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Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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XIX.
Einige Seiten aus Herrn Pankrazius Graunzers Reisetagebuch, aus denen hervorgeht, daß er philosophische und andere Anwandlungen wunderlichsten Charakters hat.

Von † † † Nürnberg nach München.

Wenn wir ganz verkatert waren, wir in den dunkelroten Mützen dazumal, dann sangen wir das schöne Lied:

Hin und her, hin und her,
Geht der Pendelschwengel,
Auf und ab geht er nicht,
Schatz, Du bist ein Engel.

Mancherlei, mancherlei
Dreht sich hier im Kreise,
Manches geht auch gradeaus,
Sprach der alte Weise.

Dieser alte Weise war
Klüger, als man dachte;
Dachte sein Gehirn zu schnell,
Sprach er sachte! sachte!

Litt der alte Weise an
Welthämorrhoiden,
Sucht und fand bei Hannchen er
Seinen Seelenfrieden.

Hannchen, das war ein Juwel,
Und der alte Weise
Kniff sie, wo sie dicke war,
Und er summte leise:

Hin und her, hin und her
Geht der Pendelschwengel,
Auf und ab geht er nicht,
Schatz, Du bist ein Engel!

Ja, ja, diese Philosophen! Es ist keine Frage, daß sie's hinter den Ohren haben. Sein Hannchen hat ein Jeder, und er weiß wohl, wo sie am kniffigsten ist.

Ob aber ein Jeder dieser Weltweisen (da ist eine Doktorfrage) mit seinem Hannchen verheirathet ist?

Pfui, Pankraz, wer wird solche Fragen stellen?

Was hat die Weltweisheit mit dem Standesamt zu thun?

Das Hannchen in jenem Liede ist ein Symbol, mein Freund, und honny soit, qui mal y pense! Oder...?... Ach! Was gehen mich die Hannchens der Weltweisheit an! Wie komm' ich überhaupt d'rauf?

Ach so: der Katzenkammer, das Katzenjammerlied:

Katerblas, Katerblas, Du mein Vergnügen,
Katerblas, Katerblas, Du meine Lust,
Gäb's keine Katerblas, gäb's kein Vergnügen,
Gäb's keine Katerblas, gäb's kahaine Lust!

Das heißt den Teufel mit Beelzebub austreiben, der Teufel Oberstem. Und das Rezept ist nicht so schlecht, als man's macht.

Welches bessere Mittel giebt's gegen das Leben, als sich todtzuschießen? Und: Was hilft besser gegen den Wurm des inneren Aergeres, als die sanfte Pille philosophischen Stumpfsinns?

Und kannte einen Mathematiker, der, wenn ihn seine Frau recht ehegespönstisch beliebfraut hatte, sich hinsetzte und mit allen Regeln dieser greulichen Kunst ausrechnete, daß zwei mal zwei sechsundzwanzigundeinhalb sei. Sobald er mit der Rechnung fertig war, war er auch von jeglichem Bodensatz des Aergers frei.

Schade, daß ich kein Mathematiker bin. Mir bleibt nichts Anderes übrig, als Verse zu machen oder zu philosophiren.

Halt, da hab' ich mich: ich bin also ärgerlich?

Wundervoll!

Ad 1. Was ist Aerger?

Aerger ist die Seekrankheit der Seele, Ungleichgewicht, Mangel an festem Boden, Schaukelweh.

Ad 2. Auf welchem Meere hat meine Seele das Gleichgewicht verloren?

Bitte: es war kein Meer, es war ein Tümpel.

Schön, – aber, mein Bester, das ist eine blamable Seele, die auf einem Tümpel seekrank wird.

Ja, aber es war ein besonders gefährlicher Tümpel.

Alle Wetter: ein gefährlicher Tümpel! Das ist ein Wort! Deine Seele saß vermuthlich auch in einem höchst gefährlichen Kasten von Schiff, wie? Und, mein Gott! Vielleicht fiel eine Gans in's Wasser, und es gab Wellen auf dem Tümpel!

—   —   —

Lassen wir das Tümpelthema!

* * *

Wenn ich mir's recht überlege: die Wittib hat vielleicht ganz Recht gehabt.

Nicht freilich so, wie sie's meinte!

Das mit der Liebe, Du lieber Gott, – den Speck kennen wir Mäuse! Die Jungen, die Schleckrigen, die mögen dran lecken und immerhin dann zwischen den Drähten piepen, daß es von Weitem wie Hallelujah klingt. Wir alten, klugen, schon etwa angegrauten Mäuseriche aber, wir nicht mehr Speckerigen und Schleckerigen, die wir von dieser ausgezeichneten Welt keineswegs mehr das sogenannte Glück, diese glänzende aber sehr problematische Schwarte, verlangen, wir, die wir vielmehr mit dem hausbackenen, harten Brod der Ruhe zufrieden sind, wir, weder Glücks- noch Liebesritter, sondern ganz einfach Lebenswanderer oder Lebensbummler, oder, wenn wir den Tik des Feierlichen haben, Lebenspilger, –: wir ziehen nicht 'mal die Nase mehr hoch, wenn wir die Düfte dieses Lockbratens riechen. Die kluge Wittib an der Falle freilich erklärt, nur durch den Speck gelange man zum Heil. Je nun, seien wir gelassen und verzichten wir auf dieses Heil.

Lassen wir die Idee mit der Ehe schwimmen, Pankraz.

Posser, das ist der Held! Der hat die Wahrheit intus. Wie wohl fühlt er sich in seiner ehe mit der Palette!

Wir werden schon auch so ein Behelfchen finden.

