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Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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XXIIII.
Herr Pankrazius Graunzer sitzt zwischen zwei wiesigen Hügeln am Bach und konfrontirt sich. Ein hochnothpeinliches Kapitel aus dem Gerschle-Pepi-Buch.

Es rumort was in mir. Es ist irgendwo was nicht richtig.

Ich habe nicht mehr völlig die Ruhe des Onkelthums.

Es wäre Unsinn, es zu leugnen.

Wenn überhaupt noch Rettung möglich ist, so nur dadurch, daß ich klar erkenne und handle, d. h. ausreiße, ganz schnell, auf der Stelle, weit weg.

Köstlich!

Ich! Ich! Der Pankrazius! Ich!

Und das ganze Monstrum ist neunzehn Jahre!

Mehr als noch einmal so alt bin ich, – ich, der Pankratius. Es ist zum Lachen, – aber mit schiefem Maule.

—   —   —

Ich habe versucht, sie grob anzufahren und mich so zu benehmen, daß sie mir vielleicht a Watsch'n geben würde.

Fiel ihr gar nicht ein. Ausgelacht hat sie mich.

Und so herrlich sah sie dabei aus, daß ich sie am Kopf genommen und zweimal abgeküßt habe, daß es eine Lust gewesen wäre, wenn ich nicht der Pankratius gewesen wäre...

—   —   —

Ja, um Gottes Willen, was ist denn das eigentlich? Ich bin doch kein Primaner?

Da ist dieses verfluchte Wort: Johannistrieb.

Nein, meine Theuern, ich danke. Um Johanni giebt's Hirschkäfer.

—   —   —

Wenn ich nur wüßte, woran ich bin.

Kurz gesagt: Ist's der Onkel oder der Adam?

Na, und wenn's der Adam wäre?

—   –?–   —

Tja... »Was kannscht da mach'n?!« würde Brigitte sagen, diese ausgezeichnete Philosophin.

—   —   —

Ich habe mich mit meinem Gerschle-Pepi-Buch hinausgemacht an den Krebsenbach und mir vorgenommen, diesem Unsinn mit dem Bleistift auf den Leib zu rücken und mir zu beweisen, daß ich der aschgraueste alte Esel bin, den der Mond noch je versilbert hat. Aber ich komme, so gut mein Wille auch ist, nicht dazu.

Das Erste war – ich hatte mich kaum niedergesetzt – daß ich losreimte:

Zwischen zwei wiesigen Hügeln am Bach
Sitz' ich und sinne dem Leben nach.

Dieser Blödsinn ist eigentlich schon Beweises genug. Es ist geradezu unverschämt:

Sitz' ich und sinne dem Leben nach...!

Unglaublich! Bloß, weil sich »nach« so ungefähr, wenn auch falsch, auf »Bach« reimt, lüge ich lustig darauf los und werfe den Mantel des Philosophen um mich.

»dem Leben nach«!

Ich will mir diese Schwindelhaftigkeit denn doch austreiben! –:

Wem sinnst Du nach!?

Einer kleinen dummen Gans sinnst Du nach!

Was sinnst Du ihr nach?

Daß Du sie haben möchtest, sinnst Du ihr nach.

Weshalb sinnst Du ihr das nach?

Weil Du ein alter Esel bist, sinnst Du ihr das nach.

—   —   —

Aber es wird nicht besser, wenn ich mich angrobse.

Vielleicht ist es besser, milde mit mir in's Gericht zu gehen. Irgend etwas wie mildernde Umstände muß es doch geben!

Gewiß, es ist die Nachwirkung der unglücklichen Freierfahrtsidee. Sie hat sich bloß aus dem Bewußten in's Unbewußte umgesetzt. Erst hatte ich sie, jetzt hat sie mich.

»Was kannscht da machen.«

Das Richtigste wäre, die Idee selbst endlich mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Du lieber Gott! Womit rottet man Ideen aus? Wieder mit Ideen!

Wenn aber eine Idee ein Trieb ist?

Herrgott, wenn diese Idee ein Trieb wäre?

Wieder das verfluchte Wort Johannistrieb.

—   —   —

Rieth mir nicht die Wittib, ich sollte mich in ein junges Mädel verlieben?

Wenn ich nicht so verdammt kultivirt wäre, – jetzt glaubte ich, die Wittib hat mich verhext.

So viel ist ohne Weiteres sicher: sie hat mir diese Neigung zu jungem Gemüse suggestiv beigebracht. Das Volk nennt das: Jemandem einen Floh in's Ohr setzen.

Ein ganz infamer Floh!

Wie singen die lustigen Gesellen in Auerbachs Keller?

Wir knicken und ersticken
Doch gleich, wenn einer sticht.

Na also? Knicke doch, Graunzer!

Es geht nicht.

Ich kann mir nicht helfen: das Mäd'l hat mich am Bänd'l.

—   —   —

Was thu' ich jetzt am Abend?

Ich geh' in's Marionettentheater.

Was thu' ich am Tage?

Ich spiele selber Marionettentheater, ich, Pankrazius, ich, und bin das dümmste Kasperle, das je die Beine schlenkerte und schrie:

Oh An–de–leh!
Oh Mah–de–deh!

Es wäre zum Maulschellen, wenn das Mädel nicht gar so reizend, nicht gar so... Genug!

Ich klappe mein Buch zu.

Auch zwischen zwei wiesigen Hügeln am Bach komme ich nicht weiter.

Lassen wir's halt gehen, wie's geht.

»Was kannscht da mach'n«, sagt's Brigittele.

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