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Reinhold Eichacker: Panik - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titlePanik
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201509
projectidf48642f6
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»Himmelbombenelement!« fluchte Nagel mit einem wütenden Blick zur Rednertribüne. »Wie kann diese Hammelherde den Wahnsinn des Burschen nur mitmachen! Der Kerl ist doch tobsüchtig, reif für das Tollhaus.«

»Oder der genialste Verbrecher seiner Zeit.«

Das scharfe Adlerjägerprofil Walter Werndts stand frei in dem Lichtschein.

»Es gehört zweifellos eine gewisse Größe dazu, aus einer Lage, die vielleicht in zehntausend Jahren der Erde nicht wiederkehrt, als einziger Mensch die letzte Folgerung zu ziehen und sie zum Kampf um die Herrschaft der Welt zu benützen. Es gehört etwas Übermenschliches, Satanisches zu solchem Wagnis. Es müßte das Hirn eines Menschen zersprengen.«

Vorne entstand immer neue Bewegung. – Der riesige Klinkertonsaal war gefüllt bis zum Bersten. Kopf an Kopf wogte die endlose Masse erregter Gesichter und schwarzer Gestalten, und immer noch drängte die Menge nach vorne.

Auf dem Podium reckte sich Wepps hagere Gestalt über die Köpfe. Seine Hände griffen zuweilen wie Krallen zur Decke. Seine Stimme, vom Sprachrohr verdunkelt, vervielfacht, warf sich in die äußersten Ecken des Saales.

»Genossen! Damit ihr mir glaubt, was ich sage, sollt ihr auch Zahlen erhalten. Nicht die gefälschten Zahlen eines Earthcliffe, sondern die einzige, wahre Berechnung eines Menschen, der selbst Astronom war und doch alles preisgab, um euch zu erretten.

Ihr alle kennt ja die Formel der Wucht oder der lebendigen Kraft. Dutzende Male hämmerte ich sie euch durch meine Zeitungen ein, als dieser elende Verräter Conson mir noch nicht die Stimme genommen, um zu euch zu reden. Ihr wißt, welche Kraft den bewegten Körpern innewohnt, und wie sie unwiderstehlich zur Wirkung kommen muß, wenn die Bewegung des Körpers plötzlich aufgehalten wird. Wie das beim Auftreffen des Meteors auf die Erde der Fall ist.

Diese Formel ist einfach. Jedes Kind kann sie deuten. Sie lautet:

Formel

oder mit anderen Worten: die Wucht, mit der ein schweifender Körper bei seinem Absturze auftritt, ist proportional seiner halben Masse, multipliziert mit dem Quadrate der Geschwindigkeit seines Falles.

Nun rechnet doch selbst; ihr alle seid intelligente Köpfe, die Klügsten des Landes. Wendet die Formel nur an auf das Meteor, das euch Furcht macht. Eine Milliarde Tonnen mag es gut haben. Aber halten wir uns nur an den günstigsten Fall –. Schätzen wir seine Masse nur auf ein Fünftel, auf 200 000 000 Tonnen. Rechnen wir für die Geschwindigkeit, mit der dieser Körper in die Erde hineinstürmt, nur 100 Kilometersekunden, wie sie bei früheren Feuerkugeln nachgewiesen wurde. Setzt die verminderten Werte dann ein in die Formel. Ihr werdet erhalten:

Formel

in Worten: Eine Trillion Tonnenmeter!«

Durch die drängende Menge lief ängstliches Zittern. Die phantastischen Zahlen Wepps trieben der von Panik schon sinnlosen Masse die Haare zu Berge. Die zischenden Bogenlampen kniffen das Licht ein und flackerten rötlich. Kalter Schweißgeruch lag plötzlich im Saale.

Wepp schlug die Hände wie betend zusammen und schrie in das Sprachrohr:

»Zur Hinrichtung eines Menschen genügt es, wenn man ihm ein Kilogrammgewicht mit einem Kilometer Geschwindigkeit pro Sekunde auf den Kopf wirft. Daraus folgt, daß durch den Absturz des Meteors leicht 1000 Milliarden, nein tausend mal tausend Milliarden den Tod finden müssen. Es folgt, daß die Wucht des Absturzes so groß sein wird, daß das Gehirn dieser Menschen, daß euer eigenes Hirn nach den fernsten umliegenden Ländern und Meeren verspritzt werden wird ...!«

Heisere Schreie stiegen zur Decke. Keiner war hier im Saale, der nicht seit Tagen das furchtbare Meteor absturzbereit stets über sich fühlte. In jeder Minute, im Schlafen und Wachen. Niemand, der nicht Nächte hindurch im Keller gewesen und jedes Geräusch für das Ende gehalten. Frauen fielen in Ohnmacht, Männer hielten sich wankend an Säulen und Stühlen. Eine Gruppe von rufenden, fuchtelnden Leuten schob sich zur Tribüne. Wepp bog sich mit teuflischem Lächeln nach vorne und stieß seinen flammenden Schopf in das Sprachrohr.

