Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
Schließen

Navigation:

XVIII.
Her Pankrazius Graunzer reist nach Nürnberg, badet sich in Deutschthum, lernt eine seelenfeste Wittwe kennen und berichtet über all dies seinem Freunde Peter Kahle in mehreren Briefen.

Der erste Brief aus Nürnberg.

Mein vielgeliebter Peter!

Du bist schwarz-weiß-roth, und ich bin schwarz-weiß-roth, und wenn uns Beide Jemand Reichsfeind nennt, so bismarcken wir ihm eins, daß er sich's künftig überlegt, einem teutonischen Teufel auf den Schwanz zu treten.

Denn, nicht wahr, wir waren Beide fünfzehn Jahre alt, wie der große Rummel losging, zu dem der glorreiche Junker die Pauke schlug, und wir haben es als Fühlende miterlebt, wie der Sturm die deutschen Völker zusammenfegte, und so was bleibt in der Seele sitzen.

Also: wir lieben das Reich, und wir wollen nicht von ihm lassen.

Aber, wenn wir uns recht auf Herz und Nieren prüfen, ich glaube, wir müssen uns dann gestehen, daß ein recht dicker Bodensatz von Nichtbehagen am Grunde dieser Liebe liegt.

Du lieber Gott, bei festlichen Gelegenheiten, wenn die Flaggen wimpeln, da sieht es ja recht lustig aus, das Reichsgebäude, aber, wenn die Fahnen eingezogen sind, hol' mich der Teufel: wie nüchtern und rissig dann die Fassade herschaut. Schießscharten sind ihr hauptsächlicher Schmuck, und die Bedeutung des Bajonetts als Ornament wird uns recht blitzend ad oculos demonstrirt. Aber eigentlich deutsch sieht mir das nicht aus.

Ich möchte wissen, was Goethe sagen würde, sähe er diese Unteroffiziersarchitektur. Und wenn er gar hinter die Fassade sähe...

Gott behüte mich vor Nörgelei, aber mein Deutschgefühl kommt nicht ganz auf seine Kosten in diesem deutschen Reiche.

Mir kommt das Alles so ohne deutsche Seele vor, es ist Alles so über einen Leisten geschlagen, Alles so abgerichtet und nach der Paradelinie gezogen, ich sehe zu wenig persönliche Kanten, zu viele Uniformen und zu wenig Menschen.

Sieh Dir 'mal, bitte, Berlin an. Ein Allerweltsnest, aber keine Hauptstadt des Deutschthums.

Und unsre Kunst, zumal die angewandte, die Kunst im Leben, und unsere Literatur (ich fürchte mich, Dichtung zu sagen), soweit sie in irgend einem Grade populär ist, unser Theater, – Gott steh' mir bei: ist das nicht Alles eine Karrikatur der deutschen Art?

Nein, wer heute Deutschthum genießen will, muß aus der Gegenwart und möglichst weit von Berlin weg fliehen.

In alten Städten, wo deutsches Wesen einmal reich lebendig gewesen ist, sehen wir mit Staunen, was für Kerls unsere Vorfahren gewesen sind, und was für einen Abrutsch wir gemacht haben, wir, die wir mehr als die Deutschen irgend einer anderen Zeit das Wort deutsch im Munde führen. Mauldeutsch sind wir, nicht herzdeutsch.

Nirgends aber wird uns der nationale Abrutsch so deutlich, wie in Nürnberg, nirgends anderswo weitet sich so Dein Herz im Stolzgefühle, einer großen Nation, wenn auch nur als verkrüppelter Enkel, anzugehören, wie hier. Aber die Scham ist der Schatten, den dieser Stolz wirft, und ein Schubiak wäre, wer in diesem Schatten ruhen wollte.

Darum hat ein Aufenthalt in dieser alten, herrlichen Burgstadt deutscher Großart etwas Aufpeitschendes, so angenehm er uns auch mit Träumen umgiebt, und so wohl er es uns in diesem Träumen sein läßt.

Wir müssen wieder auf eine solche Volkshöhe, wie es die war, auf der eine solche Kunst, ein solches Leben, eine solche Stärke, Echtheit und Klarheit gedieh.

Das war deutsche Kultur, das war Wohnen in deutschem Geiste, das war deutsches Leben.

Diese Leute, die das hinterlassen haben, waren nicht schneidig, die waren mannhaft, aber fein dabei, ganze, freie, schaffende Menschen, ihrer selbst bewußt, Herren aus eigener Art, Herren auf eigenen Wegen, Kerls mit Gesichtern, nicht Puppen mit Larven.

Jeder Erkersäulenknauf hier spricht, wo im Neudeutschen ganze Straßen nur eine geschwollene Phrase sind.

Ich glaube, jeder Schuster, auch wenn er nicht Hans Sachs hieß, fühlte zu jener Zeit hier mehr deutsche Kunst, als heute ein, sagen wir 'mal, um uns nicht zu vergaloppiren, Geheimrath.

Wird's besser? Es giebt gläubige Seelen, die's behaupten, und ich habe von ferne allerlei Kunden vernommen, als rege es sich in der jüngeren Generation, nachdem sie durch mancherlei Sümpfe, deren Namen immer auf -ismus endigen, geschritten ist, wieder zu einem schaffenden Leben im heiligen Geiste der alten deutschen Kunstkraft, die die Welt verstand aber sich selbst nie vergaß.

Wenn dem so ist, dann Heil diesen Jungen!

Es wäre herrlich, wenn unsern alten Tagen eine neue Wiedergeburt, eine deutsche Renaissance modernen Gepräges beschieden wäre.

* * *

So. Da hätt' ich mein alt' Steckenpferd wieder 'mal galoppen lassen.

Sei mir nicht böse d'rum!

Zuweilen muß ich mir Luft machen, und wenn ich Dürer sehe, möcht' ich am liebsten schreien und vor Freuden um mich schlagen.

Schreiben wollt' ich Dir eigentlich von was Anderem. Nämlich...

