwerker bewunderte, sollte billig diese große Periode studieren und das Genie und den Geist kennenlernen, welcher nicht in Stein und Marmor, sondern am Menschen selbst arbeitete und sowohl seine Empfindungen als seine Stärke auf eine Art veredelte, wovon wir uns jetzt kaum Begriffe machen können. Die einzelnen Raubereien, welche zufälliger Weise dabei unterliefen, sind nichts in Vergleichung der Verwüstungen, so unsre heutigen Kriege anrichten. Die Sorgfalt, womit jene von den Schriftstellern bemerkt sind, zeugt von ihrer Seltenheit; und die gewöhnliche Beschuldigung, daß in den Zeiten des Faustrechts alle andre Rechte verletzt und verdunkelt worden, ist sicher falsch, wenigstens noch zur Zeit unerwiesen und eine Ausflucht einander nachschreibender Gelehrten, welche die Privatrechte der damaligen Zeit nicht aufspüren wollen. Es werden jetzt in einem Feldzuge mehrere Menschen unglücklich gemacht als damals in einem ganzen Jahrhundert. Die Menge der Übel macht, daß der heutige Geschichtschreiber ihrer nicht einmal gedenkt; und das Kriegsrecht der jetzigen Zeit bestehet in dem Willen des Stärksten. Unsre ganze Kriegesverfassung läßt keiner persönlichen Tapferkeit Raum; es sind geschleuderte Massen ohne Seele, welche das Schicksal der Völker entscheiden; und der ungeschickteste Mensch, welcher nur seine Stelle wohl ausfüllt, hat ebenden Anteil am Siege, welchen der edelste Mut daran haben kann. Eine einförmige Übung und ein einziger allgemeiner Charakter bezeichnet das Heer; und Homer selbst würde nicht imstande sein, drei Personen daraus in ihrem eignen Charakter handeln oder streiten zu lassen.

Eine solche Verfassung muß notwendig alle individuelle Mannigfaltigkeit und Vollkommenheit, welche doch einzig und allein eine Nation groß machen kann, unterdrücken. Sie muß, wie sie auch würklich tut, wenig jugendliche Übung erfordern, nicht den geringsten Wetteifer reizen und die Fußmaße zur Berechnung der Talente gebrauchen. Aber auf diesem Wege kann unsre Nation nie zu der Größe gelangen, welche die Natur für sie allein zu bestimmen schien, als sie den allmählich ausartenden Bürgern der griechischen und römischen Städte den Meißel und Pinsel in die Hand gab.

Ich will jetzt der Turniere nicht gedenken, welche als notwendige Übungen mit dem ehmaligen Faustrechte verknüpft waren, ohnerachtet ihre Einrichtung den Geist von mehr als einem Lykurg zeigt und alles dasjenige weit hinter sich zurückläßt, was die Spartaner zur Bildung ihrer Jugend und ihrer Krieger eingeführet hatten; ich will die Vorteile nicht ausführen, welche eine wahre Tapferkeit, ein beständiger Wetteifer und ein hohes Gefühl der Ehre, das wir jetzt zu unser Schande abenteuerlich finden, nachdem wir uns auch selbst in unser Einbildung nicht mehr zu den ritterlichen Sitten der alten Zeiten hinaufschwingen können, auf eine ganze Nation verbreiten mußten. Ich will nichts davon erwähnen, wie gemein die großen Taten sein mußten, da die Dichter das Reich der Ungeheuer und Drachen als die unterste Stufe betrachteten, worauf sie ihren idealischen Helden Proben ihres Muts ablegen ließen. Nein, meine Absicht ist bloß, die Vollkommenheit des Faustrechts als eines ehemaligen Kriegesrechts zu zeigen, und wie wenig wir Ursache haben, dasselbe als das Werk barbarischer Völker zu betrachten.

Rousseau mag noch so sehr getadelt werden: so bleibt die Stärke und die Wissenschaft, solche zu gebrauchen, doch allemal ein wesentlicher Vorzug. Unsre neuern Gesetzgeber mögen dem Menschen Hände und Füße binden; sie mögen ihm Schwert und Rad vormalen; er wird seine Kraft allemal gegen seinen Feind versuchen, sooft er beleidigt wird. Unsre Vorfahren wagten es nicht, dieses angeborne Recht zu unterdrücken. Sie gönneten ihm seinen Lauf; aber sie lenkten es durch Gesetze. Und das Faustrecht war das Recht des Privatkrieges unter der Aufsicht der Land-Friedensrichter.

Die Landfrieden, welche in Polen Conföderations heißen, waren eine Vereinigung mehrer Mächte, um die Gesetze des Privatkrieges in Ansehen und Ausübung zu erhalten. Der Pflug war geheiligt; der Landmann in seinen Zäunen, wenn er keinen Angriff daraus tat, und der Fuhrmann auf der Heerstraße, er mogte geladen haben, was er wollte, waren gegen alle Gewalt gesichert. Die kriegenden Teile durften im höchsten Notfalle nicht mehr Fourage vom Felde nehmen, als sie mit der Lanze von der Heerstraße erreichen konnten. Renten und Gülten wurden durch den Krieg nicht aufgehoben. Keiner durfte seine Bauern bewaffnen und als Helfer gebrauchen; keiner durfte an gefriedigten Tagen Waffen führen. Die Parteien mußten einander die Widersage oder die Befehdung eine genügsame Zeit vorher verkündigen und, wenn sie solches getan hatten, so ordentlich und ruhig die Heerstraße ziehen als andre Reisende, wofern sie sich nicht den ganzen Landfrieden und dessen Handhaber auf den Hals ziehen wollten. Da sie solchergestalt nicht oft mit großen Lägern zu Felde zogen, so brauchten sie die Fluren nicht zu verderben, die Wälder nicht auszuhauen, die Länder nicht auszuhungern; und wenn es zum Treffen kam; so entschied persönliche Stärke, Mut und Geschicklichkeit.

Der Landfriedensoberste, welcher in Polen der Conföderationsmarschall heißt, ward von den Verbündeten erwählt und vom Kaiser, ehe diese Conföderations zu mächtig wurden, bestätigt. Dessen Amt und Gerichte, für welchem die kriegenden Teile ihre Befehdungen gegeneinander zum Protokoll nehmen ließen, war denjenigen, welche gegen die Kriegesgesetze behandelt wurden, ein sicherer Schutz.

Solchergestalt kann man behaupten, daß das ehmalige Faustrecht weit systematischer und vernünftiger gewesen als unser heutiges Völkerrecht, welches ein müßiger Mann entwirft, der Soldat nicht liest und der Stärkste verlacht. Die mehrsten heutigen Kriegesursachen sind Beleidigungen, welche insgemein eine einzige Person treffen; oder Forderungen, so eine einzelne Person zu machen berechtiget ist und woran Millionen Menschen teilnehmen müssen, die, wenn es auch noch so glücklich geht, nicht den geringsten Vorteil davon haben. In einem solchen Falle hätten unsere Vorfahren beide Teile eine scharfe Lanze gegeneinander brechen lassen und dann demjenigen recht gegeben, welchem Gott den Sieg verliehen hatte. Nach ihrer Meinung war der Krieg ein Gottesurteil oder die höchste Entscheidung zwischen Parteien, welche sich keinem Richter unterwerfen wollten, Urlog war die Entscheidung der Waffen wie Urteil die Entscheidung des Richters. Und es dünkte ihnen weit vernünftiger, billiger und christlicher zu sein, daß einzelne Ritter ein Gottesurteil mit dem Schwerte oder mit dem Speere suchten, als daß hunderttausend Menschen von ihrem Schöpfer bitten, daß er sein Urteil für denjenigen geben solle, welcher dem andern Teile die mehrsten erschlagen hat.

Nun läßt sich zwar freilich das alte Recht nicht wieder einführen, weil keine Macht dazu imstande ist. Es darf uns aber dieses nicht abhalten, die Zeiten glücklich zu preisen, wo das Faustrecht ordentlich verfasset war; wo die Landfrieden oder Conföderations solches aufs genaueste handhabeten und in einem Krieg nicht mehrere verwickelt werden konnten, als daran freiwillig teilnehmen wollten; wo die Nation einem solchen Privatkriege ruhig zusehen und dem Sieger Kränze winden konnte, ohne Plünderungen und Gewalttaten zu besorgen.

Unsre Vorfahren glaubten, jedem Menschen komme das Recht des Krieges zu; und auch noch jetzt können wir nicht anders sagen, als daß es einem jeden Menschen freistehe, sich von dem richterlichen Urteil auf seine Faust zu berufen. Er hängt oder wird gehangen, nachdem er oder der Richter der Stärkste ist. Wir haben aber dadurch, daß immer der stärkere Teil auf der Seite des Richters ist, die Ausübung dieses Rechts beinahe unmöglich gemacht. Anstatt daß unsre Vorfahren, wie sie zuerst Conföderations errichteten, dessen Ausübung begünstigten und sich in vielen Reichsländern nur dahin erkläreten:

Daß sie die Entscheidung ihres erwählten Richters zwei Monat erwarten und, wenn diese Entscheidung nicht erfolgte, sich ihres Degens bedienen wollten.

So lauten alle Vereinigungsformeln der sächsischen Staaten; nur kam es doch zuletzt selten mehr zum Ausbruch, indem der Herzog, Bischof oder Graf, sobald die zwei Monate um waren, einen andern Termin von zween Monaten zu neuen Unterhandlungen ansetzte und damit den Rechtshandel zum Nachteil des Fausthandels verewigte.

Kurze Geschichte der Bauerhöfe

Da unlängst die Frage aufgeworfen ist: Ob es nicht gut sein würde, die ungewissen Eigentumsgefälle auf ein gewisses Jahrgeld zu setzen? so wird es zu einiger Vorbereitung sowie zur bessern Bestimmung verschiedener Begriffe dienen, wenn wir die Natur der Bauerhöfe und ihrer Pflichten etwas genauer untersuchen und in ihr wahres Licht setzen. Es wird solches aber nicht besser als durch folgende kurze Geschichte geschehen können.

In Ostfriesland, nicht weit von der Jade, wo man die Türme versunkener Städte noch in der Tiefe des Meers erblickt, lagen vor undenklichen Jahren tausend Baue oder Höfe, welche, ehe und bevor die See einbrach und das Meer die Küsten bestürmte, tausend unabhängigen Eigentümern zugehöreten, die davon keinem sterblichen Menschen den geringsten Zins entrichteten. Wie aber die See einbrach und fast alle ihre Nachbaren in den Abgrund spülte, sahen sie sich gezwungen, einen Deich oder Damm gegen das Meer anzulegen und ein GesetzEs ist unbegreiflich, wie verschiedene die Richtigkeit der Theorie, daß freie Eigentümer bei ihrer Verbindung einen gewissen Teil ihrer Freiheit und ihres Eigentums aufopfern, in Zweifel ziehen können. Eine ausdrückliche Verbindung ist darüber wohl nie gemacht: sie fließt aber allemal aus der Natur der Sache und gibt den sichersten Grundsatz. zu machen:

Daß ein jeder von ihnen täglich mit der Spade in der Hand auf dem Deiche erscheinen oder aber, wenn er nicht mehr könnte, sein Eigentum verlassen und seinen Hof einem andern übergeben sollte.

Dies war eine Pflicht, welche ihnen die Not auflegte; und die sonderbare, aber unvermeidliche Folge davon war, daß sofort das Meer Guts- und Lehnsherr aller Höfe und ein jeder Eigentümer in einen bloßen Bauer (cultorem) verwandelt wurde.

Denn von nun an durfte

1. Keiner von ihnen sein Gut mit Schulden beschweren, versäumen oder versplittem, weil sonst die gemeine Notdurft nicht mehr davon erfolgen konnte. Man zwang sogar den gewesenen Eigentümer, sein Spann- und Fuhrwerk in guter Ordnung zu erhalten, damit er jederzeit imstande wäre, Erde zum Deiche zu fahren. Ja, weil viele Eichenpfähle erfordert wurden: so wurde ihm vom Meere als Gutsherrn verboten, Eichenholz nach Belieben zu hauen.

2. Zeigte ihnen die Erfahrung, daß, wann sie ihre Knechte an den Deich schickten, die Arbeit schlecht vonstatten ginge und nichts dauerhaft gemacht würde. Sie mußten also persönlich arbeiten und aus dem Spadendienst einen Ehrendienst machen, worauf niemand weiter einen Knecht zum gemeinen Werke schicken durfte.

3. Sahen sie sich genötigt, das Primogeniturrecht einzuführen, damit, wenn einer von ihnen verstürbe, der Dienst am Deiche nicht auf die Großjährigkeit des jüngsten Sohns ausgestellet bliebe.

4. Fanden sie es unumgänglich nötig, dem nächsten männlichen Agnaten die Vormundschaft und die ganze Nutzung des Hofes währender Minderjährigkeit oder auf Mahljahre zu überlasseh, damit man gleich wisse, wer mit der Spade am Deiche erscheinen müsse, und dieser sich aus Mangel von Spaden, Spannung und Belohnung zu keiner Zeit entschuldigen könnte.

5. Ward es einem jeden notwendig untersagt, seinen Hof aus der gemeinen Reihe zu bringen, ihn an einen schlechten Menschen, der nicht zum Ehrendienste mit der Spade kommen konnte, oder an einen Knecht und Heuersmann, der bei einbrechender Gefahr weniger als andre zu wagen oder zu verteidigen hatte, zu überlassen oder durch ein Testament die gesetzmäßige Primogenitur und Vormundschaft zu verändern.

6. Mußten sie unter sich einen Deichgrafen und zehn Deichvögte erwählen, welche die ihnen von dem Meere auferlegte Gesetze handhabeten, die Bestellungen verrichteten, die Ausgebliebene bestrafeten, die Unvermögende oder Widerspenstigen vom Hofe setzten und überhaupt die Stelle einer Obrigkeit vertraten.

7. Starb einer von ihnen ohne Erben: so fiel sein Hof dem Deichgrafen zur Wiederbesetzung anheim, damit sich kein ungeehrter und unsicherer Mann eindringen konnte. Und sooft ein neuer Besitzer kam, mußte derselbe sich bei diesem melden, sich von ihm beschauen lassen, ob er den Spaden führen könne, und bei dieser Gelegenheit, da er in die Deichrolle aufgenommen wurde, dem Deichgrafen eine Erkenntlichkeit entrichten.

8. Kam derselbe auch, sooft einer verstarb, und besichtigte Spaden und Spannung, oder was sonst zum Deichgeräte gehörte; besorgte, daß es dem künftigen Besitzer des Hofes richtig überliefert und der Hof bis zur Annahme des Vormundes oder des Erben wohl verwahret wurde, wofür ihm denn das beste Stück aus der Erbschaft zur Belohnung gebührte. Den abgehenden Kindern durfte ohne seine Bewilligung nichts ausgelobet werden, damit die Höfe nicht durch gar zu große Versprechungen außer dienstfertigen Stand geraten mögten.

9. Endlich durfte keiner abwesend sein oder sich in fremde Dienste begeben, weil er sonst nicht täglich mit der Spade am Deiche fertig werden konnte.

Unter dieser glücklichen und notwendigen Einrichtung wurden endlich in hundert Jahren sämtliche Deiche fertig. Indessen blieb die ganze Verfassung, weil man dem Meere nicht trauen konnte, bestehen. Man diente aber nicht täglich mit der Spade, sondern versammlete sich jährlich etliche Mal, um sich in der Deicharbeit zu üben. Den Deichgrafen und Vögten war ein Gewisses von jedem Hofe an Korn und Haber zugelegt. Dieses blieb ihnen; imgleichen die Gerichtsbarkeit und was ihnen von jedem neuen Besitzer oder aus dem Sterbehause zugebilliget war.

Das Meer war über hundert Jahr stille. Dadurch wurden die Höfener sicher und verlernten die Deicharbeit. Plötzlich aber zeigte sich eine neue Gefahr; und der Deichgraf ward gezwungen, ausgelernte Deichgräber kommen zu lassen, solchen von jedem Hofe zur Belohnung gewisse Kornpächte anzuweisen und die Höfe denselben gleichsam zu Afterlehnen zu übergeben, deren Besitzer nunmehr bloß den Acker zu bestellen, die Fuhren zu verrichten und ihre Vorarbeiter, welche Dienstleute genannt wurden, zu ernähren hatten.

Es währete aber nicht lange: so riß das Meer von neuen ein; und weil immittelst eine neue Art zu deichen aufgekommen war, welcher die vorigen Dienstleute nicht gewachsen waren, und zugleich das Geld, so bisher unbekannt gewesen, bis zu ihnen gedrungen war, so fand man mehrere Bequemlichkeit darin, zur beständigen Deicharbeit eigne Söldner anzunehmen und einen Geldbeitrag von den Höfen zu fordern; ohne jedoch imstande zu sein, die vorhin angenommene Lehnarbeiter, welche sich einige hundert Jahre wohl verhalten hatten und bereit waren, so viel zu tun, als ihre Kräfte vermogten, abzuschaffen.

Nunmehro ging es mit den Höfen über und über. Einige rissen sich a) aus der gemeinen Reihe los; andre wurden b) von den Deichgrafen und Vögten mit allerhand Arten von Knechten und unter allerhand beschwerlichen Bedingungen besetzt; die Amtsgefälle wurden c) verkauft und zerstreut. Was den Dienstleuten an Kornpächten zugestanden war, hatte gleiches Schicksal; und der neue Oberdeichgrafe, der das Geld für die besoldeten Deichgräber zu erheben hatte, bekümmerte sich gar nicht mehr um den Besitzer des Hofes, wenn ihm nur der darauf gelegte Sold zu rechter Zeit bezahlet wurde.

Wenn man für jene Anwohner des Meers unsre schatzbaren Untertanen, welche Voll- und halbe oder viertel Erbe besitzen, für das Meer den Krieg oder die gemeine Not, für den Deichgrafen den karolingischen Grafen und für die Deichvögte die Reichsvögte setzet: so hat man die Geschichte unser Bauerhöfe und mit derselben zugleich die Art und Weise, wie freie Eigentümer ganz natürlicher Weise zu leibeignen und hofhörigen Pächtern heruntersinken können. Man kann diesem noch hinzutun, daß unter dem Amtsschütz sich gar kein vollkommenes Eigentum erhalten könne; indem das Amt oder diejenige Obrigkeit, welche die Direktion der gemeinen Angelegenheiten hat, eine gewisse Aufopferung des Eigentums notwenig machen und schlechterdings fordern kann, daß die unter ihm stehende Erbe mit keinen Schulden und Pflichten beschweret, mit keinen AuslobungenIn den benachbarten Ländern trägt das Amt eben diese Vorsorge für freie schatzbare Höfe, welche ein Gutsherr für seine Höfe trägt. In den desfalls erlassenen Verordnungen hat man aber den Gründsatz angenommen, daß die Höfe, welche ein Mann, der keinen Gutsherrn hat, besitzt, die Natur der gutsherrlichen behalten hätten. Dieser Grundsatz ist aber unnötig und führt leicht zu einem irrigen Nebenbegriffe. erschöpfet, nicht versplittert, nicht verhauen und nicht verwüstet, auch nicht unbesetzt gelassen werden sollen, weil das Unvermögen des einen zur Zeit der Not den übrigen beschwerlich wird und, was der eine nicht leisten kann, den andern notwendig zuwächst.

Ja, man kann behaupten, daß unter dem Amte aller Unterscheid zwischen Leibeignen und Freien mit der Zeit verdunkelt werden müsse. Insgemein schließt man jetzt, daß alle und jede, welche ihre Kinder am Amte ausloben lassen, Bewilligungen über ihre Schulden nehmen, wenn sie einen Baum hauen wollen, die Erlaubnis dazu nachsuchen und bei der Einfahrt und Ausfahrt gewisse Urkunden entrichten müssen, durchaus als Leibeigne anzusehen sind. Allein, jene Anwohner des Meers, welche nie einem sterblichen Menschen pflichtig gewesen waren, mußten sich ebendiesen Gesetzen unterwerfen, und wir denken es nur nicht so deutlich, als wir es fühlen, daß das Eigentum seinen Anfang mit der Exemtion vom Amte nehmeDie Römer erforderten nicht umsonst zu dem wahren dominio, daß der Eigentümer civis Romanus sein müsse. und nur derjenige ein wahrer Eigentümer sei, der ein exemtes oder adeliches Gut besitzet. Es ist auch ganz natürlich, daß, sobald ein Gut nicht zur Besserung des Deiches kömmt, keinen Spaden schickt und keine Pfähle liefert, dessen Verwüstung, Versplitterung und Beschwerung zu einer für den Staat ganz gleichgültigen Sache werde, folglich auch dessen Besitzer von seinem ursprünglichen Eigentum nichts aufgeopfert habe. Noch mehr; die Anstalten, welche ein Edelmann zur Erhaltung seiner Güter und Familie trifft, beweisen jene Wahrheit; nämlich den notwendigen Verlust des Eigentums unter jeder Amtsverfassung. Um seinen Stamm und seine Güter zu erhalten, um ihre Verwüstung, Versplitterung und Beschwerung zu verhindern, hat er zuerst angefangen, Testamente zu machen, deren diejenigen, wofür das Amt sorgte, gar nicht nötig hatten. Er hat Stammgüter erfunden, Fideikommisse, Majorate oder Minorate verordnet, die Brautschätze seiner Töchter bestimmt, Vormünder angesetzt u. dergl. m. und solchergestalt seinen Nachkommen das Eigentum und die Freiheit entzogen, welche das Amt seinen Untersassen entzogen hat. Der Unterschied zwischen beiden ist, daß dieses durch ein allgemeines, jenes durch ein besonders Familiengesetz geschiehet; daß dieses von den versammleten Eigentümern auf ewig bewilliget, jenes von einem einzelnen Mann für seine Nachkommen am Gute gesetzet wurde; daß der Staat dieses notwendig erfordert, jenes aber der freien Willkür des Stifters überläßt. Die aus beiden Anstalten fließende Wahrheit ist aber diese, daß der Mann, der durch ein öffentliches Gesetz das Recht verloren hat, sein Gut zu versplittern, zu verschulden, zu verhauen oder mit Auslobungen zu erschöpfen, der dieserhalb die Bewilligung vom Amte nachsuchen und für die Beschauung seines Deich- oder Heergerätes das beste Pfand liefern und, wenn er sein Erbe beziehen will, sich als tüchtig darstellen und die Einweisung erwarten, auch eine billige Gebühr dafür entrichten muß, noch nicht sogleich für einen leibeignen Knecht gehalten werden könne.

Aber hier im Stifte, wird man sagen, schadet das Amt dem Eigentume nichts. Der Inhaber eines Erbes, Halberbes oder Kottens, der sich freigekauft hat, verschuldet sein Erbe nach Gefallen, verhauet und verwüstet es, wie er will. – Allein, dies ist ein Fehler unser Verfassung, der sich erst seit zweihundert Jahren eingeschlichen hat. Er findet sich in andern Ländern nicht; und in diesen Ländern sind die größten Rechtsgelehrten noch über die Kennzeichen uneinig, woran der amtssässige Freie von dem Leibeignen zu unterscheiden sei; weil dem einen wie dem andern alle Auslobung, Beschwerung, Verhauung und Versplitterung verboten, beide die Einfahrt dingen und beide den Sterbfall von der Landesobrigkeit lösen müssen; eben wie der Pastor bei seiner Einfahrt auf die Wehdum die Jura investiturae bezahlen und seine Exuvien lösen muß. Dies hat das hiesige Amt ebenfalls von allen amtssässigen Untertanen, welche keinen Gutsherrn haben, fordern können, ehe die Zeit es verdunkelt hat. Indessen sieht man noch an den sogenannten Freien eine Spur davon. Wer kann diese von den Leibeignen unterscheiden? Wie viele Verordnungen, wie viele Zeugnisse sind nicht vorhanden, welche allen Unterscheid unter ihnen aufheben? und wie viele Mühe hat man nicht oft, einen Notfreien von einem Wahlfreien zu unterscheiden? Das einzige Kennzeichen der erstem ist der Gewinn (laudemium), wofür letztere nur Einschreibegebühren bezahlen. Wie aber, wenn eine Zeit gewesen wäre, worin man sowohl den Gewinn als die Einschreibungsgebühren mit dem Namen von Ein- oder Auffahrtsgeldern belegt hätte? Würden sodann nicht schon beide verwechselt und der Unterschied gar nicht mehr anzugeben sein?

Jedoch es lassen sich diese Dinge nicht hinlänglich einsehen, ohne von der alten Hörigkeit der Personen zu handeln. Das Land, worauf wir wohnen, gehört dem Staate. Aber der Staat kann auch ein Recht auf die Personen haben. Auch diese können angehörig werden; die Deichanwohner konnten durch die Größe der Not und den Mangel der Hände gezwungen werden, ein Gesetz zu machen, daß alle ihre Kinder dem Meere eigen bleiben sollten. Sie konnten verordnen, daß keines davon seinen Abschied (Freibrief) haben sollte, ohne einen andern in seine Stelle zu schaffen.Dies ist der Wechsel und Widerwechsel, wovon in Frankreich noch die Rubrik der Königl. Einkünfte: Les Droits des change et de contre-change herrührt. Jedes Kind ist ein Schuldner des Staats, der zur Rettung seines väterlichen Erbes von der Überschwemmung den Vorschuß gemeinschaftlicher Kräfte getan hat ... Doch hievon ein andermal.

Ein Projekt, das nicht ausgeführet werden wird

Da wir bald eine neue Charte von hiesigem Hochstifte erhalten werden: so wäre zu wünschen, daß auch eine dergleichen, worauf nach gehöriger Vergrößerung überall die Beschaffenheit des Bodens angezeigt wäre, verfertiget würde; es könnte solches bloß durch Farben geschehen und zugleich in den Farben wiederum der Unterscheid angebracht werden, daß z. E. der beste Weidegrund durch Dunkelgrün, der mittlere durch etwas hellers und der schlechteste durch noch hellers angezeigt würde. In der Einfassung, wodurch jede Art dieses Grünen von den andern abzusondern, würde durch eine Schattierung von Rot, Gelb, Blau oder Schwarz angezeigt, ob Mergel-, Sand- oder Moorgrund darunter anzutreffen wäre; und die Vermischung, Verhöhung oder Vertiefung dieser Schattierung würde auch zu gebrauchen sein, die Art des Mergels, Sandes- oder Moorgrundes anzuzeigen. Auf gleiche Art verführe man mit den Heiden, die etwan mit einer hell- oder dunkelbraunen Farbe angezeigt und durch die Schattierung nach ihrer Erdart unterschieden würden ... Man könnte auch auf jedem Fleck durch Nummern die Tiefe einer jeden Lage oder deren Abstand von einer gewissen angenommenen Linie, wie auf den Seekarten, bemerken ... Außer dieser Charte müßten wir noch eine andre haben, worauf die ganze Fläche, so wie sie sich 6, 7 oder 8 Schuh tief unter der Erden befände, verzeichnet würde; so daß, wann man die erstere Charte auf die andre legte, man sogleich sehen könnte, wie es in vorgedachter Tiefe beschaffen wäre. Man würde solches durch Erdbohrer bald untersuchen und geometrisch auftragen können. Aus der Vergleichung dieser beiden Charten würden sich vermutlich viele gute Schlüsse ziehen lassen, besonders wenn die Veränderungen auf der Oberfläche mit sichern Veränderungen auf der Unterfläche übereinkämen. Diese Schlüsse würden uns in der Urbarmachung leiten und manches, was wir in der Ferne suchen, in der Nähe finden lassen. Man könnte auch solche Charten verschicken und das Urteil der Forst- und Bergwerksverständigen darüber einholen, besonders wann noch eine kurze Beschreibung der wilden Gewächse dabeigefüget würde. Der jetzige Hang zu allgemeinen Gesetzen und Verordnungen ist der gemeinen Freiheit gefährlich

Die Herrn beim Generaldepartement mögten gern alles, wie es scheinet, auf einfache Grundsätze zurückgeführet sehen. Wenn es nach ihrem Wunsche ginge, so sollte der Staat sich nach einer akademischen Theorie regieren lassen und jeder Departementsrat imstande sein, nach einem allgemeinen Plan den Lokalbeamten ihre Ausrichtungen vorschreiben zu können. Sie wollten wohl alles mit gedruckten Verordnungen fassen und, nachdem Voltaire es einmal lächerlich gefunden hat, daß jemand seinen Prozeß nach den Rechten eines Dorfs verlor, den er nach der Sitte eines nahe dabei liegenden gewonnen haben würde, keine andre als allgemeine Gesetzbücher dulden; vermutlich, um sich die Regierungskunst soviel bequemer zu machen und doch die einzige Triebfeder der ganzen Staatsmaschine zu sein.

Nun finde ich zwar diesen Wunsch für die Eitelkeit und Bequemlichkeit dieser Herrn so unrecht nicht, und unser, Jahrhundert, das mit lauter allgemeinen Gesetzbüchern schwanger geht, arbeitet ihren Hoffnungen so ziemlich entgegen. In der Tat aber entfernen wir uns dadurch von dem wahren Plan der Natur, die ihren Reichtum in der Mannigfaltigkeit zeigt, und bahnen den Weg zum Despotismus, der alles nach wenigen Regeln zwingen will und darüber den Reichtum der Mannigfaltigkeit verlieret. An den griechischen Künstlern lobt man es, daß sie ihre Werke nach einzelnen schönen Gegenständen in der Natur ausgearbeitet und es nicht gewagt haben, eine allgemeine Regel des Schönen festzusetzen und ihren Meißel nach dieser zu führen. Die römischen Gesetze bewundert man und muß sie gleich den griechischen Kunstwerken bewundern, weil ein jedes derselben einen einzelnen Fall zum Grunde hat und allemal eine Erfahrung zur Regel für eine völlig ähnliche Begebenheit darbietet. Man spricht täglich davon, wie nachteilig dem Genie alle allgemeine Regeln und Gesetze sein und wie sehr die Neuern durch einige wenige Idealen gehindert werden, sich über das Mittelmäßige zu erheben; und dennoch soll das edelste Kunstwerk unter allen, die Staatsverfassung, sich auf einige allgemeine Gesetze zurückbringen lassen; sie soll die unmannigfaltige Schönheit eines französischen Schauspiels annehmen und sich wenigstens im Prospekt, im Grundriß und im Durchschnitt auf einen Bogen Papier vollkommen abzeichnen lassen, damit die Herrn beim Departement mit Hülfe eines kleinen Maßstabs alle Größen und Höhen sofort berechnen können. Ich will es nicht untersuchen, ob die gelehrte Natur einen Hang zur Einförmigkeit genommen oder das ruhige Vergnügen, allgemeine Wahrheiten zu erfinden und Gesetze für die ganze Natur daraus zu machen, diese unsre neumodische Denkungsart beliebt gemacht oder auch der Militärstand, worin oft hunderttausend Menschen das Auge auf einen Punkt richten und den Fuß nach dem nämlichen Takte setzen müssen, sein Exempel zur Nachahmung empfohlen habe. Man mag hier annehmen,, was man will, die Wahrheit bleibt allemal, je einfacher die Gesetze und je allgemeiner die Regeln werden, desto despotischer, trockner und armseliger wird ein Staat.

Ich verlange nicht, daß man dieses auf alle Zweige der Staatsverfassung anwenden solle. Es sind einige und hauptsächlich die äußerlichen Formalitäten des gerichtlichen Prozesses, der Testamente und Vormundschaften, welche sich mit allgemeinen Gesetzen und Regeln zu einer notwendigen und glücklichen Einförmigkeit bringen lassen, so daß man aus dem Standort eines Generaljustizdepartements ihre Richtigkeit und Unrichtigkeit zuverlässig übersehen kann; so weit ist auch der Großkanzler von Cocceji gekommen; Es gibt auch in der Staatsökonomie eine Einförmigkeit der Formen, der Tabellen, der Vorstellungen und andrer äußerlichen Umstände, welche die höheste Einsicht erleichtert; und vielleicht ließen sich auch wesentliche Teile der Polizei als Maßen und Münzen zu einer Gleichförmigkeit bringen, so groß und so mannigfaltig auch die Schwürigkeiten sind, welche hier dem Auge des theoretischen Projektenmachers entwischen und den Mann, der in großen Staaten Hand anlegt, verwirren. Allein, allgemeine Polizeiordnungen, allgemeine Forstordnungen, allgemeine Gesetze über Handel und Wandel, über Acker- und Wiesenbau und über andre Teile der Staats- und Landeswirtschaft, wenn sie nicht bloß theoretische Lehrbücher, sondern wahre, in jedem Falle zu befolgende Regeln abgeben, wenn sie brauchbar und zureichend sein, wenn sie dem Generaldepartement zur Richtschnur dienen sollen, um die Vorschläge, Berichte und Aüsrichungen der Lokalbeamte darnach zu prüfen, zu beurteilen und zu verwerfen, sind mehrenteils stolze Eingriffe in die menschliche Vernunft, Zerstörungen des Privateigentums und Verletzungen der Freiheit. Die philosophischen Theorien untergraben alle ursprünglichen Kontrakte, alle Privilegien und Freiheiten, alle Bedingungen und Verjährungen, indem sie die Pflichten der Regenten und Untertanen und überhaupt alle gesellschaftlichen Rechte aus einem einzigen Grundsatze ableiten und, um sich Bahn zu machen, jede hergebrachte, verglichene und verjährte Einschränkungen als so viel Hinderungen betrachten, die sie mit dem Fuße oder mit einem systematischen Schlusse aus ihrem Wege stoßen können.

Die Kontrakte eines Privatmannes gelten bei Entscheidung einer Streitsache mehr als gemeine Rechte, außerordentliche Fälle ausgenommen. Gewohnheiten, Verabredungen und Vergleiche einer Gemeinheit gelten auf gleiche Weise und eben aus demselben Grunde mehr als Provinzialverordnungen und Provinzialabschiede mehr als allgemeine Landesgesetze. Dieses ist allemal der natürliche Gang der gesellschaftlichen Rechte gewesen, welchen man zwar dann und wann aus höhern Ursachen verändert hat, aber doch nicht völlig verlassen kann, ohne den Willen eines einzigen zum Gesetze für alle zu machen. Voltaire hätte nicht nötig gehabt, die Verschiedenheit der Rechte in zween nahe gelegenen Dörfern lächerlich zu finden; er hätte dieselbe Verschiedenheit in zween unter einem Dache lebenden Familien finden können, wovon das Haupt der einen mit seiner Frau in Gemeinschaft lebt, das andre aber nicht. Wieviel tausend Rechtsfragen entstehen aus dieser einzigen Verschiedenheit und müssen gegen den einen so und gegen den andern anders entschieden werden, wofern man nicht Gläubiger um ihre Forderungen, Kinder um erworbene Rechte und Mütter um ihre Sicherheit bringen will? Wollte man hier sagen, es wäre besser, daß entweder alle Eheleute in Gemeinschaft oder alle außer derselben lebten: so würde dieses eine unnötige Einschränkung der Freiheit und in vielen Fällen, die man hier nicht angeben kann, höchst schädlich sein. Durch ein allgemeines Gesetz läßt sich aber, wenn einmal die eine Haushaltung so und die andre anders lebt, hier gar keine Veränderung wagen, wofern man nicht eine Menge von Ungerechtigkeiten begehen will. Nicht einmal die Erbfolge läßt sich auf eine plötzliche Art durch ein allgemeines Recht verändern und in eine Gleichförmigkeit bringen, ohne sehr viele Familien in Unglück und Verwirrung zu stürzen. Verträge gelten gegen Gesetze, und Besitz und Verjährung haben gleiche Rechte mit Verträgen und können, ohne große Ungerechtigkeiten zu begehen, nicht zurückgesetzet werden.

In dem ökonomischen Fache veranlassen die Lokalumstände noch eine größere Verschiedenheit. Wo an einem Orte das Holz geschonet werden muß, mag es an einem andern verschwendet werden. Wo hier die Viehtrift im Holze schädlich ist, muß sie an einem andern aus höhern Ursachen geduldet werden. Wo hier die Schweine gekrampfet oder gehütet oder auf dem Stalle gehalten werden müssen, können sie an einem andern frei gehen. – Wer kann hier eine Generalforst- oder -markenordnung machen und verbieten oder zulassen, ohne dem Privateigentum und eines jeden Forstes oder dessen Anwohner wahrer Nutzung zu schaden?

Zwar lobt man an einer jeden Maschine den einfachen Hebel; und die größte Menge der Würkungen ist nicht bewundernswürdiger, als wenn sie durch die kleinste Kraft (minimum) hervorgebracht wird. Allein, kein vernünftiger Mensch wird leugnen, daß da, wo hunderttausend zusammengesetzte Hebel zugleich das Verdienst der kleinsten Kraft erhalten, die Würkungen unendlich schöner und größer sein müssen. Ein Staat, worin ein jeder der vollkommensten Freiheit genießt und das allgemeine Beste zugleich im höchsten Grade erhalten wird, ist unstreitig besser, glücklicher und prächtiger als ein ander, worin das letzte mit einer größern Aufopferung der Freiheit aufs teureste erkauft werden muß. Jener aber wird gewiß eine größere Mannigfaltigkeit in seinen Gesetzen haben als dieser.

Daß bei einem Generaldepartement richtige Charten und Tabellen von allem, was zu seiner Beurteilung eingeschickt wird, vorhanden sein müssen, um die Berichte des Lokalbeamten deutlich verstehen und seine Gründe prüfen zu können, ist eine Sache für sich; daß dasselbe die Geschicklichkeit, den Fleiß und die Redlichkeit des Lokalbeamten auf das genaueste kontrollieren müsse, wird auch wohl niemand in Zweifel ziehen. Allein, dieses hindert nicht, daß nicht jeder Forst seine eigne Regeln, jedes Städtgen seine eigne Polizei und jede Bauerschaft ihre besondern Rechte sowie ihre besondern Vorteile und Bedürfnisse habe, welche ohne Gewalt unter keine allgemeine Verordnungen gezwungen werden können. Es hindert nicht, daß das Gutachten eines redlichen und einsichtsvollen Lokalbeamten nicht allemal mehrere Aufmerksamkeit verdiene als die großen Theorien des Generaldepartements, und wenn ich ein allgemeines Gesetzbuch zu machen hätte: so würde es darin bestehen, daß jeder Richter nach den Rechten und Gewohnheiten sprechen sollte, welche ihm von den Eingesessenen seiner Gerichtsbarkeit zugewiesen werden würden. Dies war das große Mittel, wodurch unsre Vorfahren ihre Freiheit ohne Gesetzbücher erhielten; anstatt daß unsre Generalverordnungen und Gesetze, sobald es zur Anwendung kömmt, immer nicht recht auf den einzelnen streitigen Fall passen und Natur und Gesetz gegeneinander in Prozesse verwickeln.

Es ist eine allgemeine Klage des jetzigen Jahrhunderts, daß zu viel Generalverordnungen gemacht und zu wenige befolget werden. Die Ursache liegt aber aller Wahrscheinlichkeit nach darin, daß wir zu viel Dinge unter eine Regel bringen und lieber der Natur ihren Reichtum benehmen als unser System ändern wollen.

Schreiben eines Frauenzimmers vom Lande an die Frau ... in der Hauptstadt

Werteste Freundin!

Unser Beruf in der Welt ist sehr voneinander unterschieden. Ihnen, werteste Freundin, steht es sehr wohl, daß Sie des Morgens bis 10 Uhr schlafen, drei Stunden am Nachttische sitzen und die übrige Zeit in angenehmen Gesellschaften zubringen. Allein, uns, die wir auf dem Lande wohnen und ganz andere Pflichten haben, müssen Sie deswegen nicht verachten.

Unser Nacken kann nicht so risch wie der Ihrige stehen, und unsere Schulterknochen sind mit gutem Rechte etwas mehr ausgebogen als diejenigen, welche Ihnen die gütige Natur bloß zur Zierde gegeben.

Sie haben recht, über Langeweile zu klagen, sobald Ihnen Spiel oder Gesellschaft fehlet. Sie haben recht, Ihren Geschmack, Ihre Wahl im Anzuge, Ihren süßen Ton, Ihren anständigen Gang, Ihr herrschendes Auge, Ihr gelenkes Köpfgen, Ihre zarten Hände und andere Vorzüge, welche ich recht mit Vergnügen an Ihnen bemerke, selbst zu bewundern; und ich gestehe gerne, daß Ihnen Ihre Belesenheit, Ihre Kenntnis der besten englischen und französischen Schriftsteller und Ihre Einsicht in vielen Dingen einen befugten Ekel vor alles dumme Zeug, wie Sie zu sagen pflegen, erwecken müsse. Allein, das Blut, welches Arbeit und Gesundheit uns Landmädgens in die Wangen treibt, muß uns in Ihren erhabenen Augen keine unerträgliche Physionomien geben. Sie müssen nicht über unsere alten Moden spotten und sich unsere eiserne Hände in Ihre Küche wünschen.

Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen die Wahrheit ein bißgen nach unserer Art sage. Wie Sie uns das letztemal auf dem Lande besuchten, war Ihre Aufführung würklich ein wenig sehr unhöflich. Ich forderte bei Ihrer Ankunft nur eine freundliche Miene von Ihnen: allein, Sie waren von Ihrer viertelstündigen Reise dermaßen fatiguiert und aneantiert, daß ich zufrieden war, wie Ihre Blicke es nur beim Zanken bewenden ließen. Ich lief Ihnen mit offenen Armen entgegen. Sie spitzten aber Ihren Mund so weit voraus, daß ich nicht das Herz hatte, die Rosenblättergen ein wenig aus ihren Falten zu drücken. Meine Mutter führte Sie in unser bestes Zimmer: allein, die weißen Wände waren Ihnen unerträglich, der Armstuhl unbequem und der unbedeckte Boden abscheulich. Es wurde des Abends um 8 Uhr gedeckt, und Sie hatten keinen Hunger, weil sie nicht gewohnt waren, vor 11 Uhr zu essen. Der Geruch unserer besten Talglichter erweckte Ihnen eine affreuse migraine. Weil kein Burgunder dort war, trunken Sie Wasser, und dieses war das einzige, was Sie rühmten. Wie wir des andern Tages von dem teuresten Burgunderwein aus der Stadt holen ließen, fanden Sie ihn zur Dankbarkeit abominable. Ein schöner Kalbsbrate schien Ihnen vortrefflich, um auf einer Bürgerhochzeit zu paradieren, und Sie sprachen von Fricandons und Poppidons bei dem Anblick einer schönen Schafmilch. Auf solche Art bezeugten Sie uns Ihre Höflichkeit. Sie ließen uns gar noch dabei empfinden, wie vielen Dank wir Ihnen für Ihre gütigen Anmerkungen schuldig blieben, und trieben endlich Ihre Gnade so weit, daß Sie sich bei unsern Koffeetassen Ihres schönen Dresdener Porcellains zu erinnern geruheten.

Wie Sie zu Hause kamen und durch die Stadtluft wieder in Ihr wahres Element versetzet wurden: so ward unsere wohlgemeinte Bewirtung der Gegenstand Ihres Spottes. »Es ist eine erbärmliche Sache«, sagten Sie, »um ein Landmädgen; es weiß doch von nichts. Den grünen und roten Kohl kennet es besser als die Livres verds et rouges à la Mode.Der Aufsatz ist vom Jahr 1760, wo diese französischen Kinderspiele Mode waren. Es lauft ohne Sonnenschirm und Saloppe wie ein Schaf im Felde. Wenn man vom Whistspiel mit ihm spricht: so sperret es zwei große Augen auf, und ein Schneidermädgen bei uns würde sich eher zur Prinzessin als ein solches Ding auch nur zu einer Kammerjungfer schicken.«

So urteilten Sie von mir, wie Sie zu Hause waren; und alle meine aufmerksame Sorgfalt, die schöne Milch, die vortreffliche Butter, die schmackhaften Gartenfrüchte, die angenehmen Lustgänge, das offenherzige Vertrauen, die freundschaftliche Gefälligkeit, welche unsere Nachbaren bei uns zu rühmen die Gütigkeit haben, mußten Ihren undankbaren und verwöhnten Empfindungen zum Spotte dienen.

Wie konnten Sie aber dieses verantworten? Und wie konnten Sie bei Ihren großen Einsichten die Absichten nicht unterscheiden, wozu wir beide geboren, erzogen und gewohnt sind? Glauben Sie denn, daß ein Frauenzimmer auf dem Lande oder in einer kleinen Stadt alle die unglücklichen Bequemlichkeiten nötig habe, welche in der Hauptstadt unentbehrlich sind? Wissen Sie nicht, daß die Menge Ihrer Bedürfnisse nur ein Zeichen Ihrer Armut sei? Welch ein Unsegen für uns, wenn wir an die täglichen Assembleen wie an unser Spinnrad gewöhnet wären? Wenn wir Voltairen und Popen besser als unser Intelligenzblatt und mehrere Arten von Spielen als Hausarbeiten kennten?

Denken Sie nicht, daß ich das Lesen guter Schriften verachte. Ich kenne den Wert derselben sehr gut, hüte mich aber sehr davor, daß ich meine Empfindungen nicht aus meinem Stande gewöhne und das Lesen bloß zu einer notwendigen Ausfüllung meiner langen Weile mache. So weit darf es mit mir nicht kommen. Ich habe meine gesetzten Stunden dazu; so, wie zu meiner Arbeit, welche ich in meinem Berufe dem Lesen freudig vorziehe. Und ebendiesem Lesen habe ich den nötigen Ehrgeiz zu danken, daß ich mich durch die höhnischen Anmerkungen der Stadtleute in meinen Pflichten nicht irremachen lasse. Vor 2 Jahren lag ein französischer Offizier bei uns. Sein Lied war beständig: On ne vit qu'à Paris, on végète ailleurs. Er verlangte auf unserm Dorfe nichts weniger als Bälle, Opern, Komödien, Soupés fins und Petites maisons. Doch begriff er endlich, daß wir sehr unglücklich sein würden, wenn wir dieses nötig hätten, um uns zu zerstreuen. Ja, er ging zuletzt so weit und machte ein Lobgedicht auf den wohltätigen Fluch, daß jeder Mensch sein Brod im Schweiß des Angesichts essen sollte.

Sie sprachen, werteste Freundin, wie Sie bei uns waren, sehr vieles vom Wohlstande und von der guten Erziehung in Hannover; und unsere Frau Pastorin, welche Ihnen keinen Blick entwandte, so sehr huldigte dieselbe Ihre Größe, sucht jetzo eine Französin. Sie hat von Ihnen vernommen, daß zu einer guten Erziehung die französische Sprache etc. etc. etc. etc. etc. gehöre. Alles dieses glaubt sie, als eine rechtschaffene Mutter, ihren Kindern geben zu müssen. Sie beruft sich darauf, daß eine gute Erziehung das beste Erbteil sei, was sie ihren Kindern lassen könne. Und was hat sie anders zu diesem Vorurteile verleitet als die Verachtung, welche unbilligerweise den Personen erwiesen wird, die nicht nach Art der Hauptstadt erzogen sind?

Wie leicht wird die Frau Pastorin durch ebendieses Vorurteil verführet werden, die Kinder des Kramers und des Schulzen zu verachten? Und wenn ich denn diesen letztern nur ein wenig Schwachheit leihe, welches ich gewiß mit gutem Grunde tun kann: so schicken sie ihre Kinder auf die hohe Schule in die Hauptstadt, entziehen dem Staate einen würdigen Ackersmann und schenken ihm dafür einen wichtigen Auditor. Wenn ich zur Frau Pastorin komme, so setzet sie mir zwei Wachslichter vor, und neulich war ich bei unserer Frau Amtmannin, da brannten in einem Zimmer allein 24 an den Wänden. Ich mag nicht sagen, das ich dabei gedachte, so viel aber kann ich Ihnen wohl im Vertrauen entdecken, daß ich mir eben keine vorteilhafte Begriffe von ihrem Verstande machte.

Wie leicht ist aber dieser Fehler zu heben, wenn man nur demjenigen eine Achtung erwiese, welcher sich am besten nach seinem Stande richtete; und wie vieles würden die Vornehmen (die Vornehmsten berühre ich nicht, denn diese schränken sich merklich ein) nicht dazu beitragen, wenn sie auf dem Lande nicht das Kostbarste und Prächtigste, sondern nur dasjenige bewunderten, was jeder durch die Kunst seiner Wirtschaft zur größten Vollkommenheit gebracht hätte? Sie glauben nicht, werteste Freundin, wie gut ich in diesem Stücke von meiner Einfalt gedienet bin. Ein jeder, der in unser Haus kömmt, bleibt in seiner Einbildung überzeuget, daß er in Ansehung der Kostbarkeiten vor uns einen Vorzug habe. Dieser Gedanke schmeichelt ihm, und er ist mit uns als mit Leuten zufrieden, welche ihm den Rang nicht streitig zu machen gedenken. Aus einer gleichen Dankbarkeit sieht unsere Frau Oberhauptmannin mit einem nicht eifersüchtigen Auge unsere Wirtschaft an. Sie bewundert alles und fühlet sich bei uns weit bequemer als bei der Frau Oberamtmannin, deren damastenes Bette dem ihrigen Trotz bietet. Wir sind ihre guten Leute, sie geht mit uns wie mit ihren besten Freunden um, wir sehen sie stündlich so liebenswürdig, wie sie würklich ist; und wir genießen der Herzen, ohne uns an den tyrannischen Zwang der städtischen Rangordnung zu binden.

Gewiß, werteste Freundin, die Damen aus der Hauptstadt sorgen würklich sehr schlecht für ihr Vergnügen, wenn sie auf dem Lande die Nachahmung der Stadt suchen; das Landleben hat was Originales, welches Sie ihm billig zu einer vergnügten Abwechselung lassen sollten. Ich freue mich wenigstens recht, wenn ich in ein wohleingerichtetes Bauerhaus komme, die besondern Vorteile und Erfindungen dieser Familie sehe; und eine Tapete von Flachs, das schön zubereitet und nett aufeinander gelegt ist, ergötzet mich da mehr als eine haute lice. Das erste, was ich besehe, ist die Milchkammer. Nach dieser beurteile ich die Wirtin; und das gesunde Kind, welches mir in einem reinlichen und stumpfen Rocke entgegenspringt, küsse ich mit Empfindung, wenn ich die Staatspuppen unserer Frau Amtschreiberin sehr gelassen vorbeineigen sehe.

Und so sollten Sie auch denken, werteste Freundin, wenn Sie zu uns kämen. Sie sollten sich des städtischen Zwanges und der kostbaren Beschäftigungen, wozu Sie der Müßiggang verdammet, auf dem Lande entschlagen, den Atem aus freier Luft schöpfen und mit aller Empfindung eines befreiten Sklavens auf einem tanzenden Fuße um die gesegneten Fluren hüpfen. In der Hauptstadt können und müssen Sie ganz anders leben. Leute, welche in Bedienungen stehen, welche den ganzen Vormittag ihre Arbeit haben und gleichsam in einem vergüldeten Kerker wohnen, woraus sie nicht zu jeder Stunde gehen können, haben ganz andere Arten von Ergötzlichkeiten nötig, Ihre Frauen befinden sich durch die Umstände an ein gleiches Joch gefesselt. Die Assembleen, Repas, Soupés fins und alle Arten von Spielen werden ihnen mit der Zeit zu unentbehrlichen Bedürfnissen. Ich lasse ihnen also solche mit Recht. Ich schenke ihnen Bälle, Komödien, Redouten und alles, was dazugehöret, im Kauf; ich bin überzeuget, daß sie sich oft dabei in ihrer Art vollkommen erfreuen; ich glaube, daß die Pracht der Meubles, Nippes und Ajustemens die besten Puppen für solche große Kinder sind. Allein, ebendiese Forderungen auf das Land zu erstrecken; diejenigen zu verachten, welche solche nicht erfüllen; darüber noch wohl gar zu spotten und auf solche Art den nützlichsten Teil der Menschen, welche auch ihre Schwachheiten haben, zu einer törichten Nachahmung zu verführen, dieses ist wahrlich Sünde. Vergeben Sie mir dieses altfränkische Wort. Ich glaube, Sie werden solches nicht verstehen, darum setze ich nur erklärungsweise hinzu, daß vor nicht gar langer Zeit die verächtliche Miene einer vornehmen Dame aus der Stadt unsern guten Pächter verführet hat, an seiner Frauen Schmuck eines Jahres Pachtgeld zu verwenden, den König zu betrügen und sich, seine schöne Frau und Kinder unglücklich zu machen. Wieviel Verantwortung würden Sie nicht auf sich haben, wenn ich schwach genug gewesen wäre, mich durch einen Blick von Ihnen beschämt zu halten? Und wahrlich, es hat zwischen meiner Schwester und mir schon einen kleinen Zank gesetzt, daß sie nicht ein Stück Hemdlinnen in Agremens vewandeln dürfte, weil Sie ihre einfältige Volante verachtet hatten. Glauben Sie mir, die Mädgen auf dem Lande sind nicht alle so stark, dieser Versuchung zu widerstehen. Und es kann gar leicht dahin kommen, daß wir sagen werden, wie der letzte Krieg uns nicht soviel Schaden getan habe als die Raserei, auf dem Lande alles das zu haben, was zur Not ein Vorzug der Hauptstadt bleiben kann. Die Last dieser Verantwortung liegt aber größtenteils denenjenigen auf, welche die Pflichten nicht unterscheiden und dasjenige an einem Landmanne nicht mit Fleiß verehren, was zu seinem Beruf und zu seinem Stande gehöret. Ich bin usw.

Schreiben eines angehenden HagestolzenDer Hagestolz oder Weiberfeind bleibt allezeit ein brauchbarer Charakter für das Lustspiel, besonders wenn man ihn zum letzten Stammhalter einer großen Familie macht, um dessen Verheiratung sich die ganze Familie und selbst diejenige bemühen kann, welche diese mit kundbarem Rechte für ihn zur Frau bestimmet hat.

Weg mit dem Einfalle, liebster Freund! das Heiraten ist keine Sache mehr für mich. Was mein Vater und Großvater getan, geht mich nichts an. Zu ihrer Zeit war eine Frau noch der beste Segen eines Mannes; sie kam ihm in der Haushaltung zustatten, erleichterte ihm seine Sorgen und brachte noch etwas mit, um die Ehstandeslasten, wie es in den alten Ehpakten heißt, zu tragen. Aber jetzt – ist es Raserei, eine Frau zu nehmen. Man schelte mich immerhin einen Hagestolzen und setze auch diesen Namen auf mein einsames Grab. Es ist besser, daß gar keine Träne als die Träne eines betrogenen Gläubigers darauf falle. Setzt dann nur ein treuer Freund hinzu, daß ich der größte, der zärtlichste Verehrer der weiblichen Tugend gewesen: so forscht noch vielleicht ein vorübergehendes Mädgen der Ursache nach, warum ich meine Tage einsam beschlossen, geht in sich und mindert den Staat, welcher jetzt einen ehrlichen Kerl abhält, sich durch das heilige Band der Ehe an den Bankerottierpranger schließen zu lassen.

Denken Sie nicht, daß ich zu sehr ins Traurige oder ins Ernsthafte verfalle. Es ist dieses sonst, wie Sie wissen, mein Fehler nicht. Allein, nachdem die letzte, worauf ich ein Auge geworfen hatte, unter einer Menge von andern Geschenken außer den Uhren zum Negligé noch drei Staatsuhren von mir erwartete, wovon eine jede mit Diamanten nach der Farbe ihrer Kleider besetzet sein sollte: so müßte ich wohl der unempfindlichste Mensch von der Welt sein, wenn ich nicht entweder im Lustigen oder im Traurigen ausschweifen sollte. »Mein künftiger Eheherr«, sagte sie, ohne zu wissen, daß ich in der Hoffnung, es einmal zu werden, ihr meine Aufwartung machte, »wird an mir einen kostbaren Schatz finden und hoffentlich zufrieden sein, wenn ich ihm für seine Gefälligkeit alle Tage einmal ein freundliches Gesicht mache.« Wie glücklich bist du, sagte ich zu mir selbst, daß du auf dieses freundliche Gesicht noch nichts geborget hast; und wie sehr bedaure ich den Mann, der einmal deinen Artischockenkopf (sie war à l'artichaut frisiert) zu behandeln haben wird ... Was meinen Sie aber, liebster Freund! wie hoch sich der Brautschatz belief, wofür diese Ehestandslast getragen werden sollte? Auf 10000, schreibe zehntausend Taler. Damit hätte ich vielleicht nicht einmal die Uhren mit dem zu jeder gehörigen Hals-, Kopf- und Ohrenschmuck bezahlen können; Und was wäre mir denn fürs Flicken geblieben?

Eine andre, die ich mir vorher ausgesehen hatte, war zwar in Ansehung des Schmucks etwas billiger und hätte sich vielleicht mit einem mittelmäßigen von Brillanten befriediget. Allein, ihre Schwester, die eben heiratete, nahm der entbehrlichen Kostbarkeiten so viel; und ihre Eltern sahen mit einem so gefälligen Lächeln auf dasjenige herab, was der künftige Herr Schwiegersohn mit seinem halben Ruin angeschaffet hatte, daß ich mir nicht getrauete, ihm in dieser Bahn nachzurennen. Ihm kosteten seine Geschenke gewiß dreitausend Taler; und die Eltern hätten ohne Zweifel noch mehr angewandt, um die Braut mit einer neumodischen Garderobe zu versehen. Die guten Leute, dachte ich, werden Bankerott machen, ehe sie ihre Handlung anfangen. Denn ihr beiderseitiges Vermögen, womit sie als Kaufleute handlen wollten, lief nicht höher wie der Brautschatz meiner Prinzessin mit den drei Uhren.

Meiner ersten Braut, da sie nachher so unglücklich geworden, will ich in allen Ehren gedenken. Sie hatte ein hübsches Gesicht, ein unschuldiges Herz und eine feine Erziehung. Was konnte sie dafür, daß ihre törichten Eltern sie gleich einer Person von dem vornehmsten Stande und dem größten Vermögen erziehen lassen, da sie ihr doch keinen Taler mitgeben konnten? Gern hätte ich sie genommen, wenn sie nichts wie ihr gutes Herz und dabei eine häusliche Erziehung gehabt hätte. Allein, wenn ich an die grausame Notwendigkeit gedachte, ihr als einer vornehmen Dame alles dasjenige geben zu müssen, was ihre Erziehung und die jetzige Mode zu unentbehrlichen Bedürfnissen gemacht hat: so getrauete ich mir nicht, die ganze Ehestandslast allein zu übernehmen. Bei der ersten Unterredung traf ich sie in einer Gesellschaft von ihresgleichen an. Sie sprachen von nichts als neuen Moden und Geschmack. Die eine wollte, wenn ich es recht verstanden, à la Tocke, die andre à la Henri quatre sein; dieses trug ihr Kleid à la Poniatowsky, jene à la Duchesse; dies Stück hieß ein Pet en l'air, jenes ein Fichu; und dann trugen sie Considerations, Pretentions, Poches de Paris, Entre deux, Pelerines und ich weiß nicht, was alles. Gerechter Himmel! dachte ich, und einen solchen Pet en l'air sollst du zur Frau nehmen? – Doch die arme Hexe hat jetzt einen hübschen feinen und frisierten Mann, aber leider! ihr Duchessen-Kleid versetzt, um die Wehmutter und den Pfarrer zu bezahlen ...

Solche traurige Erfahrungen sind es, worauf sich meine Abneigung zum Heiraten gründet. Ich habe einen guten Dienst und, wie mein Vater rechnete, ein ziemliches Vermögen. Eine fromme und kluge Wirtin könnte ich davon mit aller Bequemlichkeit unterhalten, aber keine Prinzessin, deren Apanage nicht hinreicht, das Nadelgeld, was sie gebraucht, zu bezahlen. Sie sehen mich vielleicht für einen Liebhaber an, der ein bißgen nach Gelde freiet und, weil er dessen nicht genug bekommen kann, dem Heiraten entsaget hat. Kann man aber bei diesen verdorbenen Zeiten anders handeln? Und ist die Forderung überhaupt so unbillig, daß eine Frau so viel mitbringen soll, als sie zum Unterhalt ihres Putzes gebraucht? Handelt das Frauenzimmer nicht noch schlimmer? Und ist unter Tausenden auch nur eine einzige, die nicht mehr nach Equipage, nach Rang und Titel oder nach den Mitteln, woraus sie ihren Staat führen kann, als nach einem ehrlichen Kerl freiet? Nennen Sie mir diese einzige, und vielleicht bedenke ich mich noch.

Woher rührt aber dieses Verderben unser Zeiten, dieser Fluch, der so manchen redlichen Mann und so manches gutes zärtliche Mädgen zum ledigen Stande verdammt? Gewiß von nichts anders als der Torheit der Eltern. Die Mutter, die nur ein seidnes Band oder ein Entre deux bezahlen kann, schmückt gleich ihr kleines Ebenbildgen damit aus; es muß von unten bis oben gemützert und geflützert sein, und mit den Jahren ist das Mädgen mit allen kostbaren Moden dermaßen bekannt und so daran gewöhnt, daß sie nach dem ordentlichen Laufe der menschlichen Handlungen gar nicht davon zurückkommen kann; und was wird zuletzt daraus? ... Sie mögen es raten. Unter den vielen unglücklichen Personen in den Hauptstädten sind nur wenig ihrer Neigung, die mehrsten aber der Eitelkeit zum Opfer geworden, die ihnen eine törichte Mutter auf das sorgfältigste eingepräget hatte. Anstatt ihr Kinder herunterzuhalten, sie bei andern in Dienste zu geben oder sie zu häuslicher Arbeit zu gewöhnen, müssen sie immer in dem Strudel der Moden schwimmen und zuletzt auch darin sinken.

Haben die Eltern vollends ein paar tausend Taler mitzugeben: so wird das Köppgen der künftigen Marquisin so hoch frisiert und das Näsgen so zugespitzt, daß es keiner als ein ebenso albernes Närrgen wagt, ihr Herz durch seinen Krepp zu rühren und mit ihr ein prächtiges Elend zu bauen; oder sie wird grau in schmeichelnden Erwartungen und bietet sich zuletzt so wohlfeil aus, daß sie niemand verlangt.

Doch Sie verlangen und brauchen nichts weiter zu wissen, um meinen Entschluß vollkommen zu billigen. Hätten Sie eine Tochter und Sie wollten mich durch ihre Hand glücklich machen: so würden Sie sehen, daß ich aller Empfindungen fähig und bloß ein Hagestolz aus Verzweifelung bin. Beklagen können Sie mich, und ich glaube, es zu verdienen; aber verdammen müssen Sie mich nicht.

Die Abmeierung, eine Erzählung

»Du erinnerst dich noch wohl, wie wir zu Badbergen miteinander in die Schule gingen; ich glaube, es werden nun bald funfzig Jahr sein. Meine Eltern baueten damals Retmars Erbe, welches unsre Vorfahren wer weiß wie lange und zuerst als Eigentümer besessen hatten. Sie hatten jederzeit ihr notdürftiges Auskommen darauf gehabt, ihrem Gutsherrn das Seinige richtig bezahlt und in guten Jahren noch wohl einen Taler für ihre Kinder erübriget. Allein, mein Vater starb in seinen besten Jahren, nachdem er sich in der Ernte zu sehr erhitzt haben mogte, und meine Mutter überlebte diesen Verlust nicht lange. Sie war noch nicht begraben: so kam der gutsherrliche Verwalter, welcher ehedem ein Prokurator gewesen war, und schrieb alles auf, was im Hause war. Ich durfte mich diesem Beginnen nicht widersetzen, weil es leider die Rechte so mit sich brachten, und ich mogte wollen oder nicht: so mußte ich ihm die von meinen Eltern hinterlassene Erbschaft, ohnerachtet mein Vater und Großvater verschiedene Stücke davon schon mehrmals gelöset hatten, aufs teureste bezahlen, wenn ich nicht alles, was im Hause war, Früchte, Vieh und Hausgeräte, auf einmal verlieren wollte. Das bare Geld, was sich fand, nahm er gleich zu sich; ich mußte also beim ersten Anfange borgen und sogar die Kosten zu meiner Mutter Begräbnis. Dies setzte mich schon etwas zurück, und wie ich mich durch eine Heirat erholen wollte, forderte der Verwalter auch den Brautschatz meiner Frauen zum Weinkaufe für sie. Was sollte ich tun, Henrich? Mein Gutsherr war unmündig und der Verwalter von dem Richter bestellet, der die Leute schalten und walten oder die Unterdrückten prozessen ließ. Es war kein Baum auf dem Erbe, den meine Vorfahren nicht gepflanzt hatten und den ich nicht als Vater und Bruder betrachten konnte; Gebäude und Äcker waren von ihnen und auch in gutem Stande, und diese mit dem Rücken anzusehen, war mir nicht möglich. Ich gab also alles hin, was mir meine Braut zubrachte, und der Prokurator nahm sogar zween harte Taler, die sie mir auf die Treue gegeben hatte, für die Schreibgebühr zu sich. Nun dachte ich, würde ich doch arm und ruhig leben können. Allein, der grausame Mensch behauptete, ich hätte bei dem Sterbfall etwas verschwiegen, und forderte mich darüber zum Eide. Diesen wollte ich ungern ablegen, und es ging daher zum Prozeß, den ich mit allen Kosten verlor, weil sich noch ein Fohlen, so ich in meines Vaters Hause angezogen hatte, in der Weide befand, das ich wohl gewußt, aber anzugeben vergessen hatte. Um die Kosten zu bezahlen, mußte ich neue Schulden machen, und weil ich vielleicht nicht mit dem Mute und dem Eifer arbeitete, womit ich unter glücklichern Umständen mein Brod gewiß erworben haben würde: so schlugen mir einige Ernten nacheinander ab; ich verlor einige Pferde; und weil selten ein Unglück allein kömmt: so ward ich auch zuletzt von der Viehseuche heimgesucht, so daß ich endlich sowenig die gutsherrlichen Gefälle als die schuldigen Zinsen gehörig bezahlen konnte. Meine Brüder, denen ich ihren Anteil aus dem Erbe geben mußte, drangen zu gleicher Zeit auf das Ihrige. Ich ward verklagt, verdammt, gepfändet und nach einigen kummervollen Jahren zuletzt mit meiner Frauen und sechs Kindern des Erbes, was ich dreißig Jahr im Schweiße meines Angesichts gebauet hatte, entsetzt. Indessen brachte der Verkauf des Meinigen noch so viel auf, daß meine Schulden insgesamt hätten bezahlet werden können, wenn die Unkosten nicht zuviel davon weggenommen hätten; und ich hatte wenigstens die Beruhigung, daß ich nicht als ein unredlicher Mann gehandelt hätte.

Ach Henrich, du hättest unsern Abzug sehen sollen! Er würde dir gewiß mitleidige Tränen abgepreßt haben. Meine Frau hatte ihr Jüngstes, das damals zehn Jahr alt war, bei der Hand; und zween andre faßten ihren Rock an, um sie zu halten oder mit fortgezogen zu werden; zween andre schrien ihr nach und fleheten, sie mögte sie doch mitnehmen, wohin sie auch ginge. Ich eilte mit meinem Ältesten, um nicht von den Gerichtsbedienten aus dem Hause gewiesen zu werden, durch die Seitentür in den Garten und, ohne mich umzusehen, fort. Keiner von uns hatte einmal daran gedacht, das letzte Brod, was uns noch übriggeblieben war, mitzunehmen. Ich weiß nicht, ob du dich noch unsers alten Trüwarts erinnerst? Das arme Tier! ich werde es zeitlebens nicht vergessen. Vor Alter blind und entkräftet, konnte er uns kaum nachfolgen. Zitternd kroch er uns bis zu dem Stachelbeerenbusche nach, der, wie du weißt, bei der Türe nach der Wiese stand und wo er sich sonst zu sonnen pflegte. Hier legte er sich nieder. Wir andern gingen fort; ich rief ihm, er wedelte mit dem Schwanze, ohne aufzustehen; ich lockte ihn und schrie: »Trüwart, Trüwart!« Er heulte noch einmal und starb. Auch ich hätte mein Grab bei ihm finden können; aber es gefiel Gott, mein Leben für meine Kinder zu fristen.«

Hier machte der Alte eine Pause und sahe seinem Freunde ins Auge, das von Tränen überfloß. Für ihn selbst war dieses eine Geschichte, die er schon sehr oft überdacht hatte. Eine einzige Träne entfiel seinem Auge, und er fuhr fort ...

Es kann dieses noch fortgesetzt werden. Der Stoff dazu liegt in The man of feeling. Vorerst aber wollen wir hier abbrechen, nachdem der Held Trüwart gestorben. Ich meine, daß dieses der erste Hund sei, mit dem sich ein Trauerspiel geendiget hat. Es ist aber auch ein ländliches Trauerspiel.

Beantwortung der Frage: Was muß die erste Sorge zur Bereicherung eines Landes sein? Die Verbesserung der Landwirtschaft? oder die Bevölkerung des Landes? oder die Ausbreitung der Handlung? Womit muß der Anfang gemachet werden?

Sie sollten jetzt nach C. kommen; wie hat sich der Ort verändert! Vor dreißig Jahren war es das armseligste Landstädtgen, das man nur sehen konnte, von Misthaufen und Hütten zusammengesetzt. Der Morgen Landes konnte damals des Jahrs nicht 6 Mgr. zur Heuer tun, und Ochse, Einwohner und Pferd kröpelten das ganze Jahr auf der umherliegenden, großen Heide herum, um die dürre Narbe davon ab und in die Viehställe zu fahren. Man konnte in einiger Entfernung ganze Felder beinahe umsonst haben, wenigstens lag ein großer Teil verlassen und verwildert.

Was das Schlimmste dabei war: so zogen die Einwohner ihre Kinder nur für Fremde auf. Sobald ein Mädgen nur eben dienen konnte, floh es zur Hauptstadt, und die Söhne gingen in alle Welt, so daß in vierzig Jahren gar keine neue Wohnstätte angelegt, verschiedene alte aber eingegangen waren. Das Korn, was dort wuchs, mußte, wenn die Einwohner etwas zum Absatze übrig hatten, weit zu Markte gefahren werden, und dazu war das Heidefuhrwerk zu schwach; folglich bauten sie selten mehr, als sie selbst nötig hatten, und was allenfalls übrig war, wurde unnötiger Weise verfuttert oder zu Branntewein verkocht. So war dieses Städtgen beschaffen, wie ich vor dreißig Jahren durchreisete und, weil ich etwas an meinem Wagen zerbrochen hatte, mich einen ganzen langen Tag dort verweilen mußte.

Wie groß war aber nicht meine Verwunderung, als ich vor einem halben Jahre wieder dahin kam und in der Stadt eine Menge der schönsten Häuser, ringsherum aber eine blühende Flur entdeckte. »Wie«, sagte ich zu meinem Freunde, den ich jetzt dort besuchte, »ist hier ein großer Herr eingezogen, der die Phantasie gehabt hat, einige hunderttausend Taler in der Heide zu verschwenden? Oder hat der Commissarius loci Neubauer angesetzt und denselben die große Heide ausgeteilet? Oder ist ein Philosoph hier erschienen, der den Einwohnern die Verbesserung des Ackerbaues gewiesen hat? Oder hat gar der Graf von ***, dessen Viehmägde aus dem Stalle auf die Opernbühne treten und so geschickt spielen als melken können, seine Zauberkraft hier bewiesen?«

»Ach«, antwortete er mir, »der großen Herrn, welche auf diese Art ihr Geld verwenden, gibt es in Deutschland nicht viel, und wenn auch einer von ihnen jedem Wirte in unserm Städtgen ein neues Ackergespann, einen Stall voll Vieh, eine Schiffsladung Korn und einen Berg von Kartoffeln geschenkt hätte: so würde doch nach Verlauf von zehn Jahren alles wieder in dem vorigen Zustande, die Pferde elend, der Stall schwach, das Korn verzehrt, die Kartoffeln verschlungen und unsre Heide nach wie vor wüste gewesen sein. Mit dergleichen plötzlichen Wohltaten richtet man bei Menschen von einer gewissen Gewohnheit und einem gewissen Alter selten etwas aus. Fleiß und Geschicklichkeit müssen dem Menschen von den ersten Jahren an angewöhnt und zur unumgänglichen Bedürfnis gemachet werden. Die Neubauer des Herrn Kommissarius würden gelacht haben, wenn er ihnen ein Stück Heide zur Urbarmachung angewiesen hätte, und die Philosophen tun genug, wenn sie die Buchdruckerfabriken in Aufnahme bringen; den Fleiß werden sie nie erwecken, solange sie nicht selbst Hand anlegen und durch glückliche Erfolge bereden. Von Ihrem Grafen sage ich nichts, als daß er der einzige Mann in seiner Art ist.

Die ganze glückliche Veränderung ist einzig und allein eine Folge des Gewerbes und der Handlung, die zuerst mein Vater hieher gezogen, ernähret und zu ihrer jetzigen Höhe gebracht hat. Dieser Mann, der eine eigne Religion erfunden zu haben glaubte und eine besondre Gemeinde zu errichten gedachte, ließ sich zuerst in der Absicht hier nieder, um seine Profession als Kamelotwürker in der Stille zu treiben und Gott nach seinem Wahne ungestört zu dienen. Den Anlaß dazu gab der Prediger des Orts, der in einem Rufe einer besondern Heiligkeit stand und in der Tat ein Mann war, an welchem mein Vater in aller Absicht einen getreuen Gehülfen fand. Er bauete sich zuerst nur ein kleines Haus, welches aber doch in seiner Einrichtung so etwas Besonders und Gefälliges hatte, daß sich alle Einwohner ein gleiches wünschten. In diesem schlug er seinen Weberstuhl auf, und der Prediger verschaffete ihm noch einige Kinder aus dem Orte, die für ihn sponnen und arbeiteten. Diesen wußte er eine solche Liebe gegen sich beizubringen, daß fast alles, was in dem Städtgen geboren wurde, sich zu ihm drängte. Der Prediger kam täglich und unterrichtete sie bei der Arbeit; mein Vater sorgte dafür, daß sie alle reinlich und auf eine vorzügliche Art in Kamelot gekleidet wurden; und die Eltern, welche das Wahre vom Falschen nicht unterscheiden konnten, freueten sich, ihre Kinder so gut aufgehoben zu sehen. Manche Väter ließen sich bewegen, auf die eine oder andre Art bei der Fabrik zu dienen; und viele Mütter hielten es für ein Zeichen der Andacht, sich ebenso wie ihre Kinder zu kleiden; so daß in der Zeit von zwölf Jahren Kleidung, Physionomien und Menschen eine ganz neue Gestalt und, ich mag wohl sagen, einen ganz neuen Geist erhielten.

Die Einmütigkeit herrschte vollkommen in der neuen Sekte, und die Menschen gefielen sich mehr und mehr in demjenigen, was den Reiz der Neuigkeit hatte, und das Werk ihrer Erfindung zu sein schien. Sie arbeiteten und beteten und ergötzten sich auch bisweilen untereinander, und der Ruf dieser glücklichen Bruderschaft zog eine Menge von arbeitsamen Schwärmern herbei, die gern für andre arbeiten, aber für sich denken wollten.

Dabei hatten sie eine so sichere und lebhafte Überzeugung von dem Grundsatze: daß alles, was betete und arbeitete, sein Brod haben könnte, daß nach Verlauf von zwanzig Jahren jeder junger Einwohner mit einer Zuversicht heiratete, dergleichen andre nicht bei großen Einkünften haben. Voll von dem Gedanken, daß ihre Redlichkeit und Geschicklichkeit ihnen bei ihren Mitbrüdern so viel Kredit verschaffen würde, als sie zur Ausführung ihrer Unternehmungen immermehr gebrauchten, fiel es ihnen nicht einmal ein, an dem Fortgange derselben zu zweifeln. Ihre Meinung in Glaubenssachen war also gleichsam eine Art von Vermögen, welche dem Landeigentum oder einer andern Hypothek gleichgesetzet werden konnte, und schwerlich hat je eine Gemeinde auf ihre Besitzungen so vielen Kredit gehabt, als die Sekte auf ihre Denkungsart erhielt.

Nun brauche ich Ihnen nichts mehr zu sagen. Sie werden es aber leicht von selbst einsehen, wie auf diese Weise nach und nach die Menge von schönen Häusern gebauet; vieles Feldland in Gartenland verwandelt, ein guter Teil der Heide zu Kornfeldern und Wiesen gemacht; das Korn zu einem billigen Preis gehoben, der Ackersmann aufgemuntert, das Spannwerk verbessert und der Viehstapel vermehret worden. Alles dieses folgte unvermerkt von selbst, und der Morgen Landes, der vor dreißig Jahren 15 Taler galt, wird jetzt zu 150 verkauft. Die Stadt hat also den Wert ihrer Gründe zehnmal vermehrt und solche gewiß fünfmal vergrößert, so daß sie jetzt funfzigmal soviel besitzt als vor dreißig Jahren. Vor Zeiten konnte man die Milch nicht verkaufen, und man hielt deswegen nicht mehr Kühe, als man um des Mistes willen zur äußersten Not gebrauchte. Jetzt lebt mancher geringer Mensch bloß von einigen Kühen und ihrer Milch; so sehr hat sich alles durch die Handlung verbessert.

Das ist aber doch noch das Geringste. Gesetzt, das eigne Vermögen sämtlicher Einwohner laufe auf eine Million Taler: so ist ihr Kredit auf zehn Millionen; und weil fünf Taler Kredit ebenso gut sind als fünf Taler bar Geld, das Verhältnis ihres ersten Zustandes zu dem gegenwärtigen wie 1 zu 500.«

Mein Freund, der in seiner politischen Rechnung fertiger als ich war und mit Hülfe eines Kredits von 10 Millionen, nach der Methode des berühmten Pinto,In seinem Traité de la Circulation et du Credit. Amst. 1771. seiner guten Vaterstadt leicht einen neuen Kredit von hundert Millionen verschaffet, folgends ihren Wert ins Unendliche erhoben haben würde, war in Begriff, weiter fortzufahren, als ich ihm die Frage vorlegte: Ob der jetzige Kredit der Stadt mit oder ohne der besondern Glaubenslehre seines Vaters bestünde?

»Ja«, sagte er, »er besteht nicht allein vollkommen ohne derselben, sondern würde auch ohne Zweifel so entstanden sein, wenn wir als rechtschaffene Christen uns zu löblichen Endzwecken vereinigten und Geringe und Niedrige in der Gemeine sich das allgemeine Beste mit Eifer zu Herzen nähmen. Der wahre Grund unsrer Aufnahme liegt darin, daß ein Mann, der noch zur Zeit nichts als seine Redlichkeit und Geschicklichkeit besitzt, auf diese beiden Hypotheken so viel Kredit finde, als er gebraucht.

