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Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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XVI.
Herr Pankrazius Graunzer macht eine Reise in's Altenburgische, wo er nach dem Prinzip der Zuchtwahlauslese eine mit besonders schätzbaren Vererbungsfaktoren ausgestattete Gattin zu finden hofft. Was ihm dabei widerfahren ist, meldet er seinem Freund, dem Staatsanwalt Dagobert Prellerhahn, in verschiedentlichen Briefen.

Erster Brief an Dagobert.

Altenburg, im Juni.

Staatsanwalt meiner Seele!

Lebst Du noch, oder hat Dich der Ring in der Westentasche in die Pleiße geworfen für Deine Frivolität, in Goethischen Zungen zu reden?

Armer, lieber Dagobert! Warum hängst Du nicht den Talar des Staatsanwaltes an den Nagel und wirst ein Anwalt des deutschen Geistes?

Staatsanwälte, so will es mir scheinen, haben wir ausreichend, Geistesanwälte viel zu wenig, wenn sich auch jeder Leitartikelauswalzer dafür hält. Und dabei wird der deutsche Geist in diesen Zeiten beleidigt, besudelt und verunstaltet, daß es ein Jammer ist.

Du hättest das Zeug dazu, die Sünder wider diesen heiligen Geist mores zu lehren. Aber statt daß Du ihnen, die gewürdet und gewappelt und die lautesten Mäuler im Tempel der herrschenden Gottheit sind, den Prozeß machst, mußt Du allerhand kleinen armen Teufeln das Fell lausen und mußt ein wichtig Gesichte noch gratis dazu machen. Bei der klappernden Waage der Gerechtigkeit:

Wunderlich am hohen Himmel
Durch der Sternchaussee Gewimmel
Lenkt das Fatum sein Karriol...

Fatum fatalitatum! Im Grunde sind wir Alle bloß Steineklopfer am Straßenrande, und die Karrossen des schaffenden Lebens rasen an uns vorbei.

Sollen wir mit unseren Steinen nach ihnen werfen?

Das ist bedenklich, und uns Heutige dilettirt's just nicht, den Vorhang der Revolution aufzuziehen.

So sollen wir also krummrückig und mit klammer Hand die Straße flicken?

Das wollen wir eben nun auch nicht. Dazu sind wir nun doch zu wählerisch geworden, wir hinaufgekommenen Mittelständler.

Revolution sowohl wie Frohnde überlassen wir dem Bruder Proletarier, dem wir übrigens bloß im Geiste die Hand drücken.

Offen gestanden: die Situation ist nicht sehr edel, und zu unserer Entschuldigung haben wir das Wort Dekadence erfunden. Lieber krank, als verkommen. Das ist der Rest unsres Ehrgefühls.

Was mich persönlich betrifft, so hab' ich auch in diesem Punkte das Vergnügen, zwei Seelen zu besitzen, die sich nicht ohne Leidenschaft in den Haaren liegen. Manchmal begehrt die Eine auf und schreit nach Barrikaden, aber die Andere dreht sich müde um im warmen Bette und brummelt: »Laß' mir mei' Ruh'! Ich mag net!«

»Vorwärts!« schreit die Eine. – »Quieta non movere!« bismarckt die Andere. Worauf die Eine sich folgenden Vers gemacht hat:

Was ruhig filzt, das störe nicht,
Laß' ruhig weiter filzen,
Es ist durchaus nicht förderlich
Die Reinlichkeit den Pilzen.

Und jede von Beiden führt gewichtige Gründe in's Feld, zwischen denen zu entscheiden keine leichte Aufgabe meines innersten Ich's ist, von dem ich durchaus nicht genau weiß, wo seine Sympathien liegen. Fast glaub' ich, es ist mehr für den konservativen Part, denn schließlich: Barrikaden hab' ich noch keine gebaut, aber dafür wirft mein Quietismus Bollwerk nach Bollwerk auf, sich abzuschließen vom Lärm des Werdens.

Möglich, daß hinter ihnen der Streit in mir erst recht entbrennen wird, und so viel ist sicher: ich bilde mir wenigstens ein, daß ich ein inwendiger Evolutionist bin:

Tragt Stein auf Stein zum Bau der Zeit:
        Ich bau' mich;
Thürmt Thürme für die Ewigkeit:
        Ich bau' mich;
Schleift spiegelblank die Menschheit glatt:
        Ich bau' mich;
Ich bin der blauen Pläne satt:
        Ich bau' mich.

Was für ein Bau das wird? Wozu sind die Götter da! Ich glaube kaum, daß ich selber den Thurm daraufsetzen werde. Vielleicht gelingt das dem, dem ich jetzt die Mutter suche.

Du kennst ja den Zweck meines kombinirten Rundreisebillets, und, wie Du darüber nicht lachst, wirst Du auch nicht über den Spezialgrund dieses altenburgischen Abstechers lachen.

Höre: eine Stunde südlich von der Stadt Altenburg hat mir der zuweilen gütige Himmel einen Freund beschieden, der ein veritabler Baron ist. Denke!

