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Gutenberg > Arthur Schnitzler >

Paracelsus

Arthur Schnitzler: Paracelsus - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleDer grüne Kakadu
authorArthur Schnitzler
firstpub1899
year1899
publisherS. Fischer Verlag
addressBerlin
titleParacelsus
pages1-3
created20041108
sendergerd.bouillon
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Das wohlgehaltene Zimmer hat zwei Thüren, die eine links führt ins Gemach Justinas, die andere rechts ins Vorgemach.

Erster Auftritt.

Justina sitzt am Fenster, mit einer Arbeit beschäftigt (Spinnrocken). Cäcilia tritt ein.

Justina aufschauend, ruhig.
Wie? Schon zurück?

Cäcilia.                             Zu lärmend ist die Stadt. Sie setzt sich.
Mich schmerzt der Kopf; ich mußte wieder heim.
Und wärst Du mit mir auf dem Markt gewesen,
Du wärst mit mir zurück.

Justina.                                   Warum?

Cäcilia.                                                 Weil dort
Ein solches Drängen und so wüstes Schrei'n,
Daß kein Vernünft'ger es ertragen kann.

Justina. Giebt's was zu sehn? Sind neue Gaukler da?

Cäcilia. Hat's nicht die Magd erzählt?

Justina.                                               Die kam noch nicht.

Cäcilia. Nun freilich; die kommt heute nicht nach Hause.
Ganz Basel, glaub' ich, ist dort festgebannt.
Hin strömen alle; alle bleiben dort,
Als gäb's die größten Wunder dort zu schau'n.

Justina. Nun, was für Wunder, Du verwirrtes Ding!

Cäcilia. 's ist ein Quacksalber da – und das ist alles.

Justina. Das ist nicht viel!

Cäcilia.                             Ich sagt' es ja. Man hat
Derlei Gesellen hier genug gehabt.
Was finden sie an diesem just Besond'res?

Justina. Wird ein berühmter sein, ein weit gereister –
Hast Du den Namen nicht gehört? –

Cäcilia.                                                   Es schwirrten
Gar viel' um mich – doch ich vergaß sie alle.
Gottlob, daß ich daheim – mich schwindelt noch.

Zweiter Auftritt.

Justina , Cäcilia. Doktor Copus tritt auf.

Copus. Ich wünsche guten Morgen, werthe Damen.

Justina. Ihr kommt zur Zeit; lächelnd das Kind ist wieder krank.

Copus. Dann ist's die Erste heut, die meiner wartet,
Die Andern alle liefen mir davon.

Justina. Wo sind sie?

Copus.                       Wo sie sind –? Nun, auf dem Markt!
Herr Paracelsus ist uns ja erschienen,
Was braucht man da den Doktor Copus noch!

Cäcilia. Ja! Paracelsus hieß er!

Justina.                                     Paracelsus!
Der also ist's! Der hochberühmte Arzt!

Copus zornig. Was sagt Ihr? – hochberühmt?

Cäcilia begütigend.                                         Sie meint's nicht so.

Copus. Und »Arzt« –? So, bitt' ich, nennt Quacksalber mich
Und nennt mich unbekannt – wenn Paracelsus
Berühmt und Arzt!

Cäcilia fast ängstlich.     Was ist er denn?

Copus.                                                     Ein Schwindler.
Und nun genug. – Bricht ab. Wie geht's Euch liebes Fräulein?
        Fühlt Cäcilia den Puls.
Ein bischen rasch.

Cäcilia.                         Ich hab' das Fieber, nicht?

Copus. Habt Ihr das Pulver heute früh genommen?

Cäcilia. Gewiß; wie Ihr's verordnet, Doktor Copus.
Und doch ist noch mein Puls zu schnell?

Copus.                                                           »Und doch!«
Wenn Ihr das Pulver nicht genommen hättet,
So ging' er doppelt rasch.

Cäcilia.                                   Soll ich noch eins
Heut nehmen?

Copus.                   Eure Zunge, wenn's beliebt.

Cäcilie streckt die Zunge hervor.

Copus. Nicht übel, Fräulein! Diese kann so bleiben.

Cäcilia. Doch meinem Kopf geht's schlimmer als seit lang!

Copus ohne auf sie zu hören, plötzlich wieder in Wuth.
Und wißt Ihr, wer dort steht wie andres Volk?

