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Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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XV.
Ein Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund Peter Kahle. Handelt vom Stammtisch zum Ring in der Westentasche.

Leipzig, Ende Mai.

Mein Peter!

Kennst Du die alte Bauernregel:

Der Mai ist selten so gut,
Er bringt dem Zaunpfahl noch einen Hut?

Und, wenn Du sie kennst, verstehst Du sie auch, Mann in der steinernen Stadt?

Was für einen Hut bringt der Mai dem Zaunpfahle?

Hier in diesem schauderhaften Rußneste, über dem aber noch immer die Glorie des jungen Goethe schwebt, seh' ich's nicht, aber ich sehe im Geiste meinen lieben Kiebitzhof und den alten Zaun um den Kohlgarten, und da stehen gravitätisch die angemoosten Zaunpfähle, und jeder hat seinen Schneehut auf, diesen Cotillonhut, den der Winter dem Frühling zum Andenken schenkt. Aber die nächste Morgensonne kommt und leckt ihn weg.

Nichtsdestoweniger fühl' ich mich ein wenig blamirt mit meinem Ahei!-Liede vom nackten Mai. Wenn ich Recht damit hatte, – wie muß der Aermste jetzt frieren.

Es schneit ganz derbe. Zwar, es sind die großen Matschflocken, denen es an der richtigen, grimmigen Konzentrationskraft fehlt, sie haben (jetzt fall' mir nicht um, Philologe) was Schmetterlingliches an sich, wie sie so breit und behutsam niederwehen, – aber jedennoch: es ist Schnee.

Indessen, die Sachsen sagen: »Dat is doch Ihr Ernst nich?«

Und: »I nee doche!« antwortet der Alte, greift noch 'mal in den Sack, schmeißt noch eine Hampfel rund um sich herum, und nun trollt er sich und sappt ab.

Warum diese Einleitung vom Wetter?

Weiß selber nicht.

Vielleicht ist ein bischen Schadenfreude meines unlyrischen Ichs dabei, das meinem lyrischen Ich die Hohnrübe schabt und grinst: »Ätsch! Das ist nun Euer Hochwohlgeboren berühmter Mai. Mich dünkt: es schneit. Wollt Ihr nicht ein Gedicht verzapfen?«

Aber das lyrische Nebenseelchen ärgert sich nicht im Geringsten über Bruder Rauhbein, und es zwitschert:

Schnei', Himmel schnei'!
Es ist doch Mai;
Der Schnee will nichts bedeuten.
Er liegt nur dünn,
Und unter ihm hin
Hör' ich den Frühling läuten.

Du wirst Dich wundern, daß ich jetzt so ungenirt drauflostanze mit allerhand Versfüßen, und ich muß gesteh'n, daß ich selbst einige Beängstigung darüber empfinde, aber es ist nun 'mal so, und ich kann's nicht ändern: seit einiger Zeit skandire ich nicht unbeträchtlich.

Ich habe alles Mögliche dagegen versucht.

Zuerst einfache physische Mittel: Ich kniff mich zornig in's Bein, wenn mich's dichterte. Resultat: meine schwache Seele fühlte sich Märtyrerin und dichtete gluthvoll weiter.

Dann das Mittel der Ertödtung des Geistes nach dem Rezepte der asketischen Heuschreckenesser in der Wüste: ich haspelte mechanische Wortreihen (z. B.: »der heutige Effektenmarkt zeigte dasselbe Gesicht wie gestern, nicht sauer und nicht süß«), wenn's über mich kam; aber es ging mir nicht besser, als den guten Asketen: Die Teufelinne erzeigte sich nur noch lockender.

Schließlich verfiel mein antilyrisches Ich darauf, das lyrische zu parodiren. Aber dieses war charakterlos genug, sich darüber zu amüsiren und unentwegt weiter zu harfen.

Kurz und gut: es hilft nichts. Nur die Zeit kann hier heilen. Sie wird ihre Schuldigkeit thun. Fieber wollen ausgeschwitzt sein. Punktum.

