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Pankrazius Graunzer

Otto Julius Bierbaum: Pankrazius Graunzer - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleFreiersfahrten und Freiersmeinungen des weiberfeindlichen Herrn Pankrazius Graunzer
authorOtto Julius Bierbaum
year1898
publisherSchuster & Loeffler Verlag
addressBerlin und Leipzig
titlePankrazius Graunzer
pages3-5
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1896
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IX.
Ein Brief des Herrn Pankrazius Graunzer an seinen Freund Peter Kahle. Handelt von einer decidiv modernen Dame.

Berlin, den 19. April.

Mein guter Peter!

Nachdem ich Dir im vorigen Monat den Brief mit den Leviten und dann den Nachschriftbrief geschrieben hatte, hab' ich mich bald von Kiebitzhof aufgemacht und bin gen Berlin gefahren.

Mein Plan steht fest: ich will eine Frau suchen. Zuerst in Berlin. Zwar lieb' ich das Berliner Volk nicht, und so opponirte auch etwas in mir gegen den Plan, just am unliebenswürdigsten Orte von Deutschland zu beginnen, aber schließlich sagte ich mir, daß es sich hier nicht um eine liebenswürdige, viel weniger um eine verliebte Sache handle, und daß gerade mein Geschäft sich in Berlin vielleicht am schnellsten abwickeln könnte, wo man ohnehin zu einer geschäftsmäßigen Behandlung aller Angelegenheiten des menschlichen Lebens neigt.

Fuhr also nach Berlin.

Ich ließ Kiebitzhof ungern hinter mir. Jetzt, wo es Frühling werden will, ist es schwer, aus der Natur heraus in die Stadt zu gehen. Aber da es geschehen mußte, geschah es, und ich brummelte vor mich hin:

Ich reit' auf Abenteuer aus,
      Vorwärts, Schimmel, vorwärts!
Einen Rattenschwanz, den bring' ich nach Haus,
      Vorwärts, Schimmel, vorwärts!
Und wär' das Abenteuern dumm,
Treibt es mich doch in's Weite um,
      Vorwärts, Schimmel, vorwärts!

Du siehst, ich schackte ganz vergnüglich los, mit so einem gewissen, durchgegerbten Humor: Nur zu, die Sache wird schon schief gehen.

Und richtig!

Aber das muß ich Dir hübsch im Schritte erzählen.

Also: ich hatte mir in den Kopf gesetzt, zuvörderst 'mal schlecht und modern zu operiren – mit einer Heirathsannonce in der Vossischen Zeitung:

Die Annonce sah so aus!

 
Ernsthaft.

Ein Vierziger, Dr. phil. und Gutsbesitzer, wünscht sich zu verehelichen. Damen mit gleichem Vorhaben wollen sich brieflich unter Chiffre P. G. 40 aussprechen.

Ich hatte die Annonce so farblos und ohne jede Andeutung meiner persönlichen Anforderungen gewählt, weil es mir unzweifelhaft verwehrt worden wäre, auszudrücken, daß ich mich lediglich zwecks Erzeugung von männlicher Nachkommenschaft zu verehelichen wünsche. Denn ein solcher Wunsch, ausgesprochen, erregt Aergerniß, während er, wie ich glaube, gehegt sogar von Staatsanwälten und Pastorstöchtern wird. Das ist so eine der profunden Thatsachen unseres Moralcodex, über die es gut ist zu schweigen, denn sobald man in's Reden davon käme, würde man einen Stil sprechen, der wiederum das Interesse des von Staatswegen berufenen Hüters der bestehenden Institutionen erregen würde. Das ist die bekannte Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Symbol der Ewigkeit sagt man. Symbol der Ewigkeit der Dummheit – könnte man sagen. Ich aber sage es nicht, sondern lache inwendig. (Wobei ich die Bemerkung nicht unterdrücken kann, daß augenblicklich sehr viel inwendig gelacht wird in Deutschland, und es gehören zur Sekte der inwendigen Lacher Leute, die auswendig einen geradezu penetranten Ernst zur Schau tragen, – nicht von Geschmacks-, sondern von Amtswegen.)

