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Reinhold Eichacker: Panik - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titlePanik
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201509
projectidf48642f6
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... Stundenlang zog das schlanke Flugzeug Walter Werndts schon seine einsame Bahn über die Erde, ohne daß der Anblick des Himmels sich wesentlich verändert hätte. Und doch wirkte gerade diese Beständigkeit merkwürdig und fremd. Der Tag begann – stillzustehn. Die Sonne schien ihren Lauf einzuhalten, und je länger der Flug währte, desto tiefer zog sie sich zum Osthorizont zurück. Langsam, kaum merkbar nahm die schon entwichene Dämmerung des Morgens wieder zu.

Nur in den ersten Stunden begegneten der kleinen »Falken«besatzung noch ab und zu andere Flugzeuge, die mit ihrem auf höchste Tourenzahl gestellten Motor ein rettendes Ziel zu erhaschen suchten.

Unendliche Strecken Nordamerikas hatte das Flugzeug im ersten Tageslicht überflogen. Überall sah es das gleiche Bild. Ausgestorbene Städte, verlassene Hütten, aus denen die Einwohner in die Wälder geflohen. Rauchlose Schornsteine über leeren Fabriken, ab und zu noch ein rettender Zug, der zur Endstation raste mit glühendem Kessel. Ein jagendes Schiff in der Einfahrt zum Hafen, nervenpeitschend im Anblick der Hunderte schreiender, kopfloser Menschen. Koffer, Kleider, Polster, die Holzverkleidung der Kabinen warf man den weißglühenden Feuerungen des Maschinenraumes in die flammenspeienden Rachen, um Minuten, Sekunden an Zeit zu gewinnen. Sinnlos hetzte die Menschheit vom Meere zum Festland, vom Festland zum Meere. Wie ein Tier, das, von Flammen umloht, im Käfig umherrennt und nirgends ein Loch sieht, der Glut zu entgehen. Ein einziger Schrei der Verzweiflung, ein einziger, wahnsinniger Herzschlag grauenhaftester Todesangst, wo Menschen sich bargen! In Amerika wie in Asien, in Australien und Afrika wie im weißen Europa. Neros brennendes Rom, wie das sterbende Martinique, das unter glühenden Lavaströmen entsetzlichen Tod fand, erschienen als harmloses Feuerwerk der Natur gegenüber dieser Weltkatastrophe, die für eine ganze entwicklungsgesegnete Menschheit von vielen Milliarden den Untergang drohte. Die Prophezeiungen des Evangelisten Johannes von den letzten Tagen der Erde, die Schilderungen der Apokalypse verblaßten zu farblosem Traum vor der nüchternen Wahrheit.

Nach wenigen Stunden war die Einsamkeit in den Lüften vollkommen geworden. So weit der Blick sah, war der Horizont leer. Mit der wieder hereinbrechenden Dämmerung hatte der »Falke« das Festland Amerikas verlassen. Hohe Wellenberge des offenen Ozeans schäumten zu ihm hinauf, als griffen sie unwillig zu der kühnen Besatzung, nach fünf einzelnen Menschen, die hier, zwischen Himmel und Erde, dem Untergang trotzten.

Die Dämmerung legte sich immer breiter über die Fluten. Auch sie erlosch mählich im nächtlichen Dunkel. Mit einem Gemisch von Bewunderung und Grauen sah die kleine Besatzung des Flugzeugs, wie der pfeilschnelle »Falke« das fast Undenkbare wahr machte und in atemraubendem Fluge die Zeit überholte. Wie er die Stunden zurückzwang, die längst überwunden, als hebe er sie wieder hoch aus dem Weltall. Es war ein gespenstisches Wettrennen mit einem Unsichtbaren, mit einem fliehenden Etwas. Eine Jagd nach dem Anfang des Erdgeschehens.

Die ersten Sterne blitzten auf. Doch sie kamen nicht aus dem Osten, wie immer und immer, seit Menschen sie sahen. Langsam und flimmernd, an Lichtstärke wachsend, gingen sie wieder von Westen auf, stiegen schrittweise zum fernen Zenit, wandelten über den himmlischen Dom. Und mitten unter ihnen strahlte in furchtbarer Schönheit das ferne Meteor, leuchtend wie eine winzige Sonne, tausendmal heller als alles ringsum, und doch nur ein Punkt wie ein anderer Stern.

Wolkenlos wölbte sich ein eiskalter Dom über der zitternden Erde des Menschen. Nichts deutete darauf hin, daß in wenigen Stunden, vielleicht in Minuten, eine Katastrophe im ewigen Kosmos bevorstand, die über das Schicksal eines Planeten entscheiden, die der stolzen Entwicklung einer in Jahrtausenden gereiften Schöpfung mit einem Schlage ein furchtbares Ende bereiten konnte.

Mabel Earthcliffe fröstelte trotz ihres Pelzes. Nagel zog sie besorgt und liebevoll an sich. Unausgesprochene Worte bebten auf ihren Lippen. Die Situation war so seltsam und ungeheuerlich, die Stimmung so übersättigt mit Empfindungen und Gefühlen, daß Worte zu schwach werden mußten, Gedanken zu formen.

Werndt mäßigte die Geschwindigkeit seines »Falken«, der wie ein Pfeil durch die Luft schoß. Er sah die fragenden Blicke der anderen.

»Wir haben die Hawayinseln überflogen,« sagte er ruhig, »und nähern uns den Japanischen Inseln. Wir haben die Nacht um zwei Stunden überholt. Jetzt zieht sie von neuem an uns vorbei. Der Osten erwacht. In einer Stunde werden wir wieder die Dämmerung haben, die wir in Amerika hinter uns ließen.«

Die Worte klangen uferlos, unwirklich und geisterhaft, als schwängen sie in dem luftleeren Raum einer riesigen Kugel. Jeder fühlte, daß sich die Entscheidung nahte. Die Entscheidung von so unheimlicher Wucht, wie Erdenmenschen sie niemals erlebten seit Anfang der Welten.

Ein leiser Aufschrei Mabels gab den Männern ein Zeichen. Unwillkürlich klammerte sich die schöne Frau einen Augenblick wie zum Schutz an den Liebsten. Dann zwang sie die pochenden Pulse zur Ruhe.

Alle fünf Menschen der Falkenbesatzung hatten gleichzeitig gesehen, was Mabel erschreckte. Fünf todgeweihte Augenpaare staunten in letzter Besinnung zum flammenden Himmel. Eine unverkennbare Veränderung war vor sich gegangen. Das Bild des Meteors, das glühweiß und starr in der Nacht stand, schien leise zu schwanken. Zusehends kam der Bolide jetzt näher und näher. Mit einer jagenden Geschwindigkeit, die das Herz stocken machte und die Haare zu Berge trieb ...