Dieser Freund und Baron nun weiß gleichfalls von meinem Plane, und seine Freundschaft hat beschlossen, mir bei seiner Vollführung behilflich zu sein. Er schrieb mir nach Leipzig in einem Briefe Folgendes:

»Vielleicht, daß ich das mir Angenehme mit dem Dir Nützlichen verbinden kann, wenn ich Dich einlade, mich hier zu besuchen. Nicht nur, daß ich Dir wahrscheinlich einige landwirthschaftliche Rathschläge werde geben können, deren Du sicherlich bedarfst (denn man sattelt nicht so leicht vom Schreibtischsessel auf den Ackergaul um), sondern ich hoffe auch, Dir vielleicht dazu verhelfen zu können, wonach Du augenblicklich aus bist. In meiner Nachbarschaft nämlich ist eine Frau von Z. ansässig, die eine Tochter von jetzt fünfundzwanzig Jahren hat, von der man sich in den Kreisen meiner Bekanntschaft nur Gutes zu erzählen weiß, so daß ich mich wundere, daß sie noch nicht unter der Haube ist. Der Grund liegt vielleicht darin, daß ihr verstorbener Vater aus einem bestimmten Grunde, den ich Dir persönlich mittheilen werde, sehr unbeliebt war. So was bleibt manchmal lange hängen. Hierzu kommt, daß beide Damen durchaus zurückgezogen leben. Ich selbst habe auch keinen eigentlichen Verkehr mit ihnen, aber ich könnte es leicht arrangiren, daß wir einmal bei ihnen einfielen.

»Jedenfalls: Komm! Ich bilde mir ganz bestimmt ein, daß ich mir hier den Kuppelpelz verdienen werde. Komm!«

Du wirst den Gedanken vermuthlich etwas phantastisch finden und meinen guten Baron für eine Art altenburgischen Don Quixote halten. Ich muß gestehen, daß mir die Sache selber ein Bischen nebulos vorkommt. Aber diese merkwürdige Bestimmtheit seiner Zuversicht frappirt mich, und dann ist mir diese ganze Idee überhaupt sehr sympathisch.

Und nun kommt der Punkt, bei dessen Traktirung ich mich Deines Ernstes versichern möchte, weshalb ich denn vorhin schon meine Zuversicht aussprach, daß Du nicht darüber lachen wirst.

Nämlich: der Gedanke, eine Adelige zu heirathen, besticht mich.

Es ist heraus! Wenn mir morgen früh um die Zeit Deiner Morgenpost die Ohren klingen, weiß ich, woran ich bin, und Dein Gelächter hat Dich um meine Freundschaft gebracht.

Das glaubst Du nun freilich nicht. Aber höre! Ich kalkulire so: Es ist, was auch die Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit-Leute dagegen sagen mögen, kein schlechtes Ding um die gute Abstammung. Gewiß, es läuft manch' zweibeiniges Argument gegen diese Behauptung herum, und es fehlt unter Leuten von unzweifelhaft guter Abstammung und tadelloser Kinderstube nicht an unzweifelhaften Hundsföttern und Schafsköpfen. Aber im Ganzen wäre es sinnlos, zu leugnen, daß die Vortheile einer besseren Auslese doch beim Adel sind. Ma auch hie und da ein Kutscher oder sonst was lendenstramm Unterthäniges mit eingestreut sein in die Ahnenreihe: das andauernd gute Milieu, die höhere Freiheit, das gewisse Maß von Herrschaftsbefugniß, die Uebung der Waffen, dann auch das engere Zusammengehörigkeitsgefühl mit einem Stück eigener Erde, das höhere Bauerngefühl also, – all' das muß, so mein' ich, wenn nicht überwiegende Gegenmächte, wie das Bedientenleben bei Hofe, das Klettern an der schlüpfrigen Protektionsstange, die Einbreiung in den Bureaukratismus, die allzu große Verleitung zum Aeußerlichen und zu leerer Dünkelhaftigkeit, schädigend eingewirkt haben, doch einen gewissen Fond guter Gaben in einem adeligen Geschlechte ansammeln.

Auch der Geist darf im Ganzen als wenigstens nicht unter pari fundirt angesehen werden, denn wenn auch der heutige Adel im Allgemeinen mehr die Waden, als das Gehirn kultivirt, so war das doch nicht immer so, und wir haben Zeiten gehabt, in denen die Aristokratie wenigstens im zweiten Treffen der geistigen Kämpfer stand.

Gut also. Dies angenommen (und ich muß nochmals sagen: mir scheint diese Annahme durchaus berechtigt zu sein, so schwer es uns auch fällt, uns aus dem Banne der sozialdemokratischen Lyrik: »Alle Menschen, gleich geboren, sind ein adelig Geschlecht« loszumachen), also: dies angenommen, wirst Du mir Recht geben, wenn ich sage: versuchen wir's wenigstens 'mal mit dem Von. Führt's zu nichts, schadt's auch nichts. Sehen wir uns das Burgfräulein 'mal an!

Und in diesem Sinne bin ich denn hierhergefahren.

Zunächst in die Haupt- und Residenzstadt, die ich schon von früher her kenne und die mir sehr wohl gefällt. Es steckt Historie d'rin, und Reichthum ist um sie herum, und es fehlt auch nicht an Schönheit der Natur, wenn es auch mehr eine nahrhafte Schönheit ist, will sagen eine solche, die den Hauptton auf das Futtertüchtige legt und eigentlich malerische Extravaganzen verschmäht.

Vorderhand seh' ich mir die Stadt von allen Seiten, am liebsten aber von oben, vom Schloßberg, an und warte nur auf meinen Baron, der mich im Wagen hier abholen wird.

Ich werde Dir weiter berichten, was mir im Lande Altenburg geschieht.

Heilige Felicitas bitt' für mich!

Dein                
Pankraz.

Erstes Zwischenstück,
aus welchem der Leser Einiges von dem erfährt, was der Staatsanwalt Dagobert Prellerhahn über Herrn Pankrazens zuchtwählerische Pläne denkt.

Leipzig, den 6. Juni.

