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Reinhold Eichacker: Panik - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titlePanik
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201509
projectidf48642f6
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Das zierliche Flugzeug Werndts landete in glattem Gleitflug vor dem verlassenen Wohnhaus der Michiganwarte. Mit kühlem Blick sah der Ingenieur auf das groteske Bild der entfliehenden Massen. Als sei ein reißender Strom über die Ufer getreten, war das weite Feld durchwühlt von schwarzschäumenden Bächen wild hetzender Menschen.

Aus dem geöffneten Tore des Sonnenturmes eilte erlöst die Besatzung. Mit glückstränenden Augen stürzte sich Mabel in die Arme ihres totgeglaubten Vaters. Earthcliffe strich ihr beruhigend über das Haar. Seine blauen Kinderaugen leuchteten dankbar.

»Ja, Kind, das ging diesmal verteufelt ums Ganze! Wenn der da drüben nicht gewesen wäre ...«

Mabel ging glücklich auf Werndt zu und nahm seine Hände mit herzlichem Druck in die ihren.

»Ich werde Ihnen dies niemals vergessen,« sagte sie schmucklos. In ihrem schönen Gesicht stand der Dank ihres Herzens.

Werndt gab den Druck ihrer Finger zurück.

»Freuen wir uns, daß die Rettung gelungen. Neue Aufgaben warten.« Unbeweglich, wie eine blendende Sonne stand das Meteor hoch am Himmel, in furchtbarer Drohung. Nagel blinzelte lachend nach oben.

»Scheußliches Gefühl – solch ein Ding überm Nacken zu haben!«

Mit hastigen Schritten gingen die Männer zum Sternturm. Earthcliffe eilte sofort an das Riesenteleskop der Michiganwarte. Bis tief in die Erde bohrte sich der Schacht des über 100 Meter langen Rohres, dessen 200zöllige Linse die Lichtstrahlen auf riesigen Spiegeln brachen und sammelten. Er ging an das Leitrohr. Vorsichtig wählte er ein Dämpfglas = Keilokular, und stieß den Keilschieber in den Tubus. Mit einem zweiten Griff schloß er die Irisblende des Objektivs auf ihre geringste Öffnung. Bei der ungeheuren Lichtstärke des Boliden war die Beobachtung ohne diese Vorsichtsmaßnahmen unmöglich. Ohne das Auge vom Glase zu lassen, gab er Werndt seine Ergebnisse weiter. Gelassen, als handle es sich um eine alltägliche Sache, drehte er an den zahlreichen Schrauben und Schaltern.

Werndt winkte Nagel herbei und gab ihm die Daten. Er mußte zweimal rufen, so sehr war der Jüngere mit Mabel Earthcliffe beschäftigt. Der Ingenieur sah es und lächelte heimlich.

»Mir scheint, lieber Freund, Sie haben schönere Sterne gefunden!«

Nagel sah ihm mit leuchtendem Blick in die Augen und lachte als Antwort.

»So ist es. Und wenn das Meteor trotz dieser Sterne uns heute nun doch noch samt unserer alten, so herrlichen Erde zerschlägt, dann will ich nicht wissen, was Dusel gewesen. Mir ist es so gar nicht zum Sterben zumute.«

Der Ältere nickte ihm zu. Eine flüchtige Trauer stieg in seine Züge beim Anblick der beiden.

»Hoffen wir also auf Ihren Dusel!«

Mabel kam langsam nach vorne.

»Wie erklären Sie sich diesen furchtbaren Vorgang, den wir soeben sahen?« fragte sie leise.

»Ich bin Anhänger der kosmotechnischen Weltanschauung, Miß Earthcliffe. Nach dieser Lehre kreuzen im interplanetarischen Raume neben zahllosen heliotischen Meteoren auch ebenso unzählige Welteiskörper von gewaltigen Dimensionen. Die kleineren dieser Eiskörper erzeugen beim Einschießen in die Erdatmosphäre die Hagelwetter, die größeren jene furchtbaren Paroxismen wie Taifune, Zyklone und die ganz großen Wetterstürze. Furchtbar ist die Wirkung der größten dieser Eiskörper im Weltall. Wenn sie in Spiralellipsen gegen die Sonne geschrumpft sind und im letzten Perihelium, im steileren Ast ihrer Bahn, in den Sonnenglutball eindringen, so entstehen die gewaltigen Erscheinungen, die wir seit Jahrhunderten auf unserer Sonne beobachten!«

»Sie sprechen von den Höhenprotuberanzen?«

»Gewiß. Diese und die oberflächlicheren photosphärischen Wasserstofferuptionen haben in den Eiskörpern ihren Ursprung. Außerdem aber auch die Tiefenprotuberanzen und im allergrößten Ausmaße selbst die Sonnenflecken.«

Mit einem heimlichen Frösteln sah Mabel zu dem leuchtenden Körper hinauf. Werndt folgte ihren Blicken.

