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Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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XXVIII.
Ein Bündel Briefe des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund Peter Kahle, genannt die Briefe vom Kriegsschauplatze.

Skt. Georgen, am 4. August.

Lieber Peter,

es wird mobil gemacht. Brigitte hat genug geplänkelt. Das arme Kind ist schon marode. Die Sache liegt schlimmer, als ich gedacht.

Die Mutter will nicht.

Das steht fest.

Ich habe daher den Bruder und die Yankeese als Bundesgenossen geworben. Beim Himmel: keine saubere Allianz. Aber es mußte sein.

Sie bohren nun zu zweit an der Alten, und die Angebohrte läßt ihren Zorn über die Operation an Brigitten aus.

Verweinte Augen. Verweinte Briefe.

Ich selber renne hin und her und frage und bitte und tröste und, wenn ich zu Hause bin, fluche ich und halte grimmige Monologe.

In zweierlei Eigenschaft, so scheint's, bin und der chère mère unlieblich: als Preuß' und dann als Ketzer.

Ich betheure, daß meine Seele nicht preußischer und lutheranischer ist, als die Seele eines Stallpintschers.

Hilft nichts: der Taufschein beweist, Seele ist Nebensache.

Ich weise darauf hin, daß die Dame aus den Vereinigten Staaten auch nicht in Bayern geboren und auch nicht mit katholisch geweihtem Wasser getauft ist.

Hilft nichts: bei einer Frau ist das ganz was Anderes. Die wird halt, was der Mann ist.

Darauf versuch' ich, mich auf allerlei tiefgründige Entwicklungen einzulassen (eine Heidenschinderei, kann ich Dir sagen).

Hilft nichts: die Alte kapirt kein Wort.

Soll ich vielleicht katholisch werden?

Nein! Man kennt das! Ich würde halt so katholisch, wie ich jetzt lutherisch bin. Das wär' ein sauberer Katholizismus.

Und so dreht und dreht und dreht sich die Scheibe, aber ein Topf wird nicht d'raus.

Beim hohen Himmel: man könnte rabiat werden und drehkrank bei dem Geschäft.

Aber dann treff' ich mich auf ein paar liebe Minuten mit Brigitten auf dem Anger, und es ist Alles wieder gut.

Goldene Wellen, die die Sonne tragen,
Kommen mir aus ihren Augen her.
Wirf, du dummes Herze, Grimm und Klagen
Tief hinab in dieses goldene Meer.

Dein                
Pankraz.

* * *

Skt. Georgen, am 10. August.

Lieber Peter!

Da bin ich und trag' auf der Spitze meines Schwertes den Kranz des Siegers aus heißer Schlacht.

Ah, mein Lieber, derber durchgewalkt ist noch kein Ritter heimgekehrt aus dem Kreuzzuge.

Vielleicht findest Du das Bild ein Bischen kühn (ich thue desgleichen), aber ich muß es doch aussprechen, denn es thut mir wohl, es zu sagen: meine Seele schwitzt von diesem Kampfe.

Nicht umsonst wohn' ich in Skt. Georgen, denn es war mir beschieden, mit einem Drachen zu kämpfen.

Höre und bewundre mich!

Gestern erklärten mir meine Alliirten, der Plan sei bereit, und ich sollte ausziehen und mein Heil versuchen. Freies Geleite sei mir gewährt, und hinausgeworfen würde ich höchstens am Schluß.

Ich schäme mich nicht, zu gestehen, daß mir bei dieser Eröffnung ein wenig bänglich zu Muthe ward.

Brigitte zitterte am ganzen Leibe, und ihre Angst war so groß, daß sie weder weinen noch sprechen konnte. Wortelos begleitete sie mich zu dem Hause hinauf, in dem die Mutter Tags über weilt.

Ach, ihre Augen zu sehen, wie sie voll Liebe und Sorge waren! Und wie sie sich an mich schmiegte, daß ich ihr Herz klopfen fühlte.

Ich hatte Lust, dieser Mutter vorher die Fenster einzuwerfen, eh' ich sie um die Hand ihrer Tochter bat.

»Kehr' jetzt um, Mädi, und hab' keine Angst. Sie wird schon ja sagen.«

Sie ließ den Kopf hängen und lief, lief schnell den Berg herunter.

Unten blieb sie einen Augenblick stehen, wandte mir ihr Gesicht zu und rief nur das eine Wort: Du!