»Genossen! laßt euch nicht täuschen! laßt euch nicht vormachen, es sei nicht so schlimm, es werde schon gut gehen. Meine Berechnungen sind so genau wie Gesetze des Himmels. Man suchte euch einzureden, die Lufthülle der Erde werde sich als Polster zwischen uns und das Meteor legen, das Meteor werde nicht als Ganzes herabfallen, sondern in kleine Stücke zerplatzen. Furchtbar, schrecklich, wenn es so wäre! Je mehr Stücke, desto mehr Erschlagene wird es ja geben! Nie und nimmer wird uns dieser Luftmantel schützen. Nur ein Weg bleibt uns, um dem Tod zu entgehen, nur ein Weg, liebe Freunde –«

»Der Weg! Die Rettung! Hilf uns!« schrie es wild durcheinander.

Wie ein Sprung ging es über die Masse. Die Hintenstehenden drängten nach vorne, die Mittleren wurden gehoben. Entmenschlichte Stimmen, Todesschreie Gequetschter zerrissen die Rede. Eine riesige Säule bog sich in dem Andrang verzweifelter Tobsucht und krachte zusammen, zerberstend, zerschmetternd!

Wepp stand mit sprunghaft gebogenem Körper wie eine wutfletschende Katze, die mageren Arme zur Menge gestoßen. Jetzt hatte er die da unten so weit. Jetzt tobte da unten nur eines: die Angst, und fraß die Vernunft auf. Jetzt konnte er ihnen den Giftpfeil zuwerfen, sie waren ihm hörig ...

»Ich schieße ihn nieder!« schrie Nagel zu Werndt hin. »Der Hund, der Verbrecher!«

Ein Stoß seines Nachbarn warf ihn an die Mauer. Vergeblich versuchte er nach der Waffe zu greifen. Sein Körper, sein Arm lag verschraubt, wie gekettet vom Druck des Gedränges. Er wollte den Hals drehen, um Werndt zuzuwinken. Es war ihm nicht möglich.

Ein Heulen lief über die Köpfe. Wepp lachte in höhnischem Haß in das Sprachrohr.

»Haha, gute Freunde! Ihr arglosen Lämmer! Jetzt sollt ihr erfahren, woher euch der Tod droht. Nicht durch unabwendbare Mächte eines verschworenen Himmels sollen wir alle das Sterben erlernen. Eine verbrecherische Meute von Nichtstuern, von aufgeblasenen Prassern will unsere Vernichtung. Ihr wißt, wo sie sitzen. Unter den Kuppeln ihrer Sternwarten, deren Form sie dem Himmel nachbauten in toller Verblendung. Die Astronomen sind eure Henker. Euch zuliebe, um euch zu retten, floh ich von ihnen und bringe euch Wahrheit. Herbeigezogen durch eigene Kraft haben sie das Meteor. Herangelenkt an die Erde das friedliche Gestirn, das in vorgeschriebener Bahn seine Sonne umkreiste. Ahnt ihr, was hinter jenen Sternwarten lauert, welch furchtbare Maschinen, Instrumente und Teufelswerkzeuge sich in den Kellern verbergen? Saht ihr schon einmal das entsetzliche Rohr einer Michigansternwarte? 100 Meter mißt es an Länge. Ein riesiger Spiegel liegt tief in der Erde, um all seine Strahlen und Kräfte zu sammeln. Braucht man solch schreckliche Rohre zum Sehen? Nein, Freunde, ich, der ich das letzte Geheimnis erkannte, will es euch verraten: die Schwerkraft beherrschen sie mit diesem Mordrohr. Ein riesiges Schaltbrett mit Schrauben und Hebeln lenkt jede Bewegung. Mit diesem entsetzlichen Werkzeug, der Höllenmaschine, zwangen diese Verbrecher, die ihr so verehrt, das Meteor in eine Bahn unter dem Monde.