Ja, nämlich!

Höre!

Ich glaube, ich habe sie!

Du fragst doch hoffentlich nicht: Wen?

Es wäre über die Maßen scheußlich von Dir, wenn Du so zu fragen vermöchtest.

Wenn ich »sie« sage, so meine ich jetzt stets meine Zukünftige, genauer gesagt, die Mutter meiner zukünftigen Kinder. (Gott, Du, wenn das mütterlicherseits Nürnberger, quasi Dürersche Kinder wären, – es wäre herrlich! Ein Bischen krank' ich doch noch am Glauben an die Vererbungstheorie, die mich in die Nähe der rostroth Säuerlichen geführt hat, von der ich Dir kurz berichtet habe.)

* * *

Ich war natürlich nicht nach Nürnberg gefahren, um hier eine Frau zu suchen.

Im Gegentheil, ich wollte mich auf ein paar Tage von dieser schrecklichen fixen Idee befreien, die mich furchtbarer Weise in Klau' und Krallen hat.

Und ich dachte auch richtig an nichts Schlimmes die ganze Zeit, war vielmehr rechtschaffen glücklich im Anschauen dieser altjungen deutschen Herrlichkeiten, die sich um so köstlicher ausnehmen, da der Frühling sie umwoben und in grünen Banden hat.

Mit jungem Grün schmückt sich der Mai;
    Das blickt so zag
    In den hellen Tag,
Als ob es fremd auf dieser Erde sei.

Nun ist es freilich schon Juni, aber wenn es mir recht frühlinglich zu Muthe ist, mai't mich's. Das muß ein lyrischer Atavismus sein, und ich empfehle es strebsamen jungen Literarhistorikern als ergiebiges Thema, nachzuforschen, worauf sich die Mai-Wuth der deutschen Dichter und Lyrikdilettanten zurückführt.

Uebrigens hinderte mich mein Maigefühl nicht, mit besonderer Freude zu beobachten, wie aus einem Fenster der alten Kaiserburg ein salva venia Nachttopf in den Wallgraben entleert wurde, mich muthete dieser sonnenbestrahlte Guß vielmehr angenehm charakteristisch, mittelalterlich ungenirt an, gerade so, wie es mir ein kräftiges Bild der Vergangenheit gab, als ich auf einem Theile der alten Burgmauer die königlich bayrischen Artilleriepferde das Gras abrupfen sah, das aus den alten Mauerritzen herausgrünt. Die guten bayrischen Jungen in ihren Drillichjacken sahen zwar weder wie Ritter, noch wie Knappen aus, aber doch gut deutsch derbe, und, je nun, ich that dazu, was fehlte, und freute mich des Bildchens.

Das ist überhaupt so köstlich hier, daß das Leben schöne Bilder giebt.

Wie wunderbar sich der alte Thurmwächter auf der Burg machte, der, seine Pfeife schief im Mundwinkel, durch seine Luke heruntersah auf die giebelige Stadt.

Er winkte mir.

Ich soll hinauf und auch mit auf die Dächer gucken? Aber natürlich! Warum denn nicht?

Und nun eine halbe Stunde oben durch die Luken geschaut.

Wie das Alles schön ist, da unten. Das Roth der Giebel, das Grün des Frühlings, die schönen Formen der reicheren unter den alten Gebäuden, das Thurmwerk da und dort, dann ein Blick in die wimmelnden Gassen, – nah und ferne schönes Bild an schönem Bilde.

Nur eines störte mich: auf einem Giebel eine wunderlich unschöne, schwarz berußte Statue. Also auch unsere Altvorderen waren nicht ganz frei von jenem ruppigen Naturalismus, der es nicht versteht zusammenzufügen, der bloß zu kopiren, nicht zu schaffen weiß... Wie ich näher hinsah, war's ein lebendiger Essenkehrer, der nur eben stille stand. Mir fiel, wie ich diesen Irrthum gewahrte und mich freute, daß der Kerl lebendig und kein schlechtes Stück Kunst war, einiges über Naturalismus ein, diese Stimmwechselperiode der Kunst, die mit den Rüpeljahren zusammenfällt. Meine Gedanken verdichteten sich in einen kleinen Spruch, dessen Mittheilung ich in Hulden hinzunehmen bitte:

        Ein jeder Mann hat seine Rüpeljahr';
Der wird kein ganzer Kerl, der nie ein Rüpel war.
Nur freilich, daß es geht, so wie man's treibt:
Mancher sein Lebtag bloß ein Rüpel bleibt.

Wie ich den Thurm wieder hinunter und dann hinab in die Stadt ging, hatt' ich mich so in die Einbildung des alten Nürnberg hineingelebt, daß ich mich schier wunderte, einen Spazierstock und nicht einen Spieß in der Hand zu tragen:

Mit meinen Speeren
Will ich Dich ehren,
Mit meinen Schwerten
Will ich Dich werthen,
Mit Stechen und Hauen
Will ich Dir trauen,
      Herr Feind!

Ein guter Zufall wollt' es, daß ich in der Sensenschmiedgasse an einem kleinen alten Hause vorüberkam, in dessen Erdgeschoßstube sich zwei junge Jongleure übten. Sie hatten abgeschabte Trikots an und machten erstaunlich ernste Gesichter, während sie sich die Messingkugeln zuwarfen.

Da hatt' ich nun auch fahrende Leute zu meinem Bilde.

Ich wurde unglaublich vergnügt, ich fühlte mich so herzhaft fröhlich deutsch, und ich ging in's Bratwurstglöckle und trank mit Dürer und Hans Sachs Bruderschaft.

Was wunderbar Heimliches hat die Schenke, die sich an die Kirche anschmiegt. Sie klebt an dem großen Gebäu, wie die Balgtreterstube an der Orgel, und wenn ich das Glas an den Mund setzte, that ich's mit Bälgetreterwichtigkeit.

* * *

Hm, ja: Mit dem Glauben fängt's an windig zu werden im Reiche, aber der Durst ist der alte geblieben.