Zuerst im Zenit von Mittelamerika zog das Meteor, an Größe und Helligkeit bei seiner sausenden Fahrt ständig wachsend, über den Stillen Ozean dahin. Radial stieß es gegen die Erde herab, während sich der Globus unter ihm drehte. Für das über Japan dahinschwebende Flugzeug war der Anblick von furchtbarer Schönheit. Wie eine Feuerkugel schoß der glühende Körper vom Osthorizonte gegen das Zenit empor, alles taghell blendend.

Zuerst für das freie Auge nicht mehr als ein Punkt, erweiterte sich das Meteor zu einem kleinen Scheibchen. Das Scheibchen schwoll auf und wuchs rasend zur Scheibe, an Größe und Form schon der Sonne vergleichbar. Die Glutsonne wurde zum feurigen Rade, zu riesigem Rade, zu höllischem Kreisel, zu einem satanischen Feuerwerk ...

Der Himmel schien eine einzige Glutwelle geworden, eine Hölle weißschmelzender Metalle, deren feurige Spritzer wie Milliarden Sternschnuppen zum Horizont zischten gleich glühenden Schlangen.

Mit einem Gemisch von Grauen und Entzücken schaute die kleine Besatzung des »Falken« zum Himmel. Das Bild war so überwältigend schön in seiner phantastischen Größe, daß der ärmliche Todesgedanke nicht Raum fand. Das Gehirn eines Menschen vermochte diesen einen Gedanken nur zu fassen, der alles verdrängte.

Walter Werndt hatte den Motor auf Schwebe gestellt. Mit leichtem Beben der buntschillernden Tragflächen stand der seltsame Apparat fast unbeweglich in der Luft. Werndt hatte seinen autochromischen Stereokinophonapparat auf den Vorgang gestellt. Unentwegt, in den stahlharten Augen ein erdfernes Leuchten, kurbelte er an der kleinen Maschine. Earthcliffe saß gebückt an seiner Seite und machte Handreichungen, wo es not tat.

In Nagel war Jauchzen und Sturmflut. Seine in tausend Gefahren gestählte Natur gab sich dem unerhörten Schauspiel des Himmels in Seligkeit hin, jede Schönheit, jede Eruption des Absturzes wie einen köstlichen Sinnenreiz in sich erlebend. Sein Arm lag in männlicher Kraft um die Schulter der Liebsten. Auch sie stand ganz im Banne der Nacht. Wie ein stärkender Strom floß der Mut der Begleiter auch ihr durch die Adern.

Don Ebro bog sich ein wenig zurück.

»Flau?« fragte Nagel und reichte ihm Kognak.

Der Spanier wehrte ihm vorwurfsvoll ab.

»Don Ebro setzte sich etwas zurück, weil er Miß Earthcliffe die Aussicht versperrte.«

Nagel lachte laut auf beim Gleichmut des Mannes.

»Mensch, ich könnte dich küssen trotz all deiner Falten.«

Dann nahm ihn das Schauspiel da droben von neuem gefangen. Der Kampf der Natur wuchs an Grauen und Schönheit. Der Himmel stand in überirdischem Feuer. Er züngelte von nordlichtartigen Protuberanzen, die wie feurige Zangen aus kosmischen Höhen zur Erdenwelt griffen. Dicke, schwarze Wolken schossen wie drohende Geister vorbei, unheimlich, gespenstisch im Lichtkreis des Feuers.

Das Meer brauste donnernd. Das Barometer schwankte binnen wenigen Minuten um ganze Dezimeter. Ein verheerender Strom tobte über die Erde und trieb Meer und Ströme weit über die Ufer.

Das Flugzeug wurde nach unten geworfen und wieder gehoben. Es schwankte und zitterte in allen Fugen. Die Stahldrähte schrien im Ansturm des Windes, die Tragflächen ächzten. Werndt hatte den Kinoapparat schnell an Earthcliffe gegeben und steuerte wieder. Der greise Gelehrte saß nüchternen Blickes bei der kleinen Maschine und drehte gelassen an Kurbel und Hebel.

»Diener der Wissenschaft!« sagte Nagel bewundernd. In einer herzlichen Aufwallung dankbaren Stolzes zog er die Tochter des großen Gelehrten fest an seine Schulter.

»Jetzt!« schrie es plötzlich vom Steuer herüber.

Der Zuruf galt Earthcliffe, doch war er für alle das Zeichen zum Abschied.

Ein furchtbares Brausen erdröhnte im Weltall. Das Meteor hatte die Atmosphäre des Weltalls durchstoßen. Pfeifen, Zischen, Kreischen, als schnitte eine Säge durch Blöcke von Eisen, zerriß fast das Trommelfell, peitschend und schmerzend. Der Ozean schwoll wie ein Ball in die Höhe, als würfe er Blasen. Riesige Wasserhosen stiegen zum Mond hoch und wälzten sich vorwärts. Haushohe Wellenberge stürzten zusammen mit wütendem Tosen. Blitz auf Blitz lohte und flammte. Wie ein ferner Donner, millionenfach verstärkt, rollte es unter der brüllenden Erde, die Grundfesten aller Gebirge erschütternd, die Erde zerreißend.

Und dann kam es an ... Wie ein feuriger Eisberg, wie flammender Tod im zerberstenden Weltall ... eine stürzende Sonne ... ein offenes Grab.

Dröhnende Luftwellen brausten herunter, packten den »Falken« und drückten ihn nieder, schleuderten ihn über Höhen und Tiefen, kreisend und drehend, in wilden Spiralen, höher und höher, in hunderte Meter, in tausende – endlos ...

Walter Werndt wandte sich um, mühsam, stöhnend. Es lag ihm wie Blei in den schmerzenden Augen. Wie durch grellrote Schleier sah er den kleinen Professor dicht zu seinen Füßen, fest schlafend, wie leblos ... Don Ebro schaute starr, reglos geradeaus, eine künstliche Puppe. Nagel hielt Mabel schützend im Arm. Das lockige Braunhaar hing tief in der Stirne, doch um seine Lippen lag glückliches Leuchten ...

Wieder jagten die Nachtschatten hoch.

Wie ein Blitz durchzuckte es Werndts müdes Hirn. Die Kehle war ihm wie ausgedörrt, vergeblich wehrte er drängendem Schlaf.