Aber ich will nicht davon zu Dir sprechen, denn davon sprichst Du selber wahrscheinlich manchmal zu Dir, inwendiger Lacher, der Du bist. Sondern ich will Dir erzählen, was auf meine Annonce in der Vossischen erfolgt ist.

Eine Sturmfluth von Briefen in den bekannten unangenehmen, spinnefüßigen, weiblichen Schriftzügen sturzwellten über mich her. In meiner Briefmappe, in den Schubfächern meines Schreibtisches, überall, in meinem ganzen Zimmer erhob sich ein Krieg von hunderterlei Gestänken, wie sie in der Damenwelt, die nicht einmal den Muth ihres eigenen Geruches hat, unter den Namen von Parfüms grassiren. Erst nachdem ich etwas Jodoform verstreut hatte, ward ich dieses widerlichen Mißduftes Herr.

Länger dauerte es, bis ich die fatalen Düfte aus meinem Gehirne getrieben hatte, die von dem Inhalte jener Briefe in mir erzeugt worden waren. Ich hatte ein Gefühl von Verbreiung meines Cerebralsystems, als ich diese unglaublichen Briefe gelesen hatte, und ich bekam einen Begriff, wie es im Gehirne eines unserer weibseligen Lyriker aussehen mag, die noch immer nicht aufhören, zu behaupten, daß die Liebe der schönste alles Triebe sei. Ein paar Kapitel Schopenhauer thaten gute Dienste gegen diese zeitweilige Verseuchung, aber im Grunde danke ich es doch wohl hauptsächlich meiner guten Mannesgehirnskonstitution, daß ich dieses Gefühl höchster Elendigkeit und Kraftlosigkeit verhältnismäßig schnell überwunden habe.

Ich würde als ein schlechter Freund und auch gegen mich wie ein Flagellant handeln, würde ich Dir hier aus diesen Briefen einen Gefühlsextrakt geben. Ich habe sie verbrannt und ich will sie zu vergessen suchen.

Unter der ganzen gräßlichen Menge war ein einziger, der mir ein gewisses nicht mit direktem Unwohlsein verbundenes Interesse abgewann. Es war in derben, steifen Schriftzügen geschrieben, nicht parfümirt und lautete wie folgt:

 

Herrn P. G. 40!

Das trifft sich gut! Sie sind vierzig, ich fünfunddreißig.

Sie sind Gutsbesitzer (den Doktor schenk' ich Ihnen), und ich habe das Stadtleben satt.

Sie wollen heirathen, ich auch.

Ich zweifle demnach nicht, daß wir harmoniren werden.

Wenn es Ihnen recht ist, sprechen wir uns einmal persönlich aus.

Ich werde morgen abend um 7 Uhr im Restaurant Pschorr, Ecke Friedrich- und Behrenstraße, an dem Tisch in der Ecke, gerade gegenüber der Eingangsthür von der Friedrichstraße her sitzen.

Sollte der Tisch besetzt sein, was aber um diese Zeit nicht anzunehmen ist, so werd' ich mich dem Speisebüffet gegenüber setzen und die Kreuzzeitung lesen.

Ich warte bis 8 Uhr.

K. K.

 

Dieser Brief gewann nicht allein dadurch, daß er sich von der allgemeinen Limonade der übrigen scharf abhob, er hatte auch für sich allein genommen etwas, das mir, ich will nicht sagen imponirte, aber doch einen gewissen vertrauenerweckenden Eindruck machte.

Da er von einer Person jenes Geschlechtes kam, deren Aeußerungen man gut thut, stets auf Bakterien zu untersuchen, sah ich ihn mir sehr genau an. Ich kam dabei zu folgendem Resultate.