Justina. Wer denn? – Und wo? –

Copus.                                         Der Meister Cyprianus
Steht auf dem Markt und hört dem Schwindler zu.

Justina. Mein Gatte?

Copus.                       Er, der sonst dergleichen Volk,
Das heimatlos die Straßen zieht, verachtet,
Steht auf dem Markt – nein! auf den Stufen steht er,
Die zum Gerüst des Paracelsus führen,
Und hört und sieht und staunt und wird verrückt!

Justina. Nun aber sagt doch, was so Wunderbares
An diesem Mann?

Copus.                         Ich finde wunderbar
Nur eins: die große Frechheit, die er zeigt.
Ein Wort, das ich mit meinen Ohren hörte:
Mein Bart hat tiefere Gelehrsamkeit
Als sämmtliche Doktoren und Scribenten.

Justina. Ein Scherz – so klingt's! –

Copus.                                             Ja, nehmt ihn nur in Schutz.
Er spottet Avicennas! höhnt Galen!
Begeifert alle, die vor ihm gewesen
Und unsre hohe Kunst so weit gebracht.
Der Schule lacht er, der er selbst entstammt.
Die Aerzte schmäht er und die Apotheker,
Und um den wackern Pöbel hinzureißen,
Was glaubt Ihr, daß der Unverschämte thut? –
Die Arzeneien, die ihm Kranke brachten,
Die Tränke gießt er auf den Boden hin,
Die Flaschen schleudert er davon in's Weite,
Und bläst die Pulver einfach in die Luft
Und schreit dazu: Was einst Hippocrates
Und mehr als das, bin ich, bin Paracelsus!
Und Eure Aerzte sind beschränkte Tröpfe!

Justina. Und Cyprianus steht dabei?

Copus.                                               Und lauscht!
Und unser halbes Basel steht und staunt,
Und meine eigenen Patienten sah ich –
Die stehen dort und harren seines Raths!

Cäcilia. Er ordinirt?

Copus.                     Oh, wollt Ihr etwa hin?
Jawohl! Er ordinirt! – Und glaubt Ihr's nicht,
Die Todtenliste morgen wird's erweisen.
Ich aber sag' Euch lieber: Lebet wohl.
Auf's Rathhaus geh' ich, lege meine Stelle
Zurück – und will des Lebens kargen Rest
Dem undankbaren Basel fern verbringen.

Cäcilia. Herr Doktor! – und mein Kopf? Was soll ich thun?

Copus. Ich will Euch zeigen, wie's der Schwindler macht.

Justina. Ja, bitte; zeigt uns das.

Cäcilia.                                     An meinem Leiden
Wollt Ihr die Künste jenes Mannes versuchen?

Copus. Wie, Fräulein, Ihr habt Kopfweh?

Cäcilia.                                                       Ach, Ihr wißt's ja.

Copus. Als Paracelsus sprech' ich ja: gebt Acht!
Nun schaut mich an!
        Er fixirt sie, macht magnetisirende Handbewegungen.
                                Der Kopfschmerz ist verschwunden.

Cäcilia. Ich hab' ihn noch – und stärker, als er war.

Copus. So macht es jener: Alles ohne Pulver –
Und schimpft dazu auf die, die's anders machen.
Und das ist seine vielgepries'ne Kunst.
Und alles dies in Basel: faßt man's denn?

Justina. Ich denk', er treibt es allerorten so?

Copus. Gewiß; doch hier ist er vor dreizehn Jahren
Zu seiner Meister Füßen noch gesessen,
Trithemius' Schüler war er! wißt Ihr's nicht?

Justina. Trithemius'? der im vor'gen Jahre starb.

Copus. Zur rechten Zeit! Und in dieselbe Stadt,
Nach Wanderzügen durch die ganze Welt,
Durch Schweden, Preußen und die Tartarei
Von einem Ort zum andern ziehend, – fliehend
Versteht mich wohl: er hatte Grund zu fliehen –
Kehrt in dieselbe Stadt zurück, die ihn
Das ABC der edlen Kunst gelehrt,
Die er vergessen, und die er verleugnet.

Justina. So sagt mir doch: wer ist's? In Basel war er?

Copus. Ihr habt ihn gut gekannt, als er noch einfach
Bombastus Theoprastus Hohenheim hieß –

Justina höchst erregt.
Wie sagt Ihr? Theophrastus . . .

Copus.                                             Hohenheim.

Justina. Der ist's?