Aber das ist es eigentlich nicht, wovon ich Dir schreiben wollte.

Wovon ich Dir schreiben will, das ist der Stammtisch zum Ring in der Westentasche.

Unser guter Stilpe hat mich dieser Tafelrunde des Gottes Momus zugeführt. Er durfte es umsomehr, als ein gutes Drittel dieser Tafelrunde Korpsbrüder von uns sind. Ich bin ihm auch recht dankbar dafür, denn der Ring in der Westentasche hat mich mancherlei gelehrt, was werthvoll zu wissen ist für Einen, der auszog, zu freien, ohne damit seine Freiheit verlieren zu wollen.

Ich lasse alles Unwesentliche weg und gebe Dir nur den Extrakt des Abends an diesem momischen Tische.

Stilpe, in seiner alten, hyperbolischen Art, die wir schon an ihm bestaunten, als er seine Gabe hauptsächlich an Mensurdetails und Tingeltangeleusen-Intimitäten übte, gab mir zuvörderst eine Erklärung dieses Tisches.

»Wisse,« sprach er, »es ist gut, daß der Mann zuweilen einen nackten Goldfinger habe. Zu diesem Behufe besitzt er eine Westentasche, die nämlich auf der linken Seite über der Uhrtasche. Niemand hat noch den Zweck dieser von allen Schneidern der zivilisirten Welt wie in Folge eines Meistereides unfehlbar und ausnahmlos angebrachten Tasche ergründet, bis unser kleiner Piepgras, der schon zur Zeit seiner Aktivität ein scharfsinniger und problemwälzerischer Kopf gewesen ist, dahinterkam: Diese Tasche ist dazu da, daß man zuweilen den Ehering in ihr verschwinden lasse. Kaum, daß er dies dem Gehege seiner Zähne (Du weißt, es ist etwas lattenschief) entlassen hatte, umgrunzet ihn eine Ovation, in der jedes Wort ein Lorbeerkranz, jedes Ausrufezeichen ein Ehrensäbel war.«

Ich: Bitte: Wer brachte Piepgras'n diese Ovation dar?

Stilpe: Na, wir doch! Wir!

Ich: Bitte: Wer wir!?

Stilpe: Na, die gesammte Alte-Herrei, was hier ein Bein hat, und noch ein paar andere Staatsbürger von derselben Observanz. Heißen Doktoren, Magister gar! Auch Richter und des Staates Prokuratoren! Kurz und gut: lauter Wohlbestallte und Ehrenfeste, Vielgelehrte und Eingeaichte. Dein Auge wird sich senken vor dem Schimmer ihrer Glatzen, und Deine Nase wird es ein üppig Bad heißen, ihren Athem zu saugen.

Ich: Stilpe! Hast Du noch immer diese Grammatik am Leibe?

Stilpe: Mehr denn je spreche ich die Sprache derer, die mit Frucht in den Büchern der Alten gelesen haben, denn es ist genug, daß ich die schwarze Livrée dieser graugräulichen Zeit am Leibe tragen muß. Proh pudor, daß ich auch mauluniformirt wäre!

Schließlich sprach er aber doch ernsthaft über dies Alles, und ich brauchte nicht erst angestrengt zu lauschen, um ein innerliches Unbehagen heraus zu hören: »Gott ja, es hat was Fatales, das Leben ohne Perspektive nach außen oder nach innen. Wir ackern fast alle fremdes Land. Da ist der Würz. Arzt ist er, aber er paßt dazu wie der Igel zum... Du weißt schon. Er wäre ein tüchtiger Landwirth. Dann der Burgkmayr. Amtsrichter. Du lieber Gott! Was ist ihm Justitia? Er hatte Lust und Zeug zum Offizier. Prellerhahn! Ich bitte Dich: der Mann ist Staatsanwalt! Mit seiner inwendigen Güte, mit seinem auf's Aesthetische gerichteten Sinn! Ein feiner Kunstgelehrter wäre aus ihm geworden. Das sind die Persönlichkeiten, und die sind eigentlich bedauernswerth.