  1. Keine Anrede.

    Das läßt sich gut und übel auslegen, denn man kann daraus vielleicht auf eine gewisse gerade Wesensart schließen, die an einen Unbekannten auch nicht die üblichen Höflichkeitsfloskeln verschwenden will, vielleicht aber läßt es auch einfach den Schluß auf eine salva venia Rauhbeinigkeit zu, die für mich beim weiblichen Geschlechte nicht eben dekorativ wirkt.
     

  2. Die Antithesen des Einganges.

    Nicht ohne eine gewisse kurzbündige Kraft. Die Frau, dacht' ich mir, häkelt ihre Reden nicht, wie es Weiberart, noch strickt sie gar jene langen Redestrümpfe, in denen der gesunde Verstand erstickt. Sie wird vielleicht eher ein Bischen zu wenig sagen. Aber das ist weitaus das geringere Uebel.
     

  3. »Ich zweifle demnach nicht.«

    Ecce mulier! Da haben wir auch bei der kurzredigen die Schnatterlogik. »Demnach!« Es ist unerhört! Indessen: auf logische Gebrechen war ich ja für alle Fälle vorbereitet.
     

  4. »Im Restaurant Pschorr.«

    Sie also giebt mir ein Rendezvous, und zwar ohne Weiteres, ohne jeden Vorschlag irgend welcher weiteren brieflichen Präliminarien.

    Und dann: nicht Josty, nicht Kranzler, sondern Pschorr; kein Zuckerbäcker, kein Kaffee, sondern Bier, und zwar ächtes. Das läßt auf eine gewisse sichere und kräftige Art des Entschließens und des Geschmackes schließen.

    Gefällt mir.
     

  5. Genaue Kenntniß der Oertlichkeit und der Besuchsfrequenz im Pschorr.

    Sollte sie Stammgast sein?
     

  6. Die Kreuzzeitung.

    Die Dame ist schlau, man wird sich also vorsehen müssen. Sie kalkulirt so: der Mann ist Gutsbesitzer, folglich wird er Agrarier sein, folglich wird er es gerne hören, daß ich die Kreuzzeitung lese.

    Madame, Respekt! Aber Sie werden sich daran gewöhnen müssen, daß ich Sie durchschaue.
     

  7. »Ich warte bis 8 Uhr.«

    Das weist wieder auf Entschiedenheit hin und auf einen gewissen Stolz.

    Nicht übel.
     

  8. »Den Doktor schenk' ich Ihnen.«

    Eine merkwürdig kühne Parenthese. So viel psychologischen Spürsinn kann ich der Dame nicht zutrauen, daß sie aus meiner Annonce die geringe Schätzung hätte erkennen sollen, mit der ich meinen akademischen Grad ansehe. Sie muß also wirklich die Doktorei persönlich gering achten.

    A la bonne heure! Das gefällt mir sehr gut! Freilich müßte man den Grund dieser Geringachtung wissen.

    Vielleicht hat sie schlechte Erfahrungen mit Doktoren gemacht?

    Vielleicht auch, daß sie mit diesem Ausnahmsstandpunkt bloß kokettirt.

    Denn womit kokettirten Weiber nicht?

Ich denke, Du siehst, daß ich gründlich und ganz gewiß objektiv zu Werke ging. Das schließliche Ergebnis meiner Spezialuntersuchung war, daß ich beschloß, mir das Doppel-K in Person anzusehen.

Mir war nicht ganz wohl zu Muthe, als ich mich auf den Weg machte.

Du weißt, wie schwer es mir fällt, mit Weibern zu reden. Dieses fremde Volk spricht eine Sprache, die nur scheinbar dieselbe ist, die ich beherrsche. Und dann haben sie alle so was verwirrend Mimisches an sich, eine so vertrakte Art, die Worte mit Blicken, Gesten, Bewegungen zu begleiten, die ganz willkürlich und zusammenhangslos sind. Ich möchte ihnen immer in den Arm fallen und fragen: Bitte, warum jetzt der kleine Finger so in die Höhe? Oder: Um Gotteswillen, warum nun die Blicke auf meine Stiefeln? Oder: Gerechter Himmel, was ist Ihnen, daß Sie so madonnenschmerzlich den Kopf nach rechts neigen?