»Diese Blöcke zur Sonne hinstrebenden Roheises, die aus Milchstraßenfernen gegen die Sonne gravitieren, und deren Durchmesser bis zu einem Kilometer und mehr betragen mag, können von der Erde, je nach ihrer Bahnlage, ebensowohl rechtläufig wie rückläufig eingefangen werden. Das heißt, sie können durch die anziehende Kraft der Erde aus ihrer zur Sonne gerichteten Bahn abgelenkt, gezwungen werden, als Kleinmonde um sie zu kreisen. Und zwar entweder im Umlaufsinne unseres Mondes ›Luna‹ oder rückläufig wie die verkehrt laufenden Trabanten des Jupiter.«

»Sind diese Eisblöcke denn niemals zu sehen?«

»Im allgemeinen sind sie nicht sichtbar. Aber ihre Existenz wird durch ihr Aufleuchten als Sternschnuppen unbezweifelbar bewiesen.«

»Und Sie nehmen nun an, daß solch ein Eisbrocken mit dem Meteor zusammengestoßen sein könnte?«

»Das ist für mich sicher. Irgendein Unstern muß ihn geradenwegs auf unseren Boliden zugelenkt haben. Anders ist diese furchtbare Erscheinung nicht gut zu erklären. Wahrscheinlich hat dieser Eiskörper keine geringeren Dimensionen gehabt als unser Bolide. Der Zusammenstoß führte dann zu der furchtbaren Explosion, die wir sahen. Millionen Kubikkilometer Wasserdampf, die sich teilweise thermotechnisch in Wasserstoff und Sauerstoff zersetzten, vereinigten sich gerade im kritischen Gewichtsteile durch den Brand des bei ungemessener Temperatur erglühenden Boliden zu einer entsetzlichen Knallgasexplosion.«

Mabel dachte aufmerksam nach.

»Aber die plötzliche Verkleinerung des Meteors?«

»Sie beruhte zum Teil auf optischer Täuschung. Das Meteor hatte sich offenbar zu einer kondensierteren Konsistenz eines Glasschmelzflusses zusammengezogen, in der es dann, gleich dem Kalziumzapfen des Kalklichtes in blendender Weise erstrahlte. Ähnlich etwa wie eine Boraxperle auf der Platinöse im Laboratorium. Auch die bläht sich zuerst auf und schmilzt dann zu einem glasklaren Tröpfchen zusammen. – Der im Widerscheine der Meteorglut leuchtende Wasserdampf zerstob allmählich und verschwand endlich ganz. Offenbar hatte der kosmische Eisbrocken sein Ende gefunden. Leider nicht, ohne seine unglückselige, rückläufige Tangentialgeschwindigkeit zu der des Meteors hinzuaddiert zu haben. Die rückstoßende Kraft des Eisbrockens scheint dabei ein wenig überwogen und dem Meteor eine nur ganz geringe rückläufige Tangentialgeschwindigkeit gegeben zu haben.«

Earthcliffe fingerte an seinem Rohre und nickte.

»Stimmt. Die Geschwindigkeit ist kaum größer als Null.«

Nagel kam interessiert näher.

»Läßt sich der Absturz berechnen?«

Earthcliffe fuchtelte erregt mit den Armen.

»Berechnen! Berechnen? Potz Wurzel aus dreizehn! Wo alle rechnerischen Elemente fehlen, keine Beobachtungsdaten zu erlangen sind und selbst die notwendigste Zeit fehlen würde! Rechnen, bei dieser Geschwindigkeit der Bewegung? Können Sie die Bahn einer auf Sie abgeschossenen Granate berechnen, um schnell zu entscheiden, ob Sie getroffen werden, oder ob der Schuß zu kurz oder zu weit geht? Damit Sie hübsch ausweichen können? Ehe Sie die Logarithmentafel aufgeschlagen haben, sind Sie des Teufels. Vorwärts, Sie kosmischer Sportfex, geben Sie noch schnell einen Funkspruch an die verehrten Mitmenschen draußen:

›Das Meteor stürzt sich gegen die Erde. In wenigen Stunden ist alles vorüber. Es ist unberechenbar, wohin es fallen wird.‹

Die Leute sollen doch noch einen Abschiedsgruß haben für ihre Gesinnung.«

Nagel rührte sich nicht.