Es finden sich unzählige Leute im Staate, die Redlichkeit und Geschicklichkeit besitzen. Beide Tugenden liegen aber wie unsre Heiden brache und ungenutzt, weil ihre Besitzer nicht das Vermögen haben, sie urbar zu machen. Bloß die Religion oder eine moralische Vereinigung der menschlichen Gemüter kann hier aushelfen. Der Reiche muß dem Armen so nahe kommen, daß er ihm völlig ins Herz und dort seine Sicherheit sehen kann; alle Grundsätze der Religion und der Sittenlehre, welche dem Kredit zustatten kommen, müssen auf das lebhafteste gefühlt und in dauerhafter Übung sein. Die Geistlichen, welchen würklich die Vorsorge für ein größer Teil unser zeitlichen Glückseligkeit obliegen sollte, als man ihnen insgemein gönnet, müssen die einzelnen Glieder ihrer Gemeine beständig in einem solchen Lichte erhalten, daß einer dem andern sein Vermögen ohne Handschrift vertrauen kann, wie solches unter den großen Kaufleuten beständig geschieht. Auf solche Art können alle Mitglieder des Staats, ohne eigne Gelder zu haben, nützliche Unternehmungen anfangen und zu jeder Zeit Hülfe finden. Gesundheit, Fleiß und Redlichkeit machen das größte Kapital des menschlichen Geschlechts aus; alles Gold und Silber in der Welt reichet so wenig daran, als das bare Geld an den gesamten Kredit reicht; und jedes Mitglied des Staats, das in den Stand gesetzt wird, jenes Kapital zu nutzen, ist ein größer Gewinst für denselben als ein bemittelter Verschwender, der durch Titel und Bedienungen ins Land gezogen wird. Allein, unter den ströhernen Banden, welche die menschliche Gesellschaft in den mehrsten Ländern verknüpfen, bleibt diese ergiebige Mine ungenutzt, und man hat die Tugenden als den Grund des Kredits und des Handels zu wenig betrachtet. Die Eifersucht des weltlichen Standes gegen den geistlichen geht zu weit, und man schätzt ein Volk freier, das durch Karrnschieben und Prügel zu seiner Pflicht geführet wird, als das fromme Häuflein, was durch geistliche Bewegungsgründe zum glücklichen Sklaven seiner Wohlfahrt gemachet worden.« Hier mußte ich meinen Freund unterbrechen, weil ich besorgte, er mögte in eine patriotische Schwärmerei verfallen. Indessen fühlt man doch hieraus den Grund, warum es viele Sekten, welche nach diesem Plane gearbeitet haben, in verschiedenen Arten des Handels und der Fabriken, ja selbst im Ackerbau, wenn man auf die Mährischen Brüder, welche doppelte Landheuren bezahlen konnten, zurückgeht, so vorzüglich weit gebracht haben. Die Hauptfrage aber, worüber sich die Anhänger der Colberts und Mirabeaus streiten: ob nämlich der Handel oder der Ackerbau die erste Aufmerksamkeit des Staats verdiene, wäre aber nun noch zu entscheiden; und wenn ich nach obigem Exempel schließen wollte, würde das Urteil für den Handel ausfallen, mithin ein glücklicher Ackerbau nur alsdenn zu hoffen sein, wenn der Handel sämtlichen Produkten denjenigen Wert verschaffen kann, welcher dem Ackersmann seine Mühe genugsam belohnet.

Vielleicht wendet man aber ein, es sei hier ein Unterschied zwischen einem reichen und armen Boden zu machen und ein gütlicher Vergleich dahin zu vermitteln, daß auf ersterm der Ackerbau, auf letzteren aber der Handel die erste Aufmerksamkeit verdiene. Allein, auch der reichste Boden wird immer noch mehr tragen, als er tut, wenn die Handlung die Verzehrung und den Wert der Früchte hebt und den Landmann in den Stand setzet, da Ananas zu bauen, wo er jetzt Kartoffeln zieht. Man weiß, daß die Einwohner zu Montreuil durch ihre Pfirs'chen einen einzigen Morgen Landes jährlich auf 6000 Livres nutzen und daß in Polen, wo der Ackerbau ohne Handel getrieben wird, sechstausend Morgen nicht soviel reinen Gewinst bringen.

Indessen ist freilich nicht zu leugnen, daß auf einem armen Boden Handlung und Gewerbe zur Verbesserung des Ackerbaues nötiger sein als auf einem ergiebigen. Der Anbauer des letztern macht sich immer selbst fertig und lebt gut, wenn die Gärtnerei auf einem unfruchtbaren Sande nur da gelingt, wo ihr eine mächtige Hauptstadt zustatten kommt; und so wäre freilich ein gütlicher Vergleich nicht zu verwerfen. Der sicherste Weg bei dem allen aber ist, beides, Ackerbau und Handel, zugleich zu befördern und einem durch den andern zu helfen. Der Handel kann zur Not ohne Ackerbau bestehen, aber dieser nicht leicht ohne jenem. Ein hoher Preis der ersten Bedürfnisse und selbst die Auflagen auf das Brod, die in Holland den ganzen Wert desselben übersteigen, schaden den dortigen Fabriken so sonderlich nicht; aber die Wohlfeiligkeit dieser Bedürfnisse, welche ohne Handlung leicht entsteht, drückt den Ackersmann zu Boden.

Doch ... Gewerbe und Handlung sind flüchtige Güter, die von einer Nation zur andern ziehen. Wie sehr ist die Größe der Holländer nicht gesunken? Ihre Flüsse sind untief geworden; ihren Herings-, Kabillau- und Walfischfang haben sie mit andern Nationen teilen müssen. Ihr Gewürzhandel ist in gleicher Gefahr; ihre Zuckersiedereien sind von den Hamburgern, Bremern und andern gestürzt und nicht ein Vierteil von dem vorigen mehr; ihre Verschiffung, womit sie vorhin der ganzen Welt dieneten, ist nur noch ein Schatten, da alle Völker ihre Waren selbst holen; ihre schweren Fabriken sind durch die Franzosen, Schweizer, Preußen und Sachsen unnütz gemacht worden; und so werden sie bald, wann, einmal die Abnahme zu einem gewissen Grade geht, durch ihre Imposten zugrunde gehn. Wieviel dauerhafter ist dagegen ein Staat, dessen Wohl sich auf dem Ackerbau gründet? der allezeit seine Notdurft und, wenn er etwas übrig hat, auch leicht Absatz findet? und Deutschland zum mächtigsten Volke machen würde, wenn es nur auf Mittel dächte, seine Ausfuhr zu vermehren, und durch Vermehrung der Ausfuhr seine ungenutzten Heiden anzubauen gereizet würde? Denn ohne Ausfuhr im Großen wird der Kornbau kein Land bereichern. Aller Mißwachs und alle glückliche Ernten schränken sich immer auf 60, 80 oder 100 Meilen in der Breite ein. Auf diese Weise sind diejenigen, so bloß das Korn auf ihr eignes Markt bringen, immer geschoren. Hat einer etwas: so haben sie es alle. Und wenn sie alle darben, so hat einer auch nichts. Dieses ist aber bei der großen Ausfuhr nie zu besorgen. Italien hat zwei Jahr Mangel gehabt, währender Zeit Deutschland Überfluß hatte: und nun es uns fehlt, ist die Ernte in Italien glücklich gewesen ...

Allein, es ist unnötig, auf diese Deklamation zu antworten. Der Handel wird allemal die erste Aufmerksamkeit des Gesetzgebers verdienen, weil selbst in England, wo man glauben sollte, daß der Ackerbau sich selbst heben könnte, die Ausfuhr durch besondre Prämien begünstiget werden muß, um einen ziemlichen Preis und durch denselben Flor eines bessern Ackerbaues zu erhalten. Diese Prämien sind eine milde Gabe der Handlung, welche der Ackerbau denen zu danken hat, die jene auf den Thron gesetzt. In einigen Gegenden von Amerika tötet man die Büffel um der Häute willen Und läßt das Fleisch in den Wäldern liegen: dies ist Wirtschaft ohne Gewerbe und Handlung.

Vorschlag zu einer Praktika für das Landvolk

Ich habe mich mehrmals darüber gewundert, warum nicht jede Landesobrigkeit für jede Provinz, insofern dieselbe besondere Gewohnheiten und Gesetze hat, einen kurzen und deutlichen Unterricht für das Landvolk schreiben und drucken läßt, worin die ihm vorkommenden Rechtsfälle nach seinen Begriffen erörtert und zugleich gute Räte und Mittel, sich zu helfen, vorgeschrieben würden, auf den Fuß, wie Tissot es in Absicht auf die Erhaltung der Gesundheit getan hat. Ein solches Werk, wenn es von alten, erfahrnen Männern geschrieben und obrigkeitlich bestätiget würde, müßte unstreitig von großem Nutzen sein und manchen Laien der Rechtsgelehrsamkeit von unnützen Prozessen abhalten oder doch dafür verwahren können. Die gegenwärtigen Zeiten haben vieles in andern Stücken zum Unterricht des Landvolks hervorgebracht. Sie haben ihm die Mittel eröffnet, sich in Notfällen, wo es keinen Arzt haben kann, selbst zu helfen; sie haben ihm den Bau verschiedener Futterkräuter, die Kultur der Maulbeerbäume, die Bienenzucht, das Brannteweinbrennen und viele andre ökonomische Vorteile in besondern kleinen Schriften deutlich und begreiflich gemacht. Warum sollten sie denn nicht endlich auch ein Gleiches in Absicht auf die ihn betreffende Rechtsfälle tun? Warum soll dieser Teil des menschlichen Unterrichts, der doch für die gemeine Wohlfahrt so wichtig ist, allein ein Geheimnis der Geschwornen sein? Und was kann man für Gründe anführen, die wenige Sorge, welche man hierin für das Landvolk in den mehrsten ProvinzienDer Laienspiegel von Ulrich Jenglern, Straßburg 1536, ist in dieser großen Absicht geschrieben und ist sicher berühmter gewesen als irgendein ander Avis au peuple oder Speculum populare. Wer sich davon überzeugen will, vergleiche die innere Mühlenpolizei seines Orts mit dem, was dieser Spiegel von den Mühlen hat. Deutschlands bisher gehegt hat, zu entschuldigen? Die Kenntnis der Landesgesetze und -ordnungen ist jedem, der darnach handeln und beurteilet werden soll, gewiß äußerst nötig; sie ist edel und erhebt den Geist; sie ist dem Staate vorteilhaft, weil sich in tausend Fällen der Landmann selbst bescheiden könnte und nicht nötig hätte, jeden guten und schlimmen Rat teuer zu erkaufen. Wie mancher fällt in eine Strafe, die er vermeiden könnte, wenn er seinen kurzen Unterricht für sich hätte? Wie mancher leiht sein Geld aus, ohne die dabei nötige Vorsicht zu kennen? Wie mancher klagt eine Schuldforderung ein, ohne die Schwierigkeiten zu argwohnen, die ihm gemacht werden können? welches alles nicht geschehen würde, wenn er besser unterrichtet wäre.

Ein solcher Unterricht kann aber nicht allgemein für mehrere Länder sein, dergleichen wir sonst verschiedene haben. Er muß auf die eigne Gerichtsverfassung eines jeden Landes eingerichtet; er muß ein Auszug aller geltenden Landesordnungen und -gewohnheiten; er muß ein kurzer Inbegriff des gemeinen Rechts sein, insofern es in den Handlungen des Landvolks seinen öftern Einfluß hat, und auf alle diese Fälle die nötigen Klugheitsregeln und Hülfsmittel enthalten, wodurch man entweder einen Prozeß vermeiden oder einen unvermeidlichen mit Wahrscheinlichkeit beurteilen kann. Diese Forderungen machen nun zwar ein solches Werk schwer und schrecken sowohl einen Verfasser als Verleger ab. Aber eben deswegen sollte es ein Gegenstand der öffentlichen Vorsorge sein, von Obrigkeits wegen verordnet, befördert und veranstaltet worden. Ich will jetzt nur einige Exempel geben, um den Nutzen desselben zu zeigen.

Gewiß sind hundert Fälle in diesem Jahre vorgekommen, worin die Frauen, wenn ihre Männer Schulden halber gepfändet werden sollen, sich der Hülfsvollstreckung widersetzt haben, weilen die Sachen, so man pfänden wollen, ihnen gehöreten. Sie sind darüber bestraft und in weitläuftige Prozesse verwickelt worden. Wäre es nun aber nicht gut, wenn die Frauen wüßten, wie sie sich in solchen Fällen zu verhalten hätten? Wäre es nicht gut, wenn sie wüßten, auf was Art sie das Eigentum ihrer Sachen zu bescheinigen hätten? Und wie sie solche gleich beim ersten Termin zurückerhalten könnten, wenn sie in demselben mit ihrem Beweise gefaßt erschienen und, falls sie solchen nicht hätten, lieber ihr Unglück ertrügen?

Die Wohltat des stillschweigenden Pfandrechts, welches die römischen Rechte demjenigen, der Haus oder Land verheuert, auf das eingebrachte Hausgeräte und auf das Korn, was auf dem verheureten Lande wächst, verliehen haben, ist von unendlichem Wert. Ohne sie würden tausend geringe Heuerleute, welche keine andre Bürgschaft haben, weder Wohnung noch Ländereien erhalten können und die ganze Bevölkerung des Staats darunter leiden. Wie oft sucht aber nicht dennoch ein andrer Gläubiger oder die Frau unter dem Vorwande, daß das eingebrachte Hausgeräte ihr zustehe, dem Haus- und Landherrn sein Vorzugsrecht streitig zu machen? Und würde es nicht vor alle Teile ersprießlich sein, wenn ein solcher von der Obrigkeit bestätigter kurzer Unterricht das sichere Recht in solchen Fällen nachwiese? Eine Menge von Supplikanten, welche wegen entwendeten Holzes aus den gemeinen Holzungen bestraft sind, meldet sich jährlich um Nachlaß der Strafe und gründet sich auf eine bescheinigte Armut. Könnte man diesen nicht einmal für alle sagen, daß, wenn die Obrigkeit auch noch soviel Mitleid mit ihnen hegte, es doch wider alle Vernunft sei, in diesem Stücke die Entschuldigung der Armut gelten zu lassen, weil sonst gar keine gemeinen Holzungen erhalten werden könnten und es eben die Armut sei, die man am mehrsten zu bestrafen hätte, weil Reiche und Vermögende kein Holz stehlen würden?

Wie viele Beschwerden liest man nicht in andern Rügesachen, womit sich die Parteien vergebliche Mühe und Kosten machen und die sie vermeiden könnten, wenn in einem solchen Unterricht alle Rügefälle deutlich ausgedruckt, die Ursachen derselben begreiflich angezeigt und zugleich die Räte erteilet wären, wie sich die Beschwerten allenfalls zu verhalten hätten? Wie mancher würde eine geringe Strafe, sofern sie keinen Einfluß auf seine Gerechtsame hätte, bezahlen und verschmerzen, wenn ihm in dem Unterricht deutlich gewiesen wäre, wie hoch sich die Kosten beliefen, die auf eine mißliche Beschwerde verwenden müßte? Wie mancher würde mit einer weitläuftigen Vorstellung zurückbleiben oder doch wenigstens sofort Gegenbescheinigungen beibringen, wenn er einmal wüßte, daß der Oberrichter allemal die Rechtsvermutung für den Unterrichter fassen müßte und sich darin durch keine bloße Erzählungen stören lassen dürfte?

Die vornehmsten Wahrheiten der Dorf- und Marken- und andrer Polizeiordnungen: die Fälle und Maßen der Pfandungen, so zu Erhaltung eines Rechts geschehen; ein kleines Register, wie bei entstehenden Konkursen die Gläubiger geordnet werden; eine deutliche Anzeige der Fälle, worin man mit einem Leibeignen nicht kontrahieren könne; ein kurzer Auszug der Taxordnunge, was man in den gemeinsten Fällen an Richter, Advokaten und Prokuratoren zu bezahlen habe; eine Vergleichung der Maßen im Stifte; ein Unterricht, was und wieviel ein Notariat-Zeugenverhör beweise, wann ein Arrest stattfinde, wann auf die erste und wann auf die andere Ladung Pfandung erfolge, wie es mit der Pfandung und dem Verkauf der Pfände gehalten werde etc. etc., müßten unstreitig von unendlichem Nutzen für das Landvolk sein, wenn solche demselben in kurzen und deutlichen Sätzen vorgetragen würden.

Der notwendige Unterscheid zwischen dem Kaufmann und KrämerDieser Aufsatz erschien den 20. Nov. 1773, und im August 1774 hat die Kaiserin Königin in ihren Erblanden eine Verordnung erlassen, worin der Vorschlag wirklich ausgeführet ist.

Billig sollten die Kaufleute überall von den Krämern unterschieden, für sie der erste Rang, für die Krämer aber der unterste nach den Handwerkern sein. Billig sollte jede Stadt zwischen beiden die genaueste Grenzlinie ziehen und keinen der Ehre eines Kaufmanns genießen lassen, der nicht für eine bestimmte Summe einheimischer Produkten jährlich außerhalb Landes absetzte oder für eine gleichfalls bestimmte Summe einheimische Fabrikanten mit rohen Materialien verlegte oder auch sonst einen großen Handel von außen nach außen triebe. Jede Stadt könnte hierin ihr eignes Maß halten; ein Landstädtgen könnte denjenigen als einen Kaufmann verehren, der jährlich nur tausend Taler auf solche Art umsetzte; und größere Städte könnten auf zehn-, zwanzig-, hundert- und mehrere hunderttausend Taler steigen, um die Summe zu bestimmen, durch deren Verkehr einer das Recht zu dem Namen und den Vorzügen eines Kaufmanns erlangen sollte. Mit der Kaufmannschaft wäre sodann auch die höchste Ehre und Würde verknüpft; sowie im Gegenteil der Krämer von allen höhern Ehrenstellen in der Bürgerschaft völlig ausgeschlossen sein müßte. In den mehrsten großen Städten ist dieser Unterscheid vor Zeiten eingeführt gewesen, und in der Welt könnte die Ehre nicht nützlicher als auf diese Weise angelegt werden. Im Gegenteil kann man nicht unpolitischer verfahren, als daß man diejenigen, welche allen einheimischen Fleiß unterdrücken und auf nichts anders denken, als an ausheimischen Sachen zu gewinnen, mit jenen vermischt und beide in eine Klasse setzt.

Die Ehre und der Rang, welchen sich die Krämer mit den Kaufleuten und über die Handwerker erworben haben, ist unstreitig die offenbarste Erschleichung, welche jemals die gesunde Vernunft erlitten hat. Denn es gehört gewiß sehr wenig Kunst dazu, um hundert Pfund Zucker, Koffee oder Rosinen in Empfang zu nehmen und bei kleinern Teilen wieder auszuwiegen. Die ganze Buchhaltung besteht hier in Anschreiben und Auslöschen und die ganze Rechenkunst in der armen Regeldetri. Hundert Leute haben sich auf dem Lande niedergelassen und die Krämerei ergriffen, ohne sie jemals gelernet zu haben, und hundert Frauen sind in die Boutiquen gekommen, welche niemals vorher in der Handlung unterrichtet worden. Aber unter Millionen Menschen wird kein einziger auf einem so leichten Wege ein geschickter Schneider oder Schuster, und unter hundert, die das Handwerk gelernet haben, findet man oft nur einen, der es in einem vorzüglichen Grade versteht. Zum Handwerke wird also offenbar weit mehr Kunst und Geschicklichkeit erfordert als zur Krämerei, und es ist ein wichtiger Staatsfehler, die Kunst unter jene herabzusetzen.

Überhaupt wäre es gar nicht nötig, eine eigne Klasse von Krämern oder eine sogenannte Krämergilde zu haben. Die ganze Krämerei sollte eine Ergötzung für die Handwerker und ihre Frauen sein. In den mehrsten großen Handelsstädten hat der Handwerker seine Werkstätte hinten im Hause, und gleich beim Eintritt glänzt die wohlaussehende Frau in ihrem Kramladen. Mit dieser Einrichtung sind unzählige Vorteile verknüpft. Die Frau des Schneiders handelt mit Mützen, Saloppen und andern dergleichen Waren, die der Mann entweder selbst machen oder doch ebenso leicht als ein Krämer anschaffen kann. Der Mann bekömmt, wenn letzters geschieht, alle neue Moden in die Hände, er ändert darnach seine eigene Arbeit, bessert an den empfangenen, lernt nachahmen, nutzet alle Kleinigkeiten und bedient sich aller Vorteile seines Amts. Auf gleiche Weise verfahren alle andre Handwerker. Ihre Frauen handeln mit solchen Waren, worunter der Mann immer noch etwas von seiner eignen Arbeit mit verkaufen oder woran er durch Ändern, Bessern oder Zusetzen etwas gewinnen kann. Alles, was an den Waren zerbrochen oder verdorben ist, verstehet er, durch seine Kunst zu ersetzen; er bedarf keiner fremden Hand wie der Krämer und versteht die gute Erhaltung und Bewahrung der in sein Handwerk schlagenden Waren besser als wie dieser, der oft nicht weiß, ob eine Ware sich in trockener oder feuchter Luft, in Holz oder Glas, auf dem Boden oder im Keller am besten erhalten will. Der Handwerker, der bei dieser Gelegenheit die fremden Preise kennenlernt und findet, daß sie geringer sind, als er sie in seiner eignen Arbeit geben kann, sinnet den Kunstgriffen nach, die der Fremde gebraucht; entdeckt das Verfälschte oder Unvollkommene mit einem halben Auge und erfindet durch seine kunstmäßige Einsicht sogleich einen Vorteil, wodurch er den Fremden wieder überholet.

Und wer kann ein größerer Kenner von Waren sein als der Handwerker, der solche täglich selbst verfertiget? wer kennt die Farben besser als ein Färber oder Maler? wer Rauch- und Lederwerk, wer Wolle und Filz, wer Metall und Eisenwaren besser als diejenigen, so darin arbeiten? und wer kann geschickter und fähiger sein, die Krämerei mit den dahin gehörigen Sachen zu treiben als eben diese? Warum wird nicht den Handwerkern oder deren Frauen eine eingeschränkte Art von Handel damit gestattet? und was braucht man eigne Krämer, deren Vorteil immer gerade dem Vorteil der Handwerker entgegensteht, die selbst keine Ware kennen und bloß nach dem Scheine urteilen, selbst betrogen werden und andre wieder betriegen?

Gleichwohl ist es ein Verbrechen der beleidigten Bürgerschaft, sooft ein Schneider mit Nähenadeln oder ein Maler mit Farben handelt oder ein Schmied fremde eiserne Ware, die auf Hütten und großen Fabriken wohlfeiler gemacht werden, mit durchsetzt oder daran eine Politur und eine Verbesserung gewinnet? Unsre Vorfahren haben zwar den Grundsatz gehabt, die Zweige der bürgerlichen Nahrung soviel tunlich zu trennen, um die Zahl der bürgerlichen Familien zu vermehren und zu verhindern, daß nicht eine mächtige Hand alles an sich ziehen und, anstatt den Staat mit seßhaften Bürgern zu vermehren, mit einer Menge flüchtiger Gesellen arbeiten mögte. Diese Grundsätze waren gut und bleiben allezeit richtig, wenn auch ein Reichsabschied die unendliche Anzahl von Gesellen der Vermehrung bürgerlicher Familien vorzieht. Allein, unsre Vorfahren haben es nie geargwohnet, daß eine Zeit kommen würde, worin die Krämer alle Ehre und Geld an sich ziehen und mit Hülfe von beiden ihre Mitbürger, die Handwerker, verdunkeln und ersticken würden. Bei diesem offenbaren Verfall würden sie nicht ihren Plan geändert, aber sicher eine Wendung in ihrer Polizei gemacht, den Kaufmann erhoben, den Krämer heruntergesetzt und den Handwerker durch neue Privilegien begünstiget haben. Dieses hätten sie nach ihrer großen Einsicht gewiß getan, und ich sehe keinen Grund ein, warum nicht eben diejenigen, die den Krämern unter andern Umständen Vorzüge eingeräumet haben, solche auch, nachdem es die gemeine Wohlfahrt erfordert, wieder mindern sollten?

Das Recht, mit Tee, Koffee, Zucker, Weine und dergleichen zu handeln, könnte den eigentlichen Kaufleuten verbleiben. Jeder, der vor dem vertrauten Ausschusse darlegte, daß er z.E. für zehntausend Taler jährlich einheimische Linnen- oder Wollenware verschickte, könnte dabei füglich das Recht haben, mit jenen Waren allein zu handeln. So würde die Krämerei eine Nebensache des Kaufmanns, und nur der Patriot, der mit der einen Hand seine Mitbürger höbe, hätte die Befugnis, sich mit der andern durch solche Waren, welche sich nicht füglich für Handwerker schicken, zu bereichern. Dieses wäre eine gerechte Vergeltung, und weil die Krämerei dadurch zugleich zu einem bloßen Nebenzweige gemacht würde: so dürfte man auch so leicht nicht fürchten, daß einer sich zu sehr darauf legen würde. Der Kaufmann, der einheimische Produkte im Großen verschickt, hat eine edlere Seele; er denkt größer und hebt seinen Mitbürger, um seinen vorzüglichsten Handel durch ihn zu befördern. Dieses ist eine natürliche Folge der menschlichen Denkungsart, und die Ehre, ein Kaufmann, zu sein und durch diesen Namen sich den Weg zu den höchsten bürgerlichen Würden zu bahnen, würde ihn scharfsinnig machen, neue Erwerbungsmittel für seine Mitbürger auszusinnen, um auf diese Weise durch neue Zweige seinen Handel und seine Ehre zu erhalten.

Bis dahin diese guten Wünsche erfüllet sein, muß man es als eine Glückseligkeit unserer Zeiten ansehen, daß allmählich große Krämer entstehen, deren jeder zwanzig kleinere verschlingt. Die kleinen Raubvögel, die unsre guten Handwerker zuerst verzehret haben, werden solchergestalt ein Raub der größern, und da es nicht eines jeden Sache ist, sogleich ein großer Krämer zu werden, so muß man hoffen, daß unter diesen Aspekten sich wenige der kleinen Krämerei widmen werden. Man muß hoffen, daß dadurch mancher sich bewegen lassen werde, sich wieder zum Handwerk zu wenden, und daß endlich die Handwerker, wann es zuletzt nur noch auf einige wenige Feinde ankommt, diese überwältigen und durch eine neue und verbesserte Einrichtung sich Ehre und Recht verschaffen werden.

Vorschlag zu einer Sammlung einheimischer Rechtsfälle

Die allgemeinen Verordnungen, Gesetze und Theorien, wenn sie auch in diesem fruchtbaren Jahrhundert zu noch so vielen Bänden anschwellen sollten, werden einem Staate das nie leisten, was ihm die römischen Rechte und besonders die Pandekten leisten. Denn es geht in der Rechtskunst wie in der Arzneikunst, eine Sammlung richtiger Erfahrungen mit ihrer Behandlung und Entscheidung ist allemal nützlicher und brauchbarer als ein System, worin doch immer allgemeine Räsonnemens und Hypothesen den größten Platz einnehmen und Menschen nicht so richtig als Erfahrungen sprechen. Boerhave wird bleiben, wenn Hofmann vergessen ist, und Mevius in allen Händen sein, wenn Montesquieu nur noch als eine Seltenheit gezeiget werden wird. Die Pandekten sind das Resultat von Erfahrungen, welche den größten Männern unter einem großen Volke in Zeit von fünfhundert Jahren vorgekommen, von ihnen beurteilet und entschieden waren.

Meine Absicht ist hier nicht, dem römischen Rechte eine Lobrede zu halten, sondern nur den Wunsch zu rechtfertigen, daß wir unsere eignen Erfahrungen auf gleiche Art sammlen und nutzen, nicht aber so sehr dem Hang zu allgemeinen Gesetzen und Verordnungen folgen mögten. Es ist über die Kräfte aller großen und kleinen Gesetzgeber, sich alle möglichen Fälle so vorzustellen, wie sie die Erfahrung mit unendlich kleinen Veränderungen täglich darbietet, und man kann ziemlich wahrscheinlich schließen, daß, wenn alle Fälle, so in hundert Jahren zur richterlichen Entscheidung gedeihen, gesammlet sind, nicht leicht ein neuer Fall vorkommen werde, der nicht nach der Analogie der vorigen entschieden werden könne. Wenn daher ein Gesetzgeber eine solche Sammlung veranlassete und nach vorgegangener Prüfung bestätigte: so würde dieses ein bessers und brauchbarers Rechtsbuch sein als eine dicke Sammlung von Verordnungen. Fast alle Länder sind uns hierin vorgegangen, nur in den westfälischen Provinzien, worin doch nach dem bekannten Vorwurf die mehrsten Prozesse geführet werden sollen, ist man noch zur Zeit hierauf in gehöriger Maße nicht bedacht gewesen. Wie wäre es also, wenn auch wir einmal anfingen, die Entscheidungen einheimischer Rechtsfälle zu sammlen und solche mit ihren Gründen nach den großen Mustern eines Fabers, Mevius, Strubens und Pufendorfs in einer bündigen und angenehmen Kürze zu liefern? Ich will dazu folgenden Vorschlag tun: Der Titel des Werks mag sein: Erläuterungen vaterländischer Rechte durch eine Gesellschaft von Rechtsgelehrten. Jeder der letztern soll die Ehre haben, seinen Namen unter seine Arbeit zu setzen.

In Ansehung der Bündigkeit und Kürze müssen solche vorgedachten Mustern so nahe kommen, soweit solche zu erreichen sind; die allgemeinen bekannten Gründe müssen nur im Vorübergehen bemerkt und, wo es nötig, höchstens durch ein Gesetz oder durch die Anzeige einer Hauptquelle bestärkt; die wahren Gründe aus dem Landrecht und der Landesgewohnheit aber deutlich und bestimmt angeführt, bewiesen und zuletzt durch Anführung eines gerichtlichen Ausspruchs, landständischen Attestats oder Gödingsspruchs bestärkt werden.

Sonderbare und mit höhern Grundsätzen streitende Entscheidungen müssen ausfallen und nur die billigen und praktikablen eingerücket werden. Daher auch keine einen Platz darin erhalten kann, welche nicht von zwei Dritteln der Gesellschaft vorher gebilliget worden. Die Gesellschaft richtete vorzüglich ihre Absicht dahin, eine Sammlung entschiedener Rechtsfälle zu liefern, worauf einmal ein Landesherr seine Gerichtshöfe verweisen und ihnen, um darnach in vorkommenden Fällen zu sprechen, anbefehlen könnte. Jeder Rechtsgelehrte könnte darin aufgenommen werden, wenn er sich obigen Bedingungen unterwerfen wollte. Alle Woche versammlete sich die Gesellschaft einmal an einem gemeinschaftlichen Orte. Jedes Mitglied trüge darin zuerst den Rechtsfall vor, worüber man sich bei der nächsten Versammlung unterreden wollte. In der nächsten Versammlung, nachdem ein jeder vorher zu Hause den Fall überdacht und, was er für einheimische Nachrichten davon hätte, mit sich gebracht, sagte die Gesellschaft ihre Meinung darüber und teilte demjenigen, der den Rechtsfall aufgeworfen, seine Gründe und Nachrichten mit. In der dritten Versammlung würde er ausgearbeitet verlesen und, nachdem die Ausarbeitung gebilliget, zur künftigen Sammlung hingelegt.

In der zweiten Versammlung würden dann wiederum zugleich die neuen Rechtsfälle, welche in der dritten auf gleiche Weise überlegt und in der vierten ausgearbeitet geliefert werden sollten, angezeigt und so weiter beständig verfahren.

Diese vorherige gesellschaftliche Überlegung dient dazu, damit die Grundsätze, woraus jeder für sich abreiset, mit dem Geist des Ganzen in der Harmonie bleiben; die Sache selbst aber erst von verschiedenen Seiten betrachtet und hernächst eine Entscheidung erwählet werde, worin sich das aequum et bonum vereiniget. Mancher, der sonst einmal seine Meinung entworfen und seine Mühe daran gewandt, mögte vielleicht zu keiner Abänderung zu bringen sein, der vorher leicht seine Meinung geändert und einen andern Faden erwählet hätte. Daher es mir sehr nötig zu sein scheinet, daß jeder abzuhandelnder Rechtsfall erst angesagt, dann erwogen und darauf endlich schriftlich entworfen werde.

Wenn eine solche Arbeit sich auch nur bloß auf die Mark- und Eigentumsrechte erstreckte; denn in bürgerlichen und städtischen Sachen fehlt es so sehr nicht: so würde dieses, was jene beiden Artikel betrifft, in wenigen Jahren ein ziemlich vollständiges Landrecht geben und dem philosophischen Geiste, der mit der Zeit alle Falten ausglättet und alles zum Vorteil erwählter Theorien einförmig macht, damit aber Freiheit und Eigentum untergräbt, das mächtigste Ziel setzen.

Es ist allezeit sicherer, Original als Kopei zu sein

Predigten helfen würklich nicht! Gedruckte Verordnungen auch nicht, auch keine Satiren von gewisser Art, welche eine herrschende Torheit gleichsam anbellen. Es wird eine feinere Aufmerksamkeit der Landesobrigkeit, ein großes Exempel, ein vornehmer Ton erfordert, um die stille Größe zu erheben und die prächtigen Toren von dem Thron ihrer Einbildung zu stürzen. Gewisse fürstliche Kinder durften nur vor einigen Jahren laut vor Tische beten; ein Monarch durfte nur alle Nächte bei seiner Gemahlin schlafen; eine Herzogin durfte ihr Kind nur in der Kirche taufen lassen ..., sogleich fand die ganze äffende Welt das Gegenteil ärgerlich. Ich muß Ihnen bei dieser Gelegenheit meine erste Reise nach Paris erzählen. Wie ich dort ankam, hätte ich mich um alle Welt nicht in einem deutschen Kleide zeigen mögen, ohnerachtet ich die meinigen in Stille, wo man doch die Mode täglich aus der Quelle erhält, so ziemlich einstützen lassen. Ich schickte deswegen nach einem Schneider und wurde nicht wenig betreten, als bald darauf ein Mann in einem schwarzen sammeten Kleide, welchen ich aus meinem halb eröffneten Fenster in einer Kutsche ankommen sahe, zu mir ins Zimmer trat und mich sogleich von oben bis unten betrachtete. Ich bat ihn, sich niederzulassen und mir zu sagen, womit ich ihm dienen könnte, als er mich fragte, ob ich ein Kleid Couleur du jour verlangte? Und noch merkte ich kaum, daß dieser Mann ein Schneider war, der mir bereits mit seinen Augen die Maße zum Kleide genommen hatte. Denn er bat mich zugleich, ihm noch den Abend die Ehre zu tun und ein Soupé fin dans sa petite maison bei ihm einzunehmen, jetzt aber zu erlauben, daß er wieder forteilen dürfte, weil er noch einen deutschen Prinzen und sechs Hofkavaliers zu machen hätte. Ich dankte ihm voll Verwirrung und hätte ihn vielleicht an den Wagen begleitet, wenn mich nicht ein anderer Mann in einem ebenso prächtigen Kleide an der Tür aufgehalten hätte. Dieses war mein Hauswirt, welcher mir, weil ich einen Friseur verlangt hatte, seine untertänigen Dienste anbot und mich fragte, ob ich en aimable étourdi, en abbé minaudant, en mousquetaire à la morbleu, en homme à sentimens oder auch en reitre allemand aufgesetzt sein wollte? So sollte gleich sein erster Kommis, der, ich weiß nicht, wieviel Herzoge frisierte, seine Aufwartung bei mir machen. Bald hätte ich mir letzteres erwählet, wenn nicht eben ein bestellter Mietlaquais hereingetreten, wäre und ohne alle weitere Vorrede befohlen hätte, mich à la Maupeou zu frisieren. Dieser junge Mensch hieß meinen Wirt im Staatskleide sogleich einen sot; zeigte mir in einer Sekunde eine nagelneue Dose von Martin, eine goldne Uhr von Du Tertre, Mansietten à triple rang und überhin la plus fine jambe du monde. Jetzt trat mein Freund, ein junger allerliebster Franzose, herein, dem ich aus Holland empfohlen worden. Niemals hat sich ein Mensch mehr über meine Ankunft erfreuet als dieser. Ich getraue mir sein Bild nicht zu entwerfen. Es war ein ganz unbeschreiblicher Mann, und unser Vertrauen ging sogleich über alles. Er sagte mir, nachdem er meine Gestalt durchgelaufen war, mit einer Aufrichtigkeit, die mich noch rühret, wie er mich schwerlich in die gute Gesellschaft bringen könnte, weil ich die platteste Figur von der Welt wäre. Doch, setzte er endlich hinzu, wollte er, um keine Zeit zu verlieren, mich als einen Bären einführen, wenn ich nichts dawider hätte. »Alsdenn will ich heute überall herumgehen und meinen Freunden bekanntmachen, daß ich ihnen morgen ein ganz neues Original aus Deutschland zeigen würde, desgleichen seit Erschaffung der Welt noch nicht in Paris gewesen wäre; ich will eine Beschreibung dabei machen ...« Und hier machte er würklich eine, worin ich bis auf die Tatzen und das Fell eine ziemliche Aufrichtigkeit fand. Was sollte ich tun? Mein Freund ging mit einem Sans adieu und Jusqu'à revoir davon und überließ mich meinen Betrachtungen. Die ersten waren nicht die ruhigsten. Endlich aber faßte ich das Herz, mir selbst getreu zu bleiben und mich so zu zeigen, wie ich glaubte, daß ich mich zeigen müßte. Und auf einmal war ich über meinen Schneider,meinen Friseur und meinen Mietlaquais erhaben. Mein Freund freuete sich des andern Tages, mich in vollkommener Bärengestalt zu finden, und ich, der Bär, und er, der Bärenleiter, fuhren glücklich in die Gesellschaft. Ich merkte gleich ein vorwitziges Aufsehen; nahm aber doch den Ton der Gesellschaft an und erzählete ihnen meine Geschichte mit der aufrichtigsten Einfalt, welche der Wahrheit bisweilen so vielen Nachdruck geben kann. Und was meinen Sie, daß darauf erfolgte? Ein Frauenzimmer, welches ich aus Erkenntlichkeit billig als das schönste in der ganzen Gesellschaft rühmen muß, nahm das Wort mit einigem Eifer und sagte: »Es ist doch kein abgeschmackter Ding in der Welt als ein junger Pariser. Er hat die Vernunft einzusehen, daß er selbst das lächerlichste Original sei, und will doch, daß Fremde sich nach ihm bilden sollen. Er ist stolz genug zu glauben, daß seine Narrheit unnachahmlich sei; allein, um das boshafte Vergnügen zu haben, sich gegen einige Kopeien halten zu können, beredet er andre zur Nachahmung, welche, wenn sie seine Vorzüge erreichen könnten, ihn rasend machen würden. Er glaubt zu gefallen, wenn wir ihn zur Puppe erniedrigen und seinen Anzug in eben der Absicht loben, womit wir unserm Schoßhündgen die Ohren zerren. Sie, mein Herr«, fuhr sie gegen mich fort, »werden hoffentlich dem bessern Teil unsrer Nation die Ehre erweisen und sich dadurch nicht irren lassen. Wenn Sie einige besondere Torheiten aus Ihrem Vaterlande mitgebracht haben: so gönnen Sie uns das Vergnügen, den Kontrast zu bemerken, und sein versichert, daß wir auch unter demselben Verdienste zu erkennen wissen.«

Mein junger Franzose fand dieses göttlich und breitete überall zu meinem großen Vergnügen die komische Szene aus, welche er mit seinem Bären gespielet hatte, wodurch er mir in kurzer Zeit so viele Achtung erwarb, daß ich meines Schneiders gar nicht mehr nötig hatte.

Ich erzählte bei meiner Wiederkunft diese Geschichte einem guten Bürger, welcher sich in seinem braunen Kleide immer hinter der Haustüre stellete, sooft sein Nachbar, ein Kannengießer, in einem roten Manchester auf die Gasse trat. »Aber«, versetzte er, »die Großen in der Stadt sind so, daß sie einen ehrlichen Bürgersmann nicht über die Achsel ansehen, wenn er nicht Staat macht; meine Frau schämt sich bereits, mit mir in die Kirche zu gehen, und meine Mademoisellen Töchter stutzen vor mir hin, ohne mich anzusehen, da ich doch ihr würklicher Vater bin und ihnen ihren Flitterstaat im Schweiß meines Angesichts erworben habe.« – »Was das erste betrifft«, erwiderte ich ihm, »so bin ich gewiß, daß die Großen in der Stadt eben wie die französische Dame denken; daß sie in der Nachahmung des Kannengießers die spielende Kopei eines vielleicht guten Originals fanden und daß der König selbst mehr Achtung für die Verdienste eines großen Künstlers als für das sammetene Kleid eines französischen Schneiders habe«; seine Frau, fuhr ich fort, würde sich weisen lassen, wenn er ihr die Ehre verschaffte, die Frau des größten Meisters von seinem Handwerke zu sein, und seine Tochter würde im zwanzigsten Jahre schon einsehen, daß die Ehe mit einem ehrlichen Bürger der leeren Erwartung auf einen Mann mit der Dose von Martin und mit der Uhr von Du Tertre unendlich vorzuziehen sei. Ich versicherte ihn, wenn er nun das Ziel seiner Wünsche erreichen und sich alle Sonntage in einem damastenen Schlafrocke zeigen könnte, daß sein Nachbar sodann seinen Bauch in einem französischen Stoff zu Fenster legen würde und daß er niemals ein Narr werden könnte, ohne zu verhindern, daß ein anderer nicht noch ein größerer Narr würde; ich machte ihm endlich begreifen, daß vieles in.der Einbildung beruhete und daß die Einbildung ein Mägdenkopf wäre, welcher so lange schwärmete, als er auf einem jungen Rumpfe säße.

Allein, um ihn völlig zu überzeugen, hätte ich ein großer Herr sein und ihm alsdann diejenige Achtung in der Tat bezeigen müssen, die ich ihm jetzt nur mit Schlüssen beweisen konnte.

Wie viele Mittel haben die Großen nicht, den Geringern die falsche Scham zu benehmen, wodurch sie zu prächtigen Torheiten verleitet werden! Le ridicule est la raison du sot; und wie viele gibt es nicht, die keinen andern Grund anzugeben wissen als diesen! Das Lächerliche oder Verächtliche hängt nicht von einem braunen oder sammetenen Kleide, sondern gar sehr von dem Werte ab, welchen der herrschende Ton diesen Sachen beileget; und der herrschende Ton kostet den Gesetzgebern oder den Gesetzgeberinnen oft nur einen süßen Traum. Zwei Millionen und siebenmalhunderttausend Taler sind in zehn Jahren für gestickte Sachen aus dem Lande gegangen; und in den nächsten zehn Jahren fliegt eine Million fort, bloß für Mahagonimeubles. Und warum das? Weil es die Marquisin schön findet; Oh, wenn diese kluge Dame doch ihren Beifall einem geschickten Tischler gäbe und ihn zu neuen Geschöpfen aus Eichenholz vermögte, wie vieles würde sie, der Handwerker und das Land dabei gewinnen!

Der Rat einer guten Tante an ihre junge Nièce

Ihr Entschluß ist gefährlich, meine liebe Nièce, bei so jungen Jahren allen Frivolitäten abzusagen. Das einzige, was Sie dadurch gewinnen werden, ist dieses, daß Sie die ganze Gesellschaft in Erstaunen setzen; und, im Vertrauen gesagt, die Erstaunten erholen sich bald von dem ersten heftigen Anfall und lassen es hernach insgemein derjenigen entgelten, die ihnen diesen Paroxysmus verursacht hat. Es ist auch für ein junges Mädgen nicht gut, gar zu sehr in dem Rufe der Weisheit und Tugend zu stehen. Die Welt glaubt doch, sie spiele nur eine Rolle, und das Rollenspielen, wenn es zu früh geschieht, erweckt Nachdenken. Man übertreibt sie insgemein, und nur eine Italienerin von 14 Jahren ist imstande, unter der Maske der kindischen Unschuld ihre von der schlauen Mutter erlernte Kunst auf eine glückliche Art in Übung zu setzen. Die beste Manier für ein junges westfälisches Mädgen ist, sich in dem Rufe eines guten Kindes zu erhalten, sich der Wirtschaft zu befleißigen und der Mode zu folgen, so wie sie der Rangordnung nach an sie kömmt. Diejenige, so hierin zuviel oder zuwenig tut, verfehlt das allgemeine Ziel und verlischt, ehe sie brennet.

Wenn ich Ihnen also als eine gute Tante raten soll: so erniedrigen Sie Ihren Kopfputz vorerst nur um einen Zoll und befleißigen sich der Wirtschaft, ohne jemals davon zu sprechen. Zeigen Sie Ihren Freunden ein offnes Herz; vermeiden Sie allen Hang zu besondern Tugenden und lassen die Weisheit denen, die solche besser verwahren können, als es ein junges Mädgen tun kann. Dies waren die Regeln meines seligen Vaters, wodurch ich eine glückliche Frau geworden bin; anstatt daß verschiedene meiner alten Gespielinnen, die, wie ich versichert bin, mehrern Witz, höhere Tugenden und einen feinern Geschmack hatten und dabei immer sich nach der neuesten Mode kleideten, oft bewundert und nie geliebet wurden.

Ihre wahre natürliche Stärke, mein liebes Kind! ist ein gutes empfindliches Herz; keine Rolle gelingt besser als diejenige, wozu man von Natur aufgelegt ist. Wollen Sie also ja in Ihren Jahren durch einen besondern Vorzug glänzen: so setzen Sie Ihre ganze Kunst darin, daß Sie dieses gute empfindliche Herz einem jeden auf die vorteilhafteste Art zeigen. Sein Sie aufrichtig und spielen die Aufrichtigkeit; diese Komedie gelingt und gefällt leicht, anstatt daß Ihnen ein offenbarer Krieg mit allen Modetorheiten oder eine andre strenge Tugend in Ihren Jahren nur Spott zuziehen wird. Vielleicht denken Sie, daran sei nichts gelegen, und es sei rühmlich, der Tugend ein solches Opfer zu bringen. Allein, glauben Sie mir nur, mein gutes Kind, es ist eine Torheit, der Tugend Spötter zuzuziehen, wenn man ihr durch eine geringe Wendung in der Manier Verehrer erwerben kann.

Dieses sage ich Ihnen am ersten Tage des Jahrs; und Sie können daraus alle meine Wünsche erraten.

Ein bewährtes Mittel wider die böse Laune, von einer Dame auf dem Lande

Ich muß Ihnen in der Geschwindigkeit eine Entdeckung mitteilen, die ich in der vorigen Woche gemacht habe. Mein Mann und ich waren so unaufgeräumt, als zwei Eheleute bisweilen sein können, wie sich eben Herr und Frau ... bei uns ansagen ließen. »Nun, so wollte ich ...«, fuhr mein Mann heraus, »man kann doch keinen Augenblick auf dem Lande allein sein; es ist doch eben keine Zeit, um zu schmausen, da so viele arme Menschen Hunger leiden, und ich weiß nicht, was den Leuten ankommt; es sind ja erst vierzehn Tage, daß sie uns besuchet haben.« – »Und ich bin auch nicht imstande«, stimmte ich ihm grämlich bei, »einen Besuch anzunehmen, indem ich noch in meinem ersten Negligé und wahrhaftig außerstande bin, diesen Mittag einen Braten zu schaffen.« Indessen und da die Gäste schon vor dem Tore und zwei Meilen gefahren waren, mußten wir doch die Antwort sagen lassen: Es sollte uns viele Ehre sein.

»Nun«, sagte mein Mann, »das wird eine recht schöne Gesellschaft sein; ich bin nicht imstande, drei Worte zu sprechen, und du ...« – »O«, antwortete ich ihm, »hier ist nichts zu tun, als wir müssen beide eine Rolle spielen; ich will die allerliebste Frau und du sollst den allerliebsten Mann agieren; wir wollen sehen ...« In dem Augenblick kamen unsre Gäste auf dem Platz gefahren, und wir machten den Anfang unsrer Rolle so vortrefflich, daß die guten Leute ganz entzückt darüber wurden. Die rührendsten Versicherungen der Freude über ihre Ankunft, die zärtlichsten Umarmungen, die schmeichelhaftesten Liebkosungen folgten einander ganz ungezwungen; und mein Mann, der durch diesen possierlichen Einfall fortgerissen wurde, gab mir nichts nach. Wir lachten beide über unsre Rollen von ganzem Herzen, und unsre Gäste, die dieses Lachen vor lauter Zeichen der Freude über ihre Ankunft dankbar annahmen, drückten ihre Zufriedenheit mit gleicher Lebhaftigkeit aus, und ehe eine Viertelstunde vorüberging, waren wir alle so aufgeräumt, als wenn wir uns recht zum Vergnügen beieinander versammlet hätten. Der Mangel des Bratens wurde leicht ersetzt; das Negligé fand Beifall, und der Tag lief uns in dem Tone so fort, daß wir uns am Abend nicht scheiden konnten. Es war, als wenn sich auf einmal ein ganz neuer Geist unser bemeistert hätte, und was erst bloß Rolle war, hatte sich dergestalt in Natur verwandelt, daß wir würklclich alles dasjenige fühlten, was wir anfangs nur spielen wollten.

Was dünkt Ihnen, liebste Freundin! von diesem Mittel, sich in eine gute Laune, die wir so selten in unser Gewalt haben, zu versetzen? Sollte es nicht zu dieser Zeit, wo man oft so verdrießlich empfangen und so kaltsinnig entlassen wird, eine öffentliche Bekanntmachung verdienen? Die ganze Kunst scheinet nur darin zu bestehen, daß man seine Freunde erst aufgeräumt und erkenntlich macht; und wird dieses gleich anfangs durch eine glückliche Verstellung erzwungen: so können wir selbst nicht unaufgeräumt und unerkenntlich bleiben, sondern müssen nach einer ganz natürlichen Harmonie mit einstimmen. Wir vergessen sodann das Mittel und schmecken nur die Süßigkeiten des Erfolgs.

Mein Vater, ein tiefsinniger Mann, der seine Hausrechnungen niemals nachsahe, aber dagegen den Lauf der Kometen desto genauer zu berechnen suchte, den alle fünfhundert Hofnarren des Königes von Monomotapa nicht zum Lachen gebracht haben würden, pflegte sich alle Tage einmal in seinen Lehnstuhl zu setzen und so lange mit dem Munde zu lachen, bis er würklich von Herzen lachen und seiner Lunge eine wohltätige Erschütterung geben konnte. Hier war also noch ein ander Grund der veränderten Laune; und ich glaube, wenn man aus Mutwillen oder aus Überlegung sein Gesicht eine Zeitlang vor dem Spiegel zu freundschaftlichen Zügen übte, es würde diese Bewegung der Lachemuskeln auch eine glückliche Mitwürkung auf unser Herz hervorbringen.

Doch Sie können ohne dieses Mittel vergnügt sein; aber wir armen geplagten Hausfrauen mit unsern grämlichen Männern müssen bisweilen unsre Zuflucht zur Kunst nehmen, um die Falten zu verziehen, welche sich wider unsern Willen zu Runzeln aufwerfen wollen. Leben Sie indessen wohl und vergessen uns tragikomischen Landleute nicht. Ich bin Amalia ...

Der Staat mit einer Pyramide verglichen

Eine erbauliche Betrachtung

Ein Staat läßt sich am besten mit einer Pyramide vergleichen, die alsdenn schön ist, wenn sie ihr gehöriges Verhältnis hat, unten auf einem guten Grunde ruht und nach der Spitze zu immer dergestalt abnimmt, daß das Unterste das Oberste völlig, aber auch mit der mindesten Beschwerde trägt. Um solches recht deutlich zu machen, wollen wir jetzt miteinander betrachten: erstlich die Spitze, hernach die Mitte und zuletzt den Grund.

Die Spitze ist besonders fehlerhaft, wenn sie oben zu dicke ist; oder um sogleich die Anwendung hievon zu machen, wenn die landesherrliche Familie sich zu sehr vermehrt, wenn alle Prinzen heiraten und alle Prinzessinnen Aussteuren erfordern und solchergestalt die Bevölkerung oben stärker geht als unten. Sie ist fehlerhaft, wenn sich alle Kräfte nach dem Kopfe ziehen und den untern Teil machtlos lassen; sie ist endlich fehlerhaft, wenn der Kopf zittert und die Kräfte, die sich hinaufziehen sollten, in der Mitte stocken.

Nach diesem Grundsatze sollte man meinen, daß ein geistlicher Staat, dessen Fürst nicht heiraten darf, allemal der beste sein müßte, weil hier der Kopf durch keine Aussteuren, Witwensitze und Apanagen zu sehr vergrößert werden kann. Allein, da leider dergleichen Köpfe sehr oft mit gefährlichen Kröpfen heimgesuchet werden, die sich bisweilen so sehr ausdehnen, daß sie die ganze Pyramide durch ihre Schwere umstürzen: so läßt sich solches nicht mit Gewißheit behaupten.

Wir wollen uns also nur zur Mitte wenden. Nach dem stärksten pyramidalischen Verhältnis folgt auf eins zwei, und so bekömmt der Schaft eine Unförmlichkeit, wenn oben dieses Verhältnis überschritten wird und die hohe Dienerschaft sich oben am Halskragen zu sehr vermehret; der Schaft bekömmt einen Bauch, wenn zu viel neue Edelleute gemacht werden oder der unbegüterte Adel sich zu stark in die Bedienungen dringt, darauf heiratet und eine Menge Kinder zeugt, die niemals wieder zum Pfluge zurückkehren, sondern, wo sie nicht totgeschossen werden, lauter Auswüchse werden, die von der Wurzel leben, ohne dem Stamme wiederum einigen Saft mitzuteilen; sie bekömmt zuletzt unten einen Bruch, und leider ist dieses jetzt das allgemeine Staatsübel, wenn der Wehrstand, er sei nun vom Leder oder von der Feder, besonders wo demselben das Heiraten erlaubt wird, mit Weibern und Kindern den Nährstand überwiegt und eine Menge kleiner und mittelmäßiger Bediente sich wie das Ungeziefer anhangen.

Auch hierin, sollte man sagen, hätte der geistliche Staat einen Vorzug, wo der neue Adel verachtet, die jüngern Söhne und Töchter des alten mit Präbenden versorgt und vom Heiraten abgehalten, die höhesten Bedienungen mit Geistlichen besetzt und alle Maßreguln genommen werden, daß der dem Pfluge entzogene Stand sich, wie billig, nicht zu sehr zur Last des Staats vermehre und jeder fürstliche Rat wiederum sechs andre Räte und sechs künftige Rätinnen zeuge. Allein, auch hier müssen wir mit jenem alten heidnischen Sittenlehrer ausrufen: Ubique naufragium, überall zerbrochene Töpfe!

Von dem Grunde brauchen wir weiter nichts zu sagen, als daß solcher nicht leicht zu zahlreich, nicht zu stark und nicht leicht zu gut gefugt sein könne; und daß, wo es hieran ermangelt, wo sich hier eine Lücke bei der andern zeigt und der eine Stein geborsten, der ander verwittert und der dritte gestohlen ist, die ganze Pyramide notwendig zusammenfallen müsse. Das Merkwürdigste bei dieser Vergleichung ist, daß die Natur gerade nach den Regeln arbeitet, welche diese pyramidalische Einrichtung erfordert. Denn man wird wahrnehmen, daß im großen Durchschnitt die menschliche Pyramide immer nach der Spitze zu am ersten abnehme und verdorre. Je höher hinauf, je mehr schwächliche Gesundheiten und Übel; die fürstlichen Söhne verderben sich früh, damit ihre Kinder dem Staate nicht zur Last fallen; die jungen Edelleute folgen einem so großen Exempel, und man sagt überhaupt: Große Männer erziehen schlechte Kinder. Mit Macht dringt sich Gesundheit, Fleiß und Stärke immer von unten auf gegen die Höhe; diese eisernen Tugenden des untern Teils der Pyramide schieben täglich eine Menge zum Schafte hinaus, welche dort absterben und wie verdorrete Zweige herunterfallen; die Hauptstädte werden immer von dem dauerhaften Pflugstande bevölkert, in der Handlung zählt man immer mehr gewordene als erzeugte Reiche; und selbst von den Gelehrten will man angemerkt haben, daß die vom geringsten Herkommen in ihrer Jugend den mehrsten Fleiß, als Männer die wahre Dauer zur Arbeit und am seltensten den Fehler der Hypochondrie haben. Diejenigen haben der Natur gemäß gearbeitet, die dem Menschen erlaubt haben, dem Heiraten durch ein Gelübde zu entsagen; vorausgesetzt, daß keiner zu diesem Gelübde gelassen werde, der zum Grunde der Pyramide gehört oder billig zu dessen Verstärkung gebrauchet werden kann; und das ist auch mehrmalen heilsamlich verordnet worden. Man mag dagegen so vieles einwenden, wie man will: so ist doch offenbar, daß, wenn die fürstlichen, gräflichen, adlichen und andrer guter Leute Kinder sich wie die geringen vermehrten, die Pyramide oben so dick wie unten werden und der Schaft seinen Grund tief in die Erde drücken würde; oder wir müßten eine andre politische Einrichtung haben, nach welcher die jüngern Kinder Stand und Wappen ablegen und sich dem Gewerbe oder Ackerbau ergeben könnten.

Der Militärstand ist zwar freilich ein großer Abnehmer dieser Kinder. Allein, da auch dieser immer mehr und mehr heiratet und ein Offizier wie billig nur Offiziern zeugt: so wird die Aussicht immer schlimmer; und der unterste Teil der Pyramide, der jener weichen muß, wird gar ausgehn, wenn ihm der Soldat, der Weib und Kinder hat, heimlich oder öffentlich die Nahrung zu entziehen gezwungen wird. Dieser letzte Bruchschade ist unheilbar; und doch wird er so wenig erkannt, daß man sogar hie und da dem Soldaten ein Handwerk frei zu treiben erlaubt.

In den Morgenländern, wo man nur Verschnittene zu den höchsten Posten zieht, hat man ebenfalls gefühlt, daß die Pyramide ihr Verhältnis verlieren und der Kopf oder Kropf zu groß werden würde, wofern man nicht der gar zu starken Vermehrung des unfruchtbaren oder unsteuerbaren Standes der Menschen vorbeugte. Man ist aber in der Wahl der Mittel unstreitig unglücklicher gewesen. Nur der Deutsche, der heute aus dem Bäcker einen Ratsherrn und übers Jahr aus dem Ratsherrn wiederum einen Bäcker macht, hat den vernünftigsten Weg erwählt, die vielen Auswüchse des Schafts zu verhindern und den Grund seiner Pyramide durch Ehre, und Arbeit zu verstärken ...

Johann, seid doch so gut!

»Johann! Nun, wo bleibt der Kerl? Sofort lauft mir zu dem verfluchten Schuster und sagt ihm, wo er mir die Stiefeln nicht in Zeit von zwei Stunden ins Haus lieferte: so sollte er fünfzig Stockprügel haben; und du ebensoviel, wenn du nicht läufst, was du kannst ...«

»Ja, Herr Hauptmann«, sagte Johann und ging, ohne eine Nerve mehr als gewöhnlich anzustrengen. Allein, indem er noch so ging, rief der Hauptmann: »Johann! bringt mir doch etwas Tobak mit.« »Recht gern«, versetzte dieser und ging etwas eilfertiger zu seinem Hute. In dem Augenblick, da er aus dem Hause gehen wollte, kam ihm der Herr nach und sagte mit einem sehr freundschaftlichen Tone: »Johann, Ihr könntet mir wohl einen rechten Gefallen tun, wenn Ihr zu meiner Frauen« (diese war auf einem nahegelegenen Landgute) »hinausliefet und ihr sagtet, daß ich diesen Mittag einige gute Freunde mitbringen würde; Ihr müsset aber, wie Ihr wisset, in der Stunde wiederum hiersein.«

Wer lief freudiger als Johann? In weniger als einer Stunde waren alle Aufträge verrichtet, ohnerachtet das Landgut beinahe eine Stunde von der Stadt lag; und der Hauptmann sahe mit Verwunderung seinen Diener noch eher, als er ihn erwartet hatte, zurückkommen, ihn seinen Bericht mit Freuden abstatten, nach einer kleinen Lobeserhebung von seinem Herrn verschiedene Bedürfnisse, welche die Frau Hauptmannin verlangt hatte, wiederum heraustragen, den Mittag unverdrossen aufwarten, den Nachmittag seine Geschäfte tun und in der Nacht zu Fuße neben seines Herrn Pferde nach der Stadt traben; anstatt daß er sonst gerade nur dasjenige tat, was er tun mußte, sooft ihm sein Herr ohne Vorrede: »Johann, tue das« sagte.

Der Oberste, welcher mit von der Gesellschaft gewesen war und die Unverdrossenheit des jungen Menschen bewunderte, bat den Hauptmann inständig, ihm diesen Bedienten überzulassen; lange hätte er gewünscht, einen solchen Kerl zu haben; alles Gesinde, was er hätte, wäre träge und faul, und man müßte den Leuten alles, was sie tun sollten, ins Maul stopfen, ohnerachtet er doch meinte, daß sie es besser bei ihm hätten als sonst irgendwo in der ganzen Stadt und daß er ihnen den Lohn noch kürzlich verbessert hätte ...

»Von Herzen gern«, sagte der Hauptmann, »allein, der Herr Oberst müssen mir einen von den Ihrigen wieder überlassen, weil ich sogleich keinen andern habe ...«

Gut, der Wechsel wurde vollzogen: Johann kam bei dem Herrn Obersten und Peter, ein stockischer Maulaffe, bei dem Hauptmann. Kaum waren acht Tage vorüber: so führte der Oberste seine vorige Klage, und Johann, dem er doch seinen Lohn verbessert hatte, war nicht besser als die übrigen. Peter hingegen wollte sich für den Hauptmann, der, ob er gleich bisweilen mit Stockprügeln drohete, allemal zu rechter Zeit ein gutes Wort gab, zu Tode laufen.

»Ich weiß nicht, wie Sie es in aller Welt anfangen«, sagte der Oberste zu ihm, »daß Ihre Leute Ihnen so gut dienen; ich gebe den meinigen einen bessern Lohn, sie haben mehrere Freiheit und weniger Arbeit als bei Ihnen, sie erhalten überdem so viel Spielgelder, und doch ...«

»Oh«, erwiderte der Hauptmann, »daran liegt es alles nicht. Der Mensch ist ein wunderliches Tier; sein Körper steht unter unser Fuchtel, aber seine Seele nicht. Wir können diese zwar auch nach unserm Gefallen regieren, aber dann wird sie immer enger und kleiner, und man kann einem nicht befehlen, Witz und Verstand zu haben. Dieses sind Eigenschaften, welche wir in andern auf mancherlei Art erwecken, nähren und unterhalten müssen. Wenn ich zu meinem Koch sage: »Schaffe mir eine Pastete«, so schaffet er mir eine, dergleichen ich ihm alle Jahr eine mit allen Ungewittern in die Küche schicke. Sage ich aber: »Mein guter Koch, macht mir doch einmal eine Pastete, so wie sie die Frau Oberstin gern ißt und so, daß wir beide Ehre davon haben«, so können Sie glauben, der König hat sie nicht besser. Meiner Frau geht es mit ihrem Kammermädgen ebenso. Ist die Hexe übler Humeur: so sitzt meiner Frauen das Zeug ordentlich und steif, aber nicht ein bißgen gefällig; sie sieht aus wie eine Schuldigkeit in puris naturalibus. Meine Frau, die dieses weiß, versäumet es daher nie, ihr, sooft sie ein wenig glänzen will, schon frühmorgens ein gutes Gesicht zu machen, sie ihre liebe Lisette zu nennen und ihr alles bittweise zu befehlen. Und dann lacht gewiß aus jeder Schleife, die sie ihr anlegt, eine Grazie. Dieses hindert aber nicht, daß sie nicht bisweilen, wenn meine Frau im Nachtzeuge bleiben will, das dumme Tier zum Henker schickt und ihr sogleich das Haus zu räumen befiehlt, wenn sie es nicht besser verdient. Nein, dieses muß auch sein, man muß zu rechter Zeit das Böse mit dem Guten abwechseln lassen, wenn jedes die gehörige Empfindung erregen soll.«

»Ei zum Henker«, versetzte der Oberste, »wer kann mit den Menschen solche Kapriolen machen? Ich befehle meinen Leuten trocken und gut, was sie tun sollen, bezahle sie richtig, gebe ihnen, was sich gebühret, auch noch wohl zuzeiten ein mehrers, und mehr kann ich nicht tun; ich habe andre Sachen zu bedenken, als mich mit dergleichen Kleinigkeiten abzugeben, und ...«

»Aber Herr Oberst! wie macht es unser König? Dem einen schreibt er: »Mein Herr General«, dem andern: »Mein lieber Herr General«, dem dritten: »Mein lieber Freund«; den einen versichert er beim Schlusse seiner Gnade, den andern umarmt er, den dritten umarmt er von ganzem Herzen; bisweilen befiehlt er trocken, bisweilen gnädig, bisweilen gar freundschaftlich und zärtlich. Alles dieses tut er, um seinen Generalen neuen Eifer, schärfere Einsichten, mutigere Unternehmungen und gleichsam eine besondre Seele einzuflößen. Jeder ist schuldig, ihm zu dienen, jeder hat seinen Sold richtig, auch noch wohl eine gute Verbesserung. Allein, um Verstand, Zutrauen und Liebe im höchsten Grade zu erwecken, um alle Kräfte in Bewegung zu bringen, macht er es wie eine schlaue Kokette, die ihres Liebhabers Beutel rein ausfegen will. Die hitzigen Liebhaber opfern Gut und Blut auf; und so will die Welt, so will mein Koch regieret sein ...«

Der Oberste schüttelte den Kopf; Johann ging seinen steifen Gang und tat seine Pflicht; Peter ließ seinen Hut nach der neuesten Mode fassen und tat, was er immer konnte. Dabei aber aß der Hauptmann allezeit gute Pasteten, und die Frau Hauptmannin war ganz allerliebst gekleidet.

Vorschlag zum bessern Unterhalt des Reichskammergerichts

Da man jetzt in England mit dem großen Entwurfe umgeht, alles deutsche Linnen, was dort hinkömmt, mit einer solchen Auflage zu beschweren, daß es endlich ganz zurückbleiben und den schottischen und irischen Linnen weichen soll; in Deutschland aber, wo die heilsame Justiz immer die große Nationalangelegenheit bleibt, man sich noch nicht über die Mittel vereinigen können, wie des Heil. Röm. Reichs Kammergericht, von dessen Notwendigkeit jeder rechtschaffener Mann überzeugt ist, in seiner gehörigen Vollständigkeit zu erhalten und billiger Weise zu bezahlen sei: so wäre es wohl unter allen Vorschlägen, die seit der Zeit, daß jeder Staat einige Projektenmacher als notwendige Räte angenommen hat, geheckt sind, nicht der schlechteste, wenn sich die edle deutsche Nation unter der allerhöchsten Genehmigung ihres Oberhaupts dahin vereinigte, daß in allen Häfen und Anfurten unsers werten Vaterlandes sowie auf allen Grenzpässen nach der niederländischen Seite ebenfalls ein verhältnismäßiger Zoll auf alle englische Wollenwaren gelegt und dieser zum Unterhalt für hochbesagtes Reichsgericht angewandt würde.

Man rechnet in England, daß für drei Millionen und dreimalhunderttausend Pfund Sterling Wollenwaren in Deutschland und in Norden abgesetzt werden. Wahrscheinlich kömmt davon für eine Million Pf. St. zu uns. Wenn wir einen Impost von 35 p.C., als soviel die deutschen Linnen jetzt in England würklich bezahlen, darauf legten: so würde dieses jährlich schon mehr als zwei Millionen Taler betragen, und mit einer solchen Summe könnte man gewiß so viel Assessores besolden, als unsre Prozeßsucht erfordert und nötig sein würde, um alle Prozesse jedesmal in einer Zeit von drei Jahren zu Ende zu bringen. Vielleicht reichte auch der zehnte Teil schon hin, das Erforderliche zu bestreiten.

Bis dahin sind alle englische Waren in Deutschland zollfrei eingegangen, weil dessen einzelne Stände den Häfen und Städten, wodurch solche in ihre Länder kommen, nicht gestatten können und wollen, solche zu ihrem Nachteil zu beschweren; die letztern auch mehrern Vorteil dabei gefunden, wenn sie frei viele ausländische Waren dem armen Vaterlande zuschicken können, als wenn sie durch Auflagen die Zufuhr verhindert hätten; und diese Verfassung wird immer so bleiben müssen, solange das Heil. Röm. Reichs Fürsten für dergleichen Auflagen nicht eine gemeinschaftliche Kasse, deren Einnahme jedem Stande in seinem Verhältnisse zugute kömmt, errichten. Diese aber kann in der Tat zu keiner bessern Absicht errichtet werden als zu dem vorgedachten großen Zwecke, woran Haupt und Gliedern insgemein gelegen und mit welchem die edle deutsche Freiheit stehen oder fallen muß.

Zwar wird man einwenden, daß bei einem solchen Impost alle englische Waren gar bald gänzlich zurückbleiben und unsre deutschen Fabriken, welche bereits würklich den englischen in vielen Arten von Waren gleichkommen, den Markt allein haben würden. Allein, ohne zu gedenken, daß wir, so wie hier oben bereits gezeiget, keine Auflage von 35 p.C. zu machen gebrauchen, sondern mit dem zehnten Teil zukommen können und daß hierdurch die englischen Manufakturen vermutlich nicht ganz zurückgehalten werden dürften: so wird zu der Zeit, wenn wir erst so glücklich sein werden, die fremden Wollenwaren gänzlich entbehren zu können, sich noch allemal ein patriotisches Projekt wieder finden, wodurch dieses Minus in der zu errichtenden Reichskasse ersetzet werden kann; und vielleicht sind wir zu der Zeit gar so glücklich, daß mittlerweile alle unsre alten Prozesse abgetan und die neuen mit wenigern Kosten durchgebracht werden können. Außerdem aber werden noch immer so viel amerikanische Produkten aus den noch unbeschwerten englischen Kolonien zu uns kommen, woran wir uns erholen können, daß kein gänzlicher Ausfall eher zu befürchten, als bis alle unsre Heiden den schönsten Tobak tragen und unsre Berge mit Mahagoni-Eichen bewachsen sein werden. Und gegen diese Zeit, denke ich, sind wir so reich, daß wir auch Flotten in der See haben und uns den Unterhalt für das Kammergericht von den zinsbaren Inseln einschicken lassen können.

Überhaupt aber würde die deutsche Handlung und Manufaktur ein ganz neues Leben bekommen, wenn dieselbe durch gemeinschaftliche Auflagen zum allgemeinen Reichsbesten regieret werden könnte. Es ist kein Reich jetzt in der Welt, was nicht in solcher Absicht ein gewisses System hat, nach welchem Aus- und Einfuhr nach der innern Bedürfnisse des Staats entweder gehindert oder gehoben wird. Deutschland allein ist ein offnes Reich, was von allen seinen Nachbaren durch die Handlung geplündert wird und in welchem das Interesse aller Seehäfen mit dem Interesse des innern Landes auf das offenbareste streitet. Kein einzelner Staat kann hierin für sich eine große Änderung machen, ohne weiter etwas zu tun, als den Handel, der bisher den Weg durch seine Straßen genommen, seinen laurenden Nachbaren zuzuwenden. Was auf der Elbe zu sehr beschweret werden würde, liefe in die Weser, und was hier nicht ohne Abgabe eingehen könnte, würde die Emse suchen oder durch die Niederlande zu uns kommen, ja wohl gar, sowie jetzt schon würklich geschieht, den Weg über Trieste nach Sachsen suchen. Die Franzosen, welche höchstens unsre rohen Produkten einlassen und solche jetzt aus vielen hieher nicht gehörigen Ursachen teurer als wir selbst nutzen können, nehmen nichts aus Deutschland, woran die Hand etwas Beträchtliches gewonnen hat, wir hingegen sehr viele Sachen, woran die Hand unendlich verdienet hat, von ihnen. Wir lassen solche frei ein, weil wir sie nach unser mißhelligen Verfassung nicht beschweren können; und seitdem diese alten Erbfeinde deutscher Nation sich in unsre Erbfreunde verwandelt haben, können wir sicher darauf rechnen, daß sie unsre Fabriken nicht aufkommen lassen werden, wenigstens diejenigen nicht, woran wir mehr als Salz und Brod gewinnen könnten. Schweden erhält vermöge seiner Zollregister fast wenig oder nichts mehr von allem, was wir ehedem dahin gesandt haben. Dänemark macht es nicht viel besser, und Rußlands Zölle sind so hoch und strenge, daß sie mit der Zeit, wenn erst alles selbst im Lande gemacht werden kann, nichts mehr von uns nehmen können, und Polen ... Deutschland aber allein hat kein gemeinschaftliches Interesse, wodurch seine Seehäfen mit dem innern Lande zu einem Zwecke gestimmt und gebracht werden könnten. Dessen Zollwesen steht noch auf denselben Grundsätzen, worauf es vor 500 Jahren, wie alle seine Nachbaren noch von seinen Kaufleuten abhängig waren, gestanden hat; und in jeder Kapitulation wird es, in Rücksicht auf seinen würklichen Zustand mit dem besten Grunde, sonst aber wahrlich ohne Rücksicht auf die Handlung wiederholet, daß kein neuer Zoll angelegt, kein alter erhöhet und somit das werte Vaterland allen wachsamen Nationen zum beständigen Raube gelassen werden solle.

Vorschlag zu einer Zettelbank

Wenn unter der besten Garantie und Sicherheit in der Hauptstadt des Landes eine Bank errichtet würde, worin man sein Geld zur Sicherheit verwahren und allenfalls auch, bis zu einer bessern Gelegenheit, zwei vom Hundert als eine Zinse davon genießen könnte;

wenn alle Depositengelder, welche bei den Gerichten ungebraucht liegen, in diese Bank geschickt werden müßten;

wenn, anstatt bei öffentlichen Versteigerungen bar Geld ins Gerichte zu bezahlen, jeder Käufer nur zu bescheinigen gebrauchte, daß er den Kaufschilling in diese Bank geliefert hätte;

wenn, sooft Gläubiger im Gerichte bezahlet werden müßten, der Richter ihnen nur die Scheine auf diese Bank zu geben brauchte, um bei derselben ihre Bezahlungen zu empfangen; wenn alle Vormünder angewiesen würden, die Gelder ihrer Pupillen nicht über 8 Tage im Hause zu haben, sondern solche bis zu einer bessern Belegung in die Bank zu liefern; wenn denn der Vormund, sobald er eine bessere Belegung fände, demjenigen, der das _Geld annimmt, nur den Bankschein einliefern dürfte, um das Geld selbst in Empfang zu nehmen;

wenn alle pia corpora nach dem Exempel der Vormünder verfahren müßten;

wenn alle öffentlichen Kassen ihre lahmliegenden Gelder dahin abgeben könnten: ...

so würde man nicht allein vieles Zählen und Wägen, sondern auch sehr viele Umschweife und Mühe, besonders auch Porto und Gerichtsgebühren ersparen und mit mehrer Sicherheit und Ruhe einen Bankschein als das bare Geld selbst bewahren; man würde mindern Verlust bei den Geldsorten haben und vom Lande in die Stadt und von der Stadt aufs Land die Zahlung lieber mit Banknoten als mit barem Gelde verrichten.

Hauptsächlich aber würde man aller Wahrscheinlichkeit nach auf diese Weise immer ein großes Kapital gegen einen geringen Zins in der Bank haben und dieses zum Vorteil der Handlung nutzen können.

Wann dann von diesem Kapital auf keine andre Pfänder als auf Linnen und Garn, welches ballenweise in die Bank geliefert würde, und höchstens auch auf Wollenballen zu vier vom Hundert vorgeschossen würde:

so würde der einheimische Kaufmann nie zur Unzeit losschlagen dürfen; er würde sein Linnen und Garn so lange auf eigne Rechnung behalten können, bis es von außen gefordert würde; er würde nur den dritten Teil des Geldes nötig haben, was er jetzt nötig hat; und der Wollenfabrikant könnte zu rechter Zeit das Nötige ankaufen und einen Ballen nach dem andern, so wie er die Zahlung leistete, aus der Bank ziehen.

Diese Art der Anstalt, welche ich hier nur auf eine ungekünstelte Art aufzustellen bemühet bin, nennet man eine Zettelbank, und solche ist in allen Ländern, wo das bare Geld und der Privatkredit nicht zureicht, die Unternehmungen seiner Eingesessenen zu bestreiten, jederzeit von dem größten Nutzen befunden worden. Es ist dieses die erste, natürlichste, einfältigste und sicherste Art, den Landeskredit zu nutzen, das Kapital, was in der Zirkulation ist, zu verdoppeln und solches einzig und allein zum Vorteil der Handlung zu gebrauchen. Was kann also einen Staat, dem es an Kredit nicht ermangelt, abhalten, diesen Vorteil sich und seinen Einwohnern zu verschaffen?

Erstlich, wenn Geld und Privatkredit genug vorhanden?

Zweitens, wenn es an einheimischem Fleiße und Gelegenheit mangelt, ein doppeltes Kapital zu gebrauchen?

Drittens, wenn zu befürchten ist, daß die Zirkulation mit zu vielen Geltungen (Münze und Papier sind beides Geltungen) zu sehr überhäuft, folglich die Zinse zu niedrig fallen werde? Allein, welcher Staat in Deutschland kann sich auf den ersten und dritten Grund berufen? und welcher Patriot wird nicht hoffen, daß Mittel auch Mut und Fleiß erwecken werden?

