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Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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XII.
Bei Mutter Schützen. Von Pankrazius Graunzer selber aufgezeichnet.

Wunderlich, wunderlich, wunderlich!

Ich gehe hier fortwährend wie in einer Wolke spazieren. Und diese Wolke hat goldene Ränder. Morgenrothsränder. Und ein leiser Wind, ein lieber Wind, ein lustiger Wind weht mich an, streichelt mich, liebkost mich. Und aus meinem Herzen antwortet ein Gefühl von Zutraulichkeit und reiner, dankender Freude, wie ich es ach wie lange nicht mehr gehabt habe.

Da steh' ich z. B. auf der Brühlschen Terrasse oben, stütze meine Hände auf's Geländer, lege mich ein wenig vor und sehe hinab auf die Elbe.

Wie das Alles köstlich ist, so mir wohlvertraut, ein Stück von mir. Ich habe es lange mit mir herumgetragen und nicht gewußt; jetzt seh' ich's außer mir, und in mir auch wird nun dasselbe Bild lebendig, nur, daß ich selber mit in dem Bilde bin, und zwar als Mittelpunkt.

Ich sehe mich. Den kleinen Jungen seh' ich mit der schottischen Mütze und der Gürteljoppe, wie er neben dem alten Mann im grauen Schusterkrausenbart hergeht und den braunen Kober trägt.

Wohin gehen die Beiden? Ei! Zum königlichen Küchenschiff, das dem König Johann Fourage nach Pillnitz bringt.

Und der alte Mann, der alte Schütze, erzählt mit einem merkwürdigen Stolze, daß des Königs Lieblingsgericht Kartoffelstückchen mit Schöpsenfleisch sei. Und der kleine Junge denkt sich: Wenn ich König wäre, äß' ich was Anderes am liebsten.

Was denn z. B.? Na, doch gewiß Mohrenköpfe mit Schlagsahne! Oder, ja, vielleicht auch Rindfleisch mit Rosinensauce. Aber viel Mandeln müssen drin sein. Oder...

Aber da ist schon wieder ein anderes Bild.

Da ist das Schloß Pillnitz selber und der erste Schritt auf glattem Parkett, und der Junge fällt hin, und eine schöne, junge Dame in einem rosaseidenen Kleide lacht, und der Junge, erst beschämt, wird jetzt wüthend und ballt der Prinzeß die Fäuste. Gräßlich: der alte Schütze kriegt ihn an den Ohren. Jammer! Jammer! Und das Prinzeßchen lacht...

Wohin ich nur komme, überall regnet's wie in goldenen Fäden auf mich ein: Erinnerungen... Erinnerungen.

Es ist sonderbar, wie sie wach werden.

Da gehe ich an einem Hause vorbei. Ein kleiner Garten davor, grün, buschig, wie ist mir nur? Ein Name will mir auf die Zunge, ein Name... Auf einmal ist er da: Nieritz?! Warum gerade hier Nieritz? Habe ich vor diesem Hause vielleicht als Knabe einmal in einem Nieritzschen Buche gelesen? Was ist's? Gleichviel: plötzlich tauchen mir all' diese fromm-spannenden Geschichten auf, mit deren Jugendhelden ich mich identifizirte, ohne doch stets mit der Art zufrieden zu sein, wie immer Alles in Milchreis mit Zuckerbutter verlief.

Zuweilen ist es, wie wenn Blasen in meiner Seele aufstiegen. Räthselhafte Namen, längst vergessene. Und ich muß mitten auf der Straße stehen bleiben und nachdenken. Da, plötzlich, an der katholischen Kirche, stößt mir das Wort Rammer in's Gehirn.

Rammer! Ja, um Gottes willen, was ist das?

Ich suche und suche und suche. Keine Spur.

Ich taste meine ganzen Kinderjahre ab, horche in mich hinein, konzentrire mich mit Gewalt auf dies eine Wort... Es will sich nicht klären.