»Wir stürzen!« wollte er rufen. »Der ›Falke‹ stürzt ab!«

Es war nur ein Ächzen. Dann schoß eine nachtschwarze Wand auf ihn zu ... Ihm schwand die Besinnung ...

* * *

... Doktor Sun Ham Li, der Direktor des Seismo Jap, der Zentralstelle Japans für Erdbebenforschung, kniff die Lider seiner grauen Schlitzaugen noch fester zusammen und hob das Papier vor die glitzernde Brille. Das gelbe Gesicht bekam eine aschgraue Färbung. Sonst verriet nichts seine große Erregung.

»Wann ist dieser Funkspruch gekommen?«

Der junge Assistent trippelte nervös auf und ab.

»Vor fünf Minuten. Ich habe sofort –« Der Ältere nickte und nahm einen Sessel. Sorgfältig las er noch einmal den Funkspruch, den Text übersetzend.

»Das Meteor ist 5,23 Newyorker Zeit mit einem Welteiskörper zusammengestoßen. Tangentialgeschwindigkeit gleich Null. Das Meteor wird in wenigen Stunden fast senkrecht zur Erde abstürzen. 7,50 Newyorker Zeit. An Bord des ›Falken‹.

Earthcliffe. Werndt.«

Der Assistent hielt unwillkürlich den Atem an. Schweigen lag drückend im Raume. Nur das leise Ticken der Taschenuhren war noch vernehmbar.

Doktor Sun Harm Li saß unbeweglich. Er dachte angestrengt nach. Eine scharfe Falte grub sich in die buschigen Brauen. Die zierliche Faust lag geballt auf der Lehne. Endlich erhob er sich langsam. Sein kluges Gesicht war erstarrt, undurchdringlich.

»Das Telegramm gibt verschiedene Rätsel zu lösen. Die erste Zeile ist klar. Es handelt sich natürlich um unser altes Meteor, das Mister Earthcliffe entdeckte, und dessen Bahn wir seit Monaten alle verfolgen. Das Meteor stieß um 5,23 Newyorker Zeit mit einem Welteiskörper zusammen. –«

Der Assistent machte eine Bewegung.

»Aber das ist ja undenkbar! 5,23 Newyorker Zeit wäre bei uns zehn Stunden früher, also 7,23 abends gewesen. Wir haben jetzt 9,55 nachts, also mehr als zweiundeinehalbe Stunde später. Folglich müßten wir den Zusammenstoß vor zweieinhalb Stunden beobachtet haben. Ich habe die Beobachtungsstelle nicht verlassen, aber nichts war zu sehen.«

Sun Ham Li strich den Einwurf beiseite, als sei es ein Schatten.

»Das ist leicht zu erklären. Das Phänomen war um die genannte Zeit eben nur auf der anderen amerikanisch-atlantischen Erdhalbkugel sichtbar. Der Funkspruch kam von Bord eines ›Falken‹. Wahrscheinlich ein Flugzeug. Und wurde erst vor wenigen Minuten aufgegeben. Die Unterzeichner sind bekannt. Earthcliffe ist der berühmte Direktor der Michigansternwarte in Newyork. Werndt jedenfalls der phänomenale deutsche Chemiker, der zur Zeit in Newyork weilt. Aber warum kam der wichtige Funkspruch nicht gleich? Warum nicht aus Newyork? Hierin sehe ich Rätsel. Rufen Sie einmal Newyork an! Die Michiganwarte.«

Der Assistent verschwand eilig und kam schon nach wenigen Minuten atemlos zurück.

»Newyork gibt keine Antwort. Alle Funkstellen schweigen.«

»Dann ist nicht mehr alles in Ordnung da drüben.«

»Vielleicht eine Panik? Die Erdkatastrophe ...?«

Um die schmalen Lippen des Japaners lief flüchtiges Zucken.

»Vielleicht. Werden sehen. Geben Sie den Funkspruch zur Sicherheit weiter. Tokio wird ihn jedenfalls auch aufgefangen haben. Ich komme sofort in den Hauptturm hinüber. Alle Beamten bleiben natürlich heute nacht auf dem Posten.«

Der Jüngere krümmte sich sichtbar verlegen.

»Der Funkspruch ist schon wie ein Feuer – Verzeihung – die Leute sind ganz wie von Sinnen ... der Absturz ...«

Einen Augenblick schien es, als wollte der kleine Japaner unwillig erwidern. Er zwang sich zur Ruhe und horchte nach außen. Laute Stimmen, ängstliches Rufen, Schreien und Zetern kam näher und näher. Schritte klapperten über die Fliesen. Torflügel schlugen. Das Geräusch von hastenden Menschen warf sich in die Gänge. Fäuste hämmerten gegen die Wände. Die Türe des Saales flog hastig zurück. Ein Haufen verstörter Menschen mit gelben Gesichtern stand bleich auf der Schwelle. Eine Flut von angstvollen Fragen ergoß sich ins Zimmer.

Sun Ham Li verzog keine Miene. Er musterte kalten Blickes die sich schiebende Menge.

»Ihr habt den Funkspruch gehört? In einigen Stunden soll das Meteor abstürzen. Ich erwarte von jedem Beamten Pflichterfüllung bis zum Letzten. Die Beobachtung des Meteors geht heute nacht allem anderen vor!«

Die Worte wirkten wie ein Stoß ins Gedränge. Eine Lücke entstand und versank in dem Dämmer. Aufgeregt stießen die Leute sich rückwärts. Wie aufgescheuchte Fledermäuse flatterte die Angst durch die Gänge. In wenigen Sekunden lag der Raum schweigend da. Hastiges Getrappel auf den unteren Treppen verlor sich im Dunkel. Fernher verschwebte ein Ruf –. Nach dem Lärm herrschte seltsame Stille. Stille des Friedhofs.

Sun Ham Li wandte sich an seinen Assistenten. Ein Zug tiefster Verachtung lag auf seinen Lippen.

»Chinesen! Keine Japaner!« sagte er bitter. »Sinnlos jagen sie einige Meter ins Land, als könnten sie dadurch dem drohenden Ende der Erde entgehen.«

Der Jüngere nickte.

»Oben schreckt sie das große Meteor und unten das Meer. Wir werden eine Flutwelle bekommen.«

»Zweifellos! Doch der Sternturm liegt hoch und die Wände sind stark. – King Lo – Sie haben noch Eltern ... Wollen Sie nicht auch ...?«

Der Assistent wies die Frage fast zornig zurück.

Sun Ham Li gab ihm herzlich die Hand.