Copus.                 Ja, der.

Justina.                           Der große Paracelsus,
Hörst Du, Cäcilia, ist Hohenheim,
Von dem ich Dir erzählt.

Cäcilia.                                   Was hast Du nur?

Justina. Du hast ihn nicht gekannt – warst noch ein Kind –
Nun weiß ich, warum Cyprian ihm lauscht.

Dritter Auftritt.

Junker Anselm tritt auf. Cäcilia. Justina. Copus.

Anselm. Mein Klopfen hört man nicht – so bitt' ich um
Vergebung, daß ich ungemeldet eintrat. –
Ich störe? Ist der Meister nicht zugegen?

Justina. Noch nicht.

Anselm geziert, aber liebenswürdig.
                          Wie geht's der allerschönsten Frau?
Und wie dem lieblichsten der jungen Mädchen?
Und wie dem hochgelehrtesten der Männer?

Cäcilia. Und wie dem unausstehlichsten der Junker?

Anselm nimmer Justina betrachtend.
Dem geht's gut – denn bald verlassen muß er
Die schönste Stadt und manches, das ihm theuer.

Cäcilia. Ist's nur gewiß? – Schon oft verspracht Ihr das!

Anselm. Der Vater ruft mich. Ich muß wieder heim.
Bevor ich Blick auf Justina meiner Wünsche Ziel erreicht.
Denn noch ist Meister Thomas nicht zufrieden.
Die Orgel spiel' ich schlecht; das Töne setzen
Will nicht gelingen – und kein einz'ges Lied
Hab' ich vollendet, der soviel begann.

Cäcilia. Der Grund ist einfach.

Copus.                                     Ihr seid noch so jung,
Die Musika ist eine schwere Kunst.

Anselm. Dem, der nicht glücklich ist, fällt alles schwer.

Cäcilia. Und einem, der durch alle Nächte zecht
Und Würfel spielt bis an den grauen Morgen,
Dem ist bei Tag noch nie was Recht's gelungen.

Justina vorwurfsvoll.
Cäcilia!

Copus.         Thut Ihr das? Das ist nicht gut.

Anselm. Habt Ihr ein Mittel gegen Gram der Seele?

Copus. Die Würfel sind es nicht.

Anselm.                                       Auch nicht der Wein.
Doch beides macht vergessen – das ist gut.

Copus. Ich bin nicht Euer Arzt – so muß ich schweigen.

Cäcilia. Doch meiner seid Ihr – und noch immer, seht,
Schmerzt mich der Kopf, und rathlos steh' ich da.

Copus. Verzeiht, mein Fräulein, gleich verschreib' ich Euch,
Was Euch in einer Stunde helfen soll.

Cäcilia. Kommt auf mein Zimmer, Doktor.

Copus.                                                         Mit Verlaub.

Copus, Cäcilia ab.

Vierter Auftritt.

Justina. Anselm.

Anselm. Justina!

Justina.               Schweigt!

Anselm.                               Heut fordert Ihr's vergeblich;
Daß ich die Stadt verlassen muß, ist wahr;
Wahr, daß ich heut zum letzten Mal Euch sehe,
Und sagen muß ich Euch –

Justina.                                     Ich will's nicht hören.

Anselm. So schweig' ich – aber meine Stummheit redet.

Justina. Ein jedes Wort von Euch beleidigt mich,
Und Eure Blicke kränken meine Würde.

Anselm. Die Blicke, die zu einer Göttin aufschau'n,
Die Worte, die aufsteigen, ein Gebet –?

Justina. Genug, sag' ich!

Anselm.                           Ihr kennt mich nicht, Justina,
Ihr wißt nicht, was ich will – kaum, was ich bin.
Ich gelt' Euch als ein Stümper – oder Narr!
Das bin ich nicht! mehr bin ich, als Ihr ahnt.
Und was mir meines Geistes Kräfte lähmt,
Ist, daß Ihr sie nicht kennt und sie verachtet.
Es könnte dieser Lippen Lächeln mich
Zum Künstler – ach – ein Kuß zum Meister bilden!

Justina hat ihre Fassung wieder, ist kühl und scharf.
Holt Euch bei Andern, was Euch schaffen lehrt.
Ich habe keine Küsse und kein Lächeln.

Anselm. Die wundersamsten Lieder säng' ich dann
Zum Preise meiner vielgeliebten Herrin,
Und auf die Nachwelt kämen wir vereint.

