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Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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I.
Kurzer Vorbericht über Herrn Pankrazius Graunzers Leibes- und Seelenzustände, sowie Einiges aus seinem früheren Leben.

Da in dieser Geschichte der Mann, um den sie sich dreht (ich möchte nicht gerne sagen: der Held), zumeist selber das Wort hat, wird es gut sein, wenn ich, bevor wir seinen Meinungen lauschen, Einiges über ihn verlauten lasse, denn ich glaube kaum, daß er sich selber in aller Form vorstellen wird.

Ob Sie freilich ein klares Bild erhalten werden, wenn ich in seinem Signalement feststelle, daß er blond, blauäugig und etwas kurzbeinig, dazu spitzbäuchig und mit einem sehr mäßigen Schnurrbarte behaftet ist? Diese Gaben hat er mit sehr vielen Geschlechts- und Zeitgenossen gemein. Aber Einiges in seinem Leib- und Seelenwesen ist doch mehr absonderlicher Natur, und es verhilft vielleicht zu einer ungefähren Vorstellung, wenn ich dies Einige aufführe.

Was zuerst an ihm auffällt, ist seine etwas wunderliche Nase.

Von vorn, nun ja, von vorn ist sie einfach kartoffelig, die übliche Mischnase wendo-germanischen Typs, aber ihre Merkwürdigkeit beginnt, wenn Sie die Güte habe wollen, sich Herrn Pankratius von der Seite anzusehen. Stellen Sie sich zu seiner Rechten, und Sie haben ein kurzes, gedrungenes Nasenbild mit abwärts gebogener Richtung vor sich, ein Nasenbild, das auf männliche Energie, Kurzangebundenheit, Bestimmtheit, ja, ich möchte fast sagen, Störrischkeit schließen läßt, – Alles in Allem ein Nasenbild, das sich unter Brüdern sehen lassen kann. Nun treten Sie aber, bitte, 'mal links von ihm. »Himmel! Ist das dieselbe Nase?« werden Sie voll Verwunderung rufen, und Sie haben ein Recht, zu erstaunen. Denn das linke Nasenbild ist so sehr das ausgeprägte Gegentheil des rechten, wie in einem Parlamente die linke Seite der Gegenpart der rechten ist. Sie werden nicht zögern, zu erklären, daß diese Nase direkt länger ist als jene, daß ihre Richtungstendenz entschieden aufwärts geht, daß sie etwas Stuppsiges, etwas Trällerndes hat, möcht' ich sagen, und daß sie auf einen weichmüthigen Besitzer schließen läßt, der ganz und gar nicht mürrisch, absolut nicht kurzangebunden und keineswegs sehr bestimmten oder gar störrischen Charakters ist. Diese linke Nase deutet vielmehr auf eine passive, nachgiebige, wohllebige, friedliche, etwas schwankende Seele hin, man könnte sie einem Melancholiker oder einem Humoristen zusprechen, und man kann sich in Ansehung ihrer des gräulichen Verdachtes nicht entschlagen: Der Mann reimt!

Ich halte mich nicht ohne Grund bei Herrn Pankratiussens beiden Nasen auf. Ich will nichts weiter sagen... aber das scheint mir gewiß: bedeutungslos ist diese Doppelnasigkeit nicht! Ich würde es unerhört von der Natur finden, wenn sie solche Merkwürdigkeiten ganz bedeutungslos inszenierte.

Eine weitere äußerliche Eigenthümlichkeit an Herrn Graunzer, die aber nur denen auffällt, die ihn öfter zu sehen Gelegenheit haben, liegt in seinen Augen.

Sie sind blau. Nun ja. Gut. Das ist nicht merkwürdig. Aber merkwürdig ist, daß sie von einem wechselnden Blau sind. Zuweilen sind sie ganz leer blau, heller als Vergißmeinnicht, ich möchte sagen verschossen blau, so, wie unecht blaugefärbtes Kattunzeug nach der sechsten Wäsche und Bleiche aussieht; aber ein ander Mal strahlen sie, der Kuckuck weiß, aus was für Tiefen und Gründen, ganz dunkelblau, so, wie die Maler die Grotte von Capri malen und wie der Himmel im Süden an seinen schönsten Tagen aussieht; und ein ander Mal wieder haben sie gar einen schwarzen Unterglanz, so was ganz Inneräugiges, wofür ich mich vergeblich bemühen würde, einen Vergleich zu finden.

Auch dies mit der Farbe von Pankratiussens Augen ist nicht ohne! Ich will ausdrücklich darauf hingewiesen haben. Man soll mir nichts vorwerfen!

Von seiner Stirne ist zu sagen, daß sie stark gewölbt und recht hoch ist. Er hat die Gewohnheit, mit der Hand darüber hinzufahren und dabei zu seufzen oder aber auch zu stöhnen. Je nach Laune.

Die Hände selbst deuten auf keineswegs adlige Herkunft. Sie sind breit, aber nicht fett. Ich, der ich meinen Pankratius sehr gut kenne, brauche nur seine Hände anzusehen, und ich weiß schon, wie's in seiner Seele aussieht. Pankratius bekommt nämlich sogleich faltige und bleiche Krankenhände, wenn sein Gemüth auch nur ein wenig aus der Harmonie gekommen ist.

Also nicht einmal charaktervolle Hände hat er! Man wird seine Schlüsse daraus ziehen.