Wahrscheinlich würden die Scheine einer osnabrückischen Bank auch in Bremen und Holland Kredit finden; und wie vieles würde nicht auch hiedurch ersparet werden? Ein Kaufmann, der in Bremen zu bezahlen hat, schickt das Geld mit einem Frachtwagen hin; ein ander, der für Linnen dort etwas zu empfangen hat, läßt dieses ebenso unsicher dorther kommen, und wenngleich auch dann und wann eine Assignation ins Mittel tritt: so ist diese doch bisweilen unsicher, man muß sie erst aufsuchen, und sie laufen in einem zu kleinen Zirkel; wenn dagegen jeder Kaufmann in Bremen das Linnen mit Bankscheinen bezahlen ließe: so würde der Bremer auch diese wieder nehmen und, anstatt leichtes Gold oder schlechte Münze für uns zu sammlen, jene Scheine zurückschicken. Ebenso würde es der Holländer machen, und auch für die holländischen Wechsel, welche wir in Bremen verkauften, würden wir unsre Bezahlung in Banknoten geschwinder, leichter und wohlfeiler erhalten. Alles, was dabei verlorengehen könnte, wäre die jetzige Krämerei mit der Münze und dem leichten Golde, da der Kaufmann immer für sein Linnen das schlechteste Geld, was er nur gebrauchen kann, in Bezahlung nimmt und dasjenige, was er in Bremen zu bezahlen hat, mit demjenigen, was dort am höchsten gilt, verrichtet. Allein, eben dieses würde ein wesentlicher Vorteil für den Staat sein, und der Kaufmann ersparete leicht an Porto, Provision und auf andre Art so vieles wieder, als er auf jene Art verloren.

Ich erinnere mich eines Fäßgen Geldes, was vor einigen Jahren, wie die leichte Münze noch im Cours war, in der Zeit von zweien Monaten sechsmal das hiesige Postamt passierte, ohne jemals von dem Versender eröffnet zu sein. Es ging immer in Bezahlung von Hamburg nach Amsterdam und von Amsterdam nach Hamburg. Hätte nun eine Banknote die Stelle dieses Fäßgens vertreten: wieviel Porto würde nicht sein ersparet worden? Und das Geld, was in dem Fäßgen war, hätte man inzwischen weit besser nutzen können.

Der alte Rat

»Da liege so lange, bis ich dich wieder aufsetze«, sagte Sidney zu seiner Brille und warf sie unmutig vor sich auf den Tisch, da sie seinen verdunkelten Augen nicht mehr die Dienste leisten wollte, die er vielleicht mit Unrecht von ihr forderte. In dem Augenblick trat sein Bedienter herein und meldete ihm eine Dame, deren Name nicht viel zur Sache tut, wenn sie auch GertrudDer Kammergerichtsassessor von Ludolf bemerkt es irgendwo in seinen Observationibus, daß alle Damen, so am Kammergericht Prozesse gehabt, diesen Namen geführt. geheißen hätte. »Ich wollte, daß das Ungewitter alle Quälerinnen zum Henker führte; sagt ihr, ich sei nicht zu Hause«, war die Antwort, womit er den Bedienten fortschickte. Gelassen nahm er darauf seine Brille wieder auf und machte das Urteil fertig, warum die Dame bitten wollte und woran er vorher gearbeitet hatte. Kaum hatte er sich in seinen Lehnstuhl zurückgelehnt, um eine Arbeit zu überdenken, die ihm sein Fürst aufgetragen hatte: so kam ein Hoflakai und forderte ihn nach Hofe. »Der Fürst denkt doch, ein ehrlicher Kerl habe nichts zu tun als hin und her zu laufen«, murmelte er vor sich und eilte mit einem solchen Eifer, seinem Herrn aufzuwarten, daß er seine Brille darüber in Stücken warf. Der Fürst sprach ihn über die Sache, welche dieser bereits überdacht und wozu er den Plan schon völlig angelegt hatte: er konnte aber weiter nichts aus ihm bringen als: »Ihro Durchlaucht müssen Gedult haben.« Bei seiner Zurückkunft begegnete ihm ein alter unglücklicher Mann, den er vorher in bessern Umständen gekannt hatte und der sich ihm furchtsam näherte. Mit einem wohltätigen Eifer gab er ihm in der Geschwindigkeit alles Geld, was er bei sich hatte und das nicht unbeträchtlich war, begleitete es aber mit dem rauhen Segen: »Nun geht in Gottes Namen.« Zu Hause fand er jetzt seine Brille auf der Erde, schalt auf die ewigen Zeitverderber und vollendete die Arbeit seines Fürsten, obgleich die Brille vor dem einen Auge geborsten war. Es ward indessen Abend, und seine liebenswürdige Nichte glaubte, den Augenblick zu finden, ihn wegen ihrer Heirat, worin er schon längst gewilliget hatte, zu sprechen. Wie sie in sein Zimmer trat, erzählte er ihr die Geschichte von seiner Brille und das mit einem solchen Eifer, daß das arme Mädgen das Herz nicht hatte, ihres Anliegens zu gedenken. Als sie endlich traurig weggehen wollte, rief er ihr nach: »Apropos! Cousine, Eure Hochzeit wird bald sein, hier habt Ihr, was ich Euch vorerst mitzugeben gedenke, aber nun laßt mich mit allen Anstalten ungeschoren. Macht alles so gut, wie Ihr könnt und wollt, ich will es bezahlen, aber nun nichts mehr davon hören. Versteht Ihr mich?« Die arme Hexe ging furchtsam weg, sahe, daß ihr der gute Onkel zehntausend Taler zum Brautschatze geschenkt hatte, und durfte es doch nicht wagen, ihm dafür zu danken. Beim Abendessen faßte sie seine Hand und benetzte solche mit einer dankbaren Träne. Zum Unglück für sie war er eben in ein wichtiges Projekt vertieft; er fuhr also auf, und wie er ihre Rührung sahe, sagte er ihr weiter nichts als: »Mach ich es denn immer unrecht?« In der Eilfertigkeit, womit sie sich zurückzog, wurf sie ein Glas Wein um, das vor ihr auf dem Tische stand. Hier forschte er mit der größten Sorgfalt nach, ob sie sich auch erschrocken oder Schaden getan hätte, beruhigte sie mit den freundschaftlichsten Worten und erzählte ihr, um sie zu trösten, wie es ihm heute ebenso mit der Brille ergangen wäre ... Der alte gute Rat.

Der junge Rat

Die feine Welt hat eine gewisse allgemeine Sprache, worin sie sich bei jeder Gelegenheit etwas Angenehmes und Gefälliges sagt. Der Einfältige spricht sie so gut wie der Witzige, und man umarmt einen Feind wie einen Freund mit einer gewissen zärtlichen Manier, über deren Wert man sich völlig versteht. Es gibt aber in dieser feinen Welt noch Leute, welche diese Sprache und diese Manier besonders studieret haben, jeden Ausdruck ihrer Augen, jeden Ton ihrer Stimme, jeden Druck ihrer Hand und, was noch mehr ist, selbst einen guten Teil ihres Verstandes und ihrer Tugenden in dieses Geschäfte übertragen und eine besondre Wissenschaft daraus machen. Man kann dergleichen Leute nicht hassen, solange ihr Betragen nicht aus Falschheit herrührt; man muß sie auch dulden, wenn es nicht ins Abgeschmackte fällt; bei dem allen aber ist es doch das Zeichen eines kleinen Genies, so vieles auf den bloßen Ausdruck zu geben und, anstatt sich Wahrheiten und Tugenden zu erwerben, nur immer den Grazien der Figur nachzustreben.

Selimor gehörte völlig in diese Klasse. Außer jener allgemeinen Sprache und den geläufigen Freundschaftsbezeugungen gegen alle seine Mitbürger in der feinen Welt hatte er die Kunst, gefällig zu sein, aufs höchste gebracht. Dorinde mogte vorlegen oder reden, so bezeugte ihr sein aufmerksames Auge, daß er alle ihre Gedanken und Bewegungen dankbar fühlte. Aus allen seinen Wendungen lächelte ihr eine sanfte Schmeichelei entgegen; und wenn der Fürst in den Hofsaal trat: so sprach die feinste Ehrfurcht aus jedem sanften Tritte, womit er den Boden des Zimmers berührte. Seine Stellung war der schönste Ausdruck einer liebenswürdigen Bescheidenheit; und alle Tugenden dienten seiner Begierde, der angenehmste Mann zu sein. Ohne Liebe und Freundschaft zu fühlen, wußte er die Spröde zu gewinnen und der Zärtlichen einen Seufzer abzulocken. Die Flatterhafte sahe sich flüchtig nach ihm um, und die Ernsthafte verweilte sich gern bei ihm. Kurz, in der ganzen feinen Welt war kein Auge, das ihn durchschauete; er herrschte durch die Größe seiner Kunst über alle verfeinerte Geschöpfe und entzog ihnen durch die Macht seiner Bescheidenheit den ganzen Umfang seiner Herrschaft.

Wäre das menschliche Leben nur ein Rosenmonat gewesen, so würde Selimor als der vollkommenste Mann gestorben sein.

Aber nun stelleten sich auch rauhe Winter ein. Der Fürst war in Schulden geraten und überwarf sich mit seinem Kammerpräsidenten, einem würdigen und geschickten, aber trockenen Mann. Das Wohl des Herrn und des Staats erforderte durchaus, diesen Mann beizubehalten, und Selimor wurde an ihn abgeschickt, eine Versöhnung zu stiften. Anstatt aber solche zu befördern, verdarb er die Sache, weil er die trockene Begegnung des Präsidenten für Grobheit aufnahm und das Herz des Fürsten immer tiefer verwundete. Selimor übernahm endlich auf Begehren des Fürsten die Kammersachen. Kaum hatte er solche ein halbes Jahr versehen: so war alles in Verwirrung, weil weder Arbeit noch Dauer in ihm war und die bloße Manier außer der Sphäre der feinen Welt den Mangel wahrer Verdienste nicht ersetzte. Die redlichen und natürlichen Beamten verloren die Hochachtung wie den guten Willen für den Mann, der weder Erfahrung noch Wissenschaft hatte. Einer von den geringern Bedienten, dem der alte Präsident für seine zahlreiche Familie jährlich hundert Taler aus seiner Tasche gegeben hatte und den Selimor nun mit einem freundschaftlichen Lobe zu seinen betrübten Kindern schickte, hieß ihn einen Hofschranzen, weil dieser den Wert der Geschöpfe aus der feinen Welt nicht besser einsahe. Der Militärstand, der in dreien Monaten keine Zahlung gesehen hatte und seine Ungeschicklichkeit in Geschäften bemerkte, schalt ihn einen süßen Herrn. Die Hofdamen, welche das Ihrige auch nicht erhielten, fanden ihn nun sehr fade, und wie er einer von ihnen einen kleinen Dienst mit aller der feinen Anständigkeit leistete, die er in seiner Gewalt hatte, zog diese ihm den Mann vor, der ihr rundweg ohne viele Frisur diente, und fand es abgeschmackt, daß sie für jede Kleinigkeit ein zugeschnittenes Kompliment machen sollte. Eine Witwe, welche die gerechteste Forderung an die Kammer hatte und sich bei ihm melden ließ, ward nicht vorgelassen, weil er hörte, daß sie keinen guten Ton im Vortrag hatte; und der Fürst, der zuletzt von allem, was vorging, auf das genaueste unterrichtet wurde, bezeugte ihm eine völlige Verachtung.

Selimor, der so vielen Unglücksfällen nicht widerstehen konnte, entzog sich der feinen Welt und starb, weil er niemanden mehr gefallen konnte. Der einzige Hofbildhauer erbarmte sich seiner und setzte ihm ein Denkmal, woran jeder die Draperie bewunderte und die Figur, welche weder Größe noch Charakter und Erfindung zeigte, mit Gleichgültigkeit ansah.

Für die Empfindsamen

Sie geben so manchen guten Rat aus und zwar oft an Leute, die es nicht einmal verlangen, viel weniger erkennen, daß Sie mir hoffentlich auch eine Prise davon nicht versagen werden. Ich kann Ihnen dabei sagen, daß er für ein recht liebes junges Mädgen sein soll, bei welcher ich als Kammerjungfer manche gute und auch manche traurige Stunde habe. Das gute Kind laboriert, wie es selbst spricht, an der Empfindsamkeit, einer Krankheit, welche erst seit wenigen Jahren in hiesigen Gegenden bekannt geworden ist und in kurzer Zeit so weit um sich gegriffen hat, daß man sie fast als epidemisch ansehn muß. Die Natur derselben werden Sie am besten beurteilen, wenn ich Ihnen einige der häufigsten Zufälle davon erzählet haben werde. Sie ist immer erstaunend weinerlich; wir vor zwei Jahren ihre Großmama, eine steinalte Frau, die im vorigen Jahrhundert ihr letztes Kindbette gehalten hatte, in dem Herrn sanft und selig entschlief: so weinte sie über ein ganzes Jahr, und noch rollen ihr die Tränen von den Wangen, wenn von der lieben Großmama gesprochen wird. Sooft ich einem Täubgen den Hals umdrehe oder einer Ente den Kopf abhacke, girrt und winselt sie mir die Ohren so voll, daß ich mir nicht getraue, ihr unter Augen zu gehen. Dabei ist sie so schreckhaft, daß der geringste Schein eines Unglücks sie ganz außer sich setzt. Vorigen Winter, als das Feuer aus der Ofenröhre die Tapeten in ihrem Schlafzimmer ergriffen hatte, wäre sie beinahe aufgebrannt. Sie lag ohnmächtig in ihrem Bette, dessen Vorhänge die Flammen bereits ergriffen hatten. Ihr jüngster Bruder fiel unlängst in den Bach, der vor unserm Hause vorbeifließt; und sie stand dabei wie eine Säule, ohne auch nur einmal ein Geschrei zu seiner Rettung zu machen. Ihr ältester Bruder ist nach Amerika abgereiset, und nun wehet kein Wind, der ihr nicht durchs Herz geht; sie zittert bei jeder Post und liest aus jedem Gesichte traurige Nachrichten. Aber ihre Zärtlichkeit geht über alles; ihre Sinnen sind so verfeinert, daß sie aus der ganzen Natur nichts wie den flüchtigsten Duft genießet. Gehe ich mit ihr des Abends in den Mondenschein: so hört sie nichts als das Säuseln der Zephire, das Gelispel der Blätter und das Rieseln unsers von ihr so genannten Silberbachs. Da singt ihr die Nachtigall so süß, und die Apfelblüten duften ihr so sanft, und der Abend erscheinet ihr so wonnevoll, daß ich oft befürchte, sie tauet mir unter den Händen Weg und fließt mit dem Silberbach in die elyseischen Felder.

Mich ergötzen der Gesang der Vögel, das Grün der Felder und die Blumen der Bäume zwar auch; aber mein ganzes Herz wird dadurch gestärkt; es öffnet sich dem mächtigen Danke für alles Gute, was ich empfinde, für den Segen, welchen uns ein gutes Frühjahr verspricht, für die allgemeine Freude aller Geschöpfe, die auf diesen Segen warten, – und diese mächtige Stärkung atme ich mit jedem Lüftgen und Düftgen ein; ich liebe die Kühlung des Abends als eine wohltätige Erfrischung nach des Tages Last und Hitze. Meine alte Mutter pflegte und wartete ich so lange, als sie krank war, und wie Gott sie zu sich nahm, dankte ich ihm freudig, daß er sie vor mehrern Trübsalen in Gnaden bewahret hätte; wo es brennet, da rette ich; und zu meinem Bruder sagte ich, als er zu Felde ging: »Junge, halte dich wohl und komme gesund wieder!«; fiele er ins Wasser: so sprünge ich ihm flugs nach und holte ihn heraus. Das sind so meine Empfindungen, und diese finde ich bei allen Menschen auf dem Lande, wo die Natur noch am wenigsten verdorben ist. Aber so eine Empfindsamkeit, wo man immer weint, bebt, zittert, erstarrt und weder Hand noch Fuß rührt, wo man die Natur nur zum schönen Spielwerk gebraucht, die scheint mir ein Fieber der Seele zu sein, wogegen bei Zeiten etwas gebraucht werden muß, wenn das gute Kind nicht frühzeitig ins Grab zittern soll. Gott sei mir gnädig, wann sie einmal verliebt werden sollte. In Zärtlichkeit aufgelöst, wird sie den beständigen Kreislauf in allen Adern ihres Geliebten haben wollen. Unser Leibarzt, ein geschickter und trockner Mann, sagt, es käme von nichts als von dem vielen Lesen; und sie sollte wohl besser werden, wenn sie sich allmählich zur Landarbeit gewöhnte. Aber das will die liebe Patientin nicht, sie ist ohnehin echauffiert genug, wie sie sagt. »Ei was, echauffiert«, rief er jüngst, »das Echauffement ist eine Aufforderung zur Arbeit und eine hülfreiche Bemühung der Natur, diejenigen Teile zu stärken, welche das mehrste bei der Arbeit verschwenden müssen. Das Echauffement ist am stärksten in der Ernte, und die Zeit bezeichnet hier die Absicht der Natur deutlich; Flachs gerauft, Garben gebunden und die Hitze, welche das Geblüt in Wallung setzt, ausgedampft.« – Hierüber wurde sie so empfindsam, daß wir ihr Tücher mit Wein auf den Puls binden mußten, um die arme Seele von der Ohnmacht zurückzuhalten.

Der Magister darf ihr nicht mehr vor Augen kommen, seitdem er unlängst gegen die empfindsamen Bücher gepredigt und gezeigt hat, daß sie die ganze menschliche Natur verstimmten und eine schleichende Schwäche durch alle Nerven verbreiteten. Anstatt einer wahren starken Natur entstünde eine gemachte und gekünstelte; eine kranke Einbildung träte an die Stelle einer richtigen Vorstellung; wo die Religion Freude und Mut geböte, da winselte das weichfließende Herzgen; die Hülfe, die man von ihnen erwartete, bestünde in unfruchtbaren Tränen, und wo sie mit Rat und Tat erscheinen sollten, da verwirreten sie nur andre mit Stöhnen und Ächzen und wären zu aller Entschlossenheit, die in tausend Fällen des menschlichen Lebens erfordert würde, schlechterdings ungeschickt ...

Ihre Tante, die jüngst eine von unsern Viehmägden, die sich das Bein auf dem Felde zerbrach, auf dem Rücken nach Hause trug und, während der Zeit ich zu dem Wundarzt ging, ihr alle Hülfe leistete, schrie vergebens dem zärtlichen Kinde zu, ihr doch nur ein bißgen Wein aus dem Keller zu bringen: ich fand sie ganz steif vor Schrecken, wie ich wiederkam.

Nun sagen Sie mir aber, mein Herr, was man mit einem solchen Milchmüsgen anfangen soll?

Antwort

Sei Sie ruhig, meine liebe Jungfer, der Brand ist nicht im Brodkorn, sondern nur unter den Nelken, und von diesen wirft der Gärtner doch immer einen Teil weg, ohne Samen und Ableger von ihnen zu verlangen. Wo wollte es auch hinaus, wenn sie sich so stark wie der Weizen vermehrten? Vielleicht hat die Natur ihre guten Absichten dabei, daß sie die zartesten Blumen nicht wider die Nachtfröste gehärtet hat. Das Geschlecht wird darum nicht verlorengehen, sondern immer noch eine und die andre hinter der Glasscheibe blühen, und damit sind die Liebhaber auch zufrieden. Also mache Sie nur, daß das gute Kind in dem nächsten Maimonat einem süßen jungen Herrn in die Augen falle und mit demselben im Mondenschein unter einem blühenden Apfelbaum an den Silberbach komme. Wird sie dann in sanften Entzückungen dahinschmelzen: so tröste Sie sich damit, daß, sowie die verzärtelten Gewächse aussterben, stärkere an ihre Stätte kommen und Sie, meine gute Jungfer, um eine Stufe höher steigen werde. Hiemit Gott befohlen.

Keine Satiren gegen ganze Stände

Antwort an BibulusDer in einem andern Aufsatze den Stand der Vögte angegriffen und sich selbst als Vogt unterschrieben hatte.

Sie hätten sich, mein lieber Herr Bibulus, für Ihre Person so weit herabsetzen mögen, wie es Ihnen gefallen hätte; dieses würde Ihnen niemand übelgenommen haben, wenn Sie sich auch ein bißgen in dem Kote gewälzet hätten. Allein, Ihr Amt, ein Amt, was der Landesherr rechtschaffenen und angesehenen Männern anvertrauet, hätten Sie schonen und kein Wort von dem jetzigen Vogte sagen sollen. Denn was von Ihnen selbst gilt, das gilt zum höchsten noch von einem, aber sonst auch von keinem andern, soviel ich auch ihrer zu kennen die Ehre habe. Was ehedem von dem seligen Vogte in diesen Blättern geschrieben ist, zeigt die ganze Würde und den großen Wert des Amts, welches ein Vogt hieselbst bekleidet, den unendlichen Einfluß auf das gemeine Beste, welchen er sich geben kann, und die hohe Achtung, so er verdient, wenn er sich durch Einsicht und Redlichkeit das nötige Ansehn erwirbt. Die Absicht des Verfassers, der sich in seinen Patriotischen Phantasien zu diesem Stück bekannt hat, ging dahin, den Dienst zu erheben, um große Männer zu vermögen, denselben anzunehmen und unwürdige davon auszuschließen. Sooft derselbe die Satire zur Besserung eines Standes gebraucht, will er durch Liebe gewinnen und keine Abneigung gegen seine Lehren erwecken. Er macht es wie der Capitain, der auch mit einem schlechten Unteroffizier nicht anders als mit dem Hute in der Hand spricht, um Leuten, welche die Seele des Regiments sind, Achtung gegen ihren Stand und durch diese Achtung einen Geist beizubringen, der sich unter der Beschimpfung verlieret. Er spricht mit Ehrfurcht von dem Landmanne, wenn er gleich einem schlechten Wirte die Geißel fühlen läßt; er macht den Handwerker zum ersten Patrioten, um ihn von der Versuchung abzuhalten, ein schädlicher Krämer zu werden, und zieht den großen Kaufmann allen großen und kleinen Männergen, vor, damit derselbe sich nicht durch einen Adelbrief erniedrigen oder seine Tochter zu unbürgerlichen Ehen bereden möge. Dieses ist, wenn Sie es bemerkt haben, immer seine Manier gewesen, und er glaubt, daß dieses noch der einzige Weg sei, um etwas zur allgemeinen Besserung beizutragen. Wenn die Hohen dieser Welt einem Pfarrer nicht mit der gehörigen Achtung begegnen: so denkt er, ihre Nachkommen werden bei dem Vorreuter zur Beichte gehen; und wenn er von Advokatenstreichen sprechen höret: so fürchtet er, daß sich mit der Zeit kein redlicher und großer Mann in einen Stand begeben werde, welchem man auf eine so unwürdige Art begegnet. Er fürchtet, Eigentum und Freiheit sei in der äußersten Gefahr, wenn ihre Verteidigung Männern obliegt, die einen solchen Vorwurf zu erleiden haben. Man hasse, man verfolge, man geißele den schlechten Kerl, sagt er, aber man ehre seinen Stand nach dem Maße, wie er dem gemeinen Wesen nötig und nützlich ist. Ein römischer Bürger stand nicht unter der Rute, und einer gleichen Ehre genießen in allen wohlgeordneten Staaten verschiedene Stände. Man entsetzt sie erst ihres Standes und peitschet sie hernach wie andre schlechte Missetäter. Dieses muß die Politik der Satire sein, wenn sie als ein öffentliches Strafamt geduldet werden soll; und Sie, Herr Bibulus, da Sie selbst, obgleich unverdient, die Ehre haben, ein Vogt zu sein, hätten solche nicht außer Augen setzen sollen. Es ist ein schlechter Vogel, sagten unsre deutschen Vorfahren, der sein eignes Nest verunreiniget; und eben das gilt von der Entehrung seines eignen Standes. Ich kenne einen Vogt im Lande, der sein Haus brennen ließ, um die Rettungsanstalten für das Dorf anzuführen; ich kenne einen andern, der die ihm für eine Kornausmessung bei der teuren Zeit zugebilligte Diäten verbat, weil er das Geschäfte zu seiner Pflicht rechnete; ich könnte Ihnen einen nennen, der in seiner Vogtei keinen Streit zu einem gerichtlichen Prozeß kommen läßt, der seine Leute in der strengsten Zucht zu halten weiß, ohne ihre Liebe zu verlieren, der nie eine Erinnerung abgewartet hat, um seine Dienstpflichten zu erfüllen, und der zu seinem Vergnügen seine ganze Vogtei mit den besten Obstbäumen unentgeltlich versorgt hat. Männer von dieser Art verdienen nicht, daß man ihren Stand angreife und sie dadurch mit schlechtern vermische.

Die Gefahr, welche aus einer solchen Vermischung entsteht, ist fürchterlicher, wie Sie zu glauben scheinen. In dem vorigen Kriege hörte ein englischer Generalkommissarius, ich will den redlichen Mann nennen, er hieß Elliot, daß ein allgemeiner Verdacht der Betriegerei die Männer seines Standes drückte; sogleich faßte er seinen Entschluß, legte sein Amt nieder und ging nach England zurück. Und vielleicht hat die Krone durch seinen Abgang eine Million mehr verloren; vielleicht sind hundert ehrliche Leute dadurch um ihre Bezahlung gekommen, und gewiß ist das Gemische von den damaligen Kommissarien dadurch immer schlechter geworden, daß ein solcher Mann sich demselben entzog. Wieviel Mühe hat die Wundarzenei gehabt, Genies und Männer von Einsichten an sich zu ziehen, weil sie mit der Baderei in Deutschland vermischt und verachtet wurde! Und wie elend sahe es um die Ehre des Militärstandes aus, als man noch sagte, daß bloß ungeratene Söhne dem Kalbfelle nachliefen? Wer geht noch jetzt unter ein Regiment, das im üblen Rufe steht? Wer gibt sein gutes Kind in eine Bauerschaft, die man diebisch heißt?

Dieses sind aber die natürlichen Folgen aller Satiren, welche einen ganzen Stand, ein Regiment oder ein Dorf angreifen; und wie soll man hernach Leute, denen man die Reizung der Ehre, die Achtung gegen ihren Dienst und die hieraus fließende Empfindung aus dem Herzen schlägt, in Ordnung halten?

Derjenige Staat ist glücklich, der viele rechtschaffene, geliebte und geehrte Diener hat. Um diese zu erhalten, spart er gern das Geld, wozu der geringere Teil der Menschen das mehrste aufbringen muß, und belohnt sie mit der Ehre, die den Steuerbaren nichts kostet. Allein, durch jene Art von Angriffen, welche einem ganzen Stande die Fehler seiner Mitglieder, sollten diese auch noch so gegründet sein, aufrücken, verschüttet man diese edle Quelle; man zwingt diejenigen, die einen verachteten Stand ergreifen, sich wegen ihrer Verachtung aufs teureste schadlos zu halten und nur bloß um schnöden Gewinst zu dienen. Man setzt den Staat in die Notwendigkeit, scharfe Mittel zu ergreifen und sich den Vorwurf eines despotischen Verfahrens zuzuziehen; man fährt bei dem allen mit hartmäulicht gemachten Pferden schlechter wie mit mutigen und empfindlichen und beladet sich endlich selbst mit allen den üblen Folgen, die aus dem daraus entstehenden Verderben stromweise fließen. Die moralischen Stände der Menschen, als den Stand der Geizigen, der Verschwenderischen und andrer Lasterhaften, kann man immerhin angreifen, aber nicht den bürgerlichen.

Ohnfehlbar hatten Sie die gute Absicht zu bessern. Urteilen Sie aber jetzt selbst, ob sie glücklich in der Wahl der Mittel gewesen, da Sie den jetzigen Vogt, der ebensogut wie in benachbarten Landen Amtmann heißen könnte, wenn man hier nicht mit der Ehre ökonomischer umgehen müßte, von derjenigen Seite gezeigt haben, welche der Ihrige preisgibt. Urteilen Sie selbst, ob nicht auch sogar in dem Falle, da der größte Teil ebenso schlecht wäre, Ihr Verfahren so ungerecht als unpolitisch zu nennen ist. Also soll man das Studieren nicht verbieten

»Ei zum Henker mit dem verzweifelten Studieren! Alle meine Untertanen wollen ihre Kinder studieren lassen, und wann das so fortgeht: so wird der Acker noch zuletzt mit Federn gepflügt werden. Höre Er, mein lieber Kanzler, setze Er mir gleich eine Verordnung auf, daß künftig niemand ohne meine Erlaubnis studieren soll; die Rektoren und Magistern sollen mir keinen Burschen annehmen, ohne daß er nicht einen schriftlichen von mir selbst unterschriebenen Paß vorzeigen kann, und diesen will ich nie erteilen als auf die genaueste Untersuchung, ob der Knabe zum Studieren Genie und Vermögen habe. Wer kein Genie hat, tut besser, daß er dem Bauern die Schweine hütet, und ohne Vermögen ist jetzt nichts Rechts zu lernen und nichts auszuführen. Ich lasse es noch gelten, daß es mit Kindern von guten Leuten, die Mittel haben oder doch nicht so schlechterdings in die Klasse der Taglöhner herabgesetzet werden können, so genau nicht genommen werde, wiewohl sie auch eine Muskete auf die Schulter nehmen könnten; allein, daß jeder ... Hasenfuß, hätte ich bald gesagt, aus seinem Jungen einen Doktor oder Magister haben will, das ist gar nicht mehr auszuhalten. Das ganze Publikum leidet darunter, und meine Offizier klagen mir täglich, daß sie keine Rekruten mehr bekommen können. Versteht Er mich also? Eine Verordnung, wodurch alles Studieren ohne meine Erlaubnis schlechterdings verboten wird ...«

»Wie Ihro Durchlaucht befehlen«, erwidert der Kanzler; »aber Höchstdieselben haben mir gestern noch geklagt, daß Sie unter allen Ihren Offizieren keinen einzigen hätten, dem Sie bei dem nächsten Marsch das Hauptkommando Ihrer Truppen anvertrauen könnten. Wenn nun unter vierhundert Offizier, von denen man doch mit Grunde sagen kann, daß es der Kern Ihres Landes sei, sich kein einziger findet, dem ein Hauptwerk anvertrauet werden könne: wie wollen Höchstdieselbe denn gerade fordern, daß aus den wenigen, welchen Sie die Erlaubnis zum Studieren erteilen wollen, die Leute werden sollen, die der Staat gebraucht? Oh, es müssen hundert und vielleicht tausend das Klimpern lernen, ehe ein einziger Virtuose entsteht, und unter zehntausend Rechtsgelehrte ist noch kein Mevius, kein Strube.« »Mit Seinem Mevius ... aber gestehe Er mir nur, daß der Mißbrauch mit dem vielen Studieren offenbar sei und daß viele Eltern besser täten, ihren Kindern ein Handwerk lernen zu lassen ...«

»Oh, dieses gestehe ich unbedenklich. Aber das Mittel, diesen Mißbrauch zu heben, ist kein Verbot, dessen Ausführung zu den größten Ungerechtigkeiten führen würde. Überhaupt würde dieses Verbot die Leute von geringem Stande am ersten treffen, und ich getraue mir doch zu sagen, daß aus diesem Stande die dauerhaftesten, fleißigsten und arbeitsamsten Männer gezogen werden. Aus den sogenannten Kindern von guter Familie kommen jetzt fast nichts als Zärtlinge oder Hypochondristen, die, wenn es zum Hauptwerke kommt, gemeiniglich in der Kur begriffen sind, und Euer Durchlaucht mögen sicher glauben, daß in der Welt unendlich mehr durch Dauer, Fleiß und Arbeit als durch das sogenannte Genie bewürket werde. Hiernächst können Höchstdieselbe nicht selbst untersuchen, ob dieser oder jener Knabe Anlage zum Studieren habe; und wenn diese Untersuchung einem Bedienten überlassen wird: so kann man sicher voraussetzen, daß er, wenn auch gleich Geld und Gaben nichts über ihn vermögen, dennoch gegen Freundschaften und Verbindungen nicht unempfindlich sein werde. Und wie weit hat mancher eiserner Kopf, der in der Jugend wenig versprach den lebhaften, witzigen und geistvollen Knaben, von dem alles hoffte, hinter sich zurückgelassen? wie viele Keime entwickeln sich erst spät? und wie viele Beispiele könnte ich anführen, daß aus launichten, eigenwilligen und dem Anschein nach ungelehrigen Köpfen gerade die Böcke geworden sind, worauf das ganze Gerüste einer Staatsverfassung geruhet hat?«

»Aber so sage Er mir doch nur ein Mittel ...«

»Meiner Meinung nach, gnädigster Herr, liegt der Fehler darin, daß die wenigsten Eltern mit ihren Kindern bis ins vierzehnte Jahr was anzufangen wissen und sie in die lateinische Schule schicken, um sie nur vom Müßiggange abzuhalten: Sie sehn die Schulen wie einen Notstall an, worin sie die wilden Knaben alle Tage sechs bis acht Stunden sicher aufstallen können, und denken, er hört doch noch wohl eine gute Lehre oder lernt ein Wort Latein, was ihm doch immer minder schadet als alles, was er wie ein Gassenlaufer lernen würde. Nun treten die Jahre heran, worin die Knaben entweder zur Handlung oder zum Handwerk bestimmet werden sollen; und da hält es denn, nachdem die Umstände sind, bei den Eltern und Lehrern sowie bei dem jungen Studenten schwer, ihn aus der Gesellschaft seiner lateinischen Freunde in eine andre oder in eine Werkstatt zu bringen. Dieser üblen Folge kann nicht anders als durch Realschulen, deren Einrichtung Ihnen bekannt ist, vorgebeugt werden, und ich bin versichert, die Hälfte von den Kindern, welche von den Eltern in den lateinischen Notstall geschickt werden, werden mit Freuden hieher gehen und, nachdem sie die Vorerkenntnisse von andrer Art erhalten haben, sich nachwärts ohne Zwang zu nützlichen Künsten und Handwerken bestimmen, besonders wenn Euer Durchlaucht diese Realschulen Dero gnädigsten Aufmerksamkeit würdigen und in denselben nicht bloß den Kaufmann und Handwerker, sondern auch, so wie zu Berlin geschieht, einen tüchtigen Offizier und einen geschickten Kammerrat bilden lassen wollten.«

»Nun, mein lieber Kanzler, so mache Er die Anstalt dazu und lasse das Verbot erst ruhen.«

»Ich werde ein Projekt entwerfen ...« (abgehend für sich:) »O, wenn sich doch alles durch Befehle zwingen oder durch Projekte ausführen ließe!«

Also sollte jeder Gelehrter ein Handwerk lernen

Die Italiener sprechen mit solchem Geschmack und mit einer so bedächtlichcn Miene von der großen Kunst, nichts zu tun, und wie nötig solche besonders jedem mit ganzer Seele arbeitenden Menschen sei, daß ich meine wenige Übung in derselben mehrmals beklaget habe. Wahrscheinlich ist es, wo nicht richtig, daß eine beständige Anstrengung der Seele, und zwar eine beständige Anstrengung derselben nach einer gewissen, jedem Menschen eigenen Lieblingsseite, zuletzt eine Art von üblem Hange nach sich ziehen müsse; und es ist vielleicht ein Hauptzug in dem Nationalcharakter der deutschen Gelehrten, daß sie durch ihre große Unerfahrenheit in der Kunst, nichts zu tun, und durch die immer gleiche Spannung ihrer Seele nach einer bestimmten Seite zuletzt ganz einseitig oder, welches einerlei ist, Pedanten werden. Man sieht es ihnen ebenso gut an, daß sie Gelehrte sind, wie man es einem Handwerker ansieht, daß er lange mit untergeschlagenen Beinen auf dem Tische gesessen habe. Sie zeigen sich links oder rechts, nachdem der Hang ihrer Seele auf diese oder jene Seite gewöhnt ist. Gleichwohl sollte die wahre Gesundheit der Seele und des Körpers darin bestehn, daß ihre beiderseitigen Kräfte ein gewisses Ebenmaß und zu allen in den ordentlichen Beruf eines jeden Menschen einschlagenden Geschäften eine gleich vollkommene Fähigkeit behielten.

Ein Philosoph, mit welchem ich mich einsmals hierüber unterredete, wandte mir zwar ein, daß eben dieser dem Anschein nach fehlerhafte Hang notwendig zu einem großen Manne erfordert würde und daß derselbe, wenn er stark und lebhaft würde, den glücklichen Namen des Enthusiasmus verdiente; er sagte ferner, daß von hundert Menschen immer einer ein Märtyrer seiner Kunst werden müßte, um die übrigen soviel mehr aufzuklären, und daß die Italiener ebenso gut Pedanten in der Musik und Malerei hätten wie wir Deutschen in andern Wissenschaften, nur wären wir nach dem Unterscheide unser Gegenstände traurige und ernsthafte, die Italiener aber lustige Pedanten.

Allein, wenn ich ihm gleich hierin nicht völlig unrecht geben konnte: so schien mir doch immer die Kunst, nichts zu tun und die Seele dann und wann von ihrem starken Hange auf die entgegengesetzte Seite zu wenden, eine beneidenswerte Kunst. Ruhe und Schlaf tun zwar zu dieser Absicht etwas; aber sie reichen nicht hin, und der Schlummer eines Gelehrten ist so erquickend nicht wie der Schlaf eines Tagelöhners. Ruht er mit dem Körper, ohne zu schlafen: so verfolgen ihn seine Gedanken, und diese greifen ihn oft stärker an als Lesen und Schreiben. Für ihn ist also keine solche Ruhe wie für andre, die mit ihrem Körper arbeiten und, wenn sie sich auf einen weichen Polster oder auch nur auf einen Stein setzen, einer nötigen Erholung genießen.

Ich hörte einmal, daß eine Braut ihren Geliebten einen verliebten Pedanten nennete, weil er von nichts als Liebe sprach und außer ihr nichts sähe und nichts hörte. »Aber wie fange ich es an«, antwortete er, »um nur einen Augenblick nicht zu lieben?« Dieses schien mir mit der Frage eines Gelehrten: »Wie fange ich es an, um nichts zu tun?« so sehr übereingekommen, daß ich recht aufmerksam darauf wurde, was sie ihm auf seine Frage erwidern würde. Allein, die Schöne zog sich mit einer Wendung heraus und lenkte auf den Vorwurf ein, wie die Zeit bald kommen dürfte, worin er mehr als eine Antwort auf seine Frage finden würde. Diese Zeit kommt aber bei den Gelehrten nicht; ihr Hang nimmt vielmehr mit der Gewohnheit und dem Alter zu, und ihre Ungeschicktheit, sich auf andre Art zu vergnügen, macht ihnen ihre Fehler zur Bedürfnis.

Die Kunst, nichts zu tun, mag indessen auf zweierlei Art ausgeübet werden, als einmal auf diese, daß man würklich die Seele völlig ruhen läßt und sich in dem Launewinkel boudoir) einschließt; und dann auch auf diese, daß man sich entweder in Gesellschaften oder durch eine körperliche Bewegung zerstreuet, wobei die Seele feiern kann. Die erste Art ist meiner Meinung nach die schwerste; denn der Mathematiker wird auch im Launewinkel das Rechnen nicht lassen, und die andre hat die Erfahrung nicht für sich, indem die mehrsten jedes Vergnügen, was ihrer Hauptneigung keine Nahrung bietet, ungeschmackt finden. Wie manchen Gelehrten sieht man in Gesellschaften für langer Weile erblassen und, wenn er solche verläßt, gleich einem befreiten Sklaven seinen Büchern zufliegen?

Indessen erkennt man es doch immer für theoretisch richtig, daß es ein Glück für die Gesundheit der würdigsten Männer sein würde, wenn sie einige Stunden des Tages mit nichts zubringen könnten. Dieses Nichts ist aber nur relativ; und für einen Gelehrten ist Holzsägen Nichtstun; so wie umgekehrt für einen Holzhacker das Denken eine Erholung ist. Ein solches Glück könnte man ihm verschaffen, wenn wir die Erziehung junger Gelehrte dahin einrichteten, daß jedem zugleich die Fähigkeit zu einer körperlichen Beschäftigung und mit dieser auch die Neigung dazu beigebracht würde. Eine jede Kunst, worin man es zu einiger Geschicklichkeit gebracht hat, hat ihre Reizung; und eine solche Reizung allein ist vermögend, den einseitigen Menschen auf die andre Seite zurückzuziehen.

Der allgemeine Grund der immer mehr und mehr überhandnehmenden Hypochondrie liegt wahrscheinlich darin, daß wir nicht in dem Schweiße unsers Angesichts unser Brot erwerben. Wenn man sieht, wieviel ein Tagelöhner Schweiß vergießt und wiewenig Nahrhaftes er dagegen genießt, so fällt einem leicht die Frage ein, wie ein stillsitzender Mann bei wenigem Schweiße und stärkerer Nahrung gesund sein könne? Die Einrichtung unsers Körpers beweist, daß der Geist aller Nahrung in die Höhe und die Hefen nach unten gehn sollen; es ist offenbar, daß der Nahrungsgeist im Steigen immer mehr und mehr geläutert und bloß das Lauterste oder das rectificatissimum dem Gehirn zustatten kommen soll. Diese stufenweise Läuterung erfolgt aber bloß durch eine angemessene körperliche Arbeit. Und wie kann da, wo man immer auf dem Stuhle verdauet und durch eine starke Anstrengung der Seele die rohen Säfte nach dem Gehirn zieht, diese Läuterung gehörig geschehn?

Zu gehen, um zu gehen, zu reiten, um zu reiten, ist kein Mittel, was einen einseitigen Mann zurechtbringt. Die Not wird ihm jenes zwar eine Zeitlang empfehlen, der üble Hang zu einer gewohnten und zur Bedürfnis gewordenen Arbeit ihn aber bald wieder zurückziehn. Hat er aber irgendeine körperliche Arbeit liebgewonnen, und dieses wird allemal der Fall sein, wenn er es darin zu einiger Vollkommenheit gebracht hat: so bewegt er sich nicht bloß, um sich zu bewegen, sondern um zu arbeiten, und zwar an einer angenehmen Sache, die ihre Reizungen dem üblen Hange mächtig entgegensetzt und ihn dauerhaft an sich zieht. Die Gelehrten des vorigen Jahrhunderts hatten noch Ackerbau, aber in diesem hat die Schreiberei so sehr überhandgenommen, daß sie von dem Morgen bis in den Abend wie angeschmiedet auf einer Stelle sitzen und mit der Feder rudern müssen.

Was kann also für die künftige Nachkommenschaft heilsamer und nötiger sein, als allen Kindern, die wir zum Studieren verdammen, zugleich eine Kunst, welche eine körperliche Übung erfordert, lernen zu lassen und ihnen dadurch früh eine Neigung zu dem einzigen Mittel, ihre Gesundheit zu erhalten, beizubringen?

Sollte man die Kinder nicht im Schwimmen sich üben lassen?

Mit Recht untersagt man den Kindern das Baden in Flüssen und andern Gewässern, weil die Gefahr dabei zu groß ist. Aber man sollte die Gefahr davon nehmen und dann immerhin baden lassen. Man sollte einen eignen Schwimmermeister dazu halten, unter dessen Aufsicht die Jugend das Schwimmen lernen und täglich baden müßte; nicht sowohl in der Absicht, damit sie sich in künftigen Notfällen durch Schwimmen retten könnten, obgleich auch diese Absicht nicht ganz zu tadeln wäre, sondern um ihre Gesundheit zu stärken. Nichts findet sich in gewissen Ländern häufiger, als daß Kinder an doppelten Gliedern, Fistelschaden und Nervenkrankheiten leiden. Aber nichts ist auch gewisser, als daß dergleichen Übel durch das Baden in kaltem Wasser abgewandt und geheilet werden. Es findet sich kein Beispiel von Fistelschaden in den Gegenden, wo die Kinder früh kalt baden, und die Beispiele, daß Nervenkrankheiten und doppelte Glieder bloß durch das tägliche Baden in Flußwasser geheilet worden, sind unzählig. Es ist also das Baden eine sehr heilsame Sache und ein Fehler, daß wir die Kinder dazu nicht zeitig anführen. Sie sollten täglich einmal, sowie sie aus der Schule kämen, in die Schwemme gejagt und auf diese Weise abgehärtet werden. Vielleicht würden wir auch weniger von Bruchschaden, die man bei alten Leuten häufig antrifft, hören, wenn jedermann von Jugend auf an das Baden gewohnt und durch dieses Mittel für alle Erschlaffungen gesichert wäre. Mit dem Baden ist für diejenigen, so daran gewohnt sind, ein großes Vergnügen verbunden; und unsre Vorfahren, welche sogar die Kinder gleich nach ihrer Geburt über und über ins Wasser tauchten, dachten nach ihrer Erfahrung ganz anders hievon als ihre Enkel.

Schreiben einer Gutsfrau, die Freilassung ihrer Eigenbehörigen betreffend

Endlich hat mein Mann es doch gewagt und allen seinen Leibeignen die Freiheit geschenkt. Ihr zu Ehren ist bereits das erste Fest gefeiert worden, und dieses soll jährlich mit dem Dankfeste, welches wir hier nach der Ernte feiern, wiederholet werden. Ich denke jetzt nur darauf, ob ich nicht auch so etwas vom Rosenmädgen dabei anbringen könne. Der Baum der Freiheit, wozu ich eine schlanke, glatte und wohlgekrönte junge Eiche erwählt habe, ist mit aller Feierlichkeit gepflanzt. Mein Mann hat sie gesetzt und jeder von den vormaligen Eigenbehörigen zu ihrer Befestigung geholfen. Gott gebe, daß sie ewig grüne. Amen. Bald hätte ich vergessen, Ihnen zu sagen, daß wir den von unsern Freien erwählten Obermann des Tages mit uns speisen lassen und die jungen Mädgen einen Zaun von wilden Rosen um den Baum der Freiheit gemacht haben, damit ihm das Vieh nicht schaden möge: Unter diesem Baum sollen künftig alle Jahr die Freiheitsartikel in öffentlicher Versammlung abgelesen und die Ehrentänze gehalten werden.

Ehe mein Mann aber diesen von mir so lange gewünschten Schritt tat, ließ er sich von unserm gnädigsten Landesherrn die Schutzgerechtigkeit über alle seine Freigelassene, weil er über sie vorhin keine Gerichtsbarkeit gehabt, erteilen und auch die Freiheitsartikel bestätigen, welche er vor sie entworfen und mit ihnen verabredet hatte, weil er nicht glaubte, daß einzelne Wohner, die in keinen Bezirken unter einer beschlossenen Gerichtsbarkeit leben, sich ohne Schutzverein und Innungsartikel bei dem wahren Genuß der Freiheit erhalten und verteidigen mögen. Ich will Ihnen doch einige davon hersetzen.

Vorher muß ich Ihnen aber sagen, daß er sie nach ihrem wahren Verhältnisse in ganze, halbe und viertel Leute eingeteilt und überdem noch eine Klasse für geringere, auch, soviel immer möglich gewesen, die Pflichten jeder Klasse gleichförmig gemacht und zum Exempel den Halbmann zu der Hälfte desjenigen verbunden habe, was der ganze völlig zu entrichten schuldig ist. Hiernächst sind alle diese Pflichten in eine offne Rolle geschrieben worden, die sämtlichen Freien unter der Eiche vorgelesen und von ihnen als richtig anerkannt ist. Von dieser Rolle sind zwei gleichlautende Exemplare auf Pergamen geschrieben worden, wovon das eine, mit Glas bedeckt, zwischen zween Säulen hinter dem Altar in der Kirche, das andre aber von meinem Manne bewahret wird. Gegen diese Rolle gilt künftig weder Verjährung noch Besitz. Sie soll jährlich auf dem Freiheitstage von den drei Ältesten aus der Kirche geholet und öffentlich unter der Eiche vorgelesen, sodann aber in Begleitung aller Freien wieder an ihren Ort getragen werden. Auf diese Art ist es nicht leicht möglich, daß einiger Streit über ihre Pflichten entstehn könne; und die Bitte, die mein Mann sich in gewissen Notfällen vorbehalten hat, kann zu keiner Zeit in eine ordentliche und gewöhnliche Pflicht übergehn, weil das Bitten selbst redet und der Notfall so eingeschränkt ist, daß diese Bitte nur alsdenn gewähret werden muß, wenn der Schutzherr sein Haus oder sein vornehmstes Ökonomiegebäude ganz neu bauet. In diesem Falle kommen sie ihm mit Bittfuhren und Diensten zu Hülfe, aber außer demselben entrichten sie nichts dafür. Jetzt zu den Artikeln.

Der erste bestimmt zu den Ablieferungen der Kornpächte einen gewissen Tag, an welchem sich, alle Pflichtigen, insofern sie wegen erlittener Unglücksfälle keinen Nachlaß zu rechter Zeit gesucht oder erhalten haben, mit ihrem Pachtkorn zugleich einfinden müssen. Wer diesen versäumet, darf das Jahr an dem Feste der Freiheit nicht erscheinen; stirbt er vor dem nächsten Freiheitstage, ohne sich binnen den ersten vierzehn Tagen nach verflossenem Termin mit seiner Pacht eingestellet zu haben: so mag er als ein Leibeigner beerbteilt werden. Überdem mag ihn der Schutzherr, wenn diese 14 Tage vorbei sind, nach Gutsherrnrecht pfänden lassen und gegen ihn weiter zu Rechte verfahren. Erscheinet er aber das nächste Jahr ordentlich: so tritt er wieder in das vorige Freienrecht, jedoch muß er den Freien eine halbe Tonne Bier geben; und der Ehrentanz wie der Ehrenbecher kommt an ihn zuletzt.

Der zweite bestimmt die schuldigen Dienste. Mein Mann war nicht der Meinung, daß es besser sei, die Dienste auf ewig in Geld zu verwandeln. Er hielt vielmehr dafür, daß seine Freien in hiesigen Gegenden manchen Tag und manche Stunde Zeit von ihrer Arbeit übrig hätten, worin sie nichts mit dem Spanne und der Hand verdienen könnten, und daß es eine doppelte Beschwerde für sie sein würde, wenn sie diese müßigen Tage nicht allein für ihre Rechnung behalten, sondern sie noch überdem bezahlen sollten. Das Geld für 52 Dienste am Ende des Pachtjahrs wolle schon etwas sagen, und man könne darauf wetten, daß der zehnte solches noch eine gute Weile schuldig bleiben, mancher aber gar nicht bezahlen würde. Daher hat er den Naturaldienst beibehalten, jedoch darin eine Reihe eingeführt, daß einer vor dem andern damit nicht beschweret werden kann. Um indessen doch auch den Rat derjenigen, welche wollten, daß er ihnen die Dienste zu Gelde setzen sollte, nicht ganz zu verachten, hat er ihnen die Wahl gelassen, ob sie ein gewisses Dienstgeld bezahlen oder den Naturaldienst leisten wollten, und wie ihrer mehrere, als er entraten konnte, das Geld wählten, sie alle darum losen lassen; und nun gibt vorerst die eine Hälfte auf vier Jahr das Geld, und die andere dient; hernach können sie wechseln, wenn sie wollen, oder auch alle in Natur dienen. Wenn sie wechseln: so dient die Hälfte, welche also beständig bereit sein und vielleicht einen Knecht oder ein Pferd mehr halten muß, nicht auf den Kerbstock, holen auch die Dienste, die nicht gebraucht sind, nicht nach. Wenn sie aber alle den Dienst wählen sollten: so wünscht mein Mann, daß sie auf den Kerbstock dienen und dagegen lieber zwei und zwei zusammenspannen mögten. Übrigens haben wir ihnen versprochen, die Diehste nie an andre zu verpachten, welches wir doch auch vordem, wie sie noch leibeigen waren, unbillig gefunden haben.

Der dritte bestimmt die Lieferung der Pachtschweine, deren wir 24 zu empfangen haben. Da wir jährlich nur sechse davon gebrauchen: so ist die Ordnung so gemacht, daß immer zwei unter den sechsen, welche die beiden besten liefern, auf acht Jahr von der Naturallieferung befreiet werden. Diejenigen, so das Jahr kein Schwein liefern, entrichten dafür einen Malter Gersten oder bezahlen so viel, als dieses zur Lieferungszeit gilt.

Der vierte betrifft das Holz. Ihr Brand-, Wagen- und Zaunholz mögen sie zu ihrer Notdurft auf ihren Höfen ohne Anweisung hauen, und der Verkauf des Buchenholzes wird ihnen frei gelassen, jedoch nach Schlägen, welche bei allen nach der Beschaffenheit des Holzes und Bodens einmal für alle regulieret sind. Sieht man, daß ein abgeholzter Ort nicht wieder gehörig in Anwachs ist: so wird ihm der Verkauf für die erforderliche Zeit ganz verboten. Diejenigen aber, so Bauholz verlangen, müssen es des Morgens, wann das Freienfest gehalten wird, bei uns anzeigen, und dann senden wir unsern Verwalter mit zweien der ältesten Freien herum, die es ihnen auf der Reihe auszeichnen. Außer dieser Zeit darf sich niemand darum melden, wenn ihn nicht ein großes Unglück dazu nötiget. Auch vergönnen wir denjenigen, die besonders fleißig pflanzen und überflüssiges Holz haben, Bauholz, jedoch auf vorherige Anweisung, zu verkaufen und machen ihnen solches nicht schwer, sobald wir sehen, daß sie kluge und redliche Holzbauer und Haushalter sind.

Der fünfte untersagt ihnen, ihre unterhabende Höfe zu zerteilen und mit Schulden oder neuen Pflichten und Dienstbarkeiten zu beschweren. So viel Geld, als aus einem vierjährigen Ertrage ihres Hofes wiederum bezahlt werden kann, mögen sie vor sich aufleihen, damit sie nicht ohne allen Kredit sind. Es muß aber doch mit Vorwissen des Freienvogts, welcher die Schuld in ein besonders Buch trägt, was ein jeder einsehen kann, geschehen. Ist die Not größer und die Schuld soll weiter gehen: so läßt mein Mann die Umstände untersuchen und erteilt nach den, Umständen seine Bewilligung dazu, will aber sodenn auch für den richtigen Abtrag sorgen. Die Landesgerichte, denen sie unterworfen sind, können zwar einen Freien zur Bezahlung verdammen, aber der Freienvogt, der die Exekution hat, verrichtet solche nicht weiter als auf den Überschuß eines jähriges Ertrages. Wer mehr verlangt, muß ihnen nicht borgen.

Sooft secbstens der Wirt oder die Wirtin sich verheiraten, erhält mein Mann eine doppelte Pacht; und wenn ein Kind ausgesteuret wird oder das elterliche Haus verläßt, bekommt dasselbe einen Taufschein von dem Pfarrer und darunter einen Schein seiner freien Geburt von meinem Manne. Ist es ein Mädgen: so muß sie drei Tage auf unserm Hause sein und in demselben ein Stück Garn spinnen, eine Elle Linnen weben, einen Strumpf knütten und ein Hemd nähen; Ein Sohn muß ein Stück Garn spinnen und einen vollständigen Pflug machen. Verstehn sie dieses nicht oder machen es nach dem Urteil dreier andern Freien nicht tüchtig, so müssen sie uns so lange umsonst dienen, bis sie dieses gelernt haben. Für den Schein der freien Geburt wird nach dem festgesetzten Verhältnis der Höfe 5, 4, 3, 2 oder ein Scheffel Weizen entrichtet.

Stirbt siebendens ein Wirt oder eine Wirtin vom Hofe: so wird für das freie Geläut in der Patronalkirche meines Mannes nach einem gleichen Verhältnis etwas bezahlt, und wenn Kinder versterben, bezahlen sie die Hälfte. Dagegen wird ihnen der Freien-Kranz geschickt, welchen sie bei der Leichenbegleitung auf das Sarg legen und dann zurück in die Kirche bringen müssen. Eine geschwächte Person, wenn sie unverheiratet stirbt, verlieret das Recht zum Kranze, und ihre Verlassenschaft steht unter meines Mannes Gnade. Verheiratet sie sich aber: so muß sie den Kranz vorher mit einem Scheffel Weizen bezahlen und den Freien eine Tonne Bier geben. Das erste ist wohl ein bißgen hart für die armen Hexen; aber sie sollen sich auch in acht nehmen und vor Schimpf und Schaden hüten. Jeder Braut, die mit Ehren aus einem freien Hofe geht, wird dagegen aber auch ein fliegendes Haar zu tragen erlaubt, und ich als Schutzfrau setze ihr, wenn sie sich in diesem Schmucke bei mir einfindet, die Krone darauf.

Prozesse dürfen sie gar nicht führen, ohne es vorher am Hause zu melden; und mein Mann hält ihnen für ein gewisses Jahrgeld einen gemeinschaftlichen Advokaten, an welchen sie sich einzig und allein wenden dürfen und der vorher, ehe die Sache ans Gericht kommt, sein rechtliches Bedenken darüber abstatten muß. Dieses hält mein Mann für die wahre und heilige Pflicht eines jeden Schutz- oder Gutsherrn, wofür er ihre Pachte und Dienste zu genießen hat. Vordem, sagt er, hätte der Schutzherr seine Leute sowohl zu Kampfe als Gerichte vertreten; und Schutzherrschaften wären darum aufgekommen, weil einzelne arme Leute wider Unrecht und Gewalt nicht bestehen können, sondern sich zu einer gemeinsamen Verteidigung vereinigen müssen. Wenn sie aber unter sich Streit haben, müssen sie sich Schiedsfreunde unter den übrigen Freien wählen und sich deren Ausspruch unweigerlich gefallen lasseh. Jeder Teil erwählt dazu drei, und diese müssen des Sonntagsnachmittags sich in ein besonders Zimmer in der Schenke begeben und dürfen nicht eher trinken, bis sie sich eines gemeinschaftlichen Ausspruchs vereiniget oder darüber verglichen haben. Diesen muß sich ein jeder Freier hernach gefallen lassen.

Hierauf folgen die Rechte, welche die Freien sich selbst gesetzet haben und mein Mann nur bestätigt hat. Ich will auch hievon einige anführen. Was die Braut oder der Bräutigam in einen Hof bringt, fällt nie wieder zurück. Der überlebende Ehegatte hat den Nießbrauch des ganzen Hofes und verliert ihn, sobald er sich wieder verheiratet. Doch kann mein Mann als Schirmherr ihnen gewisse Jahre geben, wenn die Kinder erster Ehe noch minderjährig sind. Dieses geschieht nach dem Gutachten der drei ältesten Freien und gegen eine vorherbestellete Sicherheit, daß der Hof in diesen Jahren nicht verschlimmert werden solle. Sind aber keine Kinder vorhanden: so muß der fremd eingekommene Teil, welcher zur andern Ehe schreitet, den Hof und das Hofgewehr dem nächsten Erben räumen; was darüber ist, mag er mitnehmen, und wenn hierüber Streit entsteht, entscheiden ihn die Schiedsmänner. Der letzte Wille einer kranken Person gilt für nichts, wenn auch ein Notarius die Gesundheit des Gemüts noch so deutlich erkannt hätte. Verlassungen und Vermächtnisse können nicht anders als bei gesunden Tagen in Person unter der Eiche und vor gehegtem Freihofe geschehn. Das jüngste Kind erbt, damit die ältern aus dem Neste sind, wenn der Erbe wieder brüten will; und wenn diesem sein Erbrecht genommen werden soll, müssen die Ursachen, welche den Vater dazu bewegen, von den zwölf ältesten Freien unter der Eiche gebilliget sein.

Die abgehenden Söhne erhalten Kost und Kleidung in ihrem elterlichen Hause bis ins 21. Jahr; und dann bekommen sie zur Aussteuer sechs Hemde, ein vollständiges Kleid und ein Malter Korn. Gibt ihnen der Vater mehr: so ist es sein freier Wille, der Sohn aber kann es mit Recht nicht fordern. Die Töchter hingegen, welche bis in ihr 18. Jahr in dem elterlichen Hause frei unterhalten werden, bekommen einen Brautwagen, so wie ihn drei der ältesten Freien bestimmen. Das unbewegliche Gut, die Gebäude und alles, was zum Hofgewehr gehört, darf dabei nicht in Betracht gezogen werden, weil mein Mann es widersinnig findet, den Leuten zu verbieten, ihre Höfe und Gründe mit Schulden zu beschweren und demungeachtet nach dem Wert derselben etwas herauszugeben. Eine solche Abfindung, wenn sie auch auf mehrere Jahre verteilet und nach dem jährlichen Ertrag ermäßiget wird, ist zu vielen Zufällen unterworfen, und es findet sich kein Exempel, daß die Erfahrung hierin mit der Vorschrift übereingestimmt. Zur Erbschaft kommt nichts wie das vorhandene bare Geld, das unangeschnittene Linnen und das vorrätige Silbergeräte. Der Hof mit allem, was dazugehört, fällt auf den nächsten Erben und, wenn mehrere vorhanden sind, auf den ältesten unter ihnen; wenn der letzte Besitzer ihn in seinem Leben keinem andern unter der Eiche übertragen hat. Ist der Erbe abwesend: so wartet man auf ihn ein Jahr und 6 Wochen. Läßt er in dieser Zeit nichts von sich hören: so wird er als tot angesehen und lebt zur Erbfolge nie wieder auf. Seinen Miterben gibt der älteste Erbe nichts heraus.

Das Hofgewehr ist besonders bestimmt. Es würde aber zu weitläuftig sein, wenn ich Ihnen dieses nach dem Verhältnis eines jeden Hofes abschreiben wollte. Sie wissen ohnedem, daß darunter Pferde und Vieh, Wagen und Pflug, Boden und Keller mit dem, was darauf und darin gehört, nach einer sichern Zahl begriffen sind.

Einige unsrer Nachbarn, welche ihre Leibeigne auch in Erbpächter verwandelt haben, haben verschiedenes von der Knechtschaft beibehalten und unter andern auch die Erlaubnis erhalten, ihre sogenannten Freien, wenn sie etwas verbrechen, mit Gefängnis, auch wohl mit dem spanischen Mantel bestrafen zu dürfen. Allein, Leute, die nach der Willkür eines Schutzherrn unter solchen Strafen stehen, sind keine wahren Freie, sondern Zwitter, die sowenig den Ton als den Mut rechtlicher Leute bekommen werden; und wo dieser Endzweck verfehlt wird, da ist es weit besser, die ganze Leibeigenschaft in ihrer völligen Strenge beizubehalten. Meines Mannes Absicht ist, den Seinigen ein richtiges Gefühl der Ehre beizubringen und sie durch dieses zu guten Haushältern und vermögenden Pächtern zu machen, die ihm das Seinige mit dankbarer Freude geben sollen...

Schreiberin dieses, meine älteste Tochter, welcher ich den Anfang dieses Briefes in die Feder gab und ihr hernach das übrige aus meines Mannes Papieren zusammenzuschreiben befohlen, ist ...

Denken Sie doch, liebste Freundin! Das närrische Mädgen ist davongelaufen und wollte nicht schreiben, daß sie die Braut wäre, ich muß es also wohl eigenhändig hinzusetzen, javascript: // javascript: //daß sie den Herrn von R. heiratet und ich sie zur Strafe, weil sie gestern das Jawort nicht aussprechen wollte, dieses entsetzliche Paket habe schreiben lassen. Ich wußte es aber auch nicht besser anzufangen, um Ihnen die verlangte Nachricht zu geben. In meinem Leben hätte ich so viel nicht zusammengebracht etc. etc.

Über die verfeinerten Begriffe

Mein Müller spielte mir gestern einen recht artigen Streich, indem er zu mir ins Zimmer kam und sagte: »Es müssen vier Stück metallene Nüsse in die Poller und Pollerstücke gegen die Kruke gemacht werden, auch haben alle Scheiben, Büchsen, Bolten und Splinten eine Verbesserung nötig, der eine eiserne Pfahlhake mit der Hinterfeder ist nicht mehr zu gebrauchen, und das Kreitau–«–»So spreche Er doch deutsch, mein Freund! ich höre wohl, daß von Seiner Windmühle die Rede ist, aber ich bin kein Mühlenbaumeister, der die tausend Kleinigkeiten, so zu einer Mühle gehören, mit Namen kennet.« Hier fing der Schalk an zu lachen und sagte mit einer recht witzigen Gebärde: »Machte es doch unser Herr Pfarrer am Sonntage ebenso, er redete in lauter Kunstwörtern, wobei uns armen Leuten Hören und Sehen verging; ich dächte, er täte besser, wenn er wie ich seiner Gemeine gutes Mehl lieferte und die Kunstwörter für die Bauverständigen sparte.«

»Wie, mein Freund!« fing der Pfarrer lächelnd an, der, ohne daß ihn der Müller gesehen hatte, im Fenster stand, – aber dieser machte sich geschwind aus dem Staube – und so ging die Rede unter uns beiden an, worin der Pfarrer, welcher ein sehr vernünftiger Mann war, dem Müller würklich recht gab, ob er gleich dafürhielt, daß er selbst gegen die von demselben angegebene Regel nicht gefehlt und seiner Gemeine etwas vorgetragen hätte, was ihren Begriffen nicht angemessen gewesen wäre. Wie aber ein Wort so das andre holte: so kamen wir endlich auf die jetzt allgemein herrschende Verfeinerung der Begriffe und auf die Frage: ob solche nicht in ihrer Art ein ebensolches Übel als die weiland beliebte Empfindsamkeit werden würde? »Und Sie wollten es nicht billigen«, hob der Pfarrer an, »wenn unsre Philosophen in das Innerste der Natur dringen, jeden Begriff bis in seine Quelle verfolgen, hier die würkenden Kräfte aufsuchen, solche mit Namen bezeichnen und das Unsichtbare der Natur gleichsam zum Anschauen bringen? Sie wollten es nicht gut finden, daß unsre Physiognomisten in unendlichen bisher unbemerkten Zügen die Abdrücke unsers Charakters finden und damit unser Erkenntnis bereichern, daß unsre Psychologisten alle Töne und Kräfte der Seele unterscheiden und den Maßstab ans Unendliche legen und daß endlich unsre Sittenlehrer die unzähligen Wendungen des menschlichen Herzens in Klassen ordnen und die chaotische Masse der dunkeln Begriffe zu lauter deutlichen erheben?«

»Das kann ich freilich wohl nicht mißbilligen«, war meine Antwort, »solange solches für Bauverständige und nicht für solche geschieht, die nun endlich das Mehl erwarten, ohne sich um die Nüsse, Poller und Splinten zu bekümmern. Aber mich dünkt, die wenigsten unter den Schriftstellern, welche jetzt für das Publikum schreiben, beweisen diese Mäßigung. Auch die besten unter ihnen schreiben nicht mehr vor das gemeine Auge, ihre Worte sind nach ihrer zu scharfen Einsicht gestimmt, ihre Begriffe sind zu tief aus der Sache geschöpft, sie beziehen sich auf Verhältnisse, die nur den Baumeistern bekannt sind, und es kömmt mir oft so vor, als wenn sie durch ein Vergrößerungsglas arbeiteten und die Dinge in einem ganz andern Lichte, in einem so außerordentlichen Verhältnisse sähen, worin sie sonst niemand erblickt. Man kann doch, wenn man sich unterrichten, erbauen oder vergnügen will, nicht immer auch sein Vergrößerungsglas vor sich haben oder, wenn man krank ist, den feinen Zergliederer dem nützlichen Arzte vorziehen,. Die natürliche Folge jenes Verfahrens ist, daß sie auch ihre Empfindungen erhöhen und da jauchzen oder heulen, wo ein andrer ehrlicher Mann, der das nicht siehet, was sie sehen, ganz gleichgültig bleibt. Ja, ich kenne ihrer viele, die durch die neuentdeckten Ähnlichkeiten und Verhältnisse in dem Unendlichen der Natur in eine für den gemeinen Leser ganz unbegreifliche Schwärmerei versetzet werden. Die Wissenschaft sollte meiner Meinung nach für den Meister und die Frucht derselben für das allgemeine Beste sein. Mir ist das Resultat einer großen Geistesarbeit und zum Beispiel der Gedanke, das Einweihungsfest der neuen katholischen Kirche in Berlin mit dem Gesänge: Wir glauben alle an einen Gott etc. anzufangen, lieber und lehrreicher, auch in seiner Stelle schöner und besser als die feinste Zergliederung einer menschlichen Tugend.«

»Wenn aber«, fiel hier der Pfarrer ein, »die feinsten Wahrheiten populär gemacht werden können!« – »Oh«, sagte ich, »wo das geschehn kann, da höret mein Widerspruch auf; aber es ist gegen die Natur der Sache, unendlich kleinen Teilgen und unendlich feinen Unterscheiden Größe und Farbe zu geben, daß sie ein jeder sehen und empfinden kann. Außer dem engen Kreise der Wissenschaften verwirret man nur damit den gesunden Menschenverstand. Die ganze Behandlung einer Sache und die zu deren Vortrag gewidmete Sprache wird dadurch entweder zu scharf bestimmt oder zu mannigfaltig, um sie zu seinen ordentlichen Bedürfnissen zu gebrauchen. Es geht derselben wie unsern fünf Sinnen, wenn sie schärfer empfinden, als es für unsre Gesundheit und Bequemlichkeit gut ist. Das ganze Reich des Unendlichen, was vor unsre Sinnen versteckt liegt, ist überdem das Feld der Spekulation und Systeme. Jeder legt hier sein Eignes an, bestimmt darnach seine Worte oder erfindet für seine Hypothese besondre Zeichen, und wann die gemeine Menschensprache damit überladen wird: so entsteht daraus, eben wie aus einer Menge zu vielerlei Münzen, Beschwerde und Verwirrung; man unterscheidet, wo man nicht unterscheiden sollte, und wird spitzfindig, anstatt brauchbar zu werden; oder ein Mensch versteht den andern nicht mehr; und unsrer jetzigen Sprache wird es wie der ehmaligen scholastischen ergehn, die durch ihre Feinheit verunglückt ist, oder sie wird der gotischen Schnitzelei ähnlich werden, welche den Mangel der Größe ersetzen sollte. Sehe ich nun weiter auf die Menge derjenigen, die in Raffaels Manier arbeiten, ohne Raffaels Geist zu haben –« »Oh! der Müller soll recht haben«, schloß mein Freund, »das Kreitau soll für die Kunstverständigen bleiben, wir wollen uns an sein Mehl halten.«

Der Bauerhof als eine Aktie betrachtetMan muß es dem Verfasser nicht verdenken, daß er zu oft von dieser Materie redet. Sie ist die wichtigste für das Wohl der Staaten und in öffentlichen Schriften noch wenig behandelt. Die Aufsätze, so hier aufeinander folgen, sind in den Zeiträumen von mehrern Jahren geschrieben und enthalten oft einen Gedanken mehrmals. Allein, wer in einem Regierungskollegio sitzt und täglich den verschiedenen Beschwerden und Forderungen nach einer Theorie, welche auf die mindeste Aufopferung von Freiheit und Eigentum gegründet ist, abhelfen soll, weiß es am besten, wie vieles daran gelegen, solche Grundsätze aufrecht zu erhalten.

Wir haben alle einigen Begriff von den großen Kompagnien, welche nach Ost- und Westindien handeln; wir wissen, daß dieselben aus Leuten bestehn, wovon jeder ein sichers Kapital hergeschossen hat; wir nennen dieses Kapital eine Aktie und denken es uns ganz deutlich, daß keiner zu dieser Kompagnie gehöre, er besitze denn eine solche Aktie, und daß nur diejenigen, welche eine solche Aktie besitzen, Schaden und Vorteil zu teilen haben; das, sage ich, wissen wir deutlich, und zwar so deutlich, daß, wenn jemand fragen würde: ob nicht auch billig alle und jede Menschen, welche zur christlichen Kirche gehören, als Mitglieder der Ostindischen Kompagnie anzusehen wären, der Einfältigste darüber lachen würde. So einleuchtend diese Begriffe sind, wann wir sie uns unter einer so bekannten Gestalt gedenken: so dunkel scheinen sie manchem zu werden, wenn man ihm jede bürgerliche Gesellschaft als eine solche Kompagnie schildert, jeden Bürger als den Besitzer einer gewissen Aktie vorstellet und nun zu eben den Folgerungen übergeht, welche wir vorhin gemacht haben; nämlich, daß Menschenliebe und Religion keinen zum Mitgliede einer solchen Gesellschaft machen können und daß wir in die offenbarsten Fehlschlüsse verfallen, sobald wir den Aktionisten oder den Bürger mit dem Menschen oder Christen verwechseln. Hier strauchelt oft der größte Philosoph, und unter allen, soviel ihrer die gesellschaftlichen Pflichten und Rechte der Menschen behandelt haben, ist mir keiner bekannt, der seine idealische Gesellschaft auf gewisse Aktien errichtet und aus dieser nähern Bestimmung die Rechte und Pflichten eines jeden Mitgliedes gefolgert habe. Gleichwohl ist es natürlich und begreiflich, daß die Verschiedenheit der Aktien auch ganz verschiedene Rechte hervorbringen und der Mangel derselben eine völlige Ausschließung nach sich ziehen müsse.

Vielleicht findet mancher auch dieses schon undeutlich oder fühlet es doch nicht kräftig genug, was ich sagen will; ich will also gleich ein Beispiel zur Erläuterung geben. Viele Philosophen und Juristen sind verlegen, wenn sie einen fruchtbaren Begriff von der Knechtschaft geben sollen; sie schwanken, wenn sie uns den Ursprung derselben erklären wollen, und kommen mit aller ihrer Gelehrsamkeit in diesem Stücke nur selten zu genauen und bestimmten Folgerungen. Sobald nimmt man aber nur erst an, daß der Knecht ein Mensch im Staate ohne Aktie sei: so zeigt sich die Knechtschaft in einem ganz neuen Lichte; man sieht gleich, warum der Knecht sowenig die Vorteile als die Lasten eines Bürgers habe; warum er sowenig zur Landesverteidigung diene als zu Ehren gelangen könne, ob er gleich alle christlichen und moralischen Tugenden im höchsten Grad besitzt; man erkennet, daß die Knechtschaft ebensowenig gegen die Religion sei, als es gegen die Religion ist, kein Mitglied der Ostindischen Kompagnie zu sein; man schließt, daß das Bürgerrecht sowenig als das Kirchenrecht die Befugnisse der Menschheit aufhebe; daß der Knecht ohne einen besonderen Vertrag nichts weiter zu fordern habe, als was man ihm nach dem Rechte der Menschheit und in den spätem Zeiten nach der christlichen Liebe schuldig ist, und daß die große Linie, welche den Bürger von dem Menschen oder den Aktionisten von demjenigen, der keine Aktie im Staate besitzt, trennet, zu einer vollständigen und brauchbaren Theorie unumgänglich notwendig sei.

Zu unsern Zeiten haben wir schon eine Dämmerung in der Rechtsgelehrsamkeit, welche uns bald einen bessern Tag verkündiget. Man fängt nämlich an, das Sachenrecht eher als das Personenrecht vorzutragen. Allein, es ist noch zur Zeit bloß ein dunkeles Gefühl der Wahrheit. Denn noch keiner hat die Sache unter dem Begriffe der Aktie vorgestellet; ich muß mich hier wieder durch ein Beispiel erklären. Ein Mann, der z. E. tausend Taler besitzt und davon die Hälfte zu einer Kompagniehandlung einschießt, besitzt nur fünfhundert Taler als Aktie, und die übrigen fünfhundert Taler sind freies natürliches (Allodial-) Vermögen, womit er nach seinem Gefallen handeln kann. Wegen der erstern ist er ein Mitglied der Kompagnie, und wer das Recht der Sachen in einem Kompagnierecht abhandeln wollte, würde bloß die Pflichten bestimmen, welche auf der Aktie haften, sich aber durchaus nicht um das übrige Vermögen des Aktionärs bekümmern. Gegen diesen offenbar richtigen Begriff stoßen noch alle diejenigen an, welche das bürgerliche Sachenrecht behandeln.

Man glaube nicht, daß dieses auf eine bloße Spekulation hinauslaufe und daß in unsern Zeiten, wo jeder Einwohner eines Staats mit seinem ganzen Vermögen für alle Ausgaben der bürgerlichen Kompagnie zu haften scheinet, jener Unterschied völlig unnütz sei. Wahr ist es zwar, daß wir eben dadurch, daß wir nach und nach, da wir Vermögen- und Personensteuren eingeführet haben, nicht allein unsre liegenden Gründe, sondern auch unsern Geldreichtum und selbst unsre Leiber mit in die Kompagnie gelegt, folglich alles, was wir haben, und uns selbst zu Staatsaktien gemacht haben. Allein, ebendiese Art der Vorstellung leitet uns doch zu einer bessern Ordnung unser Begriffe; sie zeigt in der natürlichen Geschichte der Staatsverfassung, wie zuerst bloß das Land, was einer besessen und wovon allein gedienet oder gesteuret wurde, die ursprüngliche Einlage zur Kompagnie gewesen; wie zu dieser Zeit der Mann, der Waren zu verkaufen oder Schuh zu machen gehabt, ohne Aktie und folglich ein Knecht gewesen; wie derselbe später, als die Landaktie zur Bestreitung der Kompagnieauslagen nicht mehr zureichen wollen und er ebenfalls etwas von seinem baren Vermögen oder Verdienste zuschießen müssen, das Recht eines Aktionisten erhalten; wie solches, solange die Auslagen der Kompagnie in persönlichen Heerdiensten bestanden, lange nicht füglich geschehen können, bis endlich der persönliche Heerdienst von sichern ausgesonderten Männern übernommen worden, deren Unterhalt und Ausrüstung mit Gelde oder Anweisung auf Früchte bestritten werden können; wie nachwärts, als auch Verdienst- und Vermögensteuren nicht zugereicht, Personensteuren aufgekommen und dadurch zuletzt jeder Mensch ein Mitglied der großen Staatskompagnie oder, wie wir jetzt sprechen, ein Territorialuntertan geworden, mithin diejenige allgemeine Vermischung, von bürgerlichen und menschlichen Rechten entstanden, worin wir mit unser philosophischen Gesetzgebung dermalen ohne Steuer und Ruder herumgeführet werden. Diese und unzählige andre Folgen, welche das wahre Pragmatische in der Geschichte ausmachen und hier nicht auseinandergesetzt werden können, zeigt uns obige Art der Vorstellung, und um ihrentwillen allein würde das Recht der Sachen, in der Maße als Aktien betrachtet, vor dem Personenrechte abzuhandeln sein; jedoch nicht unter Nationen, welche zu Fuße ziehen; denn hier ist der Leib die Aktie; sondern unter Völkern, welche Land besitzen und nach dem Verhältnis ihrer Ländereien dienen. Unter Nationen, die zu Pferde ziehn, fängt die Behandlung des bürgerlichen Rechts mit den Pferden und deren Rüstung an; denn das Pferd ist ein großer Teil der Aktie, und wer kein Pferd hat, ist auch kein Mitglied dieser reitenden Völkerkompagnie.