Meinen besten Dank, lieber Pankraz, für Deine gute Meinung, aber Deine schmeichelhaften Bemerkungen können mich nicht davon abhalten, Dir zuzurufen: Pankraz, Du bist im Begriff, auf einen Leim zu kriechen, der zwar parfümiert, aber darum nicht weniger aus alten Knochen gemacht ist, wie jeder andere.

Auf das Sumpfgefrorene Deiner Vererbungstheorie will ich Dir nicht folgen.

Ich sage Dir bloß das Eine: entweder ist das altenburgische Fräulein aus der Mélange, d. h. aus dem Adel, der aus irgend welchen Gründen schon theilweise verbürgerlicht ist, und dann ist es schon besser, Du suchst Dir eine richtige Bürgerliche, oder aber: sie ist aus dem starren Adel, und dann rath' ich Dir: nimm die Beine unter'n Arm und flieh.

Mit diesen Leuten sich verschwägern, heißt auswandern. Das ist eine andere Welt. Andere Gefühle, andere Sprache, ander Blut. Sie können sich noch so sehr anstellen, als wären sie unsersgleichen, aber es ist nur Maske. Die Einbildung der Kaste ist der Kern ihres Wesens, um den wir sie nicht beneiden wollen, der aber ihr Stolz ist und bleibt.

Ohne ihn wären sie auch nichts, oder wenigstens nicht viel, mit ihm sind sie was, – aber das Was ist unser Feind.

Geh' mir doch mit solchen Plänen! Das ist atavistisches Zeug und, nimm mir's nicht übel, auf dem Misthaufen gewachsen. In der Stadt fliegt Einem derlei kaum mehr an, und das ist ein Vortheil der Stadt. Wir haben die Herren hier aus der Nähe kennen gelernt und gesehen, daß ihre Adelsschilde heutzutage von eitel Pappe sind. Und die Gescheidteren unter ihnen wissen das und stellten das Pappenwerk in die Ecke.

Dein                
Dagobert.

Der zweite Brief an Dagobert.

Birkicht im Altenburgschen,
am 8. Juni.

Aber Dagobert!

Was ist Dir in die Bürgerkrone gefahren?

Ein Staatsanwalt, der wider den christlichen Adel deutscher Nation den flammenden Federhalter zückt –: ecce miraculum.

Jetzt glaub' ich wirklich an Zeichen und Wunder.

Aber Recht hast Du trotzdem nicht.

Ich will Dir nicht langschürig erzählen, warum Du nicht Recht hast, denn da Du von Berufswegen an Repliken gewöhnt bist, würden wir nie fertig werden. Ich sage nur soviel: was auf dem Miste, d. h. auf dem Lande, wächst, ist besser, als was auf den Steinen, d. h. in der Stadt, wächst, – das Mistwachsen ist mir lieber, als das Mißgewachsene. Und: wenn der Adel, wie nicht geleugnet werden soll, zum sehr großen Theile mehr die Blüthe am Baume der Menschheit darstellt, so ist just der Umstand schuld daran, daß er vielfach entbauert, d. h. entwurzelt ist. Die Leute, von denen Du sprichst und über die ich nicht viel anders denke, wie Du, das sind die Parallelerscheinungen zu dem Ackerknecht, der in die Stadt zieht und Dienstmann wird. Draußen ein freier, herrlicher Schlag, drinnen verkümmertes Zeug.

Hier mein Baron Birkicht, das ist ein Edelmann nach meinem Sinne. Landjunker, amtlos, frei und herrlich – ein adeliger Mensch.

Mit Mutter Kunst steht er auf demselben guten Fuße, wie mit Mutter Erde. Sie geben ihm beide das Beste, was sie haben. Sein Korn ist so gut, wie seine Thoma's, und seine Bibliothek kann sich gerade so sehen lassen, wie sein Kuhstall.

Sein Leib lebt nach der alten brav probaten Landadelregel:

Säe Körner Aegidi,
Haber, Gerste Benedikti;
Säe Flachs und Hanf Urbani,
Wicken, Rüben Kiliani,
Viti Kraut,
Erbsen Gregori,
Linsen Philippi Jakobi;
Grab' Rüben Vincula Petri;
Schneid' Kraut Simonis und Judä;
Fang' Wachteln Bartholomäi;
Bleib' Stuben Kalixti;
Trag' Sperber Sixti;
Heiz warm Natali domini;
Iß Lammsbraten Blasii;
Guten Häring Oculi mei;
Heb' an Martini,
Trink Wein per circulum anni.

Daneben aber hat er auch einen Kalender für seine kunstfröhliche Seele, und Sanctus Apollo Musagetes hat bei ihm verschiedene Altäre, – nur daß er, Gottlob, nicht selber in schlechten Versen oder üblen Bildern opfert.

Wirst Du glauben, daß dieser Junker alljährlich nach München fährt, Bilder zu kaufen, und daß er allvierteljährlich große Buchhändlerrechnungen zu begleichen hat?

Du machst schon den Mund auf zur Replik. Mach' ihn nur wieder zu. Lass' mir meine Freude an dieser einen Schwalbe, wenn sie auch noch keinen Sommer macht.

Morgen fahren wir nach Praxhausen zu den Z.'schen Damen.

Dein                
Graunzer.

Zweites Zwischenstück,
in dem der merkwürdige Staatsanwalt Prellerhahn wiederum am Adel kein gutes Haar läßt.

Leipzig, am 9. Juni.

Jetzt wird mir's zu bunt, Krazi! Also auch in diese Schlinge gehst Du? Der Adel, der sich für Kunst »interessirt«! Na, ich danke!

Weißt Du, Deinen altenburg'schen Junker will ich Dir nicht nehmen, ich will mich nicht lächerlich machen und bestreiten, daß auch hier Ausnahmen möglich sind.

