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Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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XIV.
Herr Pankrazius Graunzer fährt von Dresden nach Leipzig, steigt in Wurzen aus und berichtet ausführlich in seinem Reisetagebuche.

In der Eisenbahn zwischen Dresden
und Leipzig. Nachtfahrt.

Ich habe immer noch die Nase voll odeur de Schmidt. Es ist eine Art penetranter Weichlichkeit, was Muffiges, Thraniges, Ranziges; sitzt in allen Poren. Die Reise wird's ausrütteln.

Die Reise als eine Art Rüttelbad ist überhaupt noch nicht genug gewürdigt.

Setz' Deinen alten Adam in's Coupee, und dieser alte Modertopf kommt rein geschwenkt am Ziele an. Das Aeußerliche vielleicht ein Bischen verbeult und rissig, aber inwendig ist es wieder reine, und Du kannst die besten Gedankensuppen in ihm kochen. Bei einem richtigen Kochtopf kommt's auf's Exterieur nicht an.

* * *

Ich bin nicht allein; das ist unangenehm. Ich bin mit Musterkoffer-Nomaden zusammen; das ist schlimm.

Man soll keinen Stand schlechthin geringschätzen, gewiß. Alle rekrutiren sich aus Menschen, – oh ja. Aber manchmal ist das Rekrutenmaterial doch bedenklich, und mancher Beruf ist schon an sich ein Uebel, das Alles ruinirt, was unter seine Fuchtel kommt. Furchtbar, diese Heimathlosen unter der Glanzlackleinenflagge. Sie sind unserer fahrigen Zeit unerquicklichste Symptome. Halbbildung, Halbeleganz, Halbwitz, Halbgemüthlichkeit. – Alles halb und talmi. Oh, diese infame Zeit! Dieses Commis voyageur-Zeitalter! Wehe, wenn nur eine der Handlungsreisenden-Anekdoten auf die Nachwelt kommt! Wir sind blamirt vor der Ewigkeit.

Gottlob, meine Nachbarn sind nicht in der Gebelaune. Sie gehören wohl feindlichen Waaren-Wigwams an. Aber ich fühle, wie sie mühsam an sich halten, daß sie nicht doch plötzlich herausplatzen: »Sie kennen doch den neuesten...«

Ob man dann die Nothleine ziehen darf?

* * *

Schlafen, – das wird das Beste sein. Schlafen... Vielleicht auch träumen? Von Schmidts Mariechen... Oh! Hamlet! Oh!

* * *

Ich habe wirklich geträumt:

        Ich war ein grüner Nix und schwamm
Im tiefen, tiefen Meere,
Nährte mich von Austern lobesam
Und mancher Hummernscheere.

Mein Bauch war roth wie der vom Lurch,
Quall-quapplich und geschwollen,
Quer über ihn ging ein Gefurch
Von Runzeln, warzenvollen.

Ich war ein schöner Nix und galt
Sehr viel bei den Kollegen,
Denn mein Talent war mannichfalt,
Ging bis zum Eierlegen.

Mann war und Weib in Einem ich,
Das war sehr auferbaulich,
Ich fraß vor Liebe selber mich
Und brütete beschaulich.

Donnerwetter, was ist denn los? Wie riecht denn das hier? Da »dichte« der Teufel weiter!

Richtig! Während ich schlief oder während ich meinen Traum versifizirte, ist ein Frauenzimmer eingestiegen. Dort in der Ecke sitzt sie. Zwölf Augen seh' ich an ihrem Körper auf- und niederklettern.

Gräßlich, diese männliche Augengymnastik; ekelhaft. Das arme Thierchen wagt kaum aufzublicken. Die Kerls bekleckern sie geradezu mit ihren Blicken.

Wahrhaftig: manchmal ist das männliche Geschlecht doch noch ekelhafter, als das weibliche.

Wie ihre Lippen sich wulsten! Dem einen Kerl da beben schon die Nasenflügel. Derlei hab' ich nur noch bei Raubthierfütterung gesehen. Pfui Teufel!

Ich nehm' mir ein Zuschlagbillet und steig' in die erste Klasse.

* * *

Gott sei Dank! Allein! Manchmal ist es doch ein schwerer Beruf, Mitmensch zu sein. Und gar Zeitgenosse! Das ist schon der schwerste aller Berufe – zuweilen.