Stimme aus dem Kruge: Das macht, weil ihn kein Geistlicher reformiren hat woll'n.

Hm, ja: Wenn mit dem Glauben nur nicht auch die Kunst flöten gegangen wäre!

Stimme aus dem Kruge: Hat eine Religion die andere mitgehen heißen.

Hm, ja: Vielleicht müssen wir auf's Neue glauben, um auf's Neue eine richtige Kunst aus dem Grunde wieder zu bekommen?

Stimme aus dem Kruge: Mathematik thut's freilich nicht.

Hm, ja: Ob es dazumal, als das deutsche Wesen blühte, in Deutschland wohl auch das gab, was man heute vergeblich sucht: Weiber, die wirklich Weiber sind, Weiber aus dem Grunde, bloß Weiber und ganz und gar nichts anderes als Weiber?

Stimme aus dem Kruge: Man möcht's wohl glauben, wenn man »Das Große Glück« des großen Albrecht sieht. Aber sicher ist: es gab Männer dazumal, wirklich Männer.

Hm, ja: So sind denn also auch wir in der Décadence, wir Deutschen...?

Stimme aus dem Kruge: Mumpitz! Neurasthenisch seid Ihr, aber Pfarrer Kneipps Gießkanne wird Euch wieder auf den Damm bringen, sie und ein Bischen Willensstämmigkeit. Die Décadence ist bloß ein literarischer Tric. Uebrigens keiner von den unamüsanten. Er mußte kommen, nachdem Euch der Naturalismus abgelaust hatte.

Hm, ja: Ich dächte, wir gingen hinüber in's Posthörnlein, zum Wein?

Stimme aus dem Kruge: Das woll'n wir! Hoho! Auf und an! Willensstämmig!

* * *

Ja, mein lieber Peter, das sind so Balgtreterstubengespräche.

Ich hätte sie im Posthörnlein, dieser uralten und urgemüthlichen Weinstube, sicherlich fortgesetzt, maßen der Rapport zwischen mir und dem Mann im Kruge ganz außergewöhnlich gut war, aber ich traf dort, ganz wider Erwarten, meinen alten Institutskameraden Paul Posser, der in dieser schönen Stadt das schöne Gewerbe eines Pinseldilettanten betreibt, und mit diesem mir sehr lieben Manne hatt' ich zu viel zu erzählen und zu berichten, als daß ich fürder mit dem Krügler hätte Zwiesprach pflegen können.

Da das Gespräch mit Posser für meine augenblicklichen Pläne ganz besonders wichtig geworden ist, möcht' ich Dir gerne sogleich darüber berichten, zumal, da Du wahrscheinlich begierig bist, den Kommentar zu meinem »Ich glaube, ich habe sie« zu erfahren; aber dieser Brief ist bereits so über alle Maßen in die Breite gegangen, daß ich ihn billig schließen muß, denn meine Finger sehnen sich vom Federhalter weg

Zum Kruge, dem blanken,
Dem Bauch voll Gedanken.

Und was für eine schöne Nacht heut' über dem alten Nürnberg liegt! Ich muß zur Burg hinauf, mir anzusehen, was der Mond zu Nürnberg sagt, und dann in's Posthörnlein wiederum hinab, zu lauschen, was der im Kruge zu meinen letzten Erlebnissen meint.

Ueber diese selbst morgen.

Ich bin Dein fröhlicher                
Kraz.

Der zweite Brief aus Nürnberg.

Also nun, mein lieber Peter, das Eigentliche! Du mußt mir die lange Einleitung dazu im vorigen Briefe schon nachsehen. Wer käme hier nicht in's Schwärmen!

Heute will ich aber nach Möglichkeit an mich halten und bloß zur Sache, will sagen: zur Frau verwittweten Matthäi, geborenen Frankebeil reden.

Das ist nämlich sie.

Ah, eine Wittwe! Ich sehe Dich grinsen, mein Bester, aber laß nur, es ist nichts Grinserliches an dieser Wittib.

Mein guter Freund Posser also hat das Verdienst, mich auf diese vortreffliche Wittfrau aufmerksam gemacht zu haben.

Ich hatte ihm natürlich erzählt, aus welchem Grunde ich augenblicklich die Welt befahre, und so kam es, daß er plötzlich mit der flachen Hand auf den Tisch schlug, mich mit den bekannten Augen, die was offenbaren wollen, ansah und dann schier feierlich sagte: »Mannmensch, den Pelz verdien' ich mir!«

»Was für einen Pelz, wenn ich bitten darf?« erwiderte ich.

»Den Kuppelpelz«, sagte er.

Darauf wiederum ich: »Paul, die Sache ist penetrant ernsthaft! Es könnte sein, daß ich sehr grob würde, wenn Du in dieser Angelegenheit ein Späßchen mit mir machen wolltest.«

Nun aber Posser ganz feierlich: »Mensch und Mann, ich schwöre Dir, ich bin ernster als ein Marabu in diesem Augenblicke. Ich habe wirklich was am Bändel, das ich Dir an den Bettpfosten binden kann.« (Mein guter Paul hat eine etwas wunderliche Redeweise, wie Du siehst. Ich fühle mich aber nicht berechtigt, seine Art, sich auszudrücken, zu korrigiren. Ich liebe die Querschnäbel.)

Du kannst Dir denken, wie ich ihm nun auf's Fell rückte.

Er ließ sich auch keineswegs lange bitten, sondern erzählte mir sogleich ausführlich wer, wie und wo.

Also eine Wittwe. Dreißig Jahre alt. Keine Kinder. Etwas Vermögen. Etwas »Bildung«. Haupteigenschaft: gute Hausfrau.

Alles in Allem also wohl: eine Biederfrau.

Das war nach der Schilderung mein erster Gedanke.

Aber: »erst 'mal seh'n!«

Das war nicht schwer, denn Wittib Matthäi ist die Besitzerin des Hauses, in dem Posser wohnt. Außer ihm und ihr wohnt Niemand weiter dort. Sie hat das Erdgeschoß und den ersten Stock, er den zweiten inne.

