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Panoptikum

Joseph Roth: Panoptikum - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorJoseph Roth
titlePanoptikum
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462015923
year1983
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Trübsal einer Straßenbahn im Ruhrgebiet

Es regnet dünn und dauerhaft. Um zwölf Uhr fünfzehn geht die Straßenbahn ab. Um ein Uhr fünfundvierzig wird sie in der nächsten Stadt sein. Die Haltestelle ist vor einer Schenke. Ich trinke ein Kirschwasser und sehe durch die Netzornamente der Vorhänge auf die Straße. In so einem Regen werden die Geräusche unhörbar, genau wie im Schnee. Ja, hätten diese Vorhänge keine Ornamente, hätte diese gute Schenke überhaupt keine Vorhänge – wozu Vorhänge? –, dann könnte ich wohl die Straßenbahn kommen sehen. Ich zittere, sie könnte mir davonfahren, und gleichzeitig wünsche ich, sie täte es. Ich würde dann vielleicht mit der schnelleren, solideren, bequemeren Eisenbahn fahren. Nun aber stehe ich im Bann einer freigewählten Qual. Je mehr Zeit, Geduld, Kältegefühl, Kirschwasser und Abscheu ich in dieses Unternehmen investiere, desto schwerer fällt es mir, darauf zu verzichten. Die Zeit und der Regen rinnen.

Pünktlich, sie war gar nicht dazu verpflichtet, kommt die Straßenbahn. Ihr Trittbrett ist hoch und naß, auch der Fußboden im Innern des Wagens ist feucht, ein alter Mann raucht Pfeife, eine Frau sitzt, einen verhüllten Korb auf dem Schoß. Schulmädchen steigen ein, mit häßlichen, harten Schultornistern, auf die der Regen getrommelt hat; Ertüchtigungsinstrumente mit baumelndem Schwamm. Zwei Arbeiter lehnen auf dem Hinterperron neben dem Schaffner. Eine ländliche Magd ist da, sie trägt eine goldgefaßte Brille und ist barfuß. Sie mahnt mich an einen Pflug, der von einer Lokomotive gezogen wird. Niemand spricht. Alle machen sich auf die Qual einer langen Fahrt gefaßt. Eine solche Sammlung bedarf der vollkommenen Schweigsamkeit. Die harten Sitze aus glänzend poliertem Holz sind nicht nur kurz, sondern auch abschüssig. Hier sitzen heißt: fortwährend und fruchtlos hinaufrücken.

Wir fahren durch eine lange Straße, an schwarzen Häusern und Häuserlücken vorbei, an Brettern, an Zäunen, an einem Gelände, das keinen Sinn hat, nicht die Erwartung, jemals einen Garten, einen Acker oder ein Haus zu tragen. Es ist die Leiche eines Geländes. Die Stadt hört nicht auf. Wenn sie aber einmal aufhört, beginnt sofort die andere. Die Städte reichen einander die Straßen. Jedesmal halten wir vor braunen Wartehäuschen aus geteertem Holz, sie sehen aus wie die Urformen von Bahnhöfen in den wilden Teilen Amerikas. Jetzt kommen Schrebergärten, kleine Häuschen aus Dachpappe, die Sommerschlösser des kleinen Mannes und des Kaninchens. Auf spitzen Zaunlatten sind Krüge, Töpfe, Schüsseln aufgespießt wie abgeschnittene Häupter. Eine Fabrik, rote Ziegel, Backsteine, ein eisernes Gitter, ein kleines Portierhäuschen aus weißem Stein, mit sichtbarer Kontrolluhr, dahinter große Schlote, vier, fünf, sechs, bereit, sich noch zu vermehren, ihnen soll's nicht darauf ankommen.

Das Land will immer wieder anfangen, Land zu sein – und kann's nicht. Da sind keine Häuser. Jetzt könnte es eine Landstraße werden. Sogar Bäume stehen zu beiden Seiten und sind bereit, sie zu bestätigen. Aber unsere Straßenbahn bedarf der Drähte, und die Drähte bedürfen der langen, hölzernen Pfosten, der kahlen, an deren höchstem Ende ein paar weiße Porzellangefäße zu elektrischen Zwecken blühen. Karikaturen von Schneeglöckchen.

Hinten, weit, am Horizont, sind Bestrebungen der Natur im Gange, einen Wald hervorzubringen. Aber es ist kein Wald. Es entsteht eine Art beginnender Vegetationsglatze, mit vereinsamten Tannensträhnen.

Jetzt fangen die Gasthäuser an, eines folgt dem andern, und jedes kündigt ein »ausgezeichnetes Gartenlokal« an. Was mag das sein, ein Gartenlokal? Ich stelle mir ein Lokal mit gemalten Orangenbäumen vor und Lorbeeren in Blumentöpfen; oder ein Stückchen Kohlrübenfeld mit einer Veranda; vier Zäune mit wildem Weinlaub. Der Phantasie sind keine Schranken gesetzt.

Jetzt folgt ein Aufenthalt ohne logischen Grund. Der Führer steigt vom Trittbrett, der Schaffner folgt ihm, in der Mitte begegnen sie einander. Man hört den Regen rinnen. Man sieht kein Wartehäuschen. Schornsteine, große, schlanke, dampfen in unerlöster Qual. Der Regen zerfranst den dicken Rauch, zerstäubt ihn, gleichmäßig, ohne Wut. Der Regen spannt Vorhänge über die Landschaft, ohne Ornamente. Es ist keine Landschaft, es ist eine Art langgedehnter Stadtschaft, Industrieschaft, von blühenden Gartenlokalen unterbrochen.

Da kündigt sich, durch den Regenvorhang noch sichtbar, ein Beerdigungsinstitut an und auf der anderen Seite Persil, das Sinnbild des Lebens. Niemand spricht. Sooft die Tür aufgeht, schlägt sie einer mit Überzeugung zu. Es ist kalt. Wenn wir halten, ist es noch kälter. Alle möchten ihre Füße auf die Sitze hinaufziehen, aber es wäre sicherlich verboten. Gestattet ist die Lektüre der Aufschriften: »20 Sitzplätze«, »Nicht in den Wagen spucken«. Ich täte es gern.

Wir fahren jetzt wieder. Da beginnt auch schon die nächste große Stadt. Wir sind am Ziel. Es sieht aus wie der Anfang. Es ist, als gäbe es keine räumlichen Ziele hier: nur zeitliche, wie den sicheren, unausbleiblichen, endgültigen Tod des letzten Stückchens Erde.

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