Diese Art der Vorstellung wird aber noch weit richtiger, wenn wir in das besondre Staats- oder Landrecht hineingehen. Alle unsre westfälischen und niedersächsischen sogenannten Eigentumsordnungen oder Hofrechte fangen damit an, daß sie den Ursprung des Leibeignen, die Pflichten seiner Person und die Rechte, so aus seiner persönlichen Verbindung folgen, zuerst vortragen und dann zuletzt auf die Sachen kommen. Solange wir diesen Plan verfolgen, werden wir nie zu irgendeiner guten Theorie gelangen; es gibt lauter falsche Schlüsse und Sprünge; und obgleich das Resultat, was wir zuletzt durch viele Umwege herausbringen, richtig ist: so ist das System doch immer falsch, aus Trümmern zusammengesetzt und unzulänglich, eine wahre und große Gesetzgebung zu unterstützen.

Kein Wort kömmt in den nordischen Urkunden häufiger vor als das Wort Mansus, und noch hat es kein Gelehrter vermogt, davon einen richtigen Begriff zu geben. Ich müßte mich aber sehr irren, oder es hat eine Aktie bedeutet, und zwar eine Landaktie. Nach dieser Vermutung kann ein Mansus nach der Verschiedenheit der Staatsvereinigungen aus 40, 80 oder hundert Morgen Landes bestanden haben, eben wie eine Aktie aus großen und kleinen Summen bestehen kann. Das Wort Aktie läßt sich nicht bequem übersetzen, das Wort Mansus auch nicht; aber wir kennen den ganzen Begriff davon; man kann den Mansus ein ganzes Wehrgut nennen, hier zu Lande heißt es ein Vollerbe; Halb- und Viertelerbe sind Coupons oder Teile des Loses, Erbes oder Mansus.

Vereinigte Landbesitzer machen eine Kompagnie aus, und sie mögen nun durch einen besonders errichteten Sozialkontrakt oder stillschweigend, es sei, wie es wolle, vereiniget sein: so ist ein jeder nach dem Verhältnis seines Mansus zu gemeinem Vorteil und Schaden berechtiget und verpflichtet. Er ist ein ganzer, halber oder viertel Aktionist, nachdem er viel oder wenig Land besitzt. Unsre nordischen Vorfahren ließen es bei dieser Einteilung so lange bewenden, als die gemeine Auslagen oder Beschwerden in persönlichen Heerdiensten bestanden; es war ihnen eine einfache und leichte Rechnung, daß jeder ganze Mansus ein Pferd oder einen Mann und zwei halbe ebensoviel stellen mußten. Wie aber die Geldsteuren aufkamen und mit Hülfe des Geldes die Ausgleichung feiner und schärfer gemacht werden konnte, fing man an, die Mansus auszumessen und die Geldsteuren nach einem neuen Verhältnis zu verteilen. Demungeachtet aber blieb die Stellung der Pferde- und Mannzahl nach dem alten Sozialkontrakt, weil die kleinen Brüche im Naturaldienste nicht füglich berechnet werden können. Vermutlich waren auch diese Brüche schuld daran, daß man die Markkötter, Brinksitzer und andre geringere Leute, so keine Viertelaktie und oft kaum ein Vierundzwanzigstel derselben besitzen, damals nicht in die Kompagnie aufnahm, sondern ihnen ihren Rang in der Klasse von Knechten anwies, jedoch ihren Stand einigermaßen über andre Knechte erhöhete, wenn sie eine Urkunde als z. E. ein Pfund Wachs an die Kirche der Kompagnie, eine gemeine Brieftracht zum Dienst derselben, eine Flußräumung, eine Galgenerrichtung oder so etwas übernahmen oder auch sich gegen den Direktor der Kompagnie zu andern Urkunden und Gefälligkeiten verpflichteten, welche dieser zur Vergütung seiner Mühe in den Angelegenheiten der Kompagnie billig genießen mogte.

Es konnte aber bei jener Einrichtung keinen Unterschied machen, wie einer zum Besitz eines Mansus gelanget war, ob er ihn nämlich als erledigt von dem Direktor zum Geschenk empfangen oder solchen zuerst frei besessen und sich mit demselben in die Kompagnie begeben hatte. Es konnte insoweit nichts zur Sache tun, ob der Mansus mit einem ursprünglich freien Mann, mit einem Meier, Erbpächter oder Leibeignen besetzt wurde; denn die Verpflichtungen der Aktie bleiben nach der Natur der Sache oder nach den ursprünglichen und notwendigen Ansprüchen der Gesellschaft immer dieselben, es mag sie ein Jude oder Christ besitzen; sie mag verkauft, verschenkt, verliehen, verheuret oder verpachtet werden. Die Person des Besitzers hat bis dahin nicht den geringsten Einfluß, und so ist auch auf diese die letzte Rücksicht zu nehmen, wenn ein dauerhaftes und vollständiges Bürger-, Bauer- oder Landrecht entworfen werden soll.

Allein, der wahre Bestand dieser Aktie oder dieses Mansus erfordert eine desto genauere und umständlichere Betrachtung. Ihr wahres Maß, ihre Erhaltung, die Verhütung ihrer Versplitterung, ihre Wiederergänzung, wenn sie versplittert worden, ihr Bau und Gewehr, ihre Gerechtsame in der Mark, ihre Holzung, ihre Beschwerden, ihre Verbindlichkeit gegen den Staat, das Amt, das Kirchspiel, und die Bauerschaft, alles dieses gehört zum Sachenrecht und muß bestimmt und beurteilet werden, ohne die geringste Einmischung der Person, welche die Aktie besitzt. Wenn dieses in dem ersten Buche eines Landrechts nach den Lokalbedürfnissen und Absichten jeder Staatskompagnie gehörig auseinandergesetzt worden: so kann im zweiten Buche die Materie von Kontrakten abgehandelt werden, und dieses noch immer wiederum ohne alle Rücksicht auf die Person des Aktionisten. Daß von der Aktie nichts veräußert, nichts beschweret oder versetzt und nichts zum Brautschatze mitgegeben werden dürfe; daß die Gebäude der Aktie, die darauf erforderliche Viehzucht und alles, was zum Bestande derselben gehöret, in gutem Stande sein müsse, damit die gemeine Last der Kompagnie getragen werden könne und der gute Aktionist zur Zeit der Not nicht für den schlechten bezahlen oder dienen müsse; daß zu mehrer Sicherheit der Direktor dahin sehen müsse, daß die Holzung der Aktie nicht verhauen oder verwüstet und der Landbau mit dem gehörigen Fleiße getrieben werde: daß, wenn eine gemeine Not oder ein besonders Unglück einen Aktionisten nötigt, etwas zu verpfänden oder zu veräußern, dieses mit Einwilligung des Direktors und mit Vorbewußt der ganzen Kompagnie, das ist, vor gehegtem Gerichte geschehe; daß hierunter ein gewisses gemein bestimmtes Maß beachtet und jeder Aktionist auf sichere Weise angehalten werde, seine Aktie binnen einer gewissen Zeit von den gemachten Schulden und Lasten wiederum zu befreien: dieses folgt aus dem Wesen der Landaktie, und der Besitzer derselben mag frei oder eigen sein: so bleiben demselben alle Kontrakte, wodurch dieses Wesen verändert werden will, durchaus verboten, und mag auch ein Leibeigner mit Einstimmung seines Gutsherrn dawider nichts unternehmen. Zwar können Lokalumstände und besonders, wenn die zur Landaktie gehörigen Gründe nicht in einem Bezirk, sondern im gemeinen Felde mit andern vermischt liegen, gar wohl einige Ausnahmen, wobei auf die Person mit gesehen werden muß, erfordern. So war es z. E. bei den Römern mit der Präskription und Usukapion. Die letztere Art der Verjährung galt lediglich unter Aktionisten, so daß durch dieselbe der Teil einer Aktie an einen andern Kompagnon übergehen konnte, wohingegen durch die Präskription der Teil der Aktie aus den Verbindungen der Kompagnie an einen ganz Fremden überging; ein Unterschied, den die allgemeine Vermischung der Menschen, da man nämlich den Bürger mit dem Einwohner vermengt und alles, was auf dem Boden des Staats lebt, unter dem Namen von Territorialuntertanen befasset, nachwärts verbannet hat, ob er gleich in Fällen, wo z. E. die zu einer Hofrolle oder zu einem Freigericht gehörige Gründe durch die Verjährung für frei erkläret werden wollen, seinen feinen Nutzen haben würde. Hier muß natürlicher Weise der Unterschied der Person, welche etwas durch Verjährung erlangen will, in Betracht kommen. Aber dieses erfordert doch immer nur noch einen Seitenblick auf dieselbe und noch keine Einmischung des Personenrechts. Dieses Sachenrecht aber gehörig zu finden und zu bestimmen, sind nur zwei allgemeine Grundsätze nötig, als erstlich, daß die Aktie bloß zu getreuer Hand gehalten werde, und zweitens, daß die Geschäfte der Kompagnie mit der mindesten Aufopferung geführet werden müssen. In eine Handlungskompagnie legt man ein gewisses Kapital entweder bar oder in Kredit ein und erhält eine Obligation zurück. Bei der Staatskompagnie geht es umgekehrt: hier legt der Aktionist die Obligation ein und behält das Kapital in Besitz; diese Obligation sei nun ausdrücklich oder stillschweigend geschehn: sie fließt allemal aus der Natur der Sache. Der Aktionist im Staat besitzt also dasjenige, was die Aktie ausmacht, unter einer gewissen Verpflichtung oder zu getreuer Hand eben wie ein Soldat, dem ein Hof zur Löhnung angewiesen sein würde; und es tut zur Sache nichts, ob es ein aufgetragenes oder empfangenes Gut sei. Das Gesetze der mindesten Aufopferung, nach welchem es unerlaubt ist, einen Pfennig aus dem Vermögen der Kompagnie zu verwenden, wenn man mit einem Heller das Erforderliche bestreiten kann, ist das ewige Gesetz des Staats wie der Natur und bleibt allezeit die große idealische Scheidungslinie zwischen dem Direktorium und der Kompagnie. Kein Aktionist hat sich je der Regel nach zu einem mehrern verpflichtet, als die gemeine Not des Staats erfordert. Hierauf beruhet die große Vermutung für Freiheit und Eigentum, und was davon abgeht, gehört zur Ausnahme, die, soweit sie kann, auf Verträgen und Bewilligungen beruhen mag. Ich will mich bei den Folgen nicht aufhalten, welche aus diesen beiden allgemeinen Grundsätzen fließen oder doch leicht herausgezogen werden können. Der erste bietet einem jeden den ganzen Faden des Lehn- oder Benefizialrechts dar, und nirgends ist das Recht der Sachen so ordentlich und zusammenhangend vorgetragen als in diesem. Der andre hingegen führet zu den großen Grundsätzen, worauf bei der Kollision der gemeinen Lasten und Pachtgefälle zurückgesehen werden muß. Alles, was das Direktorium der Kompagnie nach dem Gesetze der mindesten Aufopferung fordert, hat vor allem übrigen den Vorgang: hier muß der Altar nachstehn, und die Steine von der Kirche müssen das Loch ausfüllen, wenn das Meer einbricht und Land und Leute nicht anders zu retten sind. Indessen will ich doch noch hier des Hauptkontrakts, worunter die Landaktie jetzt in den mehrsten Ländern steht, mit wenigen gedenken. Unsre größten Rechtslehrer nennen solchen eine Erbpacht, und es ist nicht zu leugnen, daß jener sehr viel Ähnliches mit dieser habe. Wenn es aber doch auf die Frage ankömmt:

Kann denn nun der Verpächter seinen Erbpächter so verbinden, wie es ihr beiderseitiger guter Wille zulassen will? eine Frage, die ohnstreitig die wichtigste unter allen ist: so verläßt einen die ganze Lehre von der Erbpacht, nach welcher jene Frage sicher bejahet werden müßte, und man muß sich drehen und wenden, um den Schlüssen auszuweichen, welche diese Lehre darbietet.

Unsre Vorfahren sahen lange die Verpachtung der Aktie als eine Ausnahme von der Regel an, und der Zeitpunkt läßt sich aus der Geschichte bestimmen, worin diese Ausnahme zuerst durch schriftliche Kontrakte eingeführet worden. Vorher war alles Besetzung zu Landrechte, Besetzung zu Hofrechte, Besetzung zu Ritterrechte. Es war Leihe zu Landsiedelrechte, Behandung, Landsassigkeit, Erdesbesatzung, und was dergleichen Ausdrücke mehr sind, welche im Grunde soviel sagen wollten, daß der Hof-, Land- oder Gutsherr die ihm eröffneten Güter ohne die geringste Neuerung und Steigerung der alten Abgiften zu besetzen und zu verleihen schuldig sei. In mehrern Hofrechten heißt es:

Item, da die Huisgenotten von den Gotherrn mit hohre Pacht und nyn Uplagen beschweret, aver dat se ureltlick gegeven, dem bedorven se nicht to gehorsamen;

und der Bauer hat durchgehends den ganz politischen und auf eine kundbare alte Gewohnheit gegründeten Aberglauben, daß derjenige ewig spüken gehe, der neue Pflichten auf seinen Hof nimmt. Dieses läßt sich nun mit der Erbpacht nicht wohl reimen, als welche es notwendig dem freien Willen beider Parteien überläßt, soviel Pacht auf den Hof zu legen, als einer davon tragen kann und will.

Sobald betrachtet man aber den Hof als eine Aktie, welche der Besitzer dem Staate oder der Kompagnie zu getreuer Hand hält, so folgt der Schluß von selbst, daß solche in ihrem Verhältnis für die Ausgaben des Direktoriums zulänglich sein und sowenig durch Schulden als durch einige Pächte dergestalt erschöpfet werden müsse, daß die Kompagnie bei ihm Gefahr laufe. Zwar kann hierauf auch bei der Erbpacht Rücksicht genommen werden, und der Erbpächter, der die ungewissen Lasten mit übernimmt, steht seine Gefahr. Allein, dieses gilt nur bei solchen Staatskompagnien, wo die gemeinen Ausgaben nach dem ganzen Verhältnis der Aktie, nicht aber nach dem Verhältnis des freien Überschusses, welchen der Erbpächter behält, angelegt werden.

Um mich deutlicher zu erklären, will ich den Fall setzen, daß zwei ganze Aktionisten, wovon jeder von seiner Landaktie jährlich hundert Taler einzunehmen, der eine aber fünfzig Taler Pacht, der andre hingegen nichts abzugeben hat, zu einer gemeinen Ausgabe beitragen sollen. Wie soll hier die Anlage gemacht werden? Sollen sie beide gleich, oder soll der Freie doppelt soviel als der Schuldner beitragen? Im ersten Fall kann es der Kompagnie zur Not gleichgültig sein, ob der letztere viel oder wenig Pächte übernehme. Sie hält sich an die Aktie und läßt die Pacht nicht folgen, wenn die gemeinen Beschwerden es nicht gestatten. Im andern Falle aber widersetzet sie sich der willkürlichen Verpachtung und findet den Willen des Pächters und Verpächters nicht hinlänglich, um der Kompagnie den Wert der halben Aktie oder doch wenigstens ihre einheimische Sicherheit zu entziehen.

Noch weiter; der Verpächter hat insgemein seinen Anteil an dem Direktorium, der Erbpächter aber nicht. Gesetzt nun, jener könne seine Pacht rein wegziehen, und dieses geschieht, sooft die Pächte bei der Anlage der gemeinen Ausgaben vorabgezogen werden; dieser aber müsse sich alles gefallen lassen, was ein solches Direktorium bewilliget: so ist die Erbpacht ein solcher Kontrakt, wodurch sich der Pächter der Willkür des Verpächters unterwirft, und diesem fehlt es an einer gesetzmäßigen Verbindlichkeit; sie ist ein Kontrakt, wo derjenige, der nichts zu verlieren hat, die Handlung treibt, und derjenige, der für alles stehen muß, gar nichts zu handeln hat, ein Kontrakt, der den letzten Grund aller bürgerlichen Freiheit aufhebt und, wenn er gleich in der Tat nicht gefährlich sein sollte, dennoch immer ein theoretisches Ungeheuer, ein vielköpfiger Despotismus ist.

In einigen Staaten hat man dieses Ungeheuer erkannt und daher zur Regel angenommen, daß die Pacht dem Pachtmanne nicht höher als auf die Hälfte seines Einkommens gesteigert werden solle; und man nennet dergleichen Leute Halben; die vorfallenden öffentlichen Lasten tragen Verpächter und Pächter zur Hälfte, und obgleich auch hier der letztere weder Sitz noch Stimme in der Direktion hat: so ist er doch auf sichere Weise dabei repräsentiert, weil der Verpächter, um seine eigne Hälfte zu schonen, die andre nicht ohne die höchste Not beschweren wird. Ein solcher Kontrakt, sobald er zu einer allgemeinen Regel gemacht ist, hat nichts Bedenkliches, indem es allenfalls jeder Kompagnie freisteht, die Aktie auf 500 oder 1000 Rtlr. und den Beitrag davon auf diese oder jene Art zu bestimmen. Allein, wo er keine allgemeine Regel abgibt, wo der eine Verpächter um die Hälfte, der andre um die dritte, vierte oder zehnte Garbe mit seinem Pächter schließt und dieses noch dazu ohne Vorwissen der Kompagnie, da würde es eine höchst unbeständige Art der Handlung sein, die Pächte frei vorabgehen zu lassen und den gemeinen Beitrag nach dem Verhältnis des freien Überschusses auszuschreiben. Einer von beiden muß die Regel sein, entweder haftet die halbe Aktie oder ein jeder ander durch einen allgemeinen Schluß bestimmter Teil für die Ausgaben der Kompagnie, und über die andre Hälfte mögen Pächter und Verpächter nach ihrem freien Willen kontrahieren; oder die ganze Aktie wird in das Kompagniekataster eingetragen, und der Verpächter muß nachstehn, sooft die notwendigen gemeinen Ausgaben so weit gehen, daß er seine Pacht nicht erhalten kann. Wo es anders gehalten wird, da wird der billigste Verpächter von dem unbilligen hintergangen. Jedoch wir müssen noch etwas von den Personen sagen, welche die Aktie besitzen.

Die Abteilung derselben hat viele Schwierigkeiten, weil es unsrer Sprache an geschickten Ausdrücken mangelt und der Gebrauch so eigensinnig ist, daß er oft die widersinnigsten Dinge miteinander verknüpft; wie zum Exempel in dem Worte freiadlich, welches zwar mit Recht aufgebracht, aber doch ganz widersinnig ist. Denn die Benennung Adel soll den höchsten Grad einer ursprünglichen Freiheit erschöpfen; und man konnte nicht freiadlich sagen, als bis man die, welche sich zu Dienste verpflichtet und ihren Adel damit aufgegeben hatten, auch noch aus Gefälligkeit Edle nannte. Außerdem ist das Wort frei immer nur relativ und bedeutet eine Ausnahme, und Leute, die leibeigen sind, können Freie und Hochfreie genannt werden, wenn sie durch Privilegien von gemeinen Lasten befreiet sind. Dieses macht die Einteilung sehr schwer.

Mir hat indessen allemal die Einteilung in Wehren, und Leute die beste zu sein geschienen. Erstere gehören für ihre Personen keinen Menschen an, letztere hingegen sind andern entweder von ihrer Geburt an oder durch Enrolement verpflichtet oder zugeboren. Nun teile ich erstlich die Wehren ab in edle und gemeine, nobiles et ingenuos, und ob sich gleich beide in Dienste begeben, folglich würkliche Diener sein können, so sind es doch allemal edel- und frei- geborne Leute.

Aber auch die Leute teile ich in edle und gemeine ab. In der ersten Klasse befinden sich die Edlen, welche den Leuteid freiwillig abgelegt haben, sowie diejenigen, welche von diesen im Dienste geboren sind. Die Klasse der letztern ist, wie leicht zu erachten, sehr mannigfaltig und vermischt, nachdem einer minder oder mehr angehörig geworden oder geboren ist. Indessen haben doch die deutschen Rechte alle Arten gemeiner Leute auf drei Hauptstämme zurückgebracht, wovon

der erste diejenigen enthält, so den kleinen Sterbfall, als z. E. bloß von dem vierfüßigen Gute oder das beste Pfand geben;

der zweite diejenigen, so den großen Sterbfall, nämlich von ihrer ganzen Verlassenschaft, geben müssen, und

der dritte den Überrest befaßt, der in sogenannten Hyen und Hoden steckt und eine kleine Sterbfallsurkunde entrichtet, es sei nun, daß er sich diese Hode, um nicht von dem Landesherrn als biesterfrei gefangen und dem großen Sterbfall unterworfen zu werden, selbst erwählt hat oder seiner unterhabenden Gründe halber zu wählen genötiget worden, wovon die ersten Churfreie, die letztern aber Notfreie genannt werden.

Alles, was dem Sterbfalle nicht unterworfen ist, ist auch nicht angehörig oder leibeigen; und Auffahrten (laudemia), Auslobungen, Bewilligungen auf Schulden, Abäußerungen und andre Einschränkungen machen nicht die geringste Vermutung gegen eines Mannes persönliche Freiheit, sowie hingegen auch die persönliche Freiheit keinen Menschen bei der Aktie schützet, wenn er solche wider den Sozialkontrakt verschuldet, verwüstet oder versplittert. Der Sterbfall allein ist durch die ganze nordische Welt die Urkunde der persönlichen Angehörigkeit, diese mag nun durch Landesgesetze, Gewohnheit, Religion und Philosophie in dem einen Lande mehr oder weniger strenge sein als in dem andern.

Insgemein hat jede Leibeigentumsordnung ein Kapitel von dem Ursprunge des Leibeigentums an der Spitze, worin oft rührende Sachen von der Kriegesgefangenschaft, von den zu Sklaven gemachten Römern, ja wohl gar alte Historien aus der Bibel, wo nicht noch andre herzbrechende Sachen vorkommen. Allein, alle diese kleinen Unterlagen tragen das weite Gebäude der persönlichen Angehörigkeit, das sich durch die ganze alte Welt erstreckt und aus der Hand der Natur kommt, nicht. Der Grund der Angehörigkeit liegt in einer wahren natürlichen Staatsbedürfnis, die sich aber von der Zeit an verloren hat, wie der Begriff eines Territorialuntertanen bekannt geworden ist, früh bei den Römern und sehr spät unter den nordischen Völkern. Die Ausführung hievon dürfte vielen dunkel sein, und der Kenner wird leicht den Gang der Natur in der Angehörigkeit entdecken.

Also das Kapitel in dem Personenrecht übergeschlagen und nur zu der Frage übergegangen: Wie ist die Person beschaffen, welche die Aktie besitzt? ist sie angehörig oder nicht?

Die Unangehörigen haben freie Macht, mit ihrem natürlichen Vermögen oder allem demjenigen, was sie nicht als Aktie besitzen, zu schalten und zu walten; die Kompagnie hat darauf kein Recht, solange sie nicht durch Not und schwere Auflagen gezwungen worden, Personen- und Vermögensteuren einzuführen und sonach alles, was einer hat, mit zur Aktie zu ziehen, welches der höchste Grad des Drucks und der Grund ist, warum man sich gegen alle Personen- und Vermögensteuren solange als möglich wehret.

Die Angehörigen hingegen haben außer ihrer gemeinen Verpflichtung noch eine besondre, so wie Soldaten, die zugleich Wirte auf einem Erbe sind und nicht allein zu gemeinen Lasten steuren, sondern auch nebenher ihrem Diensteide genugtun müssen. Vermöge der gemeinen Verpflichtung kann diesen obliegen, ihr Holz nicht zu verhauen; vermöge der besondern, gar nichts ohne Anweisung zu fällen, und was dergleichen Einschränkungen mehr sind. Die besondre Verpflichtung gründet sich aber doch nicht auf den willkürlichen Kontrakt zwischen dem Capitain und seinen Soldaten, sondern auf das allgemeine Kriegsreglement oder das Landrecht.

Eine Hauptfrage könnte es nun sein, wie die Kompagnie zulassen können, daß dergleichen verpflichtete Personen zu dem Besitze der Landaktie gelangt und besonders solche verpflichtete, welche ihre Personen völlig abhängig gemacht haben? Denn die besondre Verpflichtung kann doch manchen hindern, im gemeinen Dienste der Kompagnie zu erscheinen. Aber man könnte auf gleiche Weise fragen: Wie kömmt es, daß Soldaten als Wirte auf dem Hofe geduldet werden, da es sich doch ebenfalls zutragen kann, daß der Soldat im Feld sein muß, wenn der Wirt die Heerstraße bessern sollte? Es sind dieses Fehler, welche sich einschleichen, je nachdem die Zeiten solche minder oder mehr begünstigen. In vielen Ländern hat sich das Direktorium der doppelten Verpflichtung widersetzt, und in diesen gibt es keine Vollpflichtige oder Leibeigne, auch keine Soldaten als Wirte.

Der Leibeigne war anfänglich ein Mensch ohne Aktie; nachdem aber von der Aktie nicht mehr persönlich gedienet wurde und die mehrsten Dienste in Geld verwandelt oder durch Vikarien verrichtet werden konnten, hat der Staat nachgegeben, doch also, daß da, wo es das Gesetze der mindesten Aufopferung erfordert, die besondern Verpflichtungen den gemeinen nachstehen müssen. Den ersten Anlaß zu jener Nachgebung gab vermutlich der Dienst im Harnisch. Zwölf Aktien mußten einen Mann im Harnisch stellen; und nun konnte es die Kompagnie zulassen, daß der geharnischte Mann nach und nach die eilf Aktien, welche zu seiner Rüstung steureten, an sich brachte und nach seinem Gefallen oder nach Ritterrecht besetzte. Dieses mußte unvermeidlich erfolgen, wenn der Dienst im Harnisch zunftmäßig getrieben und keiner dazu gelassen wurde, sein Vater hätte denn auch schon einen Harnisch getragen; hiedurch blieben die eilf Aktien auf ewig dem Besitzer der zwölften verpflichtet, und die Kompagnie wahrete bloß den Geharnischten, ohne sich um die eilf übrigen weiter zu bekümmern.

Der Dienst im Harnisch hat aufgehöret, und seitdem hat die Kompagnie immer daran gearbeitet, das Recht der zwölften Aktie zu schwächen und die eilfe wiederherzustellen, jene aber auch alles, was in ihrem Vermögen gewesen, angewandt, um ihre einmal verjährten Rechte zu behaupten. Wie der Ausgang endlich sein werde, ließe sich zwar wohl berechnen, jedoch nicht anders als mit Hülfe mehrerer Formeln. So viel bleibt indessen gewiß, daß die zwölfte Aktie bei steigenden und die eilf übrigen bei sinkenden Ausgaben der Kompagnie verlieren und diese ihren Verlust glücklicher als die erstere ertragen werden. Plura latent.

Wie man zu einem guten Vortrage seiner Empfindungen gelange

Ihre Klage, liebster Freund! daß Sie sich in Ausdruck und Vorstellung selten vollkommen genugtun können, wenn Sie eine wichtige und mächtig empfundene Wahrheit andern vortragen wollen, mag leicht gegründet sein; aber daß dieses eben einen Mangel der Sprache zur Ursache habe, davon bin ich noch nicht überzeugt. Freilich sind alle Worte, besonders die toten auf dem Papier, welchen es wahrlich sehr an Physionomie zum Ausdrucke fehlt, nur sehr unvollkommene Zeichen unsrer Empfindungen und Vorstellungen, und man fühlet oft bei dem Schweigen eines Mannes mehr als bei den schönsten niedergeschriebenen Reden. Allein, auch jene Zeichen haben ihre Begleitungen für den empfindenden und denkenden Leser, und wer die Musik versteht, wird die Noten nicht sklavisch vortragen. Auch der Leser, wenn er anders die gehörige Fähigkeit hat, kann an den ihm vorgeschriebenen Worten sich zu dem Verfasser hinaufempfinden und aus dessen Seele alles herausholen, was darin zurückblieb.

Eher mögte ich sagen, daß Sie ihre Empfindungen und Gedanken selbst nicht genug entwickelt hätten, wenn Sie solche vortragen wollen. Die mehrsten unter den Schreibenden begnügen sich damit, ihren Gegenstand mit aller Gelassenheit zu überdenken, sodann eine sogenannte Disposition zu machen und ihren Satz darnach auszuführen; oder sie nützen die Heftigkeit des ersten Anfalls und geben uns aus ihrer glühenden Einbildungskraft ein frisches Gemälde, was oft bunt und stark genug ist und doch die Würkung nicht tut, welche sie erwarteten. Aber so nötig es auch ist, daß derjenige, der eine große Wahrheit mächtig vortragen will, dieselbe vorher wohl überdenke, seinen Vortrag ordne und seinen Gegenstand, nachdem er ist, mit aller Wärme behandle; so ist dieses doch noch der eigentliche Weg nicht, worauf man zu einer kräftigen Darstellung seiner Empfindungen gelangt.

Mir mag eine Wahrheit, nachdem ich mich davon aus Büchern und aus eignem Nachdenken unterrichtet habe, noch so sehr einleuchten, und ich mag mich damit noch so bekannt dünken: so wage ich es doch nicht, sogleich meine Disposition zu machen und sie darnach zu behandeln; vielmehr denke ich, sie habe noch unzählige Falten und Seiten, die mir jetzt verborgen sind, und ich müßte erst suchen, solche soviel möglich zu gewinnen, ehe ich an irgendeinen Vortrag oder an Disposition und Ausführung gedenken dürfe. Diesemnach werfe ich zuerst, sobald ich mich von meinem Gegenstande begeistert und zum Vortragen geschickt fühle, alles, was mir darüber beifällt, aufs Papier. Des andern Tages verfahre ich wieder so, wenn mich mein Gegenstand von neuem zu sich reißt, und das wiederhole ich so lange, als das Feuer und die Begierde zunimmt, immer tiefer in die Sache einzudringen. Sowie ich eine Lieferung auf das Papier gebracht und die Seele von ihrer ersten Last entlediget habe, dehnt sie sich nach und nach weiter aus und gewinnet neue Aussichten, die zuerst noch von nähern Bildern bedeckt wurden. Je weiter sie eindringt und je mehr sie entdeckt, desto feuriger und leidenschaftlicher wird sie für ihren geliebten Gegenstand. Sie sieht immer schönere Verhältnisse, fühlt sich leichter und freier zum Vergleichen, ist mit allen Teilen bekannt und vertraut, verweilet und gefällt sich in deren Betrachtung und höret nicht eher auf, als bis sie gleichsam die letzte Gunst erhalten hat.

Und nun, wenn ich so weit bin, womit insgemein mehrere Tage und Nächte, Morgen- und Abendstunden zugebracht sind, indem ich bei dem geringsten Anschein von Erschlaffung die Feder niederlege, nun fang ich in der Stunde des Berufs an, mein Geschriebenes nachzulesen und zu überdenken, wie ich meinen Vortrag einrichten wolle. Fast immer hat sich während dieser Arbeit die beste Art und Weise, wie die Sache vorgestellet sein will, von selbst entdeckt; oder wo ich hierüber noch nicht mit mir einig werden kann: so lege ich mein Papier beiseite und erwarte eine glücklichere Stunde, die durchaus von selbst kommen muß und leicht kommt, nachdem man einmal mit einer Wahrheit so vertraut geworden ist. Ist aber die beste Art der Vorstellung, die immer nur einzig ist, während der Arbeit aus der Sache hervorgegangen: so fang ich allmählich an, alles, was ich auf diese Art meiner Seele abgewonnen habe, darnach zu ordnen, was sich nicht dazu paßt, wegzustreichen und jedes auf seine Stelle zu bringen.

Insgemein fällt alles, was ich zuerst niedergeschrieben habe, ganz weg, oder es sind zerstreute Einheiten, die ich jetzt nur mit der herauskommenden Summe zu bemerken nötig habe. Desto mehr behalte ich von den folgenden Operationen, worin sich alles schon mehr zur Bestimmung geneigt hat, und der letzte Gewinn dient mehrenteils nur zur Deutlichkeit und Erleichterung des Vortrags. Die Ordnung oder Stellung der Gründe folgt nach dem Hauptplan von selbst, und das Kolorit überlasse ich der Hand, die, was die erhitzte Einbildung nunmehro mächtig fühlt, auch mächtig und feurig malt, ohne dabei einer besondern Leitung zu bedürfen.

Doch will ich eben nicht sagen, daß Sie sich sogleich hierin selbst trauen sollen. Jeder Grund hat seine einzige Stelle, und er würkt nicht auf der einen wie auf der andern. Gesetzt, ich wollte Ihnen beweisen, daß das frühe Disponieren sehr mißlich sei, und finge damit an, daß ich Ihnen sagte: »Garrick bewunderte die Clairon als Frankreichs größte Aktrice, aber er fand es doch klein, daß sie jeden Grad der Raserei, worauf sie als Medea steigen wollte, vorher bei kaltem Blute und in ihrem Zimmer bestimmen konnte«: so würden Sie freilich die Richtigkeit der Vergleichung leicht finden, aber doch nicht alles dabei fühlen, was ich wollte, daß Sie dabei fühlen sollten. Garrick disponierte seine Rolle nie zum voraus, er arbeitete sich nur in die Situation der Person hinein, welche er vorzustellen hatte, und überließ es dann seiner mächtigen Seele, sich seiner ganzen Kunst nach ihren augenblicklichen Empfindungen zu bedienen. Und das muß ein jeder tun, der eine mächtige Empfindung mächtig ausdenken will.

Das Kolorieren ist leichter, wenn man es von der Haltung trennt; aber in Verbindung mit derselben schwer. Hierüber lassen sich keine Regeln geben; man lernt es bloß durch eine aufmerksame Betrachtung der Natur und viele Übung, was man entfernen oder vorrücken, stark oder schwach ausdrücken soll. Das mehrste hängt jedoch hiebei von der Unterordnung in der Gruppierung ab, und wenn Sie hierin glücklich und richtig gewesen sind: so wird die Verschiedenheit des Standorts, woraus die Leser, wofür Sie schreiben, Ihr Gemälde ansehen, nur eine allgemeine Überlegung verdienen.

Unter Millionen Menschen ist vielleicht nur ein einziger, der seine Seele so zu pressen weiß, daß sie alles hergibt, was sie hergeben kann. Viele, sehr viele haben eine Menge von Eindrücken, sie mögen nun von der Kunst oder von der Natur herrühren, bei sich verborgen, ohne daß sie es selbst wissen; man muß die Seele in eine Situation versetzen, um sich zu rühren, man muß sie erhitzen, um sich aufzuschließen, und zur Schwärmerei bringen, um alles aufzuopfern. Horaz empfohl den Wein als eine gelinde Tortur der Seele, andre halten die Liebe zum Gegenstande für mächtiger oder den Durst zu Entdeckungen: jeder muß hierin sich selbst prüfen. Rousseau gab nie etwas von den ersten Aufwallungen seiner Seele; wer nur diese und nichts mehr gibt, der trägt nur solche Wahrheiten vor, die den Menschen insgemein auffallen und jedem bekannt sind. Er hingegen arbeitete oft zehnmal auf die Art, wie ich es Ihnen vorgeschlagen habe, und hörte nicht auf, solange noch etwas zu gewinnen übrig war. Wenn dieses ein großer Mann tut: so kann man so ziemlich sicher sein, daß er weiter vorgedrungen sei als irgendein andrer vor ihm. Sooft Sie sich mächtiger in der Empfindung als im Ausdruck fühlen, so glauben Sie nur dreist, Ihre Seele sei faul, sie wolle nicht alles hervorbringen. Greifen Sie dieselbe an, wenn Sie fühlen, daß es Zeit ist, und lassen sie arbeiten. Alle Ideen, die ihr jemals eingedruckt sind und die sie sich selbst aus den eingedruckten unbemerkt gezogen hat, müssen in Bewegung und Glut gebracht werden; sie muß vergleichen, schließen und erfinden, was sie auf andre Art ewig nicht tun wird, sie muß verliebt und erhitzt werden gegen ihren großen Gegenstand. Aber auch für die Liebe gibt es keine Disposition; kaum weiß man es nachher zu erzählen, wie man von einer Situation zur andern gekommen ist.

Etwas zur Polizei der Freuden für die Landleute

Wenn ich Polizeikommissarius wäre, es sollte mir anders gehn, die Leute sollte mir wenigstens ein- oder zweimal im Jahr, auf der Kirms oder auf Fastnacht, völlige Freiheit haben, einige Bände springen zu lassen, oder ich hieße nicht Herr Kommissarius. Unsre heutige Mäßigkeit macht lauter Schleicher, die des Morgens ihr Gläsgen und des Abends ihr Känngen trinken, anstatt daß die vormalige Ausgelassenheit zu gewissen Jahrszeiten einem Donnerwetter mit Schloßen glich, was zwar da, wo es hinfällt, Schaden tut, im ganzen aber die Fruchtbarkeit vermehret. – Dagegen aber würde ich auch die täglichen Säufer, wenn sie sich auch nicht völlig berauschten, ohne Barmherzigkeit ins Zuchthaus schicken.

Mit allem ihrem Lehren und Predigen haben es die Moralisten endlich so weit gebracht, daß die Leute, welche vorhin des Jahrs einen Anker, aber an einem Tage, herunterzechten, sich jetzt täglich mit einem geringern Maße, aber des Jahrs nicht mit einem Stückfasse begnügen, und hier mögte ich wohl einmal fragen: ob wir bei diesem Tausche gewonnen oder verloren haben? Als Polizeikommissarius sage ich nein. So viele Freuden uns auch der Schöpfer gibt und so gern er es sehen muß, daß wir sie mit Dank und Mäßigung genießen: so offenbar finde ich, daß die Leute bei dem mäßigen Genießen zugrunde gehen, die vorhin des Jahrs nur ein- oder zweimal Kopfweh zu erleiden hatten; ich finde, daß es für die Polizei leichter sei, einmal des Jahrs Anstalten gegen einen wilden Ochsen zu machen, als täglich die Kälber zu hüten.

Bei allem dem aber ist es doch auch hier zu verwundern, daß die Freuden und Ergötzungen unserer Vorfahren polizeimäßiger gewesen sind als die unsrigen. In der ganzen bekannten Welt sind von den ältesten Zeiten her gewisse Tage dem Menschen dergestalt freigegeben worden, daß er darin vornehmen konnte, was er wollte, insofern er nur keinen Kläger gegen sich erweckte. Das Amt der Obrigkeit ruhete an denselben völlig, und der Fiskus selbst konnte nichts Bessers tun als mitmachen. Man findet alte Stadtordnungen, worin an zweien Tagen des Jahrs alle Arten von Glücksspielen erlaubet wurden; die Obrigkeit duldete die Fastnachtszechen und Mummereien bis in die Kirchen und sorgte bloß dafür, daß die unbändigen Menschen kein Unglück anfingen; die Übermaße selbst wehrete sie keinem. Man erinnert sich der Saturnalien wie der Narrenfeste; man weiß, was zur Karnevalszeit in und außer den Klöstern erlaubt war, und man sieht, ohne ein Montesquieu zu sein, daß aller Welt Obrigkeit, den Patriarchen zu Konstantinopel nicht ausgeschlossen, den Grundsatz angenommen hatte: Die Torheit muß wenigstens einmal im Jahre ausgären, damit sie das Faß nicht sprenge.

Ebendieser Grundsatz herrschte in andern Teilen bei unsern Vorfahren. Bei gewissen seltnen feierlichen Gelegenheiten zeigten sie sich in verschwenderischer Pracht, wenn sie täglich in einem schlichten Wamse gingen. Wenn sie miteinander haderten: so schonten sie sowenig ihrer Lunge als ihrer Fäuste; und wenn sie sich freueten: so wollten sie bersten vor Lachen. Damit schonten sie ihre Feierkleider und entwehrten sich des schwindsüchtigen Grams und der Gefahr, von einer plötzlichen Freude zu sterben. Wir hingegen opfern der Mode durch tägliche kleine Ausgaben unser bestes Vermögen auf, verfolgen unsre Feinde mit der artigsten Manier und schwindeln bei allen plötzlichen Zufällen.

Jedoch Scherz beiseite, wenn ich Polizeikommissarius wäre, die Leute sollten mir zu gewissen Zeiten mehr Freuden haben, damit sie zu andern fleißiger und ordentlicher würden. Ich weiß, wie dem Handwerksmanne der Sonntagsbrate schmeckt, wenn er sich die ganze Woche mit einem Gemüse beholfen hat; und wie zufrieden er mit seinem Gemüse ist, wenn er an den Sonntagsbraten gedenkt. Nach diesem wahren Grundsatze würde ich jedem Dorfe, wo nicht alle Monate, doch wenigstens alle Vierteljahr ein Fest erlauben, um den täglichen Genuß, welcher zuletzt auch oft den Besten zur Übermaße verführt und um so viel gefährlicher ist, je unbemerkter er im Finstern schleicht und mit der lieben Gewohnheit, der andern Natur, über Weg geht, so viel mehr einzuschränken. Eine Polizei, die ihre Aufmerksamkeit dahin wendete, würde wahrscheinlich glücklicher sein ,als diejenige, welche wie die neuere alle Arten von Zechereien und Gelagen verbietet und damit den durch keine Gesetze zu bezwingenden heimlichen und öftern Genuß befördert, auch wohl selbst das Salz der Freude, was dem geplagten Menschen Reiz und Dauer zur Arbeit geben soll, völlig unschmackhaft maqcht.

In gewissen Ländern und besonders am Rheine läßt der Pfarrer des Sonntags das Zeichen mit der Glocke geben, wenn der Fiedeler in der Schenke auf die Tonne steigen darf, und nun fängt alles an zu hüpfen. In der ganzen Woche aber findet man daselbst keinen Menschen in der Schenke. In Frankreich, wo das Tanzen am Sonntag verboten ist, sieht man des Abends nach verrichteter Arbeit häufige Tänze, und die Nation ist nüchtern und fleißig. In Genf findet man die Handwerker alle Abend, wenn es die Witterung erlaubt, eine Stunde auf öffentlichen Plätzen, um sich von der unermüdeten Anstrengung des Tages zu erholen; und so ist überall, wo die Gesetzgebung auf Erfahrungen gebauet wird, Freude und Arbeit vermischt, und die eine dient der andern mit mächtiger Hand.

In andern Ländern hingegen, wo die Feiertage nach einer gebieterischen Theorie abgeschafft, die blauen Montage eingezogen, die Fastnachtslustbarkeiten verboten, die Leichen- und KindelbiereIn vielen westfälischen Dörfern gibt es noch güste Kindelbiere. Das ist, Eheleute, die keine Kinder haben, können einmal in ihrem Leben auch ein Kindelbier halten, damit sie sich wegen dessen, was sie andern geopfert haben, erholen können. Wahrlich eine gutherzige Erfindung. Güst wird von Kühen gebraucht, die nicht kalben. zu genau eingeschränkt, alle Zehrungen untersagt, alle Kirmesfreuden durch den nie schlafenden Fiskal gestöret und überhaupt alle Lustbarkeiten der Untertanen soviel immer möglich unterdrückt sind, sieht man die Leute weit häufiger in den Schenken stiller und trauriger, aber öfterer trinken und auch weniger fleißig arbeiten. Ihre Wirtschaft geht bei allen Einschränkungen schlimmer, und der niedergeschlagene Mensch schafft mit seinen Händen dasjenige nicht, was der lustige schafft. Die Untertanen sehen den Gesetzgeber wie die Kinder einen grämlichen Vater an; sie versammlen sich in Winkeln und tun mehr Böses, als sie bei mehrer Freiheit getan haben würden. Sie dünken sich sicher, sooft sie sich nur nicht die Hälse brechen.

Bisher hat man noch kein eignes Polizeireglement für die Lustbarkeiten der Landleute gehabt, welches hauptsächlich daher rührt, daß die Gesetzgeber lieber selbst haben tanzen als andre tanzen lassen wollen. Es würde aber doch in dem Falle nötig sein, wenn meine Wünsche erfüllet werden sollten. In demselben würde das erste sein, daß in einem gewissen zu bestimmenden Distrikte nur eine einzige Schenke geduldet, diese gehörig und geräumig eingerichtet und mit allem versehen sein sollte, was vernünftige Landleute ergötzen könnte. Der Wirt sollte seine Vorschrift haben, was er geben und nicht geben dürfte; der Tag zur Lustbarkeit sollte bestimmt und an demselben immer die nötige Hülfe, um Unordnungen zu steuren, bei der Hand sein. Außer dem bestimmten Tage und einigen andern, die noch näher bestimmet werden könnten, sollte der Wirt gar keine Gäste setzen dürfen. Die Spiele sollten bestimmt und angemessen sein. Drei alte Männer sollten des Tages Richter sein und alles entscheiden können, was der Zeremonienmeister anderwärts entscheiden kann. Wer sich denselben widersetzte, sollte sofort der in der Nähe stehenden Amtshülfe übergeben, der betrunkene Mann durch sie gegen ein gewisses Botenlohn sofort nach Hause gebracht und die betrunkene Frau vor ihrer Heimführung öffentlich ausgeklatscht werden. – Auf diese Weise glaube ich, daß die vielen und verderblichen Winkelschenken geschlossen, das beständige Leben im Wirtshause aufgehoben, der Mann, der die Erholung am mehrsten verdient, zum besten Genuß einer ordentlichen Freude verholfen und überhaupt mit der Zeit ein besserer Nationalgeist erzielet werden könnte. Dabei verstünde es sich von selbst, daß an diesen Tagen alle Fronen und Bauerwerke aufhören und dieselben also gewählet werden müßten, damit keine eilige Arbeit dadurch aufgehalten würde.

Schreiben einer alten Ehefrau an eine junge Empfindsame

Sie tun Ihrem Manne unrecht, liebes Kind, wenn Sie von ihm glauben, daß er Sie jetzt weniger liebe als vorher. Er ist ein feuriger, tätiger Mann, der Arbeit und Mühe liebt und darin sein Vergnügen findet; und so lange, wie seine Liebe gegen Sie ihm Arbeit und Mühe machte, war er ganz damit beschäftiget. Wie aber dieses natürlicher Weise aufgehöret hat: so hat sich Ihr beiderseitiger Zustand, aber keinesweges seine Liebe, wie sie es nehmen, verändert.

Eine Liebe, die erobern will, und eine, die erobert hat, sind zwei ganz unterschiedene Leidenschaften. Jene spannt alle Kräfte des Helden; sie läßt ihn fürchten, hoffen und wünschen; sie führt ihn endlich von Triumph zu Triumph, und jeder Fußbreit, den sie ihm gewinnen läßt, wird ein Königreich. Damit unterhält und ernährt sie die ganze Tätigkeit des Mannes, der sich ihr überläßt; aber das kann diese nicht. Der glücklich gewordene Ehemann kann sich nicht wie der Liebhaber zeigen; der hat nicht wie dieser zu fürchten, zu hoffen und zu wünschen; er hat nicht mehr die süße Mühe mit seinen Triumphen, die er vorhin hatte, und was er einmal gewonnen hat, wird für ihn keine neue Eroberung.

Diesen ganz natürlichen Unterscheid, liebes Kind! müssen Sie sich nur merken: so wird Ihnen die ganze Aufführung Ihres Mannes, der jetzt mehr Vergnügen in Geschäften als an Ihrer grünen Seite findet, gar nicht widrig vorkommen. Nicht wahr, Sie wünschten noch wohl, daß er wie vormals mit Ihnen einsam auf der Rasenbank vor der Grotte sitzen, Ihnen in das blaue Äugelgen sehen und um einen Kuß auf Ihre schöne Hand knien sollte? Sie wünschten noch wohl, daß er Ihnen das Glück der Liebe, was der Geliebte so schlau und zärtlich schildern kann, immer mit kräftigern Farben malen und Sie von einer Entzückung zur andern führen mögte? Meine Wünsche gingen wenigstens in dem ersten Jahre, da ich meinen Mann geheiratet hatte, auf nichts weniger als dieses. Allein, es geht nicht, der beste Mann ist auch der tätigste Mann, und wo die Liebe aufhört, Arbeit und Mühe zu erfordern, wo jeder Triumph nur eine Wiederholung des vorigen ist, wo der Gewinst sowohl an seinem Werte als an seiner Neuheit verloren hat, da verliert auch jener Trieb der Tätigkeit seine gehörige Nahrung und wendet sich von selbst dahin, wo er diese besser findet. Der weiseste Mann geht auf neue Entdeckungen aus und sieht das Entdeckte nur mit Dankbarkeit an. Es gehört zum Wesen unsrer Seele, daß sie immer beschäftiget sein und immer weiter will, und wenn unsre Männer von der Vernunft auf diesem Wege in den Geschäften ihres Berufs wohl geführet werden: so dürfen wir nicht darüber schmollen, daß sie sich nicht so oft als ehmals mit uns am Silberbache oder unter Luisens Buche unterhalten. Anfangs kam es mir auch hart vor, eine solche Veränderung zu ertragen. Aber mein Mann erklärte sich darüber ganz aufrichtig gegen mich. »Die Freude, womit du mich empfängst«, sagte er, »verbirget deinen Gram nicht, und dein trübes Auge zwingt sich vergeblich, heiter zu sein; ich sehe, was du willst, ich soll mit dir wie zuvor auf der Rasenbank sitzen, immer an deiner Seite hängen und von deinem Otem leben; aber dies ist mir unmöglich. Mit Lebensgefahr wollte ich dich noch auf einer Strickleiter vom Glockenturm heruntertragen, wenn ich dich nicht anders zu bekommen wüßte; aber nun, da ich dich einmal in meinen Armen festhalte, da alle Gefahren überwunden und alle Hindernisse besiegt sind, nun findet meine Leidenschaft von dieser Seite ihre vorige Befriedigung nicht. Was meiner Eigenliebe einmal geopfert ist, hört auf, ein Opfer zu sein; die Erfindungs-, Entdeckungs- und Eroberungssucht, die jedem Menschen angeboren ist, fordert eine neue Laufbahn. Ehe ich dich hatte, brauchte ich alle Tugenden zu Stufen, um an dich zu reichen; nun aber, da ich dich habe, setze ich dich oben darauf, und du bist nun bis dahin die oberste Stufe, von welcher ich weiter schaue.«

Sowenig mir auch der Glockenturm und, daß ich die Ehre haben sollte, der höchste Fußschemel meines Mannes zu sein, gefiel: so begriff ich doch endlich mit der Zeit und, nachdem ich dem Laufe der menschlichen Handlungen weiter nachgedacht hatte, daß es nicht anders sein könnte. Ich wandte auch meine Tätigkeit, die vielleicht mit der Zeit auf der Rasenbank Langeweile gefunden haben würde, auf die zu meinem Berufe gehörigen häuslichen Geschäfte, und wann wir dann beide uns tapfer getummelt hatten und uns am Abend einander erzählen konnten, was er auf dem Felde und ich im Hause oder im Garten gemacht hatte: so waren wir oft froher und vergnügter als alle liebevollen Seelen in der Welt. Und was das Glücklichste dabei ist: so hat dieses Vergnügen uns auch nach unserm dreißigjährigen Ehestande nicht verlassen. Wir sprechen noch ebenso lebhaft von unserm Hauswesen, als wir immer getan haben, ich habe meines Mannes Geschmack kennengelernt und erzähle ihm sowohl aus politischen als gelehrten Zeitungen, was ihm behagt; ich verschreibe ihm das Buch und lege es ihm gebunden hin, was er lesen soll; ich führe die Korrespondenz mit unsern geheirateten Kindern und erfreue ihn oft mit guten Nachrichten von ihnen und unsern kleinen Enkeln. Was zu seinem Rechnungswesen gehört, verstehe ich so gut als er und erleichtere ihm dasselbe damit, daß ich ihm alle Belege vom ganzen Jahre, die durch meine Hände gehen, zur Hand und Ordnung halte; zur Not mache ich auch einen Bericht an die hochpreisliche Kammer, und meine Hand paradiert so gut in unserm Kassenbuche als die seinige; wir sind an einerlei Ordnung gewöhnt, kennen den Geist unserer Geschäfte und Pflichten und haben in unsern Unternehmungen einerlei Vorsicht und einerlei Regeln.

Dieses würde aber wahrlich der Erfolg nie gewesen sein, wenn wir im Ehestande so wie vorhin die Rolle der zärtlichen Liebenden gespielt und unsre Tätigkeit mit Versicherungen unser gegenseitigen Liebe erschöpft hätten. Wir würden dann vielleicht jetzt einander mit Langeweile anschauen, die Grotte zu feucht, die Abendluft zu kühl, den Mittag zu heiß und den Morgen unlustig finden. Wir würden uns nach Gesellschaften sehnen, die, wenn sie kämen, sich bei uns nicht gefielen und mit Schmerzen die Stunde zum Aufbruch erwarteten oder, wenn wir sie suchten, uns wieder, fortwünschten. Wir würden, zu Tändeleien verwehnt, noch immer mittändeln und Freuden beiwohnen wollen, die wir nicht genießen könnten, oder unsre Zuflucht zum Spieltische als dem letzten Orte, wo die Alten mit den Jungen figurieren können, nehmen müssen.

Wollen Sie sich nicht einst in diesen Fall versetzen, liebes Kind! so folgen Sie meinem Beispiele und quälen sich und Ihren rechtschaffenen Mann nicht mit übertriebenen Forderungen. Glauben Sie aber auch indessen nicht, daß ich mich so ganz dem Vergnügen, den meinigen zu meinen Füßen zu sehen, entzogen hätte. O, hiezu findet sich weit eher Gelegenheit, wenn man sie nicht sucht und sich zu entfernen scheinet, als wenn man sich allemal und, sooft es dem Herrn beliebt, auf der Rasenbank finden läßt. Noch jetzt singe ich unterweilen meinen kleinen Enkeln, wenn sie bei mir sind, ein Liedgen vor, was ihn zur Zeit, als seine Liebe noch mit allen Hindernissen zu kämpfen hatte, in Entzückung setzte; und wenn dann die Kleinen rufen: »Ancora! Ancora! Großmama«, er aber die Augen voll Freudentränen hat: so frage ich ihn wohl noch einmal, ob es ihm jetzt nicht zu gefährlich schiene, mich auf der Strickleiter vom Kirchturme zu holen? Aber dann ruft er ebenso heftig wie die Kleinen: »O! Ancora, Großmama, ancora.«

Nachschrift

Noch eins, mein Kind! habe ich vergessen. Wie es mir vorkömmt: so verlassen Sie sich lediglich auf Ihre gute Sache und Ihr gutes Herz, vielleicht auch wohl ein bißgen auf Ihre schönen blauen Augen und spintisieren gar nicht darauf, Ihren Mann von neuen an sich zu ziehen. Mich deucht, Sie sind zu Hause gerade so wie vor acht Tagen in der Gesellschaft bei unserm ehrbaren G..., wo ich Euch so stille und steif antraf, als wenn Ihr nur zusammengekommen wäret, um Euch Langeweile zu machen. Merkten Sie aber nicht, wie bald ich die ganze Gesellschaft in Bewegung brachte? Dem alten mürrischen Kammerrat sagte ich, er hätte doch letzthin recht gehabt, daß man den Abfall der Steinkohlen nicht, wie es im Dictionaire encyclopédique stünde, zum Dünger nutzen könnte, ich hätte es auf allerlei Weise damit versuchen lassen – und flugs ward er so heiter und beredt wie ein Gelehrter, der recht behalten hat. Zu dem in sich selbst vertieften Kriegesrat ... sprach ich, seine Prophezeiung, daß Clinton Charlestown erobern würde, wäre eingetroffen. Und nun kam einmal nach dem andern: das hätte er so gewiß gewußt, daß er seinen Kopf darauf verwetten wollen; worauf sich alles, was Odem hatte, gegen ihn rührte. Indem jeder hiebei seine politischen Einsichten auskramte, sagte ich meinem Nachbaren, dem jungen M..., einen Vers ins Ohr, welchen er ehedem gemacht hat:

Und ihre Flügel wurden groß,
Fingen Wind und machten
Ein Geschwirre durch das Land,
Daß man kaum sein eignes Wort verstand.

Und zugleich lange ich vor ihm vorbei, um die neue Uhr mit Brillanten zu besehen, welche seine Nachbarin auf der andern Seite zum ersten Male angelegt hatte. Die Kriegesrätin fragte ich, wo sie ihren allerliebsten neuen Wagen hätte machen lassen, und um der Kammerrätin zugleich ein Kompliment zu machen, küßte ich ihren niedlichen kleinen Jungen. Damit fing auch der übrige Teil der Gesellschaft an, sich etwas froher zu fühlen, und unsre Flügel wurden auch groß, so daß wir scherzend und tanzend zu Tische und wieder davon gingen.

Wie ich es hier in der Gesellschaft machte: so mache ich es auch täglich zu Hause. Sowie ich des Morgens aufstehe, schaffe ich mir ein heiters Auge, welches ich mir immer verschaffen kann, wenn ich nur frisches und reines Zeug überwerfe, und habe allemal einen Scherz oder eine kleine Schmeichelei für meinen Mann in Bereitschaft, sollte sie auch nur darin bestehen, daß er gestern abend recht prophezeiet habe, wie es diesen Morgen regnen würde. Er muß es immer vorher gewußt haben, was in der Haushaltungsbestellung geraten würde oder nicht; er ist es immer, den der Erfolg rechtfertiget, wenn wir neues Gesinde bekommen haben, das nach seinen physiognomischen Einsichten gut oder schlecht einschlagen sollte; wäre ich ihm gefolgt, so wären wir unser Korn zu einem bessern Preise losgeworden, und wir wären besser mit dem Klaver als mit der Esparcette gefahren – das weiß ich ihm alles so gut einzubröckeln, daß er die Kunst nicht merkt und, wenn er sie auch durchschimmern sieht, mir den Dank für meine Mühe, ein zufriedenes Wort, nicht versagt. Damit ist der Tag angefangen; wir scheiden denn gemeiniglich auseinander, und des Mittags habe ich was Neues. Wir haben uns froh verlassen und sehen uns froh wieder. Einen kleinen Enkel von drei Jahren, den wir bei uns haben, setze ich ihm an die Seite, das ist dann seine Puppe, damit muß er spielen. Macht das Kind etwas, das ihm gefällt: so sage ich ihm, es sei der leibliche Großpapa. Ist der Wein nicht gut: so bewundre ich seinen feinen Geschmack und lasse ihn glauben, er sei aus einem neuen Fasse; findet er die Felderdbeern wohlschmeckender als diejenigen, so ich ihm aus dem Garten vorgesetzt habe: so habe ich auf einem Nebentische auch von jenen für ihn in Bereitschaft. Schmeckt ihm das Wasser vortrefflich: so ist es aus der Quelle am Berge, die er selbst hat öffnen lassen; und so mag er loben oder tadlen, ich mache ihm gleich ein Ragout daraus nach seinem Geschmacke.

Das geht nun freilich so nicht, wenn man immer den Mann gehen läßt, bis er von selbst kommt, ihn nie anhäkelt oder wohl gar vor ihm mit einem langen Zuge von Verdruß im Gesichte erscheinet. Aber es ist doch auch so schwer nicht, mein liebes Kind! wie Sie glauben, einen Mann auf jene Art so zu regieren, daß er noch immer einigermaßen Liebhaber bleibt. Ich bin nur eine alte Frau; aber sie können noch, was Sie wollen, ein Wort von Ihnen zur rechten Zeit tut gewiß seine Würkung. Was brauchen Sie eben die leidende Tugend zu spielen? Die Seufzer einer Frau sind gut zum Verscheuchen, aber nicht zum Anholen, die Träne des liebenden Mädgens, sagt ein altes Buch, steht wie der Tau auf der Rose; aber die auf den Wangen einer Frau ist für den Mann ein Tropfen Gift, den er um alles in der Welt nicht verschlucken mögte. Stellen Sie sich nur immer freudig und hehr, so wird es der Mann auch werden, und wenn er es geworden ist, werden Sie es auch von Herzen werden.

Die Kunst, so dazu gehört, ist so groß nicht. Nichts schmeichelt einem Manne mehr als die Freude seiner Frau, er sieht sich immer stolz als den Urheber derselben an. Sobald sind Sie aber recht freudig: so werden Sie auch lebhaft und aufmerksam werden; jeder Augenblick wird Ihnen eine Gelegenheit geben, ein gefälliges Wort anzubringen, und Sie werden bald darin so geläufig werden, daß Sie nicht nötig haben, Ihren Verstand in große Unkosten zu setzen. Zuerst erfordert es freilich ein kleines Studium, und ich erinnere mich noch, wenn ich vordem in Gesellschaft ging, daß ich vorher die Charakter aller Personen, welche darin erscheinen würden, mühsam überdachte, um dasjenige ausfündig zu machen, was ich einer jeden Passendes und Angenehmes sagen wollte. Aber es gibt sich doch bald, und zuletzt wird es einem so mechanisch wie den großen Herrn bei der Cour. Ihnen wird dabei Ihre gute Erziehung, die in diesem Stücke außerordentlich viel vermag, sehr zustatten kommen, und Ihre Empfindsamkeit wird dann die edelste Gabe werden, die Ihnen die Natur geschenkt hat, wenn sie zur freudigsten Tätigkeit übergeht und jeder Handlung das Sanfte, Gefällige und Zärtliche eindrückt, was jetzt nur im Stillen schmachtet oder wie eine Blume im Keller blühet. Ihr lieber Mann wird sich auf den Lorbeerreisern sonnen, die Sie ihm unterlegen, und Sie zärtlich einladen, daß Vergnügen, was sie ihm verschafft haben, mit ihm zu teilen.

An einen jungen Dichter

Oh! Ihre Lieder sind schön, mein Freund, und bezaubernd, wenn Sie wollen. Aber darf ich nun auch wohl fragen, wozu es eigentlich dienen solle, die Reizungen der Liebe noch reizender zu malen und den Geschmack für den Wein noch mehr zu schärfen? Haben Liebe und Wein nicht schon ihre natürlichen Reizungen für unsre Bedürfnisse, und ist es ratsam, das Gewicht, was schon auf dieser Seite den Ausschlag gibt, noch zu vermehren?

Ja, wenn die Andacht jeden Kuß zur Todsünde gemacht hätte, wenn das schöne Geschlecht sich weigerte, die Mühseligkeiten und Gefahren des Ehestandes zu tragen, oder wenn die Männer sich in die Einsamkeit begäben, Wein und Liebe flöhen, oder wenn gar der Staat Gefahr liefe auszusterben, dann wäre es freilich Zeit, jenen Gegenständen alle nur mögliche Reizungen zu leihen und in jeden Busen eine neue Flamme zu singen. Aber so geht nur alles darauf hinaus, einem dasjenige, was man ohnehin nur gar zu sehr sucht, noch süßer zu machen und den Menschen immer mehr und mehr von andern Beschäftigungen abzuziehen. Man stört die Ökonomie der Natur, welche die Arbeit sauer und das Vergnügen süß gemacht hat, um die erste durch das andere zu befördern, nicht aber, um sich dem letztern zu sehr zu überlassen.

Was würde man sagen, wenn jemand die Ehre auf diese Art behandelte? wenn man von nichts als von dem hohen Vergnügen, zu gebieten und der Beherrscher vieler Tausenden zu sein, sänge und damit den Stolzen nur noch Stolzer machte? Und doch ist die Ehre in unsern heutigen Verfassungen noch fast das kräftigste Mittel, den Menschen zu edlen Taten und kühnen Aufopferungen zu bringen. Die Ehre hat dabei über die Liebe noch den Vorzug, daß sie bloß durch edle Handlungen erworben und erhalten werden kann; man hat einmal die Anlage so gemacht, daß keiner sich solche erwerben kann; ohne sich ihrer würdig zu machen; und der Adel selbst fühlt die Pflicht, seine angebornen Rechte durch neue Verdienste aufrechtzuerhalten. Gleichwohl wird von den Süßigkeiten derselben nur wenig gesungen, und unsre mehrsten Dichter scheinen sich eine Freude daraus zu machen, den Genuß der Ehre, soviel sie können, herabzusetzen.

Keiner schildert mehr das Vergnügen, viele Reichtümer zu besitzen und seine Schätze zu überrechnen. Und doch sollte dieses zu unsern Zeiten, worin man die Verschwendung so sehr liebt, vorzüglich reizend gemalet werden. Die Dichter sollten es sich zur Hauptpflicht machen, von nichts als dem Glücke zu singen, ein großes unverschuldetes Eigentum zu besitzen. Aber, so denken sie, zu dieser unedlen Empfindung sinkt der Mensch von selbst herab, und es ist nicht nötig, ihm eine edle Hülfe zu geben; gleich als wenn Liebe und Wein minder lockten. Nur selten preisen sie noch das Glück eines freien Mannes, der von seinem Stammgute weder Zinsen zu zahlen noch Ritterdienste zu leisten hat, was uns Horaz so schön besingt.

Freilich kann es auch die Politik erfordern, die Liebe als das größte Glück zu schildern und der Ehre oder den Reichtümern nur den untersten Platz anzuweisen. Dieses war der Fall der Griechen, welche die Gleichheit unter ihren Bürgern erhalten und so wenig die Ehrbegierde als die Sucht nach Reichtümern vermehren, sondern Helden durch Kränze, von schönen Händen gewunden, ziehen wollten. Aber was hier der Patriotismus erforderte, das fordert er in unsern Verfassungen nicht; und der Dichter, der bei uns von Liebe und Wein singt, arbeitet nicht nach einem so großen Ziele. Wenn aber die Größe der Würkung den Wert der Handlung entscheidet: so hat die seinige bei weiten den Wert nicht, den sie bei den Griechen hatte.

Sehen Sie nur einmal selbst den Wert an, welchen unsre Nation zu ihrer Ehre auf die Gedichte legt, die Tugend und Religion befördern. Die Kritik hat es einigemal gewagt, darin Fehler aufzusuchen, und sie hat vielleicht in manchen Stücken recht gehabt. Allein, es hat ihnen nichts geschadet, man hat ihren großen Nutzen erkannt und diejenigen verachtet, welche sich Mühe gaben, Fehler in den Verzierungen zu finden. Der Nutzen, den die Dichtkunst bringt, und der Vorteil, welchen die menschliche Glückseligkeit davon zieht, ist also zu jeder Zeit das Maß gewesen, wonach man ihren Wert bestimmet hat, und das Kriegeslied hat bei einer kriegerischen Nation soviel gegolten als ein Liebeslied, wie das letztere noch dazu diente, Helden zu erwecken.

Ich erinnere mich hier eines jungen Neubauers, der ein Moor abtrocknete und eine Menge von alten Wurzeln im Schweiße seines Angesichts ausrodete. Schon oft war er in der Versuchung gewesen, dem Heer seines Königs zu folgen und diese seine Unternehmung zu verlassen. Ermüdet von der Arbeit saß er manchen Abend auf der ausgerodeten Wurzel eines alten Eichenstammes, auf seinen Spaden gelehnt, und dachte über sein Schicksal. Aber wenn er nun zu Hause kam: so fand er sein gutes Weib, welche ihn mit offenen Armen und an einem wohlbereiteten Tische erwartete. Sie brachte ihm frisches Wasser zum Waschen, setzte ihm den Stuhl, reichte ihm seinen Becher und legte ihm den besten Bissen vor. Dann lächelte ihm sein Erstgeborner Wonne in die Seele, und er segnete ihn und sein Weib, die ihn so glücklich machten. Jede Mühseligkeit des Tages verlor sich bei diesem süßen Genuß, und er eilte des andern Morgens mit neuem Mute zur Arbeit, um sich wiederum einen solchen Abend zu verschaffen. Mit Entzücken übersähe er dann, sooft er ausruhete, den Platz, welchen er bereits gewonnen und urbar gemacht hatte, überschlug die Frucht, die er darauf ziehen würde, wählte den Platz, wo seines Weibes Leibzucht stehen sollte, maß mit seinen Augen den Garten, den er dazu nach der Mittagsseite bestimmete, grub den Graben um ihre Wiese tiefer aus und hoffte, er würde auch Fische halten können. Und das immer mit Erinnerung der Freude, die er seinem guten Weibe und ihren Kindern verschaffen würde.

Wenn ich mir eine ganze Kolonie von Neubauern auf diese Art gedenke: so würde ich ihr einen Dichter wünschen, der das Glück, von einem solchen Weibe empfangen, geliebt und erquickt zu werden, mit allen Reizungen malte und dadurch nicht allein die Männer zum fernern Ausroden ermunterte, sondern ihnen auch ihre Belohnung fühlbarer machte. Allein, die Reizungen der Liebe und des Weins für ein verwöhntes Volk zu singen, ist ganz etwas anders. Der sanfteste Trieb, den Gott dem Menschen gab, wird dadurch abgewürdiget, daß man ihn zu mindern und unedlen Zwecken braucht; und der Dichter, der dieses tut, kann das Lob und den Beifall nicht fordern, den er sich auf die Rechnung seiner glücklichen Erfindungen und Wendungen verspricht. Ich ziehe ihm wahrlich die alten Reimchroniken vor, die zu einer Zeit, wo man nicht gewohnt war, alles zu Buche zu setzen, edle Taten im Gedächtnis zu erhalten suchten. Ihr Zweck war wenigstens größer. Man lernt aus ihnen und vergißt darüber den Mangel des dichterischen Schmucks.

Vorschlag zu einem neuen Plan der deutschen Reichsgeschichte

In der Geschichte des deutschen Reichs setzt man insgemein mit Karl dem Großen oder Ludewig dem Deutschen ein und holet dabei die vorhergegangene Verfassung summarisch auf; oder man fängt mit dem Ursprung der Nation an, und indem man deren ihre Schicksale erzählt, webet man die Geschichte des von ihr gestifteten Reichs mit in. Beide Methoden haben unstreitig ihren Wert, und fast mögte ich sagen, daß sie für den Anfänger, der durchaus ein richtiges und lebhaftes Gefühl der Zeitordnung haben muß, worin die Begebenheiten vorgefallen sind, die besten sind. Allein, der Kenner, der nun einmal Zeichnung und Ordnung versteht und endlich ein wohlausgeführtes Ganze zu sehen wünschet, findet dabei sein Vergnügen nicht; und der Hofmann, der immer erst einen langen gotischen Klostergang durchwandern soll, ehe er in das Kabinett des Prälaten kömmt, verliert oft unterwegens seine beste Laune; dabei wird sich der arme Geschichtschreiber, wenn er anders ein Mann von Geschmack und Gefühl ist, nie genugtun können; die Galerie ist zu lang, und wenn er auch die beste Wahl unter den Begebenheiten trifft, die er darin schildert: so wird sie ihm doch nie als ein großes Ganze geraten. In der Epopee hat man daher längst einen andern Weg genommen und der Einheit oder einem vollständigen Ganzen zu Gefallen mit dem Helden desselben angefangen, sodann aber das Vorhergegangene auf eine geschickte Art eingeflochten.

Den Vorteil dieser Methode brauche ich Kennern nicht zu sagen; jeder von ihnen hat ihn längst gekannt und gefühlt, und Robertson hat ihn in allen Geschichten, die er uns geliefert hat, gebraucht. Sogar Mallet fing die braunschweigsche Geschichte mit Henrich dem Löwen an und holte den Ursprung der Guelfen nach. Allein, in der allgemeinen deutschen Geschichte hat noch keiner, soviel ich weiß, eine so glückliche Epoche zu wählen und zu nutzen gesucht.

Gleichwohl liegt es einem jeden klar vor Augen, daß sich mit dem Landfrieden von 1495 ein ganz neues Reich angefangen und das alte, man mag es nun mit Karl dem Großen oder Ludewig dem Deutschen oder auch noch später anfangen lassen, völlig äufgelöset habe. Der wahre Publizist, wenn er die Rechte des Kaisers und der Reichsstände bestimmen will, geht nicht über jenen Landfrieden hinaus, und der Staatsmann benutzt die voraufgehenden Begebenheiten höchstens in der Maße, wie Montesquieu die alten Gesetze und Winckelmann die halbverwitterten Bruchstücke der Kunst benutzet haben; mehrenteils nur zur Philosophie der Geschichte.

Meiner Meinung nach müßte eine Geschichte unsers heutigen deutschen Reichs mit dieser großen und glücklichen Konföderation, welche unter dem Namen des Maximilianischen Landfriedens bekannt ist, anfangen und dabei der Anfang und der Fortgang sowie die gänzliche Zertrümmerung des altern Reichs in eine einzige Handlung, in eine einzige Darstellung verwandelt werden. Aus der letztern ließe der Geschichtschreiber erst die Notwendigkeit dieser neuen Vereinigung hervorgehen, zeigte dann ihre Formel und brächte nun alles übrige, was seitdem vorgefallen ist, als Verbesserungen und Verschlimmerungen des neuen Systems bei.

Das alte Reich endigte sich mit Provinzial-Landfrieden und Verbindungen, welche zuletzt so viel kleine voneinander unabhängige Staaten hervorgebracht haben würden, als dergleichen Bündnisse vorhanden waren; oder diese hätten mit offenbarer Gewalt der Waffen zertrennet und überwunden werden müssen. Zu dem neuen hingegen konföderieren sich erst einige Fürsten und Stände, diese laden andre zu sich, bis sie zuletzt sich alle zu einem gemeinsamen Zwecke verbinden, ein gemeinschaftliches Reichsgerichte zur Handhabung der Bundesrechte errichten, demselben eine Gerichtsordnung vorschreiben, die Mittel zur Exekution gegen die Friedebrecher anweisen und den Kaiser als ihren Hauptherrn verbinden, dafür zu sorgen, daß alles, worüber die Konföderierten sich solchergestalt mit seiner Bewilligung verstanden und vereiniget haben, auf das genaueste ins Werk gesetzt und darin erhalten werde. So wie dieses mit vieler Mühe befestiget und die Konföderationsformel zur neuen Reichsformel gemacht ist, verbessen sich auch der innere Zustand des Reichs, besonders in seinen Polizei- und Verteidigungsanstalten, augenscheinlich, jede Landesobrigkeit hat unter dem Schutz der Landfriedensgerichte Ruhe und Zeit, auch gute Einrichtungen in ihrem Teile zu machen; alle nun vorfallende Reichshandlungen gehn immer auf den Zweck der Konföderation, sich mit vereinten Kräften jedem auswärtigen Angriffe und jeder innerlichen Zerrüttunge zu widersetzen. Man schreibt den Kaisern durch Kapitulation vor, was sie als oberste Landfriederichter zu tun und nicht zu tun haben; wie dieses noch alles nicht vollkommen zum Zwecke der Konföderation würken will, entsteht zur bessern Korrespondenz und Kontrolle unter den Verbundenen ein beständiger Reichstag. – Mit einem Worte, die ganze deutsche Geschichte von der Zeit des Maximilianischen Landfriedens an bis auf die gegenwärtige Stunde verwandelt sich in eine einzige Darstellung, in die Vervollkommnerung der damit zum Grundgesetze des neuen Reichs gemeinschaftlich angenommenen Formel; und der Geschichtschreiber, der von hier ausginge, wird dadurch alle Vorteile gewinnen, die der Epopeendichter so früh genutzt hat, der Leser aber, der sein jetziges deutsches Vaterland kennen will, sogleich auf die rechte Bahn geraten und darauf mit Vergnügen wandeln.

Solange wir aber den Plan unsrer Geschichte auf diese oder eine andre Art nicht zur Einheit erheben, wird dieselbe immer einer Schlange gleichen, die, in hundert Stücke zerpeitscht, jeden Teil ihres Körpers, der durch ein bißgen Haut mit dem andern zusammenhängt, mit sich fortschleppt; und der Hauptfaden eines Pütters, so fest und schön, wie er auch gedreht ist, wird dem Geschichtschreiber nicht zum Seile dienen können, um sich in der Höhe zu halten. Er wird immer wechselweise steigen und fallen und oft seine Verbindungen und Übergänge so kümmerlich suchen müssen, daß auch das Kolorit eines Schmidts in seiner Geschichte der Deutschen nicht hinreicht, um diese Flickerei dem Auge zu entziehen; oder wir müssen, wie unser Landesmann Hegewisch in seiner Geschichte Karl des Großen und Ludewig des Frommen getan hat, aus der, Lebensgeschichte eines jeden Kaisers eine besondre Epopee machen, welches aber nie zu einer vollständigen Reichshistorie, die einzig und allein in der Naturgeschichte seiner Vereinigung bestehn kann, führen wird. Wir werden dann nur einzelne schöne Gemälde, aber keine in eins zusammenstimmende Galerie erhalten; und der größte Maler kann mit den also gestelleten Gegenständen, soviel ich von der historischen Kunst verstehe, niemals Ehre einlegen.

Also sollten geringe Nebenwohner, wenn sie wollten, wegen ihrer Schulden nicht gerichtlich belangt, sondern mit kurzer Hand zur Zahlung angehalten werden

Rühmen Sie mir doch nur nichts mehr von Ihrer schönen Justiz. Solange Sie keine Anstalt machen, daß die armen und geringen Leute auf dem Lande unter einen sichern nahen Schirm und Schutz gebracht werden, der sie nach Beschaffenheit ihrer Umstände behandelt: solange bleibt Ihre gerühmte Justiz nur eine Rute, womit der Allmächtige dieses Land züchtiget. Sie können dieses in der Stadt, wo der Bürger den Schutz seiner Obrigkeit, der er nach allen Umständen bekannt ist, mündlich anrufen und immer auf dem kürzesten. Wege, auch mehrenteils ohne alle Unkosten, Hülfe haben kann, so nicht einsehen, wie wir es auf dem Lande tun, wo ein jeder, sobald er etwas zu klagen hat oder verklagt wird, sogleich einige Meilen reisen muß und keine Hülfe erlangen kann, ohne einen Advokaten und Prokurator anzunehmen. Hier hat man immer, nur die Wahl, ob man sich dem einen Unglück überlassen oder dem andern entgegengehen wolle. Ich kann Ihnen davon eine sehr traurige Geschichte erzählen, die sich hier in vorigem Jahre zugetragen hat und leider oft zuträgt.