»Die Funkspruchzentrale drüben liegt in Trümmern. Außerdem würde kein Mensch unseren Funkspruch beachten. Das Pack sitzt im Keller.«

»Damned!« knirschte Earthcliffe. »Nicht mal diese Quittung!«

Werndt legte ihm ernst seine Hand auf die Schulter.

»Ich werde Ihnen eine größere Genugtuung geben.«

Der kleine Professor schielte ihn mißtrauisch an.

»Und das wäre?«

»Niemand weiß, ob wir, ob die Menschheit die nächsten Stunden überleben wird. Der Tod erwartet uns hier ebensogut wie an anderem Orte. Ich glaube nicht an einen Untergang der Erde. Was auch kommen mag, irgendwo wird das menschliche Leben sich sicher erhalten. Dieser überlebenden Menschheit möchte ich dienen. Ich will den Absturz des Meteors kinematographisch aufnehmen, und zwar aus dem Flugzeug. Zu diesem Zweck ist es mir erwünscht, das Flugzeug so zu steuern, daß ich das Meteor von dem Aufstiegmomente ab nicht aus dem Horizont verliere. Wir haben jetzt Morgengrauen in Neuyork. Da der Morgen von Osten nach Westen vorschreitet, erlebt Japan dies gleiche Morgengrauen erst zehn Stunden später. Mein ›Falke‹ wird den Weg in weit kürzerer Zeit zurücklegen. Wir werden deshalb mit äußerster Geschwindigkeit nach Westen, nach Japan fliegen. Schneller als die Erde sich dreht. Wir werden der nach Westen weichenden Nacht, die wir eben erlebten, folgen und sie mit meinem ›Falken‹ einholen, ja sie zu überholen versuchen.«

Mit einem Satz sprang Earthcliffe aus dem Sessel. In unverhohlener Bewunderung starrte, er zu dem Gelehrten hinauf, der selbst in dieser Stunde nur den einen Gedanken hatte, der Erforschung des Kosmos zu dienen.

»Und dazu – dazu – wollen Sie –?« stotterte er, seine Erregung beherrschend.

»Dazu will ich Sie mitnehmen. Und auch dieses Paar hier, sofern es bereit ist.«

»Dieses Paar

Mit grenzenlosem Erstaunen sah Earthcliffe auf Mabel und Nagel. Wie in überwältigendem Ansturm ihrer Empfindungen sanken sie sich in die Arme. Mabels herrlicher Kopf legte sich tief hintenüber und reichte die blühenden Lippen dem Manne zum Kusse.

»Ich gehe dorthin, wohin du gehst!«

Da lief ein glückliches Leuchten über die gequälten Züge des greisen Gelehrten. Ohne eine Erklärung zu fragen, mit einem hellen Blitzen seiner blauen Kinderaugen legte er die Hände der beiden Liebenden ineinander. Seine Stimme zitterte leise vor Rührung.

»Niemals seit der Entstehung der Erde ward einem Menschenpaare eine seltsamere Hochzeitsreise als diese!«

Werndt hatte sich lautlos entfernt und kam nun in Flugkleidung wieder ins Zimmer. Die anderen rüsteten sich zum Aufbruch. Nagel sah sich unschlüssig um, als suche er jemanden.

»Ich möchte ihm noch Lebewohl sagen.«

In der Türe stand eine dunkle Gestalt, unbeweglich und wartend. Der eine Fuß war leicht vorwärts geschoben, als ging es zum Tanzen.

Nagel eilte auf ihn zu.

»Da bist du ja, Bester!«

Don Ebro wich brummend zurück.

»Signor Nagel will seinen Diener verlassen?«

In peinlicher Verlegenheit suchte sich Nagel zu wehren. Die Treue des anderen ging ihm zu Herzen.

»In wenigen Stunden, mein Freund, sind wir vielleicht alle im Jenseits. Laß dir Dank sagen und Lebewohl. Mich erwartet das Flugzeug. Ich kann nicht mehr bleiben.«

Zum ersten Male kam Leben in das Faltengesicht des Spaniers. Seine Züge verzerrten sich krampfhaft zu einer Grimasse. Man wußte nicht, ob er lache oder weine.