Wie wär's, Pankrazi, wenn wir uns auf's Dichten verlegten? Wir kommen zwar nicht in die beste Gesellschaft dadurch, aber besser als die einer Frau ist sie immer noch. Und wenn die Leute auch über die Kinder lachen, die wir mit Frau Lyrik zeugen, so wird das unsern Vaterfreuden ebensowenig Abbruch thun, wie es den eheväterlichen Freuden Abbruch thut, wenn die Welt die p. p. Kinderchens nicht ganz so entzückend findet, wie der Herr Papa.

Also, topp: Schlagen wir die Leyer!

Unmöglich, Pankrazi, unmöglich! Zu altmodisch und auf die Dauer degoutant. Die Reimwiese ist zu abgegrast, und die blaue Blume hat jeder Kommis im Knopfloch. Es muß was Exklusiveres sein.

Irgend was sammeln?

Radirungen, Briefmarken, Zeitungsausschnitte, Zigarrenabfälle, Ex-libris, Korkstöpsel, Autogramme, Porzellan, Käfer, japanische Buchdrucke, pariser Plakate, alte Theaterzettel, Münzen, Medaillen, Bücher, Petrefakten? – Alles zu gewöhnlich.

Man müßte was Abominables finden: Korsetts berühmter Kokotten etwa; aber das paßt sich werden nicht für mich.

Alle erste Hefte von Zeitschriften, die nach dem ersten Heft eingegangen sind; – zu umfangreiches Gebiet, unmöglich ohne Staatshilfe.

Wie wär's mit einem Register aller Schlagworte, politischer, künstlerischer, wissenschaftlicher?

Dazu müßte man einen Verein von Gelehrten gründen.

Wie wär's mit einem Sport? Rollschuhlaufen oder Spiritismus etwa?

Der letztere wäre nicht ohne, wenn er nicht so verteufelt feminini generis wäre.

Halt: die Politik! Reichstagskandidat! Auf den Tisch hauen, die Lungen vollpumpen, die Backen blähen, die Stirn runzeln, die Augen rollen, und nun los: Meine Herren!

Unzweifelhaft: diese Emotion ersetzt vollkommen jede Zimmergymnastik.

Aber auf die Dauer?

Und auch hier: die Gesellschaft, in die man geräth...!

Schließlich würde man Anarchist aus ästhetischer Opposition und käme in Ungelegenheiten mit der Polizei.

Das ist dann auch nicht viel angenehmer als verheirathet sein.

Ich bin wirklich in einer üblen Lage.

Wenn das die Tante wüßte!

* * *

Oh ich unglaubliches Schreibethier. Da sitz' ich hier und schmiere unter Rattern und Ruckeln mein Notizbuch voll, und draußen saust der Frühsommer vorbei in allen seinen Prächten.

Da: Gärten mit nickenden Rosenbäumen; die Häuser dahinter umklettert von Grün, und der Himmel drüber hoch aufgewölbt in tiefer, satter, seliger Bläue.

Es dreht sich die Schönheit um mich wie ein Reigen von Göttern, und ich sitze im Mittelpunkt des Kreises und kreische mich an und bewerfe mich mit Ironien und bespicke meine Seele mit Selbstinvektiven.

Warum leb' ich nicht einfach? Warum mach' ich nicht einfach meine Augen auf, weit auf meine Augen und alle meine Sinne und lasse mich einströmen Gerechtes und Ungerechtes, Alles, was da lebt und webt, Alles, ohne Kritik, ohne Gesperr und Gezerr!?

Warum sag' ich immer und immer: nein! Warum hab' ich's ewig mit dem Gehirn und nie mit den Sinnen?

Warum verzwittere ich mein bischen Dasein zu einem Monstrum, das weder giebt noch nimmt?

Zum Teufel mit dem Spintisiren und Nörgeln! 'mal losgelebt! Keinen Zweck aufgerichtet! Keine Zukunft aufgepflanzt! Augenblick gefügt an Augenblick und ruhig hineinwachsen in Zeit und Welt!

Da stehen Blumen. – Nimm sie!

Da glänzt ein Licht auf dem schießenden Grün des Stroms. – Nimm's, es ist Dein!

Da harft der Wind durch die Telegraphendrähte. – Horch Dir seinen Ton in die Seele, wenn er Dir gefällt!

Was Dir aber nicht gefällt, laß es ruhig sein und schimpf' es nicht!

Was geht Dich Deines Nachbars schiefe Nase an? Und der Wittib spitzige Bemerkungen, – was haben sie mir Dir zu thun? Und all' das Weibsvolk, das Dir so lange fatal war, – was hast Du mit ihm zu schaffen?

Freund, sapere aude! Geh', wenn Du nach München kommst, in's Hofbräuhaus, oder, wenn jetzt der Augustiner besser ist, in den Augustinerkeller.

Geh' aber nicht hin, um eine Frau zu suchen, mein Lieber!

Denn das ist die Hauptsache: Bau' Dir keinen Zweck auf! Die Zweckmesserei ist ebenso dumm wie die Bekmesserei.

Was sagt' ich? Sapere aude! Nicht doch! Vivere aude!

Los! Leben, hurrah!

* * *

Sobald ich im Hôtel sein werde, werde ich der Wittib folgenden Brief schreiben:

Gnädige Frau, Sie haben Recht! Die Liebe ist die Hauptsache. Aber nicht bloß für's Heirathen, sondern überhaupt.

Denn die Liebe ist das Gedankenlose.

Meinen verbindlichsten Dank, daß Sie mich das gelehrt haben. Ich hätte es eigentlich schon wissen sollen aus dem Worte: Dem Gerechten schenkt's der Herr im Schlafe.

Ich will mit wachen Augen schlafen. Ob mir dabei was geschenkt wird oder nicht, soll mir gleich sein.

Dankbarst der Ihrige
Pankrazius Graunzer,
weder Kulturhistoriker noch Freiersmann.
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