Ich laufe um die Kirche herum. Will mich ablenken. Hilft nichts: es rammert weiter.

Und immer um die Kirche herum; ich muß, und muß. Der Rammer jagt mich. Ja, wer denn, wer denn!

Himmeldonnerwetter, wer ist dieser Kerl!?

Da, pardautz, sehe ich ihn vor mir: ein kleiner, dünner, sommersprossiger, gelbhaariger Bursch, den ich hier vor dem Gruftfenster der Wettiner kennen gelernt habe.

Es war ein Sommersonntag, und er beredete mich zu einem Spaziergang in die Ostraallee.

Jetzt habe ich Alles deutlich vor mir: Grüne Augen hatte er und ganz merkwürdig feine, durchsichtige Hände. Und es ging etwas Eigenthümliches von ihm aus, das mich ganz befangen machte...

In einem Gebüsch, weitab vom Wege, brachte der liebenswürdige grünäugige Bursch mir eine Kunst bei, der ich den Verlust meines halben Gedächtnisses verdanke... Im Institut hab' ich mich dann weiter darin ausgebildet... Das ganze Institut war eine hohe Schule dieser Kunst...

Beim Himmel, ich schwör' es: wenn mir ein Sohn wird, ich werde ihn niemals in ein Institut geben. Nein, er soll seine Kämpfe mit der Natur wenigstens selber auskämpfen.

Aber bei dem Namen Rammer – was fällt mir da nun nicht Alles ein! Vor mir taucht auf jenes Ungethüm mit rothen, wie von Blutdünsten verschleierten Augen, das Ungethüm jener Zeit, in der der Mensch über die fatale Schwelle muß, die zwischen Kindheit und dem Wachsen und Werden des Geschlechtes liegt. Ich weiß mich noch der Träume zu erinnern, die mich damals quälten. Ein schwammiges, lauliches Wesen mit hunderttausend Brüsten, die wie Arme nach mir griffen, war nächtlich bei mir. Es kam und wich und wartete und kam wieder, watend wie in Blutbrei; es hob sich über mir und floß über mich aus in einen klebrigen warmen Regen; es breitete sich vor mir am Boden aus und rollte sich zu mir wie eine breite Welle und umschloß mich und stieg an mir empor; und es wurde eine heiße Luft voll dumpfer, schwüler Stimmen, und aus dieser Luft spieen mich grüne Zungen an, und das heiße Gebrodel fuhr in mich... Furchtbares Monstrum, furchtbare Zeit, Pubertät.

Die Natur, ja, ja, – eine grausame Dame. Singt nur das Lied: »Wie groß ist des Allmächtigen Güte«, meine guten Freunde, die Ihr lutherchristlich seid, aber am schönsten werdet Ihr es erst singen, wenn Ihr den Muth habt, das Geschlecht von Euch zu nehmen. Nur Muth, das Messer ist gelinder, als die Sucht! Die Päpste, o, diese klugen Gottesknechte mit der dreifachen Krone, haben ganz recht: die Kastraten sind die einzig wahren Kirchensänger. Denn siehe, auch die himmlischen Chöre sind ohne Geschlecht.

Im Himmel, im Himmel die Engelein
Nicht Männer und nicht Weiber seyn,
Von Leib und Seele sind gantz rein.
            Gloria in excelsis!

* * *

Am höchsten stieg die Fluth der Erinnerungen in mir, als ich mich auf den Weg zu Mutter Schützen machte. Da ward es direkt halluzinatorisch.

Es ist kein Wunder, denn Alles, was mir hier begegnet, weckt in meinen Sinnen ein Stück der Jugend auf, die in mir begraben liegt und sehnsüchtig darauf wartet, bis ihr ein guter Zufall das angenehme Posaunenlied bläst:

Steh' auf, o Seel', und schreite,
Auf steht sperrangelweite
Der Sarg; der Tag ist da,
Da du auch sollst mit Beten
Vor deinen Herren treten
Und singen laut Hallelujah!

