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Paradoxe der Stoiker

Marcus Tullius Cicero: Paradoxe der Stoiker - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleParadoxe der Stoiker
authorRaphael Kühner
firstpub1864
year1864
publisherKrais & Hoffmann
addressStuttgart
titleParadoxe der Stoiker
created20060201
sendergerd.bouillon
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Zweites Paradoxon.

‘Ότι αυτάρκης η αρετὴ πρὸς ευδαιμονίαν.

Die Tugend genügt sich selbst zur Glückseligkeit.

16. Wahrlich, ich habe nie den Marcus RegulusUeber Marcus Atilius Regulus s. zu Cato Kap. 20, §. 75. für mühselig noch für unglücklich oder elend gehalten. Denn nicht wurde seine Seelengröße von den Puniern gemartert, nicht sein gesetzter Charakter, nicht seine Zuverläßigkeit, nicht seine Standhaftigkeit, keine einzige seiner Tugenden, nicht endlich sein Geist, der unter dem Schutze und dem mächtigen Gefolge so vieler Tugenden, obwol sein Körper in Gefangenschaft gerieth, doch sicherlich selbst nicht in Gefangenschaft gerathen konnte. Den Gajus MariusGajus Marius, geboren zu Arpinum, einer Stadt Latiums, besiegte 107 v. Chr. als Consul den Jugurtha, König von Numidien, dann die Cimbern und Teutonen (101), und 88–86 führte er den Bürgerkrieg gegen Sulla. Wenn man die letzten Lebensjahre des Marius ausnimmt, so kann man ihn allerdings mit Cicero einen vom Glücke begünstigten Mann nennen; denn obwol von geringer Abkunft, schwang er sich bald zu den höchsten Staatswürden empor und war fast in allen seinen Kriegsunternehmungen glücklich. Auch läßt sich nicht leugnen, daß Marius sich im Unglücke groß zeigte. Wenn man aber an seine Rachsucht und an die vielen und furchtbaren Grausamkeiten, die er in dem mit Sulla geführten Bürgerkriege ausübte, denkt; so muß man sich doch wundern, daß Cicero sich über ihn so ausspricht, als ob er einer der glückseligsten Menschen gewesen wäre. aber haben wir selbst noch gekanntCicero hatte als junger Mensch von 22 Jahren in dem Marsischen Kriege unter Marius gedient.. Bei günstigem Geschicke erschien er mir als einer der vom Glücke begünstigten Menschen, bei widrigem als einer der großen Männer: die größte Glückseligkeit, die einem zu Theil werden kann.

17. Du weißt nicht, Unvernünftiger, du weißt nicht, was für Kräfte die Tugend besitzt; nur den Namen der Tugend führst du im Munde, ihre Macht ist dir unbekannt. Jeder muß nothwendig vollkommen glückselig sein, der ganz von sich selbst abhängt, und der in sich allein alles Seinige setztVgl. Cicer. Tuscul. V. 12, 36: Cui viro ex se ipso apta sunt omnia, quae ad beate vivendum ferunt nec suspensa aliorum aut bono casu aut contrario pendere ex alterius eventis et errare coguntur, huic optime vivendi ratio comparata est.. Wem alle Hoffnung, Berechnung und Ueberlegung vom Schicksale abhängig ist, für den kann es nichts Gewisses geben, Nichts, wovon er mit Zuversicht wissen konnte, daß es ihm auch nur einen Tag verbleiben werde.

Triffst du einen solchen Menschen an, den magst du mit deinen Drohungen des Todes oder der Landesverweisung in Schrecken setzen; mir aber wird, was sich auch in einem so undankbaren StaateUndankbar hatte sich Rom gegen Cicero bewiesen, insofern er kurz nach der Unterdrückung der Catilinarischen Verschwörung durch die Ränke des elenden Clodius in die Verbannung zu gehen genöthigt wurde. ereignen mag, so begegnen, daß ich dagegen nicht ankämpfe, ja nicht einmal mich dessen weigere. Denn wozu hätte ich mich abgemüht, oder was hätte ich ausgerichtet, wozu hätte ich in Sorgen und Nachdenken die Nächte durchwacht, wenn anders ich nicht so viel gewonnen, nicht so viel erreicht hätte, daß ich mich in einem Zustande befände, den weder die Laune des Geschickes noch die Ungerechtigkeit meiner Feinde erschüttern kann?

18. Mit dem Tode drohst du mir, damit ich mich ganz von der Menschheit, oder mit Landesverweisung, damit ich von den schlechten Menschen wegziehen müsse? Der Tod ist ja aber nur für die schrecklich, mit deren Leben Alles erlischt, nicht für die, deren Ruhm nicht dahin sterben kann, und die Landesverweisung nur für Solche, welchen ihr Wohnort gleichsam mit Schranken umschlossen ist, nicht für Solche, welche den ganzen Erdkreis nur für Eine StadtSchon Sokrates hatte erklärt, er sei ein κόσμιος, κοσμοπολίτης (mundanus), ein Weltbürger. Arrian. Epict. I, 9: Τί άλλο απολείπεται τοι̃ς ανθρώποις ὴ τὸ του̃ Σωκράτους, μηδέποτε πρὸς τὸν πυθόμενον, ποδαπός εστιν, ειπει̃ν, ότι Αθηναι̃ος ὴ Κορίνθιος, αλλ' ότι κόσμιος. Cicer. Tusc. V. 27, 108: Socrates quidem quum rogaretur, cujatem se esse diceret: Mundanum, inquit. Totius enim mundi se incolam et civem arbitrabatur. Diesen Satz nahmen später die Stoiker wieder auf. Vgl. Cicer. Fin. III. 19, 64. halten. Dich drückt alles Elend, alle Mühseligkeit, der du dich für glücklich, für angesehen hältst. Dich quälen deine Begierden. Du wirst Tag und Nacht gemartert, du, der du nicht genug hast an dem, was du hast, und besorgt bist, auch dieses möge von nicht langer Dauer sein. Dich stachelt das Bewußtsein deiner Missethaten; dich entseelt die Furcht vor den Gerichten und den Gesetzen. Wohin du auch blicken magst, stellen sich dir, wie Furien, deine ungerechten Thaten vor die Augen und lassen dich nicht aufathmen.

19. Sowie es also keinem bösen, thörichten und feigherzigen Menschen wahrhaft gut ergehen kann, ebenso kann kein guter, weiser und tapferer Mann unglücklich sein. Und fürwahr, wenn eines Menschen tugendhafter Charakter Lob verdient, so muß auch sein Leben lobenswürdig sein, sowie auch ein Leben, das lobenswürdig ist, nicht vermieden werden darf; nun aber müßte es vermieden werden, wenn es elend wäre. Darum geziemt es, daß man Alles, was lobenswürdig ist, zugleich auch als glückselig, herrlich und begehrenswerth ansieht.

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