Im Allgemeinen aber sage ich Dir das: Der deutsche Adel heutiger Zeit hat zur Kunst überhaupt kein Verhältniß, höchstens das minervaverfluchte des Dilettanten.

Möglich ist nur das Eine, daß er wieder 'mal eine Rolle spielen will auf Kosten der Kunst. Er kann nichts weiter, als begönnern, aber auch das nur in einem schwächlichen Sinne. Auch ist seine Gunst nichts mehr werth, denn er hat keine Macht. Und das ist gut. Denn eine adelbegönnerte Kunst, eine von diesem Adel begönnerte Kunst, wäre eine Kunst für höhere Hausknechte, eine Kunst zwischen Trennseilen, eine flügelbeschnittene Kunst für den Salonkäfig.

Weißt Du, wie der Kammerherr von Seckendorff am 12. April 1776 über die Weimarer Dichter an seinen Bruder schrieb, damals, als unsere große Literatur im Werden war? »Ces messieurs paraissent s'augmenter chaque jour« – »Diese Herren«, – darin liegt's: Die da, die Eindringlinge!

Ach, geh' mir mit dem Interesse unserer Adeligen für Kunst. Das hätte nur Werth, wenn unsere Adligen Potenzen wären. Es ist, wenn es einmal in die Erscheinung tritt, nur die angeborene Dreistigkeit, überall mitthun zu wollen. Vielleicht langweilt's den Einen oder Andern einmal, Rekruten zu kommandiren, und so wollten sie's mit Dichtern, Künstlern versuchen. Ich finde das impertinent, denn dieses Unterfangen steht zu den Fähigkeiten dieser Leute in einem zu großen Gegensatze.

Ja, wenn sie bescheiden wären, wie es sich für sie gebührt, wenn sie sagten: Seht, wir können zwar nichts, aber wir haben Geld, Namen, Anseh'n und wollen damit der Kunst dienen, ohne ihr befehlen zu wollen, – à la bonheur! Dann seien sie willkommen, wie jeder Kunstfreund, auch wenn er bloß Lehmann heißt; aber mit ihren unverschämten Aspirationen soll man sie zum Tempel hinausjagen auf ihre Exerzierplätze, in ihre Landrathsstuben, wo ihrer Aufgaben harren, denen sie gewachsen sind.

So, da hat Du meine Meinung über Deinen kunstfördernden Adel, vor dem alle neun Musen unsre Kunst in Gnaden schützen mögen.

Ich bin Dein                        
Dagobert.

Der dritte Brief an Dagobert.

Birkicht, den 10. Juni.

Mein lieber Dagobert!

Man höre, mein Freund, die Geschichte,
Wie ich sie Dir treulich berichte,
Die Mär' vom Besucht bei Frau v. Z.
Und was für ein End' er genommen hätt'.

Also... aber nein: Zuerst ein Hymnus auf Birkichts Frühstückstisch. Freilich, ich kann nur lallen:

Göttlicher Kaffee himmlischer Sahne
Selig gepaart,
Goldener Honig auf blond-weicher Semmel,
Schmelzend und zart,

und nun, weil die Verse 'mal laufen, gleich weiter im Text:

Leis in der Linde
Harfen die Winde,
Über die Gräser streichelt ein Weh'n,
Waldvogelrufe,
Scharrende Hufe,
Heute, mein Herz, will ich freien gehn!

Nimm das als Ouverture. Ich hätt' es auch in Prosa sagen können, aber wenn mir die Dinge gar so liebenswürdig um den Bart gehen, wie gestern früh (solche Sahne giebt's überhaupt nur im Altenburg'schen!), dann kann ich mir nicht helfen, dann muß ich mit geprägten Worten zahlen. Es ist mein Pech, wenn die Prägung zu wünschen übrig läßt.

Du meinst, es wär' Dein's, weil ich Dir das Geprägte in die Hand drücke?

I, so schmeiß' es doch weg, aber schimpf' nicht!

Aber nun ungeprägt und ruhig im Trabe auf Schuster's prosaischen Rappen: wirklich himmlisch war die Fahrt durch Birkicht's Reich. Der wachsende Segen rechts und links machte uns fröhlich, und wir sangen sogar, – ein schönes Lied:

Huhjahuh!
Die Pferde laufen immerzu,
Huhjahuh!
Sie laufen immerzu.
Der Gottlieb auf dem Bocke
Bläht sich in seinem Rocke,
Der Rock, der ist ihm viel zu groß,
Im Winde flappt der rechte Schooß.
Huhjahuh,
Er flattert immerzu.

Gottlieb fühlte sich etwas genirt durch diesen anzüglichen Gesang in seinem Rücken, aber richtig war's doch: Sein rechter Rockschooß flog im Winde, und da er roth gefüttert war, nahmen wir das als ein gutes Omen.

»Du wirst seh'n, Pankrazi, ich bringe Dich heute unter die Haube. An einem solchen Tage gelingt so was immer«, sagte Birkicht.