Sonderbar! Sind wir nicht wandernde Särge? Nein! Ambulante Sargmagazine mit dem best assortirten Lager von der Welt? In unserm Gehirn (oder sonstwo, meinetwegen in der Zirbeldrüse) liegt eingebettet Alles, Alles, Alles, was wir je selber gethan oder was uns geschah; Alles, Alles, Alles, das auch nur an uns vorüberging, jeder Käfer, der uns einmal umflog, jeder Floh, der uns einmal biß, jede Dummheit, die wir einmal sprachen, jede Gemeinheit, die wir einmal dachten, Gutes und Böses und Gleichgültiges, ob es in uns war und hinausging aus uns, oder ob es außen uns gegenüberstand und in uns einging – Alles liegt in uns, begraben wohl aber auferstehlich, und zuweilen giebt es ein Gewimmel in den Zellen und einen Auferstehungsrumor, ein Josaphatgedröhne – puh:

Rechts die Schafe, links die Böcke,
Güt'ger Himmel, sende Pflöcke,
Daß ich das Gesindel binde,
Ueberblick und Ruhe finde!

Es ist unerhört, was für ein Ameisenhaufen heute mein Busen war (um das gebenedeite Wort der deutschen Lyra zu brauchen). Ich hätte schreien mögen, so kribbelte es. Sogar meine zwei ersten Lieben tauchten auf.

Die Allererste in Begleitung einer Maulschelle, die ich erhielt, weil ich mich zu aktiv geberdete, und die Zweite in Begleitung einer Maulschelle, die ich austheilte, weil ein Rival unbequem werden wollte.

Dort war es, dort; in dieser Hausthür, auf den ausgescheuerten Sandsteinstufen des Flurs.

Ich muß hineingehen. Richtig: da hinten die Glasthür mit dem Blick in den schwarzen Hof. Und auch jetzt wird dort Wäsche getrocknet.

Es ist der ewigen Wäsche Hof,
Der Hof der ewigen Wäsche,
Und wer da durch die Wäsche kriecht,
Kriegt von der Wäscherin Dresche,

sang ich damals, und selbst dieser Vers wird wieder munter wie ein Gassenjunge.

Ob die Frau, die eben die Treppe herunterkommt und mich mißtrauisch mustert, jene Bertha ist?

Hinaus, Graunzer! Und einmal Auge und Ohr inwendig zugemacht.

Stopp! Kuscht euch, werthe Leichen!

* * *

Mutter Schützen wohnt noch in demselben Hause, im selben Stockwerk, auf demselben Flur, und noch steht auf dem großen, grünlackierten Schilde mit weißen, aber nun fast ganz schwarz gewordenen Buchstaben der alte Name »Gottlieb Schütze, Kgl. Küchenmann«, obwohl das alte Großvaterchen längst seinem Könige gefolgt ist, der die göttliche Komödie übersetzt und Kartoffelstückchen geliebt hat.

Wie ich vor dem Schilde stehe, überläuft mich dasselbe bangfrohe Gefühl wie damals immer, wenn ich Sonntags auf Urlaub aus dem Institute zu meinen alten ehemaligen Pflegeeltern kam. Ich wußte, es wird allerlei Gutes zu schnabuliren geben, aber auch an gesalzenen Leviten wird's nicht fehlen.

Und nun an der Klingel gezogen. Gott, wie dünne die jetzt klingt, und hinterher rasselt der Draht, wie der Athem nach den leisen Worten eines Brustkranken.

Niemand öffnet. Noch einmal das Klingelstimmchen und der Rasseldraht. So... Jetzt Schritte, die richtigen Dresdner Filzlatschenschritte.

Ich bin gespannt, wer aufmachen wird.

Na? Eine Kinderstimme? Höchster Flüsterdiskant: »Wer ist draußen?«

Ich nenne meinen Namen.