Die Uebrigen... na ja: »Prosit, die Blume« und »Fangen wir einen Lachs!« Gerade wie damals, als noch der Bierzipfel baumelte.«

Ich: Aber sie sind doch Alle verheirathet?

Stilpe: Das will ich meinen! Gründlich! Voll und ganz! Aber das ist ja eben der Kitt des Stammtisches.

Ich: So, so!? Dann bin ich allerdings gespannt.

Stilpe: Wieso das?

Ich: Weil ich nämlich auch heirathen will.

Stilpe: Mann! Mann!!... Lern' schleunigst unser Lied vom Korps Suovia:

Sus heißt das Schwein,
Ovum das Ei,
Suovia drum Schweinerei.

Ich: Ich versteh' Dich nicht.

Stilpe: Du wirst schon.

Und ich habe.

Peter: es war traurig.

Ich will nicht viele Worte machen. Es widersteht mir, die alten Kameraden zu kritisiren. Aber ich kann mir nicht helfen, einen Ausruf muß ich wenigstens von mir geben: Was hat das Leben aus diesen Korpsburschen gemacht! Sie sind so kümmerlich geworden, so, ich weiß nicht, so stier vor sich hin, ohne Zuck und Ruck, so mit der Nase nach der Erde, so gräßlich anspruchslos hinsichtlich ihrer selbst.

Vielleicht sag' ich am kürzesten: so philisterhaft, so spießerlich. Und doch war auch ihnen das Leben einmal bunt wie ein Kartenspiel, und die Mütze saß ihnen im Nacken, und sie schlugen mit der Faust auf den Tisch, wenn es hieß: Frei ist der Bursch! Daß Gott erbarm', wie hat sich das geändert.

Alt geworden,
Kalt geworden,
Schmeer geworden,
Leer geworden.

Da sitzen sie nun allwöchentlich an diesem Stammtische und tragen ihren Ehering in der Westentasche und reißen Zoten, daß ein Unteroffizier erröten könnte.

Freilich: sie sind sonst um so würdiger und gemessener, und der Abend ohne den Ring, das ist nur so das Ventil, das 'mal aufgemacht wird, damit die gefährlichen Dünste aus dem Kessel können.

Gewiß, gewiß: Ein Zötlein in Ehren soll Niemand wehren. Aber... aber... Nein! Das ist eine blamable Art, unanständig zu sein. Und, wenn wenigstens herzhaftes Vergnügen dabei wäre. Aber Prinz Sauertopf sitzt auf dem Präsidentstuhl. Als sie jung waren, und sie sangen im Chore:

Auf der Lüneburger Heide ging ich auf und ging ich unter,
Bruder, pump' mir Deine Liebste, denn die meine ist nicht munter.
            Valleri, vallera,
            Schatz, Du weißt es ja.

worauf ich heute bloß »et caetera« reimen will, da lag Kern und Gesundheit in der lockeren Art. Aber heute, während die »Frau Gemahlin« sich daheim im staatlich gesegneten Bette dehnt?

Was geht's mich an! Sehe jeder, wie er's treibe!

Aber, nicht wahr, die Frage wird mir doch wohl gestattet sein: wo bleibt der sittigende Einfluß der Frau? Ich hörte, irr' ich nicht, doch immer sagen: »Laßt nur den Most steigen und schäumen! Es wird die Frau kommen und mit dem Schaumlöffel der Weiblichkeit den schmutzigen Gischt wegschöpfen.« Die guten Damen haben wohl gerührt, statt zu schöpfen.Peter Kahle bemerkt am Rande zu dieser Stelle: Der gute Graunzer hat wieder einmal die schwarze Brille auf. Ich werde sie ihm ein wenig putzen müssen. Was fällt ihm doch ein, hier so en gros spitzig zu werden. Er ist werth, daß seine Zukünftige den Schaumlöffel zuerst an ihm probirt.