»Nee, nee, Du, ich finde, das Wetter ist zu schön für so 'was. Da liegt kein Styl d'rin. Es müßte Packstrippen regnen, dann hätt' ich Mum dazu. Aber so: das ist die reine Suggestion von oben: Geht hin und mehret Euch. Es fehlte bloß, daß heute der Tag der heiligen Felicitas wäre.«

»Was für 'ne Dame ist denn das wieder?«

»Das ist die heilige Fürbitterin für Leute, die einen Sohn haben wollen. Also meine eigentlichste Patronin.«

»Heute brauchst Du sie nicht. Heute geht's auch so.«

»Nee, nee. Aber na ja: Wenn's heute sein soll: gut! Sag' 'mal, Du kennst also Fräulein von Zurwenken nicht persönlich?«

»Paar 'mal gesehen. Ich sage Dir ja: Zwei Einsiedelweiber. Ihr Gut ist ihre Welt.«

»Hm. Also wohl so'n bischen sehr duster? Du verstehst mich: nicht gerade übermäßig gescheidt?«

»Was fällt Dir ein! Beste Erziehung! Damenstift! Da fehlt nichts! Auch nicht etwa ungesellig, unangenehm! Gar nicht! Bloß... na, ich will Dir's erzählen.«

»Das ist wohl was Grausliches?«

»I, nein doch! Also: der alte Zurwenken hat es, ein richtiges Original, wie er war, verstanden, sich mit aller Welt in Unfrieden zu setzen. War ein wunderlicher Kauz, Prozeßhengst, laudator temporis acti. Die Welt war ihm nicht mehr recht, die Nachbarn erst recht nicht. Und furchtbar adelstolz war er. »Nur nicht das Blut verdünnen!« war sein Wort.«

»Und in so 'ne Familie führst Du einen pp. Graunzer als Freiersmann? Ich bin ja die Verdünnung in Person.«

»Du sollst ja auch nicht den seligen Herrn Vater heirathen. Dem hättest Du allerdings nicht genügt, selbst wenn Du mit einem tadellosen Von behaftet wärst. Für ihn gab es nur etwa drei Familien im Altenburg'schen, die er für zweifelsohne hielt. In allen übrigen war nach seiner Meinung, die er leider auch aussprach, »Verdünnung von unten«. Und das ist der Grund gewesen, weshalb er sich mit aller Welt verfeindete.

Der gute Gneomar – Gneomar hieß er! – wußte nämlich von jedem Hause was. Dort war im siebzehnten Jahrhundert mal was mit einem Kutscher gewesen, da hatte um die Mitte des sechzehnten ein Stallknecht verdünnend gewirkt, und wieder wo anders war ein Komödiant nachweisbar als derjenige welcher.«

»Na: hatte Gneomar denn Recht?«

»Hie und da wohl, aber meistens waren es doch bloß alte, unbeweisbare Geschichten.

Es war geradezu sein Sport, solche zu sammeln. Und hatte er eine, so sorgte er schleunigst dafür, daß man sie erfuhr. Und zwar auf drastische Weise.«

»Schieß los!«

»Z. B.: Er trifft einen Herrn von X. Zufällig. In der Residenz vielleicht. Auf dem Markte.

Fünf Schritte vor ihm bleibt er in seiner ganzen Länge stehen, zieht sein Stiellorgnon, hebt's langsam an die Augen, nimmt's wieder ab, schüttelt den Kopf und sagt nichts als: Merk–würdig!

Der andere natürlich auf ihn los: »Was ist merkwürdig!«

Gneomar nimmt wieder die Stielbrille hoch, sieht sich den Mann wieder an, schüttelt wieder den Kopf und sagt wiederum: Merk–würdig!

Nun der andere, schon sehr wütend, nochmals: »Was, wenn's beliebt! Was!?«

D'rauf Gneomar: Die Hände! Diese Hände! Oh! Oh! Sind das adelige Hände?

Nun der X. wieder: »Was unterstehen Sie sich! Wollen Sie wohl belieben, deutlicher zu sein?«

Und nun Gneomar auf's Gelassenste! »Das sind Kutscherhände, mein Herr, rothe, dicke, ungeschlachte Kutscherhände in der fünften Generation.«

»Sie sind verrückt!«

»Nein, ich bin unterrichtet!«

»Zum Teufel, wovon sind Sie unterrichtet!«

»Daß Ihr Urgroßvater ein Kutscher war und Leberecht Lampe hieß.«

»Gottvoll! Gottvoll!« Ich mußte lachen.

»Jawohl, gottvoll, aber das Ende war natürlich ein Hin- und Hergeschieße und später die völlige In-die-Acht-Erklärung Gneomars. Mein Vater war zuletzt der Einzige, der noch mit ihm verkehrte, und auch der that es nur, weil er den Alten für übergeschnappt hielt.«

»Und so ging's bis an's Ende Gneomars?«

»Bis an's Ende. Und bis über sein Ende hinaus. Denn auch die Wittwe und die Tochter sind wie in Gesellschaftsacht. Der Alte hat zu Viele beleidigt.«

»Hm. Und Du meinst nun aber, daß Frau und Fräulein v. Z. nicht denken, wie der Alte gedacht hat?«

»Ja, das mein' ich. Und ich meine weiter noch, daß sie sehr froh sein werden, wenn ein Freier kommt. Eben, weil keine Hoffnung besteht, daß von hier einer kommt.«

»Danke bestens. Pankraz als faute de mieux. Du bist doch ein Baron!«

»Du!! Aber Du verstehst mich ja doch! Du sollst ja auch nur mal hinseh'n. Kein Mensch zwingt Dich, auch nur einen Ton von Deinen Plänen zu reden. Ich denke einfach: so ein Mädchen aus alter Grundbesitzersfamilie müßte nicht übel als Frau für Einen gelten, der ein Bischen zu wenig Bauernblut in sich hat und der doch ein Bauer werden will.«