»Gleich!« (fast gesungen das) und die Schrittchen filzlatschen zurück.

Lange Pause. Thüre auf. Zu. Ein Hüsteln. Andere Schritte kommen. Die Flurthür öffnet sich. Eine junge Frau steht im Dunkeln.

»Die Großmutter schläft, aber kommen Sie nur 'rein, Herr Doktor.«

Sie geht voran.

Ja! Wer ist denn das?

In der Stube klärt sich's auf. Das ist nun schon die Enkelin der Alten, mein Pathenkind, und die Kleine, die zuerst gefragt, ist ihre jüngste Tochter. Diese Generationsperspektive! Ja, es heirathet sich was zusammen auf dieser Welt.

Großmutter ist in ihrem Zimmer. Man darf sie nicht schnell wecken.

»Sie kommt aber von selber zu sich, wenn Jemand in der Stube ist.«

Gut, so gehen wir also leise hinein!

Die Enkelin mit ihrer Tochter voraus, dann ich. Wir dürfen nicht reden. Ganz still setz' ich mich auf's Sopha. Die junge Frau führt das Kind an den Stuhl der Alten, wo es sich ganz artig und leis auf die Hütsche setzt. Sie selbst bleibt neben dem Stuhle stehen.

Ich muß sagen: Es sieht eigentlich unheimlich aus. Mutter Schützen schläft, wie sie immer that, mit offenem Munde, und jetzt, da dieser Mund bei der über Neunzigjährigen gar keine Zähne mehr hat, auch das Rothe an den Lippen ganz eingezogen und völlig im Mundinnern verschwunden ist, giebt das einen Anblick von Mumienhaftigkeit, der nicht gerade anheimelt. Noch toller wird das dadurch, daß auch die Augen, ganz glasig und fast weiß, offen stehen.

Mir geht es eiskalt durch und durch, und wenn ich mich, ohne mich zu rühren, nur mit unhergewandten Augen im Zimmer umsehe, fürcht' ich schon, ein Geräusch zu machen und all' diese alten Gegenstände von ihren Plätzen zu bewegen, diese Porzellanfiguren und Bildchen, diese Gardinen und Glasvasen, diese Sträuße aus altem Zittergras und Papier und zumal den alten Mahagoniglasschrank. Ich streife nur Alles mit den Augen, und es ist, als ob Schleier über Allem lägen. Und dazu ist es Dämmerzeit, und dieses Hinterhauszimmer liegt ganz wie in grauem Aschenstaub. Auch wird es zusehends dunkler, daß ich bald die lilaen Haubenschleifen von Mutter Schützen nicht mehr sehen kann.

Da hebt sie ihre rechte Hand. Mumienhaft. Ich muß wegsehen. Der Zeigefinger ist starr auf mich gerichtet.

Und mir ist, als müßte jetzt auch das eben erwachte Leben ihrer Augen auf mich gerichtet sein.

Aber es ist ein Irrthum. Sie hat mich noch nicht bemerkt. Sie hat Niemand um sich bemerkt. Sie murmelt nur so vor sich hin: »Ueberall – überall die Menschen bei einander. Ja, ja, Eener wie der Andre, Eener wie der Andre.«

Eine Pause. Ich sehe hin. Jetzt hat sie die Kleine entdeckt.

»Bertha! Bist Du da? Na, sieh' 'mal, Mädchen.«

Und die Kleine fast ganz leise: »Großmutter, der Herr Doktor aus Berlin ist da!«

Und die junge Frau setzt ebenso leise hinzu: »Der Doktor Graunzer!«

»Der Graunzer!? I, sieh 'mal Eener an! Nee, nee, mei' Pumperchen? Na, Pumperchen! Na, so komm doch her, Pumperchen! Wo steckt er denn?!«

Das mit ganz veränderter Stimme, ziemlich klar und hell, ob auch sehr dünn; und alles Gefühl von Tod und Unheimlichkeit schwand mir. In dieser Stimme war noch Wärme.

