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Paradoxe der Stoiker

Marcus Tullius Cicero: Paradoxe der Stoiker - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleParadoxe der Stoiker
authorRaphael Kühner
firstpub1864
year1864
publisherKrais & Hoffmann
addressStuttgart
titleParadoxe der Stoiker
created20060201
sendergerd.bouillon
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Viertes Paradoxon.

‘Ότι πα̃ς άφρων μαίνεται.

Jeder Thor ist sinnlosNach der Ansicht der Stoiker zerfallen die Menschen in zwei Klassen: die Weisen und die Unweisen oder Thoren; der Weise ist frei von aller Thorheit, der Unweise entbehrt aller Weisheit. Der Unweise ist sinnlos (verrückt), weil er über sich selbst und das, was ihn zunächst angeht, kein Bewußtsein hat. S. Zeller Griech. Philos. Th. III. S. 142 ff. und Cicer. Tusc. III. 4, 9. Uebrigens sind uns von Cicero's Abhandlung über das vierte Paradoxon nur die ersten Zeilen, und zwar höchst lückenhaft, erhalten. Von den Worten an: »Des Weisen Geist« bis zu Ende wird, wie Caspar. Scioppius in Element. philos. Stoicae moralis p. 77. bemerkt, ein anderes Paradoxon abgehandelt, nämlich: nur der Weise ist ein Bürger, alle Unweisen hingegen Verwiesene..

I. 27. Ich glaube fürwahr, daß du nicht thöricht, wie oft, nicht schlecht, wie immer, sondern verstandlos und unsinnig bist * * *

* * * er kann in Beziehung auf Lebensbedürfnisse unbesiegbar sein * * *

Des Weisen Geist, der mit der Größe seiner Einsicht, mit Ertragung der menschlichen Ereignisse, mit Verachtung des Schicksals, kurz mit allen Tugenden wie mit Mauern umringt ist, sollte besiegt und erstürmt werden, er, der nicht einmal aus dem Staate verwiesen werden kann? Denn was ist ein Staat? Etwa jede Zusammenkunft auch von wilden und ungeschlachten Menschen? etwa jede an einem Orte zusammengescharte Menge auch von Flüchtlingen und Räubern? Sicherlich wirst du »Nein« sagen.

Nicht gab es daher damalsCicero meint die Zeit, wo Clodius, sein erbittertster Feind, es durchsetzte, daß er aus Rom verwiesen wurde. Publius Clodius Pulcher war einer der vornehmsten und ruchlosesten Volksaufwiegler und der sittenlosesten Menschen. In der Kleidung einer Zitherspielerin wußte er sich in das Haus der Pompeja, Cäsar's Gemahlin, mit der er ein geheimes Liebesverständniß unterhielt, als daselbst das Fest der Guten Göttin (s. die Anm. 28), zu dem allen Männern der Zugang verboten war, einzuschleichen, wurde aber erkannt und vor Gericht angeklagt. Da er behauptete, er habe sich an diesem Tage gar nicht in Rom aufgehalten, zeugte Cicero gegen ihn, daß er ihn an diesem Tage in Rom gesehen habe. Nichtsdestoweniger wurde er freigesprochen. Von diesem Augenblicke an faßte er den unversöhnlichsten Haß gegen Cicero, und klagte im J. 58 v. Chr. als Volkstribun ihn an, daß er zur Zeit der Catilinarischen Verschwörung Römische Bürger, die vom Volk nicht verurtheilt worden seien, habe hinrichten lassen. Obwol der Senat sich der Sache Cicero's auf das Angelegentlichste annahm, so mußte dieser doch in die Verbannung gehen. Hiermit noch nicht zufrieden, verwüstete er Cicero's Landgüter und riß dessen Haus in Rom nieder. S. Cicer. pro Sestio 24. Aber schon im folgenden Jahre wurde Cicero aus der Verbannung zurückgerufen, und wie im Triumphe zog er durch Italien nach Rom, wo ihm die ehrenvollste Aufnahme bereitet war. S. Cicer. pro Sestio 63. einen Staat, als die GesetzeEr meint die lex Aelia et Fufia. S. Orelli Index legum p. 126–131. in demselben keine Geltung hatten, als die Gerichte darniederlagenVgl. Cicer. in Pison. 4, 9. 12, 26. or. post red. ad Quic. 6, 14., als die vaterländische Sitte untergegangen war, als nach Vertreibung der Obrigkeiten durch das Schwert der Senat nur dem Namen nach in der Staatsverfassung, nicht aber in Wirklichkeit bestandNach der scharfsinnigen Muthmaßung von Borgers: senatus nomine in re publica, non re erat statt der handschriftlichen Lesart: senatus nomen in re publica non erat, die auch Halm für verderbt hält.. Jene Zusammenfluß von Räubern und das unter deren Leitung auf dem Forum errichtete Räuberwesen und die Ueberbleibsel der Verschwörungsbande, die sich von Catilina's Furien deiner Frevelthat un deiner Raserei zugewendet hatte: das war der Staat.