Justina. Die blüh'nde Jugend hat mich nie verführt –
Nun soll mich gar der Ruhm – ein Schatten, locken?
Seht doch – Ihr habt ein Lächeln nur verlangt . . .
Ich geb' Euch mehr . . .

Anselm.                               O sprecht!

Justina.                                               Ich lache laut. Lacht.

Anselm. In Wahnsinn treibt Ihr mich.

Justina.                                               Der Weg ist weit.

Anselm. Und in den Tod . . .

Justina.                                 Wir müssen alle hin.

Anselm wirft sich hin.
Zu Euren Füßen fleh' ich, kommt heute Abend
In Euern Garten – dort ein letztes Mal
Will ich auf Eure Hand die Lippen drücken.
Es wird uns niemand sehen. Uebers Gitter
Steig' ich herein . . . Verschwiegen ist die Nacht.
Ich warte in der Laube . . .

Justina.                                     Ihr seid toll . . .
Steht auf. Mein Gatte kommt.

Anselm.                                         Was thut's? Sieht er
Mich auf den Knien vor Euch, so lacht er nur –
So wohlgemuth spaziert er durch die Welt,
So sicher seines Weibs und so berauscht
Vom stolzen Glücke des Alleinbesitzens –
Ich aber sag' Euch: solcher Uebermuth . . .

Justina. Steht auf – um Himmelswillen – hört Ihr nicht –

Fünfter Auftritt.

Anselm. Justina. Cyprian. Später Paracelsus.

Cyprian. lächelnd über die Verlegenheit der beiden.
Mein guter Junker, seid ihr wieder da?

Anselm. Ich bin . . . ich wollte just –

Cyprian ohne seiner zu achten, zu Justina.
                                                    Mein liebes Kind,
Ich bring' heut einen wunderlichen Gast,
Mit dem wir uns're Kurzweil haben werden.
        Justina erschrickt leicht.
Mein guter Paracelsus, tretet ein.
        Paracelsus erscheint an der Thür.
Ein einfach bürgerliches Haus – doch denk ich,
Wenn man gewohnt, im Frei'n zu übernachten,
So kann sich's sehen lassen.

Paracelsus.                                 Werther Meister,
Nicht ganz verächtlich ist des Himmels Dach.

Cyprian auf Anselm weisend.
Das ist Anselm, ein Junker, der in Basel
Das Orgelspielen . . . . nicht wahr, Orgelspielen?

Anselm. Jawohl das Orgelspielen will ich lernen.

Cyprian sich erinnernd.
Bei Meister Thomas . . . freilich . . . Seinem Vater
Hab' ich ein herrlich Waffenzeug geliefert,
Als er mit einer Reiterschaar hier durchzog.
kopfschüttelnd. Der Vater Krieger . . . Musiker der Sohn.

Anselm. Zum Zeitvertreib.

Cyprian.                           Nun, ja. Zu Paracelsus.
                                                        Und nun, mein Guter,
Seid uns willkommen. Sollt nach langer Zeit
In ehrlicher Gemeinschaft eine Stunde
Bei einem Becher guten Weins verbringen.

Paracelsus. Und kennt mich Eure schöne Gattin noch?

Justina. Gewiß ich kenn' Euch –

Paracelsus blickt sie lange an.

Cyprian.                                     Nun, für seine Jahre
Sieht er verwittert aus! Was sagst Du nur,
Der Mann, um den Geheimnis webt und Dunkel,
Der Ruhelose, dem die wilde Fabel
Vorauseilt wie ein tollgeword'ner Herold,
Der Hexenmeister ist der Hohenheim,
Den wir als frommen Studiosus kannten.

Paracelsus. Ich bin kein Hexenmeister, edle Frau.
Ich bin ein Arzt, nur klüger als die Andern.

Cyprian. Was Aerzte sind, das wissen wir, mein Guter,
Die treiben solche Schwänke nicht wie Ihr.
Doch was Ihr immer seid, Ihr macht mir Spaß,
Und da Ihr über meine Schwelle tratet,
Seid Ihr mein Gast – woher Ihr kommen mögt.
Auch freut mich, daß ich stets Euch recht erkannt,
Schon als vor Jahren Ihr in Basel weiltet,
Der Alchymie beflissen bei Trithem,
Und vor gewissen Fenstern nächtlich schwärmtet –
Ich wußte stets: aus Euch wird nie was Recht's!