Ich ging hin zu ihr, und sie küßte mich mit ihren kalten Lippen; aber dieser Kuß war nichtsdestoweniger warm, denn es flossen Thränen über ihn hin, und mir selber kam das Schluchzen.

Dazwischen die Stimme der Kleinen: »Mutter, warum weint denn der Onkel?«

Und die junge Frau d'rauf: »Komm, Bertha, wir wollen 'nüber gehen.«

Die Beiden gingen.

* * *

Wie wir allein im Zimmer waren, Mutter Schützen und ich, wurde es mir so heimlich und sicher zu Muthe, daß ich mich der Alten zu Füßen auf die Hütsche setzte und meine Hände in ihren Schooß legte. Sie liebkoste mich, wie sie zu mir als Kind gethan hatte und sprach so lieb und klug und mütterlich zu mir, wie nur je.

Es war eine andere Zeit und eine andere Welt, die zu mir sprach. Ich hatte nur zu lauschen und gab mich diesem eigenen Zauber hin wie ein Kind, das auf Märchen horcht.

Es ward allmählich ganz finster im Zimmer, erst Abend, dann Nacht. Mutter Schützen aber hörte nicht auf mir von mir zu erzählen aus der Zeit, da sie meine Pflegemutter gewesen war. Wenn meine Seele jetzt auf eine Weile glatt ist, so hat sie es gethan, sie hat mir alle Falten und Runzeln herausgeglättet mit leisen, behutsamen Strichen.

es war wunderbar schön.

Schade, daß die Frauen erst neunzig Jahre alt werden müssen, um so etwas zu vermögen.

Als sie sich aber genug gethan hatte an Erinnerung, machte sie eine kleine Pause, und dann begann sie mich auszufragen.

Du lieber Gott – nun kam meine Beichte.

Es war ein Bischen peinlich, denn sie sagte durchaus kein Wort dazu, und ich mußte nur immer berichten, und wenn ich glaubte, fertig zu sein, kam immer wieder ihr Wort: »So, so, nu erzähle nur weiter.«

Schließlich, als ich völlig fertig war und gesagt hatte: »Das ist Alles, Mutter Schützen, und nun weiß ich gar nichts mehr,« kam erst eine besonders lange Pause und dann das:

»Aber Du erzählst mir ja gar nichts von Deiner Frau, Pumperchen?«

Ich: Ich habe keine Frau, Mutter Schützen!

Mutter Schützen: Du hast keine Frau?

Ich: Nein, Mutter Schützen, ich habe keine.

M. Sch.: Ja, Pumperchen, nu hör' aber, nee, nee, Du: Du bist nu doch Vierzig? Nich?

Ich: Ja, Mutter Schützen, Vierzig.

M. Sch.: Vierzig! Närr'sch! Und keene Frau! Hat dich denn gar Keene gewollt?

Ich: Aber, Mutter Schützen, wo denken Sie hin? Ich habe Keine gewollt.

M. Sch.: Putz'ges Kerlchen! Pumperchen! Mir kannste's doch sagen!

Ich: Nein, wirklich! Wirklich! Ich hab' nicht heirathen wollen.

M. Sch.: Nu sag' aber bloß: Warum denn nich'! Ernähren kannste doch Eene.

Ich: Ja, ja, schon, aber, wissen Sie, Mutter Schützen, ich mag die Frauensleute nicht.

M. Sch.: Pumperchen: Du bist verrückt! Gott nee, der Junge!

Ich: Aber, Mutter Schützen, Sie wissen doch selber, wie heutzutage die Frauensleute sind!

M. Sch.: Heitzutage oder nich' heitzutage, ob se nu so sin oder ob se so sin; ganz eegal. Heirathen mußte doch, Pumperchen, närrsches Sticke!