* * *

Wie oft hab' ich diese Fahrt als Kind gemacht. Gott, Gott, könnt' ich je wieder so fahren wie damals in der vierten Klasse, mein Ferienköfferchen unter mir.

Wie schön war da die Welt!

Dummheit: wie rein war da mein Auge, wie klar war da mein Herz.

Ich mäkelte nicht. Das war es. Damals regte mich kein Commis voyageur zu ärgerlichen Diatriben auf. Damals nahm ich Alles mit stillem und doch so schnellem Herzen hin.

Alles Sein ging in mich ein durch ein bergkrystallen helles Auge und fiel in eine Camera, in der kein Staub, kein Fleck, kein Hauch von bösen Dünsten war. Drum gab es Bilder von eitel Helle und Glück.

Jetzt aber! Ich sehe viel zu scharf und hart. Ich zerlege, was ich sehe, und mein Herz scheidet, was in seine Kammer fällt. Keine Empfänglichkeit mehr, keine aufnehmende Ruhe mehr, kein Pflanzenglück mehr. Das Nashorn der Moral sitzt in mir und rennt alles nieder, was in mich will. Ein ewiges, unvertreibliches Kritteln in mir bringt mich um den Genuß. Es ist ein infamer Trieb, zu korrigiren, ein rechter Schulmeistertrieb.

Ruhig schauen, alles harmonisch begreifen, nichts betasten: das ist königlich.

Wer kann das heute?

Wir sind allzumal Pöbel.

Wären wir ichstill und ichstolz, erst dann könnten wir sagen, daß es eine Gattung homo sapiens giebt. Vorderhand sind wir bloß decadente Bestien, entgleiste Affen.

* * *

Gut gegraunzt, Graunzer! Laß Dich bei Peter Squenzen engagieren! Schüttel die Hobelspähne, mit denen Du Dich beklebt hast, und glaub', es sei die Mähne des königlichen Löwen!

Puh! Der Graunzer ist ein Ding, das überwunden werden muß.

* * *

Es ist schön, durch die Nacht zu fahren. Dort, vor dem Wäldchen liegt ein Dorf. Acht Lichter zähl' ich in ihm.

Wie das friedlich ist – von Weitem. Es sieht idyllisch aus, und um so idyllischer, je weiter wir uns davon entfernen. Wenn ich die Augen zumache und das Bild in meine Seele projicire, wird's gar ein Gedicht.

Schlußfolgerung: sich die Welt von Weitem ansehen! Nicht überall mit der Nase daraufstoßen! Und vor allem: das Herz dichten lassen!

Von Weitem sehen sogar die Weiber erträglich aus. Aber nicht in ihren Dunstkreis!

Zweihundert Schritt vom Leibe,
Und du siehst Helenen in jedem Weibe.

* * *

Wir nähern uns Wurzen, und vor meinen Augen taucht die Personifikation der geblähten Bornirtheit auf, unter der ich Jahre lang leiden mußte: Bimstein-Pascha, der Konrektor.

Wie schade, daß die Jugend keinen Humor hat. Wie leicht hätt' ich sonst diesen Kathederheuler ertragen, der ohne Frage eine komische Figur war, und dessen Bakelantengehässigkeit ich doch so tragisch empfand.

Dieses leere Stück Mensch, diese Klapperhülse, in der ein paar fremde Körner so lärmhaft raschelten, hat mich um ein paar der schönsten Jugendjahre gebracht. Ich hätte gut Lust, auszusteigen und ihm heute noch die Fenster einzuwerfen, wenn er noch da wäre. Solche Unbill vergißt man nie. Raub an der Jugend ist ein Kapitalverbrechen. Boshafte Schulmeister sind die gefährlichsten aller Biedermänner.

* * *

Ich bin wirklich in Wurzen ausgestiegen, und jetzt schreib ich hier im Goldenen Löwen.

Es gab mir einen Ruck, ich mußte heraus. Und ich bereue es nicht. Dieser Nachtgang durch die Stadt war mir ein Fest.

Vor einem Hause blieb ich wohl eine viertel Stunde stehen.

Ida!