28. So wurde ich denn nicht vertrieben aus dem Staate, der keiner war; herbeigerufen aber wurde ich in den Staat, als es in der Staatsverfassung wieder einen ConsulIm J. 57 v. Chr. unter dem Consulate des Publius Cornelius Lentulus Spinther und des Quintus Cäcilius Metellus Nepos wurde Cicero aus der Verbannung zurückgerufen. Cicero bedient sich hier des Singulars Consul, weil besonders Lentulus seine Zurückberufung betrieb. S. Cicer. pro Sestio c. 33, 72. gab, den es damals nichtCicero wurde unter dem Consulate des Lucius Calpurnius Piso und Aulus Gabinius aus Rom verwiesen; er erkennt sie aber nicht als Consuln an, da sie nicht für die Wohlfahrt des Staates Sorge trugen (consulebant), sondern vielmehr in Gemeinschaft mit dem elenden Clodius die ganze Staatsverfassung vernichteten. S. Cicer. in Pison. 10, 22 sq. gegeben hatte, als es einen Senat gab, der damals untergegangenEs gab zwar einen Senat, aber bloß dem Namen nach; denn er hatte keine Geltung, und obwol er sich der Sache Cicero's annahm, konnte er doch seine Verweisung nicht verhindern. war, als eine freie Uebereinstimmung des Volkes herrschteIndem das Volk frei und einstimmig meine Zurückberufung verlangte., als Recht und Billigkeit, welche die Bande des Staates bilden, in das Andenken zurückgerufen worden waren.

Und siehe, wie sehr ich die Geschosse deiner Räuberbande verachtet habe. Daß du Pfeile ruchloser Ungerechtigkeit gegen mich geschleudert und abgeschossen hast, der Ansicht bin ich zu jeder Zeit gewesen; daß sie mich aber getroffen haben, das habe ich nie geglaubt; du müßtest dir denn etwa einbilden, damals, als du Wände zertrümmertest, oder als du in Häuser verruchte Feuerbrände hineintrugstS. dieCicero meint die Zeit, wo Clodius, sein erbittertster Feind, es durchsetzte, daß er aus Rom verwiesen wurde. Publius Clodius Pulcher war einer der vornehmsten und ruchlosesten Volksaufwiegler und der sittenlosesten Menschen. In der Kleidung einer Zitherspielerin wußte er sich in das Haus der Pompeja, Cäsar's Gemahlin, mit der er ein geheimes Liebesverständniß unterhielt, als daselbst das Fest der Guten Göttin (s. die Anm. 28), zu dem allen Männern der Zugang verboten war, einzuschleichen, wurde aber erkannt und vor Gericht angeklagt. Da er behauptete, er habe sich an diesem Tage gar nicht in Rom aufgehalten, zeugte Cicero gegen ihn, daß er ihn an diesem Tage in Rom gesehen habe. Nichtsdestoweniger wurde er freigesprochen. Von diesem Augenblicke an faßte er den unversöhnlichsten Haß gegen Cicero, und klagte im J. 58 v. Chr. als Volkstribun ihn an, daß er zur Zeit der Catilinarischen Verschwörung Römische Bürger, die vom Volk nicht verurtheilt worden seien, habe hinrichten lassen. Obwol der Senat sich der Sache Cicero's auf das Angelegentlichste annahm, so mußte dieser doch in die Verbannung gehen. Hiermit noch nicht zufrieden, verwüstete er Cicero's Landgüter und riß dessen Haus in Rom nieder. S. Cicer. pro Sestio 24. Aber schon im folgenden Jahre wurde Cicero aus der Verbannung zurückgerufen, und wie im Triumphe zog er durch Italien nach Rom, wo ihm die ehrenvollste Aufnahme bereitet war. S. Cicer. pro Sestio 63.., sei Etwas des MeinigenD. h. Etwas von dem, was mir in Wirklichkeit angehört, was mein Inneres, mein eigenes Wesen betrifft. eingestürzt oder in Flammen aufgegangen.