Ich: Aber warum denn, Mutter Schützen?

M. Sch.: Warum? Nee, so e Junge! Warum? Nu sag' bloß: Warum hat denn Die Vater geheirath'? Warum heirath'n denn de Leite überall, wie Du selbst siehst? Höre 'mal: Vorhin hatt' ich 'n Troom. Da sah ich über de ganze Erde weg, so groß wie se is, und ich sah alle Menschen, wie viele 's sin, unzählige Viele, Keenige und Kaiser und arme Leite, und Preißen und Sachsen, und ooch Schwarze waren drunter – aber se waren sich Alle gleich, Alle gleich. 's war bei Allen ganz dasselbe. Erscht wurden se geboren und dann kriegten se Kinder und dann starben se. Und das ging überall ganz eegal. Und wenn ooch der Eene oder And're nich wollte: es kam doch überall so.

Weeßte, Pumperchen, ich bin ene alte Frau, und wenn ich was treime, is es wahr! Der Troom aber hat ooch seine Bedeitung, denn warum hab' ich'n gehabt?: Weil Du da warst. Siehst: der liebe Gott hat'n mir für Dich geschickt. Denn ich selber: ich hab' das lange gewußt. Ich habe Kinder gehabt, und meine Kinder haben wieder Kinder gehabt, und die haben wieder Kinder. Wozu sollen wir denn sonst leben? Da drum rum dreht sich Alles. Ohne das ginge Alles aus'm Leime.«

Und nun rückte ich mit meinen Heirathsgedanken heraus. Es war stockfinster, wie ich erzählte, was ich vorhätte, und Mutter Schützen schenkte mir nichts, ich mußte haarklein meine Pläne auseinanderlegen.

Als ich geendet hatte, erfolgte keine Entgegnung von Mutter Schützen, sondern sie rief (genau in der Tonsteigung, die ich vor dreißig Jahren an ihr kennen gelernt habe): Lina!

Die Thüre öffnete sich, ein breiter gelber Lichtstreifen fiel herein, und die junge Frau fragte: Soll ich Licht bringen, Großmutter?

»Nee, kee' Licht, Lina, Du weest, ich habe genug an der Helligkeet am Tage. In der Nacht kee Licht. Das Duster is so scheene, un m'r schläft ooch, wenn m'r wach is derbei. (Zu mir): Das sin so Altweibergrillen, Pumperchen, weeßte! – – Aber Lina, ja, Deine Freindin, Schmidts Mariechen, sage mal: bestelle die doch morgen Abend her!«

»Ja, Großmutter!«

Die Thüre zu, der gelbe Lichtschein weg, Mutter Schützen und ich wieder im Dunkeln.

Mutter Schützen: Weeßte, Pumperchen: Schmidts Mariechen, das wär' ene Frau für Dich! komm' morgen Abend wieder und sieh se Dir an.

Ich: Aber Mutter Schützen, ich...

Mutter Schützen: Komm morgen Abend wieder, Pumperchen! Und jetzt laß mich schlafen. So! Na, geh' nu! Komm' gut nach Hause! Gute Nacht! Du, Pumperchen! Weeßte noch, wie m'r immer gesagt ha'm? Komm' nich unter de Dampfschiffe!

Und das alte Weiblein lachte ganz vergnügt.

* * *

Axiom: Nicht einmal mit alten Frauen soll man sich einlassen.

Auf dem Heimwege aber dichtete ich nach berühmtem Muster ein erhebendes Lied:

Herr Schmidt! Herr Schmidt!
Was kriegt Mariechen mit?
Nadel, Faden und Fingerhut,
D'raus flickt sie zwei Pantoffeln gut,
Damit sie ihrem Ehemann
Die Hühneraugen wärmen kann.
Das kriegt Mariechen mit,
Spricht Schwiegervater Schmidt.

Periculosa res est desperatio sagt ein alter Spruch.

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