Ein gewisser Kaufmann, dem alle Eingesessene seines Kirchspiels viel oder wenig schuldig sind, ward auf einen Heuermann böse, der ihm sein Linnen nicht wie gewöhnlich zum Verkauf gebracht und die Kleidungsstücke, so er gebrauchte, von einem andern genommen hatte. – Dieses müssen, im Vorbeigehen gesagt, alle, die ihm einmal schuldig sind, und, weil sich das ganze Kirchspiel in diesem Falle befindet, alle ohne Ausnahme tun; den Preis setzt er in beiden Fällen, wie er will, und was er zu Buche schreibt, das gilt von Rechts wegen. – Sobald ward der Kaufmann die Abtrünnigkeit seines bisherigen Sklaven nicht gewahr: so ließ er ihn auch wegen fünfzig Taler, die er ihm laut seines Buches und der darin enthaltenen wucherlichen Abrechnung schuldig sein sollte, an das entfernteste Gericht fordern, nötigte den Mann, welcher die Schuld, die von seiner Frauen erstem Mann herrühren sollte, nicht wahr glaubte, zu einem beschwerlichen Prozesse, der ihn zuletzt um alles das Seinige brachte.

Seine Frau, die er ungefähr vor einem Jahre als Witwe mit drei Kindern geheiratet hatte, war eine von den gesunden und freudigen Weibern, die immer fleißig arbeiten und Gott danken, wenn sie Arbeit haben. Sie wußte von keinem Unglück, außer daß sie ihren Mann verloren hatte, und dieser Verlust war ihr durch einen ebenso guten ersetzt, der sie ohne weitere Untersuchung ihres Vermögens so freudig genommen, wie er sie gefunden hatte. Beide waren so vergnügt, wie immermehr Leute sein können, die bei redlicher Arbeit ihr notdürftiges Auskommen haben, als sie von ihrem Prokurator die Nachricht erhielten, daß sie zur Bezahlung der fünfzig Taler und doppelt so vieler Kosten verdammt wären. Wenige traurige Abende, die sie mit Hinund Herdenken, wie sie sich in diesem schrecklichen Falle retten wollten, zubrachten, waren verflossen, als auch schon die Pfandung einlangte; und nun ward ihnen ihr Bette, was sich die Frau in den sechs Jahren, die sie als Magd gedienet, sauer erworben hatte, eine Kuh, die eben melk geworden, und ein Schwein, dessen vortreffliches Gedeihen bisher der Stoff ihrer täglichen Unterredung gewesen war, aus dem Hause genommen; ein Stück Löwend, womit sie ihre verschienene Osterheuer bezahlen wollten und worauf sie den ganzen Winter gesponnen und gearbeitet hatten, mußte mit fort; aus dem Hause ging es aufs Feld, wo zwei Morgen mit dem schönsten Roggen und ein andrer mit Lein so schön wie ein geschorner grüner Sammet in die Pfändung genommen wurden. Umsonst widersetzete sich hier der Frauen ihre Schwester, die eben das Lein jätete und durch ihr weißes Hemd die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden an sich zu ziehen bemühet war, mit der Behauptung, daß das Lein bis dahin, wo die Bohnen auf der grünen Flur hervorragten, ihr allein zugehörte; umsonst rief sie, daß sie darüber hundert Zeugen bringen wollte. Die Pfänder kehrten sich sowenig an ihr Geschrei als an ihr schönes Hemde, und das arme blauäugichte Mädgen mußte mit Schrecken hören, daß sie ihre Zeugen dem Richter vorbringen sollte, dem Richter, den sie nicht anders als abermals durch einen Advokaten und Prokurator sprechen konnte.

Nun sitzt das arme gute Weib da mit drei Kindern von ihrem ersten Mann, ohne Bette, ohne Kuh, ohne Schwein, ohne Flachs, ohne Korn und, was noch das Betrübteste ist, ohne Mann. Denn dieser, der keine Kinder mit ihr hatte, sagte ihr gleich des andern Tages: »Gott erhalte dich, gutes Weib, im ewigen Leben sehen wir uns wieder«, und ging damit nach Holland und wollte, wie er sagte, in einem Lande nicht bleiben, welches Gott bald strafen müßte, weil darin die geringen Leute keinen bessern Schutz hätten. Und woher rührt dieses Unglück? Gewiß bloß daher, daß der Mann nicht vor einem nahen Schutzherrn belangt werden konnte, der beide Teile mündlich hörte und allenfalls dem Schuldner sagte, daß er bezahlen müsse, dem Gläubiger aber die Hülfe so gäbe, wie sie jener, ohne auf einmal zugrunde gerichtet zu werden, erleiden konnte. Sagen Sie mir nicht, daß der Richter dieses ebenso gut tun könnte: Dieser kann die aus der Ferne zu ihm kommenden Leute nicht unterscheiden. Redliche und unredliche, gute und schlechte haben vor ihm einerlei Physionomien, und er ist nicht angewiesen, nach dem Lavater zu urteilen. Bei der Menge der Sachen, so ihm vorkommen, kann er keine besondre Aufmerksamkeit auf eine wenden; er darf nur auf Beweise sprechen, und was würde aus dem Leine des blauäugichten Mädgens geworden sein, wenn dieses nur eine Ladung gegen zwei Zeugen hätte ausbringen und diese schwören lassen sollen?

Aber, werden Sie sagen, was ist hier für eine Anstalt zu treffen? Sollen wir die Zahl der Richter vermehren? und wird man nicht die geringen Leute um allen Kredit bringen, wenn man die Forderungen ihrer Gläubiger und die ihnen darauf gebührende rechtliche Hülfe der beliebigen Ermäßigung eines Schutzherrn überläßt? Dieses ist freilich zu fürchten und auch nicht außer Augen zu setzen. Aber doch wünschte ich, daß es möglich sein mögte, ihnen auf eine oder andre Art zu helfen; es bleibt doch immer eine außerordentliche Beschwerde für dieselben, daß sie nicht die geringste Frist erhalten können, ohne wenigstens einen Prokurator anzunehmen und, wenn ich es gering setzen will, ohne zwei Taler anzuwenden, die mit der Bescheinigung ihrer Umstände, mit deren gerichtlichen Einbringung, dem communicetur und dem Bescheide daraufgehen; eine Beschwerde, die um so viel größer ist, je geringer ihre Schulden sind. Ich habe Leute gesehen, die nur zehn Taler schuldig waren und solche nach Verlauf eines Monats bezahlen konnten und wollten, aber, um diese Frist zu gewinnen, zwei Taler anwenden mußten; ist das nicht entsetzlich?

Mein Vorschlag, um dem Übel abzuhelfen, würde dieser sein, daß alle Voll- und Halberben und alle Erbkötter, wenn man nicht anders wollte, unter dem ordentlichen Richter bleiben, ihre Heuerleute aber und die geringern Kötter in Schuldsachen, wenn sie es selbst verlangten, unter dem VogteDer Vogt im Osnabr. ist Steuereinnehmer, der wohl Gelder einnehmen, aber nicht als Richter erkennen kann. als ihrem besondern Schutzherrn stehen sollten. Dieser sollte sie auf Verlangen ihrer Gläubiger zur Zahlung nach Beschaffenheit ihrer Umstände anstrengen und damit in billiger Maße so lange fortfahren, bis der Schuldner sich selbst ans Gerichte wendete und den Gläubiger zum gerichtlichen Beweis seiner Forderung aufforderte. Dann würden sich gewiß hundert bedenken, ehe sie diesen kostbaren Schritt wagten, und der Gläubiger hätte auch die Freude, seinen Schuldner nicht durch Gerichtskosten erschöpft zu sehen. Wie oft würde dieser nicht noch Geduld haben, wenn er nur noch keine Gerichtskosten angewandt hätte? wenn er voraussähe, daß alles mit Kosten aufgehen würde? und wenn ihm die Mühe nicht verdrösse, seinem eignen Prokurator zu schreiben und sich von ihm die Kostenrechnung einschicken zu lassen?

Wie glücklich würde ich mich schätzen, wenn dieser Vorschlag Beifall fände und dessen Ausführung das neue Jahr, was wir jetzt antreten, bezeichnete! Bei der letzten Teurung gab die Regierung denjenigen, welche Korn ausborgten, die vogteiliche Hülfe. Warum sollte dieselbe nicht auch in andern Fällen unter obiger Einschränkung stattfinden können?

Etwas zur Naturgeschichte des Leibeigentums

Es mögen ungefähr achtzig Jahr sein, daß ein gewisser Mann, er mag Robinson heißen, sich mit einigen zusammengebrachten Familien auf die See begab und auf einer von ihm zuerst entdeckten Insel eine Kolonie errichtete. Für ihn war dieses ein sehr wichtiges Unternehmen, indem die Leute, welche er mitnahm, nichts in der Welt hatten und von ihm so lange unterhalten werden mußten, bis sie sich selbst ernähren konnten. Auch setzte er sein ganzes ansehnliches Vermögen dabei zu, und was ihm in der ersten Zeit seine Kolonisten an Zinsfrüchten entrichteten, ward gutenteils zu ihrem eignen Besten wieder verwandt, indem er ihnen nicht allein eine Mühle, sondern auch eine Schule und Kirche bauen ließ und einen Pastor und Richter hielt. Sein Sohn und Erbe trat nach seinem Tode in des Vaters Fußstapfen und Rechte und wandte ebenfalls alles an, um seine Insel mit ihren Einwohnern glücklich zu machen. Diese verhielten sich dagegen ruhig und fromm und waren froh, einen Herrn zu haben, der zu rechter Zeit sparete und ihnen zur Zeit der Not seinen Vorrat eröffnete. Keiner dachte ans Wegziehen, auch war dazu kein Schiff vorhanden, und vielleicht hätten sie auch nie daran gedacht, wenn nicht während den jetzigen amerikanischen Unruhen ein Kaper dahin verschlagen wäre, der ihnen von dem glücklichen Zustande andrer Kolonien und besonders von der darin herrschenden Freiheit ein so reizendes Bild gemacht hätte, daß alles, was sich auf der Insel befand, und besonders die Jugend beiderlei Geschlechts sich auf einmal vorsetzte, mit ihm davonzugehen, um diese goldne Freiheit zu küssen. Die Kolonie hatte sich damals noch nicht so stark vermehret, daß sie eine solche Auswanderung vertragen konnte. Der junge Robinson widersetzte sich also derselben und verlangte, daß sie dableiben sollten. Allein, die aufgebrachte Jugend, von dem Kaper angeflammt und unterstützt, fragte ihn stürmisch: ob er sie dann als Leibeigne behandeln wollte? ob nicht ihre Väter als freie Engländer mit ihm zur See gegangen wären? und wo der Kontrakt wäre, wodurch sie sich und ihre Nachkommen ewig dem Joche untergeben hätten, was man ihnen jetzt auflegen wollte?

»Mein Vater«, antwortete Robinson, »hat sein ganzes Vermögen darangewandt, um euch ein Schiff zur Überfahrt, Unterhalt, Äcker, Häuser, Mühle und Kirche zu verschaffen; noch haben er sowenig als ich jährlich so viel von euch erhalten, daß wir auch nur einmal für die Zinsen des euretwegen aufgewandten Kapitals entschädiget sind; und wenn ihr mich jetzt verlasset: so bin ich ein armer unglücklicher Mann, dem Äcker, Häuser, Mühle und Kirche zu nichts dienen. Was soll ich mit dem Pastor ohne Gemeine und mit dem Richter, welchen ich euch gesetzt habe, ohne Gerichtssassen anfangen? Mein ganzes Kapital geht nicht allein verloren, sondern ich bleibe auch in einer Last sitzen, die mich völlig zugrunde drückt. Eure Väter mögen also sich und ihre Nachkommen meinem Vater und seinen Nachkommen übergeben haben oder nicht; ihr mögt euch leibeigen oder Freie nennen; genug, ich habe ein Recht auf euch, das euch zwingt, hierzubleiben; der Vorschuß meiner Familie ist eine Schuld, die auf euren Leibern haftet, eure Väter hatten nichts als diese, wie sie der meinige auf seine Kosten überführen ließ; und nie würde er sich zu dieser mißlichen Unternehmung entschlossen haben, wenn es nicht unter der selbstredenden Bedingung geschehen wäre, daß sie und ihre Nachkommen ihm wenigstens so lange haften sollten, bis er seines ganzen Vorschusses wegen entschädiget sein würde. Eure Äcker und Häuser mögen euch oder unsrer Familie gehören, es liegt nichts daran, aber ohne eure Hände ist mir alles nichts wert, und ich muß euch hierbehalten, oder ihr raubt mir mein ganzes Vermögen.«

Die Leute stutzten und vermogten nicht zu antworten. Allein, hier nahm der Kaper für sie das Wort und behauptete mit der ihm eignen Keckheit: Freiheit und Eigentum wären unveräußerliche Rechte der Menschheit, die niemand mit gutem Willen fahrenließe. Wer sich also außer dem Stande der Freiheit befinde, der habe allemal Zwang erlitten, und Zwang binde niemanden zu Rechte, sobald man nur mächtig genug sei, sich demselben zu entziehen. Gesetzt aber auch, die Väter dieser Kolonie hätten sich für ihre Personen verbinden können: so wäre es doch nicht in ihrer Macht gewesen, ihre Kinder und Nachkommen ins Unendliche zu verbinden. Sobald diese dem Herrn der Insel den väterlichen Acker und allenfalls alles, was sie von ihren Vätern ererbt hätten, zurückließen: so könnten sie mit ihrem Leibe gehen, wohin sie wollten. Dieses Gesetz habe die Natur, wie Locke, der Gesetzgeber von Amerika, gesagt, selbst gegeben, und es sei vielleicht die grausamste Konstitution auf diesem Erdboden, welche in dieser Kolonie herrschte und nach welcher einer nicht einmal seinen nackten Leib sollte davontragen dürfen. Das Beste hiebei war, daß es dem Kaper kein Ernst war, die jungen Insulaner mitzunehmen, und daß diese also bleiben mußten, wo sie bisher, ohne daran zu denken, ob sie dazu verbunden wären oder nicht, sich glücklich geschätzet hatten. Inzwischen gab doch dieser Vorfall nachher oft zur Untersuchung der Frage Anlaß: Ob das Recht des Herrn solchergestalt ins Unendliche gehen und ihm, wenn die Umstände darnach wären, die ganze Nachkommenschaft zu eigen machen könnte? Der Pastor behauptete, es sei dieses die wahre patriarchalische Verfassung. Kinder und Knechte wären so lange in der Hörigkeit der Altväter geblieben, bis sie daraus mit seinem guten Willen wären erlassen worden, und dieses sei selten geschehen, weil nicht leicht ein Freigelassener das Vermögen gehabt, eine besondere Kolonie anzulegen und dieselbe zu der Zeit, da niemand das Land, sondern jeder Altvater nur die Seinigen geschützet hätte, gegen andre zu schützen. Alles habe sich daher zum Stamme gehalten, und das Haupt desselben sei dagegen verbunden gewesen, sie zu ernähren, zu schützen und wohl zu halten. Man habe das Band der heutigen Untertänigkeit, nach welchem einer frei zu- und abziehen könnte und einem Fürsten nur so lange unterworfen wäre, als man sich in dessen Lande befinde, gar nicht gekannt; daher auch Joseph von den Ägyptern die Eigengebung erfordert hätte, wenn sie von dem Könige ernähret sein wollten. In der heutigen Verfassung würde er bloß gesagt haben: Kinder, bleibt im Lande, damit euch der König Brod gebe; in der damaligen Verfassung aber, worin die Pharaonen keine Könige von Ägypten, sondern patriarchalische Könige in Ägypten gewesen wären und über die ihnen unangehörigen Einwohner des Landes nicht zu gebieten gehabt hätten, hätte er notwendig von einer Übergabe ihres Leibes sprechen müssen; die Übergebung des Leibes und Vermögens sei bloß Huldigungsformel in der auf Hörigkeit gegründeten Monarchie der Vorwelt.

Der Richter setzte hinzu: Die Natur gebe jedem, der eine Kolonie anlegte und den Verlag davon täte, dieses Recht; es sei eine stillschweigende Bedingung des ersten Originalkontrakts, daß die Kolonisten nicht wieder davonlaufen sollten, und bloß in dem Falle, da die zugenommene Bevölkerung den Verleger gegen die Gefahr des Verlustes sicherstellete, werde jenes Recht unnötig; alsdann aber sei der Mensch so geartet, daß er ein Recht, was er nicht gebrauchte, von selbst fahrenließe. Daher würde man bei zunehmender evölkerung die Leibeshaft mit allen Folgen immer mehr und mehr verschwinden und nur dasjenige davon beibehalten sehen, was wahren Nutzen brächte.

Die Insulaner wollten sich aber doch mit diesen Gründen nicht beruhigen und verglichen sich endlich mit dem Robinson dahin, daß nach fünfzig Jahren ein Jubeljahr verkündiget und jedem frei gelassen werden sollte, zu ziehen, wohin er könnte und wollte. Robinson willigte hierin um so viel lieber, weil er einesteils hoffte, daß die Insel in dieser Zeit hinlänglich bevölkert sein würde, und es andernteils selbst hart fand, die Nachkommen seiner Kolonisten in alle Ewigkeit haften zu lassen. Indessen erhellet hieraus, daß es nicht sowohl Krieg und Tyrannei als natürliche Bedürfnis und Verbindlichkeit in der Jugend eines Staats gewesen, welche den Leibeigentum oder die Leibeshaft so früh und so allgemein eingeführet hat. Denn Leute, welche nichts hatten, mußten froh sein, daß man ihnen Kredit auf ihren Leib gab.

Was ist bei Verwandelung der bisherigen Erbesbesetzung mit Leibeignen in eine freie Erbpacht zu beachten?

In gegenwärtigen der Freiheit günstigen Zeiten melden sich verschiedene Leibeigne um ihre Freiheit und wünschen ihre unterhabenden Höfe gegen gewisse zu bestimmende Pflichten und Dienste zu bauen; einige Gutsherrn sind auch dazu gar nicht abgeneigt; aber beide wissen die Schwierigkeiten nicht alle zu überwinden, welche ihnen bei dieser neuen Einrichtung vorkommen, Es fehlet hier im Lande an einem allgemeinen Rechte freier Personen an gutsherrlichen Stätten; die alten Hofrechte, worin die hiezu erforderlichen Bestimmungen liegen, studiert fast niemand, und alles auf einen schriftlichen Kontrakt ankommen zu lassen, ist bedenklich, weil man nicht alle Fälle vorhersehen kann und mehr Prozesse entstehen sieht, seitdem jeder sein eignes Testament gemacht hat, als zu der Zeit, wo die Erbfolge durch gemeine Gewohnheiten und Rechte festgesetzt war.

Die Frage: ob es überhaupt gut sei, seinen Leibeignen die Freiheit zu erteilen und ihnen den unterhabenden Hof gegen bestimmte Pflichten und Dienste in Erbpacht zu geben, ist in diesen Blättern mehrmals aufgeworfen und von verschiedenen beantwortet worden. Lange habe ich denjenigen beigepflichtet, welche solche verneinet haben, und dieses zwar aus dem Grunde, weil natürlicher Weise jeder Gutsherr sich hierüber mit seinen Leibeignen besonders vergleichen und mancher diesen Vergleich leicht zu hart machen würde; da denn, wenn alles und jedes, worüber sie beide solchergestalt einverstanden sind, gleich den alten gutsherrlichen Pächten bei dem Steueranschlage vorabgezogen werden sollte, andere mit ihnen in gleicher Reihe und Pflicht stehende Höfe darunter leiden würden; ich konnte mir die Schwierigkeit nicht heben, wie es in dem Falle, wo ein Hof in Verfall geriete und den öffentlichen und gutsherrlichen Lasten nicht zugleich gewachsen bliebe, gehalten werden sollte? ob nämlich sodenn die Einkünfte wie jetzt zwischen beiden geteilet und dasjenige, was dem Hofe für die dem Besitzer erteilte Freiheit neuerlich aufgelegt würde, mit zu dieser Rechnung kommen sollte oder nicht? Eine Schwierigkeit, die mir um so viel größer schien, da man kein öffentliches Kataster hat, worin die alten Pachte und Dienste miteinander verzeichnet sind, und solchergestalt hierunter dem Beweise würde trauen müssen, welchen beide Teile für richtig erkennen. Mit einem Worte, ich fürchtete, dasjenige, was für außerordentlichen Gefällen zwischen dem Gutsherrn und Leibeignen verglichen und auf ein jährliches gewisses Geld gesetzet werden würde, mögte eine Real-Erbeslast und aus obigen Gründen dem gemeinen Wesen, was doch zu diesem Kontrakt nicht gezogen werden soll und in Ansehung dessen folglich auch dieser sowenig als jener Beweis einige Gültigkeit haben kann, nachteilig werden.

Allein, nachdem ich in den alten Hofrechten die Verordnung fand,

Daß ein Freier, der seine Freien-Urkunde jährlich nicht bezahlte, als ein Leibeigner beerbteilet und behandelt werden sollte,

so sahe ich auf einmal, daß es nicht nötig sei, aus demjenigen, was zwischen dem Gutsherrn und Leibeignen für die außerordentlichen Gefälle verglichen werden würde, zum Nachteil des gemeinen Wesens eine Erbeslast zu machen; ich dachte, der Gutsherr könne zufrieden sein, wenn derjenige, der ihm das Verglichene nicht bezahlt, zur Strafe wieder leibeigen werden müsse, und wie solchemnach der Staat nicht mehr verliert, als er jetzt würklich entbehren muß: so pflichtete ich denjenigen bei, welche für die Freiheit redeten.

Aber nun entstand die Frage, was man allenfalls für allgemeine Grundsätze annehmen könnte, um alle Irrungen zwischen dem Gutsherrn und dem freien Erbpächter zu verhüten und die Grenzen ihrer beiderseitigen Rechte zu bestimmen? Es lag gleich vor Augen, daß von dein Augenblick der erteilten Freiheit an ein ganz neues Interesse zwischen beiden Teilen entstünde. Vorher lag dem Gutsherrn alles an der Erhaltung seines Leibeignen; er mußte ihn schonen, schützen und vertreten, um gute Auffahrten, Sterbfälle und Freibriefe zu erhalten; jede Schuld, die der Bauer auf sein bewegliches Gut machte, jeder Prozeß, den er anfing, jeder Brüchte, den er bezahlte, jedes Kind, daß er aussteuerte, jede Schätzung, die er bezahlen sollte, alles interessierte den Gutsherrn, alles bewog ihn, zu ihrem beiderseitigen gemeinschaftlichen Besten zu handeln. Sobald ist aber der Mann nicht frei: so fallen alle diese Betrachtungen rein weg; der Gutsherr nimmt, was ihm zukömmt, und bekümmert sich nicht weiter um seinen Pächter, er sieht ihn wie einen freien Handwerker an, den er so genau als möglich bedingt, ohne darnach zu fragen, ob er auch Salz und Brod behalte: wird er in Streitigkeiten verwickelt, desto schlimmer für ihn; sind Steuern zu bewilligen: so sorgt der Gutsherr nur für die Sicherheit seiner Erbzinsfrüchte, und das übrige ist ihm gleichgültig, der freie Erbpächter hat kein Wort dabei zu sprechen und keinen Vertreter. Kurz, der Mann, der als Leibeigner einem Kutschpferde gleich gehalten wurde, was man zu seinem eignen Vergnügen und Vorteile in dem besten Stande zu erhalten sucht, wird jetzt einem MietpferdeLinguet bediente sich dieser Gründe zur Verteidigung des Leibeigentums: Sie gelten aber nur da, wo ein Staat wenig Steuern zu zahlen und wenig Rekruten zu stellen hat. Dieses ist aber jetzt in wenigen Ländern der Fall. In den mehrsten ist ihm mehr an der Erhaltung und dem Wohlstande vieler geringer Untertanen als an dem Voneile großer Gutsherrn gelegen. gleich, was man heute so gut und so viel braucht, als man kann, und sich nicht darum bekümmert, wie es morgen zittern werde. Dieses so plötzlich erscheinende neue Interesse, sage ich, lag vor Augen, und aus demselben ging der Schluß hervor, daß die Grenzen zwischen einem Gutsherrn und einem freien Erbpächter weit genauer bestimmt werden müssen als zwischen jenem und seinem leibeignen Pächter, wo ihr beiderseitiger Vorteil in der Schonung und Billigkeit beruhet.

Zuerst kam der Hof in Betrachtung. Hier redete die Sache von selbst, daß die Freiheit dem Erbpächter in Ansehung dessen nicht mehr Rechte geben könnte, als er vorhin wie Leibeigner gehabt hatte. Beide sind in gleicher Maße schuldig, die Gebäude zu errichten und zu erhalten und solche sowenig als Zäune und Frechten verfallen zu lassen; beide müssen in Bau und Spannung gleich gut bestehen; beide können den Hof nicht mit neuen Dienstbarkeiten, Schulden oder Auslobungen beschweren; beide können ihm durch Prozesse oder Kontrakte nichts vergeben; beide dürfen das Holz nicht ungebührlich angreifen; beide haben, den Hof nur, wie es in der alten Formel heißt, to tellen unde to bowen oder zum Pflanzen und Bauen unter, nicht aber, um weiter unter oder über die Erde zu gehen und Veränderungen vorzunehmen, wodurch der Hof in seinem Wesen verändert wird; beide bleiben, wenn sie diesen Grundgesetzen zuwiderhandeln, der Abäußerung oder, wenn man in Ansehung der Freien einen andern Namen gebrauchen will, der Abmeierung unterworfen. Es hinderte also nichts, sich hierunter in allgemeinen Ausdrücken an die Eigentumsordnung zu halten und den Grundsatz anzunehmen,

Daß der freie Erbpächter sich in Ansehung des Hofes ein mehrers, als den Leibeignen in der Eigentumsordnung erlaubt ist, nicht herausnehmen oder widrigenfalls, wo dieser desfalls der Abäußerung unterworfen ist, die Abmeierung leiden solle.

Ebenso deutlich redete auch die Sache in Ansehung der Dienstleistungen und Pachte und zwar dergestalt, daß der Gutsherr solche von dem freien Erbpächter nach eben dem Maße und eben dem Ziele fordern konnte, nach welchem er solche von seinem Eigenbehörigen hatte, die Selbstpfandung nicht ausgeschlossen. Es konnte also auch hier die Eigentumsordnung die bekannte Richtschnur bleiben.

Die einzige Ausnahme, welche sich hier aufstellete, betraf das Holz, warum sich mancher Gutsherr, nach vermindertem Interesse, zum Nachteil des gemeinen Wesens, jetzt weniger oder auch wohl, um den freien Erbpächter durch einen Nebenweg wieder unter seine Willkür zu bringen, zu sehr bekümmern würde. Die erste Von diesen beiden Folgen schien mir hier im Lande, wo man den völlig freien Bauern, wiewohl mit Unrecht, die willkürliche Nutzung ihres Holzes gestattet und solchergestalt das Publikum in Gefahr setzt, durch den üblen Haushalt eines einzigen schlechten Wirts einen Erbschaden an einem reihepflichtigen Gute zu erleiden, nicht gefährlich und allenfalls zur künftigen Vorsorge des Gesetzgebers zu gehören. Die andre aber fand ich um so viel bedenklicher, je mehr das neue Interesse und der daraus gezogene Schluß eine scharfe Bestimmung notwendig machte. Die Verweigerung der Anweisung oder willkürliche Gebühren für jeden Stamm sind immer gefährliche Mittel für einen übelwollenden Herrn, und wenn man einmal die Absicht hat, Freiheit und Leben einzuführen, muß man alles, was diese verhindern kann, auf die Seite schaffen. Hiezu aber liegt, soviel ich urteilen kann, das Mittel nicht in der Eigentumsordnung; und gerade hier wird es nötig sein, den schriftlichen Kontrakt zu gebrauchen, mithin darin zu bestimmen, ob der Erbpächter unter gehöriger Verpflichtung zur Wiederanpflanzung die Notdurft an Brand- und Bauholze ohne Anweisung nehmen oder ob er solche zu dem letztern, sowohl was das Zaun-, Wagen-, Riegel- und Sperr- als Hausbalkenholz betrifft, nachsuchen und wieweit er nach Beschaffenheit der Lokalumstände zum Verkauf oder zu einer forstmäßigen Nutzung, denn das Verhauen und Verschwenden ist immer verboten, berechtiget sein solle?

Meine zweite Betrachtung fiel auf Bau und Besserung. Hievon weiß man bei der Erbesbesetzung mit Leibeignen nichts; alles, was dieselben in den Hof verwenden, kömmt dem Hofe oder dem Hofeserben und, wenn dieser fehlt, dem Gutsherrn ohne alle Erstattung zugute. Aber auch dieses ist der wahre deutsche Meierkontrakt, und es hindert nichts, den Erbpachtskontrakt dahin zu richten,

Daß alles, was der Erbpächter an dem Hofe bauen und bessern oder aus der offnen Mark, worin der Hof berechtiget ist, es sei unter welchem Titel es wolle, ankaufen würde, dem Hofe und Hofeserben, nach dessen Abgang aber dem Erbpächter ohne alle Erstattung zugute kommen solle.

Der Fall, wo das Angekaufte noch unbezahlt und solchergestalt noch nicht rein mit dem Hofe verknüpft ist, nimmt sich von selbst aus; und das Recht, was die Eigenbehörigen haben, Gründe, welche sie außer aller Beziehung auf den Hof gekaufet haben, bei Lebzeiten wieder verkaufen zu mögen, bleibt dem Erbpächter und seinen Nachkommen ewig. Aber in der Mark, worin der Hof liegt, bezieht sich alles auf denselben. Hier muß der Erbpächter nichts zum freien Verkauf für sich und die Seinige, sondern alles dem Hofe und Hofeserben erwerben; oder er ist in beständiger Versuchung, ein Verräter an dem ihm anvertraueten Meiergute zu werden und sein Erbgut zum Nachteil des Pachtguts zu bessern. Also kein Erbgut in derselben Mark, worin der Hof liegt.

Die Besitzer aller Pfründen befinden sich in gleichem Falle. Was sie an ihren Kurien und Obedienzien verbessern, bleibt nach ihrem Tode ohne alle Erstattung dabei, insofern sie sich nicht durch eine Bewilligung ihrer Obern vorgesehen haben, welche insgemein auf eine jährliche Abtötung gerichtet ist und auch in dieser Maße dem Erbpächter ohne sonderlichen Nachteil des Gutsherrn entweder von diesem oder, wenn derselbe unbillig sein sollte, von der Obrigkeit erteilet werden kann; auf zwanzig Jahr, wenn er bereits einen Hofeserben im Leben hat, und auf zehn, wenn er dergleichen nicht haben sollte.

Nichts hat den Leibeigentum mehr begünstiget als der billige Vorteil, welchen der Gutsherr hat, daß er wegen Bau und Besserung, Geil und Gare, oder wie sonst die Zankäpfel zwischen Pächtern und Verpächtern mehr heißen, mit keinen Gläubigern oder Allodialerben zu liquidieren und zu streiten hat. Dieser Vorteil muß also auch mit der Erbpacht, wenn man dieselbe befördern will, verknüpfet bleiben. Die abgehenden Kinder erhalten ihre Auslobung, womit sie von aller Besserung abgefunden werden, und es gibt hier keine Regredienterben.

Auch hat man bei den Pfründen das glückliche Recht, daß sich keine Gläubiger und Erben ohne Mittel in die Erbschaft des Verstorbenen mischen können, sondern, was sie zu fordern haben, aus der Hand der ernannten Exekutoren nehmen müssen, so die Erbschaft zu verwahren haben. Eine solche Verwahrung war auch ehedem bei den Lehnen unter dem Namen von Custodia, und der Lehnsherr übte sie aus. Ebendieselbe ist wiederum der große Vorteil des Leibeigentums, wo der Gutsherr völliger und einziger Exekutor oder Kustos auf dem Hofe ist, sobald der Fall eintritt. Ein gleicher Vorteil kann dem Erbverpächter unter dem Namen einer Erbesverwahrung zugestanden werden, um alles Besitzergreifen, Vorenthalten (jus retentionis) und unmittelbare Einmischen fremder Prätendenten und Gläubiger von seinem Hofe abzuhalten, und würde solcherhalb in dem Erbpachtkontrakt zu bedingen oder vielmehr in einem gemeinen Meierrechte zu verordnen sein,

Daß der Hof in beständiger Verwahrung seines Gutsherrn bleiben, mithin keiner daran oder darauf einen festen Besitz haben solle als derjenige, der solchen für seines Leibes Leben aus den Händen des Gutsherrn empfangen hätte.

Damit wäre denn alles Recht der Vorenthaltung und Besitzergreifung für solche Personen, die nicht selbst die Hand am Gute erhalten, völlig ausgeschlossen und die richterliche Handhabung gehörig eingeschränkt; sodann müßten die Erben zu dem beweglichen Gute, was ihnen gebührte, aus der Verwahrung des Exekutoren, nicht aber ohne Mittel nehmen. Das ist auch der deutsche Unterscheid zwischen Erben und Erbgenahmen.

Wollte man dieses zum Besten der Erbgenahmen und Gläubiger mildern: so würde solches also geschehen können, daß der Gutsherr ihnen in dem Falle, wo ihm das Erbe eröffnet würde, die ganze Ernte des Jahrs, worin der letzte Erbpächter stirbt und allenfalls noch ein Jahr aus seiner Verwahrung zugute kommen ließe, woraus dann diejenigen, mit deren Gelde oder Fleiße eine oder andre unbezahlte Besserung ausgerichtet worden, ihre Befriedigung erhalten könnten.

Soviel von dem Hofe; jetzt will ich auf die Person des Erbpächters kommen. Hier zeigt sich die größte Schwierigkeit, wie man eine genaue Scheidungslinie zwischen Hofeserben und andern Erben ziehen wolle. Dem Gutsherrn ist es nicht zuzumuten, daß er allen und jeden, die dem Verstorbenen nahe oder fern verwandt sind, in ihrer Ordnung den Hof übergeben solle. Wollte man dieses fordern: so könnte ich keinem raten, sich auf eine Erbpacht einzulassen. Nie würde ihm sein Hof eröffnet werden, und oft würde er mit allerhand Erben sich herumzuzanken haben. Es ist also durchaus nötig, hier eine Grenzlinie zu ziehen. Die Frage ist aber, wie? und wo? man solche ziehen wolle.

Die Römer hatten hier zuerst, wie sie ihre ländlichen Begriffe mit in die Stadt brachten, ihre Suität und Emanzipation. Sobald ein Kind aus der Suität trat, verlor es sein Erbrecht. – Gleiche Begriffe hatten die Deutschen, der Erbe mußte sein hörig, huldig und ledig, und dieses ging so weit, daß ein Bruder in einer Hode oder Hulde seinen Bruder in einer andern nicht erben konnte. Keine Erbschaft folgte aus der Stadt oder der Bürgerhulde aufs Land, aus einer Hode in die andre, aus einer Hörigkeit in die andre. Sowenig jetzt ein freier Sohn seinen leibeignen Vater beerbt, ebensowenig erbten emanzipierte, aus der Suität, dem Gehör oder der Hulde entlassene Kinder ihre Eltern. Hier im Stifte ward dieses Recht zuerst durch die mit dem Bischofe Konrad von Diepholz im Jahr 1482 geschlossene Kapitulation § 12 aufgehoben; und auf demselben beruhet noch der Abschoß.

Auf diese Begriffe leitete die Natur Menschen, welche die Schwierigkeit fühlten, die ich vorhin angeführt habe und die sie gern vermeiden wollten. Begriffe, die das große Gebäude der Hörigkeit getragen haben, was ehedem über den Boden von ganz Europa hervorragte, und die in manchen Köpfen jetzt für redende Urkunden der Leibeigenschaft gelten. Allein, eben diese Begriffe sind jetzt, da sie der Prätor zu Rom und der Geldreichtum, welcher bald den größten Teil der Erbschaften ausmachte, überall verbannt hat, sowohl ihrer großen Freiheit wegen als, weil sich alles in Territorialuntertanen verwandelt hat, ziemlich unbrauchbar. Sie sind das feinste Kunstgewebe des menschlichen Verstandes, der nur das Band der Hulde zwischen Haupt und Gliedern kannte, und man müßte sie wie ehedem täglich behandeln, um sie in Übung und Anschauung zu unterhalten.

In dieser Verlegenheit müssen wir wieder unsre Zuflucht zur Eigentumsordnung nehmen; diese sagt:

Diejenigen, welche, vom Erbe mit Aussteuer abgegütet, darauf Verzicht getan oder andre Erben und Güter angenommen haben, sollen keinen Regreß zur Erbfolge im Hofe haben, es sei dann, daß der Gutsherr sie mittelst gebührender Qualifikation hinwieder dazu lassen wolle.

Und dieses muß auch der Grund der Erbfolge im Hofe bei freien Personen bleiben. Jedes Kind, was aus dem Hofe freiet, ein Ausdruck, der sich auch auf die alte Hörigkeit bezieht, muß, sobald der Priester den Ehesegen gesprochen hat, nichts weiter als seine Auslobung fordern können und damit von aller Erbfolge im Hofe abgeschnitten sein. Das Erbrecht fällt von einem Kinde aufs andre, solange sie noch ungefreiet sind; unter diesen kann eins zum Vorteil des andern darauf Verzicht tun, aber es kann ohne gutsherrliche Bewilligung kein Verzicht oder Abstand zum Vorteil solcher Kinder gelten, welche das väterliche Gehör oder den Hof mit Heiraten verlassen haben. Und diesen Grundsatz zu verstärken, kann man im übrigen die völlige Analogie der Eigentumsordnung gelten lassen.

Bei dein Leibeignen streitet man darüber, ob diejenigen Kinder, welche auf eine andre Stelle in dem nämlichen Eigentum heiraten, ihr Erbrecht verlieren? Ein gleicher Streit erhob sich auch ehedem im Hofrechte über die Verandersettung (etablissement ailleurs), und man behauptete, daß die Kinder, welche in derselben Hulde blieben, sich nicht verandersetteten. Ebenso konnte es auch geschehen, daß bei dem Ausdruck aus dem Hofe heiraten die Frage entstünde, ob Kinder, die im Hofe heirateten und auf demselben entweder als Vormünder des Anerben oder zur Heuer blieben, ihr Erbrecht damit verwirken, besonders wenn sie mit dem Hofeserben in einerlei Hulde bleiben? Diesem Streite wird man aber in Ansehung der Erbpacht damit vorbeugen können, wenn man in den Meierkontrakt setzt,

Daß alle Kinder, welche heiraten, wenn ein Anerbe im Leben ist, damit völlig abgehen und weiter nichts als ihre Auslobung fordern sollen.

Überhaupt aber wird es nötig sein, hier die Behandung einzuführen. Die Behandungsgüter sind bekannt, besonders in dem Fürstlich Werdenschen Lehnhofe, und sie werden auch Adlichen (wiewohl nicht zu Meier-, sondern zu Ritterdiensten), mithin gewiß aller persönlichen Freiheit unbeschadet, verliehen. Diese Behandung gibt der ganzen Sache eine ordentliche Richtung, als:

1) Behandet der Gutsherr dem freien Erbpächter oder dessen Anerben und seiner Frauen das Gut; daher fällt es von dem Manne auf die Frau und von der Frau auf den Mann für ihrer beider Leibesleben.

2) Behandet er es einem Stiefvater oder einer Stiefmutter, wenn der Fall einer zweiten Ehe eintritt, und erhält damit das Recht, die Behandung auf eben die Jahre einzuschränken, auf welche sie der Gutsherr in Ansehung der Leibeignen einschränkt, da denn auch wiederum die Analogie der Eigentumsordnung hier zu gebrauchen ist.

3) Behandet er nach dieser Analogie den Eltern, wenn sie abziehn, auch die Leibzucht und behält dadurch deren Bestimmung nach üblichem Rechte in seiner billigen Vorsorge.

4) Steht die Behandung mit der vorgedachten Bewahrung in einem systematischen Zusammenhange.

5) Kann der Gutsherr kraft der Bewahrung wenn er es nötig findet, den Zustand seines Hofes untersuchen und nachsehen ob derselbe auch verschuldet sei.

6) Erhält auch mittelst der Behandung der Zustand des Erbens seine eigentliche Bestimmung. Man sieht, alle noch unverheiratete Kinder sind hörige und notwendige Erben, heredes sui er necessarii, alle andre aber nicht. Dennoch geht der Besitz auf diese nicht von selbst (ipso jure), sondern durch die Behandung über. Und da

7) eine Bestimmung nötig ist, was bei dem Abzug der Eltern auf die Leibzucht im Hofe gelassen werden muß und nicht mitgenommen werden kann oder was von der Erbteilung ausgeschlossen ist: so kann der Gutsherr dafür sorgen, daß diejenigen Sachen, welche unter die Behandlung gehören (res mancipii, auf westfälisch Redegut), zusammen im Hofe bleiben und dem Hofeserben nicht entzogen werden.

Eine ganz andre Frage aber ist es, ob den also abgegangenen Kindern auf den Fall, da der Hofeserbe und seine Frau abgehen, nicht das Näherrecht vor einem Fremden, wenn jener die nämlichen Bedingungen eingehen will als dieser, zuzubilligen sei? und ob sodann die nächsten Verwandten des Letztlebenden, ohne Unterschied, ob der Hof ihm ursprünglich gehört habe oder nicht, den Vorzug haben sollen? Allein, da solche nur zu Prozessen führen würden: so scheinet es mir am besten zu sein, dieses Näherrecht auszuschließen, wie es denn auch bei Eigenbehörigen nicht stattfindet. Doch mögen andre die mildere Meinung, ohne daß ich ihnen darin widersprechen will, behaupten.

Auch könnte man noch fragen: ob es nicht ratsam sein würde, das Hagestolzenrecht, nach welchem der Hofeserbe, wenn er unverheiratet verstirbt, als Leibeigner beerbteilet werden kann, zu bedingen. Denn der Gutsherr kann einen freien Mann nicht wie einen Leibeigenen nötigen, sich bei Verlust seines Erbrechts zu verheiraten; und jenes Hagestolzenrecht kann nur bei freien Personen ausgeübet werden, weil Leibeigne ohnehin von ihren Gutsherrn beerbteilet werden. Allein, diese Bedingung scheint mir überflüssig, weil der Meierkontrakt dahin geschlossen werden kann, daß der Hofeserbe, wenn er bis über dreißig Jahr mit der Heirat wartet, den Weinkauf so, als wenn er würklich heiratet, bezahlen solle. Und wenn man auch dieses nicht will: so müßten zugleich mehrere unverheiratete Geschwister im Hofe geblieben sein, wenn derselbe dem Gutsherrn nicht eröffnet werden sollte. Und dieses wird selten der Fall sein.

Vorreden, Rezensionen, Schriften zur Geschichte, Literatur, Ästhetik und Religion

Die Geschichte in der Gestalt einer Epopöe

Die Geschichte in der Gestalt einer Epopöe wird zwar vielen seltsam scheinen, und vielleicht wird man gar befürchten, ich dächte das Wahre mit dem Großen, das Nackte mit dem Schönen und das Schlechte mit dem Aufgestutzten zu vermischen; oder wohl gar die Begebenheiten in einen Roman und die Apostelgeschichte in eine Messiade zu verwandeln. Die Besorgnis ist auch nicht ohne allen Grund; zumal wenn man das Costume der jetzigen Zeiten und besonders der Franzosen bedenkt, welche in der Geschichte gern schildern, ihre Schilderungen gern übertreiben und oft das Ideal verfolgen, wenn das Wahre nicht genug entzücken oder kitzeln will. Und wer in der Versuchung gewesen, der wird leicht erkennen, wie geschwind man eine Geschichte von der Seite fasset, nach welcher sie mit unserm Plan, mit einer schmeichelnden Entdeckung oder mit unserm Vorurteil passet. Nichts ist leichter und bequemer, als eine Ursache unterzuschieben, daraus den Vorfällen eine Erklärung zu geben und damit, nach Art eines Voltaire, das Angenehme und Unterhaltende auf Kosten der Wahrheit zu befördern. Und dieses würde gewiß der Geist der Epopöe mit sich bringen, wenn eine Geschichte in dieser Art und von Männern geschrieben würde, welche notwendig viel Feuer, und mit diesem auch einen Hang zum Ausschweifenden, zum Malerischen und zu Erfindungen besitzen müßten.

Demungeachtet aber wünsche ich doch, daß diese Art erwählet, und ein Geschichtschreiber vorhanden sein möchte, welcher alle Vorteile eines Genies ohne die fast notwendig damit verknüpften Fehler besitzen müßte. In einzelnen Stücken der Geschichte, in Lebensläufen besonderer Helden, in Beschreibungen großer Revolutionen, in Erzählungen gewisser Kriege, welche nur einen Endzweck gehabt haben, mangeln auch dergleichen Genies nicht. Und die Wahrheit zu bekennen, so scheinen auch dergleichen einzelne große Handlungen, welche ihre gewisse Dauer, ihre bestimmten Charaktere, ihre völlige Größe und den Vorteil haben, daß sich alle darin vorkommende Zwischenfälle zu einer Hauptabsicht vereinigen und durch eine einzige Triebfeder gewecket werden, sich einzig und allein den Epopöen anzubieten; wohingegen die lange schleppende Reihe mehrerer nebeneinanderherlaufender Begebenheiten, welche gar keine Verbindung miteinander haben, in keinen gemeinschaftlichen Knoten zusammenlaufen, und nicht als Episoden mit untergeordnet werden können, sich gleichsam wider die Hand des Dichters zu sträuben scheinen. Dieses ist überhaupt wahr. Nur dürften sich noch viele Geschichten finden, welche zur ersten Art bequem gemacht werden können, bisher aber nicht also abgehandelt worden. Viele Geschichtschreiber bedienen sich der Abteilung in gewisse Perioden, ohne den Vorteil zu kennen, welchen ein geschicktes Genie daraus ziehen kann. Eine Periode sollte nicht das Leben einer gewissen königlichen Familie, sondern eine ganze Reichsveränderung enthalten. Das Leben eines Königs ist gewissermaßen das Leben eines Privatmannes, und der Geschichtschreiber sollte sich dieser Abmessungen nicht weiter bedienen, als um dem Gedächtnisse zu Hülfe zu kommen. Es sollte der Tod eines Königs oder der Ausgang einer herrschenden Familie keinen Absatz in einer Reichsgeschichte machen. Mit dem Ausgang der Könige zu Rom schließt sich eine Periode; mit dem Tode Alexanders des Großen wird eine Monarchie zertrümmert; der Ausgang des Karolingischen Stammes zieht eine ganze Staatsveränderung nach sich. Dieses sind und sollen Perioden sein. Und wenn man so den Begriff davon festsetzt, so wird es meines Ermessens möglich sein, der Geschichte den Schwung der Epopöe zu geben. Im Anfang einer Periode arbeiten gemeiniglich Freiheit und Unterdrückung gegeneinander. Sie bringen ein Hauptwerk, entweder eine Monarchie oder eine Demokratie oder eine Republik hervor. Dieses steigt zu einer gewissen Vollkommenheit, schwächt. sich, sinkt und fällt am Ende der Periode wieder. Dies wird man fast in allen Ländern bemerken. Und wo dieses ist, da lassen sich alle Bemühungen der sich sträubenden Freiheit, alle Unternehmungen und Gesetze der drückenden Macht, alle Fehler von beiden Seiten, der mit der Freiheit blühende Handel, der mit der Monarchie steigende Glanz der Wissenschaften, die wirkende Ehre, die kriechende Furcht, und sehr viele andere Dinge in eine Epopöe zusammenflechten, und fast alle untere Begebenheiten als Episoden und Zierraten gebrauchen.

In Frankreich haben die Monarchen, in England die Edlen und Freien, in Deutschland die Kronbedienten gesiegt. Die Vollkommenheit einer jeden von diesen freien Verfassungen ist das Handwerk, welches durch mehr als tausendjährige Arbeiten gewirket worden. Hier hat der Geschichtschreiber also ein Ganzes und kann bei dem Schluß eines jeden mit dem Dichter sagen:

Tantae molis erat Romanam condere gentem.

Allein auch in diesem Ganzen liegen Perioden, welche, für sich allein genommen, die gehörige Größe, die Hoheit der Absicht und allen Vorteil der Epopöe darbieten. Ehe Karl der Große die Sachsen überwand, zeigt sich die schönste Periode des freien Adels. Dessen Einrichtung, die Ökonomie ihrer Kräfte zur gemeinsamen Erhaltung ihrer Staatsverfassung im Kriege und im Frieden, ihre Religion, welche der Freiheit und der Tapferkeit günstig sein mußte, ihre dahin abzielenden Gesetze, ihre Gebräuche, ihre Kriege mit den Franken, kurz alles, was man nur von ihnen weiß, arbeitet zu dem gemeinschaftlichen Endzweck der Freiheit. Und die Fehler in ihrer Verfassung gegen eine bessere Vereinte Macht, ihre innerlichen Uneinigkeiten und die für solche Fälle unzulänglichen Gesetze bereiten ihren langsamen Untergang, und schließen diese glückliche Periode. –

Von dem deutschen Nationalgeiste

Frankfurt am Main, bei Eßlinger, 1765. in klein 8.

Wer mit der Nase auf dem Bilde steht, wird selten ein gutes Urteil darüber fällen. Entweder die Menge der Figuren verwirrt ihn; oder aber er sieht nichts als einzelne Teile und gelangt nicht zu dem Vergnügen, das Ganze mit einem mächtigen Blicke zu übersehen. Ich glaube, daß dieses der Fall sei, worin sich ein jeder, der seine eigne Nation schildern will, befindet. Unser Urteil, welches wir von den Franzosen, Engländern, Italiänern und andern Nationen überhaupt fällen, wird uns überaus leicht. Wir glauben auch einen sehr vollständigen Begriff von dem Nationalcharakter der alten Deutschen zu haben; und so scheinet es, daß eine sichere Entfernung des Orts oder der Zeit notwendig sei, um den wahren Stand zur Betrachtung einer Nation zu erhalten.

Also sollten wir, möchte jemand sagen, das Urteil über uns bloß unsern Nachbarn überlassen und erwarten, daß die Franzosen uns als arbeitsame Pedanten, die Engländer als mitleidenswürdige Sklaven und die Italiäner als grobe Schlucker schilderten? Wir sollten es mit Geduld anhören, wenn ein vornehmer Kardinal sagt: Ich erkenne die drei Nationen bei einem Glase Wein, worin eine Fliege liegt. Der Italiäner gibt das Glas weg; der Franzose nimmt die Fliege heraus; und der Deutsche schluckt sie mit herunter –? Nun, das ist freilich nicht ratsam. Wir tun also nicht übel, daß wir uns selbst malen.

Allein, wo finden wir die Nation? An den Höfen? Dies wird niemand behaupten. In den Städten sind verfehlte und verdorbene Copieen; in der Armee abgerichtete Maschinen; auf dem Lande unterdrückte Bauern. Die Zeit, wo jeder Franke oder Sachse paterna rura (das ist sein allodial-freies, von keinem Lehns- oder Gutsherrn abhängendes Erbgut) bauete und in eigener Person verteidigte, wo er von seinem Hofe zur gemeinen Landesversammlung kam, und der Mensch, der keinen solchen Hof besaß, wenn er auch der reichste Krämer gewesen wäre, zur Klasse der Armen und ungeehrten Leute gehörte, diese Zeit war imstande, uns eine Nation zu zeigen. Allein die gegenwärtige ist es nicht.

Doch der Nationalgeist ist erschienen und gedruckt; und der Verfasser, der sich in jeder Wendung des Stils und des Ausdrucks selbst schildert, muß doch auch wohl andere malen können. Freilich kann er dies, und wir lassen ihm die Gerechtigkeit gern widerfahren, daß er ziemlich zu treffen und besonders die Stellungen wohl anzulegen wisse, ob er gleich, seine Farben bisweilen auf eine sonderbare Art vermischet. Ob er aber nicht sein Auge zu nahe auf dem Bilde gehabt, und ob er unsre Nation wirklich wiederentdeckt habe, solches wird die Frage sein.

Unsrer Meinung nach hat sich der Verfasser in der Nähe solcher Gegenstände befunden, die ihn verhindert haben, das Ganze völlig zu übersehen. Ja es scheinet aus späteren Schriften des Verf. die Vermutung bestätiget zu werden, daß er das Ganze nicht übersehen, weil er es nicht übersehen wollte. Ob dies mit der Art eines deutschen Biedermannes übereinstimme, zweifeln wir. – Doch genug hievon.

Es ist schon lange der Fehler unsrer deutschen Geschichtschreiber und Publizisten gewesen, daß sie in Deutschland nichts als Herrn und Diener erblicken. Ein Teil eignet alles dem höchsten Oberhaupte zu, der andre schreibt und streitet für die Diener, und über diesen Zank denkt kein Mensch daran, daß beides, der Herr und der Diener, eigentlich nur die Türwärter der Nation, keinesweges aber die wahren Bestandteile derselben sein. Was helfen uns alle Intriguen und Machinationen der großen und kleinen Diener im Heil. Römischen Reiche zur Erkenntnis des Nationalcharakters, wenn solche nicht außer ihrer Verbindung mit dem großen Interesse der Nation geschildert und von den Wirkungen getrennet werden, welche sie im Ganzen hervorgebracht haben? Der Schöpfer des Nationalgeistes ist in ebendiesen Fehler verfallen. Er hält sich allein bei der Staatsintrigue auf; und wenn er sein Werkchen der Geist der deutseben Höfe betitelt hätte, so würde solches dem Titel weit mehr entsprechen. Er sieht nichts als Höfe und wirft noch höchstens einen Blick auf die Gelehrten, welche dem Staate seine Diener zustutzen. Allein am Hofe lebt nicht der Patriot, nicht der Mann, der zur Nation gehört, sondern der gedungene Gelehrte, der sich schmiegende Bediente und der Chamäleon, der allezeit die Farbe annimmt, welche ihm untergelegt wird; und die Gelehrsamkeit überhaupt hat ein solches air étranger, daß sich der Nationalcharakter darunter beinahe ganz verliert.

Und sollte er am Hofe und unter Gelehrten den Nationalgeist aufgefunden haben? – Doch wir wollen unsre Meinung hierüber einen andern sagen lassen, welcher unter dem folgenden Titel einen vortrefflichen Pendant zum Nationalgeist geliefert hat.

Vorrede zur Allgemeinen Einleitung der »Ösnabrückischen Geschichte«

Der Vorsatz, eine Geschichte meines Vaterlandes zu schreiben, ist bei mir sehr spät entstanden; und, seitdem ich mich daran gewagt habe, oft unterbrochen worden. Der selige Professor Lodtmann, mein Freund von der ersten Kindheit an, hatte, wie ich glaube, von der Natur einen Trieb dazu empfangen. Denn schon im zehnten Jahre seines Alters fing er an, damit zu spielen; und ich teilte ihm nachher dasjenige gern mit, was ich zufälligerweise fand. Allein, der Tod hat ihn mir und seinem Vorsatze zu früh entrissen. Seine Monumenta Osnabrugensia erschienen noch für seinem Ettde; und seine Geschichte, soweit sie fertig geworden ist, beruhet bei seinen Erben. Meine Absicht war anfangs, mir solche auszubitten und gemein zu machen; hiernächst aber die Geschichte der letzten Jahrhunderte, wovon ich in der Folge bessere Nachrichten erhielt, als ihm das Glück gegönnet hatte, selbst auszuarbeiten. Und in die; ser Absicht wandte ich zuerst, nachdem ich bereits zwanzig Jahre mit Arbeiten von ganz andrer Art beladen gewesen, einige,ersparete Stunden darauf, um die nötigen Auszüge zu machen. Bei der Arbeit aber fühlte ich bald, daß die neuern Zeiten durchaus das Licht der alten nötig hätten. Ich ward daher zuerst genötiget, bis zu der Epoche des mit Herzog Heinrich dem Löwen gesprengten Großherzogtums Sachsen zurückzugehen. Wie ich hier war, mußte ich die Verfassung unter Karin dem Großen haben, und endlich, um solche recht anzulegen, in die ältesten Zeiten hinaufgehen.

Hier wäre mir die Arbeit meines Freundes besonders nötig gewesen; und ich wünsche noch immer, daß solche von seinem geschickten Vettern, der sich bereits durch glückliche Proben zeigt, der Welt bekannt werden möge. Denn ich habe vieles übergangen, was nicht zu meiner Absicht gehörte; und unser beider Gesichtspunkt ist sehr voneinander unterschieden gewesen; indem ich vorzüglich die Geschichte unsrer Rechte, Sitten und Gewohnheiten zu entwickeln mich bemühet, und die Begebenheiten ziemlich nach dieser Absicht geordnet habe; er aber mit aller ihm eignen Genauigkeit die Vorfälle, ohne solchen eine gewisse Richtung zu diesem oder jenem Ziele zu geben, erzählet und beschrieben hat. Mein Freund würde Fehler vermieden haben; ich aber habe notwendig sehr oft gefehlt, indem man sich gegen das fünfzigste Jähr seines Alters nicht ungestraft in ein Feld wagt, worin man in seinen Lehrjahren völlig unbekannt gewesen; ich kann selbst einiges davon anführen.

Da meine Zeit zu kurz war, so ging ich überall unmittelbar zu den Quellen; und meine wenige Bekanntschaft mit ihnen machte, daß ich alles neu zu entdecken glaubte. Das Vergnügen, welches ich dabei empfand, verführte mich zu unzähligen Ausschweifungen; wovon ich mit ziemlicher Strenge eine ungeheure Menge nachwärts verworfen, doch aber, nach dem mir vorgesteckten kleinen Ziel, noch viel zuviel beibehalten habe.

Ein ander Fehler ist, daß ich den Anfang zum Schreiben auf Reisen während dem letzten Kriege gemacht und mir erst jede Sache nach ihrer Möglichkeit vorgestellet und solche hernach zu Hause vielleicht nicht mit genügsamer Unparteilichkeit gegen die Beweise geprüfet habe. Daher kann einiges einen scheinbaren Hang nach der Hypothese behalten haben. Denn diese pflegt ihren ersten Liebhaber doch noch immer heimlich und unsichtbar zu verfolgen. Manches aber ist sicher, wie ich jetzt sehe, zu weit ausgeholet; und ich hätte verschiednes weit näher aus der reichsvogteilichen Verfassung haben können, was ich aus den älteren Zeiten zu weit gesucht habe. Indessen glaube ich doch eben dadurch, daß ich auf eine sonderbare Art verfahren und nicht sofort den gewöhnlichsten Weg eingeschlagen bin, manches auf eine neue Art gewandt und viele historische Wahrheiten möglicher und wahrscheinlicher erzählet zu haben, als andre, welche entweder mit Sammlen den Anfang machen und dann mit ermüdetem Geiste die Feder ansetzen oder nur bloß ein schlechtes Gebäude verbessern.

Vielleicht habe ich auch darin gefehlet, daß ich die Charakter der vorkommenden Personen niemals in einem besondern Gemälde entworfen und nur sehr selten einige Betrachtungen mit eingestreuet habe. Ich bin aber gewiß, daß die erstem sehr viel von meiner eignen Erfindung behalten haben würden, und halte in Ansehung der letztern dafür, daß in der Geschichte, so wie auf einem Gemälde, bloß die Taten reden und Eindruck, Betrachtung und Urteil jedem Zuschauer eigen bleiben müssen. Im Alter, und fast in jeder Periode des Lebens sehen wir die Begebenheiten von einer ganz andern Seite an, machen ganz neue Betrachtungen darüber und vertragen diejenigen nicht mehr, welche uns in Jüngern Jahren die prächtigsten schienen. Daher tut in der Geschichte die Handlung, wenn sie moralisch vorgestellet oder mit ihren Ursachen und Folgen erzählet wird und schnell und stark fortgehet, eben das, was sie auf der Schaubühne tut. Sie erweckt, nährt und füllet die Aufmerksamkeit der Zuschauer mehr als alle dabei angebrachte Sittenlehre, die oft zur Unzeit eine Träne von demjenigen fordert, der über die Handlung lachen muß.

Ich habe mir auch wohl nicht wenig geschadet, daß ich diese meine Einleitung (welche eigentlich zu einer historischen Logik dienen und daher vielleicht nicht erzählungsweise geschrieben sein sollte), nicht erst ganz entworfen, sondern solche immer so, wie ein Bogen fertig wurde, in die Presse geschickt habe. Da ich unter sehr vielen Zerstreuungen schrieb und niemals glaubte, daß ich soviel als ein Alphabet auf einmal zustande bringen würde: so suchte ich mir gewissermaßen meine eigne Arbeit zu stehlen und wenigstens alle Monat einen Bogen in die Druckerei zu liefern. Je weiter ich kam, je mehr lernte ich. Allein, da die Bogen immer abgedruckt waren: so konnte ich nicht wieder einlenken, und muß mich jetzt begnügen, wenn die Geschichte meiner Fehler andre fürsichtiger macht. Fast hatte ich mich entschlossen, den Abdruck ganz wieder zu unterdrücken oder ihn doch erst bloß als ein Manuskript guten Freunden zur Verbesserung auszuteilen; es sind auch würklich bereits über zwei Jahr, daß solcher geruhet hat. Endlich aber wage ich es doch, ihn mit dieser Vorrede noch zu begleiten und ihn als einen bloßen Versuch dem gütigen Leser zu empfehlen.

Was ich am mehrsten fühlte, war dieses, daß unsre Sprache eine Verräterin der edlen Freiheit geworden war und den Ausdruck verloren hatte, welcher sich zu meinen Begriffen paßte. Die ältesten Geschichtsschreiber von Deutschland haben nicht in unser Sprache geschrieben und dem starken deutschen Körper ein ganz fremdes Kolorit gegeben. Wie man aber anfing, unsre Muttersprache zu gebrauchen: so hatte die Lehnsverfassung die gemeine Freiheit schon gefesselt und die Sprache der vorherigen Verfassung teils verdunkelt, teils zu einem andern Verstande umgebildet und teils unverständlich gemacht. Oft hat daher meine Empfindung mit den Worten gekämpft, und ich bin nicht selten in der Versuchung gewesen, auf die Geschichte einzelner Worte, welche immer von Jahrhundert zu Jahrhundert einen andern Sinn erhalten haben, auszuschweifen. Da ich aber in manchen Anmerkungen schon bis ans Rote Meer gekommen war: so konnte ich meiner eignen Kritik nicht weiter entwischen. Doch bin ich noch so weit nicht bekehrt, um eine Vorrede ohne Ausschweifung schließen zu können.

Die Geschichte von Deutschland hat meines Ermessens eine ganz neue Wendung zu hoffen, wenn wir die gemeinen Ländeigentümer, als die wahren Bestandteile der Nation, durch alle ihre Veränderungen verfolgen; aus ihnen den Körper bilden und die großen und kleinen Bediente dieser Nation als böse oder gute Zufälle des Körpers betrachten. Wir können sodenn dieser Geschichte nicht allein die Einheit, den Gang und die Macht der Epopee geben, worin die Territorialhoheit und der Despotismus zuletzt die Stelle einer glücklichen oder unglücklichen Auflösung vertritt; sondern auch den Ursprung, den Fortgang und das unterschiedliche Verhältnis des Nationalcharakters unter allen Veränderungen mit weit mehrer Ordnung und Deutlichkeit entwickeln, als wenn wir bloß das Leben und die Bemühungen der Ärzte beschreiben, ohne des kranken Körpers zu gedenken. Der Einfluß, welchen Gesetze und Gewohnheiten, Tugenden und Fehler der Regenten, falsche oder gute Maßregeln, Handel, Geld, Städte, Dienst, Adel, Sprachen, Meinungen, Kriege und Verbindungen auf jenen Körper und auf dessen Ehre und Eigentum gehabt; die Wendungen, welche die gesetzgebende Macht oder die Staatseinrichtung überhaupt bei diesen Einflüssen von Zeit zu Zeit genommen; die Art, wie sich Menschen, Rechte und Begriffe allmählich gebildet; die wunderbaren Engen und Krümmungen, wodurch/der menschliche Hang die Territorialhoheit emporgetrieben; und die glückliche Mäßigung, welche das Christentum; das deutsche Herz und eine der Freiheit günstige Sittenlehre gewürket hat, würde sich, wie ich glaube, solchergestalt in ein vollkommenes fortgehendes Gemälde bringen lassen und diesem eine solche Füllung geben, daß der Historienmaler alle überflüssige Groupen entbehren könnte.

Diese Geschichte würde vier Hauptperioden haben. In der ersten und güldnen war noch mehrenteils jeder deutsche Ackerhof mit einem Eigentümer, oder Wehren, besetzt; kein Knecht oder Leut auf dem Heerbannsgute gefestet; alle Freiheit, als eine schimpfliche Ausnahme von der gemeinen Verteidigung, verhaßt; nichts als hohe und gemeine Ehre in der Nation bekannt; niemand, außer dem Leut oder Knechte, einem Herrn zu folgen verbunden; und der gemeine Vorsteher ein erwählter Richter, welcher bloß die Urteile bestätigte, so ihm von seinen Rechtsgenossen zugewiesen wurden. Diese güldne Zeit daurete noch guten Teils, wiewohl mit einer auf den Hauptzweck schärfer anziehenden Einrichtung, unter Karln dem Großen. Karl war aber auch der einzige Kopf zu diesem antiken Rumpfe.

Die zweite Periode ging allmählich unter Ludewig dem Frommen und Schwachen an. Ihm und den unter ihm entstandenen Parteien war zuwenig mit Bannalisteni die bloß ihren Herd und ihr Vaterland bei eigner Kost und ohne Sold verteidigen wollten, gedienet. Er opferte aus Einfalt, Andacht, Not und falscher Politik seine Gemeinen den Geistlichen, Bedienten und Reichsvögten auf. Der Bischof, welcher vorhin nur zwei Heermänner ad latus behalten durfte, und der Graf, oder Oberste, der ihrer viere zum Schutze seines Amts und seiner Familie beurlauben konnte, verfuhren mit dem Reichsgute nach Gefallen, besetzten die erledigten mansos mit Leuten und Knechten, und nötigten die Wehren, sich auf gleiche Bedingungen zu ergeben. Henrich der Vogler suchte zwar bei der damaligen allgemeinen Not das Reichseigentum wieder auf; und stellete den Heerbann mit einigen Veränderungen wieder her. Allein, Otto der Große schlug einen ganz andern Weg ein und gab das gemeine Gut denjenigen preis, die ihm zu seinen auswärtigen Kriegen einige glänzende und wohlgeübte Dienstleute zuführten. Ihm war ein Ritter, der mit ihm über die Alpen Zog, lieber als tausend Wehren, die keine Auflagen bezahlten und keine andre Dienstpflicht als die Landesverteidigung kannten. Seine Größe, das damalige Ansehn des Reichs und der Ton seiner Zeiten machten ihn sicher genug zu glauben, daß das Deutsche Reich seines Heerbanns niemals weiter nötig haben würde. Und so wurde derselbe völlig verachtet, gedruckt und verdunkelt. Der Missus oder Heerbannscomissarius, welcher unter Karin dem Großen allein die Urlaubspässe für die Heermänner zu erteilen hatte, verlor sein Amt; und Kontrolle, Kommissariat und Kommando kam zum größten Nachteil der Landeigentümer und der ersten Reichsmatrikel in eine Hand.

In der dritten Periode, welche hierauf folgte, ist fast alle gemeine Ehre verschwunden. Sehr wenige ehrnhafte Gemeine haben noch einiges Reichsgut in domino quiritario. Man verlieret sogar den Namen und den wahren Begriff des Eigentums, und der ganze Reichsboden verwandelt sich überall in Lehn-, Pacht-, Zins- und Bauergut, so wie es dem Reichsoberhaupte und seinen Dienstleuten gefällt. Alle Ehre ist im Dienst; und der schwäbische Friederich bemühet sich vergeblich, der kaiserlichen Krone, worin ehedem jeder gemeiner Landeigentümer ein Kleinod war, durch bloße Dienstleute ihren alten Glanz wiederzugeben. Die verbundene Städte und ihre Pfahlbürger geben zwar der Nation Hoffnung zu einem neuen gemeinen Eigentum. Allein, die Hände der Kaiser sind zu schwach und schlüpfrich, und anstatt diese Bundesgenossen mit einer magna charta zu begnadigen und sich aus allen Bürgen und Städten ein Unterhaus zu erschaffen, welches auf sichere Weise den Untergang der ehmaligen Landeigentümer wieder ersetzt haben würde, müssen sie gegen solche Verbindungen und alle Pfahlbürgerschaft ein Reichsgesetze übers andre machen. Rudolf von Habsbürg sieht diesen großen Staatsfehler wohl ein und ist mehr als einmal darauf bedacht, ihn zu verbessern. Allein, Karl der IV. arbeitet nach einem dem vorigen ganz entgegengesetzten Plan, indem er die mittlere Gewalt im Staat wieder begünstigt; und Wenzels große Absichten, welche den Reichsfürsten nicht umsonst verhaßt waren, werden nie mit gehöriger Vorsicht, oft durch gehässige Mittel und insgemein nur halb ausgeführt. Alle sind nur darauf bedacht, die Dienstleute durch Dienstleute zu bezähmen, und währender Zeit in Dänemark der Landeigentum sich wieder unter die Krone füget; in Spanien der neue Heerbann, oder die Hermandad, der mittlem Gewalt mit Hülfe der klugen Isabelle das Gleichgewicht abgewinnt; und in der Schweiz drei Bauern gemeine Ehre und Eigentum wiederherstellen, wurde die Absicht des Bundschuhes und andrer nicht undeutlich bezeichneter Bewegungen von den Kaisern kaum empfunden. Sigismund tut etwas, besonders für die Friesen; und Maximilian sucht mit allen seinen guten und großen Anstalten wohl nichts weniger, als die Gemeinen unter der mittlem Gewalt wieder hervor- und näher an sich zu ziehen. Allein, so fein und neu auch die Mittel sind, deren er sich bedient: so scheint doch bei der Ausführung nicht allemal der Geist zu wachen, der den Entwurf eingegeben hatte.

Mehr als einmal erforderte es in dieser Periode die allgemeine Not, alles Lehn-, Zins- und Bauerwesen von Reichs wegen wieder aufzuheben und von jedem Manso den Eigentümer zur Reiehsverteidigung aufzumahnen. Denn nachdem die Lehne erblich geworden, fielen solche immer mehr und mehr zusammen. Der Kriegsleute wurden also weniger. Sie waren zum Teil erschöpft; und, wie die auswärtigen Monarchien sich auf die gemeine Hülfe erhoben, nicht imstande, ihr Vaterland dagegen allein zu verteidigen. Allein, eine So große Revolution wäre das Werk eines Bundschuhes gewesen. Man mußte also auf einem fehlerhaften Plan fortgehen, Und die Zahl der Dienstleute mit unbelehnten, unbegüterten und zum Teil schlechten Leuten vermehren, allerhand Scharen von Knechten errichten, und den Weg einschlagen, worauf man nachgehends zu den stehenden Heeren gekommen ist. Eine Zeitlang reichten die Kammergüter der Fürsten, welche ihre Macht auf diese Art vermehrten, zu den Unkosten hin. Man wußte von keinen gemeinen Steuren; und in der Tat waren auch keine steuerbare Untertanen vorhanden, weil der Bauer als Pächter sich lediglich an seinen Kontrakt hielt, und sein Herr frei war, wenn er als Gutsherr fürs Vaterland, und als Vasall für seinen Lehnsherrn den Degen zog. Die Kammergüter wurden aber bald erschöpft, verpfändet oder verkauft. Und man mußte nunmehr seine Zuflucht zu den Lehnleuten und Gutsherrn nehmen, um sich von ihnen eine außerordentliche Beihülfe zu erbitten; und weil diese wohl einsahen, daß es ihre Sicherheit erfordere, sich untereinander und mit einem Hauptherrn zu verbinden: so entstanden endlich Landstände und Landschaften; wozu man die Städte, welche damals das Hauptwesen ausmachten, auf alle Weise gern zog.

Alle noch übrige Gesetze aus der güldnen Zeit, worin die Reichsmansi mit Eigentümern besetzt waren, verschwanden in dieser Periode gänzlich; wozu die Städte, diese anomalischen Körper, welche die Sachsen so lange nicht hatten dulden wollen, nicht wenig beitrugen, indem sie die Begriffe von Ehre und Eigentum, worauf sich die sächsische Gesetzgebung ehedem gegründet hatte, verwirreten und verdunkelten. Die Ehre verlor sogleich ihren äußerlichen Wert, sobald der Geldreichtum das Landeigentum überwog; und wie die Handlung der Städte unsichtbare heimliche Reichtümer einführte, konnte die Wehrung der Menschen nicht mehr nach Gelde geschehen. Es mußten also Leib- und Lebensstrafen eingeführt, und der obrigkeitlichen Willkür verschiedene Fälle zu ahnden überlassen werden, worauf sich die alten Rechte nicht mehr anwenden, und bei einer unsichtbaren Verhältnis keine neue finden lassen wollten. Die Freiheit litt dadurch ungemein, und der ganze Staat arbeitete einer neuen Verfassung entgegen, worin allmählich jeder Mensch, eben wie unter den spätem römischen Kaisern, zum Bürger oder Rechtsgenossen aufgenommen und seine Verbindlichkeit und Pflicht auf der bloßen Eigenschaft von Untertanen gegründet werden sollte. Eine Verfassung, wobei Deutschland hätte glücklich werden können, wenn es seine Größe immerfort auf die Handlung gegründet, diese zu seinem Hauptinteresse gemacht und dem persönlichen Fleiße und baren Vermögen in bestimmten Verhältnissen gleiche Ehre mit dem Landeigentum gegeben hätte, indem alsdann die damals verbundene und mächtige Städte das Nationalinteresse auf dem Reichstage mehrenteils allein entschieden, Schiffe, Volk und Steuern bewilligt, und die Zerreißung in so viele kleine Territorien, deren eins immer seinen Privatvorteil zum Nachteil des andern sucht, wohl verhindert haben würden.

Der vierten Periode haben wir die glückliche Landeshoheit, oder vielmehr nur ihre Vollkommenheit zu danken. Ihr erster Grund lag in der Reichsvogtei, welche sich nach dem Maße erhob und ausdehnte, als die Karolingische Grafschaft, wovon uns keine einzige übriggeblieben, ihre Einrichtung, Befugnis und Unterstützung verlor. Aus einzelnen Reichsvogteien waren edle Herrlichkeiten erwachsen. Wo ein edler Herr ihrer mehrere zusammengebracht und vereiniget hatte, war es ihm leicht gelungen, diese Sammlung zu einer neuen Grafschaft erheben zu lassen und sich damit die Obergerichte in seinen Vogteien zu erwerben. Fürnehmlich aber hatten Bischöfe, Herzoge, Pfalzgrafen und andre kaiserliche Repräsentanten in den Provinzien die in ihren Sprengeln gelegne Vogteien an sich gebracht, und sich darüber mit dem Grafenbann, und auch wohl, um alle fremde Gerichtsbarkeit abzuwenden, mit dem Freiherzogtum und der Freigrafschaft belehnen lassen. Der Adel, die Klöster und die Städte, welche nicht unter der Vogtei gestanden, hatten sich zum Teil gutwillig den kaiserlichen Repräsentanten unterworfen; und der Kaiser hatte zu einer Zeit, da noch keine Generalpacht erlaubt und bekannt war, sich ein Vergnügen daraus gemacht, die mit vielen Beschwerden und mit wenigem Vorteil begleitete Ausübung der Regalien, wozu er sonst eigne Lokalbeamte hätte bestellen müssen, den höchsten Obrigkeiten jedes Landes zu überlassen, und solchergestalt sein eignes Gewissen zu beruhigen. Hiezu war die Reformation gekommen und hatte allen Landesherrn öftere Gelegenheit gegeben, diejenigen Rechte, welche sich aus obigen leicht folgern ließen, in ihrer völligen Stärke auszuüben, insbesondre aber die Schranken, welche ihnen ihrer Länder eigne, von der kaiserlichen Gnade unabhängige Verfassung entgegengesetzt hatte, ziemlich zu erweitern, indem sie die Vollmacht dazu teils von der Not entlehnten, teils von dem Hasse der streitenden Religionsparteien gutwillig erhielten. Und so war es endlich kein Wunder, wenn beim Westfälischen Frieden, nachdem alles lange genug in Verwirrung gewesen, diejenigen Reichsstände, welche nach und nach die Vogtei, den Grafenbann, das Freiherzogtum und die ganze Vollmacht des missi in ihren Landen erlangt hatten, die Bestätigung einer vollkommenen Landeshoheit; andre hingegen, welche nur die Vogtei gehabt, jedoch sich der höhern Reichsbeamte erwehret hatten, die Unmittelbarkeit und in Religionssachen eine notwendige Unabhängigkeit erhielten.

Wenn man auf die Anlage der deutschen Verfassung zurückgehet: so zeigen sich vier Hauptwendungen, welche sie hätte nehmen können. Entweder wäre die erste Kontrolle der Reichsbeamte per missos geblieben. Oder aber jede Provinz hätte einen auf Lebenszeit stehenden Statthalter zum Kontrolleur, und Oberaufseher aller Reichsbeamten erhalten. Oder ein neues Reichsunterhaus hätte den Kronbedienten die Waage halten müssen; wenn man den vierten Fall, nämlich die Territorialhoheit, nicht hätte zulassen wollen. Die erste Wendung würde uns reisende und plündernde Bassen zugezogen haben, oder alle Kaiser hätten das Genie von Karln dem Großen zu einem beständigen Erbteil haben müssen. In der andern würden wir mit der Zeit, wie die Franzosen, das Opfer einer ungeheuren Menge von Reichs-Generalpächtern geworden sein. Schwerlich würden auch unsre Schultern die dritte ertragen haben; oder die verbundnen Handelsstädte in Ober- und Niederdeutschland hätten uns zugleich die Handlung durch die ganze Welt, so wie sie solche hatten, behaupten und das ganze Reichs-, Kriegs- und Steuerwesen unter ihrer Bewilligung haben müssen. Und so ist die letztere, worin jeder Landesfürst die ihm anvertraueten Reichsgemeinen als die seinigen betrachtet, sein Glück in dem ihrigen findet und, wenigstens seinem Hause zu gefallen, nicht alles auf einmal verzehrt, allenfalls aber an dem allerhöchsten Reichsoberhaupte noch einigen Widerstand hat, gewiß die beste gewesen, nachdem einmal große Reiche entstehen, und die Landeigentümer in jedem kleinen Striche Städte und Festungen unter sich dulden, geldreiche Leute an der Gesetzgebung teilnehmen lassen und nicht mehr befugt bleiben sollten, sich selbst einen Richter zu setzen und Recht zu geben.