Wer das Wort in Musik setzen könnte!

Alle Kunst ist Gestammel.

* * *

Ich trat in's Haus.

Und nun ging mir's, wie mir's immer geht in schweren Lagen. Vorher bin ich keiner von den Muthigsten, aber, sobald ich der wüsten Frau Gefahr direkt in's Auge sehe, kommt Ruhe und Zuversicht über mich. So ging mir's im Examen, so ging mir's, als ich damals mit dem lächelnden Biedermann Pistolen knallte, und so also auch jetzt, als es sich um viel Wichtigeres handelte, um das liebe Brigittenwunder.

Also: ich war heroisch kühl.

Die Alte saß in einer rauchigen Werkstatt und goß zinnernes Spielzeug, das, in Verkleinerung, allerlei Altargeräthe der katholischen Kirche darstellte. (Das ist nämlich das Geschäft, das sie nach dem Tode ihres Mannes fortsetzt, obwohl sie es »nicht nöthig« hat.)

Ich dachte an den Kugelguß in der Wolfsschlucht, und es war Alles sehr stimmungsvoll und ungewöhnlich.

»Parbleu« sagte ich zu mir selber (wirklich: parbleu sagt' ich, – es war darin wohl ein Bischen Renommirfuchsigkeit), »parbleu, es ist mir doch lieber, als wenn ich in irgend einer ›Berliner Stube‹ zwischen Ausstattungsstücken preußischen Tapeziergeschmacks diesen Tanz tanzen müßte«, und ich freute mich, wie der grüne Garten in diese rauchige niedere Bude hineinschien.

Also: Auf die Mensur! Bindet die Klingen! Sind gebunden! Los!

Huppdich! Da hatt' ich schon einen Sauhieb weg.

Madame war nämlich liebenswürdig und sprach also:

»So, das is schee, daß der Herr Doktor sich 'mal das Zinngießen anschaugn will! Gell, so 'was haben's in Berlin net?«

»Nein, wirklich nicht! Sehr interessant! Ah! So sieht so eine Form aus? Hm! Und das ist ein Gießlöffel? Ja, ja, das will gelernt sein!«

»Ach, is net schwer. Wollen's ebet mal versuchen?«

Und richtig: ich mußte erst lernen, eine Monstranz zu gießen.

Am liebsten hätt' ich Alles zusammengeschmissen, aber ich hielt an mich und goß, daß mir der Schweiß in Perlen die Backen hinunter rann.

»So! Recht schee! Recht schee! Ja, so a Doktor, der lernt halt Alles gar schleuni.«

»Zumal ein preußischer Doktor, nicht wahr?«

»Ja, die Preißen. Dös san halt Malefizi... Na, na, nix für ungut. Sie wissen scho. I moan's net so schlimm.«

»Wirklich nicht? Aber dann ist's ja gut! Dann können Sie mir ja auch Brigitten geben!«

»'s Brigittle? Was wollen S' denn mit dera? Die is ja viel z'schlecht für so an noblichten preißischen Doktor! So a dumm's Mädl! Viel zu schlecht is!«

»Das muß ich schon besser wissen. Ich glaube, daß es in der ganzen Welt nichts so Liebes und Gutes giebt, und, sehen Sie, ich bin doch nicht bloß ein Doktor, sondern auch ein ziemlich alter Knabe. Vierzig.«

»Hm. Ja. Dös is grad. I moan halt: Dös kann net recht sei'. Sie is z'jung no!«

Darauf war ich nicht gefaßt! Denn das war ja eigentlich nicht unvernünftig.

Aber über diesen vernünftigen Einwurf, der ihr, wie ich bald merkte, durchaus nicht ernst war, kamen wir schnell weg.

Nicht so schnell leider über Anderes.

Der »Preiß« und der »Ketzer« waren auch schnell abgethan, eigentlich kaum berührt, so daß ich die Empfindung hatte, bisher von meinen Alliirten ganz falsch berichtet worden zu sein. Die Alte spielte sich vielmehr eher als Freigeiste auf und that so, als kümmerte sie die Religion gar nicht.

Dagegen verlegte sie sich mit einem wüthenden Eifer darauf, mir klar zu machen, wie unendlich tief Brigitte unter mir stehe. Ich habe noch nie einen Menschen so schlecht machen hören, wie es hier einer Tochter durch ihre Mutter geschah.

Du kannst Dir denken, in welchen Zorn mich das versetzte.