»Du hast Recht. Das bestärkt mich ja in dem Plane, und es wäre mir sogar ganz recht, wenn das Fräulein ein Bischen die Siebenzinkige fühlte. Ich verlange gar nicht allzuviel Annäherungstrieb. Du weißt schon. Wir wollen getrennt Hof halten. Und gerade auch das wird eine Adelige eher verstehen, denn das ist ja ein Vorzug der Aristokraten, daß sie weniger an Sentimentalität, am Bedürfniß nach Gefühlen leiden, als wir von der Bourgeoisie, die wir just darum sowohl gegen oben, wie gegen unten im Nachtheil sind. Die gewisse Gefühlsbreiigkeit, die das deutsche Bürgerthum auszeichnet, das ist seine Hauptschwäche.«

»Du möchtest einen Leitartikel reden, Alter, aber es wird Dir nicht gelingen. Dort, das alte Dach mit der Moosdecke, da, hinter den schönen Buchen, das ist das Zurwenken'sche Haus. Wir werden gleich am Parkthor sein.«

* * *

Ich habe meiner alten Gewohnheit, zu tagebücheln, ein Bischen arg gefröhnt, indem ich Dir das ganze Gespräch hier wiedergegeben habe; ich that es, weil ich Dir damit am besten auf Deinen Brief zu antworten glaubte, und weil es mir als eine sehr heilsame Manier erscheint, sich den hinabgerollten Tag noch einmal im Worte fest zu halten. Ob ich's in einem Brief thue oder in einem Tagebuche, das bleibt sich gleich. Das Bild steigt noch mal auf, Du überblickst es ruhig und kritisch (was Du der Wirklichkeit gegenüber fast nie kannst) und nun weht es langsam fort von Dir, wird kleiner und kleiner, jetzt in den Konturen verwaschen, dann auch in der Farbe schleirig, und dann ist es weg.

Ich werde meinem Sohn das Tagebücheln angewöhnen. Es ist eine Haus- und Kammerkunst, feiner und werthvoller als Laubsägen und Holzbrandmalerei – sogar dem Klavierspielen ist es vorzuziehen.

* * *

Und nun zu unserem eigentlichen Besuche im Hause der beiden Damen von Zurwenken.

Das Parkthor (ein altes schönes schmiedeeisernes Thor mit einem sehr feinen Lilienornamente, hoch, vornehm, reich) war verschlossen. Der Glockenzug war abgerissen. Gottlieb klatschte daher gebieterisch mit der Peitsche.

Nach einer guten Weile erst kam ein alter Diener in sehr abgetragener, ganz altfränkischer Livree und in Kanonenstiefeln (!) den Buchengang herunter auf das Thor zu, blieb zehn Schritt vor dem Thor stehen und rief unwirsch aus: Wer ist da? Wer will hier was?

Gottlieb antwortete darauf mit Würde: Der Herr Baron von Birkicht ist da mit dem Herrn Dr. Graunzer aus Berlin!

Darauf der Alte in den Kanonenstiefeln Kehrt und langsam den Buchengang hinauf. Langsam!

Wir sahen uns an und lachten. Gottlieb hustete vor Empörung und murmelte was vor sich hin.

Nach wieder einer guten Weile kamen die Kanonenstiefel das zweite mal auf das Thor zu. Diesmal kamen sie bis an das Thor heran, und der kleine Alte, den sie, so schien es, vermöge eines sinnreichen Mechanismus vorwärts bewegten, zielte mit einem alten großen Schlüssel auf das Schlüsselloch.

Kein leichtes Ding das, hat man den Tatterich! Und der Alte hatte ihn.

Fünfmal zielte er vergeblich, das sechstemal traf er in's Loch. Aber, wenn damit die Partie gewonnen gewesen wäre! Nun galt es den Schlüssel zu drehen.

Der Altfränkische gab sich redliche Mühe. Erst mit der rechten Hand allein, dann unter Zuhilfenahme der linken, schließlich hing er seine ganze Leiblichkeit, inklusive der Kanonenstiefel, an den Schlüssel. Vergeblich.

»Gottlieb, hilf!« sagte Baron Birkicht, und Gottlieb kletterte vom Bock. Nachdem es gelungen war, den Schlüssel wieder herauszuziehen, galt es, ihn herauszureichen. Pech! Sein Bart war zu dick, das Gitter zu eng. Der Altfränkische mußte ihn über's Thor werfen. O ja, das ist leicht gesagt, aber, mein Lieber, das Ding war schwer, und das Thor war hoch. Der unselige Lakai sprang und schwang und nahm Anlauf, was weiß ich, kurz, es gelang nicht.

Da, eine schrille Stimme aus dem Hintergrunde: »Lebe recht!«

»Gottegotte, Gotte nee!« keuchte der Alte, »die Gnädige ruft! I der verfluchte Schlüssel! I das verdammte Thor! I Du Luder, Du!«

»Lebe recht!«

Es war, als gäbe diese Stimme dem Alten übernatürliche Kräfte. Er schwang zweimal den rechten Arm, der Schlüssel flog hoch und richtig: er blieb oben an der obersten Lilie hängen.

»Gottegottegottegotte« jammerte der Alte, machte Kehrt und ließ sich von seinen wild gewordenen Kanonenstiefeln den Gang hinauftragen.

Da aber riß unserm Gottlieb der durchgescheuerte Faden der Geduld. Er fluchte, grunzte, zog seinen Rothgefütterten aus, spuckte in die Hand und begann, an den schmeideeisernen Lilien emporzuklettern.

Es wirkte belustigend und symbolisch auf mich. So kletterte, ein philologischer Lakai, unser Konrektor einst am hohen Gebäude eines sophokleischen Tragödie empor.

Er, nämlich Gottlieb, war just oben angelangt, da rauschte etwas Seidenes den Gang herunter, und es erschien eine lange dürre Dame in einem geblümten Seidenkleide. Spitz den Zeigefinger auf Gottlieb gerichtet, die Augen aber auf Birkicht, rief sie: Was macht der Lümmel da?!