29. Nicht ist weder mein noch irgend Jemandes Eigenthum, was weggenommen, was entrissen, was verloren werden kann. Wenn du mir die göttlicheSoll nicht heißen: meine unvergleichliche oder bewunderungswürdige Standhaftigkeit, sondern göttlich werden alle Tugenden genannt, insofern sie als ein Ausfluß des göttlichen Wesens angesehen werden. Standhaftigkeit meines Geistes entrissen hättest, alsNach Halm's Muthmaßung: quum meis curis.. staret statt meas curas.. staret. Vgl. die Varianten bei Moser S. 184. durch meine Sorgen, Nachtwachen, Rathschläge das Gemeinwesen zu deinem großen Mißvergnügen feststand; wenn du unsterbliche Andenken an diese unvergängliche WohlthatDas Andenken an die Unterdrückung der Catilinarischen Verschwörung. vertilgt hättest; ja noch weit mehr, wenn du mir jenen Geist, aus dem diese Rathschläge geflossen sind, entrissen hättest: dann würde ich eingestehen eine Kränkung von dir erlitten zu haben. Aber wenn du dieses weder thatest noch thun konntest, so hat mir deine Kränkung eine ruhmvolle Rückkehr bereitet, nicht einen unheilvollen Weggang.

Also war ich immer Bürger, und damals am Meisten, als der Senat meine Wohlfahrt als die des besten Bürgers auswärtigen Nationen anempfahlS. Cicer. pro Sestio 22, 50. 60, 128.; du bist es nicht einmal jetzt; es müßte denn etwa Eine Person zugleich Staatsfeind und Staatsbürger sein können. Unterscheidest du etwa den Bürger vom Feinde nach Abstammung und Wohnort und nicht nach Gesinnung und Thaten?

II. 30. Mord hast du auf dem Forum begangenAls am 25. Januar des J. 58 v. Chr. der im Senate einstimmig gebilligte Gesetzvorschlag wegen Cicero's Zurückberufung an die Volksversammlung gebracht werden sollte, richtete Clodius in Verbindung mit einer Schar gedungener Gladiatoren auf dem Forum ein großes Blutbad an, um die Durchführung jenes Gesetzesvorschlages zu verhindern. Vgl. Cicer. pro Sestio 35, 75., mit bewaffneten Räubern Tempel besetzt gehalten, Privathäuser und heilige Gebäude in Brand gestecktS. Cicer. pro Sestio c. 39, 85.. Warum war SpartacusSpartacus, von Geburt ein Thracier, ein Gladiator, war mit fast achtzig Gladiatoren aus der Gladiatorenschule zu Kapua in Kampanien entsprungen (73 v. Chr.). Indem er überall, wo er hinkam, Sklaven und Gladiatoren in Freiheit setzte, stand er bald an der Spitze eines furchtbaren Heeres. Die Römischen Heere, die ihm entgegengeschickt wurden, schlug er, bis Licinius Crassus den Oberbefehl erhielt (71 v. Chr.), der den Spartacus am Silanus in Lucanien gänzlich besiegte. Spartacus fiel in der Schlacht. ein Staatsfeind, wenn du ein Staatsbürger bist? Kannst du aber ein Bürger sein, durch dessen Schuld es einmal keinen Staat gab? Und mich benennst du mit deinem NamenD. h. mit einem Namen, der dir zukommt, nicht mir; denn du verdientest die Strafe der Landesverweisung für deine Frevelthaten gegen den Staat, nicht ich, der ich die größten Verdienste um den Staat habe., da doch Alle der Ansicht sind, daß mit meinem Weggange das Gemeinwesen verwiesen war? Willst du niemals, unsinnigster Mensch, um dich schauen, niemals überlegen, weder was du thust, noch was du redest? Weißt du nicht, daß Landesverweisung die Strafe für Frevelthaten ist? Daß jene meine ReiseCicero nennt seine Verweisung eine Reise (kurz vorher Weggang), die er von freien Stücken unternommen habe. Nachdem sich nämlich Cicero nicht allein von den Consuln, sondern auch von Pompejus im Stiche gelassen sah, wollte er lieber Rom verlassen als das Leben vieler edler Patrioten den bewaffneten Scharen des Clodius preisgeben und entfernte sich daher aus der Stadt, bevor der Urtheilsspruch über seine Verbannung gefällt war. hingegen wegen der herrlichsten ThatenNämlich wegen der Entdeckung und Unterdrückung der Catilinarischen Verschwörung. Clodius hatte auf Cicero's Verweisung angetragen, weil dieser Theilnehmer der Verschwörung, die Römische Bürger waren, unverurtheilt habe hinrichten lassen., die ich ausführte, von mir unternommen wurde?