Schließlich schrieen wir uns rechtschaffen an, und die Alte sprang wie im Veitstanze um mich herum, eine Schlechtigkeit nach der andern auf ihre Tochter häufend.

Ich bring' es nicht über mich, die Worte und Bilder zu wiederholen, die sie gebrauchte. Ihr ganzes Gebahren machte einen pathologischen Eindruck, und ich hatte zuweilen direkt physische Angst vor dieser fuchtelnden, wortespeienden Aufgeregtheit.

Aber ich hielt Stand und behauptete das Feld. Sie konnte nicht halb so viel schimpfen, wie ich pries, und schließlich fiel sie erschöpft in ihren Stuhl und lächelte bloß noch blöde zu der großen Schlußrede, die ich auf Brigitten hielt.

Und siehe: aus dem blöden Lächeln wurde ein befriedigtes Lauschen, und ein ganz anderes Lächeln gewann Macht über dies gelbe, harte Gesicht, das langsam weich und freundlich wurde, und ich merkte: Das ganze Geschimpfe war nur Scheingefecht, die stärkste ihrer Taktiken, meinen Angriff abzuschlagen und das zu behaupten, was die Alte in mütterlichem Egoismus für sich selber behalten wollte: Brigitte, das Scheusal.

Du kannst Dir vorstellen, daß mich das um sehr viel milder gegen sie stimmte, obwohl ich deshalb nicht nachlassen konnte, meine Sache zu verfechten, die zugleich Brigittens Sache war. Auch muß ich gestehen, daß diese Gattung mütterlicher Liebe mir nicht sonderlich behagt. Verstieg sie sich doch so weit, daß sie es als ihr Ziel erklärte, Brigitte in ein Altjungfernstift einzukaufen, um ihrer völlig sicher zu sein. Und dabei kam Eines heraus: die Alte meinte, nicht aus mütterlichem Egoismus zu handeln, sondern aus mütterlicher Fürsorge:

»Ich weiß, was es mit dem Verheirathetsein is: Nix als Sorg'n und Wehthun. Und's Ende is das Wittfrauthum, das allerschlimmst'.«

Wie sie das sagte, überkam mich für eine Weile diese verfluchte Objektivität, die uns Deutsche schon manchmal im kritischen Momente in die Hand unserer Gegner gespielt hat, unsre vermaledeite Erbtugend, an der wir wahrscheinlich noch zu Grunde gehen werden. Sie trieb's so toll mit mir, daß mir – Antigone einfiel! Der Frauen Schicksal ist bejammernswerth...

Ja ja, Leben und Lieben... Lyrisch macht sich's recht süße, aber...

Nein doch! Ich weiß, daß ich kein Hundsfott bin, Gottlob, und Brigitte wird nicht zu klagen haben und wird nicht klagen.

Das sagte ich denn auch ihr, und ich sagte es so, daß es sie überzeugte, und so kam es, daß sie mir die harte, knochige Hand gab und ja zu meinem Wunsche sagte.

Vier Stunden hatte der Kampf gedauert, während dessen aus einem Drachen eine zwar nicht sehr liebenswürdige, aber doch eine nach ihrer Art liebende Mutter wurde, – wenigstens für mich, der ich ihr abbitte, daß ich sie so häßlich beurtheilt habe.

Ich rannte hinaus. Ich rannte den Berg hinab. Ich rannte in Brigittens Arme, und, weiß Gott, wir zweie haben geweint mit einander vor Glück.

Jetzt ist bloß die Frage: wann wird Hochzeit sein?

Denn ich habe Eile, Pater! Mir wird Angst, daß, wenn ich nicht ganz fix mache, irgend etwas Plumpes, Dummes, Gräßliches kommt, das da sagt: Weg da, Glück!

Also: Laufschritt! Marsch! Marsch!

Dein
sehr glücklicher
Pankrazius.
       

* * *

Skt. Georgen, am 20. August.

Lieber Peter!

Das Schiff hat ein Loch,
Aber an's Land kommt's doch.

Höre: Nachdem die Alte Handschlag und Jawort gegeben, bin ich, Verschiedenes, z. B. ein Brautkleid (ein hold weißseiden Gedicht), zu kaufen, nach München gefahren. Ich lief dort wie auf Sammt, so leicht und glücklich war mir zu Muthe, da, plötzlich, heute, als thäte sich flammend der unbewölkte blaue Himmel auf, kommt mir die schauderhafte Nachricht: die Mutter nimmt Alles zurück und will nimmer, Alles ist aus. Und flehentlich bat Brigitte: Komm! Komm!