Birkicht entschuldigte sich, Gottlieb erreichte glücklich das Schlüsselmonstrum, aber nun war auch seine Contenance zum Teufel, er ließ sich los und rutschte mit seiner ganzen Vorderseite (ein schmerzlicher Anblick) die schmiedeeisernen Lilien herunter. Ein Glück, daß nur ein paar Knöpfe platzten, es hätte auch seine Nase draufgehen können. Indessen: den Schlüssel hatte er, und nun war etwas immerhin gewonnen.

Gottlieb schloß auf, wir schritten durchs Thor.

Frau von Zurwenken (denn das war die Seidene) zeigte sich gnädiger, als wir nach ihrem Entrée erwartet hatten.

Dem Baron gab sie sogar die Hand.

Der erzählte nun eine Geschichte, daß ich über seine Erfindungskunst staunte. Ich hörte mit Verwunderung, daß ich ein berühmter Historiker sei, der augenblicklich Altenburg bereiste, um Spezialforschungen anzustellen und er, Birkicht, hätte mich hier einführen wollen, weil im Familienarchiv derer von Zurwenken wichtige Dokumente auch von allgemeinem Interesse sein möchten.

Die Gnädige schüttelte das Haupt: »Unsere Dokumente, lieber Baron, können nicht eingesehen werden. Die Geschichte unserer Familie ist die Geschichte unserer Familie, und nur unsre Familie soll diese Geschichte lesen!«

Alberne Schachtel! dachte ich, und ich sah in Birkichts Augen, daß er dasselbe dachte.

In Worten aber drückte sich dieser Gedanke bei ihm so aus: »Oh, oh, wie schade, gnädigste Frau. Aber natürlich: die Anschauungen Ihrer Familie gehen vor. Ich bitte vielmals um Verzeihung, daß wir so viel Störung verursacht haben, wir wollen....«

»Aber, lieber Baron, ich bitte sehr! Sie stehen auf unserm Grund und Boden! So schnell dürfen Sie nicht fort, Sie, der Sohn des einzigen Freundes meines Gneomar. Nein! Nein! Wenn wir auch leider nicht in der Lage sind, Ihrem gelehrten Freunde unser Archiv zu öffnen, so wollen wir doch nicht ermangeln, Sie und ihn freundlichst in unserm Hause zu bewillkommnen.«

Ist denn keine Versenkung hier, dachte ich bei mir selber; ist denn keine Flucht möglich? Soll ich bei lebendigem Leibe aufgeredet werden?

Und Birkicht dachte dasselbe, aber er sprach wie folgt: »Zu gnädig, gnädigste Frau, wir fürchten indessen, lästig....«

»Nicht doch, nicht doch. Sie wissen, meine Tochter und ich sind stets erfreut und werden stets erfreut sein, wenn Sie, der Sohn des einzigen Freundes meines Gneomar, unser Haus besuchen, und mit Ihnen jeder, der sich Ihrer Freundschaft erfreut und dadurch auch unserer freundlichen Gesinnungen stets sicher sein kann.

Lebe recht!«

Die Kanonenstiefel galoppirten herbei.

»Geh' dem da zur Hand!«

»Der da« war Gottlieb.

»Clothilde wird sich herzlich freuen, lieber Baron, wenn sie sieht, wen ich bringe. Sie malt eben.«

Es war, wie wenn eine eiserne Hand plötzlich aus den Riesenwipfeln herabführe und mir eine schallende Ohrfeige versetzte.

Sie malt! Clothilde malt! Hörst Du Birkicht! Clothilde malt! Und in diesen Abgrund hast Du mich gelockt! An diesem herrlichen Tage! Pfui! schäme Dich, Birkicht!

Schließlich schlägt sie noch die Harfe und singt dazu Hausmacherballaden!

Ooooh!

Birkicht mußte mir meine Verzweiflung ansehen, denn er beeilte sich, mir zu zeigen, wie völlig unbekannt er mit dieser künstlerischen Neigung Clothildens sei, indem er im Tone des größten Erstaunens sprach: »Wie, sie malt? Mir völlig neu! Oh, ich bin gespannt.«

Ich auch! grunzte meine Seele.

Na mein Lieber, wir sahen, was sie malte!

Die Gnädige führte uns geradenwegs in das jungfräuliche Atelier, und wir hatten die Ehre und das Vergnügen, Fräulein Clothilde zu erblicken, noch ehe sie selbst unserer Gegenwart gewahr worden war.

Wir sahen also zuvörderst eine lange (sehr lange), schmale (sehr schmale) Rückseite eines weiblichen Wesens, das in verschossenen blauen Sammet gekleidet war und sich eines lang hinabwallenden Haupthaares erfreute, wie weiland Absalon, der Königssohn.

Aber während jener Prinz, schätz' ich, hebräisch-schwarzhaarig gewesen ist, war Fräulein Clothilde eine von jenen Blondinen, für deren Haarfarbe man das Prädikat ›impertinent-blond‹ geprägt hat.

Weißt Du, so ein rostiges Roth, das man sich fürchtet anzugreifen, weil man bangt, es könnte elektrische Schläge austheilen.

Ich will nichts gegen dieses Roth sagen. Es kann eine schöne Sache sein. Unzweifelhaft. Aber auf dem verschossenen blauen Sammt sah es himmelschreiend aus. Wie eine Milchstraße von Sommersprossen auf einem blaugesottenen Aal. Und dabei schaute es her, wie wenn es vom Theaterfriseur bezogen wäre.