Es ist aber nicht Furcht, was mich so bange macht, denn schüchtern bin ich nicht. Es ist nur Widerwille. Und diesen mußt' ich natürlich diesmal unterdrücken.

Ich ging also in den Pschorr. An dem Tisch gegenüber der Thür saß sie nicht. Der war besetzt von Studenten.

Also nicht Stammgast! dacht' ich mir.

Und nun der Blick das Lokal hinab zum Speisenbüffet.

Richtig! Mitten gegenüber eine Dame hinter einem großen Zeitungsblatt. Ich erkannte deutlich das Kreuz und, hol' mich der Kuckuck, mein Herz klopfte, daß ich mich coram publico hätte bemaulschellen mögen.

Von ihr sah ich nur ein Toupée schwarzer Haare. Gut! dacht' ich mir, sie hat den Hut abgenommen! Das ist kein schlechtes Zeichen!

Und nun los auf den Tisch und eine Verbeugung gemacht und »P. G. 40.«

Als Antwort eine sonore Stimme: K.! K.! (wirklich: hinter jedem K ein akustisch deutliches Ausrufezeichen).

Ich: Mein Name ist Pankratius Graunzer. Sie gestatten?

K. K.: Katharina Kolbe. Bitte!

Dabei sahen mich zwei schwarze Augen groß und inquisitorisch an. Nur als Soldat, wenn unser Feldwebel den Anzug prüfte, hab' ich solche Augen an mir auf- und abwandern sehen.

Ich fand kaum die nöthige Unbefangenheit, gleichfalls zu mustern; als ich mir aber den nöthigen Ruck gegeben hatte, sah ich Folgendes: untersetzte Figur, ein Bischen zur, sagen wir Breite, neigend, mit starker Brustausladung; das Gesicht scharfzügig, im Profil an gewisse Bourbonengesichter erinnernd; die Haare kein Toupée, wie es von Weitem erschienen, sondern in natürlicher, üppiger Kräuselung a la Titus gehalten – entschieden zu viel Haarwerk; die Hände von gesunder Farbe, sehr fleischig; das Kleid knapp anliegend, schwarz, einfach, ziemlich viel vom speckigen Nacken freilassend, um den eine goldene Kette hing. Gesammteindruck: nicht sehr liebenswürdig aber auch nicht abstoßend; wenn man sich dran gewöhnt haben wird, wird man das Ensemble ganz anständig finden.

Sie begann das Gespräch sofort, nachdem ich abgelegt und Bier bekommen hatte.

K. K.: Nun also, Herr Graunzer, Sie wollen heirathen! Darf ich da erst mal ein paar Fragen an Sie richten? (Ein Blick, der mir wie nichts Gutes in die Seele fuhr. Es war Examinatorenstrenge darin. Ich fühlte mich beengt, wie wenn ich im Kandidatenfrack säße, und unwillkürlich fuhr ich mit dem Finger am innern Rande meines Hemdkragens entlang.)

Ich: Bitte, Fräulein... oder Frau.

K. K. (gebieterisch): Fräulein!

Ich: Hm!

K. K.: Nun also, erstlich, Herr Graunzer, – ja, a propos: Sie legen doch keinen Wert auf den Doktor?

Ich: Gewiß nicht.

K. K.: Das ist gut. Ich hätte es für Schwäche gehalten, wenn Sie's thäten. Also: weshalb wollen Sie heirathen?

Ich: Gut, daß Sie fragen! Ich will heirathen, um einen Sohn zu bekommen.

K. K. (mit zurückgeworfenem Kopfe): Ah!

Ich: (in einer Art Erbitterung, denn ich fing an, mich über dieses weibliche Wesen zu ärgern, das mich hier am Wirthshaustische ausfragte und musterte wie einen Kutscher, den sie miethen wollte): Jawohl! Um einen Sohn zu bekommen oder auch mehrere Söhne, aber keine Töchter. Aus diesem Grunde!