Ich fuhr sofort nach Dießen. In einem Gewitterguß lief ich von Wilshofen, bis ich am Hausthor stand. Durch's Fenster sah ich Brigitten ganz verweint in der Ecke sitzen. Ich läute; sie springt heraus, mir an die Brust und weint und weint. Drängt mich aber fort. Ich dürfe nicht hinein, sie werde Nachts kommen und mir Alles sagen.

O, dieses Warten nun!

Endlich kam sie. Es war elf Uhr. Stockdunkel die Nacht und gießender Regen.

Die arme nasse Maus! Und konnte wohl eine halbe Stunde nicht reden vor Weinen.

War fortgelaufen, obwohl sie sicher glaubte, daß es bemerkt werden würde. So, mitten in der Nacht, erzählte sie mir, es wäre wie Raserei über die Mutter gekommen, die sie nun mißhandelte in ihrer Wuth. Ja, sie sollte nur zu mir laufen, immer zu! Aber nicht mit ihrem Willen! Wählen sollte sie zwischen dem Hergelaufenen und der Mutter, die ihr als Segen einen Tritt geben wolle, daß sie nur recht weit wegflöge, recht weit.

Und die ganze Familie sofort im Einklange mit dieser Tonart. Von allen Seiten war man auf das arme Kind losgefahren.

Wie ein verprügeltes kleines Hündchen kam sie mir vor, und wenn sie mir jetzt gesagt hätte: Ich muß Dich lassen, – ich hätte nicht das Herz gehabt, sie zu schelten.

Welches Mädchen hätte nicht so gethan?

Aber in ihr war von diesem Gedanken nicht ein Hauch.

Ihre Arme langten nach mir, ihr Herz war schon fort aus dem Hause, in das mir der Zutritt verwehrt sein sollte.

Hätte ich jetzt, im Sturm der Regennacht, gesagt: Komm, wir wollen gehen! – ohne Besinnen hätte sie meinen Arm genommen.

Ich dachte einen Augenblick daran, so zu handeln, aber schließlich überlegte ich, daß es zwar romantisch, aber auch unklug und unrecht wäre. Ich brachte sie also zurück an ihr Haus und half ihr zum Fenster hinein. Eine Weile blieb ich und lauschte, ob sich kein Lärm erheben würde. Aber es blieb ruhig. Es war nichts bemerkt worden.

Das war ein Tag, heute!

Aber da seh ich, daß schon der Morgen graut und daß also auch dieser böser Tag bereits vorüber ist. Jetzt heißt es nun schnell die andern bösen folgen lassen, damit wir auf die guten, die schon auf dem Wege zu uns sind, nicht zu lange warten müssen.

Wie sang uns're rothmützige Jugend?

Hopp, hurrah, voran!
Es schleicht der Wicht, es springt der Mann;
Und ging es in die Speere!
Ein Ende mach' dem Sauermuth,
Das Glück ist bloß dem Raschen gut,
Das Glück und auch die Ehre!

Jetzt noch drei Stunden auf's Ohr gelegt, dann diesen Brief auf die Post und dann, was kann da sein, hopp, hurrah, in die Speere!

Dein                
Krazi.

* * *

St. Georgen, den 21. August.

Lieber Peter!

Gottlob, das Feld ist klar. Ich hatte schon Angst, daß wiederum diplomatisiert werden müßte.

Nein. Ich bin kurzweg hinausgeworfen, will sagen gar nicht eingelassen worden und nun, mein Lieber, sollst Du eine kleine romantische Entführung erleben und stolz auf Deinen alten Korpsbruder sein, daß er rasch wie ein junger das Glück am goldenen Schopfe packt.

Brigitte und ich haben heute das Kunststück fertig gebracht, trotz aller Belauerung zusammen zu kommen, und wir haben beschlossen, auf und davon zu geh'n. Jetzt, wo keine Wahl mehr ist, ist es uns Beiden, als hätt' es gar nicht anders kommen können, und wir berathschlagen unser Werk mit einer Art von kühler Heiterkeit.

Gott, wer das mir prophezeit hätte!