Dabei war es ein Glück, sowohl für die katholischen als evangelischen Reichsfürsten, daß der Kaiser sich der Reformation nicht so bedienet hatte, wie es wohl wäre möglich gewesen. Luthers Lehre war der gemeinen Freiheit günstig. Eine unvorsichtige Anwendung derselben hätte hundert Thomas Müntzers erwecken, und dem Kaiser die vollkommenste Monarchie zuwenden können, wenn er die erste Bewegung recht genutzt, alles Pacht-, Lehn- und Zinswesen im Reiche gesprengt, die Bauern zu Landeigentümern gemacht und sich ihres wohlgemeinten Wahns gegen ihre Landes-, Gerichts- und Gutsherrn bedienet hätte. Allein, er dachte zu groß dazu; und eine solche Unternehmung würde, nachdem der Ausschlag gewesen wäre, die größte oder treuloseste gewesen sein.

Indessen verlor sich in dieser Periode der alte Begriff des Eigentums völlig; man fühlte es kaum mehr, daß einer Rechtsgenoß sein müsse, um ein echtes Eigentum zu haben. Ebenso ging es sowohl der hohen als gemeinen Ehre. Erstere verwandelte sich fast durchgehends in Freiheit; und von der letztern: honore quiritario: haben wir kaum noch Vermutungen, ohnerachtet sie der Geist der deutschen Verfassung gewesen, und ewig bleiben sollen. Religion und Wissenschaften hoben immer mehr den Menschen über den Bürger, die Rechte der Menschheit siegten über alle bedungene und verglichene Rechte. Eine bequeme Philosophie unterstützte die Folgerungen aus allgemeinen Grundsätzen besser als diejenigen, welche nicht ohne Gelehrsamkeit und Einsicht gemacht werden konnten. Und die Menschenliebe ward mit Hülfe der christlichen Religion eine Tugend, gleich der Bürgerliebe, dergestalt, daß es wenig fehlte, oder die Reichsgesetze selbst hätten die ehrlosesten Leute aus christlicher Liebe ehrenhaft und zunftfähig erklärt.

Die Schicksale des Reichsgutes waren noch sonderbarer. Erst hatte jeder Mansus seinen Eigentümer zu Felde geschickt; hernach einen Bauer aufgenommen, der den Dienstmann ernährte; und zuletzt auch seinen Bauer unter die Vogelstange gestellet. Jetzt aber mußte es zu diesen Lasten auch noch einen Söldner stellen, und zu dessen Unterhaltung eine Landsteuer übernehmen, indem die Territorialhoheit zu ihrer Erhaltung stärkere Nerven, und das Reich zu seiner Verteidigung größere Anstalten erforderte, nachdem Frankreich sich nicht wie Deutschland in einer Menge von Territorien aufgelöset, sondern unter unruhigen Herrn vereiniget hatte. Von nun an ward es zu einer allgemeinen Politik, das Reichseigentum soviel möglich wieder aufzusuchen und zur gemeinen Hülfe zu bringen. Der Kaiser unterstützte in diesem Plan die Fürsten. Diese untersuchten die Rechte der Dienstleute, der Geistlichen und der Städte in Ansehung des Reichseigentums; und bemüheten sich, soviel möglich, solches auf eine oder andre Art wieder zum Reichs-Landkataster zu bringen. Der Rechtsgelehrsamkeit fehlte es an genugsamer Kenntnis der alten Verfassung, und vielleicht auch an Kühnheit, die Grundsätze wieder einzuführen, nach welchen, wie in England, von dem ganzen Reichsboden eine gemeine Hülfe gefordert werden mogte. Das Steuerwesen ging also durch unendliche Krümmungen und quere Prozesse in seinem Laufe fort. Geistliche, Edelleute und Städte verloren vieles von demjenigen, was sie in der mittlern Zeit und bei andern Verteidigungsanstalten wohl erworben und verdienet hatten. Der Landesherr ward durch die Nutzung des gemeinen Reichseigentums mächtiger. Ehrgeiz, Eifersucht und Phantasie verführten ihn zu stehenden Heeren; und die Not erforderte sie anfänglich. Der Kaiser sahe sie aus dem großen Gesichtspunkte der allgemeinen Reichsverteidigung gern, erst, ohne sie nach einem sichern Verhältnis bestimmen zu wollen, und bald, ohne es zu können.

Jedoch ein aufmerksamer Kenner der deutschen Geschichte wird dieses alles fruchtbarer einsehen und leicht erkennen, daß wir nur alsdenn erst eine brauchbare und pragmatische Geschichte unsers Vaterlandes erhalten werden, wenn es einem Manne von gehöriger Einsicht gelingen wird, sich auf eine solche Höhe zu setzen, wovon er alle diese Veränderungen, welche den Reichsboden und seine Eigentümer betroffen, mit ihren Ursachen und Folgen in den einzelnen Teilen des Deutschen Reiches übersehen, solche zu einem einzigen Hauptwerke vereinigen, und dieses in seiner ganzen Größe, ungemalt und ungeschnitzt, aber stark und rein aufstellen kann. Wie vieles wird aber auch ein Gatterer noch mit Recht fordern, ehe ein Geschichtschreiber jene Höhe besteigen und sein ganzes Feld im vollkommensten Lichte übersehen kann.

Indessen bleibt ein solches Werk dem deutschen Genie und Fleiße noch immer angemessen und belohnt ihm die Mühe. Der mächtige und reißende Hang großer Völkervereinigungen zur Monarchie und die unsägliche Arbeit der Ehre, oder, nach unser Art zu reden, der Freiheit, womit sie jenem Hang begegnen, oder ihrer jetzt fallenden Säule einen bequemen Fall hat verschaffen wollen, ist das prächtigste Schauspiel, was dem Menschen zur Bewunderung und zur Lehre gegeben werden kann; die Berechnung der auf beiden Seiten würkenden Kräfte und ihre Resultate sind für den Philosophen die erheblichsten Wahrheiten: Und so viele große Bewegungsgründe müssen uns aufmuntern, unsrer Nation diese Ehre zu erwerben. Sie müssen einen jeden reizen, seine Provinz zu erleuchten, um sie dem großen Geschichtschreiber in dem wahren Lichte zu zeigen. Das Costume der Zeiten, der Stil jeder Verfassung, jedes Gesetzes, und ich mögte sagen, jedes antiken Worts, muß den Kunstliebenden vergnügen. Die Geschichte der Religion, der Rechtsgelehrsamkeit, der Philosophie, der Künste und schönen Wissenschaften ist auf sichere Weise von der Staatsgeschichte unzertrennlich und würde sich mit obigem Plan vorzüglich gut verbinden lassen. Von Meisterhänden, versteht sich. Der Stil aller Künste, ja, selbst der Depeschen und Liebesbriefe eines Herzogs von Richelieu, steht gegeneinander in einigem Verhältnis. Jeder Krieg hat seinen eigenen Ton, und die Staatshandlungen haben ihr Kolorit, ihr Costume und ihre Manier in Verbindung mit der Religion und den Wissenschaften. Rußland gibt uns davon täglich Beispiele; und das französische eilfertige Genie zeigt sich in Staatshandlungen wie im Roman. Man kann es sogar unter der Erde an der Linie kennen, womit es einen reichen Erzgang verfolgt und sich zuwühlt. Der Geschichtschreiber wird dieses fühlen und allemal so viel von der Geschichte der Künste und Wissenschaften mitnehmen, als er gebraucht, von den Veränderungen der Staatsmoden Rechenschaft zu geben.

Zur Geschichte des Westfälischen Friedens gehört eine große Kenntnis der Grundsätze, welche seine Verfasser hegten. Man wird von einer spätem Wendung in den öffentlichen Handlungen keine Rechenschaft geben können, ohne einen Thomasius zu nennen; und ohne zu wissen, wie unvorsichtig er seine Zeit zum Räsonieren geführet habe. Der Stil des letztern Krieges ist daran kenntbar, daß alle Parteien sich wenig auf den Grotius berufen, sondern sich immer an eine bequeme Philosophie, welche kurz vorher in der gelehrten Welt herrschte, gehalten haben. Die neue Wendung, welche ein Strube der deutschen Denkungsart dadurch gibt, daß er wie Grotius Geschichtskunde, Rechtsgelehrsamkeit und Philosophie mächtig verknüpft, ist auch an verschiedenen Staatshandlungen merklich. Das öffentliche Vertrauen der Höfe beruhet auf solchen Grundsätzen und solchen Männern. Und ihr Name mag wohl mit den Namen der größten Feldherrrn genannt werden. Brechen endlich Religionsmeinungen in bürgerliche Kriege aus: so wird ihre Geschichte dem Staate vollends erheblich. Die Eigenliebe opfert Ehre und Eigentum für ihre Rechthabung auf. Der Sieger gewinnt allezeit zuviel; er fesselt wie in Frankreich zuletzt Katholiken und Reformierte an seinen Wagen... Aber wehe dem Geschichtschreiber, dem sich dergleichen Einmischungen nicht in die Hände drängen und bei dem sie nicht das Resultat wohlgenährter Kräfte sind.

Doch es ist Zeit, daß ich von meiner Ausschweifung zurückkehre. Ich habe meinem Leser nur noch zu sagen, wie ich, wenn mir Gott Leben und Gesundheit verleihet, den ersten Teil meiner Geschichte, welcher bis dahin gehet, daß unsre Bischöfe die Bestätigung sämtlicher nach und nach an sich gebrachten Reichsvogteien und die Grafenbänne darüber vom Kaiser erhalten haben, bald zu liefern gedenke. Man wird alsdann schon den Block, woraus die Landeshoheit gebildet wird, aus dem Rauhen gearbeitet, und die Züge erscheinen sehen, welche ihre künftige Gestalt verraten. Ich hoffe übrigens, meine Gönner und Freunde, denen, ich die Geschichte unsers Vaterlandes hiemit zu übergeben anfange, werden solche mit einigem Vergnügen lesen. Eine Familie nimmt insgemein Anteil an den Zufällen der Ihrigen, und die Geschichte unsers kleinen Staats ist die Erzählung der Begebenheiten unserer nächsten Angehörigen. Der Zirkel, für welchen solche einige Wichtigkeit haben, wird zwar sehr klein sein. Allein, ich entsage mit Freuden der Begierde, in einer großen Gesellschaft zu glänzen, wenn ich ihnen ein häusliches Vergnügen, als das edelste und nötigste unter allen, verschaffen kann. Die Erkenntlichkeit, so ich meinem Vaterlande schuldig bin, macht mir diese Selbstverleugnung nicht schwer; und wenn dermaleinst ein deutscher Livius aus dergleichen Familiennachrichten eine vollständige Reichsgeschichte ziehen wird: so werde ich nicht für den kleinsten Plan gearbeitet haben.

Vorrede zum zweiten Teil der »Osnabrückischen Geschichte«

Wie ich vor zwölf Jahren den Anfang dieser Geschichte unter dem Titel einer Einleitung herausgab, trauete ich mir schon, aus mehrern Ursachen, die gegenwärtige Fortsetzung nicht recht zu; und wirklich waren die Materialien dazu längst auf die Seite gelegt, als ich die Geschichte der Deutschen von dem Herrn Rat Schmidt in die Hände bekam, und von dem Geiste, womit derselbe manches kleine Bruchstücke glücklich benutzt und geordnet hatte, ergriffen, mich sofort niedersetzte und auch meine kleine Sammlung dem öffentlichen Gebrauche zu überlassen mich entschloß.

Der Plan, welchen ich dabei befolgt habe, ist noch der vorige. Die Schicksale der Landeigentümer, oder, wie ich sie genannt habe, der Wehren, in unserm Stifte, sollten den Hauptfaden ausmachen, und alle andere Begebenheiten mit demselben, so gut es sich tun lassen würde, verbunden werden. Wo ich davon abgegangen bin, liegt die Schuld an dem Mangel der Nachrichten, und nicht an meinem guten Willen. Es bleibt bei mir eine ausgemachte Wahrheit, daß die Geschichte eines Staates nicht die Geschichte der Menschheit, sondern einer Handlungskompagnie sein müsse. Die Veränderungen, welche die erste Verbindung unter allerlei Zufällen erlitten, sind die Begebenheiten, so man wissen und woraus man sich belehren will. Mit einem Worte, es ist die Naturgeschichte dieser Verbindung, was man sich als pragmatische Historie gedenkt.

Einige haben es nicht gebilliget, daß ich mit der Voraussetzung, diese erste Verbindung sei unter lauter Landeigentümern geschlossen worden, hineingegangen bin. Aber gesetzt auch, daß diese Voraussetzung, in ihrer höchsten Richtigkeit, eine idealische Linie wäre, so würde sie doch immer zur Richtschnur dienen müssen. Der Mathematiker nimmt zur Berechnung der krummen eine vollkommene gerade Linie an, wenn diese sieh auch nirgends in der Welt findet; eben das tut der Geschichtschreiber, der den ursprünglichen Kontrakt eines Staats auf Freiheit und Eigentum gründet; und wenn auch alle Begebenheiten, welche die Geschichte aufstellet, nichts wie Annäherungen oder Abweichungen von der Hauptlinie sind, so kann doch derjenige, der sie erzählet, die Sklaverei nicht zur Regel nehmen und die Freiheit als Abweichung zeichnen.

Auch in der Art der Behandlung habe ich keine Veränderung gemacht. Meine Abneigung gegen alle moralischen Betrachtungen ist unter der Arbeit gewachsen. Diese gehören in die Geschichte der Menschheit, und das soll die Geschichte eines Staates nicht sein; hierin kömmt alles lediglich auf Politik an, welche wiederum die Voraussetzung eines sichern Kontrakts erfordert, wenn sie sich nicht, wie unsre Natur- und Völkerrechte, die immer nur mit Menschen unter allgemeinen Bestimmungen zu tun haben, in allgemeine Sätze, die bereits genugsam bekannt sind, auflösen soll. Der geringe Nutzen, den die Geschichte dem Bürger bringt, und der Mangel an Kraft in dem historischen Vortrage liegt sicher darin, daß die Genossen eines Staats nicht als Aktionärs, sondern als Menschen behandelt werden. Nach meinem Wunsche sollte auch der Bauer die Geschichte nutzen, und daraus sehen können, ob und wo ihm die politischen Einrichtungen Recht oder Unrecht tun.

Überhaupt entsteht der Mangel an Kraft in unsrer allgemeinen Geschichte daher, daß diejenigen, welche solche beschreiben, oft mehr auf die physikalischen und moralischen als die politischen Fähigkeiten der handelnden Personen sehen, oder die letztern zu unbestimmt lassen.

Ein Bischof kann z. B. in seiner Ordnung, nach welcher immer einer von dreien als Feldbischof das Heer begleiten mußte, mit zu Felde gehen und sein geistliches Amt dort verrichten; er kann aber auch, als Hauptherr seiner Leute, den Harnisch anlegen und an ihrer Spitze fechten. Beide Fälle sind aber sehr voneinander unterschieden, ohnerachtet er in beiden Heerbannsdienste tun kann; und doch werden sie oft verwechselt, und die Befreiung, welche ihm von Karl dem Großen in dem letzten Falle erteilt wurde, auch auf den ersten angewandt. Wiederum wird der Lehndienst vom Heerbannsdienst nicht genug unterschieden. Der Eigentümer ist nur zu dem ersten, und der Lehnmann, insofern ihm gemeines Gut geliehen ist, zu beiden verpflichtet. Gleichwohl sieht man es bei den allgemeinen Geschichtschreibern selten, in welchen von diesen beiden politischen Eigenschaften Bischöfe, Herzoge, Grafen und andre ausziehen; man unterscheidet den Heerbannsdienst, welcher einzig und allein auf die Verteidigung der christlichen Kirche und des Reichs geht, nicht von dem Lehndienste, der eine weitere Verpflichtung in sich fasset; und so ist es unmöglich, auf wahre Schlüsse zu kommen. Die ganze Handlung hat keine feste Zeichnung, und die Darstellung ist ohne Kraft. Der Kaiser hat als oberster Feldherr aller zur Reichs-Landwehr verpflichteten Wehren, oder als Haupt einer freien Nation, ganz andere Rechte als Oberlehnsherrn der Kronbediente; und doch werden beide immer verwechselt, sooft man fragt: ob der Kaiser oder die Fürsten mit der Zeit gewonnen oder verloren haben? Beide, nämlich der Kaiser als Oberlehnsherr und die Reichsfürsten als Lehnleute betrachtet, sind im alten Heerbann und auf dem Maifelde unbekannte Dinge. Ihr Verlust und Gewinn ist lediglich für Rechnung der Nationalfreiheit und des Nationaleigentums, und welcher Geschichtschreiber hier nicht seinen Stand faßt, der wird wahrlich die Erde nicht bewegen.

Dergleichen Mängel sind aber in einer Provinzialgeschichte, wo man wenige Personen, und diese nahe vor sich hat, worin man auf den Sozialkontrakt geschwinder zurückgehen kann und jede Veränderung nach dessen Anlage und Würkungsart prüfet, eher als in einer allgemeinen Geschichte, welche, sich vor der Menge der Gegenstände nicht um das Verhältnis eines jeden genau bekümmern kann, zu vermeiden; diese nähert sich natürlicherweise immer mehr der Geschichte der Menschheit, die daher freilich mehr Stoff zu großen und glänzenden Gemälden, aber auch wenig Nahrung für den Bürger liefert; besonders wo sie, wie uns jetzt einige bereden wollen, den Stoff aus der zweiten Hand nimmt. Sie entzückt, solange man lieset, belehret höchstens in allgemein bekannten Fällen, und entscheidet wenig, wenn man in einem wirklichen Falle Hülfe nötig hat. Nur schade, daß bei dergleichen Provinzialgeschichten das kleine Rädgen immer ins große greift, und man die Wirkung von jenem nicht deutlich machen kann, ohne auch dieses zuzeiten mit umlaufen zu lassen.

Von den angehängten Urkunden habe ich nur dieses zu sagen, daß ich mich bei dem bloßen Gebrauch von Abschriften auf deren Richtigkeit gar nicht eingelassen habe. Um diese zu beurteilen, muß man die Originalien selbst einsehen. Hiezu wurde mir zwar einmal Hoffnung gemacht, und ich hatte bereits den Königl. Schriftstecher Hering von Hannover auf meine Kosten herüberkommen lassen, um die merkwürdigsten davon in Kupfer stechen zu lassen. Es fanden sich aber nachwärts einige Bedenken dabei, und darüber ist es unterblieben.

Die Abschriften, deren ich mich bedient habe, sind zum Teil von dem seligen Jesuiten Henseler, dessen große Verdienste um die osnabrückische Geschichte aus seiner Dissertatione de diplomate Caroli M. bekannt sind, gemacht, und haben von ihm zu einer vollständigen osnabrückischen Geschichte gebraucht werden sollen; zum Teil aber hat sie der noch lebende Amtmann Sandhoff, welcher als Klosteramtmann auf dem Gertrudenberge und Bersenbrück gestanden und sich ebenfalls um die osnabrückische Geschichte viele Mühe gegeben hat, gesammlet. Nach dem Tode des erstem waren sie von einem andern Jesuiten, der notas criticas ad Schatenicam daraus gemacht hat, welche sich noch ungedruckt auf der Königlichen Bibliothek zu Göttingen befinden, gebrauchet worden. Von Henselern rührt die zuzeiten dabeigefügte Nachricht: ex autographo oder e copia her, und Sandhoff hat es nicht bemerkt, wovon er seine Abschriften genommen hat. Einige wenige Stücke habe ich selbst gesammlet oder aus den dabei angezogenen Schriftstellern genommen, und jede insoweit vor richtig gehalten, als ihr Inhalt mit der Geschichte und dem Stil der Zeiten übereinstimmte, ohne mich um den toten Buchstaben, welcher in den Abschriften oftmals sehr ungleich ist, vergeblich zu bekümmern.

Osnabrück, den 12ten Mai 1780.

J. M.

Über das Recht der Menschheit als den Grund der neuen französischen Konstitution

Nun, lieber R..., es mag ein Recht der Menschheit geben oder nicht: so ist mir doch jetzt in Europa kein Staat bekannt, welcher darauf gegründet wäre; und ich will die Franzosen für das erste Volk in der Welt erkennen, wenn sie auf dem Wege ihrer Theorie vom Rechte der Menschheit etwas Fruchtbarliches und Dauerhaftes zustande bringen: Überall und in jeder gesellschaftlichen Verbindung, es sei zum Handel oder zur gemeinschaftlichen Verteidigung, liegt außer der Menschheit eine dem Zwecke angemessene Aktie oder Wahre zum Grunde, die einer besitzen muß, um Genosse zu sein. Das geringste Dörfchen hat mehrenteils seine ganzen, halben und viertel Wahren, nach welchen jeder der gemeinen Weide und Waldung genießt oder das Seinige zur gemeinen Besserung beiträgt; und wenn darin ein Ungewahrter auftreten und sagen wollte: Ich bin ein Mensch, darum laßt mich ein Stück Vieh auf die gemeine Weide treiben: so würde ihm der Vorsteher antworten: Du bist ein Narr, die Menschen erhalten in unserm Dorfe nichts mehr, als was wir ihnen aus gutem Herzen geben wollen. Ebenso verhält es sich in allen Städten; nur der Bürger und Eigentümer einer gewissen Wahre ist daselbst ehrenfähig, und man gestattet den bloßen Menschen nicht einmal das Recht, ihr Brod daselbst zu betteln. Höchstens erlaubt man ihnen, sich auf einen Kontrakt anzubauen; oder man überläßt es der Religion, ein Reich Gottes ohne Aktien zu errichten und die Menschen miteinander unter der Rubrik von armen Sündern auszugleichen.

Wie sich hier die kleinen Genossenschaften formen, so haben sich auch ganze Staaten gebildet. Die Europäer, als Landbauer, legten eine Landwahre oder das Eigentum eines für jeden Staat bestimmten Ackerhofes, mansus genannt, zum Grunde ihrer Verbindung. Nur der echte Eigentümer eines solchen mansus war Mitglied der Nation und teilte Gewinst und Verlust mit seinen Genossen. Alle übrige Menschen , welche ohnehin bei der Naturalverteidigung in die Brüche fielen, zur Zeit, da man diese Brüche noch nicht mit Hülfe des Geldes ausgleichen konnte, waren entweder Knechte oder Leute, die auf Kontrakte wohnten und keine Stimme zu den Gesetzen und Schlüssen des Staats zu geben hatten.

Lange wollte man diesen ungewahrten Menschen nicht gestatten, sich untereinander zu verbinden und besondere kleine Staaten in dem großen Staate zu errichten. Man hielt es für gefährlich, daß ein Haufe solcher unverbürgten Menschen sich auf einem Fleck versammlen, Mauren und Graben um sich aufwerfen und also vereint den gewahrten Genossen den Kopf sollte bieten können; oder daß sie, unter dem Schutze einer Gottheit oder eines Heiligen, ein eignes Korps ausmachen, einen Schutzvogt oder Syndikus erwählen und sich mit zusammengesetzten Kräften verteidigen mögten. Zeit, Not, Bedürfnis, Gelegenheit und besonders der Königsschutz brachte jedoch endlich dergleichen kleinere Gesellschaften unter den Namen von Städten, Burgen, Flecken, Hoden und Echten zustande, die nun freilich, wie die Heringskompagnien, auch ihre kleinen Aktien zu ihrer Selbstverteidigung zusammenlegten und Statuten machten, aber noch lange keine Mitglieder der Nation wurden und zu deren ihren Entschlüssen stimmten, sondern bloß nach dem Kontrakte Recht gaben und nahmen, welchen ihnen die Nation bewilliget hatte; bis endlich die Gewahreten , nachdem sie sich durch ihre vielen Kriege erschöpft hatten und durch Borgen und Bäten oder Beden von den Ungewahrten nichts mehr erhalten konnten, diesen eine förmliche Beihülfe über den Kontrakt anmuten, dazu natürlicher Weise ihre Bewilligung suchen und ihnen dagegen die Rechte eines besondern Standes einräumen mußten, der nun, da die Staatskompagnie auf diese Weise zu den alten Landaktien , wovon bisher die gemeine Verteidigung allein bestritten war, fast so viele Geldaktien machte, als reiche Menschen im Staate waren, und durch neu eingeführte Vermögensteuren von diesen sehr oft mehr als von jenen bezog, ein verhältnismäßiges Gewicht mit jenem erhielt.Dieses ist überall der Ursprung des tiers état: der zweite Stand nahm seinen Anfang, als der Direktor der Kompagnie von dem echten Eigentümer eines mansus Steuer und Folge über seine Verbindlichkeit und von den Dienstleuten über ihren Dienstkontrakt forderte: denn wozu ein jeder durch ursprünglichen Verein oder durch den Kontrakt verbunden war, das konnte der Direktor fordern, ohne dazu eine neue Einwilligung zu suchen. Die Geldaktie ist nun zwar nicht so bestimmt, wie die alte Landaktie, ob es gleichwohl in unsrer jetzigen Verfassung so ganz unrecht nicht sein mögte, hierauf zu spekulieren. Indessen wird doch ein jeder leicht fühlen, daß der Eigentümer eines Hundertstels nicht die Rechte eines vollen Aktionärs fordern könne; und daß der Besitzer von zehn solcher Aktien vor jenen ein natürliches Näherrecht zur Direktion der Kompagnie habe. Ein jeder wird einsehen, daß die Menschheit hiebei in keinen besondern Betracht komme und bei der auf Geldaktien gegründeten Saatsverbindung ebenso viele Menschen in die Brüche fallen müssen als bei der Landaktie, wo man dergleichen Einhundertstel (Wachszinsige) oft für ein Pfund Wachs wohnen und kramen ließ und ihnen weiter keine gemeine Beihülfe abforderte, ihnen aber auch keine Ehrenfähigkeit in der Nation einräumte.

Zum Scherz oder auch zur Parade kann in Frankreich der Herzog wohl mit seinem Schneider unter der unbesoldeten Nationalgarde aufziehen und das Recht der Menschheit in einem komischen Aufzuge zeigen; aber wenn beide sich unbesoldet gleich rüsten und gegen den Feind fechten sollten: so würde es wahrlich dem Schneider nicht wohl zugemutet werden können, so viel Blut für seine Werkstätte zu vergießen, als der Herzog für sein Herzogtum aufopfert; und derselbe sich auch auf jenen nicht wie auf seinesgleichen verlassen können. Und doch würde das Recht der Menschheit erfordern, daß jeder Nachbar gleich seine Haut für den andern wagen sollte.

Und wie sehr hat nicht schon das Recht der Menschheit die Kriminalgesetze verwirret? Das israelitische Volk, was außer seinem Bündel nur seine Menschheit in die Wüste trug und folglich überall seinen Gehorsam gegen die Gesetze bloß nur mit der Haut verbürgte, mußte auch bei jedem schweren Verbrechen gleich mit der Haut bezahlen. So gerecht dieses Kriminalrecht für Menschen war und für Soldaten noch ist, denen alles auf die Haut geborgt wird: so ungerecht bleibt es immer für Leute, die mit ihrer Landaktie für ihr gesetzmäßiges Betragen der Staatskompagnie eine angemessene Sicherheit bestellet haben. Für diese war ehemals der Verlust der Aktie die höchste Strafe. Die Gesetze, welche hiedurch verpönt waren, würkten strenger als alle Verordnungen bei Galgen und Rad, die noch nirgends die Anzahl der Verbrecher vermindert haben. Der Verlust der Aktie war Strafe für einen Aktionär, sein Weib und seine Kinder; wohin er sich wandte, stand ihm nichts wie die Knechtschaft offen; und bis er irgendwo Schirm fand, war er der Rache des Beleidigten preisgegeben. Dagegen konnte man ihm nie an die Haut kommen; und selbst der Totschläger konnte sich lösen, wenn er die Taxe bezahlte, wozu der Erschlagene von der Kompagnie geschätzet war, eine Taxe, die vermutlich die ganze Aktie wegnahm. Nicht einmal ein gewahrter römischer Bürger stand unter der Rute; und später mogten auch die Ehrenbürger davon befreiet sein, indem der Apostel Paulus, von dem man wohl annehmen kann, daß er sowenig eine Stadtaktie in Rom als eine Landaktie im römischen Reiche besaß, sich hierauf mit dem gesetzmäßigen Erfolge bezog.

Zwar wird das Volk, insofern man darunter die in die Brüche fallende Menge versteht, es jetzt nicht leicht gestatten, daß man auf jenen hohen Plan des Kriminalrechts zurückgehe; nachdem einmal die Geldaktie nicht so anschauend sicher ist als die Landaktie, und Konsumtions-, Vermögen- und Menschensteuren die Gewahrten und Ungewahrten zu sehr vermischet haben.

Allein, es verdient immer noch tiefe Bewunderung, daß unsre rohen Vorfahren, die sogenannten Barbaren, einen solchen Plan erfunden und sich dabei so lange glücklich erhalten haben; bis die christliche Religion die Gesetze, welche Moses den ziehenden Israeliten gegeben hatte, den erbgesessenen Landeigentümern, unter Begünstigung jener Vermischung der Geld- und Landaktie, nach und nach aufnötigte; und wie nötig ist es nicht noch immer dem Gesetzgeber, einen mächtigen Wink dahin zu geben, damit nicht, nach dem Rechte der Menschheit, alle Verbrecher ohne Unterschied ihrer Wehrung auf der Haut gepeitscht, gebrandmarkt und gefoltert oder auf die Schandbühne gestellet werden? Vielleicht sage ich Ihnen aber doch noch ein andermal, wie, mit Hülfe des Hypothekenbuchs, neue Aktien in der Nation erschaffen und Ehre und Fleiß auf eine mächtige Art gehoben werden könnten, wenn man den Plan unserer Vorfahren wieder befolgte.

Wann und wie mag eine Nation ihre Konstitution verändern?

Eine jede Nation, hört man jetzt vielfältig sagen,Am besten von Cudin im Supplement au Contract social. Paris 1791. sei allemal befugt, sich, wenn es ihrer Meinung nach das allgemeine Beste erfordert, von neuem zu formen und sich über alle bis dahin bestandene Rechte und Verträge hinwegzusetzen; gegen diese ihre Machtvollkommenheit schütze weder der Titel des Eigentums noch der des längsten Besitzes; nur in einer bestehenden Staatsverfassung sein die Gesetze heilig, welche dabei ehedem zum Grunde gelegt worden; aber in einer jetzt zu errichtenden oder neu zu formenden Konstitution könne die Nation mit ebendem Rechte davon abgehn, womit sie solche vorhin angenommen habe; und es hange einzig und allein von ihr ab, ob sie solche beibehalten oder verwerfen, jedem ein Eigentum gestatten oder in völliger Gemeinschaft leben wolle. Aber keiner gedenkt der Frage: wo und was nun die Nation sei, welche so große Befugnisse habe; und doch hängt von der Beantwortung derselben die Richtigkeit jenes Schlusses vorzüglich ab.

Sind es gleiche Teilhaber oder gemeinschaftliche Eigentümer einer Kolonie, welche ihre Konstitution verändern oder neu formen: so ist gegen jene Grundsätze nichts zu sagen. Diejenigen, so ein Gesetz gegeben oder einen Vertrag miteinander gemacht haben, können der Regel nach auch davon wieder abgehen, soweit es ohne Nachteil eines Dritten geschehen mag. Und wenn z, E. eine Seehandlungskompagnie sich trennet, ihre Schiffe, Magazine und Eroberungen verkauft oder zu andern Zwecken verwendet: so hat niemand dagegen etwas zu erinnern. Allein, wo findet sich die Kolonie oder der Staat, worin alle Einwohner gleich berechtiget sind?

Soviel wir aus der Erfahrung wissen, Sind überall, wenigstens in Europa, in jede Kolonie, Rousseau mag sagen, was er will, einige früher und andere später gekommen oder geboren; und wo die ersten alles erobert hatten, war es unmöglich, daß die letztern mit den ersten zu gleichen Rechten gelangen konnten. Die letztern mußten notwendig, solange sie das Recht der ersten Eroberung gelten ließen, von den ersten die Erlaubnis, sich niederzulassen, suchen, von ihnen das Land, was sie gebrauchten, in Erbzins, Pacht oder Heuer nehmen und sich jede Bedingung, wäre es auch die Leibeigenschaft gewesen, gefallen lassen. Überall in allen Ländern, Städten und Dörfern ist, nach der Erfahrung und demjenigen, was wir vor Augen haben, zu urteilen, ein doppelter Sozialkontrakt entstanden; einer, welchen die ersten Eroberer unter sich geschlossen, und ein anderer, den diese ihren Nachgebornen oder spätern Ankömmlingen zugestanden haben. Beide Teile stehen als Kontrahenten gegen- oder, nebeneinander; und wenn sie gleich unter dem Ausdrucke Nation vereiniget sind, so ist dadurch jener augenscheinliche Unterschied kenntlich nicht gehoben; es würde vielmehr die offenbarste Erschleichung sein, wenn die letztern, oder die Minderberechtigten, ein Menschenrecht aufstellen, durch ihre Mehrheit die bisherige Konstitution aufheben und sich, als gleiche Menschen, mit den erstern gleiche Rechte beilegen wollten. Es würde dieses ebenso sein, als wenn die englische Nation oder das Parlament, wäre es auch darüber einstimmig, die ostindischen Kompagnien aufheben oder alle geborne Engländer in Aktionairs verwandeln wollte.

Sowenig demnach eine Nation, welche aus so verschiedenen Kontrahenten besteht, ihre Konstitution nach Gefallen durch die Mehrheit der Stimmen verändern mag, ebensowenig kann sie auf diese Weise über die erschleichungsweise sogenannten Nationalgüter disponieren. Denn angenommen, wie man es wohl annehmen kann, daß die ersten Eroberer einen Teil Landes für einen König oder ein anderes Oberhaupt ausgesetzt; daß sie diesem Oberhaupte auf ihrem Eigentume gewisse Rechte, unter dem Namen von Regalien, eingeräumt; daß sie auch ein Los für ihren Bischof, für ihren Pfarrer und für andere gute Stiftungen bewilliget haben: wie mögen die Mitglieder des zweiten Sozialkontrakts, solange es ihnen nicht ausdrücklich zugestanden ist, daran einigen Anteil nehmen? Weiter angenommen, wie es ein jeder, der auf den wahren Grund zurückgeht, sicher annehmen wird, daß der eigentliche Erbadel nichts anders sei oder doch nichts anders sein sollte als die Ehre, ein Mitglied des ersten Kontrakts zu sein, mit welchem Rechte kann denn die Menge, unter dem Namen Nation, ihm diese Ehre nehmen, ohne ihn zugleich, was sie doch nicht will, seines echten Eigentums, als wovon sie unzertrennlich ist, zu berauben?

Es war eine Zeit, wo den ersten Kontrahenten die ganze Last der gemeinen Verteidigung oblag und worin die Mitglieder des zweiten Kontrakts zu ihnen mit dem vollkommensten Rechte sagten: Wenn wir unsern Zins oder unsere Pacht oder unser Schutz- und Schirmgeld bezahlen: so haben wir unsern Kontrakt erfüllet, und ihr möget zusehn, wie ihr davon fertig werdet; die gemeine Verteidigung ist eure Sache. Hier hätten die ersten die letztern, nach dem jetzigen Rechte der Menschheit, zwingen können, mit ihnen unters Gewehr zu treten. Aber jene begnügten sich viele Jahrhunderte hindurch mit Bitten oder Beden; und wie diese endlich zu häufig kamen, gingen sie mit diesen einen neuen Kontrakt ein, welcher die Landstandschaft genannt wurde; und dieser ward, nach dem ewigen Naturgesetze der mindesten Aufopferung, nicht aber mit gänzlicher Aufhebung der bisherigen Konstitution geschlossen. So handelten vernünftige, von der Erfahrung und nicht von bloßer Theorie»Je allgemeiner das Prinzip angenommen wird, desto größer wird die Entfernung zwischen demselben und dem Gegenstande, worauf es angewandt werden soll«, sagt Necker in der Verteidigung seiner Administration. geleitete Nationen, um die allgemeine Glückseligkeit zu erhalten und dem Kriege vorzukommen, wozu der durch die Mehrheit angegriffene oder überwältigte Teil unstreitig berechtiget ist, sobald jene bloß nach ihrer Macht verfährt und den Kontrakt bricht, welcher nicht anders als durch ein gemeinschaftliches Einverständnis aufgehoben werden kann.

Das Lob, was Gudin dagegen der neuen französischen Konstitution erteilet, wenn er sagt: L'assemblée nationale y est parvenue, en s'attachant à une idée unique, d'autant plusgrande et plus majestueuse, qu'elle est plus simple. Elle a rendu à l`homme ses droits; eile a reconnu sa dignité, et toutes les vaines grandeurs se sont éclipsées devant elle, gilt von jedem Gärtgen, wenn der Gärtner, um sich seine Botanik ins Kleine zu bringen, nur Blumen – und wären es auch die edelsten – von einerlei Art und Farbe duldet; und Montesquieu behauptete mit Recht, daß diese idées simples et uniques der helle Weg zum monarchischen (und so auch wohl zum demokratischen) Despotismus wären.

Harlekin oder Verteidigung des Groteske-Komischen

Anch'io son Pittore.

Vorbericht

Der große Trieb, welchen alle Menschen haben, der Welt öffentlich zu sagen, daß sie Toren sind, verleitet mich eben nicht ein Schriftsteller zu werden. Ich habe diese allgemeine Schuld der Natur vor meinem siebenzigsten Jahre schon bezahlt. Allein das Vergnügen, auch in meinem hohen Alter kein Sonderling zu sein und vor andern etwas Klügers zu schreiben, hat daran einen desto größern und gerechtern Anteil. Möchten nur auch meine Leser nicht zu viel Vernunft darin finden! Dieses würde mir sonst um so viel näher gehen, je größere Mühe es mir gekostet, dieser Krankheit der Alten zu entgehen. Vielleicht sind andre Schriftsteller hierin glücklicher; ich aber muß zu meiner eignen Schande gestehen, daß es mir manchen schwermütigen Augenblick gekostet, als ein erträglicher Narr zu erscheinen. Allein, ich will mich hier der so rühmlich überwundnen Zeiten nicht wieder erinnern. Der Wunsch, solche von neuem zu überleben, möchte sonst meine gegenwärtige Beruhigung schwächen. Wenn ich nicht irre, so wollte ich eine Vorrede schreiben. Meine Leser werden es aber meinen Jahren verzeihen, daß ich es vergessen hatte.

 

Die Herren Gelehrten mögen bisweilen seltsame Einfälle haben. Denn in der Zeit, daß Kaiser, Könige, Fürsten, Grafen, Freiherren, Ritter, Räte, Kaufleute, Handwerker und, welche ich hier billig zuerst nennen sollen, Frauenzimmer und Geistliche sich vor meiner Schaubühne einfinden und mir ihren unverdächtigen Beifall durch ein offenherziges Lachen bezeugen, in der Zeit, daß der Bischof seine Gemeinde,, der Staatsminister seine neuen Vorschläge, der Feldherr seihe Schlachten und der alte ehrliche Sancho Pansa seine Statthalterschaft bei mir vergißt, so sitzt der unerbittliche Gelehrte in seinem geerbten Lehnstuhle, wie der Kaiser auf einem alten reichsstädtischen Groschen, und rechnet nach Gründen aus, ob meine Vorstellungen gefallen können oder nicht?

Eine so vergebliche und doch beleidigende Arbeit würde meine ganze Familie, eine der ältesten und zahlreichsten, welche sich zu Bergamo und vielleicht in der ganzen Welt befindet, in Waffen bringen, wenn uns nicht unser Ahnherr, welcher als ein vorsichtiger Mann allem Unheil unter seinen Nachkommen vorbeugen wollen, in seinem Letzten Willen ausdrücklich und wohlmeinend befohlen hätte, überhaupt aller Gelehrten, um unsrer nahen Verwandtschaft willen, zu schonen und gegen ihre spitzigen Federn bloß mit unsern hölzernen Säbeln zu fechten.

Ob wir aber gleich solchergestalt zu unsrer Notwehr nur ein sehr stumpfes Werkzeug haben; so mögen diese Herren dennoch glauben, daß man denjenigen nicht völlig ungestraft beleidige, welcher die Ehre hat, in seiner Allerchristlichsten Majestät Besoldung zu stehenHerr Carlo Bertinazzi, ordentlicher Harlekin Sr. Allerchristl. Majestät, genoß einer jährlichen Besoldung von 8000 Pfund. und von Haus aus der klügsten Nation und einer Familie anzugehören, welche ihren stifts- und turnierfähigen Adel bei allen deutschen Domstiftern besser als Cäsar und Pompejus erweisen kann.Pietro Maria Chechini, mein Ur-Ur-Ur-Ur-Eltervater, ist wie bekannt, als der beste Harlekin seiner Zeit von Kaiser Matthias geadelt worden. S. Riccoboni, hist. du téatre Ital. im 6. Abschnitt. Der in den neuern Zeiten vom König August geadelte Constantini ist nicht von unserm Geschlechte, wie einige behaupten wollen. Es würde mir ein leichtes sein, nicht allein von dem königlichen Leibarzt, Herrn Du Moulin, sondern auch von der ganzen parisischen Fakultät ein beglaubtes Zeugnis beizubringen, daß noch niemand seine Abendmahlzeit übel verdauet hätte, welcher mein geringes Auditorium mit seiner angenehmen Gegenwart zu beehren sich gefallen lassen. Und wenn meine Kollegen, welche die Tugenden und Torheiten der Menschen in prächtigem oder feinern Gestalten aufzuführen berufen sind, einigermaßen unparteiisch sein könnten, so würden sie gewiß selbst gestehen müssen, daß ihre tragischen Prinzessinnen nur um deswillen so oft von einer allzeit fertigen Kolik befallen werden, weil die vorhandenen wenigen Zuschauer, mit Einschluß ihrer Anbeter und Parteigänger, nicht zureichen wollen, den Aufwand der Lichter zu bezahlen.

Allein, meine Ehre leidet es so wenig wie meine Absicht, mir auf fremde Kosten ein abstechendes Ansehen zu geben oder die Verdauung meiner Freunde als ein günstiges Vorurteil für meine Geschicklichkeit anzuführen; ungeachtet die größten Naturforscher durch die Bemerkung der Wirkungen, als den sichersten Weg, zu allerhand artigen Systemen gelangen. Ich will vielmehr mit derjenigen aufrichtigen Bescheidenheit, womit ein angehender Dichter seine Gönner, die öffentlichen Herren Kunstrichter, in der Vorrede zu hintergehen sucht, sowohl der Oper als dem Trauerspiel, sowohl der eigentlichen Komödie als dem rührenden Lustspiel einen Vorzug einräumen, welchen ihre glücklichen Verfasser für sich und ihre wahren Erben nun und zu ewigen Tagen, mit oder ohne Recht, gegen mich und die Meinigen überall, wo es nötig ist, verfolgen mögen. Ich will hiermit vor jedermann, dem es zu wissen nötig ist, öffentlich bekennen, daß die Bezauberungen der Oper ein gegründetes Recht haben, unsre Augen und Ohren zu ergötzen, aß die Majestät des Trauerspiels, wenn der Geist eines Cato unter der Last seines Schicksals arbeitet, oder Zaïre weint, den Zuschauer auf eine angenehme Weise rühre und erhebe, daß die Terenziscbe und Molièrische Komödie ein recht gewürztes und wohltätiges Lachen erwecke, und daß endlich das rührende Lustspiel alle Reizungen einer wohllebenden, zärtlichen und tugendhaften Schöne besitze, welche die Empfindungen ihrer Liebhaber veredelt. Ja, ich will meinen Vorstellungen sogar den Namen einer Komödie freiwillig vergeben, wenn einige mit dem strengen Herrn von ChassironS. Réflexions sur le comique lartnoyant par Mr. de C. Tresorier de France, Conseiller au Présidial de la Rochelle etc. Er spricht dem Weinerlich-Komischen den Namen der Komödie ab. diesen gleichgültigen Titel einzig und allein denjenigen komischen Vorstellungen zueignen wollen, Welche so glücklich gewesen, sich in den alleinigen Besitz desselben zu setzen. Allein, dieses muß ich mir dagegen mit aller Demut ausbitten, daß man mir, in der Ordnung nach ihnen, wenigstens denjenigen Rang vergönne, welchen meine Vorfahren vor undenklichen Jahren ziemlich ruhig behauptet haben. Ich schmeichle mir, in der besten komischen Welt ein notwendiger und angenehmer Bürger zu sein; und hoffentlich wird man mich auch nicht aus einer andern Welt verbannen, worin so viele Toren zum größten Dienst der Weisen geduldet, ja selbst die Helden, welche so manches fromme Christenkind mit ihren scharfen Säbeln ums Leben bringen, nicht allein ehrlich begraben, sondern wohl gar vergöttert werden. Wenn die komische Oper, welche sich eine Zeitlang alles Beifalls in Rom, Paris und Potsdam bemächtigt hatte, mit gleicher Bescheidenheit gehandelt, und sich mit dem Range eines Zwischenspiels, welcher ihr unstreitig zukam, befriedigt hätte, so würde sie gewiß den Neid ihrer Mitbuhlerinnen versöhnt und, nicht beständig zu ihrem Untergange gesiegt haben. An dem Titel Komödie ist mir ohnehin wenig gelegen. Es schadet einer schönen Polonaise nichts, daß sie nicht die Ehre hat, Menuett zu heißen; und manche Blume ist an einer Doris Busen ganz stolz verblühet, deren' Geschlecht vom Ritter Linné niemals bestimmt worden. Meine kömischen Vorstellungen mögen künftig immer Harlekinaden heißen und meinen Namen, so wie ehemals eine Pflanzstadt ihren Stifter, verewigen. Vielleicht ist es mir auch weit rühmlicher, ein eignes Tier in meiner Art zu bleiben, als wie der Löwe zum Katzengeschlecht gezählt zu werden.

Diese meine aufrichtige und jedem Redner gegen seine vorgesetzte kritische Obrigkeit wohlanständige Demut erlaubet mir aber nicht, denen zu schmeicheln, welche die komischen Vorstellungen bloß auf die eigentliche Komödie und höchstens auf das rührende oder sogenannte weinerliche Lustspiel einschränken wollen. Die Sphäre des menschlichen Vergnügens läßt sich noch immer erweitern, und der besondre Geist der Engländer hat zu unsern Zeiten selbst in krummen Alleen neue und mehrere Vollkommenheiten, als in den ewig einförmigen und beständig in einer Linie fortgehenden Lustgängen gefunden, wovon man bei dem ersten Eintritt die ganze monotonische Einrichtung errät, das Ende immer vor Augen hat und endlich mit der größten Langenweile erreicht. Die Natur ist unerschöpflich an Gestalten, worin sie ihre Reizungen den begierigen Augen verschwendet, und Sitten und Leidenschaften sind ebenso mannigfaltig als die unterschiednen Menschengesichter.

Wenn ich also auch gleich kein Redner für meine eigne Sache wäre, so würde mich dennoch ein bloßes warum nicht? womit Fontenelle so viele unentdeckte Welten bevölkert, von der Möglichkeit mehrerer komischen Arten überzeugen. Ich will hier nicht untersuchen, ob die fürchterlichen Alten eine andre Art als die Terenzische gekannt haben. Sonst ließe sich vielleicht aus einigen Szenen des Aristophanes und Plautus zeigen, daß diese großen Meister, eben wie Terenz und Molière, von meinen Vorfahren manche schöne Stellung geborgt und solche mit ihren geschickten Pinseln originalisiert hätten. Vernünftige Leser werden mir ohnedies glauben, daß den Satyren, diesen ersten Schauspielern der Griechen, der Bocksfuß nicht edler als mir mein buntscheckiges Kleid gestanden, wozu alle Stände in der Welt, sowohl geist- als weltliche, ihre Läppchen hergegeben haben. Ist aber jemand so ungläubig, daß er auch hieran zweifeln und die Regierung Harlekins des Ersten in ein späteres Jahrhundert versetzen wollte, so muß ich denselben zu einer bessern Belehrung an den grundgelehrten Herrn Magister Stifelius, jetzigen Prof. extra-ord., verweisen, welcher den verlornen Teil von Aristoteles Dichtkunst, worin er meinen Vorfahren ihr gebührendes Recht widerfahren lassen, durch einige nicht unglückliche Vermutungen guten Teils wiederhergestellt hat.

So viel bleibt inzwischen gewiß, daß die Natur der komischen Malerei weit mehrere Arten, als die vorhin angeführten, erkenne, und dem eigennützigen Zwange zuwider sei, womit ihre beiden angeblich erstgebornen Töchter die Fruchtbarkeit ihrer Frau Mutter bisher verhindert haben. Meine Leser dürfen sich nur an die verschiednen Gattungen der komischen Dichtkunst erinnern, um sich hiervon aufs lebhafteste zu überzeugen. Wie mannigfaltig ist nicht das Heldengedicht und die Oper in ihrem Geschlechte! Die Verfasser von beiden haben bald aus der höhern Geisterwelt, bald aus der Helden- und Rittergeschichte, bald unter den Menschenkindern, bald unter den Tieren, bald aus den unterirdischen Klüften der Gnomen ihre Personen und Schilderungen gewählt, das Kleine ins Große und das Große ins Kleine verstellt, jetzt ihre Figuren im schiefen, jetzt im verzerrten Geschmack geschildert, hier dem Silen ein Bocksmaul mit fingerlangen Zähnen, dort dem Bocke ein richterliches Ansehen gegeben und überhaupt alle in der Nachahmung ergötzende Gegenstände in ebenso unterschiedenen Arten geschildert, als die Natur in ihren Werken beobachtet, wo unzählige Stücke zu einer Art und unzählige Arten zu einem Geschlecht gehören. Die heroisch-komischen, die komischen, die von dem rührenden Lustspiel nachgeahmten,Herr und Frau von Favart sind die ersten, welche diese Art der komischen Opern verfertiget. La jeune Grecque ist eine vortreffliche Probe davon, und dies Stück verliert nichts von seinem Wert, wenn es auch von der Fille d'Aristide der Frau von Graffigny nachgeahmt worden. die burlesken, grotesken und Poissarden-Opern sind keinesweges bloße Spielarten ihrer Gattung, sondern eigne fruchtbare Geschlechter, welche sich wie die wellenartige Menuett von der sanften Polonaise und wie das flüchtige Schwäbische oder Schottische von dem tragi-komischen Spanischen in ihren Takten und Ausführungen unterscheiden.

Die Art eines Cervantes und Swift , eines Despréaux und Fielding , eines Pope , Zacbariä und Dusch , eines Gresset und Vadé ,Der liebenswürdige Vadé , Schöpfer des wahren Vaudeville, und Verfasser des Heldengedichts la Pipe cassée, starb zum großen Leidwesen aller guten Gesellschaften in den Armen der Wollust im 37. Jahre seines geschwinden Lebens, v. Année litteraire de 1757. p.350. eines Scarron , Butler , Garth und Voltaire in der Pucelle gehören zwar zu dem Geschlecht des Heldengedichts, sind aber in ihrer Art, wie Klopstocks Schöpfungen von Homers wirklichen Helden, unterschieden. Und der mannhafte Don Quixote würde im Vert-Vert oder der Mikromegas in Gesellschaft der Arabella Fermor keine bessere Figur machen als der hölzerne Rhinoceros in dem Porzellankabinett zu ... Selbst Cervantes und Fielding , die von manchen in eine Klasse gesetzt werden, sind in ihren Arten unterschieden, indem erster in der komischen Karikatur, letzter aber in den Stellungen nach dem Leben und besonders in moralischen Küchenstücken sich gezeigt hat. Und wer nicht die Stücke eines Rubens , Vinkenboom und Watteau zu einer Gattung oder die Satiren des in seinen Zeichnungen so vortrefflichen und in den Farben sparsamen Hagedorn zur flämischen und die in ihren Farben so prächtigen und schattenreichen Gemälde eines YoungWenn Young Fieldings Pinsel genommen, so hätte er einen christlichen Don Quixote gemalt. und Haller zur italiänischen Schule oder die Harlekine zur Siciliano rechnen will, der muß gestehen, daß in der komischen Malerei, es sei nun, daß solche von dem Dichter, dem Maler, dem Schauspieler, dem Tonkünstler oder dem Tänzer gebrauchet werde, sehr viele unterschiedne Arten möglich sind, die zu einem gewissen eignen Grad der Vollkommenheit gebracht werden können. Ist aber dieses, warum sollte denn der komische Schauspieler, welcher der Natur nachahmt und in seinen lebendigen Gemälden den Ausdruck des Pinsels, der Feder, der Saiten und des Fußes übertrifft, bloß an zweierlei Arten gebunden sein? Was kann man für einen Grund angeben, warum die verschiednen Arten der komischen Malerei, welche überall eine so glückliche Mannigfaltigkeit haben, bloß auf der Bühne mißfallen sollten? Gibt es doch im Hirtengeschlecht Trauer- und Lustspiele. Und wenn ich gleich im letztern sowenig als der Graf von Tüffiere erscheinen darf, so wird ein jeder Kenner doch empfinden, daß die Einfalt und Unschuld der Sitten, welche dem Hirtengedicht eigen sind, sowohl nach dem Leben als in grotesken Gestalten ausgedrückt, folglich auch hier verschiedne Arten von Lustspielen erfunden werden können.

Ich muß hier eine Note in den Text bringen, welche einen besondern Absatz ausfüllen soll, damit meine eilfertigen Leser sie desto eher überschlagen können. Sie betrifft die Einwürfe, welche man gemeiniglich gegen die Opern macht, und mich gewissermaßen auch treffen könnten, wenn ich sie unberührt auf dem Ansehen der größten Kunstrichter beruhen ließe. Die Oper, sagen sie, ist unnatürlich , obschott Herr Remond von Saint Mard den unglücklichen Beweis des Gegensatzes übernommen. Allein, ich meines Orts begreife gar nicht, was man mit jenem Einwurfe gewinnen wolle. Die Oper ist eine Vorstellung aus einer möglichen Welt, welche der Dichter nach seinen Absichten erschaffen kann, wenn er nur im Stande ist, selbige dem Zuschauer glaublich zu machen. Die einzige Natur, welche wir in unsrer, wirklichen Welt haben, ist zu enge für die Einbildung des Dichters, und alles, was der Opernschöpfer von dieser ohne Not entlehnt, zeugt von seiner Schwäche. Es würde lächerlich sein, wenn die Operngötter gleich Adams Kindern sprächen, indem daraus eine Mischung verschiedner Naturen entstehen würde. Die Opernbühne ist das Reich der Chimären; sie eröffnet einen gezauberten Himmel; und da die Engel in ihrem seligen Aufenthalt beständig singen sollen, so müßte die Einbildungskraft desjenigen Operndichters sehr matt sein, welcher seinen Göttern diese Art des höhern Ausdrucks und die Harmonie der theatralischen Sphären entziehen wollte. Es kann also der größte Lobspruch, den man einer Oper oder einem Heldengedicht, welches seine eigne Welt hat, geben kann, eben darin bestehen, daß beide in Vergleichung unsrer Welt völlig unnatürlich sind. Und in dieser Absicht sagt Pope von Shakespeare , daß man letztern beschimpfe, wenn man ihn einen Maler der Natur nenne, da er vielmehr ein Schöpfer neuer Urbilder gewesen.His characters are so much nature herself, that it is a sort of injury to call them by so distant a name as copies of her. But every single character in Shakespeare is as much an individual as those in life itself; it is impossible to find any two alike. S. Popens Vorrede zu Shakespeares Werken. Aber wiederum zum Text! Kluge Leser werden schon merken, warum ich diesem Einwurf in fremdem Namen vorgebaut habe.

Nachdem wir nun solchergestalt dargetan haben, daß noch mehrere als die bisher bekannten Arten der komischen Schauspiele möglich und nicht gleich unnatürlich sind, wenn sie schon nicht zu dieser Schöpfung gehören, so sollten wir nunmehr billig zu dem andern Hauptabschnitte unsrer Rede übergehen und mit gleicher Gründlichkeit den unterscheidenden Charakter unserer theatralischen Vorstellungen oder Harlekinaden zeigen. Allein, ehe und bevor wir zu diesem wichtigen Werke schreiten, muß ich aus Vorsicht und damit niemand an dem Nutzen desselben zweifeln möge, von meinen Lesern eine Probe ihrer Freimütigkeit fordern, welche sie mir aus Dankbarkeit für mein öffentliches Vertrauen schuldig sind. Diese soll darin bestehen, daß sie ihrem Verstande, ohne daß ich es höre, ganz insgeheim beichten, wie es nur selten oder doch nicht oft, wenigstens nicht allemal eine Neigung zur Besserung sei, welche sie der Schaubühne zuführt. Wir müssen zwar, meine Herren Kollegen sowohl als ich, vor einigen Leuten, welche uns einen Platz auf dem geweihten Kirchhofe versagen und die auch noch im Sarge liebenswürdige Le Couvreur aus aller Gemeinschaft der Rechtgläubigen verbannen, in allen unsern gedruckten Vorreden behaupten, daß die Besserung der Sitten unsre Hauptabsicht sei; es ist uns auch wirklich damit gelungen, daß viele von unsern Widersachern teils mit der Versuchung, teils mit den Schauspielerinnen in ein näheres Verständnis geraten und unter dem Vorwand einer ihnen wirklich sehr nötigen BesserungWenn das Beiurteil des Parlaments zu Rennes, wodurch die Väter der Gesellschaft J... zu öffentlichen Komödianten erklärt sind, erst durch ein Endurteil bestätiget sein wird, so kann ich noch ein mehreres sagen. S. La Gazette eccles. de France de 1757. selbst vor unsrer Bühne erschienen sind, besonders seitdem das Frauenzimmer einen Arbeitsbeutel mitbringenEs ist dieses nunmehr auch in den Wochenpredigten zu Paris erlaubt. und sein zartes Gewissen damit beruhigen können; allein wenn man, nach meinem Beispiel, mit der Wahrheit hervorgehen will, so wird jeder für sich selbst gestehen müssen, daß die Begierde, sich aufzumuntern und zu ergötzen – ich darf gegen den traurigen Young nicht sagen, eine leere Stunde hinzubringen – die meisten Zuschauer herzuführen pflege.

Ich sehe auch eben nicht, was gegen einen so nötigen und nützlichen Bewegungsgrund mit Bestande zu erinnern sein möchte. Wir lieben den Tanz, nicht um unsre Sitten zu bessern, auch wohl immer nicht, um unsern Körper zu bewegen, wie manches junge Herz seinen Verstand gern bereden möchte; wir hören eine lustige Musik nicht, weil Graun und Pergolesi unsre Herzen bekehren; nein, wir suchen bloß uns zu besänftigen, zu beruhigen, zu erheitern und den ermüdeten Geist zu ersthaftern Pflichten zu bereiten. Selbst das so hochgerühmte Trauerspiel, worin allein die Großen der Erde sich vor dem Schicksal der Niedrigen bücken, schmeichelt unsrer Eigenliebe mehr als es sie bessert; und oft sind solche Gärungen in einem Staatskörper, wobei es gefährlich ist, die Majestät nach der poetischen Gerechtigkeit zu bestrafen oder Schrecken und Mitleiden in solche Herzen zu gießen, welche der Pächter oder Kriegskommissarius auf eine weit nachdrücklichere Art zum Bluten bringt. Ist es nun aber hier erlaubt, bloß um die heilsame Arznei des Vergnügens zu genießen und ohne daß der Nutzen den Vorreihen führt, sich bisweilen dem Tanze oder der Musik zu überlassen und ein schönes Gemälde zu lieben, so sehe ich gar nicht ein, warum es mir allein verdacht werden wolle, daß ich das Vergnügen meines Nächsten zu meiner Hauptabsicht erwählt habe. Mich dünkt, die Freude müsse allezeit in einer Welt willkommen sein, worin nach der Rechnung einiger Algebraisten die Masse des Bösen gegen das Gute wie maximum : minimum steht; und wer nur einigermaßen bedenkt, wieviel dem Staat daran gelegen, daß ich einen hypochondrischen Minister zu geduldiger Anhörung der Unschuld bewege, einen bedrängten Untertan in seiner Last ermuntre, eine verdrießliche Landschaft zu Einwilligung neuer Auflagen bereite und überhaupt ein wildes Gemüt besänftige, ein niedergeschlagenes erhebe, ein ermüdetes von neuem begeistre und die erschlaffte Hand eines Autors zu neuen Unternehmungen stärke, der wird handgreiflich finden, daß eine alte Operistin in der Hofkapelle,Ich nehme die Hofkapelle von Paraguay aus, wo die Einwohner ihre Bekehrung mit einem Tanze anfangen. S. Hist. du Paraguay par le R. P. de Charlevoix. wo sie die Gemüter zur Andacht vorbereiten soll, in ihrer Art lange dasjenige nicht leisten könne, was ich bisher mit allgemeinem Beifall aller hohen und niedrigen Standespersonen geleistet habe. Ich, und sonst niemand, kann mich rühmen, daß mehrere Menschen vergnügter von meinem als jenes Kaisers Angesicht weggegangen; und wenn ich meine Sache nach der neuesten Art führen wollte, so könnte ich mit gutem Grunde behaupten, daß ich zur Bevölkerung des Landes mehr als alle unsre Schriftsteller, den Marquis de Mirabeau nicht ausgenommen, beigeträgen und Ehemänner aufgemuntert hätte, welche sonst nach ihren Geschäften aus den tiefsten Gedanken in den tiefsten Schlaf verfielen, indem ich ihre erfrornen Sinne zu neuer Lebhaftigkeit erwärmt, ihre Empfindungen gestärkt und die zu einem toten Schlaf gewöhnten Glieder zu rühmlicher Verwegenheit begeistert habe, wie meine nach Standesgebühr Allerhöchst-, Höchst- und Hochzuehrende Zuschauerinnen, welche, wie die AuroraAurora und Titon hatten ihre Jugend unter der Bedingung wiedererhalten, daß ihnen jeder Kuß fünf Jahre kosten sollte. Sie küßten sich darauf einmal, und wurden fünf Jahr älter; die folgende Nacht verloren sie zehn Jahre; und endlich, wenn es wahr ist, die folgende fünfundfünfzig. Glückliche Aurora! des Herrn von Moncrif , ihre unter dem Beding nicht zu küssen wiedererlangte Jugend so gern und so geschwind verscherzt, mir selbst bezeugen werden.

Ich weiß nicht, ob die weinenden Prinzessinen, die Helden, welche sich so erbärmlich töten, und andre schöne Grausamkeiten, mir in diesem Stück an die Seite gesetzt werden können; wenigstens kenn ich sehr viele, die das lange Gerippe des Trauerspiels, welches nie seine Gestalten sondern nur seine Trachten verändert, mit einem schläfrigen Ekel angesehen und den Augenblick mit Ungeduld erwartet haben, worin dieses Gespenst durch mich von der Bühne vertrieben worden. Soviel aber ist gewiß, daß meine Spiele und Vorstellungen, welche von mir und meiner Familie, wovon ich nur die Herren Dominique und Gehardi nennen will, geschehen, allemal ein kräftiges und wohltätiges Lachen erweckt und manchen Geist, welcher ganz eingerostet war, in eine gemeinnützige Bewegung gebracht haben. Wenn ich also nach meiner gewöhnlichen Unparteilichkeit urteilen soll, so müssen junge, verliebte, andächtige Heloisen und andre Personen zur Zeit, wo ihnen eine sanfte angenehme Rührung willkommen ist, das Trauerspiel besuchen; wer sich in einer zur Freude ohnehin ziemlich geneigten Gemütsverfassung findet, der wird am besten tun, sich die Molièreschen Komödien zu erwählen; und diejenigen, welche heute den Ton der guten Gesellschaft zu hören wünschen, mögen ihre moralische Seele an dem rührenden Lustspiel weiden.

Allein, nun ist noch eine nicht unfruchtbare Art menschlicher Geschöpfe übrig, welche in ihren besten Augenblicken nach, meiner Hülfe lechzen. Auch die strengsten Richter werden nicht leugnen, daß sie bisweilen Stunden haben, worin sie nicht denken, nicht lesen und sozusagen nichts empfinden können, was nicht mit Händen gefühlt werden kann. Es sind Stunden, wo das so sehr gerühmte weise Lächeln unmöglich ist, wo ein allgemeiner Druck von Schwermut den trägen Körper belastet und die göttliche Phyllis mit ihren entzückenden Bewillkommnungen den steifen Muskeln kaum eine kaltsinnige Höflichkeit auspreßt. Der ermüdete Gelehrte gähnet in seiner Abendstunde, und das junge Herrchen fühlt schon kein Vergnügen mehr, die Gefangenschaft des Königs in der tapezierten MausefalleAh quel Conte! und noch einmal Ah quel Conte! de Mr. Crébillon fils. zu lesen, der überlaufene Staatsminister seufzt nach einer Erlösung, und die von einer schweren Mahlzeit aufgehobene Freifrau ist unschlüssig, ob sie spielen oder in die Komödie gehen will, weil die Fehler ihres Nächsten die vom Plaudern geschwollne Zunge nicht mehr bewegen können. Die Säure hat sich aus dem fürstlichen Magen in die Gegenden des Kopfes gezogen, und die geplagten Hofleute haben ihre schlüpfrigen Erzählungen nach alphabetischer Ordnung erschöpft; der Hofnarr oder vielmehr der Hausherr, welcher dessen Rolle seit einiger Zeit übernommen, käuet am Zahnstocher und lobt die Morgenländer, welche ihre Gesellschaft bei Tische mit nackten Gauklerinnen unterhielten, um die gute Verdauung nicht durch ernsthafte Gedanken zu unterbrechen. Solche Menschen und überhaupt die große Menge der menschlichen Gesichter, deren Frühling oft nur ein Gähnen ist, hat die weise und auf alles bedachte Natur meiner Fürsorge empfohlen. Sie hat mir aufgetragen, den Schlummer der letzten zu verteilen, ihre Säfte zu verdünnen, ihre Drüsen zu erweichen und sie wenigstens alle Tage eine Minute dahin zu bringen, sich ihres Berufs in der Welt erinnern zu können. Man denke nicht, daß dieses auch wohl durch gelindere Mittel erhalten werden könne. Das Gehirn dieser Leute ist mit einem zähen Schleim umgeben, und Herr MonnetS. Fréron, Lettres sur les écrits de ce tems, T. II. p. 272. Herr Monnet gab Gelegenheit zu den komischen Unruhen in England, und seine Freunde bemühten sich vergebens, ihm den Beifall der patriotischen Briten mit Schlägen zu erwerben. würde gewiß seine mannfesten Freunde aus England verschreiben müssen, wenn er ihre Aufmerksamkeit erwecken wollte.

Es heißt zwar, die Seele des Weisen lächelt und der Körper des Narren stürmt ein Gelächter. Allein, vielleicht ist diese Unterdrückung der guten Natur ein bloßer Modezwang.Trublet ist dieser Meinung. S. dessen Essais, Tom. II. Vielleicht wäre dem Weisen auch bisweilen ein offenherziges Lachen heilsam; vielleicht lächelte seine Seele einmal darüber, daß ich seinen phlegmatischen Bauch erschüttert hätte; vielleicht wünscht er die seltene Gelegenheit, einmal aus erweiterter Kehle zu lachen; vielleicht setzt man mich aber auch daher in die Klasse der possierlichen Figuren, der Pagoden, Meerkätzchen, Kammerjungfern und anderer lächerlichen Gruppen, welche weiter kein Verdienst haben, als daß sie zum Lachen reizen. Allein, es gehört wahrlich eine mühsame Überlegung dazu, die rechten Züge und Töne zu erfinden, wodurch die gelähmten und erstarrten Nerven eines Körpers erschüttert werden können. Jeder Musikus ergötzt durch Töne; darum aber gehöret ein Luigi , ein Buononcini, ein Charissimi, ein Locatelli nicht in die Klasse der Crowder.I' th'head of all this warlike rabble
Crowdero march' d'expert and able. oder:

Croder de son violon jouant vaille qui vaille,
Conduisoit au combat la guerriére, canaille.
Hudibr. Ch. II, V. 105.
Es ist eine große Wissenschaft, die wahren Stellungen, wodurch ein gutes Lachen erweckt wird, zu erfinden. Ein geschickter Komponist kennet die Töne, welche am meisten rühren; er wählt solche nach seinen Absichten, und wir fühlen, daß einige Töne, vielleicht diejenigen, so mit unsern Nerven einstimmig sind, ein angenehmes Zittern in denselben erregen, ja wohl gar sie auf eine nützliche Weise, reizen, trocknen, stärkenMan kann hierüber weiter nachsehen: Les réveries militaires. und lebhafter machen. Man sehe die mechanischen Wirkungen der Stellungen und Gemälde an. Ein Kind lacht, wenn man ihm zulacht; ja Ludewig XIV. tat noch ein mehreres, als ihn der hiedurch allein unsterbliche FiurilliLudewig der XIV. war damals ein Jahr alt, und wie ihn Fiurilli eine von seinen grotesken Mienen sehen ließ, so lachte er, und tat, was solche Kinder wohl mehr tun. Histoire de l'ancien théatre Italien par M. Parfaits. auf seinen Arm nahm. Wolff, dieser auf eine andere Art verewigte Weltweise, erhielt in einer sehr ernsthaften Gesellschaft den unvergleichlichen Kupferstich des La Mettrie. Sowie er aus einer Hand in die andre ging, entfalteten sich die heiligsten Gesichtsrunzeln. Und wer ein Gemälde ansieht, der wird bemerken, daß die Tiefe der Ausmalungen das Auge verkleinere, die Pracht solches vergrößere und freudige Stellungen eine heitere Aufklärung in dem Gemüte des Zuschauers hervorbringen.

Da ich nun sowohl den Augen als den Ohren malen und sozusagen einer verbuhlten Schöne gleichen muß, welche ihren Verstand, ihre Religion, ihre Stimme, ja alle Wendungen ihres Körpers in besondere Reizungen verwandelt, so wird man aus obigen Erfahrungen, welche die höhnischen Gelehrten vielleicht ein Galimathias nennen werden, zum voraus leicht erraten, daß ich mich sowohl über den Tonkünstler als über den Maler erheben und meine Panazee für die Königin aller Panazeen ausrufen werde. Und gewiß, wenn der Abt VenutiIn seinem Triumpho litterario. dem Verdienste, nachdem es 5709 Jahr seit Erschaffung der Welt zu Fuße gegangen, nicht endlich einen Staatswagen geliehen, so wäre ich versichert, dergleichen für mich allein, und zwar in Paris, für 120 Pfund monatlich zu erhalten.

Damit aber meine allerseits Hochzuehrende Leser bei so langweiligen Vordersätzen nicht ohne Schluß bleiben mögen, so will ich aus obigen in der Physik und Metaphysik des menschlichen Herzens augenscheinlich gegründeten Wahrheiten nur noch diese Folge ziehen, daß mein Beruf in der besten komischen Welt schon rechtmäßig sein würde, wenn ich durch meine Vorstellungen auch nur allein den kranken Teil des menschlichen Geschlechts erwecken könnte, ihr unangenehmes Selbst einer einzigen Betrachtung zu würdigen. Allein ich kann auch auf mein ehrliches Gesicht versichern, daß ich mir die Besserung der Sitten etwas mehr als beiläufig angelegen sein lasse, und zu diesem wichtigen Zwecke auf einem eigenen Wege gelange. Wir werden dieses nunmehr in dem folgenden andern Hauptabschnitte unsrer Verteidigung zeigen. Denn nachdem ich solchergestalt in einem kurzen Vortrabe den Nutzen meiner Vorstellungen bereits in etwas gewiesen, so hoffe ich einiges Recht zu haben, meine Sache in ihrer Ordnung fortführen zu dürfen.

Dasjenige, was man in der Malerei Karikatur nennt und welches in einer Übertreibung der Gestalten besteht, ist eigentlich die Art, wie ich die Sitten der Menschen schildre. So gut nun jene Gemälde ihre eignen Regeln und Vollkommenheiten haben, ebenso gut sind auch meine Gemälde der Torheiten einer eignen Vollkommenheit fähig; ja ich getraue mir zu behaupten, daß die Karikatur, insoweit sie die schöne Natur übertreibt, in ihrer Art unvollkommener als die meinige sei, weil der moralische Mensch geschickter dazu ist als der natürliche. Kann inzwischen der gemalte Riese das Auge des Zuschauers vergnügen, so ist nichts gewisser, als daß eine moralische Schilderung desselben ein gleiches Recht habe; und der Nutzen ist, daß Menschen, welche sich in einer ziemlichen Entfernung von der Wahrheit befinden, durch Vergrößerung der Gestalten zu einem deutlichern Gesichtspunkt gelangen müssen. Sind aber nicht alle diejenigen von der Wahrheit entfernt, die entweder aus Dummheit oder einer verschuldeten Trägheit das feine Salz der Satire nicht empfinden und gleichsam auf der Zunge gebrandmarkt werden müssen, wofern sie zu einer lebhaften Empfindung gelangen sollen? Wird nicht oft die Dorfgemeine von eben dem Redner eingeschläfert, welcher die Hofkapelle entzückt?Dem berühmten Young widerfuhr indes das Gegenteil. Da er einst zu St. James predigte, konnte er, aller seiner Bemühungen ungeachtet, die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer nicht rege machen. Seine Betrübnis übernahm ihn so sehr, daß er allen Wohlstand vergaß, sich auf der Kanzel niedersetzte und in einen Strom von Tränen ausbrach. S. Universal Museum. May 1756. Wirft nicht Dryden den Franzosen vor, daß sie aus gar zu ängstlicher Beobachtung des Regelmäßigen den größten Haufen der Zuschauer zur baldigen Ruhe bereiten? Wenn nun an jenen Geschöpfen kein Mangel ist, wenn ganze Nationen und Gemeinen in ihrem Geschmacke so verschieden sind, so rechtfertigt sich dadurch die Art meiner Sittenmalerei, da ich kleine Narren in Riesengestalten und königliche Toren in chinesischer Miniatur auf die Bühne zur Schau bringe, damit letztere auch von den Kurzsichtigen in der Nähe betrachtet werden können.

Herr Lessing, ein Mann, der Einsicht genug besitzt, um dermaleinst mein Lobredner zu werden, würde mir vielleicht hier einwenden, daß die Übertreibung der Gestalten ein sichres Mittel sei, seinen Endzweck zu verfehlen, indem die Zuschauer dadurch nur verführt würden zu glauben, daß sie weit über das ausschweifende Lächerliche der Torheit erhaben wären.Herr Lessing hat mich in seiner Dramaturgie aufgefordert, ihm diese Vermutung zu erweisen. Ich kann aber weiter nichts sagen; als daß ich etwas, das mich zu dieser Vermutung berechtigte, in den von ihm mit beförderten Beiträgen zur Historie und Aufnahme des Theaters, wovon im J. 1750 vier Stücke zum Vorschein kamen, gelesen zu haben glaubte; beim Nachschlagen finde ich aber, daß ich mich geirret habe. Anm. zur zweiten Ausg.

Allein meine gelehrten Feinde urteilen hier abermals nach ihrer gebesserten Empfindung und denken nicht, daß mancher einen Geruch kaum empfinde, welcher dem andern schon die schwersten Kopfschmerzen verursacht, sie erwägen nicht, daß es hinter ihnen noch ansehnliche Klassen von Toren gebe, für deren Empfindungen sie nicht bürgen können. Ich habe es selbst erlebt, wie ich mich in einem bekannten Stücke durch ein Per li per la unsichtbar machen konnte, zum Schein aber dieses Wort vergessen hatte und darüber in meiner sichtbaren Gestalt eine lustige Tracht Schläge empfing, welche mich zu einem erbärmlichen Geschrei bewog, daß ein deutscher Prinz, dem mein Geschrei im Ernst zu Herzen ging, mir im vollen Eifer zurief: Um Gottes willen, so sagt doch: Per li! Ich habe es erlebt, wie der Canut des deutschen RacineJoh. Elias Schlegel. (Anm. von Fr. Nicolai.) vorgestellt wurde, und die Szene kam, worin Estrithe ihren Bruder um die Verhinderung eines immittelst zwischen ihrem Gemahl und Godewin vorgehenden Zweikampfs bat, aber in 20 der schönsten Verse die Abscheulichkeit dieser unbefugten Entscheidung vorstellte, daß ein bewegter Fleischer in voller Angst ausrief: Ich wollte, daß der Donner in das Geschwätz schlüge; sie stechen sich ja immittelst funfzigmal tot!Ein ähnlicher Vorfall trug sich in London bei der Vorstellung des Grafen von Essex zu. Der Graf hätte der Gräfin von Nottingham einen Ring anvertrauet, den sie der Königin Elisabeth einhändigen sollte, und von der Auslieferung dieses Ringes hing sein Leben ab. Aus Eifersucht aber hatte sie sich entschlossen, ihn nicht abzugeben. Die Königin, welche das Leben des Grafen zu erhalten wünschte, fragte sie mehrmals hintereinander, ob sie nicht einen Ring von dem Grafen bekommen hätte? und als sie es immer leugnete, rief endlich ein Schiffer, voll Mitleidens und edlen Unwillens von der Galerie: Bei Gott, sie lügt, die Canaille! ich sah es, wie sie ihn in ihren Busen steckte.

Man wird mir zugeben, daß die fürstliche Einfalt und die Einsicht des Fleischers beide nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit nicht zu vermuten waren. Indem aber doch Fürsten und Fleischer solche lucida intervalla, wie ein alter Lehrer, ein ehrlicher Rechtsgelehrter, es nannte, haben können, so glaube ich, meine Vermutung noch etwas weiter erstrecken zu dürfen. Ich kenne viele Männer, die mit ihrer Zunge nur Handarbeiten verrichten; diese haben mir oft gesagt, daß sie sich von keiner Regel eines allgemeinen Geschmacks überzeugen könnten. Die Übertreibung der Gestalten kann also wohl eben durch einen allgemeinen Satz nicht verworfen werden.

Meine Art der Übertreibung ist aber doch so fruchtlos nicht, wie meine Herren Gegner behaupten. Ich traf vor einigen Tagen meine alte ehrliche Colombine beim Nachttische vor ihrem Hohlspiegel an. Ich erschrak, wie ich ihr über die Schulter in den ärgerlichen Spiegel sah; jede Runzel erschien in demselben wie eine frisch gepflügte Furche, jeder Sommerfleck war ein rechtes Brandmal, die ganze Haut ihres Gesichts schien verschimmelt und zotticht zu sein. Meine Colombine , welche ihre Gestalt hier gleichsam auf eben die Art vorgestellt fand, wie ich die Torheiten meines Nebenmenschen zu schildern pflege, versäumte aber keinen Augenblick zu ihrer Besserung und schminkte sich aufs schönste. Nun hätte ich zwar lieber gesehen, daß sie ihre ganze Haut gesprengt und eine neue zugeleget hätte; da aber diese heroische Handlung mit gar zu vieler Gefahr für mich verknüpfet war, so verachtete ich auch die Wirkung des Hohlspiegels nicht und werde von meinen Hochgeehrtesten Zuschauern, welche ihre scheußliche Gestalt in meinem moralischen Hohlspiegel erblicken, ebensowenig die Sprengung ihrer Haut fordern, sondern zufrieden sein, wenn sie bloß die Entdeckung gemacht haben, welche alle gesittete Frauenzimmer auf die Art meiner Colombine zu machen pflegen.