»So wird auch Don Ebro im Flugzeuge sterben. Ein Spanier verläßt seinen Herrn nicht im Tode.«

»So begreife doch, Bester, es ist doch nicht möglich! Wir sind schon zu vieren.«

Rührung über die Treue und Ärger über die Hartnäckigkeit des anderen kämpfte in seiner Stimme. Unschlüssig sah er auf Earthcliffe. Walter Werndt trieb zur Eile.

»Es ist gut,« sagte er gütig. »Don Ebro soll kommen. Mein Flugzeug faßt sechs Personen, wenn's not tut.«

Die Falten im zerrissenen Gesicht des Spaniers ordneten sich langsam. Mit selbstverständlicher Würde zog er den Fuß an und verbeugte sich dankend und tief vor dem Deutschen. Dann warf er den Mantel mit Schwung auf die Schulter, als sei es der Schal eines Toreros im Stierkampf und folgte gemessenen Schrittes zum Flugzeug.

* * *

Zur gleichen Stunde, als das Flugzeug Werndts sich in die Lüfte erhob, erwachte Wepp aus einer tiefen Betäubung. Ein plötzliches Überschlagen seines abstürzenden Vierdeckers hatte ihn in weitem Bogen aus dem Führersitz geschleudert. Wenige Sekunden, bevor sein Riesenapparat mit seinen Insassen auf einem Steinhaufen der Landstraße zerschellte.

Mit irrem Blick sah Wepp um sich. Unheimliche Stille lagerte über den Häusern und Straßen der Vorstadt. Ein heftiger Schmerz ließ ihn zusammenfahren. Unwillig tastete er über seinen Körper und über seine Stirne. Blutbedeckt zog er die Hand zurück.

»Damned,« fluchte er vor sich hin. Dickes Blut lief ihm aus der Stirnwunde über die Augen. Seine Kleider waren zerrissen. Er nahm einen Tuchfetzen und band ihn sich um den Schädel. Stöhnend richtete er sich in die Höhe. Mit tausend schneidenden Messern stach es in seiner rasselnden Brust. Wie unter einem Trommelwirbel brummte sein Kopf. Ein heftiger Schwindelanfall packte ihn wie ein Sturm, doch er biß die Zähne zusammen und überwand ihn. Eine dunkle, rauchige Masse fesselte seine Aufmerksamkeit. Mühsam, Schritt vor Schritt setzend, steuerte er darauf zu. Die noch brennenden Trümmer seines Flugzeuges streckten ihm ihr verbogenes Gestänge entgegen wie gierige Krallen. Er erkannte es nicht. Mit starrem Ausdruck in den blutunterlaufenen Augen stierte er auf das Gewirr schwarzer Drähte und glimmender Hölzer. Zerrissene Menschenkörper lagen dazwischen. Mit klaffenden Wunden und verzerrten Gesichtern, blau aufgedunsen, die Glieder verkohlt ...

Wepp gröhlte verständnislos auf. Ein grelles, unheimliches Lachen, wie heiseres Wiehern.

»Alles schläft noch! Alles schläft noch – diese närrischen Kerle.«

Kopfschüttelnd kletterte er über den Graben zur Straße hinüber. Instinktiv orientierte er sich nach den Häusern und Türmen und taumelte wankend in Richtung zur Vorstadt.

Kein Mensch begegnete ihm auf dem Wege. Ausgestorben lagen die Straßen. Als habe eine mächtige Hand alles Leben vernichtet, standen die Häuser mit offenen Türen. Körbe, Stühle, Tische, Kleider lagen wirr ringsumher. Matratzen klemmten sich zwischen den Gängen. Ein Kinderwagen stand mitten im Weg. Ein räudiger Köter hatte es sich in ihm bequem gemacht und glotzte mit wütenden Augen den Mann an.

Wepp nickte ihm leutselig zu.

»Gut so, mein Lieber! Ich sehe, wir wachen. Alles schläft sonst. Die Bande!«

Auf einem großen Platz mußte Markt gewesen sein. Die Zelte und Buden standen noch Reihe um Reihe. Viele ganz unberührt. Andere waren umgeworfen, zerrissen. Körbe, Kisten, Blechbüchsen, zerbrochene Fensterscheiben lagen quer über der Straße. Eine ganze Meute von Hunden und Katzen wimmelte zwischen den Trümmern und raufte sich wütend um schmutzige Fetzen von Fleisch oder Fischen.

Wepp nahm eine Kiste mit Obst und warf ihre Äpfel in den kämpfenden Knäuel. Zähnefletschend knurrten die Tiere ihn an. Dann rauften sie weiter.