K. K.: Vortrefflich, ganz vortrefflich! Ah!

Ich: Es freut mich, daß Sie meinen Grund, der der einzige ist, gut heißen. Ich hätte kaum gehofft, daß sich dieser Kardinalpunkt so überaus schnell erledigen würde.

K. K.: Wofür halten Sie mich?

Pause.

Ich (der ich das Anfangs für eine rhetorische Frage gehalten hatte): Für eine Dame, also...

K. K.: Also?

Ich: Verzeihen Sie, aber es wird mir etwas schwer, Ihnen jetzt, nachdem ich Sie erst seit fünf Minuten etwa kenne, bereits meine Meinungen über die unter dem Namen Dame begriffene Gattung Mensch vorzutragen. (Ich sprach wirklich in diesem Dozentenstile. Es ging von K. K. etwas so Ungewöhnliches aus, daß ich auf Zeiten wirklich das Gefühl hatte, ich befände mich einem Demonstrationsobjekte und nicht einem lebendigen Menschen gegenüber. Der Gedanke, daß ich eines jener nach unseren Gesellschaftssatzungen mit ganz besonderen Finessen und Rücksichten zu behandelnden Wesen vor mir hätte, die wir eben »Dame« nennen, kam mir gar nicht).

K. K.: Warum?! Warum?! Bitte, keine Gêne! Nur das nicht! Ich vertrage Alles! Ich bin auch auf Alles gefaßt! Ich bin kein Backfisch mehr! Ich sehe klar!

Ich: Klar? Sie irren sich vermuthlich. Keine Dame sieht klar. Nicht einmal ein Weib, das keine Dame ist, sieht klar.

K. K.: Hm! Sie denken also gering von uns? Wie?

Ich: So ist es. Ja. Im Allgemeinen und bis jetzt auch im Besonderen.

K. K.: Vortrefflich! Ganz vortrefflich! Sie sind mein Mann!

Ich: Noch nicht! Aber ich muß gestehen, daß ich schon wieder erstaunt bin, Sie so schnell auf meine Intentionen eingehen zu sehen.

K. K.: Inwiefern ist das erstaunlich? Warum sollte sich eine Frau nicht zu derselben Seelen- und Geistesstärke aufschwingen wie ein Mann? Warum sollte ich nicht begreifen, daß ein Mann niedrig vom Weibe denkt? Nichts ist erklärlicher.

Ich: Gewiß! Aber wie stellen Sie sich die Stellung der Frau eines solchen Mannes in der Ehe vor? Würden Sie sich getrauen, eine solche Stellung einzunehmen? Das ist doch nicht so einfach!? Da gilt es doch, auf alles Mögliche zu verzichten!? Die Liebe z. B.!?

K. K.: Das findet sich!

Ich: Bitte recht sehr, das findet sich nicht! Ganz und gar nicht! Darauf laß ich mich nicht ein! Das eben will ich vermeiden!

K. K.: Gut! Dann vermeidet man's! Man muß sich nur verstehen!

Ich: Bitte recht sehr! Das beanspruche und erwarte ich nicht! Wozu auch?! Die Ehe ist doch keine intellektuelle Angelegenheit, ebensowenig wie sie eine sentimentale Angelegenheit ist. Ich betrachte sie lediglich als eine Art physiologischen Kontakt, eingegangen zur Erzielung einer Nachkommenschaft.

K. K.: Aber das ist ja ausgezeichnet! Das ist ja wundervoll! Das ist ja das, was ich mir immer vorstelle! Das ist 'mal wirklich ein moderner Begriff von Ehe!

Ich: Modern oder nicht: Es ist mein Begriff!

K. K.: Und meiner auch! (Flammend): Ja, ganz gewiß! Meiner auch!

Ich: Schön, also darin sind wir einig. Es gälte nur noch, die einzelnen Punkte des Kontraktes zu formulieren.