Es ist ein hübsches altes Haus hinter der Stadtmauer. Oder besser: Häuschen. Recht schmal und, ich möchte sagen, eingemiedert wie eine dünne Dame steht es da, rechts und links flanirt von robusteren Nachbarshäusern.

Aber es ist entzückend schön, wenn man eintritt. Alles blitzeblank, trotz des Alters. Mn fühlt sich gleich heimisch. Ein Bischen winkelig, ja; aber es ist kein Schmutz in den Winkeln, und für Luft wird wohl gesorgt. Nichts Muffiges.

Ich schloß sofort auf die Wittib und sagte still für mich: sie ist gesund und hat helle Augen, sie schlurft nicht auf Pantoffeln, sondern hat einen guten, hurtigen, gestiefelten Gang.

Da hörten wir sie auch schon. Klapp-klapp-klapp, – ein gutes Tempo. Und dann die Stimme: »Christel! Dem Herrn Posser den Kaffee!«

Christel kam. Sauber, rothbackig, den Kopf hoch, die Augen lebendig. Natürlich schloß ich wieder auf die Wittib, und jetzt kriegte sie was Streng-Mildes, und ich dachte mir: gut Regiment!

Posser ließ uns anmelden. Er stellt ihr alle seine Gäste vor. Also hatte es nichts Auffälliges.

Wir stiegen hinunter.

Angeklopft; drin ein resolutes »Herein«; Thüre auf – ah: Famos! Die richtige deutsche Frau; mittelgroß, mittelstark, schlicht gescheiteltes, blondes Haar; eine gerade Nase; zwei helle, blaue Augen; gesundfarbenes volles Gesicht; die Kleidung einfach, aber so, daß der Gedanke an Aermlichkeit nicht aufkommen kann.

Sie kam uns freundlich entgegen, sicher im Auftreten, ohne viel Gick und Gack und Geknix. Alles gut bürgerlich mit einem unausgesprochenen Selbstbewußtsein: wie ich gewachsen bin, so bin ich; ich hab' mich nicht gemacht, aber ich bin zufrieden, wie ich gemacht bin.

Natürlich zuvörderst die üblichen Verlegenheitsgespräche: ob's dem Herrn in Nürnberg gefällt, woran sich dann das übliche ob der Stadt knüpfte.

Aber all' das hatte doch einen mehr persönlichen Ton, als er sonst bei solchen Gelegenheiten aufgewandt wird. Und je mehr wir in's Gespräch kamen, umso frischer und bewegter ward die Atmosphäre.

Sie konnte gut erzählen und hatte eine hübsche Art, von ihrer Vaterstadt zu reden. Man fühlte Heimathston heraus, und der klingt immer gut.

Also: sie ist ein richtiges Nürnberger Kind. Ihre Familie ist nürnbergisch, soweit man von ihr weiß. Alles was Nürnberg heißt, ist ihr innerlich bekannt. Nur das Modernwerden an der Stadt ist ihr was Fremdes. Sie nennt es – Preußischwerden.

Das gefiel mir nun eigentlich besonders gut, denn es beweist Instinkt.

Kurz: als wir gingen, sagte ich mir: Diese Wittib ist nicht ungeeignet.

Besonders angenehm war mir dabei, daß ich absolut kühl blieb und daß auch nicht eine Spur von eigentlichem Gefühl dabei flackerte.

Das könnte eine wirkliche Verstandsheirath werden! Alles, was nach »Liebe« aussieht, hübsch beiseit', aber Respekt und Wohlgefallen.

Das Erste, was Posser sagte, als wir oben bei ihm wieder angekommen waren, war: »Na?!« Du weißt, dieses »Na?!« der großen Sicherheit, die sich in die Brust wirft und den Dankeshändedruck in würdiger Stellung erwartet.

Das Komplement dazu pflegt ein ausdrucksvolles »Hm!« zu sein, ein »Hm!«, das sagen will: »Jawohl, jawohl, Du bist ein Teufelskerl und hast wieder 'mal den Nagel auf den Kopf getroffen, aber, daß ich eine Hymne singen soll, erwartest Du wohl gefälligst selber nicht!«

Dieses vielsagenden Hms bediente auch ich mich, und das genügte vollkommen, Possern in ein Gefühl behaglicher Zufriedenheit zu versetzen.

Von nun an war er aber auch ganz Beflissenheit und Kuppler.

Ich wollte, sein Pinsel könnte so malen, wie es seine Worte thaten. Er wurde so eifrig in der Besingung der Wittib, daß ich einen Augenblick schier glaubte, eigentlich sei er selber maßlos in sie verliebt, aber als ich eine Bemerkung in dieser Richtung fallen ließ, wurde er grob.

Ob ich ihn für einen Debaucheur hielte?

Ob ich glaubte, er sei ein Viech?

Wenn er verliebt wäre, so würde er doch nicht bei der Wittib wohnen?!

Er sei doch, wenigstens in diesem Punkte, ein anständiger Mensch!

Ich aber sei ein Berliner, ganz einfach: ein Berliner! und leide an moral insanity, wie alle Einwohner dieser infamen Stadt.

Hier aber, in Nürnberg, herrschten, Gottlob! noch die alten deutschen Sitten!...

Er war so wüthend, daß er »teutsch« sagte, und ich hatte nicht wenig Mühe, ihn wieder gut zu machen.

»Nein«, sagte er besänftigt, »ich denke an so 'was nicht. Ich habe das hinter mir. Ich – male jetzt.«

»Wie? Du bist also gewissermaßen ein Pinselcoelibatair, dem die Malerei die ›Liebe‹ ersetzt?«

»Sehr richtig bemerkt. Ich habe in der Liebe meinen Knacks weg und benutze die Kunstliebhaberei als Surrogat.«

Eigentlich schämt' ich mich. Der Mann war doch weiter als ich.