Vor einem großen Gebäude stand ein prächtiges Auto.

»Gut, mein Sohn,« nickte Wepp, als habe er es nicht anders erwartet. Würdevoll, trotz seiner stechenden Schmerzen stieg er auf den Führersitz und setzte den Motor automatisch in Gang. Langsam bewegte der Wagen sich zwischen den Häusern.

»Die Kerle schlafen noch!« grinste Wepp vor sich hin und schaltete eine höhere Geschwindigkeit ein.

Je tiefer er in die innere Stadt kam, desto unheimlicher wurde ihr Aussehen. In einigen Straßen mußten erbitterte Kämpfe stattgefunden haben. Zahlreiche Leichen lagen umher, wütend ineinandergekrallt, das Messer im Leibe des Gegners noch krampfhaft umschlossen. Ein Paar hatte sich fest ineinander verbissen, wie fauchende Katzen.

Wepp machte sich ein Vergnügen daraus, seinen Wagen über die Leichen zu lenken.

»Patsch!« machte er, wenn der Wagen leicht hupte. Blut und zerquetschte Hirnmasse Floss aus den schneidenden Speichen des Autos.

»Patsch! Nummer zehn. Immerzu. Alles schläft noch. Die Kerle! Hoppla!« lachte er auf, als der Wagen einen Sprung machte. Ein totes Pferd kugelte sich nach der Seite. Beinahe wäre das Auto gegen eine Mauer gefahren.

»Achtung! Ausweichen!« schrie Wepp und trampelte auf der Signalhupe des Fahrzeuges. Dröhnend, heulend zerriß ihr Gelärme die Stille der Straßen und brach sich unheimlich an den Wänden der Mauer.

Um eine Ecke starrte ein bleiches Gesicht. Mit flatternden Röcken rannte ein buckliges Weib wie gehetzt durch die Straße. Gierig und ruckend zog es einen Sack hinter sich her. Er klirrte metallisch.

»Hallo!« rief Wepp und hob seine Hand. »Schöne Frau, sei willkommen!«

Die Alte blickte nur geifernd zurück und verschwand wie ein Spuk in dem seitlichen Keller.

»Es spukt! Es spukt!« grinste Wepp vor sich hin. Wieder dröhnte sein Signalhorn auf, daß die Hauswände schrien.

Langsam hereinbrechende Dämmerung legte sich über die Dächer. Ohne ein Ziel fuhr Wepp durch die leblosen Straßen. Ab und zu winkte er einem Hause kurz zu, als begrüße er einen alten Bekannten.

In einem riesigen Park bemerkte er Licht. Das Tor stand weit offen. Ratternd fuhr er hindurch. Ein palastähnliches Gebäude war von Licht übergossen. Alle Fenster waren elektrisch erleuchtet. Laute Musik stieg aus dem Innern hoch.

»Lustig! Lustig!« fletschte Wepp, seinen Wagen hart bremsend. »Ich werde erwartet.«

Würdevoll, in theatralischer Pose stieg er vom Trittbrett herunter und ging über die marmorne Treppe nach innen. Die Musik zeigte ihm den Weg. Sie führte ihn zu einer breitflügeligen Türe. Er öffnete sie. Blendende Lichtflut schlug ihm entgegen. Ein riesiger Saal war zur Feier geschmückt. Um einen langen Tisch, der mit kostbaren Geräten und Speisen bedeckt war, waren breite Ruhebetten gestellt. Etwa zwanzig Menschen lagen dort singend herum. Männer und Frauen. In phantastischen Kleidern, in Maskenkostümen. Betrunken vom Weine. Ihre Gesichter waren gerötet, ihre Augen glänzten in heftigem Fieber. Ein dämonisch schönes Weib tanzte in der Mitte des Saales einen rasenden Tanz.

Schreien, Jauchzen, Gläserklingen begleitete die exotische Musik. Zurufe gröhlten ihr zu. Man warf sie mit Blumen. Ein junger Bursche in griechischem Gewände zerriß sich aufheulend die Kleider und sprang zu dem Weibe. Ein bacchantischer Taumel kam über die Runde.

Mit hocherhobenem Kelche sprang ein roter Torero mitten unter die stürzenden Schüsseln auf den Tisch. Ein brüllendes Gelächter belohnte seinen Sprung. Er rief irgendwelche Worte, eine Ansprache auf die Gäste. Dabei drehte er sich nach der Türe. Seine Rede riß ab wie erschlagen. Alles Blut flutete ihm zum Herzen. Sein Gesicht war todbleich.