Pankratiussens Mund dürfte eher ein Maul geheißen werden, wenn es erlaubt wäre, den Sprachschatz der Deutschen gebührend auszunutzen. Da aber, wie billig, die gute Sitte derlei Maßlosigkeiten verbietet, muß ich mich damit behelfen, zu sagen, daß dieser Mund die ästhetischen Maße überschreitet und jenen Gesetzen des goldenen Schnittes Hohn spricht, die ein gewisses Maßverhältniß der menschlichen Körpertheile untereinander bedingen. Selbst, wenn Pankratius »Böhnchen« sagen würde (was aber bei seiner Abneigung gegen Diminutive durchaus unwahrscheinlich ist), so würde dieser Mund noch immer unbillig viel Gesichtsraum einnehmen.

Hätte nun die Vorsehung wenigstens dafür gesorgt, daß das Pankrazische Lippengeschwister von einem ausreichend großen Schnurrbart verdeckt würde! Aber just dieser Schnurrbart, in seiner dürftigen Oede und Kümmerlichkeit, giebt der extravagant langen Lippenlinie noch eine gewisse Betonung. Jedes dieser wenigen starren, blonden Härchen ist ein Ausrufezeichen: Seht, welche ein Maul! (Nichts für ungut! Das »Maul« geht auf meine Rechnung.)

Auch auf dem Haupte ist Pankratiussens Haarwuchs unvollkommen und von jedem Ueberschwang weit entfernt.

Zwar hat er, für einen akademisch gebildeten Deutschen ein merkwürdiger Fall, trotz seiner vierzig Jahre noch keine Glatze, aber die Haare selbst stehen ganz ungemein weit auseinander, fast als ob sie sich gegenseitig nicht trauten, und da sie obendrein sehr dünn sind, macht das Ganze den Eindruck eines sehr windigen Ackers.

Pankratius selber pflegt darüber folgendes Gleichniß zu erzählen, das ich im Interesse der heute so hoch gehaltenen Psychologie mit besonderer Andacht anzuhören bitte: Als der Genius meines Ichs, ein ätherisches Wesen, bitte ich zu bemerken, geboren aus Leichtsinn und Aengstlichkeit, über mein kindliches Haupt schritt und die Haare säete, siehe, da warf er die Körner bald in so leichtfertigem Schwunge, daß sie über den Kopf und die Wiege weg fielen, um als Sonnenstäubchen zum Fenster hinauszuspielen, bald zielte er in pedantischer Angst mit jedem Körnchen auf die einzelnen Poren. Wo er traf, blieben sie bumsfest sitzen, aber den Haaren die daraus wuchsen, sieht man es nun leider an, daß ihre Körner nicht gesäet, sondern gezielt worden sind. Denn darum eben sind sie gar so dünn und hat jedes mehr individuellen Ausdruck, als gut ist. Die Körner aber, die daneben fielen, – du lieber Gott! ich weiß nicht, was für Vögel sie gefressen, was für Winde sie genommen haben. Indeß der brave Genius zielte, flog auf und davon in die Welt, und wenn ich einen lockenschwingenden Dichter oder Friseur sehe, greift es mir heiß ans Herz: ob er nicht von Deinem fortgeflogenen was abbekommen hat?

Ich habe den sehr verehrten Leser zu besonderer Aufmerksamkeit auf dies Pankrazische Gleichniß ermahnt, und ich hoffe, daß ich nicht umsonst den Finger erhoben habe. Gleichnisse kann man nie tragisch genug nehmen.

Ob man sich nun einen ungefähren Eindruck davon wird machen können, wie Pankraziussens Kopf aussieht, – der Himmel mag's wissen. Ich füge nur noch hinzu, daß seine Gesichtsfarbe keineswegs an Rembrandt, dagegen lebhaft an Rubens erinnert, so posaunen-engelisch munter sieht sie aus, – sehr zu seinem Aerger, da er nie wohler zu sein scheint, als wenn er über Krankheit klagt. Man wird nicht gerne von seinen eigenen Backen dementirt.

Aus Herrn Graunzers Lebensgang bis zu seinem vierzigsten Jahre ist nicht viel zu erzählen. Er hat den Eindruck des Elternhauses so gut wie entbehrt und ist in einem Institute erzogen worden. Dann das übliche Gymnasium, die übliche Universität, die übliche Periode der Anwartschaft auf eine Stellung, dann das wohleingehegte Einerlei dieser Stellung selbst, – das ist seine Vergangenheit, von der er übrigens vielleicht selber zuweilen sprechen wird.

Hören wir nun, was er sagt! Hören wir ruhig, und, ich möchte es vorschlagen, wohlwollend zu. Ich meine: wir wollen nicht gleich auffahren, wenn der Mann dieser Geschichte einmal anderer Ansicht sein sollte, als wir. Gönnen wir ihm seinen Kopf, auch wenn er eckig ist. Der unsere verliert dadurch nichts an anmuthiger Rundung.

Und noch eins: Machen Sie sich auf keinen Roman gefaßt. Ich habe es schon angedeutet: Dieser Pankratius ist kein Held. Weder ein altmodischer in Kanonenstiefeln mit Säbel und Pistole, noch ein neumodischer in Lackstiefeln, mit dem Seziermesser und nach Wundt's Psychologie. Er ist auch kein interessanter Schwerenöther, und es widerfährt ihm nichts, was ein Anrecht darauf hätte, unter »Vermischtes« in die Zeitung eingerückt zu werden. Wenn ich es recht bedenke, ist er eigentlich ein ziemlich gewöhnlicher Bursche.

Um Gottes Willen: laufen Sie nur nicht gleich davon! Bedenken Sie dies: er mag die Weiber nicht. Dieser eine Punkt erhebt ihn über den Durchschnitt seines Geschlechtes. Sehen wir zu: wohin.

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