Tante, Tante, was sagst Du nun! O, ich weiß, Du giebst mir Recht, so wenig Du von Allem wissen wolltest, das nach billiger Romantik aussieht. Wir handeln in der Nothwehr. Man will uns unseres Rechtes auf uns berauben. Freilich greift man uns mit den Waffen des formalen Rechtes an. Ei freilich! Aber wir ziehen das Recht vor, das mit uns geboren ist.

Du runzelst die Präzeptorenstirn, Peter? Na, warte nur, wenn ich Dir Brigitten zeigen werde, wirst Du sie wieder glätten.

Dein staatsgefährlicher
Pankrazius.
       

* * *

Augsburg, in den Drei Mohren
am 30. August.      

Mein theurer Peter mit der Runzelstirn!

Es ist wirklich wahr, man ißt in den drei Mohren ausgezeichnet gut, und wenn Du mir's nicht glauben willst, so frag' Deinen Kollegen, den Gymnasiallehrer Dr. Peter Kahle aus Pommern, der augenblicklich mit seiner Nichte Sophrosyne in diesem sehr vortrefflichen Gasthaus abgestiegen ist und es sich über die Maaßen wohl sein läßt bei altem Burgunder Nuits und Schweinsbraten nebst Bauchstecherlen, einem schwäbischen Gerichte von großem Liebreiz.

Ich habe mir nämlich, um Dich für Deinen sauerkloßigen Brief wenigstens etwas, wenn auch viel zu gelinde, zu bestrafen, Deinen vielwerthen Namen beigelegt, da ich Ursache habe, den meinen hier nicht zu nennen, denn Deine Nichte Sophrosyne ist meine liebe Brigitte, und wir zwei Beide befinden uns fröhlich auf dem Pfade, vor dem Du so eindringlich und in unverkennbaren Anklängen an den Stil der lateinischen Aufsätze abgerathen hast.

Ich sehe Dich erbleichen, Alter, und so will ich Dich denn sogleich trösten.

Also: Unsre Flucht (das klingt!) hat sich nicht ganz so freiwillig und vorbedacht gestaltet, als wir eigentlich vorhatten. Das Schicksal, das es so gut mit uns meint, hat uns vielmehr im letzten Augenblick noch einen mildernden Umstand gestiftet.

Spitze die Ohren, mein Freund, paß auf und laß mich erzählen! –:

Brigitte und ich lebten so heiter und zuversichtlich, wie Leute leben, die einen guten, starken Vorsatz gefaßt haben und dabei sind, ihn in allen Einzelheiten der Ausführung zu überdenken. Wir konnten uns nur heimlich sehen, aber das machte unsre Zusammenkünfte nur noch reizvoller. Freilich, kurz waren sie, zu kurz, und das wollte uns nicht behagen.

Deshalb beschlossen wir, einmal kühn zu sein und uns einen ganzen Sonntag Nachmittag zu schenken, einfach so, daß Brigitte mit einer Freundin, die nun natürlich in's Vertrauen gezogen werden mußte, scheinbar spaziren ginge, in Wahrheit aber zu mir käme, während die Freundin in ihrer Güte allein weiterspazirte.

Und so geschah's. Alles ging nach Wunsch, wir thaten uns gütlich aneinander, und, wie es in dem alten chinesischen Roman vom schönen Mädchen von Pao heißt: »Die Freude der Fische im Wasser zu schildern, ist überflüssig.«

Als der Abend kam, stellte sich die Freundin wieder ein und holte Brigitten mit spitzbübischem Lächeln ab. Es sah hübsch aus, wie die beiden Mädchen mit einander heimwärts schritten durch die Dämmerung. Oft wandte Brigitte das liebe Gesicht zurück, und immer, wenn sie es that, war mir's, als leuchte die Sonne im grauen Dämmer.

Wie der Abend dichter ward, ging ich auch in den Ort, in ein Wirthshaus, das dem Vater des Mädchens gehört, durch dessen einsamen Spaziergang und die Möglichkeit, allein miteinander zu sein, gegeben worden war. Ich war etwa fünfzig Schritte vor dem Thore des Hauses, da hör' ich im Dunkel was Leises, Rauschendes hinter mir her, und wie ich mich umdrehe, liegt mir auch schon Brigitte am Hals, schluchzend, feucht die Backen von Thränen.

Es war lange nicht möglich, ein Wort aus ihr herauszubekommen. Erst, als ich sie weit hinaus, den Hügelweg hinauf, geführt hatte, der nach Landsberg geht, rang sich's langsam los aus ihr.

