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Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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XIII.
Ein Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund den Gymnasiallehrer Peter Kahle. Handelt, wie der geneigte Leser schon zu errathen die Güte hatte, von Schmidts Mariechen.

Dresden, im — Mai ....

Das ist der Mai!
Aus Eins wird Zwei,
Aus Zwei wird mehr,
Ein ganzes Heer.
Flieh' aus dem Mai!
Aus Eins wird Zwei...

Du greifst Dir an den Kopf, Peter? Du schüttelst Dich? Du denkst an losgegangene Schrauben?

Greife, schütt'le und denke, – Du hast Recht.

Aber in der That: der Hollunder blüht und die Staare pfeifen. Es frühlingt hier in einer Weise, daß man sich wundert, selber keine grünen Blätter zu treiben.

Die Welt blüht in Gottseligkeit,
Der Himmel hängt voll Geigen,
Ich such' einen Fiedelbogen,
Daß ich sie könne streichen.

Jetzt schlägst Du aber mit der Faust auf den Tisch, nicht wahr? Jetzt wird Peter wild?

Aber ich frage Dich: Ist es nicht besser, die Vögel fliegen zu lassen, als daß sie Dir im Hause Stuhl und Tisch beklecksen?

So denk' ich mit den Versen. Purrr! sind sie weg, und meine Seele bleibt rein. Sela!

Der Mai ist und bleibt der eigentliche Kuppelmonat, vielleicht schon deshalb, weil er, kalt, naß und windig, einen Kuppelpelz wohl vertragen könnte. Es ist der Mai in uns, der rumort, und wenn er, wie heuer, auch außen ausschlägt (köstliches Wort), dann

»Ist die Wiese junger Böcklein voll,
Und in zertretenen Blumen wälzt sich wild
Die nackte Sehnsucht, die in Versen schreit«.

Hol' mich Der und Jener! Seit heute morgen verselt's mich, und der Reimhaber sticht mich wie einen Obertertianer.

Dieser verfluchte Frühling! Man kann seinen Verstand nicht behalten. Das heiße Fünfgespann muß durchgeh'n. Denn die Augen werden wild vor eitel Licht und Sonne, und die Nase (gönne mir das hippische Bild) bäumt sich, da es so süß in der Luft violt, und das Gehör zittert im Schwalle des jungen Vogelsangs, und die Fingerspitzen werden ekstatisch, da sie den holden Weidenkätzchenpelz wieder fühlen dürfen. Die Zunge aber schnalzt das hohe C, denn sie wird vom Maiwein karessirt.

Aus diesen Gründen und aus ein paar anderen noch, die ich just nicht detailliren will, bitt' ich Dich, ein Auge oder auch zwei zuzudrücken meine maipreislichen Anwandlungen.

Daß mich der Kuppeljunker nicht völlig untergekriegt hat, wirst Du gleich seh'n.

Ein schlauer Herr ist er, das muß man ihm schon lassen. Heut' zeigte er's. Nicht genug, daß er diese merkwürdig kühlwarme Frühlingssonne und all das bekannte Frühlingsrequisit zur Verfügung hatte, das sich die Dichter in den Rucksack stecken, wenn sie den Berg Parnassos besteigen wollen, – er hatte sich auch noch mit Mutter Schützen verbündet. Durchaus wollte er mich diesmal zum Pantoffel-Unter machen.

Eine ganze Garde angenehmer Genien hatte er gegen mich mobilisirt: häusliche Behaglichkeit, Ordnung, Bescheidenheit, Unterthänigkeit, Milde, Nettigkeit und, nicht zu vergessen, den guten Geist des Suppentopfes, der eine stätige Güte des Mittagstisches gewährleistet. Kurz: er hatte es an nichts fehlen lassen, und der Inbegriff seiner holden Gaben hieß Schmidts Mariechen.

—   —   —

Kannst Du Dir vorstellen, wie sich der deutsche Durchschittsbackfisch die deutsche Hausfrau vorstellt?

Du schauderst.

Nun denn! Glätte Deine Gänsehaut, nimm einen Kognac und einen Stonsdorfer, gürte Deine Lenden mit Leder vom Krokodile und hänge daran den besten Oliven-Bakel, denn ich will Dich zu dieser deutschen Hausfrau führen.

Ich höre Dich stammeln, und ich vernehme den klassischen Ruf Deiner Angst: Heu, heu et iterum heu et proh dolor! aber, Peter, ich bin hart, und ich schleppe Dich hin in das Gehäuse der semmelblonden Vollkommenheit.

Sieh, wie nett schon der Fußabstreicher ist! Wie sinnig! Ein Vers steht darauf:

Lieber Gast, tritt herein,
Streife Dir die Stiefel rein!

