Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
Schließen

Navigation:

XI.
Einiges aus Herrn Pankrazius Graunzers Reisetagebuche. Handelt von einer Karoline, von einem Schwimmmädchen und von Dresden.

Im Eisenbahnwagen von Berlin nach Dresden.
16. April.

Ich habe Pech: die Lokomotive meines Zuges heißt Karoline.

Aber: Ich bin allein im Coupée.

Zuerst will ich eine halbe Stunde die Augen zuthun; sind wir außerhalb Berlins, so sollen sie wieder aufgemacht werden.

—   —   —

Ah! Ah! Felder rechts und links! Felder! Wie schön das ist! Und das junge Grün darauf! Und der unverqualmte blaue Himmel darüber! Und Alles, wenn's auch nicht gerade beunruhigend malerisch ist, doch so anheimelnd naturartig; – jedenfalls nicht mehr Berlin!...

Gott sei getrommelt und gepfiffen!

Mütze hoch, Graunzer, und nu jodel 'mal!

Ju-hu-hu-hu-huuu! Tria-duliöh-haha!

* * *

Schönchen, schönchen, schönchen! Ich lese an den Stationen die Kilometer ab, die wir uns von Berlin entfernen, und entzücke mich daran, wie hurtig mich die wackere Karoline von Berlin wegträgt.

Ein gutes Mädchen, ein liebes, ein dickes, ein charmantes Mädchen!

            Hochverehrte Karoline!
Ratta-huschta! Ratta-huschta!
Schienenklirrende Maschine!
Ratta-huschta! Ratta-huschta!
            Raßle, rase
            Deine Straße,
Schnaube Dampf aus Deiner Nase,
Friß Dir Feuer in den Wanst,
Renne, renne, was Du kannst.
Sieh, wie schön zu beiden Seiten
Feld und Wald sich drehn und gleiten,
            Und die stille Heide tanzt.
            Ratta-huschta! Ratta-huschta!
Den Galopp, den mag ich leiden!
Ah! wie Deines Dampfes graue
Fahne, allerliebste Fraue,
Ueber unserm Sause weht!
Schön! Schön! Schön! Und schneller immer!
            Oh, Du gutes Frauenzimmer!
            Vorwärts! Vorwärts! Fortgedreht!
    Ratta-huschta! Ratta-huschta!

* * *

Dresden, den 17. April früh.

Ach, was ich wundervoll geträumt habe diese Nacht.

Ich träumte, ich wäre wie vor 30 Jahren hier in Dresden im Freimaurerinstitute. Und ich hatte Sonntags meinen Urlaubszettel und ging in aller Frühe hinaus aus dem Kasten, bummelte die Weißeritz hinunter, dann über die Brücke und in die Stadt hinein. Ueberall, wo es Pfannkuchen gab, kauft' ich mir einen, mit Pflaumenmus gefüllt, und mit Aprikosen, und einen sogar mit Apfelsinenmarmelade.

Und ich ging, wie ich immer zu gehen pflegte, in den Zwinger.

Erst die schöne Mittelallee hinauf, dann wieder bis zur Mitte zurück und dann links quer durch und die Stufen hinan, da hinauf, wo die Bassins sind.

Kein Wasser darin. Niemand in der Nähe. Ich in das Bassin hinein.

Da, wie ich drin bin, auf einmal, schließt sich über mir das Bassin, und es ist eine grüne Kuppel ausgespannt, dunkelgrün, und in diesem Grün schwimmen goldene Fische, – aber bei Leibe keine von den gewöhnlichen Goldfischen, wie sie in Mutter Schützens Fischglas sind. Nein, ganz merkwürdige goldene Fische, mit langen blauglänzenden Flossen, die gebogen waren wie die Federn des Paradiesvogels. Aber Augen hatten sie ganz, ganz gelbe, richtige Telleraugen, wie große Schilde rechts und links.

Die also schwammen über mir.

Aber es mußte wohl nicht Wasser sein, worin sie schwammen, denn ich selber stand ja in dem grünen Weben, in dem sie waren, und was um mich war, das war eine liebe, warme, duftende Luft, die freilich sichtbarlich in Wellen ging und die mich auch benetzte, wie wenn sie etwas wäre, das zwischen Luft und Wasser ist.

Es war unbeschreiblich angenehm, und mich genirte es nur, daß ich meinen gräßlichen Freimaurerinstitutsmantel anhatte, mit den goldenen Knöpfen.

Aber guck mal nur, da kam ein kleines Mädchen auf mich zugeschwommen, das griff an mir herunter, und mit einem Male war der entsetzliche Mantel weg und ich stand in einer allerliebsten rosigen Nacktheit da, ein Bübchen von den angenehmsten Konturen, nicht zu mager und nicht zu dick, gerade recht.

Was denn aber nun? dacht' ich mir.

Da sagte das kleine Schwimmmädchen, das ganz in meinem Alter zu sein schien und eben so hübsch und nackt war wie ich (was mir unendlich wohlgefiel): Du, kleiner Graunzer, das ist aber nett, daß Du endlich gekommen bist! Nun wollen wir aber geh'n und Chokolade trinken! Hast Du auch Pfannkuchen mitgebracht?

Pfannkuchen? Oh! Mit Apfelsinenmarmelade sogar! In meinem Mantel stecken sie!

Mantel? Was ist denn das für ein Ding?

