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Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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XXII.
Herrn Pankrazius Graunzer parabelt es, und er erzählt seinem Tagebuche eine Hirtengeschichte.

                    Ich bin Her von einer großen Heerde,
Und die ganze Welt ist meine Weide,
Meine Schafe weiden selbst im Himmel.

Ist da eins, ein Bock, ein schwarzer, großer,
Mit gewundenen Hörnern, zottelhaarig,
Seine Augen sind nicht liebenswürdig,
Und er rennt mit seinem dicken Schädel
Gern an jeden Baum und jede Mauer.

Dieser Bock nun, heute, da der Himmel
Voller Geigen hing und Schäfchenwolken,
Sprach zu mir: »Ich möchte oben weiden.«

»Bitte!« sprach ich, »thu', was Dir genehm ist,
Schwarzer Bock, doch sei nicht unmanirlich,
Wenn Du oben etwa jenen Alten
Treffen solltest, den Du gerne leugnest.«

Wen denn?« sprach der Bock. »Du wirst schon sehen«,
Sprach ich, und der Schwarze sagte »Mäh!« und
Hopste fort.

                  Nach einer langen Weile,
Während ich die weißen meiner Lämmer
Ueber grüne Wiesen trieb zum Klange
Meiner gelben Schilfrohrflöte, kam er
Wieder.

            »Nun, mein sehr verehrter Schwarzer,
Was ist Dir begegnet oben, sage!?«

Unerhört! Der Alte ist kein Märchen!
Leibhaft hab' ich ihn geseh'n und selber
Zwiesprach habe ich mit ihm gehalten.
Wundergütig ist er und gelassen,
Selbst mich schwarzen Bock, der ihn geleugnet,
Hat er väterlich und gut behandelt.
Nimmermehr, so lang ich meine Hörner,
Die gewundenen, trage auf dem Kopfe,
Kommt mir's wieder bei, daß ich ihn leugne.«

»Donnerwetter, Schwarzer meiner Seele«,
Sprach ich, »bist Du etwa fromm geworden?
Einmal nur an Himmelsgänseblumen
Hat Dein Maul gerupft, und apostatisch
Bist Du schon? Das ist sehr schnell gegangen.
Alle meine weißen Lämmer werden
Sehr vergnügt sein, wenn sie das erfahren,
Und in Mäh-Chorälen werden laut sie
Preisen, daß ein Wunder sich ereignet.«

»Laß mir«, sprach der Schwarze, »bitte, Deine
Weißen Lämmer gütigst aus dem Spiele.
Ihretwegen bloß hab' ich bis heute
Ihn geleugnet, den in Mißkredit sie
Mit den vielen Mäh-Chorälen bringen.
Nein, ein Lämmerhirte ist der Alte
Nicht; obwohl er milde und gelassen.
Er ist größer. Oh, er ist gewaltig.
Schafe sind und Böcke seinem Auge
Gleich, er ist kein böser Stallverwalter,
Der dem Einen Stroh giebt, Jenem Hafer.
Liebe kennt er nicht und Haß nicht, Alles
Lebende hat Theil an ihm, in meinem
Schwarzen Auge ist er und im weißen
Wollhaar Deiner mähvergnügten Lämmer.«

»Weiter weißt Du nichts mir zu berichten?
Dieser Pantheismus, gutes Böckchen,
Ist ein angejahrter Wein. Ich kenn' ihn.«

»Nenn' es, wie Du Lust hast, und datir' es
Meinetwegen bis zu Olims Zeiten,
Aber richtig ist es doch nicht minder.
Daß ich es erkannt, deß' bin ich fröhlich,
Und ich will von nun ab darnach leben,
Daß ich es erkannt.«

                                Er hob die Hörner,
Straffte seine Beine noch um etwas
Steifer als gewöhnlich und stolzirte
Feierlich von dannen.

                                Lachen mußt' ich
Meines schwarzen Pantheisten. Selig
Mähten meine dicken weißen Lämmer.

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