Du denkst Dir »wie süß!«, und die erste Thräne rollt Dir in den Bart. Laß' rollen dahin! Es wird die einzige nicht bleiben.

Gottchen, Gottchen, Gottchen, wie schön die gute Stube ist!

Ein Museum von Häkeldecken!

Ein Musterlager von Stickarbeiten!

Eine saubere Stätte bescheidener Musen!

Da steht das Pianino mit dem Kopfe des jungen Mozart, zu dem der eine Engel auf der Sixtinischen das Modell war.

Was ist aufgeschlagen?

Ignorant! Die Klosterglocken sind's!

Und dort der wohlgenährte Kanarienvogel!

Und an der Wand, ach Gott, wie süß, aus blonden Haarzöpfen künstlich gewunden und unter Glas und Rahmen der Spruch:

An Gottes Segen
Ist Alles gelegen!

Weshalb denn auch der Gesangbuchsgoldschnitt alle Bücher hold überstrahlt, gerade so sehr abgegriffen, wie es recht ist, um gleichzeitig Frömmigkeit und vorsichtiges Umgehen mit werthvollen Sachen zu dokumentieren.

Welche Bücher außerdem?

Aus welchen Gefilden trotziger Barbarei bist Du, daß Du fragst?

Es ist das Kochbuch, das sich an den »Beruf der Jungfrau« lehnt, und »Goldelse« schmiegt sich zaghaft an »Blüten, Perlen und Juwelen deutschen Sinn's und Geistes«.

Beim gütigen Himmel: es lebe das Kochbuch!

Ich denke: Du bist im Bilde.

Stell' Dir weiter noch vor: einen ausgestopften weißen Pudel mit blauen Glasaugen, einer rothsamtenen Zunge und einem rothseidenen Halsbande; ein Oeldruckbild: »Deutschlands Stolz« (man sieht darauf sämmtliche bis zum Jahre 1893 geborenen kaiserlichen Prinzen); zwei Gipsbüsten (grüngolden broncirt), die, wie es scheint, den Stumpfsinn einmal in einer männlichen und in einer weiblichen Form personifiziren sollen (das Mädchen sieht besonders stupide aus, was nicht ohne Feinheit ist); ein Vogelbauer mit einem lächerlich gemästeten Kanarienvogel, der in einer unangenehmen Weise asthmatisch schreit und boshafte Augen hat; einen Photographieständer mit unglaublich viel gewöhnlichen Gesichtern, die allesammt insipide lächeln (»feixen« sagt der Sachse sehr hübsch), – kurz: stell' Dir eine »gute Stube« in des Wortsinns furchtbarster Fülle vor, und Du hast das Milieu, in das mich heute Mutter Schützen versetzt hat.

Ursprünglich wollte sie, daß ich die Dame, die in Züchten den verlockenden Namen Schmidts Mariechen trägt, bei ihr sehen sollte, gewissermaßen vorgeritten von ihr selber, aber heute in aller Frühe wurde ich benachrichtigt, daß es besser sei, ich ginge selber »zu Schmidts«, und zwar einfach zum Mittagessen. Es wäre Alles in Ordnung. Vater Schmidt und Mutter Schmidtn freuten sich, Schmidts Mariechen ditto. Punkt zwölf würde gegessen. Als Stütze für mich würde Mutter Schützens Enkelin Ida, die ich gestern kennen gelernt habe, zugegen sein.

Mutter Schützen war stets resolut, aber das war mir denn doch ein Bischen verwunderlich. Lädt mich einfach bei Leuten ein, die mich absolut nicht kennen! Und gleich zu Mittag! Ganz sicherlich hat sie den unglücklichen Schmidts auch das Menü vorgeschrieben, dacht' ich mir, und richtig: ich erfuhr, daß sie mein sächsisches Leibgericht, Rindfleisch mit Rosinensauce, befohlen hatte.

Ich habe bereits versucht, Dir das Häkeldeckenheim der würdigen Schmidts in großen Zügen zu schildern, wenigstens ihr Allerheiligstes, die gute Stube. In diese war ich geführt worden, und hier erwartete ich muthvoll und gefaßt des Schicksals Stöße.

Ich hatte neben dem Sopha Posto gefaßt, dessen drei nebeneinander gelagerte Bäuche in ihrer fabelhaften Schwellung mir die entsetzlichste Phantasie einflößten, daß im nächsten Augenblick drei junge Sophas geboren werden müßten, ferkelhaft feiste, und meine Finger verloren sich rathlos in der kunstvollen Häkeldecke, die die Korpulenz dieses hoffnungsvollen Möbels überdeckte. Da that sich die Thür auf, und es erschien das lebendige zweibeinige Gegenstück dieses dreibäuchigen Vierfüßlers, es erschien der zu diesem Kanapee gehörige Mensch: Herr Schmidt.