31. Alle Frevler und Bösewichter, für deren Anführer du dich offen bekennst, die die Gesetze mit Verweisung bestraft wissen wollen, sind Verwiesene, wenn sie auch den Boden nicht gewechselt haben. Und du solltest kein Verwiesener sein, da doch alle Gesetze dich verweisen? Sollte der nicht ein Verwiesener heißen, der sich mit Mordgewehr bewaffnet hatNach der lex Cornelia de sicariis wurde derjenige, der sich mit einem Mordgewehre bewaffnet hatte, um einen Anderen zu tödten, für einen Meuchelmörder gehalten, obgleich er die Mordthat noch nicht vollbracht hatte. S. Orelli Index Leg. p. 162.? Von dem Senate wurde dein Dolch ergriffenIn dem Tempel des Castor wurde nämlich ein Sklave des Clodius ergriffen, den dieser dahin geschickt hatte, um den Pompejus zu ermorden, weil derselbe früher auf seiner Seite gestanden, jetzt aber für die Zurückberufung Cicero's gestimmt hatte. S. Cicer. pro Milone 7, 18. in Pison. 12, 28. pro Sestio 32, 69.. Nicht der, welcher einen Menschen getödtet hat? Du hast schon sehr Viele getödtet. Nicht der, welcher Brand angestiftet hat? Der Tempel der Nymphen ist durch deine Hand in Flammen aufgegangenS. Cicer. pro Milone 27, 73. In dem Tempel der Nymphen befand sich das Archiv (tabularium).. Nicht der, welcher die geweihten Plätze besetzt gehalten hat? Auf dem ForumDas Forum war einer der geweihten Plätze (templa) Rom's. hast du ein Lager aufgeschlagen.

32. Doch wozu führe ich allgemeine Gesetze an, die dich alle für einen Verwiesenen erklären? Dein vertrautester FreundDer Consul Marcus Piso. S. Cicer. ad Attic. 13, 1. hat in Beziehung auf dich die besondere VerordnungPrivilegium, d. h. ein Gesetzvorschlag, der sich nur auf eine einzelne Person bezog, sowol in gutem als in bösem Sinne. in Vorschlag gebracht, daß, wenn du in das verbotene Heiligthum der Guten GöttinDas Fest der Guten Göttin wurde am 1. Mai des Nachts in dem Hause eines der Consuln oder Prätoren gefeiert. Ueber die hier erwähnte Sache s. dieCicero meint die Zeit, wo Clodius, sein erbittertster Feind, es durchsetzte, daß er aus Rom verwiesen wurde. Publius Clodius Pulcher war einer der vornehmsten und ruchlosesten Volksaufwiegler und der sittenlosesten Menschen. In der Kleidung einer Zitherspielerin wußte er sich in das Haus der Pompeja, Cäsar's Gemahlin, mit der er ein geheimes Liebesverständniß unterhielt, als daselbst das Fest der Guten Göttin (s. die Anm. 28), zu dem allen Männern der Zugang verboten war, einzuschleichen, wurde aber erkannt und vor Gericht angeklagt. Da er behauptete, er habe sich an diesem Tage gar nicht in Rom aufgehalten, zeugte Cicero gegen ihn, daß er ihn an diesem Tage in Rom gesehen habe. Nichtsdestoweniger wurde er freigesprochen. Von diesem Augenblicke an faßte er den unversöhnlichsten Haß gegen Cicero, und klagte im J. 58 v. Chr. als Volkstribun ihn an, daß er zur Zeit der Catilinarischen Verschwörung Römische Bürger, die vom Volk nicht verurtheilt worden seien, habe hinrichten lassen. Obwol der Senat sich der Sache Cicero's auf das Angelegentlichste annahm, so mußte dieser doch in die Verbannung gehen. Hiermit noch nicht zufrieden, verwüstete er Cicero's Landgüter und riß dessen Haus in Rom nieder. S. Cicer. pro Sestio 24. Aber schon im folgenden Jahre wurde Cicero aus der Verbannung zurückgerufen, und wie im Triumphe zog er durch Italien nach Rom, wo ihm die ehrenvollste Aufnahme bereitet war. S. Cicer. pro Sestio 63.. eingedrungen seiest, du verwiesen werden sollest. Aber du pflegst dich sogar dieser That zu rühmen. Wie ist es nun möglich, daß du, durch so viele Gesetze aus dem Lande verwiesen, vor dem Namen eines Landesverwiesenen nicht erzitterst? – »In Rom bin ich,« sagst du. – Ja wol, und du bist sogar in einem verbotenen Heiligthume gewesen. Nicht also wird Einer an dem Orte, wo er sich aufhält, ein Anrecht haben, wenn er sich daselbst nicht nach den Gesetzen aufhalten darf.

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