»Ich wußte es,« sagte er einfach, vertrauend. »Gehen wir also hinab an die Arbeit.«

Der elektrische Aufzug sank sekundenlang in die Tiefe. Eine eiserne Türe sprang klirrend zurück. Leuchtbirnen blitzten auf von Wänden und Decke des Kellergewölbes. Jedes Geräusch der Oberwelt fehlte. Das Laboratorium der Seismo Jap lag mehr als zehn Meter unter der Erdoberfläche.

Mitten in dem Raume stand ein phantastischer Galgen, ein Dreifuß aus Eisen auf grauem Beton. Ein seltsam geformtes Gebilde, wie eine zierliche Hand, schwebte zwischen den Stützen scheinbar frei in der Luft. Das hauchdünne Haar der Aufhängung war in dem gedämpften Licht des Gewölbes nicht sichtbar. Jede, auch die leiseste Bewegung, jedes Zittern, jedes Atmen der Erde mußte sich diesem Instrument gedankenschnell mitteilen. Sinnreiche Einrichtungen übertrugen die Erschütterungen des Erdballs sofort auf ein ganzes System graphischer Apparate und buchten die Beobachtungen für jedes Tausendstel der Sekunde.

Thermometer, Barometer hingen an den Wänden und von der steinernen Decke. Mehrere Instrumente standen durch zierliche Röhren in steter Verbindung mit höheren Räumen des riesigen Turmes. Eine reiche Anordnung von Periskopspiegeln warf das Bild des Geschehens im Tageslicht droben auf kreisende Scheiben. Eine unglaublich zweckvolle und bis ins kleinste durchdachte Aufstellung der Apparate ermöglichte die gleichzeitige Beobachtung und Bedienung der Meßinstrumente durch wenige Menschen.

Ohne daß es einer Verständigung bedurft hätte, machten sich die beiden Gelehrten an ihre Arbeit. Der augenblickliche Stand jedes Apparates wurde geprüft, die graphische Eintragung des mechanischen Messers abgelesen und auf der Tafel verbucht. Schweigend, alle Sinne verschärft, taten die beiden Japaner ihren Dienst. Ab und zu lief es wie ein Zittern über die gespenstische Hand des Erschütterungsmessers. Blitzartig leuchtete es über die schwarzen Kreise der Spiegel, die das Dunkel der Nacht über Japan auffingen. Wie sie hoch oben war, rings über der Erde.

»Vor 35 Minuten hatten wir in Tokio Mitternacht,« sagte King Lo gelassen.

Der andere nickte. Plötzlich fuhren beide gleichzeitig zurück. Im Dunkel des Spiegels schoß blendendes Licht auf. Wie eine Sonne stand ein leuchtender Punkt in dem sprühenden Kreise, wuchs schneller und schneller, wurde zur Scheibe, zum blitzenden Schwungrad, schoß unheimlich näher ...

»Das Meteor!« schrie King Lo.

Sun Ham Li gab keine Antwort. Seine Augen waren starr auf das Photometer gerichtet. Von Minute zu Minute verfolgte er die rasend anschwellende Helligkeit des Meteors. King Lo prüfte den Luftdruck.

12,40 japanische Zeit waren bereits 5000 Kerzenstärken überschritten. Um 1,20 Uhr machte Sun Ham Li einen doppelten Strich ...

»85 000 Kerzen! – Die mittlere Helligkeit unserer Sonne!«

Wie im Triumph brannten seine schlitzscharfen Augen. Keiner der beiden Männer dachte in dieser Sekunde auch nur einen Augenblick lang an den drohenden Tod, der allen bevorstand. Heiliger Forschereifer beseelte ihr Handeln, sie seltsam berauschend.

Nach zwei Uhr nahm die Strahlenintensität der ins Ungeheure angeschwollenen Feuerkugel bis über 700 000 Kerzenstärken zu.

»Fast die zehnfache Helligkeit unserer Sonne!« rief King Lo begeistert.

»Das Meteor muß jeden Augenblick die Erdatmosphäre durchstoßen. Wie ist die Temperatur?«

»Sie schwankte sehr wenig. Kaum drei Grad höher. Nur der Luftdruck und Wind – – –«

Mit einem Ruf des Entsetzens sprang er auf die Seite des Hauptbarometers.

»Jetzt!« schrie Sun Harn Li, seinem Beispiele folgend. »Es stürzt auf die Erde! Das Quecksilber klettert! Es springt wie besessen!«

In dem Augenblicke, da das Meteor in die Erdatmosphäre eintrat und diese vor sich her zusammenpreßte, nahm der Luftdruck in unglaublich kurzer Zeit um etwa einen Dezimeter Quecksilbersäule zu.

Dunkle Wolken schossen über die Spiegel, die jedes Geschehen der Nacht draußen zeigten. Schwere Erdstöße grollten dumpf auf und erschütterten den gewaltigen Turm in seinen Grundfesten. Die Mikroseismographenarme warfen wildzuckende Zackenlinien auf die rotierenden Streifen. Sun Ham Li schrieb Notizen.

»Eine antizyklonale Luftwirbelströmung, deren Zentrum südöstlich von uns liegt.«

Die Spiegelkreise boten ein schauerlich-herrliches Bild.

Oben auf der Erde mußte ein Schauspiel ohnegleichen vor sich gehen. Mit aller Willenskraft hielt es die Männer hier unten. Die Pflicht, ihre Wissenschaft zwang sie, zu bleiben.

Die Luftbewegung durchlief alle Phasen vom Wind bis zum Sturm, zum Orkan, zum Tornado.

»187 Meter pro Sekunde,« las King Lo erschaudernd. »Das Zentrum nähert sich uns ohne Zweifel mit jeder Sekunde.

Der Ältere zog ihn erregt auf die Seite.

»Das Meer! Sieh das Meer!« rief er, alles erkennend.

Ein kleiner Seitenspiegel warf das Bild hoher Wellen hinab in den Keller. Wenige tausend Meter vor dem Turme wälzten sich haushohe, geifernde Wogen. Wie von einer geheimnisvollen Macht angezogen, stiegen sie zu dem Lichte auf, höher und höher, sich selbst überschlagend und wieder erneuernd. Unheimliche Stille lag in dem Raume des Turmes, tief unter der Erde. Nur wie ein dumpfes, unterirdisches Brausen kam es von außen. In diesem Augenblick fuhr ein zweiter, weit heftigerer Stoß von dem Innern der Erdtiefe hoch. Es war, als schüttele eine Riesenfaust den Planeten der Menschen. Als bräche die Erde aufheulend in Stücke. Wie eine erzene Glocke dröhnten die Wände des betongepanzerten Turmes. Die beiden Japaner wurden wie Bälle zu Boden geschleudert. Mit wehem Schrei sprangen die Federn der feinen Mikroseismographen entzwei. Nur der große, für schwere Beben konstruierte Erdstoßmesser hielt der furchtbaren Gewalt auch noch dieses Mal stand und trotzte. Wie ein klobiges Ungeheuer auf seinen drei stählernen Beinen und seinen gigantischen Sockeln aus Eisenbeton ...

