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Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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VI.
Ein Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund den mehrfach genannten Gymnasiallehrer Peter Kahle. Giebt einen Kommentar zu der eben vernommenen Standrede, den ich jungen Mädchen nicht zu lesen rathe.

Kiebitzhof, am 25. März.

Magister Kahle!

Ihr habt mich, beim Himmel, schwer geärgert mit Eurem Briefe. Ich habe Euch bis jetzt für einen ernsthaften Menschen und Staatsbürger gehalten und mußte nun mit nicht geringem Bedauern wahrnehmen, daß Ihr ein Spötter von jener geringen Sorte seid, die heutzutage von den Zeitungen schockweise auf den Markt gebracht werden, und für die ich nicht sechs Dreier gebe, selbst wenn sie Doktoren der Philosophie und staatlich geaichte Knabenerzieher sind.

Proh dolor, Peter, – wie kannst Du bis zu der Frivolität hinabtauchen, zu reimen:

Das ist der März,
Drauf reimt sich Herz,
Sogar die Graunzer freien.
Jetzt wird es Tag!
Oh, Himmel, sag',
Was denn geschieht im Maien?

Schämst Du Dich nicht, Peter? Das Deinem Freunde und Corpsbruder?

Aber ich hab's immer gesagt: die Schulmeisterei verdirbt den Charakter; und: auf dem Katheder wächst das Blümlein Bosheit am üppigsten; und: wer mit dem Bakel hantirt, sieht an jedem Menschen nur das Sitzfleisch. (A propos: Doch kennst doch die Geschichte von jenem Schulmonarchen, der in einem Museum die Venus Kallipygos sah und mit Zungenschnalz ausrief: Wie müßten hier fünfundzwanzig flecken!...?) – Welch ein Narr ich war, daß ich Dir Mittheilung von dem Entschlusse machte, der mir wahrhaftig schwerer gefallen ist, als irgend einer in meinem ganzen Leben! Ueber so 'was machst Du Witze!? Und sogar gereimte?!

Ist denn das ganze Männergeschlecht eine einzige Clique, vereint zur Verhöhnung der Wenigen, die sich vom Weibe emanzipirt haben? Habt Ihr denn alle die Objektivität verloren in dem lächerlichen Ringelringelrosenkranz, den Ihr mit Aufopferung Eures Verstandes, Eurer Freiheit, Eurer Würde, Eures Wohlbehagens, Eurer seelischen Reinheit mit dem von Schopenhauer sattsam in seiner Gefährlichkeit und Elendigkeit gekennzeichneten Geschlechte tanzt? Ist es Euch denn ganz und gar unmöglich geworden, wirklich männlich und nicht bloß als Schürzenanhängsel zu denken?

Oh, Ihr Schürzenbandknoten! Oh, Ihr belämmerten Ritter vom Unterrock! Oh, Ihr Karpfen, die Ihr an der Zopfnadel hangt!

Du kannst Dir also absolut nicht vorstellen, daß man wirklich bloß um des Grundes Willen, den ich Dir in meinem Briefe angegeben habe, heirathen kann, Du fühlst schlechterdings den Anreiz zu der liebenswürdigen Insinuation in Dir, ich ließe mich da nur von einem maskirten Instinkte leiten, und dieser Instinkt tendire ganz fröhlich und bestimmt auf das in, was Ihr schamhaft Erotik nennt, weil Euch selber der Ausdruck »Liebe« blümerant, weibsenhaft und lyrikerig vorkommt?