Was soll ich Dir's weitläufig erzählen: es war bemerkt worden, wo sie gewesen war, und, da sie es auch ruhig und fest gestand und erklärt hatte, sie werde sich nimmer von mir losreißen lassen, hatte die Mutter, rasend vor Wuth, sie zur Thüre hinausgewiesen mit den Worten: sie solle zu mir gehen und bei mir bleiben und es nicht wagen, sich wieder vor ihr sehen zu lassen. Es hatte auch nicht an handgreiflichen Hinzufügungen gefehlt.

Und da hatt' ich sie nun, meine liebe kleine Frau.

Anfangs flogen mir die Pulse vor Aufregung und Zorn und Schmerz, aber, just als der Mond herübertrat über den Burgwald und silberschön das Mädel beglänzte, da kam mir's wie ein Gefühl ruhigen Dankes, und ich nahm sie an den Hüften und hob sie hoch und küßte sie lange und schwang sie dann herum im Kreise und lachte sie an und sagte: Herrlich, Mädi, so brauchen wir nicht auszureißen, sondern gehen ganz friedlich miteinander ab und lassen die Andern uns gern haben, allemiteinand.

Gell?!

Ja! sagte sie leise und sah mich mit wehfrohen Augen an, die sprachen: wie Du willst!

Nun lagen die Dinge aber so: die Mutter würde freilich keinen Finger rühren, um rückgängig zu machen, was sie gethan, und ginge Brigitte jetzt in's Haus zurück, die Alte würde sie mit einem Scheit Holz hinaustreiben und nur bedauern, daß nicht Winter und Sturm draußen ist. Aber der Bruder und die Schwägerin – die würden Alles versuchen, sie zurückzuholen. Sie würden sie vielleicht eine Weile vor der Alten verborgen halten, bis sich deren Wuthparoxysmus in etwas gelegt hätte, dann aber, zumal wenn ich fort wäre, würde sich Alles langsam wieder einlenken.

Liebe, verständige Verwandte, – nicht wahr?

Ach, Du Idealist! Was sich die wackeren Zweie retten wollten, war nicht die Schwester, nicht die Schwägerin, – war einfach der billige Dienstbote, das treue, eifrig, willige Arbeitsthier, das keinen Lohn verlangte und mehr that als ein Fremdes.

Du glaubst das nicht?

Es ist aber leider so. Der Bruder hat mir's an jenem Abend, gestern Abend, selber gesagt.

Denn nun kam Folgendes. Ich brachte Brigitten in einem Hause oben in Skt. Georgen unter, das ein mir bekannter Maler mit seiner Frau bewohnte, machte Alles Nöthige mit ihr aus und ging dann in das Gasthaus, um mit Brigittens Freundin Einiges zu besprechen. Denn das arme Thierchen hatte ja natürlich keine Reisekleider, keinen Hut, keine Schuhe.

Die Freundin war bald verständigt und schnell bereit, zu helfen, und ich ging nun, mich zu stärken, in's Gastzimmer. Wunderlicher Gegensatz! Da knallten die Zimmerstutzen, da klangs von Zither und Guitarre, und die Maßkrüge donnerten auf die Tische.

Der wackere Bruder war auch bei den Schützen. Gerad, wie ich eintrat, war er am Schuß. Er zielte lange, drückte ab und traf in's Schwarze. Allgemeines Halloh, die Maßkrüge klangen zusammen, wohlgefällig lächelnd nahm er die Komplimente seiner Genossen entgegen.

Dann kam er langsam auf mich zu, grinste mich freundschaftlich an, gab mir die Hand, hieß sein Bier an meinen Tisch bringen und fing nun auf's Gemüthlichste an, mit mir über die Sache zu reden.

Ich sollte ihm sagen, wo Brigitte wäre; das war das Erste.

Ich sagte ihm sehr ruhig und gleichfalls mit dem Biedertone der Gemüthlichkeit, daß mir das gar nicht einfiele.

Dann werde er sie suchen, – er!

Das möge er thun, wenn's ihm Spaß mache. Finden werde er sie aber nicht.

Oh! Wenn er nur wollte! Er fände sie schon! Er könne sich schon denken, wo sie stecke. Aber nein: er werde sich gar keine Mühe geben und sich das Zimmerstutzenschießen verhunzen, jetzt, wo er wahrscheinlich heut' Abend König sein werde. Nein: ich würde schon ein Einseh'n haben und dem Mädel den Kopf zurecht setzen und sie nach Hause schicken.