Da überfiel mich ein gräßlicher Schreck! Herrgott, der Mantel! Der Mantel! Mit dem Urlaubszettel! Herrgott, wenn ich den Urlaubszettel heute Abend nicht habe!

Und ich fuhr im Bassin herum und suchte und suchte, und die grüne Luft fing an zu wirbeln, und Blasen stiegen in ihr auf, und die goldenen Fische erschraken und rannten an mich an mit ihren dicken Köpfen, und ihre gelben Telleraugen wurden schwarz vor Schreck. Und auch die Kleine fing an zu zittern und zu zappeln, und schließlich, ach Gott, schließlich war sie auch verschwunden.

Die grüne Kuppel über mir zerging, der blaue Himmel war wieder da, und ich stand, um Gotteswillen, ich stand ganz nackt in dem Bassin, und rundherum alle meine Lehrer, alle meine Lehrer mit gelben Rohrstöcken.

»Na wart'! Na wart'! Komm' Du nur heut' Abend in's Institut! Das sind schöne Geschichten! Schöne Geschichten!«

Vor Schreck wachte ich auf.

Da schien die helle Sonne in's Zimmer, und wie ich mich aufrichtete, sah ich die alte, gute, gelbe Elbe unten ihre Wellen wälzen, nach deren Farbe die Dresdener so farbensicher ihren Milchkaffee zu mischen wissen, und ich mußte laut lachen.

Also vierzig Jahre alt und träumen wie ein Bübchen mit zehn!

Gott sei Dank! Das ist herrlich! Das freut mich! Also ist meine Seele noch nicht ledern geworden!

Und ich stand mit Pfeifen und Singen auf und beschaute mich lange im Spiegel.

Ganz so schön bin ich nicht, wie das Bübchen im Bassin. Nein, wirklich, und wenn ich es mir anthun und mich jetzt nudifiziren wollte (ein schamhaftes Wort), – ich glaube, ich fiele rücklings um und lallte: Schöne Geschichten! Schöne Geschichten!

Aber gleichviel: Wenn man nur noch so nackt träumen kann! Das ist die Hauptsache! Die Waden sind Nebenwerk.

Köstlich, wie aufgeregt ich war.

Ich wußte, wenn ich da auf den Knopf an der Thür drücke, wird ein sächsischer Kellner kommen und mich fragen, ob ich Gaffeh oder Deeh oder Gaggao will, aber trotz dieser Wissenschaft meinte ich, es könnte vielleicht doch 'mal anders geschehen und es käme nicht der Schwarzgeschößte, sondern die kleine Prinzessin Fisch, die so reizende rothe Haare hatte.

Wunderlich! Wunderlich! Mein Herz pumperte, und mir war jungenhaft feig, ach, so angenehm feig zu Muthe, daß ich mich in die Sonne stellte, um in ihr Muth zu fassen, wenn sie hereinschwömme und ich...

Graunzer... genug! Nachts mögen sie hingehen, die Allotria, aber bei tagshellen Zeiten bitt' ich mir etwas Vierzigjährigkeit aus.

Und der Kellner kam, und seine wehenden Schöße trieben den Rest des nächtlich angenehmen Spuks hinaus, und ich gab mich nach langer Zeit wieder einmal dem Genusse eines Dresdener Dreierbrödchens hin.

Zieh ich den Schluß aus dem Traum und seiner Nachstimmung, so werd' ich sagen müssen: es werden irgendwo Schlingen im Gemüthe gelegt. Auf der Hut sein und in keine Netze tappen! Am wenigsten, wenn sie aus rothen Haaren geflochten sind. Denn ich weiß wohl, von welchem Bilde aus süßer Dummenjungenzeit Prinzessin Paradiesfisch der Reflex war.

Apage diabolina! Adelheid hat sie geheißen.

* * *

Dresden, 18. April.

Das liebe grün-weiße Nest ist zu schön, als daß man Lust und Zeit für Geschäfte fände, wie ich sie vorhabe.

Gestern und heute bin ich den ganzen Tag herumgebummelt. Zu Fuße, in einer der ehrwürdigen ortsüblichen Droschken und schließlich zu Schiffe.

Anfangs störte mich die übermelodische Ausdrucksweise der Eingeborenen etwas, aber schließlich schwang ich mich zu objektiver Auffassung auf mit dem Spruche des Dichters: Singe, wem Gesang gegeben, und ich fand es zuweilen sogar ganz hübsch, beharrlich angesungen zu werden.

Dieses Singen gehört hier wirklich zum Lokalkolorit, und ein Dresden, in dem die viel schönere Mundart der Münchener etwa gesprochen würde, wäre für mich etwas ungeheuerlich Stylwidriges. Nein, nochmals: Singe, wem Gesang gegeben! Die langen Vokale und der dünne Kaffee: möge sich die Hauptstadt des Königreichs Sachsen niemals diese unveräußerlichen Reservatrechte rauben lassen!

Schade, daß sich Dresden so modernisirt. Die Art der ihm innewohnenden, der spezifisch dresdnerischen Schönheit, erfordert eigentlich ein gewisses Altmodisches. Chaisenträger z. B. würden sich hier gut ausnehmen, aber es müßten Rokokkochaisen sein.

* * *

Von jetzt ab will ich aber doch planmäßig vorgehen und im Auge behalten, wozu ich hier bin. Ich bin doch kein Vergnügungsreisender! Ach Du liebes Gottchen, – nee, nee!

Also: morgen zur alten, guten Mutter Schützen! Wird die Augen machen!

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.