Gleichwie aber die Übertreibung der Gestalten an und für sich allein nicht hinlänglich ist zu vergnügen und zu bessern, wofern nicht zugleich nach Anleitung des Hogarth dabei gezeigt wird, wie selbige von der wahren Wellenlinie der Schönheit abweichen, also habe ich mich von Jugend auf darauf beflissen, diese Abweichung besonders auszubilden; und daraus ist die wahre Art meiner grotesken Karikaturmalerei entstanden.

Ich hätte hier gute Gelegenheit, den Herren Gelehrten meine Geschicklichkeit anzupreisen und ihnen zu zeigen, wie glücklich ihre Gestalt zu übertreiben und zu treffen sei. Ich will aber mit gutem Bedacht nur meinen Capitano anführen. Seine dicken Pausbacken strotzen ihm vom Winde, seine lange Nase stürmt, seine Augen werfen Feuerkugeln, die Borsten seiner Augenbraunen spießen eine kleine Armee, seine Stimme donnert, und wohin er tritt, da springt eine Mine. In dieser grotesken Karikatur wird nun zwar keiner von unsern artigen Kriegsleuten seine süße Miene erkennen, sich aber doch auch wohl hüten, in einige heimliche Ähnlichkeit mit meinem Herrn Capitano zu verfallen, wenigstens vergnügt darüber lachen und des andern Morgens froh sein, daß er bei mir einen Abend ohne Spiel und ohne Verlust zugebracht; wovon ihn vielleicht keine Oper abgehalten hätte, wenn es wahr ist, daß sie ein Pranger sei, woran man seine Ohren heftet, um den Kopf zur Schau zu stellen.

Damit ich hier keinen Vorwurf bekomme, so will ich nochmals anführen, daß, so wie die groteske Malerei an keinem Hauptgebäude leicht Platz findet, also auch ich mit meinen Gemälden nur ein Nebenzimmer auf der Bühne verlange. Der Geschmack des Schiefen , oder der Sogenannte goût baroc, ist gewiß sonderbar schön, gehört aber nicht in Tempel und andre dauerhafte Werke, welche die Ewigkeit erreichen sollen. Nur ein Bartas , le prince des Poétes Francois, wie er genannt wird,La Sepmaine de Bartas. ist imstande, die Größe der Schöpfung in burleske Verse zu bringen; und ein Tor, die Heilige Dreifaltigkeit im Geschmack des Watteau zu fordern.Temple du gout, par Voltaire. Ich aber werde mir nie einfallen lassen, die erhabnen Gemälde eines Corneille oder Racine aus ihren prächtigen Sälen zu verdrängen. Allein, ein Schuster von Teniers , ein Federschneider von Douw und die Figuren von Callot hangen zwar nicht bei einem Jüngstengerichte von Michelangelo ; sie werden aber doch bewundert. Selbst die kleine Groteskenart der Chinesen macht ein Gartenzimmer reizend; und Kenner bewundern den Geschmack eines Fürsten, welcher dergleichen, nicht in einem Winterpalaste, aber mit desto größerem Rechte in einem ganzen Lustgebäude anzubringen gewußt und das Dach in einen chinesischen Sonnenschirm verwandelt hat. Nicht alle Meister denken von ihrer Kunst so bescheiden, und alle Kabinetter sind nicht mit gleicher Wahl geordnet. Sonst würde man nicht in einem der vornehmsten die Herzoge in marmornen Perücken unter die Brustbilder der römischen Helden gestellt haben. Eine gotische Prälatenmütze auf Cäsars Haupte würde keinen so guten Kontrast geben. – Doch wiederum zur Sache! Ich schweife nach meiner Gewohnheit immer aus und vergesse, daß ich mich selbst und keinen Autor vorzustellen habe.

Ich habe gesagt, daß es meine eigne Art zu malen sei, die moralischen Gestalten und besonders ihre Auswüchse zu übertreiben und daraus grotesk-komische Gemälde zu verfertigen. Die Erfahrung könnte mir hier die Gewähr leisten, daß ich solchergestalt eine vollkommne und besondre Art des Lächerlichen zur Bühne bringe, wenn ich es nicht auch zugleich nach Gründen erweisen könnte. Dasjenige, worüber gelacht wird, was lächerlich und lachenswert ist, hat sich zwar bisher noch nicht genau bestimmen lassen; weil, nach dem unterschiedenen Geschmack der Menschen, mancher über dasjenige weint, worüber der andre aus vollem Halse lacht. Aristoteles , dieser große Meister in allen Wissenschaften, welcher manchen Gedanken weggeworfen, worauf nachher andre ganze Systeme gebauet, glaubt, der Übelstand ohne Schmerz würde den ganzen weiten Umfang des Lächerlichen erschöpfen; und sooft ich an den StaatsministerPopens Brief an Herrn Cromweil, vom 30. Dez. 1710, im 4ten Teil seiner Werke. denke, welcher durch seinen am unrechten Orte ausgehängten Hemdzipfel den königlichen Staatsrat mitten in seinen Beratschlagungen über das Wohl Europens zum Lachen bewog, so bin ich fast bereit, ihm recht zu geben. Denn dieser Hemdzipfel war ein gewisser Übelstand ohne Schmerz. Allein, ich finde doch bei einer genauern Prüfung, welche Cicero bereits angestellt, eben nicht, daß dieser Satz hinreichend sei, die ganze Lehre des Lächerlichen daraus abzuleiten. Denn nach meiner Logik heißt es: Omne principium debet esse unicum, adaequatum et universale. Die Größe ohne Stärke scheint mir ein weit fruchtbarer Stamm zu sein; wenigstens ist mir noch nichts Lächerliches begegnet, wozu ich nicht den zureichenden Grund in diesem A gefunden. Ein Mann fällt zur Erde, und neben ihm stürzt ein Kind. Man lacht über den ersten, weil man seiner Größe Stärke genug zutraute, um sich vor dem Fall zu bewahren; letzteres im Gegenteil erweckt Mitleid. Mikromegas , dieses Ungeheuer in der übertriebenen Art, ist nicht lächerlich, weil er eine seiner Größe angemessene Stärke besitzt. Allein, die durch seine Gegenwart geschwächten Größen, die gedemütigten Alexander und Newtons, reizen zum Lachen. Gesetzt nun, daß dieser Begriff des Lächerlichen seine Richtigkeit habe, wie ich fast vermute, da im Gegensatz alles Ernsthafte stark und groß ist, und selbst die Wellenlinie der Schönheit sich sowenig als immer möglich von der geraden entfernt, mithin von der Stärke ihr wahres Ansehen empfängt, so ist eben meine Karikaturmalerei die höchste Vorstellung des Lächerlichen, indem ich die Gestalt vergrößere und die innere Seele oder Stärke dieser Gestalt aufs möglichste vermindere. Der mannhafte Ritter bei dem ersten Karikaturmaler, dem Cervantes, ist ein ausgehöhlter Körper, welcher Größe zeigt und Stärke lügt, und dennoch, nach dem Endurteil des St. Evremont, ist er der rechte Arzt schwermütiger Seelen. Seine bloße Miene, wie sie Picard und Coypel der Ewigkeit überliefert, hebt eine phlegmatische Lippe; und Ninon, dieses originale Mädchen, welchem die Laster zum Verdienst gerechnet wurden, sah den gefrornen Schaum, ich will sagen, die betrügerische Gestalt des Marquis von Sevigni, niemals ohne Lächeln; denn es war eine Größe ohne Stärke.

Ich glaube, daß der Helm des Ritters und mein Schwert im Anfange der Schöpfung nicht weit voneinander gelegen. Wenigstens hat mir die Stimme des Volks oder der Natur, worauf Molière und Pope das Urteil des guten Geschmacks in komischen Werken ankommen lassen, gar oft zu erkennen gegeben, daß meine bloße Figur ihr Zwerchfell erschüttert habe. Wenn ich also Könige, Philosophen, Dichter und Helden durch meine groteske Figur vorstelle, so müssen solche, nach den Regeln, so lächerlich als möglich werden; ihre Torheiten müssen Pausbacken und ihre Fehler Bocksfüße bekommen, um so recht im Vertrauen und mit aller Bequemlichkeit des Geistes besehen und belacht zu werden. Was ich aber billig als ein Geheimnis meiner Familie bewahren sollte, ist dieses, daß ich in allen meinen Ausbildungen den Anstand einer Dummheit behalte. Dieser Anstand oder das wahre Goffo, welches die Franzosen durch naif nur halb ausdrücken, schattiert alle meine Gemälde und rettet meinen Rücken. Ein Mann, der das Unglück hat, Verstand zu besitzen und solchen fein auszudrücken, wird allemal wohltun, fürstlicher Torheiten zu schonen. Und wenn ein andrer als Sancho dem Herrn Baccalaureus das Rätsel vom Esel aufgelöset hätte, so würde es ohne Empfindung nicht abgegangen sein. Alle meine Mitbrüder in der höhern Klasse des Komischen hingegen müssen diese Klugheit beobachten. Ich aber, mit dem Anstände meiner Einfalt, kann die höchsten und niedrigsten Fehler, solange ich keine Bosheit blicken lasse, kühn aufdecken, ohne die Empfindung des Getroffenen zu verbittern. Er wird sich schämen, sich von einem Narren beleidigt zu halten und doch das Seinige daraus nehmen; eben wie der Gelehrte das Lob eines kleinen Geistes verachtet und es doch heimlich mit zu seinem allgemeinen Beifall rechnet. Dumme Leute loben nach Empfindung, kluge nach Absichten; und im Zweifel muß man beides zu seinem Vorteil annehmen.

Ich weiß nicht, ob es mir allein oder andern auch vorkömmt: der Diener in der Livree, welcher seinen Herrn zum Narren hat, scheint mir nicht wohl ausgedacht zu sein. Gleichwohl ist in den übrigen komischen Vorstellungen dieser Diener gemeiniglich der Kontrolleur der Sitten. In meiner komischen Republik pflege ich eben dieses wichtige Amt selbst zu bekleiden. Allein das Auge des Zuschauers ist gewöhnt, meiner Figur dasjenige zu verzeihen, was dem Lakai mit allem Recht übelgenommen werden kann; und wenn ich Narr meinen Herrn zum Narren habe, so ist der Zuschauer damit zufrieden, daß ein Narr den andern plage. Dieses ist die Wirkung meiner scheinbaren Dummheit. Überhaupt ist die dumme List oder der Schein derselben unter allen Vorstellungen die lächerlichste. Denn es ist eine Größe des Vorsatzes ohne Stärke des Geistes; der Schlüssel zu allen komischen Heldengedichten. Die aufrichtige Freude des Scaramusche , da er diejenigen, welche ihn derbe geschlagen, um deswillen noch auslacht, daß er sie betrogen und durch seine von mir entlehnte Kleidung zu einem Irrtum in Ansehung der Person verführt habe, ist noch immer ein Meisterstück des Lächerlichen in dieser Art.

Meine Sprache, la goffosissima lingua bergamasca, ist der wahre Ton einer gewissen Einfalt. Und so wie der Capitano ein Neapolitaner, der Dottore ein Bologneser, Valerio ein Römer und Isabella eine Florentinerin sein muß, ebenso richtig ist es, daß Bergamo die einzige Gegend in der ganzen Welt sei, welche das vorzügliche Glück hat, selbst die Bühnen Ihrer Päpstlichen Heiligkeit mit einem Harlekin aus ihrem Schoße zu versorgen. Es soll sich zwar ein naher Verwandter von mir in Bayern oder im Östreichischen niedergelassen haben und eine Nichte der Isabella zu Leipzig befinden; ich weiß aber nicht, ob dermalen noch eheliche Kinder von ihnen daselbst vorhanden. Soviel ist jedoch gewiß, daß kein Niedersachse zum Harlekin geboren ist.

Doch es ist Zeit, daß ich zu einem wichtigern Gegenstande schreite. Meine Leser kennen nunmehr mein Geschlecht, meine Person, meinen Gemütscharakter, meine Art, die Sitten zu malen und die Gemüter zu erheitern. Allein, wie sieht es um die Ausführung aus? »Wie elend ist das Gemische der Harlekinaden? Ohne Wahl, ohne Ordnung, ohne Einheit, ohne Ton, ohne Absicht ... Niedrig kriechend, unanständig, possenhaft ... voller Zoten, liederlicher Anspielungen, ausgestopfter leerer Einfälle, ewiger Sprichwörter ... ist alles, was wir noch bisher von diesen so hochgerühmten Karikaturgemälden gesehen haben«, sagen meine unermüdeten Feinde, die Herren Kunstrichter. Die Natur, setzt Mylord Buckingham hinzu, hat allen Menschen ihr Anteil Torheiten zugeteilt und keinen Harlekin erschaffen, welcher sich mit der Last aller menschlichen Torheiten allein beladen sollte.

Allein mit Erlaubnis! wenn meine Leser noch nicht hungrig sind, so werden sie mich auch hören oder ihr Urteil so lange verschieben, bis sie gegessen haben. Denn ich beurkunde hiemit eigenhändig und öffentlich, daß alle Mißgeburten dieser Art, welche zwei Köpfe und mehrere nicht zusammenpassende Glieder haben, keineswegs von mir abstammen, wenn sie gleich unter meinem Namen die Welt durchstreichen und sich für Geld zur Schau stellen lassen. Solange es möglich ist, daß meine Stücke die Einheit der Handlung, des Orts und der Zeit ebenso gut wie andre behalten können – und dieses wird keiner der grotesken Malerei absprechen – solange es möglich ist, daß die grotesken Blößen eine sittsame Verhüllung leiden, und solange überhaupt die Natur der grotesken Malerei aller Vollkommenheit fähig ist, ebenso lange werden jene Einwürfe nicht mich, sondern diejenigen untergeschobenen Flüchtlinge treffen, welche mancher armselige Trauerspieler an Kindes Statt aufgenommen und in seine Heldengedichte gemischt hat. Hans Wurst der Dreizehnte, welcher mit Carl dem XII. die Bühne betritt, ist nie von meiner Familie gewesen, und ich gebiete hiemit allen meinen Nachkommen, sich bei Verlust meines väterlichen Segens alles Umganges mit demselben zu enthalten; ja, ich gehe in meinem Eifer so weit, daß ich hiemit alle diejenigen von meinen Enkeln enterbe, welche sich in einem weinerlichen Lustspiele oder statt der Musik zwischen den Auftritten des Trauerspiels gebrauchen lassen und verdenke es Molièren, daß er einige von meinen grotesken Figuren in seine Vorstellungen nach dem Leben gemischt und damit die Einheit seines Gemäldes verletzet hat. Der Sohn des Großtürken im Bourgeois gentilhomme, welchen er mir abgeborgt, steht in meinen Gemälden an seiner rechten Stelle, anstatt daß er in dem seinigen gar zu sehr absticht. Terenz hatte seinen Davus, der ungleiche Goldoni wählt in den Vorstellungen des täglichen Haushalts einen Trappola, Rivella, Truffaldino; aber nur alsdann erscheine ich mit Recht, wenn die ganze Schöpfung der Bühne grotesk ist. Der Kardinal Pallavicini hatte meine ganze Familie auf ein Kaminstück malen lassen, die Herren Scapin und Mezzetin stunden daneben, und jedermann bewunderte die Wahl des Gemäldes.

Doch ich muß den Herren Gelehrten gelehrt antworten und mit ihnen von der Einheit der Gemälde sprechen, wovon sie unter allen am wenigsten verstehen. Ich denke hier nicht an die Einheit der Zeit, des Orts und der Handlung, welche kein Meister in der Kunst verletzen wird; da man alles leicht in eine Haupthandlung flechten, die entferntesten Geschichten durch die Erdichtung in einem Zeitpunkt vereinigen, und ohne Verletzung der Regeln sich mit der beschwerlichsten Einheit des OrtsDie Einheit des Orts ist die beschwerlichste unter allen. Im Orest des Herrn von Voltaire stellt die Bühne den Strand des Meeres, ein Holz, einen Tempel, einen Palast, ein Grabmal zur Seite, und die Stadt Argos in der Ferne vor. In der Semiramis fängt die dritte Handlung im Kabinett an und endigt sich im Saale. Der Herr von Voltaire versteht unter der Einheit des Orts eine ganze Stadt, so daß eine Handlung im Kapitol anfangen und sich in einem Hause endigen kann. nach Art eines Voltaire vergleichen kann. Ich will auch von der weitläuftigen Einheit der Absicht, wodurch sich fast alle Gemische rechtfertigen lassen, nichts erwähnen. Denn wenn die Absicht eines Verfassers ist, alle Regeln zu verletzen, und er tut es auf eine glückliche Art, so ist sein Werk einig und vollkommen. Im RizcuansatEin komisches italiänisches Stück. sind alle mögliche Todesarten der tragischen Helden zusammengehäuft; im Pot de chambre cassé wechselt das Erhabenste mit dem Allerniedrigsten ab; im Quodlibet liegt die Karte beim Cubach. Eine Posse ist Witz ohne Stärke; wer diese Art des Witzes lächerlich machen will, dem erlaubt seine Absieht, solche Possen zu machen, wodurch er diesem Endzweck ein Genüge leistet. Dergleichen Mischmasch ist durch die Einheit der Absicht verbunden, ohne welche ihr Anblick unerträglich sein würde. Oft macht auch die Natur dergleichen Sprünge in ihren Gemälden; und wenn Jones, nachdem er gegen das Fräulein Western seine erhabenste Zärtlichkeit ausgekramt, gleich darauf mit der ersten Nymphe zu Bette geht, so entsteht daraus kein Fehler wider die vom Horaz angepriesene Einheit des Charakters; denn Fielding malte keinen Romanheld, sondern einen jungen Menschen, dessen Einheit aus einem nicht wunderbaren Gemische bestand.

Die Einheit des Tons, welchen in der Musik fast jeder kennet, und wodurch das Concerto der Stimmen, der Farben, der Stellungen, der Personen und kurz, aller zu einem Ganzen versammelten Teile erhalten wird, ist dasjenige, was dem Auge der Kenner nicht entwischt und zu der wesentlichen Schönheit des Ganzen gehört. Eine nackte Unschuld, welche dasjenige mit der Hand bedeckt, worüber ein Zephyr die braunen Locken streuen sollte, sündigt wider die Einheit des Tons. Wenn Corneille aus dem Heroischen ins Natürliche und Racine aus dem erhabenen Zärtlichen in die menschliche Sprache der Verliebten tritt, wenn Cupidos Glut- und Liebespfeile um Catos stille Größe schwärmen, wenn ein Deutscher das Wort Français in der Zaïre durch FranzosFransais hat im Französischen einen Adel, den es im Deutschen nicht hat und muß daher notwendig in der Zaïre durch Franke übersetzt werden, zumal da in der Türkei, wo die Handlung ist, alle Christen Franken heißen und die Deutschen das von dem Herrn von Voltaire so geschickt mit eingeflochtene Lob der französischen Nation entbehren können. übersetzt, wenn eine ungeschminkte Person bei Abend unter geschminkten auf der Bühne erscheint und solchergestalt den heutigen Cothurn ausziehet, wenn eine einzige Stimme auf der Bühne nicht in das Concerto der übrigen gehört, wenn eine Prinzessin nicht mit Anstand zürnet oder ein Hirt im Trauerspiel wie bei seiner Herde spricht, und was dergleichen Fälle mehr sind, wovon ich hier nur aus jeder Art einen angeführt habe: so fühlt jeder Kenner, daß der Mangel der Einheit des Tons das ganze Gemälde verstelle. Ein großer Meister drohet oft, aus einem Ton in einen ganz fremden überzugehen; allein er besitzt die Kunst, auch das Widrige zu vereinigen und den Gedanken in einem Largo zu heben, welcher in einem Menuett geschmeidiger und freudiger den geschwinden Händen entschlüpfte. Ein Maler dämpft die verwegensten Farben nach dem allgemeinen Schatten seines Stücks; er bringt einen Hund in Salomons Opferung, setzt ihn aber in eine solche Entfernung und legt ihm ein solches Erstaunen und so viel Ehrfurcht in die Augen, daß man fast glauben muß, er gehöre mit dazu. Ein Savarey zwingt Löwen und Lämmer zu dem Sitze des Orpheus; und die Macht der Musik erschafft in ihren Augen Entzückung und Frieden. Ja ich kenne einen Trauerspieler, welcher alle seine Prinzessinnen erst nach der Flöte stimmt, um das Concerto zu erhalten und die Töne der Wörter unter einen Schlüssel zu bringen.

Die Haupteinheit des Stücks, welche Corneille sehr oft einer kühnern Schönheit aufgeopfert, Voltaire aber niemals verletzt, begreift in ihrem weitesten Umfange und so weit das feineste Gefühl derselben reicht, nicht das mindeste, was nicht in meinen Gemälden beobachtet werden könnte. Ich gerate in eine Art von Entzückung, wenn ich die Harmonie meiner grotesken Schöpfung betrachte. Ich, als die Hauptperson, zeige mich immer mit einem mir eigenen Anstand in der besten Stelle und sättige das begierige Auge mit lachenden Freuden. Alle meine Mitspieler folgen stufenweise nach mir; und unter denselben findet sich keine einzelne abstechende Schönheit, welche die Aufmerksamkeit auf das Ganze unterbräche oder für andre um Verzeihung flehte.

Durch mich erhält das ganze Gemälde Leben, und man sieht, daß das Dasein der andern von mir, als dem Hauptwesen, abhängt. Die verschiedenen Arten des Lächerlichen schwellen in ihrer Ordnung zu einer vollendeten Karikatur, und die Abstiche sind durch den allgemeinen Schatten zur Genüge gedämpft. Die Herren Mezzetin, Scapin, Trivelin bilden ganz unterschiedene Abfälle des Lächerlichen, ohne MißteileDa man im Deutschen Mißtöne und Mißfarben hat, so glaube ich auch Mißteile, welche das eigentlich Disparate veranlassen, sagen zu können. zu veranlassen; meine Colombine, mein Capitano, mein Dottore vermehren den grotesken Kontrast; ein jedes von meinen Lazzis gibt eine passende Gruppe ab, und kurz, die allgemeine Einheit des Tons fehlt meinen Gemälden nicht.

Was die Wahl meiner Stücke betrifft, so sind zwar sehr viele darunter, welche zu den Einfädelungen, pièces à tiroir, gehören. Allein, ich bin ernstlich noch nicht überzeugt, daß solche, in meiner Art ganz verwerflich sind, indem doch jede theatralische Geschichte im Grunde nur ein Fuhrwerk ist, um seine Lehren und Einfälle zu Markte zu bringen. Gesetzt aber, daß diese Art komischer Vorstellungen nicht nach den aristotelischen Regeln wären, so sehe ich doch nicht ein, warum ich nicht gleichwohl ein paar groteske Geschöpfe verheiraten und damit nach dem Beispiel meiner Mitbrüder die Einheit der Handlung erhalten könnte.

Die Possen, die Anspielungen, die Zweideutigkeiten sind Behelfe solcher Bettler, welche unter meinem Namen die ehrbare Welt hintergehen und zugleich einen Beweis abgeben, wieviel ich mir von dem Zuschauer versprechen könne, wenn derselbe sogar dergleichen Aftergeburten seines Gelächters würdigt. Ich und alles, was von unserer Familie ist, wird sich aber nie einen solchen Vorwurf zuschulden kommen lassen. Es gehen mithin alle obige Anklagen nur wider diejenigen, welche als Gespenster in meiner Gestalt erscheinen.

Wenn dieses aber auch nicht wäre, so glaube ich doch, daß die Art der grotesken Malerei, da solche eine beständige Ausschweifung ist, mehrere Freiheiten als andre komische Stücke habe. Dryden, um das Feld derselben zu erweitern, tadelt, wiewohl mit Unrecht, einen Racine ,daß er seine Roxane in dem Tone des Stücks rasen ließe und dadurch eine Monotonie verursachte. Seiner Meinung nach wäre die Natur der Leidenschaften überall einerlei. Der Wohlstand fiele in den großen Bewegungen weg, und eine rasende Königin oder ein rasendes Heringsweib wären sich in diesem Augenblicke beide gleich; der Dichter müsse die Natur malen, wie sie wäre; so wäre die Ophelie im Hamlet geraten. Und nach diesen Grundsätzen schimpfen Drydens Octavia und Kleopatra trotz einer Prinzessin vom Holzmarkte. Er rechtfertiget dieses mit dem Exempel des Achilles, welcher in seinem Zorn einem erhitzten Packenträger nichts nachgäbe.

Nun leugne ich zwar nicht, daß der allgemeine Ton des Stücks den Kontrast beschwerlicher mache und deswegen die Hand eines Meisters erfordre, damit aus der Symphonie keine Monotonie werde; ich leugne nicht, daß der großmütige Stolz eines Gusman, der großmütige Haß eines Zamore, die großmütige Liebe einer Alzire, die großmütige Dankbarkeit eines Alvarez, da alle Personen in die genaueste Einheit des Tons gestimmt sind, einen langweiligen Gleichlaut erwecken könne. Allein um deswillen, daß ein kleinerer Geist als Voltaire Fehler begehen könnte, halte ich Dryden nicht berechtigt, die Einheit des Tons zu verwerfen. Die Erziehung dämpfet alle Leidenschaften zu einem eignen Wohlstande, und eine Königin wird immer erhabner als eine Bäuerin schimpfen. Die Schaubühne im Trauerspiel ist der Hofsaal; und wer darin den Zutritt hat, von dem wird Anstand, diese Wölkung aller Handlungen, in seinen heftigsten Ausschweifungen vermutet. Zur Zeit Homers war der Vorsaal eines Königes mehr gemischt, und Prinz Telemach lebte mit dem Kuhhirten vertraut.

Überhaupt aber zeugt es von der Größe des Meisters, der immer die Gerichtsbarkeit seiner Kunst erweitert, wenn er alle mögliche Gegenstände in den allgemeinen Gesichtspunkt seines Stücks bringen und einen Eierkuchen so heben kann, daß er in einem ernsthaften Heldengedichte kein Mißteil wird. Dieses sind Meisterzüge; und man gebe Graun alle dem Anschein nach widrige Töne; durch seine Geschicklichkeit wird er sie alle vereinigen und in einen Hauptton auflösen.

Inzwischen hätte ich doch Lust, mir für meine Wenigkeit die Anmerkung des Dryden zunutze zu machen. Denn die groteske Malerei ist dem Sonderbaren günstig; und ein prächtiger König, wenn ich ihn, wie der Maler den Hund zur Opferung, schildere, kann unmöglich zu einem solchen Mißteil in meinen Gemälden werden als der Arzt im Sejan des Ben-Johnsons; weil sein Pinsel an weit strengere Regeln als der meinige gebunden ist. Bei mir kann ein Mischmasch verschiedener Naturen zur Not ein groteskes Quodlibet heißen und in solcher Art mit durchwischen. Der goût baroc erfordert zu seiner Vollkommenheit unähnliche Teile. BerrinFreron, Lett. 1. Tom. I., schreibt diesem seinem Landsmann, wie die Franzosen gern tun, die Erfindung dieser Art Grotesken zu. Ich sehe aber nicht, warum? da die Einbildung der Dichter und Romänchenschreiber längst mit dergleichen Geschöpfen angefüllet gewesen. hat vor vierzig Jahren sogar zwei- und dreiköpfige Grotesken, geschwänzte und geflügelte Drachen erfunden, gezeichnet und in Mode gebracht. Garth in seinem Dispensary fällt oft ohne Mittel aus einem Ton in den andern; und vielleicht ist Pope in seinem Lockenraube, wenn er aus dem Komischen in das bloß Satyrische übergeht, von diesem Fehler nicht so frei als Boileau im Pult. Allein, eben die Freiheiten der komischen und grotesken Malerei kommen ihnen einigermaßen zustatten. Man würde es aber einem Klopstock nicht verzeihen, wenn er die Liebe der Cidli nur um ein weniges natürlicher gemacht hätte.

Ich könnte hieraus die Folge ziehen, daß die Vermischung unterschiedener Arten in meinen grotesken Gemälden nicht so strenge als in andern verboten wäre. Allein, ich will in meinem Satze wie der Divan beharren und behaupten, daß meine Vorstellungen ihrer eigenen Regeln und Vollkommenheiten ebenso fähig sind als andre Lustspiele, und daß diejenigen von Michelangelo della scopaMichelangelo della ruota war der bekannte große Maler; und die Italiäner nennen einen Pfuscher Michelangelo della scopa. sind, welche solche nicht besitzen.

In den alten Zeiten erschienen alle Schauspieler verlarvt auf der Bühne, und so herrschte auch in der Wahl der Kleidung eine gewisse Einheit, weil alle Larven komisch waren. Man vermied dadurch einen entbehrlichen Vertrauten, welchem die Prinzessin oft nur weiter nichts als ihren Namen zu sagen hat, um sich den Zuschauern bekannt zu machen. Der Charakter eines jeden Schauspielers zeigte sich gleich in seiner Maske.Eigentlich gewannen sie dadurch eben das, was man in der Fabel durch die Einführung eines Tiers von bestimmtem Charakter gewinnt. Sobald man den Fuchs oder den Hasen nennt, so bedarf es keiner weitern Charakterisierung; und sobald man die alten Larven sah, hatte man einen völlig intuitiven Begriff von der handelnden Person. Die Italiäner und Franzosen agieren mehrenteils mit stehenden Figuren. Arist, Lisette, Isabelle sind stehende Namen, wie Harlekin, Colombine, der Capitano und der Dottore; und sobald sie nur genannt oder gesehen werden, kennt man auch ihren Hauptcharakter. Wir Deutsche hingegen erfinden mehrenteils zu jeder Komödie neue Namen, und verlieren dadurch jenen in der Tat wichtigen Vorteil. Die Namen der ganzen heidnischen Mythologie geben intuitive Begriffe, und dies ist die Ursache, daß wir sie allezeit behalten werden. Meine Colombine aber, welche gern ihr schönes Gesicht zeigen wollte, verließ zuerst diese löbliche Gewohnheit; der Dottore glaubte auch in seiner langen Perücke, wie ein Minister mit dem Fernglase, kennbar genug zu sein, und der Capitano berief sich auf seine stürmende Miene. Nur ich, obschon alle von meiner Familie sich durch ein gewisses Weiße im Auge von andern Menschen unterscheiden, die Herrn Scapin, Mezzetin, Trivelin haben unsre Masken behalten, weil wir so unterschiedene Arten des Lächerlichen ausbilden, welche dem Zuschauer nur durch Hülfe der Malerei ausgedrückt werden können. Mir sieht jeder die gute lächerliche Dummheit an, Herr Scapin ist spitzfindig, Mezzetin höhnisch, Trivelin grämlich, Pierrot bäurisch-lächerlich. Dieser auf der Bühne ohne eine Reihe charakterisierender Handlungen einem jeden Zuschauer nicht wohl anders zu entdeckende Kontrast wird durch unsre Masken, Kleidungen, Stellungen, Gebärden und Lazzi unterstützt, und die ganze Menge sieht, kennt und belacht uns in demselben Augenblicke. Die Beschuldigung des Mylord Buckingham ist also ungegründet, indem wir die Torheiten des menschlichen Geschlechts ziemlich verteilen und einzelne nicht mehr übernehmen als MylordGeorg Villiers, Herzog von Buckingham, Verfasser des Lustspiels The Rehearsal, war ein Staatsminister, Goldmacher und Narr, wie Pope in seinem Briefe an Allen Lord Bathurst sagt. Dryden schildert ihn ebenso unter dem Namen Zimri. selbst getragen hat. Allenfalls aber sehe ich nicht ein, warum die Narren in der chimärischen Schöpfung nicht ebensogut ihre eigne Natur haben sollten, wie ihre Urbilder in der wirklichen.

Wenn ich sehr genau gehen wollte, so würde ich mich gar von dem Herrn Scapin, Mezzetin und Trivelin trennen. Denn auch selbst meine Art der komischen Malerei läßt sich in mehrere Zweige verteilen. Die Franzosen, welche die Arten der Torheiten am besten bearbeitet haben, fühlen den mächtigen Unterschied zwischen Bouffon, Burleske und Poissard. Der Verfasser des Philobouffi hat sogar ein Heroique poissard erfunden; und Scapin sowohl als Mezzetin sind eigentlich Geschöpfe aus dem Poissardengeschlechte, worin lächerliche Größen dem höhnischen Auge des stolzen Weltweisen gemalet werden.

Der Abt Le Blanc,Lettres sur les Anglois. T. III. welcher England, wie ein Reisender die Provinzen, nach dem ersten schlechten Wirtshause beurteilt, verfällt in diese Art der Beschuldigungen bei Gays Bettlers-Oper und Wicherleys Stücken und wundert sich, daß ehrliche Leute in Gesellschaft der Bettler und Straßenräuber ein Vergnügen finden können. Mich wundert es aber noch mehr, daß heilige Männer eine gemalte Hölle und die verschiedenen Ausdrücke der Raserei, des Schreckens und des Jammers mit vergnügter Aufmerksamkeit überschauen können. Ein König steigt zu seiner Erquickung gar gern von seinem Thron herunter, und jedermann findet eine Art des Vergnügens, bisweilen aus seiner Laufbahn zu schweifen. Man betritt mit dem Gil-Blas des Le Sage und der Amalie des Fielding ganz gern die niedrigsten Stufen des menschlichen Lebens, findet sich dort oft als in seiner Heimat und erholet sich von den prächtigen Geschichten, womit uns die Erdichtung in einem regelmäßigen Tone unterhalten. Das Leben großer Herren ist ein beständiger Roman. Sie sehen das wahre gemeine Leben nie, es sei denn auf der Bühne. Hier kann ein Bauer auftreten, ohne des Oberhofmarschalls Erlaubnis zu haben.

Doch ich sehe, daß mich der Unwille aus meiner Gemütsfassung gebracht und zu einem Ernst verleitet habe, welchen ich in meinem Leben nur einmal empfunden. Dies war in meiner zartesten Jugend, wie mich mein Vater mit Schlägen zum Grotesken abrichtete, ich auf die Bühne lief und die Zuschauer mit Tränen bat, nur ein einzigmal zu lachen, damit mein Vater besänftigt würde. Seitdem hat meine Einbildung allen sterblichen Wesen ein Paar Hörner oder lange Ohren zugesetzt, um allemal in einer grotesken Welt zu leben.

Es geschieht niemals ohne Ehrfurcht, daß ich an die Apologie der französischen Geistlichkeit denke, wodurch sie die Gewohnheit der jährlichen Narrenfeste gegen das bischöfliche Verbot vom 12. März 1444 zu rechtfertigen sich bemühte.Dict. Encycl. unter dem Worte: Fètes des foux. On élisoit dans les Eglises Cathédrales un Evêque ou un Archevêque des foux, et son élection étoit confirmée par beaucoup de bouffonneries, qui servoient de sacre. Cet Evêque élû officioit pontificalement et donnoit la bénédiction solemnelle au peuple, devant lequel il portoit la mitre, la crosse et même la croix. Dans les églises, qui relevoient immédiatement du Pape, on élisoit un Pape des fous, auquel on accordoit les ornemens de la Papauté, afin qu'il put agir et officier solemnellement comme le Saint-Pére. Des Pontifes de cette espece étoient accompagnés d'un clergé aussi licentieux. Tous assistoient ce jour là au service divin en habits de mascarade et comédie. Dieses war die heilige und stille Ergötzung. Der Verfasser des Artikels setzt hinzu, daß er noch das Ärgerlichste ausgelassen habe. Die Torheit, heißt es in diesem ernsthaften Werke, ist dem Menschen gleichsam angeboren und gewinnt durch diese sanfte und heilige Ergötzung jährlich nur einmal ihren Ausbruch. Frische Weine sprengen das Faß, wenn man ihnen nicht das Spundloch öffnet. Es sei ferne von mir, daß ich eine solche abscheuliche Gewohnheit, wie das Narrenfest war, billigen sollte. Allein der Grund der Verteidigung ist wahrlich aus der menschlichen Natur genommen, und ich fühle in mir selbst, daß die Freude ein Bedürfnis unserer Seelen und der Trieb dazu ebenso gegründet wie der zum Trinken sei. Die weisesten Männer erwarten bei einer kleinen komischen Erzählung mit Ungeduld den Schluß zum Lachen; die Geistlichkeit verlangt ihre fêtes des fous, und die Weltlichen sind sehr zufrieden, wenn ich ihnen eine freie Gelegenheit dazu verschaffe. So ist es jederzeit gewesen; nur der Geschmack ist feiner geworden. In allen Heldengedichten wird eine Liebesgeschichte angebracht; Dido und Henriette d'Etrees sind aber ganz anders wie Aurencide, Dame Polinarde und die Heldin von Hug und Wolf Dietrich.Meine Leser werden die beiden ersten kennen. Aurencide, die Schwester des Sultans von Persien, schildert sich ihrem Liebhaber folgendergestalt: Regarde s'il y a quelque vice dans mon corps. Mon poil n'est ni dur ni brun, mon teint ni obscur ni roux, ma chair encore moms rude ni salle. Je crois que le tetin ne' te semblera mal, ni L'un trop proche de L'autre, le ventre n'est ni ridé ni fletry, les bras sont charnus et le cuisses bien rondes ... S. l'Histoire de Palmerin d'Olive, ch. 126. Dame Polinarde ließ ihren Palmerin mit der Strickleiter ins Fenster und erzählte ihm einen Traum, der sehr schwer zu erfüllen war.

Die Schöne des Hug und Wolf Dietrichs
Die täte sich aufdecken
Die Jungfrau überall ...
Da ward dem Helden reine
Gar teuflichen stahn.

S. das Heldenbuch im andern Teil, p. 123.
Der Anfang jeder Wissenschaft ist allemal unvollkommen und mit sehr groben Fehlern gezeichnet gewesen. Wenn denn aber endlich aus den Liebesepisoden eine erhabene Cidli entstanden, warum sollte nicht auch noch die groteske Sittenmalerei zu ihrer Vollkommenheit reifen? Und was kann unsre Feinde bewegen, die Beschuldigungen gegen mich zu wiederholen, welche seit undenklichen Jahren nur einen Hanswurst getroffen haben? Das Gassenlied war im Anfange eine gereimte Zote. Nachher hat es ein französischer Prinz zu seiner glücklichsten Beschäftigung gemacht, bis es endlich die Ehre gehabt, ein ordentliches Lehrgedicht zu erwecken.Le Vaudeville, poème didactique de Mr. Sédaine.

Dem sei aber wie ihm wolle, so erweckt die allgemeine Übereinstimmung, worauf Hume die Vielgötterei und andere den Gegensatz gegründet, eine rechtliche Vermutung für mich. Ich sehe meinen philosophischen Hörsaal niemals leer, und der selige Herr von Hagedorn, welcher in seinen Ansprüchen auf die Freude so unbillig war, daß er von jedem gedruckten Werke wenigstens einen guten Gedanken forderte, versäumte solches selten. Er lachte, wie andre lachen, und antwortete dem spitzmündigen Tadler nicht, welcher sich nach der Ursache seines Lachens erkundigte. Ihm war es genug, diese Wohltat ungekitzelt zu genießen und seine Augen aufzuklären, wenn sie von vielem Lesen erstarrt waren. Er dachte wie van Effen:

Eh bien soit, voyons l'Opera!
De l'humeur, dont je suis, tout me divertira.

Die größte und wichtigste Wahrheit ist diese: daß jeder Mensch wechselsweise klug und närrisch ist. Das Mehrere und Wenigere in diesem Gemische entscheidet sein Lob. Der große Staatsminister, welcher den Friedensschluß mit Spanien auf dem geheimsten Teile seiner Geliebten unterschrieb, beförderte nichtsdestoweniger das Wohl Europens. Ich in meiner Wenigkeit fordre nur eine Stunde aus dem Tage des Weisen. Ich lasse ihm also noch dreiundzwanzig zu seinen übrigen Beschäftigungen; und derjenige ist wahrlich weise, der nur eine Stunde, nicht verliert, sondern zu seiner nötigen Ermunterung anwendet. Der Ausspruch strenger Sittenlehrer schreckt mich nicht. Diese mögen immerhin die Kastraten vom Fegefeuer freisprechen und die schönen Sängerinnen dort ihre verlornen Stunden nachholen lassen; ich werde dennoch das Glück der erstern nicht beneiden und hoffentlich mit meiner Arbeit für das allgemeine Vergnügen die Strafe der letztern nicht verdienen.

Meine Leser werden mir erlauben, hier Abschied zu nehmen, weil es nach ihrer Uhr gerade eine Stunde sein wird, daß ich ihre wichtigen Beschäftigungen unterbrochen habe.

Über die deutsche Sprache und Literatur

Schreiben an einen Freund

Edler lieber Freund!

Es liegt völlig in dem großen Plane Ihres Königs, daß er nun auch einen Blick auf unsre deutsche Literatur geworfen hat. Nachdem er sich an die vierzig Jahre damit beschäftiget, seinem Staatskörper Stärke und Fertigkeiten zu geben und ihn gelehrt hatte, die größten Bewegungen mit der leichtesten Mühe zu machen, so wagte er es, in seinem Werke über die VaterlandsliebeLettres sur l'amour de la patrie, ou correspondance d'Anapistémon et de Philopatros, am Ende des J. 1779. dieser Maschine ein Herz und eine Seele zu geben; und wie diese Schöpfung vorüber ist, kömmt er nun endlich auch zu den Wissenschaften, welche den Putz dieses zu allen Verrichtungen fähigen Körpers besorgen sollen. Andere Fürsten haben mit den letztern, weil sie mehr in die Augen spielen, angefangen oder, wo sie sich zuerst mit der Organisation ihres Staats befasset haben, diese so geschwind und gewaltsam betrieben, daß die besten Hebel darüber zersprungen sind. Er aber, ungeachtet er früh die Musen liebte und von ihnen wiedergeliebt wurde, hat sich als ein weiser Hausvater lange bei dem Notwendigen und Nützlichen verweilet und den Putz nicht eher seiner Aufmerksamkeit wertgeschätzt, als es die natürliche Ordnung erforderte.

Allein, dieses scheint mir nicht in seinem Plane zu liegen, daß wir bei den Griechen, Lateinern und Franzosen zu Markte gehen und dasjenige von Fremden borgen oder kaufen sollen, was wir selbst daheim haben können. Hier vermisse ich den Hausvater; und Sie haben, meiner Meinung nach, Recht zu fragen: ob wir nicht selbst unsre Eichen also ziehen können, daß sie den härtesten, höchsten und reinsten Stamm geben, ihre Krone hoch empor tragen, und sowenig in den Ästen sohren, als von Moose bekümmert werden; oder ob wir solche von einem französischen Kunstgärtner zustutzen und aufschnitzeln und unsre Wälder in einen regulairen Sternbusch verwandeln lassen sollen? Mit andern Worten: ob wir nicht besser tun, unsre Götze von Berlichingen, so wie es die Zeit bringen wird, zu der ihrer Natur eignen Vollkommenheit aufzuziehen, als ganz zu verwerfen oder sie mit allen Schönheiten einer fremden Nation zu verzieren?

Indes bleibt es doch noch immer eine wichtige Frage, ob wir wirklich eigne Gewächse haben, die eine Kultur verdienen, und ob unsre Art der Kultur der fremden vorzuziehen sei? Hieran hat der König natürlicherweise gezweifelt, weil er sonst ganz gewiß das Einheimische dem Auswärtigen vorgezogen haben würde; und hier bin ich in der Tat verlegner als Sie wohl glauben, ungeachtet ich die veredelten Stauden unsers Bodens, welche JerusalemIn seinem Bericht über die deutsche Sprache und Literatur. dem Könige vorzählt, mehr als einmal vor mir aufgestellet und betrachtet habe.

Unsre Empfindungen sind das erste von allem; ihnen haben wir Gedanken und Ausdruck zu danken. Große Empfindungen aber können allein von großen Begebenheiten entstehen; die Gefahr macht Helden, und der Ozean hat tausend Waghälse ehe das feste Land einen hat. Es müssen große Schwierigkeiten zu überwinden sein, wo große Empfindungen und Unternehmungen aus unserer Seele emporschießen sollen; und diese Überwindung muß der Ehre, der Liebe, der Rache und andern großen Leidenschaften durchaus notwendig sein, oder der Geist hebt sich nicht aus seinem gewöhnlichen Stande, die Seele umfaßt keine große Sphäre, und der Mensch bleibt das ordinaire Geschöpf, was wir täglich sehen und nach unsern gemeinen Regeln zu sehen wünschen. Dergleichen große Gelegenheiten, wo Schwierigkeiten zu übersteigen sind, finden sich aber bei uns Deutschen nicht. Der Staat geht unter der Wache stehender Heere maschinenmäßig seinen Gang; wir suchen die Ehre fast bloß im Dienste oder in der Gelehrsamkeit und nicht in Erreichung des höchsten Zwecks von beiden; unsre Schönen stimmen leichter zu ordentlichen als heroischen Empfindungen; und der Zweikampf, der sich immer noch glücklicherweise erhält, versöhnet den Rächer und wehret der meuchelmörderischen Wollust, welche die Rache erfinderisch und begeistert macht. Oder wo sich ja eine große Begebenheit, die das menschliche Geschlecht interessiert, zeigt, so wirkt sie auf uns so stark nicht wie auf andere Nationen. Die Geschichte des Müllers Arnold würde in Frankreich alle Parlamenter und in England alle Parteien, die für und wider den König sind, in Bewegung gesetzt haben. Aber in Deutschland hat man sie sich als eine frohe Neuigkeit erzählet; keiner hat die Gefahr laut gerüget, welche dem Staate bevorsteht, worin die Rechtssachen im Kabinett untersuchet und entschieden werden; und nicht einmal ein Schmeichler hat es gewagt zu sagen, daß es ein dem Könige zum ersten und einzigen Male entschlüpfter Donnerkeil sei, der aber, indem er eine große Veränderung in der Justizverwaltung nach sich gezogen, einen Fels gespalten und eine Goldmine bloßgeleget habe.

Unsre Empfindungen sind nicht zu der feinen Rachsucht gestimmt, welche in Lessings Emilie tönt; und wir haben höchstens nur Vaterstädte und ein gelehrtes Vaterland, was wir als Bürger oder als Gelehrte lieben. Für die Erhaltung des deutschen Reichssystems stürzt sich bei uns kein Curtius in den Abgrund.

Wenn wir aber so wenig große Begebenheiten haben, als mit der gehörigen Lebhaftigkeit empfinden, wie wollen wir denn zu der Höhe der Gedanken und des Ausdrucks gelangen, welche andre Nationen auszeichnet? Kann die schlaffe Seele eben das, was die hochgespannte wirken? Und müssen wir nicht, da wir kein einziges großes Interesse weder im Staate noch in der Liebe haben, bei unserm beständig kalten Blute vor dem Wagstück schaudern, das dem Manne auf dem Ozean keine einzige Überlegung kostet? O, es war ein großer Gedanke von Mengs: »Raphael kann in der Kunst übertroffen werden, aber keiner wird wie Raphael empfinden«; und nach demselben sage ich: einige Deutsche können vielleicht dem Italiäner an Feinheit, dem Spanier an Edelmut, dem Engländer an Freiheitsstolz, was die Kunst oder den Ausdruck angeht, gleichkommen; aber, im allgemeinen geredet, wird keiner von ihnen das wahre feine Gefühl des Italiäners, keiner die edle Liebe des Spaniers, keiner die Begeisterung für Freiheit und Eigentum eines Engländers damit verbinden; keiner wird in allem so wahr empfinden, denken, harren, schwärmen oder rasen als die Nationen, welche durch wirkliche Umstände genötiget werden, ihre höchste Empfindung hervorzupressen und auszudrücken; und ohne Wahrheit ist keine vollkommene Größe, sowenig in der Musik als in der Malerei und in andern schönen Wissenschaften. Mit derselben aber sind auch die Concetti unterweilen erträglich.

Ebenso denke ich von den Franzosen, die (wie die Deutschen) alle Töne zum Teil glücklich versuchen, aber nie wahre Engländer an Größe, nie wahre Italiäner an Feinheit und nie wahre Spanier in hoher Liebe werden; bloß in der Vaterlandsliebe haben sie vor uns natürliche Vorteile und Vorzüge. So wie die ersten beiden Nationen auf der Landkarte zwischen den andern liegen, so liegen sie auch auf der Karte der Empfindungen; und beide sind nur in ihrer Manier, wie sie sich jenen äußersten Nationen in der Sphäre der Empfindung nähern, unterschieden, der Franzose mit einem leichten, der Deutsche mit einem gemessenen Schritte. Der erste geht auf dem Wege zur Verschönerung, der andre auf dem zur Richtigkeit über die Grenzen der großen Empfindungen hinaus, die bloß wahr ausgedrückt und so wenig verschönert, als in jeder einzelnen Partie mit einer kleinlichen Genauigkeit vorgetragen sein wollen.

Jedoch dieses beiseite und immer vorausgesetzt, daß unser Klima so gut als andre seine eignen Früchte habe, die zu unsern Bedürfnissen wie zu unserm Vergnügen vorzüglich bestimmet sind, so dünkt mich, daß wir allemal am sichersten handeln, solche so gut als möglich zu erzielen; und wenn wir diesen Zweck erhalten, so müssen sie auch in dieser Art schön und groß werden; denn alles in der Welt ist doch nur relativ schön und groß, und die Eichel geht in ihrem Rechte vor der Olive. Das von dem Könige so sehr heruntergesetzte Stück Götz von Berlichingen ist immer ein edles und schönes Produkt unsers Bodens; es hat recht vielen geschmeckt, und ich sehe nicht ab, warum wir dergleichen nicht ferner ziehen sollen; die höchste Vollkommenheit wird vielleicht durch längere Kultur kommen. Alles, was der König daran auszusetzen hat, besteht darin, daß es eine Frucht sei, die ihm den Gaumen zusammengezogen habe und welche er auf seiner Tafel nicht verlange. Aber das entscheidet ihren Wert noch nicht. Der Zungen, welche an Ananas gewöhnt sind, wird hoffentlich in unserm Vaterlande eine geringe Zahl sein; und wenn von einem Volksstücke die Rede ist, so muß man den Geschmack der Hofleute beiseite setzen. Der beste Gesang für unsre Nation ist unstreitig ein Bardit, der sie zur Verteidigung ihres Vaterlandes in die Schlacht singt; der beste Tanz, der sie auf die Batterie führt, und das beste Schauspiel, was ihnen hohen Mut gibt; nicht aber, was dem schwachen Ausschusse des Menschengeschlechts seine leeren Stunden vertreibt oder das Herz einer Hofdame schmelzen macht. Jenes ist gewiß der Vorteil, den der König von allen schönen Wissenschaften fordert und welchen Sulzer als den einzigen und würdigsten von ihnen betrachtete; es ist der Vorteil, den Gleim in den Liedern des preußischen Grenadiers so glücklich erreichte; und ich glaube, daß es der einzige wahre sei, den man für ein Volk, wie das deutsche ist, suchen müsse. Der entnervende Gesang, der wollüstige Tanz und die entzückenden oder bezaubernden Vorstellungen mögen Völkern gefallen, denen sie besser als uns dienen und bekommen; in denen aber auch der König nicht die Härte, nicht die Dauer und nicht das Herz seiner Grenadiere finden wird. Hier kann ich es auf den Ausspruch seines eigenen Ministers, des Herrn von Hertzberg, ankommen lassen.

Die wahre Ursache, warum Deutschland nach den Zeiten der Minnesinger wieder versunken oder so lange in der Kultur seiner Sprache und der schönen Wissenschaften überhaupt zurückgeblieben ist, scheinet mir hauptsächlich darin zu liegen, daß wir immer von lateinisch gelehrten Männern erzogen sind, die unsre einheimischen Früchte verachteten und lieber italiänische oder französische von mittelmäßiger Güte ziehen, als deutsche Art und Kunst zur Vollkommenheit bringen wollten; ohne zu bedenken, daß wir auf diese Weise nichts hervorbringen könnten, was jenen gefallen und uns Ehre bringen würde.

Sie zogen Zwergbäume und Spalierbäume und allerlei schöne Krüppel, die wir mit Strohmatten wider den Frost bedecken, mit Mauern an die Sonne zwingen oder mit kostbaren Treibhäusern beim Leben erhalten mußten. Und einige unter uns waren töricht genug zu glauben, daß wir diese unsre halbreifen Früchte den Fremden, bei denen sie ursprünglich zu Hause sind, als Seltenheiten zuschicken könnten; sie waren stolz genug, zu denken, daß die Italiäner mit uns in unsern in feuchter Luft gebaueten Grotten schaudern würden; sie, die Geßners Schäferhütte allen unsern Kostbarkeiten von dieser Art vorziehen.

Schön und groß aber können unsre Produkte werden, wenn wir auf den Gründen fortbauen, welche Klopstock, Goethe, Bürger und andere Neuere geleget haben. Alle können zwar noch in der Wahl der Früchte, welche sie zu bauen versucht, gefehlt und das Gewählte nicht zur höchsten Vollkommenheit gebracht haben. Aber ihr Zweck ist die Veredlung einheimischer Produkte; und dieser verdient den dankbarsten Beifall der Nation, so wie er ihn auch wirklich erhielt, ehe diese in ihrem herzlichen Genusse von den alten verwöhnten Liebhabern der auswärtigen Schönheiten gestöret und durch den Ton der Herrn und Damen, die eine Pariser Pastete dem besten Stücke Rindfleisch vorziehen, stutzig gemacht wurden.

Goethens Absicht in seinem Götz von Berlichingen war gewiß, uns eine Sammlung von Gemälden aus dem National-Leben unsrer Vorfahren zu geben und uns zu zeigen, was wir hätten und was wir könnten, wenn wir einmal der artigen Kammerjungfern und der witzigen Bedienten auf der französisch-deutschen Bühne müde wären und, wie billig, Veränderung suchten. Leicht hätte er dieser seiner Sammlung mit Hülfe einer nun fast zum Ekel gebrauchten Liebesgeschichte das Verdienst der drei Einheiten geben und sie in eine Handlung flechten können, die sich angefangen, verwickelt und aufgelöset hätte, wenn er aus dem einen Stücke drei gemacht und diejenigen Gemälde zusammengeordnet hätte, welche sich zu jeder Handlung schickten und sich mit Zeit und Ort vertrugen. Allein, er wollte jetzt einzelne Partien malen; und diese stehen zusammen wie die Gemälde vieler großen Landschaftsmaler, ohne daß die Galerie, worin sie sich befinden, gerade eine Epopöe ist.

Daneben sollten diese Partien wahre einheimische Volksstücke sein; er wählte dazu ritterliche, ländliche und bürgerliche Handlungen einer Zeit, worin die Nation noch Original war und der alte Ritter den jungen, wie der alte Kanzler den jungen Kanzler, ohne fremde gelehrte Hülfe erzogen hatte. Und da ihm gewiß niemand vorwerfen kann, daß er unrichtig gezeichnet, das Kolorit vernachlässiget oder wider das Costume gefehlet habe, so behandelt man ihn wider seine Absicht, wenn man ihn darum verdammt, daß er nicht bloß für den Hof gearbeitet und keine Epopöe oder kein regulaires Ganze geliefert hat. Die Wahl seiner Partien würde auch immer gut geblieben sein, wenn es einige seiner Nachfolger, die alle sieben Theater von Neapel, welche für sieben unterschiedne Klassen der Nation eröffnet werden, in ein einziges zusammenziehen und Hofleute und Lazzaroni mit einerlei Kost vergnügen wollten, nicht gar zu bunt gemacht hätten. Hieran aber ist Goethe unschuldig, ob er gleich noch vieles gegen diejenigen zu sagen haben möchte, die aus einem übertriebenen Ekel gar nichts Nacktes leiden und die schönste Venus nicht anders als unter der Decke wissen wollen. Jedoch ich will den Tadel des Königs, soweit er uns allgemein trifft, einmal als richtig annehmen und ihn also ausdrücken: daß wir Deutsche in der Wahl der Partien, die wir dem Auge oder dem Ohre dargestellet haben, zu wenig Geschmack bewiesen, und auch diese so wunderlich und abenteuerlich zusammengestellet haben, wie es Shakespeare, nach dem Urteile des Herrn von Voltaire, getan haben soll; ich will einmal zugeben, daß wir noch kein einziges Stück haben, was mit den Meisterstücken eines Corneille oder Voltaire, die nicht leicht jemand höher schätzen kann, als ich sie selbst schätze, verglichen werden könnte, – so kömmt es doch noch immer auf die Frage an, ob wir auf unserm Wege oder auf demjenigen, welchen andre Nationen erwählet haben, fortgehen dürfen, um das Ziel der Vollkommenheit zu erreichen, was die Natur für uns bestimmt hat?

Der Weg, welchen die Italiäner und Franzosen erwählt haben, ist dieser, daß sie zu sehr der Schönheit geopfert, sich davon hohe Ideale gemacht und nun alles verworfen haben, was sich nicht sogleich dazu schicken wollte. Hierüber ist bei ihnen die dichterische Natur verarmt und die Mannigfaltigkeit verlorengegangen. Der Deutsche hingegen hat, wie der Engländer, die Mannigfaltigkeit der höchsten Schönheit vorgezogen und lieber ein plattes Gesicht mitunter als lauter Habichtsnasen malen wollen.

Man sieht die Verschiedenheit der Wege, worauf diese Nationen zum Tempel des Geschmacks gegangen sind, nicht deutlicher, als wenn man den Tod Casärs, so wie ihn Shakespeare und Voltaire uns gegeben haben, nebeneinander stellet. Voltaire sagt es ausdrücklich, und man sieht es auch leicht, daß er ihn durchaus dem Engländer abgeborget und nur dasjenige weggelassen habe, was sich mit den Regeln eines guten Trauerspiels und der französischen Bühne nicht vereinigen ließe. Hier sieht man beim Shakespeare ein aufgebrachtes Volk, bei dem alle Muskeln in Bewegung sind, dem die Lippen zittern, die Backen schwellen, die Augen funkeln und die Lungen schäumen; ein bittres, böses, wildes und wütendes Volk und einen hämischen Kerl mitunter, welcher dem armen Cinna, der ihm zuruft, er sei nicht Cinna, der Mörder Cäsars, sondern Cinna, der Dichter, seiner elenden Verse halber das Herz aus dem Leibe reißen will. – Und diese Löwen, Tiger und Affen führt Antonius mit der Macht seiner Beredsamkeit gerade gegen die Mörder Cäsars, zu deren Unterstützung sie sich versammelt hatten. Was tut nun Voltaire? Er wischt alle diese starken Züge aus und gibt uns ein glattes, schönes, glänzendes Bild, was in dieser Kunst nicht seinesgleichen hat, aber nun gerade von allem dem nichts ist, was es sein sollte.

Wollen Sie die Sache noch deutlicher haben, so vergleichen Sie, mein Freund! einen englischen und französischen Garten. In jenem finden Sie, eben wie in Shakespeares Stücken, Tempel, Grotten, Klausen, Dickichte, Riesensteine, Grabhügel, Ruinen, Felsenhöhlen, Wälder, Wiesen, Weiden, Dorfschaften und unendliche Mannigfaltigkeiten, wie in Gottes Schöpfung durcheinandervermischt; in diesem hingegen schöne gerade Gänge, geschorne Hecken, herrliche schöne Obstbäume, paarweise geordnet oder künstlich gebogen, Blumenbeete wie Blumen gestaltet, Lusthäuser im feinsten Geschmack – und das alles ist so regelmäßig geordnet, daß man beim Auf- und Niedergehen sogleich alle Einteilungen mit wenigen Linien abzeichnen kann und mit jedem Schritte auf die Einheit stößt, welche diese wenigen Schönheiten zu einem Ganzen vereiniget. Der englische Gärtner will lieber zur Wildnis übergehn, als mit dem Franzosen in Berceaux und Charmillen eingeschlossen sein. Fast ebenso verhalten sich die Italiäner und Deutsche, außer daß jene sich in ihrer Art den Franzosen und diese den Engländern, ihren alten Brüdern, nähern und mehr Ordnung in die Sachen bringen.

Welcher von diesen beiden Wegen sollte nun aber wohl der beste sein? der Weg zur Einförmigkeit und Armut in der Kunst, welchen uns der Konventionswohlstand, der verfeinerte Geschmack und der sogenannte gute Ton zeigen? oder der Weg zur Mannigfaltigkeit, den uns der allmächtige Schöpfer eröffnet? Ich denke immer, der letztere, ob er gleich zur Verwilderung führen kann. Denn es bleibt doch wohl eine unstreitige Wahrheit, daß tausend Mannigfaltigkeiten, zur Einheit gestimmt, mehr Wirkung tun als eine Einheit, worin nur fünfe versammlet sind; und daß ein zweichöriges Heilig von Bach etwas ganz anders sei, als die schönste Arie, diese mag noch so lieblich klingen.

Selbst die Macht, womit der Geschmack an den englischen Gärten jetzt ganz Europa überwältiget, kann uns lehren, daß der Weg zur Mannigfaltigkeit der wahre Weg zur Größe sei und daß, wenn wir nicht ewig in dem Ton der Galanterie, welcher zu Zeiten Ludewigs XIV. herrschte, bleiben wollen, wir notwendig einmal zur mannigfaltigen Natur wieder zurückkehren, aus dieser von neuem schöpfen und eine größere Menge von Naturalien als bisher zu vereinigen suchen müssen; oder unsre Stücke werden zuletzt so fein und niedlich werden, wie eine Erzählung von Marmontel, in der man mit einem Blicke den Faden sehen kann, wodurch sie zusammengehalten wird. Die Franzosen, welche vor einiger Zeit Shakespeares Werke in ihre Sprache übertrugen, fühlten den Fehler lebhaft und wollten lieber von ihren Mitbuhlern borgen, als ewig Schüler ihrer tyrannischen Meister bleiben, die, um den Ruhm ihrer Werke zu verewigen, alle ihre Nachkommen in der Kunst zu entmannen suchen.

Unser bisheriger geringer Fortgang auf diesem Wege darf uns aber nicht abhalten, ihn zu verfolgen. Viel weniger dürfen wir den andern nehmen, wo die verwöhnten Liebhaber alle andern schönen Bäume ausgerottet haben, um lauter Pfirsiche zu essen. Was bei diesen Übermut und hoher Geist ist, würde bei uns Leichtsinnigkeit oder Schwachheit oder Sprödigkeit einer Häßlichen sein. Ist es gleich schwerer, unter einer großen Menge zu wählen und gewählte unzählbare Sachen zu einem großen Zwecke zu vereinigen, als einen einförmigen Kranz von Rosenknospen zu binden, so ist auch die Wirkung davon so viel größer, wenn die Wahl und Zusammenstellung wohlgeraten ist; und was Montesquieu und Winckelmann, zwei Männer, die ich gern zusammensetze, weil sie mir einerlei Größe und einerlei Fehler gehabt zu haben scheinen, aus unzählbaren Bruchstücken von ganz verschiedener Art und Zeit zusammengesetzt haben, wird immer ein Werk bleiben, welches der Heyne eines jeden Jahrhunderts seiner Aufmerksamkeit und Verbesserung wertachten wird.

Und wo ist die Einheit, die der König und die Natur von jedem Kunstwerke erfordern, glücklicher und unter einer größern Menge von Mannigfaltigkeiten beachtet, als eben in diesen Werken? Die Menge und Verschiedenheit der Gegenstände, welche in einem Kunstwerke zusammengestellet werden, ist also gewiß kein Hindernis ihrer Schönheit, ob dieses gleich nicht von jedem Künstler überwunden werden kann; und es ist allezeit glaublich, daß es für die Stücke, welche in Shakespeares Manier gearbeitet werden, einen sehr hohen Vereinigungspunkt gebe, wenn wir gleich jetzt noch nicht hoch genug gestiegen sind, um ihn mit unsern sterblichen Augen zu erreichen. Die ganze Schöpfung ist gewiß zur Einheit gestimmt, und doch scheinet sie uns hie und da sehr wild und noch wilder als ein englischer Garten zu sein. Aber freilich, was wir als Eins bewundern sollen, muß auch als Eins in unsern Gesichtskreis gestellet werden; und so dürfen wir den Vereinigungspunkt der Kunstwerke nicht so hoch legen, wie ihn der Schöpfer gelegt hat, oder wir schaffen nur Wildnisse. Indes liegt doch die Einheit, da wo ein gotischer Turm mit prächtigen römischen Gebäuden oder wo, wie im Wilhelmsbade bei Hanau, die fürstliche Wohnung unter Ruinen mit schönen Gebäuden und Partien glücklich zusammenstimmet, höher, als wo bloß eine Reihe schöner Häuser, und wenn es auch in der Hauptstadt wäre, eine gerade lange Gasse ausmacht. Der Weißestein bei Kassel ist nach kühnern Regeln angelegt als eine römische Villa.

Außerdem aber hat das Nachahmen fremder Nationen leicht den innerlichen Fehler aller Kopien; die man um deswillen geringer als ihre Originale schätzt, weil der Kopist natürlicherweise immer mehr oder weniger ausdrückt, als der rechte Meister empfunden hat; es macht uns unwahr; und nichts schadet dem Fortgänge der schönen Künste mehr als diese Unwahrheit, welche Quintilian die Unredlichkeit nennet.

Wie sehr diese Unwahrheit schade, können wir nicht deutlicher als an unsern geistlichen Rednern sehen, die, indem sie göttliche Wahrheiten vortragen, dennoch nicht den Eindruck machen, welchen man davon erwarten könnte. Von diesen fordern wir gleich, sowie sie auftreten, eine heiligere Miene, einen feierlichern Anstand, einen ernsthaftern Ton und eine größere Salbung, als ihnen die Natur in ihren ersten Jahren geben kann. Nun müssen sie dieser Miene, diesem Anstande und diesem Tone gemäß reden, sie müssen ihren Ausdruck höher als ihre Empfindungen spannen, sie müssen ihren Werken mehrere Tugend leihen als sie haben, um sie zu ihrem Vortrage zu stimmen – und dieses macht viele unter ihnen ihr ganzes Leben hindurch zu unwahren Rednern, die nie dasjenige wirken, was ein Claudius, der nichts ausdrücket als was er empfindet, und gerade in dieser aufrichtigen Übereinstimmung sein ganzes Verdienst setzt, unter uns wirket. Andre unter ihnen haben sich daher der großen Beredsamkeit, worin das Herz des heiligen Paulus entbrannte, ganz enthalten und dafür Gründlichkeit mit Simplizität verbunden. Ich glaube auch immer, daß wir Deutsche hiebei weniger wagen, als wenn wir mit den Flechiers und Massillons die Harfe Davids ergreifen, ohne den Geist zu haben.

Wieland, den Deutschland jetzt als den Meister in der Kunst, die Schleichwege des menschlichen Herzens zu entblößen und den wahren Gang unsrer Leidenschaften auf eine lehrreiche und angenehme Art vorzustellen, bewundert, schien mir in seinen ersten Versuchen ein unwahrer Dichter; seine Rede glühete mehr und sein Kolorit war weit lebhafter als seine Empfindung; oder diese war, wie es der Jugend gewöhnlich ist, nicht hinlänglich genährt und gesättiget. Daher lieset man seine ersten Gedichte nicht mehr so gern wie seine spätern. Allein mit den Jahren wie mit dem Genusse ward seine Empfindung mächtig; nun ward ihm die Sprache oft zu enge, die volle Empfindung quoll über den Ausdruck, und man sah in seinen späten Werken immer mehr Schönheit, als ihm die Sprache zu zeigen verstattete.

Wahrscheinlich ist es auch nicht, daß wir uns so ganz in die Empfindung unsrer Nachbaren versetzen werden. So wie diese andre Bedürfnisse haben, so ist ihnen auch dieses und jenes weit angelegener als uns. Die Spanierin höret eine Serenade mit einer ganz andern Entzückung als eine Deutsche; die Schönheit des Sonetts, welches der Italiäner als das wahre Ebenmaß einer Grazie mit Recht bewundert, ist in Deutschland nie gehörig empfunden, und das Meisterstück von Filicaja würde den mehrsten unter uns unbekannt geblieben sein, wenn es ihnen Richardson nicht gezeiget hätte. Die französische Bühne steht mit der National-Erziehung in dem richtigsten Verhältnisse; und indem der Deutsche schreiben muß, um Professor zu werden, geht der Engländer zur See, um Erfahrungen zu sammeln. Ohne nun in den nämlichen Verhältnissen zu stehen und die Bedürfnisse zu fühlen, welche die Spanierin lauschen macht und den Sinn des Italiäners fürs Ebenmaß in Bewegung setzt, werden wir nie wie sie empfinden; und so können auch ihre Ausdrücke und Tropen bei uns nie den Grad der Wahrheit erhalten, den sie in ihrem wahren Vaterlande haben. Selbst ein Mensch kann sich nicht des andern Worte so zueignen, daß sie in seinem Munde die Wahrheit haben, womit der andre sie vorbringt. Wie Ihr König ehedem bei einer Menge trauriger Nachrichten sagte: Que cela fait perdre courage! und mit Wärme hinzusetzte: il faut que nous redoublions maintenant nos efforts,Lettre du Roy au Prince de Prusse au camp de Leipa. so ist niemand imstande, ihm dieses mit dem Grade der Wahrheit und der Empfindung nachzusprechen, womit er es selbst hervorgebracht hat. Der schöne Übergang des Abbé Coyer,Vie de Sobieski, T. II. womit er die Erzählung dessen, was an dem Tage nach dem Entsatze von Wien vorgefallen ist, anfängt: Le lendemain d'une victoire est encore un beau jour, wird nicht leicht irgendwo wahrer als auf dieser Stelle sein, wo die rettenden Fürsten in hoher Freude den Dank der Geretteten annehmen, erhaltene Freude einander am Halse hangen und jedermann in Erkenntlichkeits- und Freudentränen zerfließt.

Meiner Meinung nach müssen wir also durchaus mehr aus uns selbst und aus unserm Boden ziehen, als wir bisher getan haben, und die Kunst unsrer Nachbarn höchstens nur insoweit nutzen, als sie zur Verbesserung unsrer eigentümlichen Güter und ihrer Kultur dienet. Wir müssen es wie Rousseau machen, der alle Regeln und Gesetze seiner Zeit um sich herum stehen- oder fallenließ, um aus sich selbst zu schöpfen und seine Empfindungen allein auszudrücken, oder wie Klopstock, der nicht erst den Milton las, um seinen Messias zu bilden.

Zwar können wir auf diese Weise leicht auf Irrwege geraten. Denn indem wir tief in uns zurückgehen und, was wir also empfinden, ausdrücken, verlassen wir einen Pfad, welchen auch schon Meister vor uns geebnet haben und geraten leicht auf Verhältnisse, die wir hernach mit der Rechnung nicht bezwingen können; oder wir folgen, wie Goethe in Werthers Leiden, bloß der erhöheten Empfindung und opfern die logische Wahrheit der ästhetischen auf. Allein wir bringen doch damit eigne edle Erze zutage, und es werden sich darin auch Philosophen unter uns finden, welche sie prüfen, läutern und zu großen Werken verarbeiten werden.

Ich will jedoch hiemit gar nicht sagen, daß wir uns nicht auch fremdes Gut zunutze machen sollen. Wir müßten unsern Hagedorn , der mit so vielem Fleiße als Erfolge nach den größten Meistern unsrer Nachbaren studieret und ihre schönsten Früchte bei uns einheimisch gemacht und veredelt hat, nicht lieben; wir müßten undankbar gegen Gleim , Ramler und die Karschin sein, welche deutsches Gut mit römischer Kunst bearbeitet, uns unserer Sprache neue Kraft verschaffet haben; wir müßten unsern geliebten Gellert , der in seiner schönen und kunstvollen Nachlässigkeit seine Meister übertroffen hat, vergessen haben, wenn wir dieses tun wollten. Mein Wunsch ist nur, daß wir uns von dem Könige nicht so einzig an die großen Ausländer verweisen lassen und unsern Götzen von Berlichingen sogleich mit Verachtung begegnen sollen. Auch die Klinger , die Lenze und die Wagner zeigten in einzelnen Teilen eine Stärke wie Herkules, ob sie sich gleich auch, wie dieser, zuerst mit einer schmutzigen Arbeit beschäftigten und vielleicht zu früh für deutsche Kunst und ihren Ruhm verstarben; und es bedürfte, nur noch eines Lessings , um den deutschen Produkten diejenige Vollkommenheit zu geben, die sie erreichen und womit sie der Nation gefallen können.

Nun noch ein Wort von unsrer Sprache, die der König der französischen so sehr nachsetzt und ihr bald Armut bald Übellaut vorrückt. Sie ist, sosehr sie sich auch seit Gottscheds Zeiten bereichert hat, ich gestehe es, in manchem Betracht noch immer arm; aber das ist der Fehler aller Buchsprachen, und am mehrsten der französischen, die wiederum so sehr gereiniget, verfeinert und verschönert ist, daß man kaum ein mächtiges, rohes oder schnurriges Bild darin ausdrükken kann, ohne wider ihren Wohlstand zu sündigen. Die englische Sprache ist die einzige, die wie die Nation nichts scheuet, sondern alles angreifet, und gewiß nicht aus einer gar zu strengen Keuschheit schwindsüchtig geworden ist; sie ist aber auch die einzige Volkssprache, welche in Europa geschrieben wird, und ein auf den Thron erhobener Provinzialdialekt, der auf seinem eignen fetten Boden steht, nicht aber, wie unsre Buchsprachen, auf der Tenne dörret. Alle andre Buchsprachen sind bloße Konventionssprachen des Hofes oder der Gelehrten, und das Deutsche, was wir schreiben, ist so wenig der Meißner als der Franken Volkssprache, sondern eine Auswahl von Ausdrücken, soviel wir davon zum Vorträge der Wahrheiten in Büchern nötig gehabt haben; sowie neue Wahrheiten darin zum Vortrag gekommen sind, hat sie sich erweitert, und ihre große Erweiterung seit Gottscheds Zeiten ist ein sicherer Beweis, daß mehrere Wahrheiten in den gelehrten Umlauf gekommen sind.

Unstreitig hat die französische Buchsprache frühere Reichtümer gehabt als die unsrige. So wie diese Nation früher üppig geworden ist als die unsrige, so hat sie sich auch früher mit feinern Empfindungen und Untersuchungen abgegeben. Wie der Deutsche noch einen starken, tapfern und brauchbaren Kerl für tüchtig oder, nach unsrer Buchsprache, für tugendhaft hielt und dessen Herz nicht weiter untersuchte, als es seine eigne Sicherheit erforderte, fing Montaigne schon an, über den innern Gehalt der Tugenden seines Nächsten zu grübeln und diese um soviel geringer zu würdigen, als Eitelkeit und Stolz zur feinen Mark genommen waren. Dieses ist der natürliche Gang der Üppigkeit der Seele, die ihre Muse zu sanftem und feinern Empfindungen verwendet und damit auch zu feinern Maßen und Ausdrücken gelangt, als der rohe Wohlstand, der alles mit Gesundheit verzehret und die feinern Künste des Kochs glücklich entbehret.

Indes möchte ich doch nicht sagen, daß wir jetzt noch so sehr weit zurück wären, wenn wir gleich alle Nuancen des Ridikulen nicht ausdrücken, und für jede verschiedene Mischung der menschlichen Tugenden und Laster nicht alle die eigentlichen Zeichen haben, deren sich die Franzosen, von Montaigne bis St. Evremont und von diesem bis zum Marmontel (aus einem unglücklichen Bedürfnis, würde Rousseau hinzusetzen) bedienet haben. Keine Sprache hat sich vielleicht so sehr zu ihrem Vorteile verändert als die unsrige; nichts war armseliger als unsre komische Sprache; außer dem Hanswurst war keiner auf der Bühne, der einen komischen Ton hatte, und das Volk liebte diesen, weil es von ihm wahre Volkssprache hörte; alle andre redeten in der Buchsprache, der unbequemsten zum Sprechen unter allen; oder ihre Rolle gestattete ihnen nicht, sich der Volkssprache zu bedienen. Lessing war der erste, der Provinzialwendungen und Wörter, wo es die Bedürfnisse erforderten, auf die glücklichste Art nationalisierte; ihm sind die Wiener gefolgt, und seitdem uns Goethe in der Sprache auf dasjenige, was CiceroEp. fam. L. IX., Ep. 15. romanos veteres ac urbanos sales und veteris leporis vestigia nennet, zurückgeführet hat, damit wir nicht zuletzt lauter Buchsprache reden möchten, hat jedermann unsern ehemaligen Mangel empfunden, und ihm jetzt mit hellem Haufen zu begegnen gesucht, so daß wir nunmehr wohl hoffen dürfen, bald eine Sprache zu haben, worin alle Mutwilligkeiten und Äffereien, deren sich der Mensch zum Ausdruck seiner Empfindungen und Leidenschaften bedient, dargestellet werden können. Doch ich will darauf nicht wetten, daß nicht viele, denen es schwerfällt, in deutscher Luft zu atmen, die französische der deutschen immer vorziehen werden.

Eine Dichtersprache hatten wir fast gar nicht, und wir würden auch nie eine erhalten haben, wenn Gottsched die tapferen Schweizer, die sich seiner Reinigung widersetzten, besieget hätte! Haller ward unser erster Dichter; und wie Klopstock kam, begriffen wir erst völlig, was die Engländer damit sagen wollen, wenn sie den Franzosen vorwerfen, daß sie nur eine Sprache zum Versemachen, nicht aber für die Dichtkunst hätten. Auch wir hatten vor Hallern nur Versemacher und vor Gleimen keinen Liebesdichter. Wie sehr und wie geschwind hat sich aber nicht unsre Dichtersprache mit ihren ersten Meistern gebessert! und welche Dichtungsart ist übriggeblieben, wozu sie sich nicht auf eine anständige Art bequemet hat?