Wieviel Bäuche er sein Eigen nennt, vermag ich nicht zu sagen, da er einen blauen gesteppten Schlafrock um die Fülle seiner Leiblichkeit geschwungen hatte. Es mögen aber nicht wenige Bäuche sein, die unter dem blaugesteppten wohnen, denn jeder Schritt, den Herr Schmidt that, erzeugte eine Art schütternder Wellenbewegung unter dem gesteppten Blau, und nervöse Leute könnten bei diesem Anblick seekrank werden. An Stelle des Kopfes trug Herr Schmidt eine rosafarbene Masse von zahlreichen glänzenden Wülsten, zwischen denen man bei genauerem Zusehen indeß unbezweifelbare, wenn auch auffällig kleine Augen bemerkte. Wenn ich im Stande wäre, die Farbe dieser Augen mit einem Worte wiederzugeben, würde ich mich für dieses Wort um ein Patent bewerben. Der schüchterne Ansatz zu einer Nase verschwand hilflos in dem welligen Fleischterrain der Backenmassen und der Lippenböschungen.

Dieser Herr Schmidt also, dieses Phänomen von Wohlbeleibtheit, rollte sich auf mich zu (schon der Luftdruck, den diese Bewegung erzeugte, konnte Besorgniß erregen), und mein erster Gedanke vor diesem Gebilde einer verschwenderisch üppigen Natur war der: wenn Herr Schmidt ein Kürbis wäre, würde er auf der Gartenbauausstellung den ersten Preis kriegen. Schade, daß er bloß ein Rentier ist.

Aber: Was für ein Rentier? Nur drei Möglichkeiten: 1. Bäcker, 2. Fleischer, 3. Wirth.

Ich denke: Bäcker. Der Mann hat etwas Teigiges an sich, was semmelmildes, milchbrödiges, – richtig: Da sind auch die Knethände von ehedem mit den breiten Fingerkuppen. Das klassische Bein-O der Backstube verbirgt sich mir unter dem Wogenspiele der Bäuche unter der blau gesteppten.

Herr Schmidt also rollte sich keuchend an mich heran, gab mir beide Hände und sprach, nicht ohne Mühe, aus der Tiefe seines Fettes herauf die Worte: Meine Frau wird gleich kommen.

Sprach's und setzte sich auf den Mittelbauch des Kanapees, so daß die Seitenbäuche des beklagenswerthen Möbels gequält auffuhren und nun wie zwei feiste Thronpaladine neben des sitzenden Bauches Majestät aufragten.

Mich hexameterte es und ich sprach zu meinem lieben Herzen:

Sieh', in das Kanapee sank der Leib des würdigen Rentners,
Sage mir, Muse: Wohin sank doch die Seele dem Mann?

Eine Minute verging, und durch die Thüre trat, nein: spießte sich herein eine unglaublich dürre, ich möchte sagen: raschelnd dürre Dame in einem schwarzseidenen Kleide, auf dem Kopfe eine drohende Haube mit violetten Bändern.

Alle Wetter! dacht' ich mir: wenn die Ehe auch im Himmel geschlossen worden ist, wo hat der himmlische Standesbeamte dann das Prinzip des goldenen Schnittes gelassen!

Aber ich hatte nicht lange Zeit zu denken, denn von nun ab befand ich mich in einem Brausebade, und Madame Schmidt war es, die mich douschte.

Denke Dir ohne Interpunktion zwanzig Sätze nach dem Muster des folgenden hintereinander im schnellsten Tempo, aber mit überaus sicherer Lungenökonomie gesprochen: »Schön willkommen lieber Herr Doktor das ist aber schön daß Sie gekommen sind und wir sind Frau Schützen wirklich sehr dankbar daß sie Sie zu uns hergeschickt hat denn wir freuen uns immer so sehr mit gebildeten Leuten zusammen zu kommen und da Sie gerade heirathen wollen und unser Mariechen nun im August fünfundzwanzig wird und wir keine Herrenbekanntschaften leiden ach Gott ja und wer käme denn in Betracht wenn man auf Bildung sieht ach Gott ja es ist ein rechtes Elend na aber Gott sei Dank wir haben es nicht nöthig den ersten Besten.« Ohne Uebertreibung, Peter: die Kaskade war etwa zwanzig mal so lang, als das Bruchstück von ihr, das ich hier gegeben habe. Glaub's oder glaub's nicht: es ist so. Diese alte dürre Dame, gefesselt an den nur mühsehlig redenden Fleischklos, dem nächst dem Gehen sicher das Sprechen das Unangenehmste ist, litt offenbar an einer Art von Schleußenbruch. Der Schließmuskel am Kiefer funktionirte nicht, oder was weiß ich.