Also hier wuchs mir der Baum der Erkenntniß.

Oh, ich weiß es noch, als wär' es gestern geschehen. Wie ich den schmalen Gang hintertappte... dann die Lattenthür auf... dann die zweite, und nun zum erstenmale die heißen Wellen über mich.

Schön war es, schön! Befreiung und Sieg. Hurrah! Jetzt bin ich erst ein rechter Kerl! Was? Gewissensbisse? Oh, Herr Professor! Hat die Sonne Gewissensbisse, weil sie scheint? Unsinn! Hurrah! Das Leben beginnt!

Und nun jeden Abend der Gang hinunter, und jeden Abend das heiße Wellenbad. »Oh, wüßtet ihr, wie's wohlig ist dem Fischlein in der Fluth!«

Damals stiegen die ersten Raketen aus meinem Herzen, und es waren Verse, die nicht bloß einen Teufel im Leibe hatten.

Gott, wenn Bimstein-Pascha davon eine Ahnung gehabt hätte!

Ich wünschte wohl, ich könnte Ida wiederseh'n. Es war ein richtig sächsisch Mädel, schlank, aber voll und hatte so liebe blaue Augen, und die harten Arbeitshände konnten so schön streicheln. Wie hat sie mich bemuttert! Und lieb mich gehabt!

* * *

Wurzen, im Goldenen Löwen, früh.

Da steht's, ein Lied:

Düfte aus dem Rosenbusche
Meiner Jugend, süße Düfte,
Endlich seid ihr wiederkommen,
Wiederkommen in der Wolke
Dort.

Seht', ich wußt' es, daß ihr kämet;
Meine Seele sagte heute
Früh zu mir: Wach auf, Geselle,
Deine Jugend will Dich grüßen
Hier.

Und sie nahm von meinen Augen
Alle Schleier meiner Dumpfheit,
Und sie nahm von meinen Sinnen
Alle Härten, alle Hüllen
Fort.

Darum seh' ich, darum fühl' ich
Heut' in jeder hellen Wolke
Düfte aus dem Rosenbusche
Meiner Jugend, süße Düfte
Hier und dort.

Nun seh' 'mal Einer an! Schimpfte ich nicht gestern noch in diesem selben Hefte hier auf Bimstein-Pascha, meiner Jugend gräulichen Verkürzer? Und heute:

Düfte aus dem Rosenbusche
Meiner Jugend, süße Düfte...

Das ist nun aber so: Eine Ida macht hundert Bimstein-Paschas wett... Schade, daß ich nicht mehr für die Idas bin.

Wirklich, es ist schade. Die sogenannte Liebe ist wirklich ein gut Narkoticum. Unter Umständen, wie man sieht, vertreibt sie sogar die Wanzen

»und rufet die Musen, die Musen herbei.«

* * *

Wieder im Eisenbahnwagen.

Rattapum, rattapum, rattapum, pum, pum.
Meine Seele ist grade, die Welt ist krumm,
Das ist ein Ding zum Lachen.
Doch als ich ein junger Knabe war,
Da wollt' ich, ach, wie dumm ich war,
Das Krumme g'rade machen.
Rattapum, rattapum, rattapum, pum, pum,
Das ist ein Ding zum Lachen.

Und nun, komm' her, Bimstein-Pascha meiner Seele: hiermit küss' ich den krummen Buckel Deiner Bornirtheit mit dem saftigen Kusse des Humors. Ich will Dich nimmer schelten.

* * *

Auch Schmidt's Mariechen habe ich verziehen. Ich bin in der Absolutionslaune heute.

Absolvo te,
Nun, Schäfchen, geh'
Im Wiesengrund spazieren.
Die Welt ist bunt,
Es lacht mein Mund,
Wohl thut das Absolvieren.

* * *

Uebrigens: es fängt nachgerade an, bedenklich zu werden, wie's wieder bei mir verselt.

Aber auch mich selber will ich heute nicht schlecht behandeln, gratia Idae.

Hei, der Versehaber sticht,
Leben ist ein schön Gedicht,
Wer's versteht zu reimen.
Fröhlichkeit, Leidschleimigkeit,
Läßt mit Verseseimigkeit
Sich zusammenleimen.

Es hält aber nicht immer.

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