K. K. (ein Notizbuch herausziehend, mit hochgezogenen Augenbrauen, höchst gespannt und mit einer gewissen Buchhaltermiene): Also § 1!

Ich: Nicht so gerade! Es gilt ja eigentlich nur einen Punkt.

K. K. (einfallend): Das mit dem Sohne!

Ich: Jawohl, das mit dem Sohne.

K. K.: Hm! Wenn nun aber zuerst ein Mädchen...

Ich: Zuerst oder zuzweit oder zuletzt: Das giebt's nicht! Das wäre Scheidungsgrund!

K. K. (einen Augenblick perplex): Sapperlot! Das ist schwierig.

Ich: Ja, das ist schwierig.

K. K.: Sagen Sie mal... aber nein! Ich habe ja s darüber gelesen! Gewiß! Man kann es ja so einrichten, daß es ein Knabe...

Ich: Wie beliebt?

K. K.: Aber Sie wissen das ja besser, als ich! Die Wissenschaft der Physiologie (Ich, für mich: ecce Mantegazza!) giebt uns ja die Verhaltungsmaßregeln zur vorherigen Bestimmung in dem von Ihnen berührten Punkte an die Hand.

Ich: Ich weiß das nicht, Fräulein Kolbe!

K. K.: Gewiß! Gewiß! Ich brauche nur nachzuschlagen zu Hause. Es giebt da was.

Ich (nun schon fest im Sattel und beide Schenkel dicht am Gaul): Wenn dem so ist: Famos! Dann wären wir ja im Klaren, vorausgesetzt, daß nicht etwa überhaupt die Konstellation Kolbe-Graunzer, wenn Sie mir gestatten, eine solche anzunehmen, die Aussicht auf Nachkommenschaft vereitelt.

K. K.: Wie meinen Sie das?

Ich: Sie wissen, es gehört eine gewisse Kongruenz der physiologischen Bedingungen dazu, um in einer Ehe jenen gewünschten Effekt (ganz abgesehen von unserm noch speziell komplizirten Fall) zu erzeugen.

K. K.: Ach so! Ja, das muß ausprobirt werden. Ich für mein Theil bin unbesorgt. Nur ist nicht viel Zeit zu verlieren.

Ich: Wie das?

K. K.: Ich meine: Sie sind vierzig, Herr Graunzer...

Ich: Gewiß, gewiß. Wenn Alles klappt, können wir gleich abschließen. Eile thut noth. Die Physiologie läßt nicht mit sich spaßen. Schlimmsten Falles können Sie mal nachschlagen.

* * *

Peter! Peter!! Peter!!! Was war das für ein Frauenzimmer! Die hätt' ich Tante Ulriken gewünscht, wenn sie über die heutige Zeit loszog. Herrgott, Himmel und Paradeis: diese Spezies hätte nicht 'mal ich für möglich gehalten. Ein Rattenkönig von Hundsnasigkeit, Berechnung, Oberflächlichkeit, Eingebildetheit und – gelinde gesagt – Dummheit und Roheit, und so 'was renommirt mit dem Worte, das Leben und Aufwärtsentwickelung bedeutet: modern!

Du wirst mir in Deiner unheilbaren Güte sagen, daß ich nur das Pech gehabt habe, einer jener Karrikaturen in die Hände zu fallen, wie sie von Uebergangszeiten gerne geboren werden, – meinetwegen magst Du Recht haben. Ich für meine Person werde mich hüten, auch noch den weiblichen Problemen nachzulaufen; ich hab' an den weiblichen Thatsachen genug.

Der Thatsache K. K. habe ich meine Meinung schließlich nicht verhohlen, und ich wundere mich augenblicklich, daß ich heiler Haut davon gekommen bin. Zum Ende unserer Disputation klirrten die Armbänder der physiologischen Experimentirdame bedenklich nahe vor meinem Gesicht in und her, dann ward es plötzlich stille. K. K. war davon gerauscht, und ich hatte noch vier Glas Bier für sie zu zahlen. Als Lehrgeld immerhin billig.

Dein                
Pankraz.

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