Sun Ham Li raffte sich mühsam empor.

»Der Hauptstoß ... kommt erst noch!« schrie er dem Jüngeren zu. Der erfahrene Gelehrte kannte die Tücke der irdischen Beben.

Die beiden Männer ließen keinen Blick von der drohenden Scheibe. Fieberhaft tastend arbeiteten ihre Hände mechanisch an Hebeln und Schrauben der Meßapparate. Das Meer raste näher und näher und deckte schon über ein Drittel des Spiegels. Mit verheerender Geschwindigkeit schoß das Wasser herüber.

»Die Flutwelle!« keuchte King Lo.

»Über 130 Meter Höhe, und immer –«

Der Satz riß ihm ab, wie zerschlagen.

Im Hauptkreise; der den Himmel gespiegelt, stieg blendende Lohe. Wie Flammen schlug es aus den geschliffenen Linsen. Riesige Funken sprühten zur Erde. Der ganze Himmel war plötzlich wie mit einem Feuernetz überzogen. King Lo hielt sich krampfhaft am Griff der Betonwand. Seine Zähne schlugen laut gegeneinander, so sehr er sich wehrte. Das Grauen kroch widerstandslos in die Herzen.

»Es stürzt senkrecht – senkrecht –!«

Über Sun Ham Li war eine große Ruhe gekommen.

»Nein,« sagte er heiser. »77 Grad Elevation, das sieht wie Zenit aus.«

Das Funkensprühen im Spiegel wuchs wilder und stärker. Nur das laute Atmen der beiden vereinsamten Männer war hörbares Leben. Fast unverändert glühte das Bild in der Linse.

Sun Ham Li hielt die Uhr in der Rechten. Er zählte gelassen, mit ruhiger Stimme.

»5 Sekunden, 10 Sekunden, 20, 40, 50 ... eine Minute, zwei Minuten, drei Minuten, fünf Minuten, zehn Minuten ...«

Plötzlich wankte er leicht. Aus der Scheibe des Spiegels sprang ihn jetzt das Licht wie ein wütendes Tier an. Trotz der starken Schutzbrillen biß sich das glühende Weiß in die schmerzende Netzhaut, im Innersten blendend.

»Es stürzt!« klang es auf wie ein heiseres Ächzen.

Sun Ham Li gab keine Antwort. Die Hand vor den Augen, die Uhr in der Rechten, stand er an der Mauer, das Ende erwartend ...

Einen Augenblick war es, als hole das Todesverhängnis selbst Atem. Eine fürchterliche, herzbeklemmende, im Rasen der Elemente um so schauervollere Ruhe stand zwei Sekunden lang wie ein Gespenst in dem Raume.

Dann aber kam es heran ... unsichtbar ... unvermittelt ... mit der entfesselten Wut der in glühender Lava aufbrodelnden Tiefe – die Nerven zerreißend ...

Ein weißglühender Ball schoß im Spiegel herab ... Das Meer bäumte auf ... Dann – bog sich die vier Klafter dicke Wand des in Stahlbeton dreimal gepanzerten Turmes wie ein weiches, windfangendes Tuch ...!

Mit einem schrillen Laut sprang die gespenstische Hand des großen Erdbebenmessers wild aus ihrem Dreieck und kollerte bis vor die Türe des Kellers. Im Kreischen zerbrechender Strahltraversen barsten die Säulen der Sockel in Stücke ...

Unheimliche Stille folgte dem Tosen. Von den Wänden rieselte staubfeiner Kalk.

Ein kleiner Quecksilberbarometer fiel von der Decke wie ein verspäteter Flüchtling, in Stücke zerschellend. Das Quecksilber lief in unzähligen, winzigen Kügelchen über den Boden zu King Lo hinüber.

Langsam, als erwache er aus einem wüsten Traume, ließ Sun Ham Li die Hand von den Augen. Noch immer schmerzte die Netzhaut. Ein leichter Schleier lag auf der Umgebung. Von Sekunde zu Sekunde wich diese Blendung und schwand endlich gänzlich. Nur ein leichtes Stechen blieb zurück, ein geädertes Brennen.

Der Japaner strich sich über die Stirne, den Raum überblickend.

Was war geschehen? War das Meteor abgestürzt? Warum hatte es nicht die dünne Kruste der Erde durchschlagen, die Menschheit in lodernder Lava verbrennend? Warum lebte er noch? Sein erster Blick galt dem Erdbebenmesser. Er sah die Zerstörung. King Lo saß wie schlafend im Sessel zur Seite. Er atmete sichtbar. Sun Ham Li nickte beruhigt und ging durch das Zimmer. Mechanisch, als handle er noch unter stärkerem Willen, prüfte er Instrument auf Instrument, stets die Endzahl notierend.

»Nehmen Sie mir den Ball von der Nase!« kam es plötzlich gedämpft aus der Ecke King Los. Wie ein Seufzer.

Da ging es wie Sturm durch die Glieder des Alten. Ein krampfhaftes Lachen erschütterte seinen Körper sekundenlang, befreiend, erlösend. Als würfe er einen furchtbaren Albdruck weit fort, reckte er die Arme und ging auf King Lo zu.

»Gut geschlafen, mein Lieber? Der Ball war recht garstig!«

Der Assistent hatte sich aufgerichtet und rieb sich die Augen. Verwundert und fragend blickte er um sich. Unhörbar bewegten sich seine Lippen. Erst langsam, wie tastend, kamen die Worte.

»Aha – ja – Meteor – Ende – Ende –«

Sun Ham Li schlug ihm kräftig auf die Schulter.

»Bravo, richtig geraten. Aber ganz stimmt's wohl auch nicht. Etwas scheint von der Erde da oben doch wohl noch zu stehen. Uns zwei jedenfalls hat das Ding nicht gevierteilt.«

Mit einer aufmunternden Bewegung entnahm er dem Wandschrank die Flasche mit Reiswein und gab sie dem anderen. Hastig stürzte er selbst ein, zwei Gläser hinunter.

Er war ernst geworden. Tiefes Nachdenken stand auf seiner zergrübelten Stirne. Der Jüngere wartete schweigend. Endlich hob Sun Ham Li seine Augen.