Kurz und gut: sie übergoß mich dermaßen mit Worten, daß, wenn ich in derselben Zeit mit einem mäßig starken Strahle Wassers wirklich gedouscht worden wäre, das Wasser sicher längst die Decke erreicht hätte. Ich wundere mich noch, daß die Wände diesem Schwalle Stand gehalten haben und nicht geborsten sind.

Ich meinerseits verzichtete, nachdem ich das erste Drittel zu hören versucht hatte, darauf, dieses Wortgestäuber auf seinen Sinn hin anzuhören und ließ es wie ein Elementarereigniß, wie Wolkenbruch mit Schloßen etwa, über mich ergehen und rieb mir nur ab und an die Stirne, wenn der Schleußendruck einen zu dicken Strahl auf mich ließ.

Im Uebrigen behielt ich den Mann zwischen den beiden Kanapeebäuchen im Auge und bemerkte, daß sein Ausdruck immer ergebungsvoller wurde, bis er schließlich etwas Fakirhaftes gewann, einen Zug von profundester Schnuppigkeit.

Als schließlich die unermüdliche Dame aber doch geendigt hatte (ein schrilles Gottseidank war der Schlußstein, den sie mit triumphirender Kraft vor mich hinsetzte, als wollte sie sagen: ich könnte noch, aber vorderhand mag's genug sein), da hob sich aus dem Meere seines Fettes die Stimme der Erlösung: »Nu ja!«

Für mich war die Lage nicht ohne Schwierigkeit. Hätte ich Einspruch gegen meine Freierschaft erhoben, so würde mich Madame Schmidt unzweifelhaft mit ebensoviel siedenden Worten übergossen haben, wie sie es jetzt mit lauen gethan hatte, und ich wäre in der Blüthe meiner Mannheit zu Hummerröthe verbrüht. Also gab ich mich schweigend dem preis, was im Reiche Schmidt mit mir geschehen sollte.

Hätte ich nicht das himmlische Untergrundsgefühl gehabt: »Iterum iterumque demonstratum: das Weib ist bitter«, ich wäre in Bänglichkeit vergangen. Denn nach des Vaters kolossisch-keuchendem Schweigen und nach der Mutter knochigem Wortegerassel, – was stand mir von der Tochter bevor?

Ich wagte kaum hinzuseh'n, wie die Thür aufging. Als meine Augen aber Muth bekam, da sahen sie neben Ida ein Mädchen von recht hübschen Verhältnissen, guten Bewegungen, nettem Gesichte, und meine Ohren hörten eine ganz sympathische Sprache.

Sie sprach weder viel, noch wenig, sie hielt die richtige Mitte, aber, mein Lieber, –: was sprach sie! Ich will mich auf der Stelle mit ihr und mit ihrer Mutter gleichzeitig verheirathen, wenn ein einziges gefühltes, ein einziges gedachtes Wort aus ihrem Munde gekommen ist.

Nichts, nichts, sage ich Dir, als die Redensarten, wie sie den jungen Mädchen bestimmter Kreise, ich weiß nicht von welchem gottverfluchten Katheder der Wohlanständigkeit und Schicklichkeit, eingetrichtert werden. Nichts, nichts, nichts als fliegende Streu, kein einzig Körnchen. Züchtiges Geplapper, kein tüchtiges Gespräch. Und dieses ewige Augen auf – Augen zu, bald der bekannte Stiefelblick, dann der obligate Deckenwurf, und das Mündchen spitz gehalten, und die Finger in der Luft herumgeziert, und ein Getäte und Getate, – Freß mich die Pest: es ist unausstehlich! Ich hätte das Mädchen zuweilen anbrüllen mögen: Natur, zum Donnerwetter, Natur! Wozu hast Du Deinen schön gebauten, gesunden, lebendigen Leib, wenn Du hier sitzst wie ein gedrechselter Ölgötz mit ein bischen Ziehmechanismus, zwischen den Beinen. Und: red doch um Himmelswillen, wie der Schnabel Dir gewachsen ist. Plappre kein ungedachtes, ungefühltes, langweiliges, ausgedroschenes, gebildet klingendes und doch so bumsdummes Zeug, sondern red' aus Dir selber 'raus, aus Deinen Sinnen, aus Deiner Seele, aus Deinem Gehirne. Mag's dumm sein! Meinetwegen! Aber es wird wenigstens irgendwas sein. Das da aber, dieses Gefistel ist gar nichts, absolut gar nichts. Froschquaken und das Gekrächz junger Raben ist gottlobesames Gebet dagegen, denn es kommt aus der Natur, – ja, eine quietschende Thürangel klingt lieblicher und erquicklicher als dieses, Dein leeres Gehauche. Denn, Mädel, es ist alles Lüge, was Du von Dir giebst, unbewußte Lüge wohl, aber darum nicht weniger fatal. Und wenn es wenigstens schöne Lüge wäre! die könnte meinetwegen sogar gefährlich und lasterhaft sein, denn das Schöne thut man gut, nicht ethisch anzuseh'n. Aber was Du redest, sind ja gesprochene Häkeldecken, und es ist geradezu schauderhaft, zu denken, wie viel schöne Jugendzeit Du damit verbracht hast, dieses Lügengehäkele Dir anzulernen, das so durch und durch uninteressant und gewöhnlich ist.