Mädchen kommt mit Wein; wie sie hergerichtet, geht sie wieder. Justina macht sich ein wenig an dem Tisch zu schaffen. Paracelsus schaut Anselm scharf an.

Paracelsus. Ihr findet? –

Cyprian.                         Aber dieses ist mein Spruch:
Ein jeder lebe, wie's ihn freuen mag!
Wo wäre das Verdienst, am eignen Herd,
Dem Hause nützend wie dem Allgemeinen,
Sein ehrlich Handwerk treiben als ein Bürger,
Gäb's Andre nicht, die's in die Ferne lockt –
Als fahrende Gesellen hinzuziehen.
Zu Zeiten seh' ich solche Käuze gern,
Die den Geruch von weilen Fahrten bringen.
Denn: gehn sie wieder, ist man dreifach froh,
Daß man sein Heim, sein Weib hat und sein Handwerk.

Justina. Noch immer steht Dein Gast.

Cyprian.                                               Setzt Euch doch nieder,
Und Ihr, mein lieber Junker –

Anselm.                                         Mich entschuldigt.
Ich muß jetzt fort, denn Abends reis' ich ab.

Cyprian. Was sagt Ihr?

Anselm.                         Ja; mein Vater ruft und drängt.
Noch manches liegt mir ob, bevor ich reise.
Ich komme Mittags, Euch Lebwohl zu sagen.
Im Abgehen. Nicht länger konnt' ich diesen Blick ertragen.

Sechster Auftritt.

Cyprian. Justina. Paracelsus.

Cyprian. Was ist dem Junker?

Justina. verlegen.                     Weiß nicht.

Cyprian lachend.                                         Aber ich!
Was gilt's, daß er von Liebe Dir gesprochen.

Justina. Nicht doch.

Cyprian.                   Und daß Du Dich erzürnt –

Justina.                                                                 Nein – nein.

Cyprian. Und ihn mit rauhen Worten heimgeschickt?

Justina. Was fällt Dir ein?

Cyprian lachend.               Ich hoffe, daß Du's thatest.

Justina. Gewiß, ich hätt's gethan.

Cyprian.                                       Sieh, wie sie roth wird.

Paracelsus. Und so verwirrt, als wäre Schönheit Schuld.

Justina fast in Thränen.
Ich bitt' Euch sehr . . .

Cyprian zu Paracelsus.       Ihr seht, sie ist wie einst.

Paracelsus mit Bedeutung.
Ich seh's.

Cyprian scherzend. Und schämt sich ihrer stummen Macht,
Die jeder fühlen muß, der sich ihr naht.
Ihr wißt ja auch ein Lied davon zu singen.

Justina flehend.
Ich bitte Dich!

Paracelsus.             Scheut Ihr Erinnerung?
Man kann Ihr besser nicht die Schauer nehmen,
Als wenn man sie zum Leben wieder weckt.

Cyprian. Wen schauert hier? Vergang'nes ist vergangen.
Zum Gatten nahm sie mich, nicht Euch, und preist
Alltäglich ihren Gott für diese Wahl.
Mein ist dies Haus, wie's meines Vaters war,
Und meiner Ahnen seit dreihundert Jahren.
Sein Wohlstand wächst durch Arbeit und durch Fleiß.
Ja – seht mich an, mein Lieber, dieser Arm,
Der, wie bekannt, ein gutes Schwert zu schmieden
Und, wenn's dazukommt, auch zu schwingen weiß,
Ist wohl dazu gemacht, ein Weib zu schirmen.
Das ist es, was die Frau verlangt, und drum
Gewann ich sie, und drum kann ich sie halten.
Zu fürchten hab' ich nichts . . . . Erinn'rung nicht
Und keine Schwärmerei. Vom Gegenwärt'gen
Umschlossen und gebändigt ist das Weib.
Geöffnet ist mein Thor . . . . ich fürchte niemand.

Paracelsus. Ich wünschte dieses Wort so wahr als stolz.

Cyprian. Ich schenk' Euch diesen Wunsch – er ist erfüllt.

Siebenter Auftritt.

Justina. Cyprian. Paracelsus. Cäcilia tritt ein. Wie sie Paracelsus sieht, will sie weg.

Cyprian. Bleib' doch! Das ist Cäcilia.

Paracelsus.                                           Eure Schwester!