»Wie wird es oben aussehen?« meinte er fragend. »Wir werden uns auf ernste Veränderungen gefaßt machen müssen.«

Wie unter einem instinktiven Gefühl wandte er sich nach dem kleineren Spiegel. Ohne ein Wort zeigte er auf dessen kreisrunde Scheibe. Sie war – von tosendem Meer überflutet! Bis zum äußersten Rande des Spiegelbildes brandeten haushohe Wellen. Der Japaner drehte die Schrauben. Das Spiegelbild hob sich und zeigte den Hügel, den Turm, dessen unterstes Stockwerk, die Richtung zur Stadt hin ... Meer. Meer, überall Meer! Alles Land unter Wasser! Wie ein einsames Eiland der Turm in der Hochflut, vom Hügel getragen, im Schutz seiner Stärke ...

»Gehen wir nach oben!« entschied der Direktor und trat in den Aufzug. Lautlos glitt der Lift in die Höhe. Sun Ham Li ließ erst im zweiten Stockwerk des Turmes halten. Vom Balkon des Arbeitszimmers bot sich ein überwältigendes Bild der Zerstörung. Die ungeheuren Luftwirbel des herabstürzenden Meteors hatten das Meer aus den Ufern gehoben. So weit das Auge sah, brandeten Wellen mit schäumenden Kämmen. Bis weit in das innere Land nach der Stadt zu. Nur seiner erhöhten Lage und seinen enorm dicken Mauern verdankte der Turm seine seltsame Rettung.

Sun Ham Li verfolgte die Breite der Flut mit dem Fernglas.

»Das Meer scheint nur die vordersten Teile der Stadt überflutet zu haben. Die Einwohner sind jedenfalls lange Zeit vor der Katastrophe geflüchtet. Übrigens ebbt die Flutwelle schon wieder merkbar zurück. In einigen Stunden dürfte das Land wieder frei sein.«

King Lo nickte. Die gegen den Hügel zurücktreibenden Trümmer der vernichteten Häuser zeigten ihm deutlich die Richtung zum Meere. Das gedämpfte Tageslicht, im ersten Schimmer sanften überirdischen Morgenrots ließ kilometerweit vom Turme alles erkennen.

Plötzlich beugte King Lo sich hinab. Erregt zeigte er nach einer helleren Masse, einem wüsten Gewirr langer Stangen und Trümmer.

Sun Ham Li hatte es auch schon bemerkt. Langsam kam es von draußen herüber, wie ein schwimmender Kahn. Von Sekunde zu Sekunde wurde es deutlicher sichtbar. Es hatte die Richtung genau auf den Turm zu.

»Das Dach eines Hauses?« fragte Sun Ham Li zweifelnd.

»Ich glaube, ein Auto – nein –«

»Holla, – ein Flugzeug ...!«

»Ein Flugzeug im Wasser! –«

»Mit lebenden Menschen –«

»Man winkt uns von drüben –«

Im gleichen Gedanken stürmten sie beide die Treppe hinunter, ohne den Aufzug zu nehmen. Sun Harn Li riß die Turmtüre auf. Das Meer spülte metertief unter dem Eingang, am Kamme des Hügels. Mit einer Fahne gab King Lo Signale –.

Das seltsame Fahrzeug war näher gekommen. Kaum 500 Meter entfernt von dem Turme trieb es auf den Wellen. Die Kabine des Flugzeugs hielt es über Wasser. Zwischen den zerbrochenen Tragflächen stand ein einzelner Mensch und winkte nach oben. Als er sich bemerkt sah, zog er das Tuch ein und beugte sich seitwärts.

»Er gebraucht den zerschmetterten Flügel als Steuer!« rief Sun Ham Li, jede Wendung verfolgend.

Ruhig, wie auf der Fahrt nach dem Hafen, zog draußen das zierliche Floß auf den Turm zu. Man erkannte jetzt jede Einzelheit des Gestänges. Die beiden Japaner machten sich eifrig bereit, mit Stangen die Landung des Kahnes zu erleichtern. Es war nicht mehr nötig. Mit einem gewandten Sprung setzte der Mann an das Ufer, die schmale Kabine am Turme verankernd. Mit großen Schritten kam er den Hügel herauf. Er trug um den Kopf eine blutige Binde.

»Guten Morgen!« sagte er lächelnd auf deutsch. Dann wiederholte er den Gruß in Esperanto. »Die Herren verzeihen die taufrische Störung. Angesagt hatte ich mich zwar schon durch Funkspruch, aber das Meteor – Walter Werndt ist mein Name.«

Über Sun Harn Lis gelbes Gesicht lief freudiges Staunen. In unverkennbarer Bewunderung schaute er zu der blonden Reckengestalt des Mannes hinauf, die ihn mehr als kopfhoch überragte.

»Walter Werndt?« wiederholte er, um sich zu sammeln. Die Begegnung kam ihm zu plötzlich.

»Der Chemiker Werndt? Der Befreier von Deutschland Siehe »Der Kampf ums Gold«. Roman von Reinhold Eichacker.

Der Ankömmling nickte und gab ihm die Rechte.

»Und wie ich vermute, Professor Sun Ham Li?«

Der Japaner überhörte die Frage. Erregt zeigte er auf das Flugzeug.

»Dann ist das da unten wohl ...?«

»Eindecker ›Falke‹, mein neuestes Flugzeug.«

»Und lebt Mister Earthcliffe?«

»Die ganze Besatzung. Betäubung, nichts weiter. Wir gerieten beim Absturz heute in einen Wirbel, wurden vom Sturm in das Meer hier gedrückt, und müssen wohl in besinnungslosem Zustande die Eilfahrt auf der Flutwelle nach Yokohama mitgemacht haben. Ich erwachte zuerst, sah, daß die ganze Besatzung noch lebte, verband meine harmlose Schramme am Schädel, machte mir aus einem Flügel des Flugzeugs ein Steuer, und benutzte die Ebbe, die bald darauf eintrat, um Sie mit dem wackeren Falken zu suchen. Hoffentlich kommen wir den Herren nicht zu zeitig zum Frühstück.«

Die kleinen Schlitzaugen des Japaners waren größer und größer geworden. Heller Sonnenschein stand in den Gläsern der Brille. In einer impulsiven Aufwallung reichte er Werndt beide Hände.

»Bansai!« sagte er tief und von Herzen. »Es klingt wie ein Märchen!«

In ehrlicher Bewunderung verbeugte sich King Lo. Ihm fehlten die Worte.