»Aber die Nachkommenschaft?«

»Es ist mir ganz schnuppe, wer meine Bilder erbt.«

»Und Du hast gar keinen Trieb, Kinder zu kriegen.«

»Komisch! Ein Mann kriegt nie Kinder.«

»Dummheiten! Sagen wir: zeugen.«

Da grinste er: »Das Zeugen ist ein Gebiet für sich, und auf dem kann man wildern.«

»Ah, das sind also Deine teutschen Sitten, mein biederer Paul? Pfui! Schlecht und modern, Sardanapal!«

Darauf er: »Ich will Dir was sagen, mein Junge: Der Deutsche ist kein Mönch, sondern vielmehr ein Mann. Die Liebe zwar, die richtige, die einweibige, die mit dem Ring am Finger, die ist ihm heilig, – aber wenn er die nicht haben kann, dann geht er noch lange nicht hin zum Bader und sucht sich das Messer, welches am schärfsten ist, sondern vielmehr, er geht zu einem gefälligen Fräulein und macht vor der Natur eine Verbeugung.«

—   —   —

»Werde mir Einer aus den Deutschen klug!« hat der Herrgott gesagt, als er sich einmal eingehender mit ihnen beschäftigte. »Selbst der Teufel kann aus diesen Burschen nicht klug werden. Sie sind halt – ausbündig.«

Aber zurück zu unserer Wittib.

Da Du meine Meinung über das Weibthum kennst, da Du weißt, daß ich im Ganzen mehr Geschick dazu habe, an einer Frau das Unangenehme zu seh'n, als jene Eigenschaften zu entdecken, mit deren professioneller Verzimmtung das Gros der Lyriker seine Tage ausfüllt, so kannst Du Dir ohne Weiteres vorstellen, daß Wittwe Matthäi kein ganz gewöhnliches Weib sein kann, wie sie augenblicklich gang und gäbe sind.

Nein: sie hat wirklich was Dürerisches an sich, was Unzeitgemäßes, was –, ich bin um's richtige, um's eigentliche Prädikat verlegen. Es ist das, was die Frauenlobseriche »echt weiblich« nennen, aber ich kann mich mit dem besten Willen nicht dazu entschließen, diese Melodie mitzusingen, denn die Weiber zeigen das, was diese glorreiche Wittwe auszeichnet, just am wenigsten. Das ist freilich richtig: um das Prädikat zu verdienen, nach dem ich suche, muß man ein Weib sein – aber ein Weib, das den übrigen möglichst wenig ähnlich ist.

Doch gleichviel, wie ich's nennen soll: es ist was Treffliches, Tüchtiges.

Nun denn also, daß ich es Dir bekenne: ich habe mich entschlossen, hier das Wagniß zu begeh'n.

Posser ist Feuer und Flamme und unerschöpflich darin, mir auszumalen, wie wundervoll sich Alles entwickeln wird.

Ich habe natürlich meine Einwände.

Ad 1 bestehe ich selbstverständlich auf absoluter Reinheit von jeglicher Liebessentimentalität und konstatire damit:

Ad 2 die Schwierigkeit, die Wittwe geneigt zu machen.

Denn, so fürchte ich: wenn Wittwe Matthäi auch ein Weib ist, für die es im Lexikon der Weiblichkeit an dem richtigen Prädikate gebricht, so wird sie doch nicht gänzlich frei sein von dem weiblichen Untergrundsverlangen nach Schnäbelei in Worten und Werken, worauf ich mich durchaus nicht einlassen kann.

Sie wird um so weniger frei davon sein, als dieses Verlangen in ihrer ersten Ehe unbefriedigt geblieben ist.

Diese erste Ehe nämlich ist ein mehr als kaltes Kontraktverhältniß gewesen. Der Mann, viel älter als sie, ihr in sehr jungen Jahren durch die Eltern aufgenöthigt, kränklich, grämlich, dabei aufbrausend eifersüchtig und argwöhnisch. Und nach zwei Jahren dieser kinderlos gebliebenen Ehe die Wittwenschaft. In ihr, so scheint es, hat sie sich erst zu dem entwickelt, was sie jetzt ist. Sie hat sich selbst gebaut, sie ist in harten Erfahrungen das geworden, was sie ist, das ausgeglichene, ruhige, bewußte Wesen.

Vielleicht kann ich gerade darum hoffen, daß sie auch in puncto puncti reif geworden ist und nun jenseits jenes Verlangens steht, das meinen Plänen hinderlich sein müßte.

Ihre großen blauen Augen, die mich so uninteressirt ansahen, deuten darauf hin. Diese Augen, das sah ich, gehörten nicht zu den wollenden, sondern zu den beim weiblichen Geschlechte überaus seltenen, die unbegehrlich schauen.

Aber, du lieber Gott, was liegt nicht Alles hinter Weiberaugen. Wer darauf traut, kann mit derselben Sicherheit auf Sumpfwiesen reiten wollen.

Diese Ungewißheit ist gräßlich. Und wer weiß, wie lange es dauern wird, bis ich Klarheit habe. Wir müssen uns an unser Ziel heranschleichen, wie Indianer. Ich selbst würde ja einen richtigen Artillerieangriff vorziehen, aber Posser, der die Wittwe kennt, räth durchaus davon ab.

Es ist eine infame Situation, und heute Nacht hatt' ich glücklich den Traum wieder, den ich immer habe, wenn meine innerste Seele ängstlich ist.