Wie er auf solche alberne Einfälle komme?

Na, mir sei's doch nicht Ernst um das Mädel, mir, dem Studirten! Gott, er hätte ja gar nichts dagegen, wenn ich mich mit dem Mädel amusirte. Ich würde schon dafür sorgen, daß ihr nichts passirte...

Ich hatte Lust, den Kerl zu maulschellen, den infamen, aber ich hielt an mich und erklärte ihm ruhig, zum Amusirverhältniß sei mir seine Schwester zu gut, aber ich würde sie heirathen, obwohl er ihr Bruder sei.

Jetzt wurde er aber wild: Nein! Dazu gebe er seine Einwilligung nicht!

Darauf ich: ich bäte ihn auch nicht darum, und er habe auch keine zu geben.

Doch! Er hätte sie zu geben.

Wieso? Ob er ihr Vormund sei?

Nein: aber ihr – Dienstherr!

Donnerwetter!

Ich sah mir den Burschen eine Weile sprachlos an, dann nahm ich meinen Hut und ging.

Er brüllte was hinter mir her.

—   —   —

Als ich den Abend, der mittlerweile zur stockdunklen, stürmischen Nacht geworden war, hinaustrat, und als mich nach dem Gelärm und Gequalm der Wirthsstube die stille Reinheit der freien Luft empfing, da ward es mir mit einem Male klar, wie das Wunderbare geschehen konnte, daß sich Brigitte so schnell und so fest an mich angeschlossen hatte. Ich war der Erste gewesen, der ihrem unbewußten Drange nach etwas Besserem, Höherem entgegengekommen war. Von mir hatte sie zum ersten Male eine Sprache, frei von Roheiten und Gemeinheiten, gehört, ich hatte ihr zum ersten Male den Blick in eine reinere Welt aufgethan, in eine Welt von Interessen, für die sie zwar nicht die Bildung, aber die instinktive Empfindungskraft besaß. Unter jenen, obwohl sie ihr verwandt waren, war sie die Fremde gewesen, wenn auch ihr frischer Lebenshumor es verhinderte, daß Melancholie ihr Wesen übersumpfte – mir war sie herzensverwandt, obwohl ich aus einem ihr fernen Lande, aus einer ihr fremden Stadt kam und viel älter als sie war. War es da ein Wunder, daß sie sich mir erschloß, zumal ihr weiblicher Instinkt bald bemerkte, daß ich sie keineswegs mit Onkelaugen ansah?

Jetzt hatt' ich die Lösung des Räthsels, das mir manche bange Stunde gemacht hatte, und da ich sie hatte, ward ich so froh, daß ich am liebsten gleich zu ihr hinausgelaufen wäre, sie noch einmal in die Arme zu nehmen und noch einmal im Kreise um mich zu schwingen, ich ganz verwandelter Pankrazius, Jüngling von ihren Gnaden.

Ach, Peter, so froh war ich, – es ist nicht zu schildern.

Der Wind nahm mit den Hut und wehte ihn in die dunkle Nacht, den Berg hinab.

Hurrah! schrie ich, wie ein junger Lieutenant, der hinterm Sieg her ist, und lief in's Dunkel, dem Hute nach, den Brigitte um seiner Farbe und Weichheit Willen »die Frühlingswolke« getauft hatte.

»Frühlingswolke, wo bist Du?!« schrie ich und rannte in's Dunkel.

»Frühlingswolke, bist Du in den Himmel gefahren?!« und da lag ich auf der Nase.

»Frühlingswolke, ich kriege Dich, so gewiß ich Brigitten schon habe!« und ich turnte in einem dicken Buschgehege herum.

»Frühlingswolke!...«, und da hatt' ich ihn, der auf einem Rosenbusche hing.

Ich ging sehr befriedigt nach Hause, meine Frühlingswolke auf dem Kopfe, den Frühling im Herzen und bloß von der Angst geplagt: Du wirst es doch nicht verschlafen?

Denn die Post nach Landsberg, mein Lieber, geht schon um's Morgengrauen ab.