Alles dies hätt' ich wirklich gesagt, wenn ich nur die geringste Hoffnung hätte haben dürfen, daß es was genutzt hätte. Aber dieses bedauernswerthe Geschöpf von Dick und Dünn war unheilbar verseucht von einem falschen Ideal, und diese Seuche, die bei uns leider epidemisch ist, läßt sich nie wieder vertreiben, wo sie einmal festsitzt.

Ich fraß also meine Medizinmannrede in mich hinunter, warf auch das aufsteigende Mitleid zum Tempel hinaus und betrachtete mir das Trio Dick, Dünn und Verbildet mit der kalten Objektivität, aus der am häufigsten der Humor blüht.

Ich dachte mir: Wir sind allzumal Witze der Schöpfung. Selbst die Größten unter uns sind muthmaßlich nichts als Geschöpfe der Einbildungskraft von jenen grausamen Künstlern, die wir Götter nennen.

Demnach muß es unter den Göttlichen auch einen Stinde geben, der Leute, wie die Familie Schmidt an die Strippe seiner Komik hängt.

Urtheilen wir milde: Die Strippe zuckt, und die Hampelmänner und Hampelweibchen tanzen. Denen, die über den Wolken sind und zur Verdauung hinunter gucken auf das Strampeltheater, denen mag es wohl Spaß machen. Uns, die wir auch an der Strippe hängen, mit pathetischem Gestus vielleicht, scheint das Rüpelspiel zumeist doch tragisch.

Ach, wir armen Hampler! So jammervoll sind wir, daß wir uns an diese Elendsstrippe noch mit Verzweiflung klammern und uns vor dem Augenblick fürchten, da die einzige Mildherzige des göttlichen Theatermobs, Frau Atropos, kommt, sie mit der Parzenscheere zu durchschneiden.

        Ausgehampelt, ausgeampelt!
Pickelhäring liegt im Grase,
Seine himmelblaue Nase
Bohrt sich in das Erdreich ein.
Weh! und Ach! Aus tausend Schleußen
Fließen Thränen und begeußen
Das gesteifte Hampelpein.
Miserere! Miserere!
Pickelhärings letzte Ehre
Ist der Posse wüster Schluß,
Und die satten Göttergäuche
Halten lachend sich die Bäuche;
Bravo deus stindicus!

* * *

Du siehst, lieber Peter, diesmal ist mir aus der kalten Objektivität kein rechtschaffener Humor erblüht.

Die Unnatur macht pessimistisch. Sie ist die tristeste aller Erscheinungen, und man sollte eher mit dem leibhaftigen Teufel Brüderschaft trinken, als ihr auch nur mit der Fingerspitzennath des Handschuhs zu nahe zu kommen.

Drum floh ich denn auch so schnell, als es die Schicklichkeit nur irgend gestattete, aus dem Hause Schmidt, und ich will es mir schenken, Dir zu erzählen, wie dieser Besuch weiter zu seinem schnellen Ende gediehen ist.

Als ich aus dem Hause der gehäkelten Lebensführung heraustrat, holte ich dreimal tief Athem und pumpte aus mir heraus, was an Schmidtscher Atmosphäre noch in mir war. An Stelle dieses Stickstoffs aber nahm ich den frischen Athem der Natur in mich, den köstlichen Maiwind, den besten Seelenausfeger, den ich weiß.

Ahei! ahei!
Nackt ist dem Mai,
Trägt Kleider nicht am Leibe,
Blumen umblühen seine Scham,
Sein Mund, der singt gottlobesam:
Treibe, du Leben, treibe!

Dein                
Graunzer.

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