Ein gräßlicher Traum! Ich sitze dann wieder auf der Gymnasiumsbank, bin schlecht präparirt und zittere vor den Kalbsaugen des Konrektors, der mich plötzlich anbrüllt: Höh, mein Lübber, welche Verba regiern den Genitiv? Und ich erhebe mich in entsetztem Schreck und sehe mich flehentlich um, ob mir's niemand einblasen wird, aber ich sehe nichts als schadenfrohe Gesichter, kleine Bübchen mit dicken Köpfen und großen Brillen, die Alle, Alle wissen, welche Verba den Genitiv regieren, während ich allein, ich, der alte Graunzer mit dem Dickbauche und den vierzig Jahren, jammervoll dastehe und kein Wort hervorzubringen vermag. Und der Konrektor bläht sich in pädagogischem Triumphe ochsenfroschartig, daß er mich wieder erwischt und als phänomenalen Dummkopf öffentlich nachgewiesen hat, und er streicht sich den Schnurrbart, daß die Haare krachen, und er glotzt mich höhnisch an, bis die Augen, zwei wasserblaue, gräßliche Kugeln, aus den Höhlen treten und langsam, scheußlich langsam auf mich zurollen, immer größer werdend, immer größer, zwei gräuliche, feuchte Monde. In Schweiß gebadet wach' ich auf...

Daß ich diesen furchtbaren Traum wieder geträumt habe, beweist mir, wie verängstigt ich innerlich bin.

Hab' Mitleid, Peter, mit

Deinem                
Pankrazio.

Der dritte Brief aus Nürnberg.

Mein lieber Peter, die Sache macht sich.

Posser ist ein unglaublich geschickter Kundschafter auf dem Kriegspfade wider die Wittib.

Wir sind schon gute Freunde, sie und ich.

Teufel nein: ich und sie; denn soweit sind wir denn doch noch nicht, daß ich die galante Alfanzerei mitmachte und irgend ein Weib mir voransetzte. Mit diesen verdammten Höflichkeiten haben wir die Weiberherrschaft bisher ungebührlich gefördert. In so gefährlichen Dingen muß man auch auf Kleinigkeiten achten.

Aber wirklich: die Wittib ist ein tüchtiger Kerl. Das ist eigentlich ein Wort, das nur Männern zukommt, aber diese geborene Frankebeil verdient es, daß man sie mit einem Männernamen ehrt.

Wir trinken jetzt jeden Nachmittag den Kaffee bei ihr.

Als Vorwand dient ihre Eigenschaft als eingeborene Nürnbergerin, als welche sie mir, so will's unsere Kriegslist, allerlei Interessantes aus dem Nürnberger Bürgerleben erzählen soll, denn ich bin ihr gegenüber als – Kulturhistoriker hier anwesend.

Auf diese Weise nähern wir uns wirklich ganz nett. Sie erzählt gerne von Nürnberg, und ich höre ihr gerne zu. Freilich: dem eigentlichen Ziele nähern wir uns nicht eben, und es wird mir schließlich doch blos die große Kanonade übrig bleibe. Aber C'est le premier coup de feu qui coute. Aufgeprotzt hab' ich schon ein paar Mal, aber zum Schießen komm' ich nicht.

Kanonenfieber?

Man möcht's fast glauben. Mir ist zu Muthe, wie vor der ersten Mensur. Sehr muthige Geberden, aber unter ihnen eine gewisse Bänglichkeit.

Es ist eigentlich sehr blamabel. Nicht?

Ich halt's auch nicht mehr lange aus so. Posser räth unausgesetzt zum Schleichkriege, aber ich werde doch nächstens die Taktik ändern.

Denn: schließlich verlieb' ich mich noch, und dann ist es natürlich zu allen guten Dingen zu spät.

Was schrieb ich eben? »Verlieb' ich mich?« Ich flehe Dich an, Peter, nimm das für einen Witz! Und für einen sehr schlechten! Es wäre beleidigend, wolltest Du es anders nehmen.

Nein: davon kann gar keine Rede sein. Ich bin zwar ängstlich, wie ein liebesfeiger Verliebter, aber meine Angst hat keine Hitze, sondern sie ist ganz kalt, – schlotterkalt.

Morgen, wenn schönes Wetter ist, wollen wir Drei einen – Ausflug machen. Nach Schmausenbuck. Der Name hat was angenehm Kompaktes und wenn der Ort halbwegs so tüchtig wie der Name ist, so werd' ich der Wittib wohl endlich krupp'sch kommen.

Schmausenbuck – das Wort ist selber eine Kanonenkugel.

Dein P.

Der vierte und letzte Brief aus Nürnberg.

Nun denn!....

Hopp!....

Will Er wohl?....

Na?!....

Also los!....

* * *

Diese Zurufe, mein Lieber, die Dich ein wenig erstaunen werden, richten sich nicht an Dich, sondern an mich.

Ich hatte sie nöthig, denn es fiel mir nicht leicht, diesen Brief zu beginnen, und die Götter wissen, ob es mir leicht werden wird, ihn zu beendigen.

Nämlich....

Aber nein, ich will den »Kelch« nicht umstürzen, sondern ihn Dir langsam zutrinken, bis auf die Nagelprobe leer, und wenn ich früher bei sothanen festlichen Thaten eine dunkelrothe Mütze aufhatte, so habe ich diesmal einen dunkelrothen Kopf auf, i...

Du merkst, daß ich übler Laune bin?

Ei freilich, Du merkst recht, mein Guter. Sehr fidel bin ich nicht gerade.

Du weißt doch noch, was die Füchse für Gesichter machten, wenn sie auf der Mensur »umgedreht« wurden?

Viel fröhlicher seh ich nicht aus, augenblicklich.

—   —   —

Ich werde wohl von vorne anfangen müssen, oder, um im Bilde von vorhin zu bleiben: zuerst vom Ganzen, den ich Dir trinke, kommt die Blume. Die schmeckt so übel nicht.

Denn es war gestern ein herrlicher Tag, als wir losfuhren, wir Drei.

Nach Mögeldorf ging die Fahrt.

Gott, was war der Junitag schön! Ich war in gottlobesamster Stimmung und ließ in mir Wort und Weise von des alten Hans Hassler, des Kaisers Rudolfs des Zweiten Kapellmeisters, schönem Liede summen:

Nun fanget an ein guts liedlein zu singen,
last instrument und lauten auch erklingen.
Lieblich zu musiciren
will sich jetzund gebüren.
Drum schlaget und singt
das alles erklingt,
helft unser fest auch zieren.