Es führte mir sogleich die Assoziation zu: Clothilde hat auch vorn Sommersprossen. Und richtig! Wie sie sich umwendete, war das Erste, das ich sah, daß ihre Haare gewissermaßen durchgefärbt hatten, durch den ganzen Kopf hindurch, bis vorn auf Stirn und Backen.

Sie wandte sich also um. Die Gnädige hatte die Glasthür, durch die wir das Farbenduell Verschossenblau contra Rostroth gesehen hatten, aufgeklinkt, und dieser Ton hatte Fräulein Clothilde einen Ruck gegeben.

Alle Wetter, was machte das Malmädchen für ein paar wüthende Augen. Ich wollte gewettet haben, daß sie was Unliebenswürdiges sagen wollte, aber, wie sie neben der Gnädigen uns Zwei sah, versüßte sich das gesprenkelte Antlitz, und es flossen die allerholdesten Worte von den Lippen, die eben noch das Sprungbrett für ärgerliche Töne sein sollten.

Daß ich es nun mit einem Worte sage, welchen Eindruck Fräulein Clothilde auf uns machte: Sauer.

Wäre ihr Wappen nicht alt genug, ich gäbe ihr einen Holzapfel hinein. Vielleicht einen kandirten Holzapfel, denn sie geberdete sich süß genug. Aber man merkte zu schnell, daß das bloß Ueberzug, Zuckerbäckerarbeit, nicht Natur war.

Uebrigens; schlechte Zuckerbäckerarbeit war auch ihre Malerei. Alle guten Geister! Eine Ritterdame mit einem Falken hatte sie hingestrichelt, daß man hätte um Gnade flehen mögen.

Siehst Du, Alter, wie ich das ah, da sagte ich mir: das gute Dresdener Gänschen mit ihren Häkelgreulichkeiten und dieses federnarme Wappenpfauweibchen mit seinen Pinselgreueln, das ist im Grunde dieselbe unvornehme Spezies moderner Weiblichkeit; oder: Beide sind gleichwerthige Nuancen auf dem fatalen Bilde dessen, was man heute Weib nennt.

All' das Gemächte, was sie hervorbringen, hat den gemeinsamen Zug des absolut Gewöhnlichen. Dort der Sumpf der Gemüthlichkeit, hier ein Gänsegeschnatter in Farben.

Und mit so was soll ich das glorreiche Geschlecht der Graunzer fortzeugen?

Eher Eunuch!

Jetzt wirst Du wohl befriedigt sein, Staatsanwalt mit dem Bürgerstolze.

Aber es war wirklich keine Gefahr vorhanden, daß die Häuser Graunzer und Zurwenken sich vereinigten. Denn sobald Dame Clothilde vernommen hatte, daß ich vonlos war, ward ich für sie wesenlos.

Es war, als wenn jede einzelne ihrer Sommersprossen mit entgegenflammte: Geh' Er in die Gesindestube!

Nicht so, daß man mich unartig behandelt hätte, – gewiß nicht. Aber im Tone der Worte, im Lächeln der Lippen, in den Bewegungen des Kopfes war mir gegenüber ein gewisses Etwas von Abschätzigkeit, das nur ein Dickhäuter nicht hätte fühlen können.

Dem guten Birkicht war das sichtlich fatal, denn er hatte wohl eine Weile die Empfindung, ich möchte mich darüber ärgern, aber schließlich genoß er wie ich nur den Humor davon.

Freilich! es giebt bessere Humore. Dieser da war halt auch – sauer, und das soll der Humor nicht sein. Es war ihm zu viel Mitleid beigemengt.

Mein Gott, dacht' ich mir, Essig statt Blut in den Adern zu haben, muß doch recht unangenehm sein, und sei es immerhin – blauer Essig.

Aergerlich war mir nur, daß wir den schönen Frühlingstag so schnöde verloren hatten.

Als wir heimfuhren, sangen wir nicht mehr Hu – ja – juh, sondern redeten tiefsinnig und nicht ohne Melancholie von dem Thema Adelsmensch.

Als ich aber einmal gesagt hatte »Das Adelsmensch«, da bat ich den herrlichen Baron doch um Verzeihung und machte mir selber Vorwürfe darüber, daß, wie ich nun merkte, wirklich der Bürgerliche in mir sich hatte beleidigt fühlen können, während ich doch anständiger Weise immer bloß Mensch hätte bleiben und als solcher lächeln und verzeihen sollen.

Die armen Zweie!

Es hat mich maulhenkolisch gemacht.

Dein                
Graunzer.

Uebrigens! Du bist ja der leibhaftige Feuerspeier wider den christlichen Adel deutscher Nation. Dir muß 'mal ein ganz infamer Bursche mit einem Pappewappen über den Weg gelaufen sein, denn, weißt Du, sehr objektiv klingt Dein Gezeter nicht. Da grollt irgend ein böses Erlebniß heraus, das noch nicht in Humor marinirt ist.

Staatsanwalt! Mensch! Philosoph! Wie kann man so ungerecht sein! So kleinlich ungerecht! Geh, laß den Burschen laufen, der Dich geärgert hat. Lach' hinter ihm her und schimpf' nicht auf Alle, die seines Standes sind.

Ich hab' 'mal einen »Rath an einen Riesen« gelesen, der hieß so:

Sie machen die Luft Dir dumpf und schwer,
    Die zeternden Zwerge?
Lach' ihnen Abschied! Fahr' über das Meer,
    Steig' über die Berge!
Doch ehe Du gehst, nimm einen am Ohr
    Und schüttel' ihn leise.
Weh, Riese, der den Humor verlor!
    Glück auf die Reise!

Beutel den, der Dich ärgert, aber sei gerecht!

P. G.

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