Cyprian. Sie war ein Kind, als Ihr die Stadt verließet.
Cäcilia, dies hier ist ein Wunderdoktor.

Cäcilia. Ich sah' Euch schon . . . .

Cyprian.                                       Wie wär' es, Paracelsus,
Wenn Ihr an Dieser Eure Kunst versuchtet?

Cäcilia. Wie . . . . was?

Cyprian.                       Bleib nur bei uns. Ich wette
Der Mann mit seinem Zaubern kann Dich heilen.

Paracelsus. Was sagt Ihr »Zaubern?«

Cyprian.                                               Wie kann ich anders,
Was ich heut auf dem Markt gesehn, bezeichnen?

Justina. Nun aber möcht ich selbst am Ende wissen,
Was Ihr vermögt.

Cyprian.                     Jetzt findet sie die Sprache,
Verwund'rung nahm sie – Neugier bringt sie wieder.
Herablassend. Von allen Gauklern, die sich hier gezeigt,
Ist er's, der seine Sach' am besten trifft.
Ich liebe sonst dergleichen nicht besonders;
Das Feuerfressen wie das Pillendrehen,
Quacksalberei, Goldmachen und Komödie
Ist nicht mein Fall. Ihr seid doch alle Lumpen.

Paracelsus. Schon möglich, Rathsherrn sind wir sicher nicht.

Cyprian. Der Witz ist kühn, doch sei er Euch vergeben,
Da ich in guter Laune heute bin,
Und weil Ihr mehr könnt, als die Andern können.
Man merkt, Ihr habt vor Zeiten was gelernt,
Und unter all dem Schwindel, den Ihr treibt,
Blitzt immer etwas wie Gelahrtheit auf.

Paracelsus höhnisch.
Ihr scherzt!

Cyprian.           Hört, Kinder, was er aufgeführt.

Paracelsus. Laßt doch . . . .

Cyprian.                             Nur, was mir eben einfällt.
        Zu Justina und Cäcilia.
Ihr kennt die Frau des Schmieds?

Cäcilia.                                               Die ganz gelähmt ist?

Cyprian. Seit heute Morgen regt sie Arm und Beine,
Und was der Andern Mühe nie geglückt,
In einem Augenblick gelang es Diesem.

Cäcilia. Ist's möglich?

Cyprian.                     Und es kommt noch sonderbarer.
Kennst Du das Töchterlein des Drechslermeisters?

Justina. Die plötzlich stumm ward im vergang'nen Winter?

Cyprian. Sie redet wieder, seit es Der befahl.

Justina. Wie ist dies alles möglich?

Cyprian.                                           Hexerei!
Und höchst erstaunt hab' ich mich schon gefragt,
Wie Ihr bis heut dem Feuertod entgingt.

Paracelsus. Geduld, verehrter Meister, Zeit bringt Rath.

Cyprian. Doch was am allermeisten mich verblüfft,
Das war, was mit Medardus Ihr verübtet.
Erklärend. In Schlummer ließ er diesen Jüngling sinken
Durch seiner Augen Macht.

Cäcilia.                                       Durch Eurer Augen?

Cyprian. Dann sagt' er ihm – wir Alle konnten' s hören –:
Von einer weiten Reise kommt Ihr heim,
Durch fremde Länder, wo Ihr viel erfahren –
Erzählt uns doch davon.

Justina.                                 Und der?

Cyprian.                                               Erzählte!

Justina. Von Menschen, Dingen, die er nie geseh'n?

Cyprian. Von Abenteuern, die er nie bestand.

Justina. Und glaubte dran?

Paracelsus.                         Nicht länger, als ich wollte.
Ich löschte diese Träume wieder aus,
Und was er uns erzählt, weiß er nicht mehr.

Cyprian. Und nur Ihr selbst könnt nehmen, was Ihr gabt?

Paracelsus. Gewiß!

Cyprian.                   Und hättet Ihr ihn nicht befreit
Von diesen Träumen, die Ihr selbst ihm schuft?

Paracelsus. Zeitlebens würd' er schwören, daß es wahr.
        Steht auf, plötzlich in anderem, fast pathetischem Ton.
So viel vermag ich! Wer vermag so viel?
Ich kann das Schicksal sein, wenn's mir beliebt!