Werndt wehrte bescheiden ab.

»Es klingt wie ein Märchen, gewiß. Der Zauberer war das Meteor, nicht ich. Was ich tat, war nichts Neues. Nur mein tüchtiger Falke starb nach einer Großtat. Doch darüber später. Darf ich die Herren jetzt bitten, mir bei der Erweckung der Freunde zu helfen.«

Hilfsbereit machten sie sich an die Arbeit. Die kleine Gestalt des greisen Earthcliffe wurde zuerst aus dem Flugzeug gehoben. Leicht zusammengekauert lehnte er gegen die Mauer des Turmes und schlief leise atmend. Dann folgte Nagel und nach ihm Don Ebro. Als Werndt Miß Mabel behutsam heraustrug, traf er auf den fragenden Blick des Japaners.

»Die Tochter – Miß Earthcliffe,« erklärte der Deutsche. »Dieser junge Ingenieur dort ist ihr Verlobter. Und das dort sein Diener, ein Heldensohn Spaniens.«

Sun Ham Li bemerkte ein leichtes Lächeln im Antlitz des Sprechers und wollte schon fragen. Aber Werndt wich ihm aus. Mit einer geübten Bewegung goß er ein wenig Essenz auf die Hand aus. Ein scharfer, beißender Geruch stieg hoch. Werndt rieb die Flüssigkeit den Schlafenden nacheinander unter die Nase und über die Schläfen. Es wirkte augenblicklich.

Doktor Nagel schlug zuerst die Augen auf. Blinzelnd, mit tränenden Lidern, blickte er um sich. Mit heftigem Erschrecken sah er die leblose Haltung Miß Mabels. Werndt nickte ihm aufmunternd zu.

»Schon alles in Ordnung. Und gleich wird gefrühstückt.«

Mit einem Satz sprang der Ingenieur auf die Beine. Er hatte begriffen und wollte gleich helfen. Doch sofort faßte ihn Schwindel. Er wankte. Werndt fing ihn auf.

»Nur langsam, mein Lieber!« mahnte er lächelnd. »Es hat keine Eile. Es hetzt uns kein Stern mehr.«

Die beiden Japaner bemühten sich um Mister Earthcliffe.

»Potz x hoch dreizehn!« kam's von seinen Lippen. Dann schlug er den Blick auf. Sofort, ohne die geringste Frage, erkannte der berühmte Mathematiker die Situation, wie ein Rechenexempel. Er war noch zu schwach, um sich selbst zu erheben. Mit einem dankbaren Leuchten der blauen Kinderaugen folgte er dem Tun seiner beiden Erwecker.

Nagel bemühte sich um die Geliebte. Sie schlief leise atmend, mit zitternden Wimpern.

»Nehmen Sie das Riechfläschchen, Sennor,« sagte eine ruhige Stimme.

Überrascht fuhr Nagel herum. Er blickte in das gelassene Faltengesicht Don Ebros. Ohne ein Wort der Erregung oder des Staunens hatte der Spanier sich selbst erhoben und bot seine Hilfe.

Nagel konnte nicht anders. Er hieb ihm vor Rührung die Faust auf die Schulter. Der Spanier verzog keine Miene. Als sei ihm das alles alltäglicher Vorgang.

Von Mabels geöffneten Lippen kam es wie Seufzen. Langsam richtete sie sich in den Armen Nagels halb auf. Ihr gelocktes, blondes Haar fiel aufgelöst, wie ein leuchtender Mantel um ihr klassisch geschnittenes Gesicht, das in seiner Blässe noch rührender aussah, und über die zarten gerundeten Schultern.

Langsam, langsam, als kehre sie aus einer anderen Welt auf die Erde zurück, schlug sie die herrlichen Blauaugen auf und senkte den Blick in den des Geliebten.

»Ich – bin – so – glücklich –!« sagte sie träumend. In einem Gefühl der Rührung wandten die Männer sich ab.

»Ich glaube, wir sind hier überflüssig geworden,« sagte Sun Harm Li leicht lächelnd. »Mister Nagel genügt wohl. Darf ich die Herren jetzt bitten, zum Turmhaus zu folgen.«

* * *

Wenige Stunden hatten genügt, der »Falken«besatzung ihre alte Spannkraft und Lebensfrische zurückzugeben. In bequemen Klubsesseln saßen die Gäste im Teeraum des Seismo-Jap-Turmes, den Vorfall besprechend. Werndt überließ die Schilderung des eigenen Erlebens Doktor Nagel. Dieser entledigte sich seiner Aufgabe mit solcher Anschaulichkeit und Freude, daß selbst die kühnen Gesichter dar Japaner vor Aufregung zuckten. Der Verrat Mister Wepps, die Erregung Newyorks, die Panik der Börsen war ihnen natürlich bekannt. Nicht aber der Sturm auf die Sternwarten, der Kampf in den Lüften, die Panik des Volkes. Der Zusammenstoß des Meteors mit dem Eiskörper war in Japan tatsächlich unsichtbar geblieben. Nur Werndts kurzer Funkspruch hatte Meldung gebracht. Als Nagel von der Rekordfahrt des Falken erzählte, von dem Wettflug mit der entwichenen Nacht, sprangen beide Japaner wie auf einen Wink auf. Die gewaltsam zurückgehaltene Erregung äußerte sich in einer Flut japanischer Ausrufe und Fragen. Immer wieder kehrten ihre Blicke zu Werndt zurück. In ehrfürchtiger Andacht, wie zu einem Zauberer, staunend, fast furchtsam.

Werndt brach die folgende Stille kurz ab.

»Ich glaube, die Herren sind jetzt genügend im Bilde. Sie haben Ihre Sache ausgezeichnet gemacht, lieber Nagel. Wie Scheherazade. Wenn Herr Sun Ham Li erlaubt, wollen wir uns nun wieder der Zukunft zuwenden. Ist Ihnen schon etwas über die Folgen der Katastrophe bekannt? Über den Weg des Meteors, über den Ort seines Absturzes?«

Wie als Antwort brummte plötzlich der Summer des drahtlosen Telefons. Sun Ham Li griff selbst nach dem Hörer und horchte. Er winkte King Lo mit der freien Hand näher. Der Assistent rückte ihm einen Schreibblock heran. Sun Ham Li notierte, die anderen schwiegen, das Wichtige ahnend. Minutenlang hörte man nichts als das Summen des Hörers, ab und zu unterbrochen von Fragen und Rufen des alten Japaners. Werndts Miene verriet Erstaunen und äußerste Spannung. Endlich legte Sun Ham Li den Hörer beiseite.