Der Himmel hing wirklich voller Geigen und Bassettl'n, und ich hatte die Ehre und das Vergnügen, die Frau verwittwete Matthäi, geborene Frankebeil, auf ein paar rosige Hinterpausbacken von unzweifelhaft echten Thoma-Engelsbübchen aufmerksam zu machen, die, offenbar von Frankfurt her, auf einer Wolke ritten, just über einem zartgrünen Birkenhain, der gegen den blauen Himmel stand wie ein leibhaftig Bild des sprossenden Lebens.

Die Wittib war sehr frühlinglich und hübsch angethan mit einem hellen, schönfaltigen Kleide und trug einen breiten, weißen Strohhut von der Art, die wir in unsrer Jugend Florentiner Schwinger nannten.

Eigentlich gehören zu solchen Hüten lange, hinten hinunter hängende Bänder aus schwarzem Sammt, aber die Wittib meinte, solch' Flottirwerk zieme der schnellfüßigen Jugend, aber nicht ihr, die sie, was die Beine anlange, mehr für ein gesetztes Tempo sei.

Es muß auch gesagt werden, daß sie, en plein air betrachtet und nicht mehr im Schleier des deckenden Interieurlichtes, entschieden nicht den Eindruck eines jungen Mädchens machte.

Diesen Satz bitt' ich aber nicht mißzuverstehen. Ich will mit ihm nicht gesagt haben, daß die Wittwe mir häßlicher erschienen wäre. Nein. Gar nicht. Ich betrachtete sie vielmehr mit einem Wohlgefallen, das die Grenzen der Objektivität stark überschritt.

Ich fand: ein Bischen reif zwar, aber – allerliebst. Rubens und Jordaens hätten ihre Freude darangehabt.

Und: wie nett sie sprach! Kein albernes »ach wie reizend«, »Gott wie süß«, keine Naturbeleidigung durch abgegriffene Phrasen, sondern ein ruhiges, vielleicht ein Bischen zu ruhiges Aussprechen der Freude über die Schönheit, wo sie eine empfand.

Bloß: sie bädekerte ein Bischen zu viel. Das kam aber daher, daß sie glaubte, sie müsse auch im Freien fortfahren, den »Kulturhistoriker« in mir zu kultiviren.

Ich ließ mir das ruhig gefallen, denn ich hatte mir vorgenommen, plötzlich und mit einem großen Flankenangriff dieses Geplänkel aufzuheben.

Nur: wann, wo und bei welcher Gelegenheit?

So plötzlich Ziethen aus dem Busch spielen, das läßt sich ja recht hübsch anhören, aber man muß es sich nicht vornehmen. Es macht sonst elend nervös, wenn man immer wieder auf's Neue lauern muß.

Diese Nervosität, in die ich nach und nach trotz der Schönheit des Junitags gerieth, will ich Dir nicht ausmalen. Ich bin nicht für das Nervöse in der Malerei. Auch könnte es anstecken. Ich besaß leider gar nicht den Nervenhumor, diesen modernsten und seltensten aller Humore, mich darüber hinwegzusetzen.

Kein Wunder, daß unsere Schmausenbuckbartie dadurch, wenigstens für mich, aber auch für Posser, einen etwas fatalen Anstrich kriegte.

Der arme Posser, das merkte ich bald, litt geradezu unter meinem Kanonenfieber, und als wir in die Nähe des großen Aussichtsthurmes gelangt waren, duldete ihn die Angst nicht mehr in unserer Nähe, und er entfernte sich unter dem Vorwande, daß er eine Skizze im Walde machen wollte.

Nun sagte ich mir, daß es die höchste Zeit sei.

Stieß er wieder zu uns, bevor ich losgeschossen hatte, so war ich grenzenlos blamirt.

Also: hurtig!

Meine Gedanken rannten Wette nach dem Ziele, daß sie einen Anfang für meine Kanonade fänden.

Und also sprach meine Angst, die sich als Muth geberdete: »Der gute Posser hat sich entfernt wie die Duenna im spanischen Lustspiel. Wär' ich der Don Amoroso, so müßt' ich jetzt in die Kniee sinken und sagen: Donna, ich liebe Euch.

Die Wittib: Oh, dabei platzen die Trikots zu leicht. Gottlob, daß Sie kein Don Amoroso sind, Herr Doktor.

Ich: Gottlob? Meinen Sie das wegen der imaginären Trikots, Frau Matthäi, oder – wie meinen Sie das?

Die Wittib: Aber Herr Doktor! Wir zwei Leute aus dem Mittelalter! Wir und amorose Ironieen!

Ich: Warum nicht? Wenn nur die Ironie dichte genug ist. Sie wissen doch, die Ironie ist die Stiefschwester des Humors, und Alles, was mit diesem braven Burschen verwandt ist, ist von guten Eltern.

Die Wittib: Nur, daß er unmodern ist, der Humor.

Ich: Um so besser paßt er für uns Leute aus dem Mittelalter. Also, gesetzt: ich riskirte meine Trikots. Was würden Sie sagen?

Die Wittib: Ich? Gott, ich würde sagen, daß ich nicht spanisch verstehe.

Ich: Wenn ich aber dann deutsch redete?

Die Wittib: Das wäre grob!

Ich: Was? Von Liebe? Grob?

Die Wittib: Lassen wir den Humor, Doktor!

(Pause).

Ich: Hm, Frau Matthäi; – wenn ich nun in die Kniee fiele, ohne von Liebe zu reden?

Die Wittib: Das versteh' ich nicht.

Ich: Ich meine so: wenn ich nun sagte: Keine Angst, Donna, ich liebe Euch nicht, ganz gewiß nicht, aber – Ihr gefallt mir. Wie wär's, wenn wir uns heiratheten?

Die Wittib: Sie haben wunderliche Einfälle. Sie sollten Operettentexte schreiben.

(Pause).

Ich: Frau Matthäi, –: ich falle wirklich in die Kniee.