In der Kunstsprache haben wir, seitdem Winckelmann, Wieland, Lavater und Sulzer geschrieben haben, uns nicht allein alles eigen gemacht, was die Ausländer eignes hatten, sondern auch vieles auf unserm Boden gezogen; und die Verfasser verschiedener empfindsamen Romane haben in einzelnen Partien gezeigt, daß unsre Sprache auch zum wahren Rührenden geschickt sei und besonders das stille Große sowohl als das volle Sanfte auf das mächtigste darstellen könne. Wie stark, wie rührend, wie edel ist nicht die Sprache Woldemars!Von Fr. Jacobi. Was fehlt dem gedämpften Ausdruck der Empfindung in der Nacht beim Gewitter, welche uns die KlostergeschichteVon Sprickmann . fühlen läßt? Und wie vieles haben nicht andre, die ich hier nicht alle nennen kann, in dieser Art geleistet, wenn man bloß die Sprache betrachtet und von der Erfindung wie von dem Zwecke wegsieht! Unsre Rednersprache hat zwar keine große Muster geliefert, weil es ihnen an großen Gelegenheiten gefehlt hat; aber sie ist hinlänglich vorbereitet und wird keinen empfindenden und denkenden Mann leicht im Stiche lassen. Die philosophische Sprache ist, seitdem sie aus Leibnizens und Wolffens Händen kam, unendlich empfänglicher und fähiger geworden, alles zu bestimmen und deutlich zu ordnen; und unser historischer Stil hat sich in dem Verhältnis gebessert, als sich der preußische Name ausgezeichnet und uns unsre eigne Geschichte wichtiger und werter gemacht hat. Wenn wir erst mehr Nationalinteresse erhalten, werden wir die Begebenheiten auch mächtiger empfinden und fruchtbarer ausdrücken. Bis dahin aber wird die Geschichte, nach dem Wunsche Millers , höchstens ein Urkundenbuch zur Sittenlehre und ihre Sprache natürlicherweise erbaulicher oder gelehrter Vortrag bleiben, der uns unterrichtet, aber nicht umsonst begeistert; insofern wir nicht auch, nachdem wir, wie die Franzosen, alle Arten von Romanen erschöpfet haben werden, die ernsthafte Muse der Geschichte zur Dienerin unsrer Üppigkeit erniedrigen wollen.

Alle diese glücklichen Veränderungen sind aber während der Regierung des Königs vorgefallen, wie er schon seinen Vorgeschmack nach den bessern Mustern andrer Nationen gebildet hatte und in unsrer Sprache vielleicht nur Memorialien und Dekrete zu lesen bekam. Er hatte nachher Voltaire um sich, einen Mann, der durch die Großheit seiner Empfindungen und seiner Manier alles um sich herum und seine eigenen Fehler verdunkelte; er liebte Algarotti , den feinsten und nettesten Denker seiner Zeit; er zog die wenigen großen Leute, welche Frankreich hatte, an sich; und unter den deutschen Gelehrten fand sich noch kein Dalberg , kein Fürstenberg , der auf die Ehre, welche er dem ausländischen Verdienste gab, Anspruch machen konnte: Hiezu kömmt, daß seine Gedanken über die deutsche Literatur und Sprache wahrscheinlich weit früher niedergeschrieben als gedruckt sind; und so ist es kein Wunder, wenn sie unsrer neuen Literatur keine Gerechtigkeit haben widerfahren lassen.

Und doch glaube ich nicht zuviel zu wagen, wenn ich behaupte, daß der König selbst, da wo er sich als Deutscher zeigt, wo Kopf und Herz zu großen Zwecken mächtig und dauerhaft arbeiten, größer ist, als wo er mit den Ausländern um den Preis in ihren Künsten wetteifert. In seiner Instruction pour ses généraux ist er mir wenigstens mehr als Cäsar, durch den Geist und die Ordnung, womit er viele verwickelte Fälle auf wenige einfache Regeln zurückbringt; in seinen vertrauten Briefen, die er bei schweren Vorfällen geschrieben hat, finde ich deutsche Kraft und Dauer; in seiner Abhandlung über die Vaterlandsliebe den systematischen Geist der Deutschen, und in seinen Gedanken über unsre Literatur ein edles deutsches Herz, das nicht spotten, sondern wirklich nützen und bessern will. Da hingegen, wo es auf Verzierungen ankömmt, sehe ich in seinen Schriften oft die Manier des fremden Meisters; und es geht mir, als einem Deutschen, nahe, ihn, der in allem übrigen ihr Meister ist und auch in deutscher Art und Kunst unser aller Meister sein könnte, hinter Voltairen zu erblicken.

Schließlich muß ich Ihnen, liebster Freund, noch sagen, wie es mir an vielen von unsern Deutschen nicht gefalle, daß sie den Ausländern zu wenig Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ich denke in diesem Stücke wie Pinto:Traité de la Circulation. »Alle Nationen können handeln und reich werden, ohne daß sie nötig haben sich einander zu schaden«; und alle Nationen können in der Art ihrer Literatur groß werden, ohne daß sie ihre MitminnerMedeminnaers, sagt der Holländer für Rivaux. zu verachten brauchen.

Über die allgemeine Toleranz

Briefe aus Virginien

Erster Brief

Sie wollen wissen, liebster Freund, wie wir bei der hier eingeführten allgemeinen Duldung gefahren sind. Gut! das will ich Ihnen erzählen, wie ich es selbst miterlebt und erfahren habe.

Anfangs, wie einer mit dem andern nicht viel zu teilen hatte, ging alles gut. Deist und Atheist, Christ und Unchrist gingen ganz friedfertig miteinander um. Man richtete einen jeden nach seinen Handlungen; und keiner fragte den andern: was glaubest du?

Allein, diese ruhige Verträglichkeit währte nicht lange. Ein schlechter Mensch hatte von einem Kaufmanne, der sich einmal in Gesellschaft hatte verlauten lassen, daß er an keinen Gott glaube, für mehr als dreihundert Dollars Waren auf Kredit erhalten und leugnete jetzt die Schuld. Der Kaufmann klagte, und der Richter erkannte, daß ihn, wenn er sein Buch beschworen haben würde, der andere bezahlen sollte. »Das geht nicht, Herr Richter«, versetzte der Beklagte; »oder der Mann muß erst bekennen, daß er an einen Gott glaubt, der die Meineidigen bestraft.« – »So recht!« urteilte der Richter, und wollte eben den Kläger, der sich hiezu nicht verstehen wollte, abweisen, als ein Quaker auftrat und behauptete, man müsse einem ehrlichen Manne auf seine Versicherung glauben. Nun galt aber das Nein des Beklagten soviel als das Ja des Klägers; und der Richter sah sich genötigt, die ganze Kolonie zusammenzurufen, um von der gesetzgebenden Macht zu vernehmen, wie er sich hiebei zu verhalten habe.

Der Sprecher fing damit an, daß auch die Götter den Eid nicht entbehren könnten:

Una superstitio superis quae reddita divis.

Allein, um die vielen Quaker nicht vor den Kopf zu stoßen, faßte man endlich das Gesetz dahin: »Daß jeder Kolonist sein Glaubensbekenntnis zu Protokoll geben sollte; danach wollte man urteilen, wie er sein Wort bekräftigen solle. So habe man es in Europa mit dem Judeneide und der Quakerversicherung gemacht. Wer aber gar keinen Gott glaube, solle nur gegen seinesgleichen zeugen können.«

»Auf diese Weise«, sagten die Atheisten, deren jedoch nur wenige waren, »sind wir übel daran. Die gemeinen Leute hier, denen wir wegen des großen Geldmangels borgen müssen, sind alle Christen und werden sich vielleicht ein Verdienst daraus machen, einen Atheisten zu betrügen.«

»Nicht allein das«, rief einer aus dem Volke: »sondern ihr Atheisten seid auch unfähig ein obrigkeitliches Amt zu verwalten oder Repräsentanten des Volks zu werden; ihr könnet auch von andern Religionsverwandten kein Zeugnis verlangen, weil ihr ihnen keines wiedergeben könnet. Und, wenn einmal das Unglück sein sollte, daß wir gegen die Wilden ziehen müßten, so fechten wir nicht mit euch, weil ihr mit uns nicht gleichen Mut haben könnet, indem ihr mit dem Leben alles verliert, wir aber nur aus einem Leben ins andre übergehen. Ihr seid also nicht besser als Sklaven, die sich den Gesetzen und Steuern, die wir ihnen ohne ihre Zustimmung auflegen, unterwerfen müssen.« ... Ein Philosoph bemerkte noch hiebei: »der Atheismus könne nie das Band einer bürgerlichen Gesellschaft werden; derselbe isoliere seiner Natur nach und führe überhaupt zu einem freudenlosen Leben, um dessenwillen es sich nicht der Mühe verlohne, Gesellschaften zu errichten.«

Nun ging es ans Protokollieren, da ein jeder sein Glaubensbekenntnis ablegen mußte. Der eine glaubte dies, der andre das; und was das Schlimmste dabei war, so hatte fast ein jeder alle acht Tage seiner Meinung etwas ab- oder zuzusetzen, wie dieses fast immer der Fall ist, wenn man erst anfängt einer Sache recht nachzudenken und darüber warm wird. Hierüber wurde aber das Protokoll so dick, daß der Kolonieschreiber Johann Jakob solches durchaus geschlossen haben wollte. Allein keiner wollte dem Rechte, seine Meinung früh oder spät ändern zu mögen, entsagen; und so blieb das Protokoll zur großen Beschwerde des Schreibers immer offen, so daß man kein Ende davon absehen konnte.

Endlich erforderte es doch die Notwendigkeit, weil eine bevorstehende Magistratswahl nicht länger verschoben werden konnte, die sämtlichen bis dahin eingebrachten Glaubensbekenntnisse vorläufig, jedoch mit Vorbehalt des Rechts eines jeden wegen des Ab- und Zusetzens, in einen Auszug zu bringen und festzusetzen, welchem ein Kolonist beipflichten sollte, um in vorkommenden Fällen zum Eide, zum Zeugnisse, zur Repräsentation, zur Magistratur und zur Landesverteidigung zugelassen zu werden. Man brachte also die sämtlichen Bekenntnisse auf gewisse Hauptartikel zurück und setzte unter jeden die Namen derjenigen Kolonisten, welche darin übereinkamen.

Die Atheisten wurden sogleich aus der Zahl der ehrenfähigen Männer ausgestrichen. Man erklärte ihnen jedoch dabei, daß sie bleiben, handeln, bauen und leben könnten wie andre Kolonisten und daß auch ihre Kinder ehrenfähig werden sollten, wenn sie die festzusetzenden Artikel künftig mit annehmen würden; wogegen sie sich aber gefallen lassen müßten, wenn es zum Kriege mit den Wilden ginge, als Trainknechte zu dienen, da sie nicht in Reihe und Glied stehen könnten. Denn hier, wo es auf die Hand ankäme, könne man ihnen nicht, wie den Juden, erlauben, einen andern an ihre Stelle zu dingen; und weil man sich auf ihr Gewissen nicht verlassen könnte, müsse man den Vermögenden unter ihnen alles bei schweren Geldstrafen und den Unvermögenden bei hundert Stockprügeln verbieten.

Vergeblich beriefen sie sich dagegen auf die bekannt gemachte allgemeine Duldung, auf die Freiheit des Glaubens und die Unschuld des Irrtums, auf ihre guten moralischen, physikalischen und politischen Eigenschaften. Die Antwort war immer: das Vertrauen lasse sich so wenig wie der Glaube erzwingen. Beide Teile folgten mit gleichem Rechte ihrer Freiheit zu denken, die Atheisten, indem sie keinen Gott glaubten, und die andern, indem sie einem Atheisten in keinem Stücke traueten. Und damit blieb der Stärkere oben, von Rechts wegen.

Nächstens will ich Ihnen melden, wie es uns weiter gegangen.–

Zweiter Brief

Nachdem der Schluß wider die Atheisten, wovon ich Ihnen in meinem vorigen Nachricht gegeben habe, gefaßt war, fing man endlich an, die Glaubensbekenntnisse derjenigen, welche einen Gott glaubten, zu untersuchen, setzte aber doch, zu Verhütung aller Mißdeutungen (wiewohl, meiner Meinung nach, sehr überflüssig) fest: daß man sich bloß wegen einer in dieser Kolonie allein ehrenfähig machenden Religion vereinigen und übrigens dem lieben Gotte auch nicht einmal das Recht streitig machen wolle, einen frommen Atheisten, dessen Verstand nicht so weit reichte, um ein höchstes Wesen zu erkennen, selig zu machen. Wie denn auch keiner von diesen aus der Versammlung ging, dem nicht einen oder der andre die Hand drückte und ihm seine Kasse anbot, wenn er sie nötig hätte. Das individuelle Zutrauen blieb also nach wie vor; aber man konnte und wollte es nicht zur General-Zwangs-Regel machen.

In den Glaubensbekenntnissen von Gott fand sich jedoch eine solche Verschiedenheit, daß es eine lange Zeit unmöglich schien, alle zu vereinigen. Einige hielten es für höchst verwegen und für unmöglich, daß ein endliches Wesen sich einen Begriff vom Unendlichen machen wollte; andre glaubten, man brauche davon nicht mehr zu wissen, als man mit seinen fünf Sinnen und mit dem von Gott erhaltenen Verstande begreifen könnte; und noch andre hatten besondre Offenbarungen angenommen, woraus sie das unendliche Wesen erkennen wollten; der großen Verschiedenheit nicht zu gedenken, die aus den Begriffen, welche sich jeder entweder aus der Natur oder aus den Offenbarungen von einem höchsten Wesen machte, hervorging. Endlich kam man doch darin überein: »daß ein jeder, der in dieser Kolonie ehrenfähig sein wollte, ein allweises, allmächtiges und, allgültiges Wesen, welches diese Welt erschaffen habe und regiere, bekennen, jedoch dabei die Freiheit haben sollte, von diesen drei großen Eigenschaften des allerhöchsten oder allerersten Wesens so viel zu hoffen und zu fürchten als er könnte und brauchte.«

Nun glaubte jeder die Kolonie auf das herrlichste gegründet, und von Menschen, welche jenes höchste Wesen annähmen, nicht allein nichts zu fürchten zu haben, sondern auch alles erwarten zu können, was zu seinem Frieden diene. Allein der Erfolg zeigte bald, wie sehr man sich geirret hatte. Nicht die Hälfte der Kolonisten hielt etwas auf besondere Gottesverehrungen, auf besondere Versammlungshäuser oder Tempel oder auf besondere Lehrer. Ihrer Meinung nach fühlten besondere Lehrer immer einen Geist des Standes, der überall unendliche Verwirrungen anrichte, und sie zögen die Menschen nur von der Tätigkeit zur Spekulation; Versammlungshäuser wären nichts gegen den unermeßlichen Tempel des Allmächtigen, worin der freie Mensch unter einem freien Himmel anbete; der Sonntag sei nicht besser als jeder andre Tag, und ein Augenblick der Zeit dem Höchsten ebenso angenehm als jeder andre. Es wäre, sagten sie, lächerlich, Gott mit gewissen Zeremonien zu verehren oder auch nur zu glauben, daß das höchste Wesen von schwachen Menschen geehret werden könne; sie hielten es sogar für gotteslästerlich, ein Gebet an dasselbe zu richten oder, welches einerlei sei, zu fordern, daß der Allweise auf das törichte Bitten der Menschen den Lauf der Welt abändern solle; und das Dankgebet zeugte nur, wie sie sich ausdrückten, von dem Stolze des Menschen, der sich vorstellt, dem Allmächtigen ein freiwilliges Dankopfer bringen zu können ...

Sie hatten also auch nichts von äußerlichen Zeremonien;, und jeder Hausvater, jedes Glied der Familie hatte seine eigenen Gedanken von dem allmächtigen, allweisen und allgütigen Wesen, ohne daß sie einige bestimmte Schlüsse zum Besten der Kolonie daraus machten und sich zu denselben gemeinschaftlich bekenneten.

Indes konnte man sie desfalls von den Ehrenstellen nicht ausschließen; und weder Christen, noch Juden, welche nach ihrer Weise sich vereinigt hatten und ihre Kinder nach festgesetzten Schlüssen erziehen ließen, machten ihnen diese Glaubensfreiheit streitig. – Auf einmal aber erfuhren diese, daß unter jenen ein Vater seine Tochter, eine Mutter ihren Sohn, ein Bruder seine Schwester geheiratet hatte; man erfuhr, daß verschiedene derselben sich mehrere Weiber zulegten und solche nach Gefallen wieder zurückschickten; man erfuhr, daß einer seinen Erstgebornen zum Opfer geschlachtet und die Frau eines andern sich auf dem Grabe ihres Mannes den Tod gegeben hätte; man erfuhr, daß verschiedene von ihnen gar kein Eigentum erkennen, und alles, was Gott erschaffen hat, in Gemeinschaft haben wollten; man erfuhr, daß einige gar nicht zur Landesverteidigung folgen und fechten wollten und der Obrigkeit die Macht zu strafen streitig machten. – Mit einem Worte, man erfuhr so viel, daß es unmöglich schien, solche Leute für ehrenhaft zu erkennen, und mit ihnen Glück und Unglück zu bestehen.

Man hielt es also für Pflicht und für die allgemeine Ordnung nötig, denselben eine ernstliche Vorstellung zu tun. Aber wie groß war das Erstaunen, als man die Antwort hören mußte: »Wie? das allgütige Wesen sollte es dem Vater versagt haben, bei seiner Tochter zu schlafen, die ihm zugehört? sollte es der Mutter wehren, für alle ihre Mühe, die sie mit Erzeugung und Erziehung ihres Sohns gehabt, seine Erstlinge zu fordern? sollte die Heirat zwischen Schwester und Bruder jetzt mehr mißbilligen, als es sie im Anfange der Welt gemißbilliget hat? sollte dem Menschen, den es zum Genuß aller Freuden erschuf, nicht mehrere Weiber vergönnen oder ihn wohl gar zwingen, sich mit einer einzigen, die sein ganzes Leben verbittert, zu begnügen? sollte das Opfer des Erstgebornen, das teuerste, was ein Mann ihm bringen kann, nicht gerne annehmen? oder auch einem Vater verwehren, allenfalls seine neugebornen Kinder, welche er nicht ernähren kann, ins Wasser zu werfen?« – Mit einem Worte, jeder wußte das allweiseste, allmächtigste und allgütigste Wesen besser in seinen Kram zu ziehen als die weiland natürliche Madame Warens die Philosophie oder ein Betrunkener Gottes Barmherzigkeit. – Wie es aber hart gewesen sein würde, jemand zu zwingen, wider seine Überzeugung zu handeln, also konnte man auch nicht fordern, daß sie anders handeln sollten, als sie wirklich handelten, so groß auch der Greuel war, welchen die übrigen Kolonisten an diesen, ihrer Meinung nach, von Gott verworfenen Menschen hatten.

Indes konnte das Ding doch so nicht bestehen, besonders da eine Menge verstoßener Weiber sieh aufs Betteln legten, und da viele, welche glaubten, die Früchte der Erde gehörten allen Menschen zu und keiner dürfe sich derselben ausschließlich anmaßen, den andern in die Krautgärten gingen und was sie bedurften, draus nahmen. Die sämtlichen Christen und verschiedene andre Sekten traten demnach zusammen, und beschlossen, jene Andersgesinnten ganz aus ihren Grenzen zu verbannen und allenfalls auch, wenn es ihre Sicherheit durchaus erforderte, als Raubtiere vom Erdboden zu vertilgen. Jedoch wollte man es erst noch versuchen, ob sie nicht in Güte auf andre Gedanken zu bringen sein möchten.

Sechs der weisesten Männer übernahmen dieses Geschäft; und, wie sie das Glück hatten, an den Abgeordneten der andern sehr billige und vernünftige Männer zu finden, so kamen sie gar bald darin überein: daß diese sich alles, was zum Besten der Kolonie von der Mehrheit gewillküret werden würde, als menschliche Polizeigesetze gefallen lassen, dieselben aber nur nicht als göttliche Befehle verehren wollten. Jedoch auch diesen Unterschied der Meinungen, welcher anfangs Anlaß gab, daß der eine Teil sich Gottesknecht und der andre Menschenknecht hieß, wußten die Weisen bald zu heben, indem sie sich dahin verglichen: daß Gott der einzige Beherrscher der Kolonie, das versammelte Volk Gottes Stimme, die Obrigkeit Gottes Diener und ihre Gesetze Gottes Gesetze sein sollten; weil es anstößig und schimpflich wäre, daß ein Mensch den andern beherrschen sollte.

Zwar machte einer der Weisen noch den Einwurf, daß es ebenso anstößig und unschicklich sein würde, wenn man hiernach sagen müsse, Gott zürne und räche, oder er werde beleidiget und versöhnet. Allein sie wurden bald über den Begriff eines Gottherrschers einig und hielten es für einen edlen Zug der Urwelt, welcher den lautesten Beifall verdiene, daß die ersten Menschen keine Hintersassen eines Königs oder Fürsten, sondern unmittelbare Gottessassen hätten sein wollen.

Solchemnach ward eine Gottes-Polizei (eben wie ehemals in Deutschland ein Gottesfrieden) in die Kolonie eingeführt; und durch dieselbe wurden nicht allein gewisse Grundsätze in Ansehung des Eigentums, der Ehen usw. als Gottesgesetze festgesetzt, sondern auch unter andern, als auf Gottes Befehl, gewisse Tage geheiligt, Versammlungshäuser angeordnet, dabei eigene Lehrer angestellt und Schulen angelegt; alles in der Absicht, um sowohl den jungen als alten Kolonisten jenen bestimmten Willen Gottes in Ansehung dieser Kolonie recht tief und fest einzuprägen, um ihre vormaligen freien Handlungen zum allgemeinen Besten einzuschränken.

Indes waren doch bei weitem nicht alle mit dieser Einrichtung der Weisen zufrieden. Einige sagten, man verwechsle hier offenbar den theokratischen Gott mit dem allweisen, allmächtigen und allgütigen Wesen; es sei eine bloße Vergötterung seines eigenen Begriffs, daß man einen Theokraten aufstelle und diesen gebieten oder verbieten lasse, was man selbst wolle. Eine solche Täuschung erniedrige den Menschen, und sie hätten ebendie Freiheit, welche andre hätten, sich einen Gott zu bilden, welcher ihnen verstatte, so weit zu gehen, als die ihnen von ihm nicht umsonst verliehenen Kräfte reichten. – Hier aber zog auf einmal, gleich als ob sie von einem Sturm ergriffen worden wäre, die Menge ihr Schwert und jeder rief, es komme nur der Mehrheit und dem Stärkern zu, sich einen Gott zu wählen, und alle diejenigen in dieser Kolonie, welche sich unterstehen würden, andre Götter zu haben neben dem ihrigen, sollten ausgerottet werden in ihren Gränzen. Dies machte einen sichtbaren Eindruck; obgleich die andern heimlich murreten: eine solche Intoleranz, wodurch ihnen nun sogar die jedem Menschen zustehende Denkfreiheit abgeschnitten werden wollte, wäre unerhört; und sie wollten doch glauben, was sie wollten, wenn sie sich gleich in ihren Handlungen nach jenen sogenannten göttlichen Gesetzen richten müßten. Die Zeit käme vielleicht noch wohl, worin sie die Stärksten sein würden ...

Dies wäre ihnen aber bald übel bekommen. Denn da die andern hörten, daß diese sich nur äußerlich nach den Gesetzen halten und aufs Lauren legen wollten, so vermuteten sie von ihnen, sie würden sich denselben heimlich sooft sie könnten, entziehen, unter sich den Gott der Kolonie lästern, in Kammern bei ihrem vorigen Wesen beharren und endlich, wenn sie stark genug geworden wären, alle Gesetze wieder über den Haufen werfen. Man hielt es also für nötig, auch dergleichen Kolonisten, die nur den geringsten Zweifel an jener Satzung der Weisen zutage gelegt hatten, von aller Ehrenfähigkeit auszuschließen, um ihnen nicht zu viel Macht in die Hände kommen zu lassen; und um ihre Vermehrung zu hindern, nahmen sie alle Sekten, welche sich an festgesetzte Schlüsse aus dem großen Grundsatze vom allweisen, allmächtigen und allgütigen Wesen, oder mit andern Worten, an eine besondre Offenbarung hielten, sogleich vor, sich mit ihnen nie durch Heiraten zu verbinden. Dieses Volk, sagten sie, ist unrein; der Vater schläft gewiß heimlich bei der Tochter, da er es öffentlich nicht tun darf; und wenn wir gleich in unsern Polizeigesetzen eine Probe festgesetzt haben, woran die unbefleckte Keuschheit einer Braut erkannt werden kann, um dergleichen heimlichen Greueln Einhalt zu tun, so ist doch diesem Volke, das sich bloß äußerlich den Gesetzen unterwerfen und innerlich die vollkommenste Glaubensfreiheit behalten will, keinesweges zu trauen.

Dies gab der allgemeinen Duldung abermals einen Stoß; so daß endlich die Weisen wieder zusammentreten mußten, um auf Mittel zu denken, wie der innerliche Mensch mit dem äußerlichen zu vereinigen oder jede gesetzmäßige Handlung desselben auch aus seinem Glauben herzuleiten sei. – Jedoch ich muß hier abbrechen. Also von dem weitern Erfolg nächstens.

Dritter Brief

Ich kann Sie, liebster Freund, von demjenigen, was in der Versammlung der Weisen vorgefallen ist, nicht besser unterrichten, als wenn ich Ihnen die ganze Unterredung, so wie ich solche selbst mit angehört, und gleich nachher aufgeschrieben habe, hiemit vorlege. Hören Sie also:

A: Ich dächte, es wäre immer noch besser, wir ließen einen jeden glauben, was er will, und erforderten von keinem ein Bekenntnis seiner Meinungen. B: Also auch kein Bekenntnis seiner moralischen? A: Wozu alle dergleichen Bekenntnisse? Gibt es nicht schon Heuchler genug in der Welt? und kann nicht ein jeder immer anders sprechen als er denkt? B: Sie wollen sich also, wenn es sich treffen sollte, daß Sie eines Verbrechens wegen angeklagt würden, auf das Zeugnis von zwei oder drei Menschen, deren Gesinnungen Ihnen völlig unbekannt sind, um Ehre und Gut, Leib und Leben bringen lassen? Oder denken Sie, daß man in unsrer Kolonie den Beweis durch Zeugen ganz werde entbehren können?

A: Wenn die Zeugen, durch einen rechtschaffenen Wandel bekannt sind und das Zeugnis auf ihre Ehre ablegen, so werde ich dabei ebenso sicher sein, als wenn sie bei allen Göttern schwören. Die Ehre hat noch allemal ihre Schuld richtig bezahlt; nicht so die Liebe des Nächsten, die oft ihren Bruder darben ließ.

B: Aber unsre Kolonie besteht aus allerhand zusammengeflossenen Leuten, von allerlei Nationen, Religionen und Charakteren; und es können leicht auch einige unter ihnen sein, welche den Grundsatz haben, daß es erlaubt sei, seinen Feind durch Gift oder ein falsches Zeugnis von der Welt zu bringen. Ein solcher Mann kann, wie die mehrsten eifrigen Sektierer, bei diesen Grundsätzen übrigens einen ganz guten Wandel führen; und wir können ihn sowenig verachten als zur Verantwortung ziehen, wenn er seinen Grundsätzen gemäß handelt, und mit der Freiheit, zu denken wie er will, zum Mitbürger aufgenommen ist.

C: Ich bin ein Deutscher, und meine Vorfahren erforderten lange Zeit ebengenosse Zeugen, die, wenn sie ein falsches Zeugnis ablegten, Ehre und Gut zu verlieren hatten. Die wenigsten von unsern Kolonisten sind aber noch zur Zeit solche Ehrenmänner; sie können davonlaufen, wenn sie sich eines falschen Zeugnisses zu schämen haben, und solche Flüchtlinge haben keine Ehre zu verlieren. Ich lasse mich also auch auf ihr Ehrenwort nicht hängen. Es ist so schon schlimm genug, daß man in neuern Zeiten unter Christen, zur Schande der Nation, ebengläubige Zeugen statt ebengenosser zugelassen hat.

A: Aber meinen Sie denn, daß ein abzulegendes Bekenntnis seiner Meinungen den Menschen um ein Haar besser und sein Zeugnis im geringsten zuverlässiger mache?

B: Es ist in der Tat so leicht nicht, wie Sie zu glauben scheinen, gegen sein eignes feierlich abgelegtes Bekenntnis zu handeln. Der Mensch, wie ich ihn kenne, braucht Religion und Tugend als Mittel zu seinem Zwecke; und wer lange bei diesem oder jenem Grundsatze seine gute Rechnung gefunden hat, wird ihn allemal ungern verlassen. Jeder Schritt, welchen er gegen sein ausgehängtes Bekenntnis oder seine Maske wagt, wird daher mit der größten Sparsamkeit geschehen; und ich habe es, als Richter dieser Kolonie, sehr oft zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß nicht leicht einer in einer öffentlichen Versammlung seiner Mitbürger, wenn er nur einen einzigen darin vermutete, der von dem Gegenteil desjenigen, was er feierlich beteuren wollte, unterrichtet sein konnte, ein falsches Zeugnis abgelegt habe. So groß ist die Scham, für einen Lügner zu bestehen; und Lügner ist, wer gegen sein eignes Bekenntnis handelt. Alle Vorteile, welche wir von diesem Umstände ziehen können, gehen aber verloren, wenn wir keinem sein Bekenntnis abfordern oder wohl gar einen Türken oder Juden seine Versicherung auf die Heilige Dreifaltigkeit ablegen lassen. Der Mann, der das Gift für ein erlaubtes Verteidigungsmittel hält und sich damit einen Feind von der Seite geschafft hat, sucht vielleicht wohl gar als Märtyrer seiner Meinung zu sterben; da er doch nicht anders als Lügner sterben kann, wenn er sich vorhin zu andern Grundsätzen bekannt hat und itzt eine andere Meinung bloß zur Entschuldigung einer bösen Tat gebrauchen will. Nur in diesem Falle kann die Obrigkeit den Bösewicht mit dem Tode bestrafen; anstatt daß sie ihn in jenem bloß als ein schädliches Tier zu behandeln hat, wofern sie ihm die Freiheit gelassen, sich zu keiner Religion bekennen zu dürfen. Insgemein wird auch einer in den Grundsätzen, wozu er sich bekennt, von Jugend auf unterrichtet und daran gewöhnt sein, mithin seine Meinung, wäre sie auch nur Vorurteil, nicht nach Gefallen, verändern können, oder, wo er es tut, solches gern bekennen wollen, um nicht von dem einen oder andern Teile als Heuchler verachtet zu werden. Und ein öffentlicher Lehrer kann seinem Bekenntnisse niemals zuwider lehren, ohne seinen Dienst niederzulegen. Jeder ehrliche Mann kann Gründe haben, seine Meinungen zu ändern, aber keine, um solche zu verhehlen, wenn dieses zum Nachteil des gemeinen Wesens gereicht. A: Herrliche Grundsätze! die Religion und Tugend als Mittel zu gebrauchen! B: Die Leidenschaften sind das erste Prinzip, wonach das kaum gebörne Kinde handelt; und seine Erziehung bestehet darin, daß wir diesen ihren von ungefähr aufgefangenen Samen nicht wild aufschießen lassen, sondern gehörig kultivieren. Dieses geschieht durch Grundsätze der Religion und Tugend; und das heiße ich, sie als Mittel gebrauchen. Die natürliche Begierde zu gefallen und sich Beifall zu erwerben, welche jedes Kind, wie jeder Mensch, wohl nicht so ganz ohne Ursache in seiner ersten Anlage hat, mag eine größere Menge guter Gesinnungen und Taten hervorgebracht haben als der übertriebende Geist alles Purismus. A: Und noch herrlicher, daß einer sogleich sein Lehramt niederlegen soll, sobald er seinem ersten Bekenntnisse nicht länger getreu bleiben kann, sondern die besser erkannte Wahrheit vorzutragen sich verpflichtet hält!

B: Aber wie kann das anders sein? Hier sind z.B. deistische und christliche Tempel; was hat nun der Christ für ein Recht, die deistische Gottesverehrung zu stören, oder der Deist, die christliche Gemeinde zu beunruhigen? Beide Teile sind und bleiben in unsrer Kolonie ehrenfähig; aber der eine muß dem andern die Ruhe gönnen, die er selbst fordert. So muß ein Lehrer bei uns demokratisch lehren, wenn er von der Vortrefflichkeit der Monarchie auch noch so sehr überzeugt wäre.

A: So soll also ein jeder Mensch, welcher ein Bekenntnis, das mit dem allgemeinen Zwecke der Kolonie bestehen kann und dafür erkannt ist, abgelegt hat, hieselbst ehrenfähig sein, und sogleich als Zeuge völligen Glauben haben?

B: Nicht doch; er soll nur die Rechtsvermutung für sich haben, bis daß ein andrer den Gegenbeweis führet, daß er seinem Bekenntnisse zuwider gelehret oder gehandelt habe. So fragt man unter den Christen einen Zeugen, wann er das letzte Mal zum Abendmahle gewesen? um zu erfahren, ob er seinem Bekenntnisse getreu geblieben sei; und findet man, daß er sich des Abendmahls binnen Jahresfrist nicht bedient hat, so wird er nicht für ebengläubig und ehrenfähig gehalten; man begräbt ihn als einen Ehrlosen, wenn er also verstirbt. Alles dieses macht einen jeden aufmerksam auf sein Bekenntnis; und mit der Zeit ist er so daran gefesselt wie irgend an eine andre Meinung. Auf alle Fälle ist es aber doch besser, hier etwas als gar nichts zu tun.

A: Hm! In England müssen die Juden erst kommunizieren, ehe sie einen Kontrakt von der Krone erhalten können! – Aber wer soll nun darüber urteilen, was für ein Bekenntnis in dieser Kolonie zugelassen werden soll oder nicht?

B: Die Mehrheit.

A: Sie halten also den größten Haufen für den weisesten? Und wer ist weise?

B: Lieber sollte es mir sein, wenn die Mehrheit der weisesten Männer entschiede; und vielleicht läßt sich der große Haufen dieses gefallen. Wir sind dann auch weise, wenn wir das Volk dahin bringen und es glücklich leiten.

A: Auf diese Weise kommen wir ja wieder auf den alten Fleck: zu glauben was die Mehrheit oder die Kirche glaubt.

B: Nicht völlig; man legt dem Volke die Gründe, welche es fassen kann, vor und sagt ihm dabei, daß die vernünftigsten und weisesten Männer die zugelassenen Lehrsätze ebenfalls gebilliget haben. Dadurch erhält es einen gedoppelten Grund seiner Beruhigung. Bei dieser Art des Verfahrens wird ihm nichts so schlechterdings als Wahrheit, und noch weniger für göttliche Wahrheit, aufgedrungen. Und wenn dann jemand noch Zweifel behält, so kann er solche dem hiezu angeordneten Senate mit derjenigen Bescheidenheit vortragen, welche die allgemeine Ruhe der Kolonie ihm zur ersten Pflicht macht, und erwarten, daß man ihn, da er Empfänglichkeit für höhere Gründe zeigt, wo nicht von der Wahrheit, doch von der relativen Notwendigkeit und Nutzbarkeit der zugelassenen Lehrsätze überzeuge. Wird er auch hiedurch nicht beruhiget, so bedenke er, daß er nicht unfehlbar sei, und behalte seine Zweifel für sich oder fürchte die Macht derjenigen, die ebensoviel Recht haben, ihre eigentümlichen Meinungen zu verteidigen, als er, die seinigen auszubreiten. Hiernächst wird auch das erste Weistum der Weisen nicht für unfehlbar gehalten; es kann sich mit den Bedürfnissen der Kolonie oder bei mehrerer Aufklärung ändern; aber dieses muß in der Ordnung von der Mehrheit und mit Behutsamkeit geschehen. Anderwärts, wo immer eine Armee in Bereitschaft steht, das Volk zu bändigen, wenn es einmal eine schädliche Meinung zum gefährlichen Ausbruch kommen läßt, ist vielleicht weniger Behutsamkeit nötig; aber hier, wo wir keine stehenden Armeen halten wollen, ist es gefährlich, solchen Meinungen, die nicht mit dem allgemeinen Wohl unsrer Kolonie bestehn, freien Lauf zu lassen. In den letzten Unruhen redete mich einst mein Sohn, ein guter Junge von vierzehn Jahren, mit den Worten an: »Du verfluchter Hund, ich möchte dir das Messer im Herzen umdrehen!« Und was meinen Sie, warum? Die Schulknaben waren amerikanische Patrioten geworden; und ich war damals, noch als Bedienter der Krone England, meinen Verbindungen getreu. O, dergleichen Meinungen gehn in Ländern, wo das Volk durch keine Macht zurückgehalten wird, in die abscheulichsten Ausschweifungen über; und eine kluge Polizei wird allemal dafür sorgen müssen, daß gute, der Verfasssung entsprechende Meinungen im Umlaufe bleiben. Sie wird besonders für Schulen und Tempel zu sorgen haben, daß darin keine andre Meinungen gelehret werden, als welche sie von der Mehrheit zur getreuen Bewahrung empfangen hat. Auf andre Art ist die Grenze schwer zu bestimmen.

A: Wäre es indes nicht besser, wenn jeder bloß durch Gründe von seinen Pflichten überzeugt werden könnte?

D: Da ich, als Sekretär dieser Kolonie, die Glaubensmeinungen eines jeden zu Protokoll genommen habe, so kann ich aktenmäßig versichern, daß fast keiner des andern Gründe fassen und mit ihm einerlei Schlußfolge daraus ziehen konnte. Ich bin oft so erstaunt über die verschiedne Fassungskraft dieser in so verschiednen Schulen, Sprachen und Lehrarten erzogenen Menschen gewesen, daß ich geglaubt habe zu träumen. Sogar kamen einige, die von einem gewissen indianischen Stamme entsprossen sind, und verlangten, man solle alles frische Fleisch verbieten, weil das Aas allein eine gottgefällige und heilige Speise wäre. Mich dünkt, so wenig alle Menschen im Kopfe gleich fertig rechnen können, so wenig können sie auch gleich fertig in ihren Begriffen und deren Anwendung sein; und mancher verbindet mit einem Begriffe sofort unzählige Beziehungen, wovon ein andrer kaum eine empfindet. Was für ein Unterschied zwischen dem Virtuosen, der das schwerste Konzert vom Blatte spielt, und dabei auf einmal tausend Dinge mit beobachtet, und dem Landmanne, der ein Kirchenlied dem Vorsänger buchstabierend nachheulet! Jener fühlt und denkt alles mit einer solchen Schnelligkeit, daß seine Seele nicht einmal etwas davon bemerkt; wogegen dieser oft nicht einmal den Sinn des Gesanges, sondern nur den Wert der Buchstaben fasset. Wie will man aber hier mit Gründen fertig werden, die dem einen wie dem andern einleuchten sollen!

B: Werden nicht auch jedem die Gründe nach seiner Fassungskraft vorgelegt? und ist die Mehrheit nicht auch ein Grund von ziemlichem Gewichte, indem ich dadurch belehrt werde, daß die Fassungskräfte vieler Tausende mit den meinigen übereinstimmen? Erhalte ich dadurch nicht die Beruhigung, daß von mir nicht mehr gefordert, und mein Irrtum mir nicht übel gedeutet werden könne? Wir können es ferner nicht verhindern, daß nicht jedes Kind von seinen Eltern und Lehrern voreingenommen oder an seiner Fassungskraft verstümmelt werde. Wollten wir es ganz frei aufwachsen lassen, so würde es ihm vielleicht wie dem Hunde gehen, der nach einem gewissen Alter zu nichts mehr abgerichtet werden kann; oder wir müßten die Klage des Schneiders in unsrer Kolonie gerecht finden, der seinen Vater verwünscht, daß er ihn nicht alle mögliche Künste und Wissenschaften lernen lassen, um unter allen Handwerken die freie Wahl zu haben. Kann nun aber diese notwendige Verstümmelung der Kräfte des Menschen nicht vermieden werden, so, wird auch ein jeder Kolonist minder oder mehr geneigt sein, den besten Gründen Gehör zu geben. Andre Völker, welche die Gründe ebenfalls nicht fassen konnten, sollen von Gott durch eine unmittelbare Offenbarung von der Wahrheit belehrt sein; oder es hat bei ihnen eine Gottheit das Opfer des Rechtgläubigen angezündet. Beides haben wir nicht zu erwarten; und wenn wir die Stimme der Mehrheit nicht für die Stimme Gottes halten wollen, so bleibt uns nichts übrig, als sie für die Stimme der Vernünftigsten öder der Mächtigsten zu erkennen.

A: Es scheinet, Sie sind auch für die Täuschung des Volks? B: Wenn man einem jeden den Bissen so zuschneidet, daß er ihn in den Mund fassen kann, und er davon satt wird, so ist das keine Täuschung. Der Mensch will, nach einem natürlichen Triebe, von allen Dingen einen Grund wissen; das Kind beruhigt sich mit andern Gründen als der Mann und das Volk mit andern als der Weise. Dieses ist allgemeine Erfahrung, welcher zufolge man ein Kind mit einem Zuckerbrode weiter bringt, als mit dem besten Schlusse. Dagegen ist es bloße Theorie, daß jeder Mensch durch Gründe, in Worte gefasset, regieret werden müsse. Die ganze Schöpfung kann ohne Hülfe der Metaphysik zu uns sprechen, so auch der Redner zum Volke; seine Tränen werden mit den meinigen fließen, und seine Wut wird sich mit der meinigen vermischen, ohne daß es lange untersucht, ob sie gerecht sind.

A: Das wäre schlecht.

B: Aber Gott hat den Menschen so erschaffen, weil Gründe viel zu langsam und viel zu unsicher wirken, die Sinne aber allen Eindrücken offenstehen, und die Leidenschaft allezeit fertig ist. Am Ende besteht denn doch die größte Vernunft darin, zweckmäßige Mittel zu gebrauchen; man kann weiter nichts fordern, wo der Zweck gut ist, als daß das Mittel ein Minimum sei; und dieses ist die Metaphysik in den wenigsten Fällen.

A: Es scheint mir doch immer widersprechend zu sein, daß göttliche Wahrheiten den Stempel der Mehrheit und wahre Naturgesetze den Namen der Obrigkeit auf der Stirn haben sollen; man sagt dies wenigstens nicht gern.

B: Die Rede war bis jetzt nur von moralischen Gesetzen; und inwiefern es gut sein könne, jeden Kolonisten sich dazu, wie sie von der Mehrheit angenommen sind, bekennen zu lassen oder ihm, wenn er sich dessen weigert, das öffentliche Vertrauen bei abzulegenden Zeugnissen, in der Beschwörung seines Handelsbuches, in obrigkeitlichen Stellen oder in der Verteidigung des Vaterlandes zu entziehen. Und ich denke, solange in dem einen Lande die größte Schamlosigkeit für Heldentugend und die Keuschheit für ein kleinliches Vorurteil gehalten, in dem andern aber diese als ein Naturgesetz verehret wird, – tun wir wohl, durch die Mehrheit zu bestimmen, was bei uns Naturgesetze sein sollen; besonders da die Schulbegriffe der Europäer von dem, was die Natur gebietet oder verbietet, den wenigsten in unsrer Kolonie bekannt sind und man hier sich nicht einmal darüber einverstehen konnte, daß ein Vater seine Tochter nicht heiraten dürfe oder daß das Eigentum eines jeden sicher sein müsse. Um nun aber auch auf die göttlichen Wahrheiten zu kommen, so will ich hiemit einen jeden fragen, woran wir diese erkennen sollen? Christen, welche überzeugt sind, eine göttliche Offenbarung zu haben, wird dieses nicht schwerfallen; und so wird es jedem andern in seiner Religion gehen, da sich nicht leicht eine finden wird und vielleicht auch nicht finden kann, die nicht ihre Offenbarung habe. Wenn es aber darauf ankommt zu bestimmen, ob alle Offenbarungen zugelassen werden können? und ob die Offenbarung, welche Menschenopfer fordert, mit andern gleiche Recht haben solle? so wird man doch untersuchen müssen, ob dieselbe mit der Wohlfahrt unsrer Kolonie bestehe; und dieses wird zuletzt ebenfalls durch die Mehrheit entschieden werden müssen, wenn wir uns nicht auf eine andre Art darüber vereinigen können. Zudem kann der Beweis für eine unmittelbare göttliche Offenbarung nicht anders als durch Wunder geführet werden; und wie die Fassungskraft der Menschen in Ansehung der letztern wiederum unendlich verschieden ist, so wird man es auch hier auf die mehrsten Stimmen oder auf die Einsicht der Männer, worauf die mehrsten ihr Vertrauen setzen, ankommen lassen müssen.

C: Mich dünkt, wir sind von der wahren Streitfrage abgewichen. Die uns zur Entscheidung vorgelegte bestand darin: ob es nicht ein Mittel gebe, jeden Kolonisten dahin zu bringen, daß er nicht bloß äußerlich und gleichsam zwangsweise die von der Mehrheit bewilligten religiösen und moralischen Lehren annehme, sondern auch denselben seinen ganzen herzlichen Beifall schenke: ohne dabei anzunehmen, daß die Mehrheit aus Eingebung Gottes oder eines göttlichen Geistes spreche?

B: Christus, welcher eben einen solchen Zeitpunkt traf, als wir itzt vor uns haben, indem die Juden bloß ihre äußerlichen Handlungen ihren Gesetzen, unterworfen und den Wolf im Herzen behalten hatten, sosehr auch ihre Weisen ihnen die Allgegenwart ihres Gottes zu versinnlichen bemühet gewesen waren, – Christus versuchte es durch die Vortrefflichkeit seiner Lehre.

A: Der Plan war eines so großen Weisen würdig; aber dennoch fanden seine Nachfolger es nötig, ihn und seine Lehre von Gott kommen zu lassen, so wie die christliche Kirche es für ratsam hielt, dieses durch einen göttlichen Geist auf einer Kirchenversammlung bestätigen zu lassen. B: Ich glaube daher auch nicht, daß es andere Mittel gebe, den herzlichen Beifall eines jeden Kolonisten zu gewinnen, als: daß jede der hier zugelassenen Parteien die Ihrigen von Jugend auf in ihren Grundsätzen unterrichte und befestige; damit man von Obrigkeits wegen die Vermutung, daß sie dasjenige wirklich glauben, was sie bekennen, fassen, und, wenn sie dann durch Handlungen ihr Bekenntnis verleugnen, sie von aller Ehrenfähigkeit ausschließen und nach Beschaffenheit der Umstände auch bestrafen könne. Von der Jugend ist zu hoffen, daß sie sich auf diese Weise bilden lassen werde. Die Alten, welche itzt noch solche Grundsätze haben, die nach dem Urteile der Mehrheit mit dem Wohl unsrer Kolonie nicht bestehen, werden wenigstens wünschen, ihren Kindern die Ehrefähigkeit zu verschaffen. Und wenn die zugelassenen Religionen von dem Zeugen Redlichkeit, voji der Obrigkeit Treue, von dem Landesverteidiger Patriotismus und von jedem Kolonisten Überzeugung von seinen Pflichten vermuten lassen; wenn die Erfahrung zeigt, daß sie Trost im Unglück und Mäßigung im Glück wirken; wenn die Lehre von einer göttlichen Vorsehung und daß ohne deren Willen keinem ein Haar gekränket werden kann, unsre vor den Wilden geflüchteten Kolonisten bewegen wird, ihre verlassenen Felder wieder anzubauen; wenn die Hoffnung eines bessern Lebens nach dem Tode, die dem Menschen (dem einzigen Geschöpfe, das von seinem Tode benachrichtiget ist) zu seinem Glücke eingeflößet worden, den Sterbenden Beruhigung und den Hinterbleibenden Trost gibt; wenn ... o! so wird man auch aus dieser Wirkung erkennen, daß, so wie die höchste Glückseligkeit aller Geschöpfe, also auch die von der Mehrheit bewirkte Glückseligkeit dieser Kolonie Gottes offenbarer Wille sei; und das Volk wird sich mit diesem Schlüsse begnügen, ohne sich mit Untersuchung der Vordersätze, welche eigentlich für den Meister der Kunst oder den Dilettanten gehört, die besser anzuwendende Zeit zu verderben ...

 

Ich breche hier ab, liebster Freund, weil Sie den Erfolg leicht erraten werden. Jede Partei mußte ihr Glaubensbekenntnis der Obrigkeit vorlegen, und wenn diese es gebilliget hatte, solches in ihren Schulen und Tempeln getreulich, ohne allen weitern Zusatz, lehren, sodann ihre Jugend sich dazu auf eine feierliche Art bekennen lassen, um solchergestalt sicher zu sein, daß keine der Kolonie schädliche Meinungen verbreitet würden. Wer dieses nicht tun wollte, konnte es bleibenlassen; aber sein Handelsbuch hatte keinen gesetzmäßigen Glauben, sein Zeugnis ward nicht angenommen, er konnte zu keinem obrigkeitlichen Amte gelangen, und wenn es zum Kriege ging, mußte er seinen Mann bezahlen. Dabei aber ward er, wenn er nach den von der Mehrheit beliebten Gesetzen sich verging, ebenso bestraft, als wenn er in der Eigenschaft eines ehrenfähigen Mannes das Gesetz selbst mit bewilliget hätte.

Die Kunst unter den alten Deutschen

Wir leben in einer Zeit, worin man die Kunst, mehr in ihren geringen als hohen Arbeiten schätzt und eine Nation, welche viele Dichter, Redner, Maler und Bildhauer geliefert, derjenigen vorzieht, die Freiheit und Eigentum über alles schätzte und [die] Kunst, eine Nationalvereinigung mit der mindesten Aufopferung ihrer natürlichen Rechte zu errichten und zu befördern. Unstreitig war die Arbeit der letztern bewundernswürdiger als jene kleinen Bemühungen einiger wohlunterwiesenen Meister; und die kleinen städtischen Republiken der Griechen waren gewiß nur Puppenwerke gegen die nordischen Staaten, worin Millionen Menschen jener großen Rechte ungestört genossen. Der Geist der Freiheit und die Kunst, das Eigentum gegen alle Eingriffe der Obermacht und der Herrschsucht ungekränkt zu bewahren, haben wir den Sachsen zu danken; und die Römer, welche so viele Völker bezwungen, haben einzig und allein den Deutschen die Ehre erzeigt, ihre Einrichtungen und Sitten mit Aufmerksamkeit zu betrachten. Diese Ehre ist ihnen nicht umsonst widerfahren, und man hat recht, zu glauben, daß eine Nation, welche sich eine so schmeichelhafte Beobachtung zugezogen, solche nicht bloß durch eine besondre Art von Wildheit verdienet habe.

Wenn wir auch von unsren Vorfahren nichts weiter wüßten, als daß sie keine Städte, ja nicht einmal zwei Hauptwohnungen auf einem Hofe duldeten: so müßte dieser einzige Rest ihrer Staatsverfassung allein schon hinreichen, uns den erhabensten Begriff von der Größe ihres politischen Plans zu geben. Ein Staat, welcher aus einer Million einzelner Höfe besteht und mit reiflicher Überlegung verordnet, daß keiner seine Wohnung mit Mauer und Wällen umgeben; keiner mehrere Familien als der andre aufnehmen; keiner sein Strohdach in ein Ziegeldach verwandeln soll, erkennet unstreitig den Vorteil der Gleichheit und läßt den Keim zu aller heimlichen Ausdehnung nicht aufkommen. Die gleiche Gefahr würkt eine gegenseitige Schonung, und die Gesetze müssen da am ersten beachtet werden, wo jeder der Strafe bloßsteht und der Schuldige sich nicht auf eigne Stärke verlassen kann.

Über die Ruinen der deutschen Kunst

Man gibt sich jetzt viele Mühe um die Kunstwerke der Alten und sucht alle ihre Ruinen auf, um den großen Geist jener Werke nicht ganz zu verlieren. Allein, das Gebiete der Kunst erstreckt sich weiter als auf jene sichtbaren Gegenstände, und wenn wir uns nicht dem Vorwurf bloßstellen wollen, daß wir das Geringere dem Höhern vorziehen oder parteiisch verfahren, so müssen wir auch andern Unternehmungen des menschlichen Geistes und Fleißes, wenn sie auch gleich nur in der Erfindung einer großen und nützlichen Wahrheit bestehen sollten, nachspüren und solchen den gehörigen Rang unter den Kunstwerken einräumen. Ich rechne dahin besonders die großen Anstalten der alten Deutschen, wodurch sie sich in ihren politischen Verfassungen bei Freiheit und Eigentum zu erhalten gewußt haben. Soweit die wahre Glückseligkeit einer freien Nation über alle Arten der bildenden Künste erhoben ist: soweit muß man ein Volk, welches allen seinen Kunstfleiß auf die erstere verwendet, demjenigen vorziehen, daß bloß einige Maler und Bildhauer gezogen oder einige geschickte Sänger und Tänzer aufzuweisen hat. Nur der Despot, der in der Abwürdigung des ihm gehorchenden Menschen seinen Vorteil sucht, wird die letztern allein mit seinem Beifalle krönen; der edle Mann hingegen, der den Wert der Verdienste nach der Größe des Erfolgs vor das gemeine Beste abwiegt, beiden Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Römer, diese großen Kenner alles Schönen, haben keiner Nationalverfassung so viele Aufmerksamkeit gewidmet als der deutschen, und Montesquieu bekennet, daß alles, was für die gemeine Freiheit Großes erfunden worden, den Sachsen seinen Ursprung zu danken habe. Diese erreichten aber diesen großen Zweck nicht von ungefähr oder auf eine leichte, natürliche Art. Die Ruinen, welche uns davon übriggeblieben sind, zeugen von der größten Anstrengung des menschlichen Verstandes und von einem Gebäude, das in allen seinen Teilen nach dem höchsten Ideal aufgeführet worden.

– – – Glauben gleich einige, nur eine rohe und sonderbare Wildheit darin zu entdecken; und finden sich andre bequemer und ruhiger bei Pinseln und Meißeln; so müssen sie doch auch heimlich gestehen, daß sie unter den mancherlei Arten der Tyrannei, welche Reichtum, Dienst und Macht über das menschliche Geschlecht ausgeübet haben, zu weit unter ihre ursprüngliche Würde herabgesunken und höchstens den kränklichen Menschen zu vergleichen sind, die eine gelinde Bewegung der gesunden Arbeit vorziehen müssen. Man bewundert wenigstens die großen Werke der vorigen Zeiten, wenn man sie gleich nicht mehr nachahmen kann; und es würde eine Beleidigung sein zu glauben, daß eine kurze Geschichte der Kunst, wodurch sich der Sachse so lange bei seiner Freiheit erhalten, zu unsern Zeiten entweder als unglaublich oder als unwürdig verachtet werden sollte.

 

Keine Nation kann einen Anspruch auf Kunst machen, welche ihre Kinder der Natur überläßt und sich nicht sorgfältig bemühet, den jungen Seelen diejenige Bildung zu geben, welche das höchste allgemeine Beste erfordert. Je mehr alle ihre Fertigkeiten, Empfindungen und Gedanken zu diesem großen Endzwecke angezogen und befestiget werden, desto vollkommener ist sie; und je sorgfältiger die Mittel in dieser Absicht gewählt, je mühsamer solche erreicht und je feiner dieselben verknüpfet werden, desto mehr gehören sie in das Gebiete der Kunst. Von der körperlichen Erziehung der Deutschen, wie sie durch das Waffenspiel zur Unerschrockenheit gewöhnt, abgehärtet und geübet wurden, haben wir keinen vollständigen Begriff mehr; und wir wollen uns auch bei demjenigen, was dahin gehöret, nicht aufhalten, weil wir bloß unser Auge auf die Kunst richten wollen, wodurch sie in ihrer politischen Verfassung Freiheit und Eigentum zu erhalten bemühet gewesen. Ihre sittliche Erziehung aber muß sehr vollkommen gewesen sein, weil sie die Ehe für sehr heilig hielten, eine Ehebrecherin gar nicht unter sich duldeten, einem Mädgen keinen Liebesfehler verziehen und die Jünglinge in solcher Zucht hielten, daß sie vor dem fünfundzwanzigsten Jahre sich – – –

An einen jungen Staatsminister

Euer etc. empfangen den mir gütigst mitgeteilten Gedanken über die bessere Organisation unsers Staatskörpers hiebei zurück; sie sind meiner Meinung nach unverbesserlich. Jedes Glied muß seiner Bestimmung gemäß handeln, eines muß dem andern zu Hülfe kommen, alle müssen das Ihrige bequem, fertig und mit der mindesten Aufopferung verrichten; Verordnung, Absonderung, Zirkulation muß mächtig und frei sein, und die Operation des Ganzen ein solches Resultat hervorbringen, wie es der Anlage nach möglich ist. Nur bitte ich, sich in der Kur unsers Staatskörpers nicht zu übereilen. Er hat, da er in seiner Jugend nicht gehörig behandelt worden, sehr viele steife, verwachsene, verhärtete und gebrechliche Teile, und wenn Sie diese alle mit heroischen Mitteln wieder in Ordnung bringen wollen: so laufen Euer etc. Gefahr, alles zu sprengen und auch dasjenige zu zerstören, was bisher hoch halbweg seine Dienste getan hat. Ich bitte weiter zu überlegen, daß man von dem Staatskörper eben wie von jedem menschlichen Körper nicht bloß gesundes, natürliches Vermögen, sondern auch Kunstfertigkeiten verlange, und daß sich diese nicht anders erreichen lassen, als wenn man mit dem Kinde anfängt und demselben noch wieder durch alle Stufen des Alters diejenige Bildung gibt, welche dasselbe stufenweise zur Vollkommenheit führet. Alle Triebe, Gefühle und Fertigkeiten, insofern sie das Werk der Kunst sind, lassen sich dem Körper nicht plötzlich beibringen, und man macht aus einem alten steifen Manne eher einen Krüppel als einen Seiltänzer.

Der Staat, welchen Sie jetzt in seinem besten Wachstum sehen und, wie es scheinet, sich zum Muster vorgesetzet haben, ist nicht anders gebildet worden; er ist die Frucht einer fast achtzigjährigen unablässigen Arbeit, nicht aber eines kühnen Reformators. Zum eigenen Leben

Es scheinet vielen Männern sehr leicht geworden zu sein, ihr eignes Leben zu beschreiben; mir aber wird es schwer, nicht sowohl, weil ich nicht ebenso gut als ein andrer schreiben kann, ich sei d. – Dezemb. 1720 geboren und von meinen lieben Eltern fleißig zur Schule gehalten worden, als weil ich die Aufrichtigkeit in allen liebe und, da ich von mir selbst reden soll, solche nicht allemal beachten kann. Die Eigenliebe triumphiert unter allen guten und bösen Eigenschaften, die ich von mir anzugeben weiß, und ihr Triumph ist dann am vollkommensten, wenn ich mich in den höchsten Grad der Aufrichtigkeit versetzt habe. Ich habe mich und die Schwachheit der menschlichen Tugenden zu genau kennengelernet; und wenn ich mich nicht unterweilen mit dem Gedanken beruhigte, daß die reine Tugend überall in keiner menschlichen Seele anzutreffen sei: so würde ich manchen verdrießlichen Augenblick haben, anstatt, daß ich jetzt sehr oft heimlich über die schlauen und künstlichen Wendungen lache, wodurch mich meine Eigenliebe zu ihrem Ziele führt.

Mein Glück ist dabei, daß mich die Natur mit einem sehr ehrbaren Gesichte und gerade mit so viel Phlegma beschenkt hat, als nötig ist, um meine lebhafte Empfindung aller Gegenstände zurückzuhalten. Nur in meinem Lehnstuhle oder an meinem Schreibtische lache ich oft ungesehn und ungehört; aber in Gesellschaften und selbst unter meinen besten Freunden schützt mich mein Phlegma wider alle bittere Ausbrüche meines Herzens. Daher habe ich auch sehr selten jemanden mit einem Worte oder mit einer Miene beleidiget, solange er ein Tor für sich blieb.

Indessen mag ich doch früh schon viele Gefälligkeit gegen mich selbst gehabt haben. Denn ich schrieb schon im vierzehnten Jahre meines Alters meinen Lebenslauf. Die Gelegenheit dazu gab, daß ich aus Furcht für eine wohlverdiente Strafe meinen Eltern entlaufen und nach Münster gegangen war, wo ich hungrig ankam und, weil ich kein Geld mitgenommen hatte, mein Brod vor den Türen suchen sollte. Ich ging von dem Morgen bis zum Abend die Stadt im Kreise herum, wollte immer jemanden um eine Gabe ansprechen und konnte kein Wort hervorbringen. Endlich aber brach mir der Hunger den Mund, und ein Mann, dem ich stammelnd meine Not eröffnete, gab mir sechs Pfennige und den Rat, geschwind wieder zurück und zu meinen Eltern zu gehen. Wie reich war ich nicht mit dieser Summe? Ich kaufte mir Brod und ging vor das Tor, was nach meiner Vaterstadt führte. Hier setzte ich mich müde an einem Bach nieder, um zu trinken, und eine Weibsperson, die, wie ich nachher urteilte, eine Landstreicherin war, ward mein Engel. Ich erzählte ihr meine Not, und weil sie eben den Weg wollte, welchen ich zu gehen hatte: so nahm sie mich mit, brachte mich des Nachts in eine Baurenscheune und versorgte mich des andern Tages von dem Brod, was sie bettelte; doch lernte ich auch von ihr zum erstenmal ein Ei in der Asche zu kochen. Nachdem ich aber vier Meilen mit ihr zurückgelegt hatte, begegnete mir schon mein Lehrmeister, den meine Eltern bei mir hielten und der mir, sobald er meine Flucht vernommen, zu Fuße nachgeeilet war. Ich mußte also meine getreue Gefährtin verlassen, und dieses geschahe ohne Tränen. Meine Eltern waren froh, ihren verlornen ältesten Sohn wiederzuhaben, und auf Vorbitte meines Großvaters, des Bürgermeisters Elberfeld, ward mir die Strafe geschenkt. Die Schicksale auf dieser Reise fülleten meinen vierzehnjährigen Lebenslauf.

Doch war derselbe nicht ganz von gelehrten Streichen leer. Der nachherige Senior Bertling in Danzig, der helmstädtsche Professor Lodmann und ich, wir hatten im zwölften Jahre unsers Alters eine gelehrte Gesellschaft errichtet, worin wöchentlich allerhand Abhandlungen, deren eigentlicher Wert darin bestanden haben würde, daß sie in einer selbst gemachten Sprache geschrieben waren, verlesen werden sollten. Wir waren aber damit nicht viel weiter gekommen, als daß wir recht einfach eine Grammatik und ein Wörterbuch dazu verfertiget hatten und, wie sich das versteht, eine gelehrte Zeitung darin schrieben. Hiemit schieden wir aus der Schule des Kantors, der uns in diesem Spielwerke nicht gestöret hatte; aber unser folgender Lehrer, dem mein Lebenslauf, welchen ich in jener Sprache geschrieben hatte, in die Hände fiel, nötigte uns mit Schlägen zu unser Muttersprache. Oft habe ich nachher gewünscht, daß er unsern Trieb genützt und uns, weil wir doch weiter nichts als etwas ganz Besonders suchten, im Hebräischen oder Arabischen zu schreiben aufgemuntert hätte. Dafür quälte er uns mit der lateinischen Poesie und ärgerte sich, daß wir die Aufgaben, welche er uns in Prosa gab, sofort in Versen niederschrieben und ihm dieselben sodann vorlasen, um ihn zu vermögen, uns etwas mehrers zuzumuten. Aber es half nichts, wir wurden mit Schlägen angehalten, die Aufgaben erst in Prosa aufzuschreiben: doch war er der beste Lehrer für langsame Köpfe.

Sosehr uns dieser unterdrückt hatte: so flüchtig machte mich sein Nachfolger, der Konrektor Ponat, der – – –

Der Tanz als Volksbelustigung

O mein lieber Junge! lobe und tadle mir doch die Freuden der Menschen nicht, du hast ja noch blutwenig davon genossen, hast noch nie ein süßes Stück Brod im Schweiße deines Angesichts gekostet und weißt traun noch nicht, wie einem ehrlichen Kerl zumute ist, der ein gutes Weib braucht und jetzt findet.

Zudem suchst du die Freuden da auf, wo sie niemand findet, am Hofe und in der sogenannten guten Gesellschaft, wo jedermann ißt und trinkt, spielt und tanzt, lieset und arbeitet – aber alles zum Zeitvertreibe. Freuden sind nur da, wo wahre Bedürfnisse auf eine angenehme Art befriediget werden, wo Hunger zu stillen und Durst zu löschen ist. Nur da weiß man, was Rasten am siebten heißt, wo man sechs Tage von einer Dämmerung bis zur andern im Joche gezogen hat. Und was ist der Hof und die schöne Gesellschaft gegen die wahre Welt und ihre Freuden?

Den Landmann und den Bürger mußt du in seinen Reihen und in seinen Lustbarkeiten folgen, wenn du Freuden kennenlernen und beurteilen willst. Oder wade selbst einen Tag und mehrere Tage in heißem Sande, wenn du die Freuden eines kühlenden Bades genießen willst. In den arabischen Wüsten kannst du lernen, was es sei, am Abende eine Hütte und in derselben ein Böcklein von der Herde wohlbereitet zu finden. Aber wer in einem sanft gespanneten Wagen von einem prächtigen Gasthofe zum andern reiset und überall antrifft, was er wünscht, der weiß es nicht, was es ist, nach frischem Wasser zu lechzen und eine frische Quelle zu finden. Er badet sich auch, aber genießt das Bad nicht. Er ißt und trinkt auch, aber nicht mit Philemon und Baucis; er fühlt nichts von der Dankbarkeit, womit eine gastfreie Aufnahme den müden Wandersmann da erquicket, wo es sonst keine Herbergen gibt. Nur darum sind uns die alten Dichter so schön, weil sie Bedürfnisse gefühlt und gestillet haben und dann von Empfindungen überfließen. Du kannst nur nachempfinden und nachdichten, solange du nicht selbst oder bloß zum Zeitvertreibe Freude genossen hast. Alle Vergnügungen am Hofe und in den guten Gesellschaften sind wie die Freude des Kaisers, wenn er den Pflug treibt; Spielwerke des Kindes, nicht Freuden des Mannes.

Du sprichst vom Tanzen und untersuchst, ob es ein anständiges und erlaubtes Vergnügen sei; aber der Zirkel, worin dein Richterstuhl steht, ist ein enger Ballraum in der Stadt, worin einige Müßiggänger herumhüpfen und sich von der Eitelkeit spornen lassen müssen, weil sie kein Bedürfnis, sich zu bewegen, empfinden. Warum gehst du dafür nicht in die Schneiderschenke und siehst, wie die Leute, die vier Wochen mit untergeschlagenen Beinen auf einem Tische gesessen haben, ihre Glieder geradedehnen? Warum folgst du nicht dem Schuster, der einen Monat lang vom frühesten Morgen bis auf den spätsten Abend krumm in einer engen Werkstatt gesessen und jetzt im Freien atmet? Warum gehst du nicht in die Dorfschenke und lernst dich mit Männern freuen, die mit dem Stolze einer wohl und mühsam zustande gebrachten Arbeit sich der Erholung widmen? Hier würdest du echte Menschenfreuden finden, wenn es anders noch Leute sind, die Mut und Kräfte haben. Hier würdest du sehen, wie die harmonische Bewegung des Tanzes den steifen Gliedern Geschmeidigkeit gibt und die Menschenkinder erheitert, die einen Tag und alle Tage aus einem Joche ins andre gespannet werden. In der Arbeit hatten sie ihren Sklavengang und schienen nur Maschinen zu sein. Aber jetzt fühlen sie ihr Dasein und freuen sich dessen.

Ruhe ist der Tod für Menschen, welche der Arbeit gewohnt sind; eine leere Stunde ist ihnen unerträglich, sie will gut oder böse ausgefüllet sein, und der Alte muß spielen und trinken, wenn er nicht tanzen soll. Andre Erholungen kennt er nicht. Er kann kein gutes Buch wie du genießen. Die Predigt rührt, bewegt und bessert ihn, wenn sie ihm durch die ganze Aktion des Predigers sinnlich gemacht wird; aber das tote Buch ... wahrlich, er genießt es nicht, er hat auch keine Werkzeuge, um es zu genießen. Der alte Vater schläft auf der Postille ein, und der junge geht gar nicht daran. Das kannst du aus der Erfahrung lernen. Und ich will es dir zur andren Zeit aus physikalischen Gründen beweisen, daß Leute, die sich durch Lesen vergnügen sollen, auch viel gelesen und sich dazu gewöhnt haben müssen; und das ist der Fall nicht, worin sich der arbeitsame Teil des menschlichen Geschlechts befindet. Willst du Erbauungsstunden zur Erholung? Gut, dahin läßt sich der Mensch wenden; aber nur auf kurze Zeit und mit Untermischungen, wodurch diese Kost gehoben wird. Die gute starke Natur der Jugend, welche du die böse nennest, bricht durch und spielt durch die Larve, welche du ihm auf das Gesicht gezwungen hast. Er ist dann gefährlicher, als wenn du ihm seine Triebe im Tanze ausdampfen läßt.

Das Tanzen ist ihm eine lustige Arbeit, wobei die leere Ruhe wegfällt und wodurch ihm zugleich ein Feld zur Ehre eröffnet wird. Hier schwenkt er sein braunes Mädgen öffentlich; und die Alten gehn ab und zu und freuen sich ihrer Kinder, anstatt sich traurig ums Herd zu setzen und auf dem Stuhle zu betrinken. Die junge Frau reißt ihren Mann vom Spieltische, wo er nur sein Geld verliert, und ruft dem Spielmanne auf der Tonne zu, den rechten Tanz zu spielen. Ihre Kinder bewegen sich draußen unterm Fenster, um den Schall der Violine nicht umsonst verfliegen zu lassen; alles freuet sich, weil es hungrig auf Freude ist, und freuet sich einmal satt, da es der Lust nur selten genießt und ihrer bedarf, um sich von der langen schweren Arbeit zu erholen.

So ist der Tanz des arbeitsamen und größern Teils der Menschen; und wo sie diesen nicht lieben, da sitzen die Männer in traurigen Stuben, schwelgen und spielen, und ihre Jugend schleicht in Winkeln zusammen, um sich in heimlichen Lastern zu wälzen. Je roher der Mensch ist, desto mehr sucht er den Ausdruck der Bewegung. Seine Sprache dünkt ihm zu sehwach, sein Auge, wenn es nicht erhitzt ist, zu blöde; er muß springen, wenn er seine Freude selbst fühlen und andern mitteilen will. Daher lieben die Wilden den Tanz so sehr; er ist ihnen wahre Bedürfnis, und die Nation ist die glücklichste, die viel Freude auf diese Art auszudrücken hat oder, wo sie gedrückt ist, viel Leid vertanzen kann.

Also sind die Regeln nicht zu verachten

O mein lieber Freund, Sie können Ihr regelloses Werk bei mir nicht damit entschuldigen, daß die Regeln nur Leitbänder für Kinder wären, die der Mann nicht gebrauchte; und daß nichts so sehr dem Fortgange aller Künste schadete als die ängstliche Regelmäßigkeit, womit die mehrsten unter uns arbeiteten; dergleichen Trugschlüsse verführen den Kenner nicht. Jede Regel muß das Resultat einer richtigen und glücklichen Erfahrung sein; und wenn Sie mir dieses einräumen müssen: so frage ich Sie jetzt: wo Sie die Erfahrungen angestellet haben, nach welchen Sie sich bei Ihren Arbeiten gerichtet?

Ihr Werk mißfällt mir; folglich haben Sie meine Erfahrung wider sich, und diese damit abzuweisen, daß Sie sich durch keine Regeln fesseln lassen, ist, im Vertrauen gesagt, ein bißgen unfreundlich. Niemand verwehret es dem Genie, alle vor ihm gewesene Regeln zu überschreiten, und man kann mit Recht sagen, das Genie sei daran gar nicht gebunden, und es gebe gar keinen Gesetzgeber für das Genie. Aber – – aber, indem der Adler solchergestalt seinen eignen kühnen Flug nimmt, so muß er sich doch in einer Bahn halten, wo ihn die Sonne nicht verbrennet; dann nennt man es eine richtige und glückliche Erfahrung, wenn ihm hierin auch kein Adler vorgeflogen ist oder nachfliegen kann; und diese Erfahrung ist seine Regel.

Sie sehen also, liebster Freund, daß auch der höchste Flug sein Maß und seine Regel habe; und daß einer sich nicht leicht davon entfernen kann, ohne einen Fehler zu begehen. Wenn Sie mich aber fragen, was ein Schriftsteller für Erfahrungen machen könne, um zu wissen, ob sein Werk gut oder schlecht geraten sei: so ist dieses eine andre Frage. Einmal kann er so hoch fliegen, daß ihm kein sterbliches Auge folgen kann, und dann kann er machen, was er will. Niemand sieht ihn und niemand beurteilet ihn, er ist Schöpfer seiner eignen Welt, worin er sich einsam so lange selbst bewundern kann, als es ihm gefällt. Hiernächst kann er auch einen Flug nehmen, worin er bloß den gewaffneten Augen sichtbar bleibt; und wenn er dieses tut: so ist der große Beifall, den er von diesen erhält, für ihn eine glückliche Erfahrung. Will er aber von allen Augen gesehn, beurteilt und bewundert werden: so schadet ihm der Tadel der gewaffneten Augen so sehr nicht, wenn er nur, wie ich hier ohne weitere Einschränkung unverfänglich zugeben will, dem größten Teile gefällt. Hat er aber sowenig das eine als das andre für sich: so ist sein Flug eine Verwegenheit, die sich damit, daß das Genie keinen Gesetzgeber erkenne, keineswegs entschuldigen läßt.

»Regeln sind für Anfänger«, sagen Sie ganz richtig; sie sind auch nur für die gewöhnlichen Fälle, und es würde töricht sein, in einer Anweisung zur Sternkunde sich bloß über die Laufbahn der Kometen zu erklären. Aber dieses – – – Überhaupt aber gefällt mir doch auch Ihre große Abneigung gegen alle Regeln nicht.

 

Sie mögen noch so sehr auf die Regeln schmälen: so bin ich doch nicht der Meinung, daß man sie verlassen müsse. Bricht ein Genie gleich oft durch alle bekannte Regeln und setzt sich weit über die Linie hinaus, die ihm sein Lehrmeister vorgezeichnet hat: so tut er Weiter nichts, als daß er sich seine eignen Regeln macht, und so entstehn für ihn nur neue Regeln, die er befolgen muß. Jede Regel ist das Resultat einer richtigen und glücklichen Erfahrung; und das Genie, welches diese Lehrmeisterin verläßt, – – –

Freiheit und Eigentum
die ursprünglichen Rechte der Menschen

– – – Freiheit und Eigentum, wird der Deutsche sagen, sind die heiligen ursprünglichen Rechte der Menschen; jeder kann davon so viel nachgeben, als er will und das Beste der Gesellschaft erfordert. Aber alles, was ihm außerdem davon genommen wird, ist Raub. Eine tausendjährige Sklaverei, worin ein Tyrann sein Volk gehalten, wird nie die Kraft einer gesetzmäßigen Verjährung erhalten. Das Volk, das Macht genug hat, sich wieder in Freiheit zu setzen, sündiget nicht, wenn es jene Rechte wieder an sich nimmt. Die feierlichste Unterwerfung seiner Vorfahren, die bündigsten Verbindungen, die geduldigsten Leiden desselben kann vielleicht jenen Vorfahren, wenn anders zwischen Sklaven und Tyrannen eine rechtliche Verbindung zu gedenken ist, zu Rechte entgegengesetzt werden. Aber nie hat der Vater durch seine Einwilligung seiner Kinder Freiheit und Eigentum vergeben können. Dieser ihr Recht lebt in jedem Augenblick, worin sie mächtig genug werden, es auszuführen, wiederum auf. Jede Unterdrückung geschieht bloß durch die Macht; und Gewalt kann mit Gewalt vertrieben werden. Selbst eine von den Vorfahren eingegangene rechtmäßige Verbindung kann ihren Nachkommen nur so lange zur Richtschnur dienen, als sie die Schwächsten sind. Sobald diese den großen und starken Haufen ausmachen, ist es ihr Recht, sich eine andre Verfassung zu wählen, die Monarchie in eine Republik und die Republik in eine Monarchie zu verwandeln.

Was von diesen äußerlichen Rechten der Menschen gesagt ist, gilt gewiß auch von seiner innerlichen Freiheit oder von dem Rechte der Vernunft, der auch der abscheulichste Tyrann keine Fesseln anzulegen vermögend ist. Alle Macht, alle Erkenntnis der Vorfahren, alle Gelehrsamkeit ist unvermögend, dieser von dem allmächtigen Schöpfer wider alle äußerliche Angriffe versicherten Befugnisse Eingriff zu tun. Hat es den Vorfahren freigestanden, sich wegen einer Lehrformel zu vergleichen: so muß es uns mit gleichem Rechte freistehen. Sie sind arglistig genug gewesen, unsre kindischen und zärtlichen Empfindungen nach ihren Systemen zu bilden; sie haben uns ihre Meinungen mit der Muttermilch eingeflößet und so lange über uns geherrschet, als wir ihnen nach unsern erhaltenen Eindrücken gefolgt sind. Aber sobald der mündige Mensch selbst denkt; sobald er von der Wahrheit anders überzeugt wird: so höret ihre Herrschaft auf. Wir sind Freigeborne Gottes; Gott will und muß uns nach unser Überzeugung richten; und wir werden vor ihm mit unser Rechenschaft schlecht bestehen; wenn wir niederträchtig genug gewesen wären, unser Pfund zu vergraben und aus Vorsatz oder Trägheit nach unbefugten Befehlen zu handeln.

Und welcher Mensch ist imstande, sich eine Meinung selbst zu gebieten oder gebieten zu lassen? Es ist nicht möglich, daß er sie ohne eigne Überzeugung, sie sei eine, von welcher Art sie wolle, für wahr halte. Überzeugung aber kann durch nichts als durch Gründe gewürket werden. Und so sind es nicht unser Vorfahren Lehrsätze, sondern die Gründe, welche sie dafür gehabt haben, so uns führen müssen. Und über Gründe hat niemand als unsre Vernunft zu richten. Auf deren ihren Ausspruch allein kommt es an.

Ich gebe es zu, daß es das Recht der großen Macht sei, der mindern Gesetze zu geben; und daß, wenn jene eine andre Meinung hat, dieselbe die letztere aus ihrer Gemeinschaft ausschließen könne.








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