Nun will ich Dir aber mal was sagen: Eure ganze vielgerühmte »Liebe« ist im Gegenteil nur eine Maske, die sich der Wunsch auf Nachkommenschaft vorbindet, um auf glatteren Wegen zu seinem Ziele zu gelangen. Der Schwindel, den der Auerhahn der Auerhenne vortanzt, und der Schwindel, den Ihr Euren Gänsen vorsingt, vorwimmert, vorflötet, das ist alles dieselbe Sache, die dadurch nicht anständiger wird, daß sie die allergemeinste auf Gottes Erdboden ist. Der Auerhahn aber ist gescheidter als die zweibeinigen Freiere um Fräulein Gans. Er setzt das zappelige Getanze re facta wenigstens nicht fort. Im Gegentheil: er begiebt sich schleunigst möglichst weit weg, auf die allerhöchsten Baumwipfel, und ist von nun an ein sehr gemessener und ernsthafter Herr. Ihr dagegen, – daß Gott erbarm'! Wenn Euch die »Liebe« losgelassen hat, kriegt Euch das noch künstlicher angemachte Ehegefühl in die Krallen, und die richtige Komödie beginnt jetzt erst. Ihr schämt Euch, durch die naturnothwendig eintretende Kälte zuzugestehen, daß Ihr vorher bloß die obligate Balzkomödie aufgeführt habt, und Ihr wißt Euch nicht anders zu helfen, als dadurch, daß Ihr nun die Komödie der ehelichen Liebe beginnt. Diese Komödie endigt aber immer tragisch, gleichviel, ob es die Welt merkt oder nicht. Denn für einen Theil, und, wie ich fürchte, meist für den männlichen, wird sie Ernst. Will sagen: der Komödiant glaubt schließlich selber an das, was er mimt, und das Ende ist die Entselbstung, die Verweibsung.

Die Ehe ist Schuld daran, daß es keine Männer mehr giebt, d. h. die Ehe, wie Ihr, die Verweibsungssüchtigen, sie begreift.

Es muß aber auch noch eine andere Ehe möglich sein, die natürlich Ehe nämlich, die Ehe ohne Goldpapieremballage, die Ehe, die lediglich und ganz ausschließlich den Zweck der Erzielung von Nachkommenschaft hat, und die weder vom Manne noch von der Frau die Aufgabe der Persönlichkeit durch die »Liebe« fordert.

Monströser Unfug, diese »Liebe«, die die Verkrüppelung der einen Individualität ohne Weiteres zur Voraussetzung und meistens die Vernichtung beider Individualitäten zur Folge hat. Wie soll aus solchen Verhältnissen eine gesunde Nachkommenschaft hervorgehen? Was ist diese Sorte Ehe anders, als der Faktor, mit dem das Bischen Persönlichkeit aus der Menschheit hinausdividirt wird! Mir graut davor, wenn ich denke, was schließlich daraus werden soll, aus diesem Rührei von Mann und Weib.

Und darum sag' ich für meine Person allen Ernstes: nein! Ich will eine Ehe gründen, ohne die Fiktion, daß, um ein neues Individuum zu zeugen, es nöthig sei, entweder die eigene oder eine andere Individualität zu opfern oder zwei Individualitäten bis zur Unkenntlichkeit in einander zu manschen. Eine solche Ehe, wie ich sie mir denke, mag eurer Sentimentalität nicht behagen. Dafür entspricht sie um so mehr der Natur. Die Ehe ist nun mal keine lyrische Angelegenheit.

Mein Entschluß steht fest. Ich setze Hansjörg zum Verwalter ein und begebe mich auf die Suche. Erst nach Berlin, wo ich, dem genius loci entsprechend, die Sache auf die geschwindeste und geschäftsmäßigste Weise per Annonce zu erledigen suchen werde. In welchen Lotterietopf man greift, ist schließlich gleichgültig.

Gehab' Dich wohl und geh' in dich!

Dein                
Pankraz.

 

Bemerkung des Adressaten zu diesem Briefe:

Krazi Graunzer, oder der Misogyn aus Naturwissenschaft. Auch gut! Man ist heute Alles aus Naturwissenschaft. Früher war man Alles aus Religion. Auch Misogyn. Siehe die Kirchenväter. Die Welt ist rund und dreht sich um.

K.

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