Die Wittib (etwas unsicher): Aber Herr Doktor: was ist denn los mit Ihnen? Ein Kulturhistoriker, wie Sie!

Ich: Ach was, Kulturhistoriker! Ich bin gar kein Kulturhistoriker. Ich bin ein Gutsbesitzer, der eine Frau sucht.

Die Wittib (erst sprachlos): Ich weiß wirklich n... Ich glaube, Sie... Wo bleibt nur Herr Posser.

Ich: Wir brauchen Herrn Posser nicht. Er ist tief im Walde und macht Studien. Uebrigens ist er ganz eingeweiht. (Ich wurde wirklich muthig). All' das war bloß Komödie, ja, das war wirklich Operette. Aber jetzt kommt der Ernst, die Wirklichkeit. Ich stelle wirklich die Frage an Sie...

Die Wittib: Alle Heiligen! Doktor! Nein, dieser Posser! Und Sie! Offen gestanden...

Ich: Nur nicht böse werden, Frau Matthäi. Hören Sie mich ruhig an...

—   —   —

Wie ich so weit war, waren wir am Aussichtsthurm angelangt.

Wir nahmen uns Karten und fingen an, die Wendeltreppe hinaufzusteigen. Das war eine ganz günstige Situation für mich, auch die heiklen Punkte meines Antrags vorzutragen. Denn es war etwas dunkel im Thurme, und ich stieg voran. Ich ließ das Heikle von der Spule. Hinter mir klang es von allerlei Interjektionen; vornehmlich registrirte ich sehr lange »Ahhs« auch einmal etwas wie »Unglaublich!«

Als wir oben angelangt waren, hätt' ich mich, offen gestanden, am liebsten den Thurm hinabgestürzt, denn es war mir gar unbehaglich zu Muthe. Ich traute mich kaum, die Wittib anzuseh'n.

Die aber, hochroth von der Anstrengung des Steigens, hatte sich auf eine Bank gesetzt, den Schwinger abgenommen und sah mich ganz ruhig mit ihren klaren Augen an.

Dann sagte sie: Lassen Sie mich erst ausschnaufen, Doktor, dann will ich Ihnen die Umgegend zeigen.

Und richtig: wie wenn sie ein Fremdenführer wäre, führte sie mich im Kreise herum und erklärte mir das ganze Gebiet der ehemals freien Reichsstadt Nürnberg, das wir unter uns in aller Frühlingspracht liegen sahen. Sie vergaß sogar die verschiedenen ehemaligen Papiermühlen und ihre Wasserzeichen nicht.

Diese Ruhe machte mich wild.

Wollte das Weib mich zum Narren halten? Mich? Was führt sie mich da im Kreise und redet historische Reden! Zum Teufel! Antwort will ich!

Und ich sprach, sehr dezidiv: Rührend, was Sie Alles wissen, Frau Matthäi! Aber was ich wissen möchte, ist, ob Sie eine Antwort auf meinen Antrag haben?

Die Wittib: Gewiß! Freilich, Herr Doktor!

Ich: Und?

Die Wittib: Ich denke gar nicht daran, Ihren Antrag anzunehmen! Nicht im Entferntesten denk' ich daran!

Ich: So! So! Das ist klar geredet. Hm! Köstlich! Ein Korb! Aber Frau Matthäi, warum?

Die Wittib: Weil Sie mir leid thun, Herr Doktor. Und heirathen soll man nicht aus Mitleid, sondern aus Liebe.

Ich: Ah, ah, da haben wir's! Die mit recht so beliebte Liebe! Frau Matthäi, – das hätt' ich von Ihnen nicht erwartet! Ich hatte geglaubt, Sie wären...

Die Wittib: Bitte, sagen Sie das lieber nicht, wofür Sie mich zu halten geneigt waren. Es war nichts Gutes.

Ich: Im Gegentheil, das Allerbeste, ich...

Die Wittib: Nein, wirklich: ich mag's nicht hören. Ich möchte gerne ganz einfach für eine normale Frau gehalten werden und nicht für 'was Konstruirtes. Und, sehen Sie, was eine normale Frau ist, die spintisirt sich nicht in die Ehe, sondern die fällt entweder aus Dummheit und Unerfahrenheit, wie ich damals, oder aber aus Liebe hinein. Ob sie hart oder weich fällt, das ist ihr Glück oder ihr Unglück, aber daß sie bloß aus den genannten Gründen hineinfällt und nicht etwa mit jämmerlichem Bedachte hineinsteigt, das ist ihre Ehre.

Ich machte vor Wuth und Bedeppertheit eine Verbeugung und wollte etwas erwidern, aber die Wittib fuhr fort: »Das müssen Sie nun aber nicht für große Worte halten, und Sie müssen nicht glauben, daß ich etwa beleidigt und ärgerlich bin. Nein, nein. Ein Bischen verstehe ich Ihre Konstruktion, und, wie gesagt, Sie thun mir leid deshalb. Herrgott, zu was für merkwürdigen Dingen ein Mensch kommen kann, wenn er anfängt, sich unnatürlichen Empfindungen hinzugeben. Guter Herr Doktor, ich rathe Ihnen: Probiren Sie es doch lieber mit der Liebe. Halten Sie sich mehr an die jungen Mädels! Da wird schon Eine sein, die Ihnen das dumme Zeug wegthaut. Aus lauter Dankbarkeit werden Sie sie schließlich sogar glücklich machen, – so unwahrscheinlich das auch aussieht.«

Gott sei dank, in diesem Augenblick tauchte Possers Kopf in der Wendeltreppenwindung auf.

»Na?!« sagte er, »gut unterhalten?«

»Sehr gut«, sagte die Wittib.

Den Rest des Tages füllten wir wieder mit Kulturhistorie aus.

Morgen fahr' ich nach München.

Die Abfuhr genügte aber, – nicht wahr?

Oh ja, Schmausenbuck ist ein Kanonenkugelwort.

Dein rumgedrehter                
Pankratius.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.