Den Gipfelpunkt erreichte mein Aerger an diesem Abende, als der Stammtisch zum Ring in der Westentasche ganz unvermittelt anfing, moralisch zu werden, wie es denn die Eigenthümlichkeit der Deutschen überhaupt zu sein scheint, daß unter der Sauglocke gesittepredigt wird, – vermuthlich zur Stärkung der unruhigen Gewissen.

Prellerhahn begann nämlich aus heiterem Himmel von moderner Kunst und Literatur zu reden, und nun erhob sich ein Hin und Her der Meinungen, ein Auseinanderfalten und Ausklopfen alter, uralter ästhetischer Schlafröcke, daß ich förmlich den Moder roch.

Ich konnte mich nicht enthalten, dem würdigen Stammtische zu sagen: »Früher war't Ihr für dies Thema überhaupt nicht zu haben. Das war bös. Jetzt aber bequatscht Ihr es, meine Freunde, – das ist gräßlich. Denkt an das heilige Schweigen Eurer Jugend und redet nicht von Dingen, für die Euch der Sinn fehlt.«

Prellerhahn lächelte sein sauerstes Lächeln. »Mein guter Graunzer«, sagte er, »wir behandeln dies Thema in dem Style, wie er uns geläufig ist. Wir sind deutsche Patrioten und kennen unsre Pflicht. Es war ein Mann der lebte in Weimar, hieß Goethe und übte das Geschäft des Dichtens aus. Der hat uns unsern Weg gezeigt:

Wenn Werke sich zeigen,
Erst tödtliches Schweigen;
Dann hämisches Kritteln
Mit üblichen Mitteln;
Dann Nasenrümpfen
Und weidlich schimpfen;
Endlich darf nicht fehlen
Heimlich bestehlen.«Anmerkung Peter Kahle's: Der Vers ist dem Sinn und den Redewendungen nach allerdings von Goethe. In Verse hat die böse Sentenz aber Wilhelm Weigand gebracht, – was ein Bibliothekar a. D. wissen sollte.

Sprach's und trank, und an der Tafelrunde war ein Staunen.

Was hatte er denn, der Prellerhahn? Sprach er nicht eben in Versen? Und war er nicht auf dem Umwege über Goethe etwas grob?

Stilpe war es wieder einmal, dem das Wort der Rettung kam. Er erhob sich und sprach: »Mein lieber Bruder z. R. i. W.! Ein guter Freund von uns hat es soeben gewagt, unser heiligstes Recht anzutasten, das Recht auf's Quatschen. (Wahr! Wahr! Leider!) Ein Genosse unsres engeren Kreises und, was den Fall noch krasser macht, ein Staatsanwalt sogar, hat diese Rechtsbeleidigung geradezu sanktionirt, indem er sich unqualifizirbarer Versäußerungen eines Mannes bedient hat, der durch seinen lockeren Lebenswandel ebenso historisch geworden ist, wie durch seine nicht viel würdigere Poesie. Dies Unterfangen, das des Freundes und das des Bruders, ist einfach unmoralisch. Machtmittel dagegen haben wir nicht, aber wir haben ein Mittel, den üblen Eindruck dieses Attentates wegzuschwemmen durch den Geist des R. i. W.! Auf, meine Brüder, laßt uns singen das Lied vom Korps Suovia!

Sus heißt das Schwein,
Ovum das Ei,
Suovia drum Schweinerei!

Und feierlich brauste der Jubelgesang...

* * *

Ich ging mit Prellerhahn und Stilpe zusammen nach Hause. »Gott ja«, sagte Stilpe, »wenn man einen Stein in einen Sumpf wirft, giebt's bloß kleine Ringe.«

»Und um den Stein ist's dabei schade«, meinte Prellerhahn dazu.

* * *

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatt' ich seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder moralischen Katzenjammer für andere Leute.

Heute noch reis' ich weiter. Nach Altenburg. Find' ich dort keine Frau, so bin ich doch sicher, den besten Ziegenkäse der Welt zu essen.

Dein                
Pankrazius.

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