Cyprian. Mein Bester, solches wirkt nur auf dem Markt.
Hier laßt die großen Worte, wenn's beliebt.
Das Schicksal kommt von Gott, nicht von den Zaub'rern,
Und was Ihr schafft, ist Wahn – doch keine Wahrheit.

Paracelsus. Mehr als die Wahrheit, die da war und sein wird,
Ist Wahn, der ist . . . der Augenblick regiert!
Vermöchtet Ihr, gelebte Jahre gleich
Beschrieb'nen Blättern vor Euch aufzurollen,
Ihr würdet kaum ein Blatt zu deuten wissen.
Denn das Gedächtniß trügt fast wie die Hoffnung –
Geheimnis alles . . . Der Moment von früher
Wie jeder nächste! Nur der Augenblick
Ist unser – und der flattert schon davon.
Bedenkt dies Eine nur: daß jede Nacht
Uns zwingt hinabzusteigen in ein Fremdes,
Entledigt uns'rer Kraft und uns'res Reichthums,
Und alles Lebens Fülle und Verdienst
Von weit gering'rer Macht sind als die Träume,
Die unserm willenlosen Schlaf begegnen.

Cyprian. Auch ich hab' manchen Alpdruck schon verspürt;
Jedoch was thut's, man wacht ja wieder auf,
Die Sonne kommt, der gute Lärm des Tags,
Man lacht des Traums und geht an seine Arbeit.
Nur einer, der ins Leere strebt wie Ihr,
Kann sich von einem Traum beirren lassen.
Für unsereins, die wissen, was sie wollen,
Ist Schicksal nur, was sich im Hellen zeigt,
Und nicht verweht, wenn wir die Augen öffnen.
Ja! Euresgleichen möchte freilich gern
Die Grenzen löschen zwischen Tag und Nacht,
Und uns in Dämmerschein und Zweifel stellen.
Gott sei's gedankt! 's giebt manches, das gewiß ist:
Ein Mann wie ich steht stets auf festem Grunde,
Hält sicher, was er hat, ist fromm und stark.
Glaubt mir, wir fürchten Euresgleichen nicht.

Paracelsus. Es wird auch nicht verlangt. – Doch wolltet Ihr,
Daß ich des werthen Fräuleins Krankheit heile.

Cyprian. Ganz recht.

Cäcilia.                     Ich bin gesund . . . auch hab' ich einen Arzt.

Cyprian. Laßt von Justinen Euch erzählen, der
Vertraut sie mehr als mir.

Justina.                                   Sie ist verdrießlich,
Fast melancholisch.

Cäcilia.                           Nein.

Justina.                                   Zuweilen seufzt sie.
Auch Thränen sah ich schon in ihren Augen.

Paracelsus. Und niemand weiß, warum?

Cäcilia.                                                     Ich weine nie.

Paracelsus. Mein edles Fräulein – fragen will ich nichts,
Die Gründe Eures Kummers nicht erforschen.
Ich kann Euch alle Eure Schmerzen nehmen,
Auch ohne daß ihr mir die Ursach' nennt.

Cäcilia. Nein, nein –

Cyprian.                   Ich denke doch, das läßt sich hören.

Paracelsus. Oft sind die Fragen eines Arztes lästig,
Ich spar' Euch das und mach Euch doch gesund.

Cäcilia. Und nehmt mir alles Leid?

Paracelsus.                                     Das will ich thun.

Cäcilia. Und bin dann völlig frei?

Paracelsus.                                     Von aller Qual.

Cäcilia. Und bin vergnügt?

Paracelsus.                         Und lacht den ganzen Tag
Und faßt nicht, daß Ihr je bekümmert war't.

Cäcilia. Nein, nein, ich will nicht lachen und vergnügt sein.

Cyprian. Da seh' doch Einer diese Närrin an,
Ist Lachen doch der beste Segen Gottes!

Paracelsus. Gefällt's dem Fräulein nicht, so lassen wir's
Etwa bei stiller Heiterkeit bewenden.

Cäcilia. Ich will nicht heiter sein.

Cyprian.                                       Du willst es nicht?

Justina. Was willst Du nur?

Cäcilia.                                 Man lasse mich in Frieden.

Paracelsus. Es scheint, das Leid, mein Kind, das Euch bedrückt,
Ist so durchtränkt von einem jungen Glück,
Daß Ihr nicht um die Welt es missen möchtet.
Mein Rath ist drum: bewahrt es treu im Herzen.

Cäcilia läuft ab.

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