»Weiter! Weiter!« schrie es von unten. Er antwortete nicht. Irren Blicks starrte er auf die fremde Erscheinung.

Wepp stand wie versteint auf der Schwelle. Seine zerrissenen Kleider waren über und über mit Blut bedeckt. Blut und Schweiß verklebten sein ganzes Gesicht. Zwischen wildwirren Haaren brannten zwei furchtbare flackernde Augen. Seine schmutzigen Hände waren nach vorne gestreckt wie zwei tierische Krallen.

»Salem! – Ich grüße euch!« sagte er schaurig. Die Stimme war tonlos und doch weit vernehmbar, als käme sie aus einer anderen Welt her. Die Paare im Saale wichen schauernd nach rückwärts.

»Unheimlich!« flüsterte die Tänzerin bleich und suchte zitternd nach Halt bei dem Burschen.

Der junge Grieche zwang sich gewaltsam zum Mut. Unsicher ging er einen Schritt weit zur Türe.

»Sei uns willkommen, entzückende Gestalt dieser Welt! Kamst du hierher, unser Fest zu verschönen, nimm Speise und Trank. Kurz ist der Tag, und die Nacht ist so lang. Evoe Bacche! Wer noch lebt, sei gegrüßt!«

Seine Stimme klang laut, aber ein unsicheres Tasten war in ihr, das seinen Worten widersprach. Gespenstisch brach sich ihr Ton an den Wänden. Eine tödliche Stille entstand.

Langsam kam Wepp in den Saal. Mann für Mann stierte er mit dem flackernden Blick an. Keiner wagte ein Wort. Ein Weib kreischte auf und fiel schreiend nach vorne. Wepp ging an den Gästen vorbei, als nähme er eine Parade ab. Sein Anblick hatte etwas Gespenstisches und ließ die Kühnsten erbeben. Trunkenheit und künstlich erstickte Todesangst peitschten das Blut durch die Adern der Menschen.

»Teufel!« schrie der Blutrote auf und warf sein Glas auf die Erde. »Wer bist du? Was willst du?«

Wepp antwortete ihm mit einem vernichtenden Blick. Wie ein Bann ging es von diesen Augen aus, die einst die Zehntausende hypnotisierten und zum Wahnsinn hinwegrissen. Kaltes Grauen griff tief in die Herzen. Wepp hatte seinen Rundgang beendet. Mit schleifendem Schritt ging er zur Mitte des Saales und reckte sich schaurig zu herrischer Geste.

Eine rasende Wut über den unheimlichen Störer packte den Blutroten an. Mit einem zischenden Laut riß er sein Messer heraus und sprang vorwärts.

»Sprich, oder verreck!« schrie er, dunkel vor Zorn.

Wepp flammte ihn an. Wie ein Erstickender griff sich der Mann an den Hals und sank ächzend zurück. Wepp hob seinen Arm. Breite Blutrinnen zeichneten ihn, wie ein Totengebein.

»Salem,« wiederholte er hart. »Ihr wartet auf mich. Hier bin ich, euer Herr. Auf die Knie mit euch, feige, menschliche Brut. Satan steht vor euch. Der Herrscher der Welt!«

Ein fürchterlicher Ton schnitt die Stille entzwei. Ein Zischen und Pfeifen, das die Ohren zerriß. Mit einem Schlage verlöschten die Lampen des Saales. Dann flammte blendender Tag, kalkweißes Licht, höllisches Gelb. In den hohen Bogenfenstern stand der Himmel in Brand. Dumpfes, unterirdisches Rollen erschütterte minutenlang den ganzen Palast. Der kristallene Kronleuchter sackte klirrend herab.

Wahnsinnige Schreie stiegen zur Decke empor. Klammerten sich an das goldene Gebälk und zerrissen wie ein sterbender Ruf aus dem Grab.

»Das Meteor! – Es stürzt ab!«

Winselnd und aufheulend warf sich die Menschheit aufs Knie in Erwartung des Todes.

»Das Meteor! Das Meteor!« wimmerte es auf.

Wepp stand unbeweglich und starr. Mit kaltem Blick sah er in das höllische Licht, das den Himmel zerschnitt. Kein Muskel zuckte in seinem zerstörten Gesicht.

»Satan bin ich!« sagte er laut. »Der Beherrscher der Welt!«

Hoch aufgereckt, wie ein König in einem Schmierentheater, die erblindeten Augen zum Himmel gewandt, ging er mit gespenstischen Schritten hinaus ...

* * *

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