»Die erste Nachricht der Tokiowarte,« sagte er, seine Notizen nochmals überfliegend. Aus allen Teilen der Erde trafen Funksprüche ein, daß die Katastrophe mit Glück überstanden. Man nimmt's wie ein Wunder. Die Menschen kommen langsam wieder aus Löchern und Kellern. Ergreifende Szenen der Wiedersehensfreude auf Straßen und Plätzen. Man hält Dankgottesdienste in Asien und Europa, in Amerika und Afrika – wo Menschen wohnen.«

Nagel wollte ihn unterbrechen, doch Werndt winkte ruhig.

»Ein größerer Schaden scheint nirgends gemeldet. Außer Materialschaden, der durch die enormen Versicherungen natürlich gedeckt ist. Einige hundert Menschenleben durch Überschwemmung und Stürme, einige tausend Wahnsinnsfälle aus Angst scheinen die einzigen größeren Opfer gewesen zu sein. Gegenüber dem befürchteten Erduntergang wirklich kleine Verluste. Es ist wie ein Wunder und ohne Erklärung.«

Werndt beugte sich vor.

»Und der Ort des Absturzes?«

»Ist bis jetzt nicht bekannt. Jedenfalls fiel das Meteor weit jenseits des japanischen Horizonts nieder. Trotzdem hat es uns stürzend gestreift. Ein meteorischer Block von rund zweieinhalb Kubikmetern Inhalt liegt vor dem Regierungspalast von Tokio, in unserer fühlbarsten Nähe. Ich habe sofort angeordnet, daß eine starke Wache den Block gleich umstellt und daß den Findern weiterer Bruchstücke das Gewicht in Silberscheidemünzen ausgezahlt werde.«

Werndt nickte befriedigt.

»Das ist ungemein wichtig. Diese Quantitäten könnten vielleicht genügen, das Geheimnis des Meteors endlich zu lösen. Es wird ungeheuere Aufgaben stellen.«

Sun Ham Li horchte auf.

»Sie sprechen von Geheimnissen. Sie betrachten das Rätsel des Meteors mit seinem Absturz also nicht als erledigt?«

Der berühmte Chemiker sah ihn einen Augenblick schweigend an. Jeder Muskel seines Gesichtes zeigte intensivstes Nachdenken.

»Das Geheimnis gelöst? Nein. Es beginnt erst. Mister Earthcliffe wird Ihnen als Astrophysiker wohl die beste Erläuterung geben.«

Earthcliffe räusperte sich und verschränkte die Hände.

»Was wir bisher positiv wissen, ist schnell gesagt. Denn es ist noch wenig. Festgestellt ist vor allem ein ganz eigentümliches Verhalten des Meteors in bezug auf seine Strahlungen und Emissionen. Seit es durch Werndts ultrachromatische Platte gelungen ist, ein Spektrum sowie ein Bild des Meteors zu erhalten, haben wir auf der Michigansternwarte einige Tausend solcher Aufnahmen gewonnen und auch vermessen.«

»Und die Ergebnisse?«

»Ich möchte vorläufig nur von dem Gesamteindruck sprechen. Und der ist verblüffend. Außer allen hochinteressanten Nachweisungen der uns bereits bekannten Stoffe oder chemischen Elemente wie Eisen, Chrom, Nickel, Silber, Platina, Gold, Kupfer und Natrium stellten wir in diesem Meteor eine ganz neue und ganz und gar unbekannte Strahlungsenergie fest. Wohin wir auch sonst blicken mögen, nirgendwo auf der Erde oder dem fernsten Gestirn begegneten wir bisher ähnlichen Emissionen wie diesen.«

Die beiden Japaner waren aufgesprungen. Sie ermaßen voll die Bedeutung dieser aufsehenerregenden Entdeckung. Unwillkürlich sprachen sie auf japanisch auf den Mathematiker ein.

Earthcliffe ließ sich durch ihre Erregung nicht stören.

»Das Meteor muß ein vollständig neues Element enthalten, das bisher weder von den Chemikern noch von den Astrophysikern der Erde nachgewiesen wurde, und dessen Bedeutung die aller bekannten Elemente und Stoffe wohl weit übertrifft.«

Werndt wandte sich dem Sprechenden zu.

»Und was das Wichtigste ist: dieses rätselhafte Meteor ist seit einigen Stunden im Bereich unserer Erde, liegt uns greifbar zur Hand ...!«

Ein weltferner Ausdruck lag in seinen sonst stahlharten Augen.

»Es müßte eine Aufgabe für einen Chemiker sein ...!«

Er vollendete den Satz nicht.

Sun Ham Li sah ihn besorgt an.

»Sie denken jedenfalls an die Möglichkeit der chemischen Untersuchung. Sind Sie sich darüber klar, daß der kühne Forscher, der sich an dies Geheimnis heranwagt, täglich, stündlich sein Leben aufs Spiel setzt? Daß er ahnungslos den grauenhaften Emanationen des unbekannten Stoffes ausgesetzt ist?«

Werndt nickte bejahend.

»Ich weiß es.«

Das Telefon summte. Sun Ham Li nahm den Hörer und schrieb die Notizen.

»Neue Nachrichten über den Absturz!« sagte er eilig. »Berichte der meteorologischen Zentralen auf Hawai und in den Aleuten. Sie stimmen mit unseren Beobachtungen gut überein. Meldungen von 43 Schiffen aus neun Nationen, die sich im Augenblick der Katastrophe weniger als 1000 Kilometer von deren Zentrum befanden. Am nächsten war der Einsturzstelle ein deutsches Frachtschiff ›Minerva‹, das etwa 240 Kilometer entfernt, von der 120 Meter hohen Flutwelle zum Kentern gebracht wurde. Die Insassen sind bis auf sieben gerettet.«

Earthcliffe hatte einen Atlas geholt. Die Gelehrten beugten sich über die Karten. King Lo trug die Linien ein. Aus den Richtungen, in denen die verschiedenen Schiffe das Meteor hatten abstürzen sehen, ergab sich durch Auftragen der Azimutwinkel immer klarer der Schnittpunkt ...

Die Japaner sahen sich überrascht an.

»Also dies die Erklärung! Die Rettung der Erde ...«

»9634 Meter Meerestiefe!« sagte Werndt, seltsam ruhig. »Das Meteor fiel in die tiefste Stelle der Ozeane der Erde!«

»Und was nun?« fragte Nagel.

Über Werndts Adlerprofil flog ein heiliges Leuchten.

»Auf nach Tokio! Und zur Lösung des Rätsels!«

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