Wir hatten nämlich beschlossen, ganz einfach und unromantisch mit der Post nach Landsberg und von dort mit der Bahn nach Augsburg zu fahren. Das deshalb, weil wir so kalkulirten: wahrscheinlich wird die werthe Familie gar nichts thun, weil sie von unserer Seite gar nichts erwartet; wenn sie aber was thut, so wird sie die Ausfallsthore nach München öffnen.

Und, damit ich nun kurz bin: wir hatten uns nicht verrechnet.

Verschlafen hab' ich's Gott sei Dank nicht.

Als ich erwachte, prunkte der Himmel noch in schwarzem silberbesticktem Sammet. Von der großen Eiche vor meinem Fenster krallten ein paar Krähen ab und krächzten in die tintige Luft. »Absit omen« beschwor ich feierlich und fuhr in die Hosen. Mit Gerschle-Pepi war meiner Effekten wegen Alles beredet, ich konnte also ruhig wandern, und ich thats. Unten in der Post zwei Billets genommen (»Zwoa?«  »Jawohl, oben in Skt. Georgen steigt wer zu!«) und nun in den Rumpelkasten.

Ein verzweifelter Trompetenlauf, wie wenn zwanzig Frösche jäh aus dem Schlafe erwachten und erschreckt quakten, bis sie mitten im beruhigter werdenden »Quarr« wieder einschlafen. Das war der blauweiße Herr Postillon. Und nun bergauf durch die Hauptstraße. Die deutsche Sprache hat nicht Naturlaute genug, um onomatopoetisch das Gerassel, Gerumpel, Geratter, Geknatter, Geächze, Gekrächze, Gequietsche, Geratsche, Geklirre, Geknurre, Gepumpre und Gedonnre dieses königlich bayerischen Postfuhrwerkes anschaulich zu schildern. Wenn der Teufel seiner Großmutter zu ihrem Namenstag ein recht höllisches Ständchen bringen will, so läßt er sicherlich vor den Fenstern ihrer guten Stube ein Höllenkorso mit bayerischen Postomnibussen fahren. Aber den rechten Genuß hätte Madame doch erst, wenn sie drin säße.

Auf der Landstraße wurde es besser. Und wenn auch die Ohren und die vielwerthen vier Buchstaben weiterhin kasteit worden wären, jetzt hätte ich es nimmer gefühlt; denn den Augen widerfuhr ein herrliches Schauen. Ich sah ein abenteuerliches Bild: gleich einer großen, langen Raupe kroch ein heller Nebelkegel über den See. Und dann der sieghafte Aufstieg der Sonne. Vor sich her warf sie eine Hand voll flüssigen Goldes über das Kloster Andechs und den »heiligen Berg«, dann kam sie in wundersamer Majestät empor, – ich kann es nicht sagen, wie schön und wie gewaltig. Aber daß mir andächtig zu Muthe ward, das stehe hier. Es war eine jauchzende Andacht, ein innerliches Rufen, wie einem siegenden Helden entgegen, der mit letztem Lichtspeer den geblähten Bauch giftiger Gemeinheit trifft. Eia Du Ritter Sankt Jürg der Welt, wie fuhr Dein goldener Strahl in den Nebelwurm über dem See, daß er auseinanderquoll und verendete. Und klar und glatt, sonnenüberglitzert lag in aller Helle und Morgenfrische der große Wasserplan, daß die Blicke darüber hin sich tummeln konnten und fröhlich wurden in Glück und Glanz.

Und sieh, da stand auch das Brigittele und winkte mit dem weißen Tüchel. Stand unter einer Linde und sah aus wie ein leibhaftiger Engel, obwohl der Freundin Mina Kleider ihr viel zu weit waren.

»Komm!« rief ich, und sprang aus dem Wagen und nahm sie bei der Hand und führte sie zu Postillons maulaufreißendem Erstaunen in das königlich bayerische Rumpampolium.

»Höh!« sagte der, »dös is ja's Krawaunerle!«

»Jawohl, 's Krawaunerle! Macht a Vergnügungsreis'!«

—   —   —

Gottlob, daß wir alleine waren den ganzen Weg.

Zwar, gesprochen haben wir wenig, hatten uns aber doch viel zu sagen, das Niemand – zu sehen brauchte.

Und nun, Brigittele, schreib hier Deinen Namen drunter zum Gruße meinem lieben Peter Kahle, Deinem würdigen Onkel.

Schau: da stehts:

Brigitte Graunzer.

Dein
bis zum Blasen der Tuben
am Tage des jüngsten Gerichts!
Pankrazius.
       
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