Mit dieser geheimnisvollen Maschine verstärkten sie die Erdanziehung so sehr, daß die Bahn ständig schrumpfte. Mit ihr ließen sie das Meteor eines Tages verschwinden, um sich der Kontrolle der Welt zu entziehen. Mit ihr werden sie seinen Absturz erzwingen, wenn erst die günstigste Stunde gekommen ... Dann werden sie nach irgendeinem Erdpunkt geflohen sein, wo sie selbst ohne Not sind. Sie wissen ja vorher, wohin dieser furchtbare Körper herabstürzt. Sie werden euch vorspiegeln, daß sie in ferne Länder verreisen, daß sie Expeditionen ausrüsten, um euch zu erretten. Und dann wird der Druck eines Hebels genügen ...! In unerhörter Wucht, weißglühend, alles Leben vernichtend, zerschmetternd, verbrennend, wird das Meteor ...«

Mit einer verzweifelten Anstrengung riß Nagel den kleinen Revolver nach oben. Ein roter Nebel wogte vor seinen Augen, und in diesem Nebel stand eine Gestalt, schwarz und höhnisch, ihn spöttisch betrachtend: »Siehst du, wie sie zittern?«

Mit einem heiseren Wutschrei drückte er los. Ein heftiger Stoß trieb die Waffe nach oben. Die beiden Schüsse klatschten in die Decke des Saales und warfen den Kalk auf die Köpfe der Menge. Kein Mensch kümmerte sich darum. Aller Augen waren wie hpynotisiert auf das Sprachrohr gerichtet.

Plötzlich stand Nagel in den hintersten Reihen. Er konnte um sich sehen, seine Arme bewegen. Aber vor ihm war es wie eine unübersteigbare Mauer. Die Menschen standen sich reihenweise auf den Schultern. Wer zusammenbrach, war verloren und wurde zertreten. Hohl, wie aus einem Keller, kam die Stimme des Sprachrohrs, dann grell, kreischend, flackernd, die Nerven zerreißend ...

»Wollt ihr das mit ansehen? Wollt ihr das erwarten? Noch, noch ist es Zeit. Wie lange noch, und es wird schon zu spät sein. Vielleicht liegt die Hand der Verbrecher jetzt schon auf dem Schaltbrett, dem Hebel ... Reißt sie zurück! Zerschlagt ihren teuflischen Plan und errettet euch alle. Wartet nicht bis sie kaltlächelnd den Hebel eingestellt haben auf den Zeiger des Mordes. Laßt sie nicht unsere Todesstunde festsetzen durch die Kraft unüberwindlicher Schrauben! Zerstört ihre Mordburg, das Sternwartgebäude. Ich, euer Führer, rufe euch, helfe euch. Ich kenne die Kammer des tödlichen Schaltbretts. Hinaus auf die Straßen! Zur Michiganwarte! Mir nach! Tod den Mördern!«

Die Spannung der Masse entlud sich in Wahnsinn. Arme, Beine zuckten im Wirbel. Körper flogen wie Bälle nach rückwärts, schmetterten gegen die Säulen, hingen wie Fledermäuse todbleichen Gesichts an den Gittern der Fenster. Angstrufe, Wutschreie, Röcheln, tausend vertierte Laute griffen sich in dem Dunkel verlöschender Lichter. Die Saaltüren barsten, die Fenster zerklirrten auf blutenden Leibern. Schüsse flackerten auf, ein Teil des Fußbodens barst auseinander und fiel mit der brüllenden Last in die Tiefe. Plötzlich erschütterte ein Knall alle Wände. Das Licht aller Lampen im Saale verlöschte. Hunderte Menschen stürzten zu Boden, das Ende erwartend. Doch kam nichts mehr weiter. Ein Rasender hatte die Bombe geworfen. Das Dunkel im Saal riß das Volk auseinander.

Nagel stand auf der Treppe. Mit der Taschenlampe suchte er sich einen Ausweg. Da griff eine eiserne Hand nach der seinen.

»Hierher!«

Der Lichtkegel traf ein Gesicht wie von Erz.

»Walter Werndt!«

Nagel schrie diesen Namen fast jubelnd hinaus. Es war ihm, als wiche der Bann wie ein Alb.

»Hierher! Fort!« zischte Werndt! Eine Türe flog auf, kalte Luft schlug herein.

»Das Auto! Hier, schnell! Earthcliffe – höchste Gefahr!«

Mit einem wütenden Satz sprang der Wagen nach vorn und schwand wie ein Spuk in dem Dunkel der Nacht.

* * *

Wie eine endlose schwarze Schlange schob sich der Zug der wutgeifernden Menge durch das Gewirr der Straßen Neuyorks. Männer in Arbeitskleidern, wie sie der Fabrik entlaufen waren, den Hammer, die Säge, die Axt in der Hand, die wirren Haare trotz der Kälte schweißverklebt in der Stirne. Herren im Abendanzug, in Pelz gehüllt, Arbeiterfrauen im Kopftuch, das Kind auf dem Arm. Johlende Gassenjungen, mit Stöcken bewehrt. Alles eingehüllt in den Nebel der Nacht, dessen dickliches Grau nur das Flackern der tausende Fackeln zerriß.

Immer neue Trupps strömten wie Bäche herbei und lösten sich auf in dem stärkeren Strom. Ab und zu stockte der Fluß. Schreie gellten auf.

»Nieder mit Earthcliffe! Nieder die Mörder! Michiganwarte!«

Es war, als rissen sich Fetzen des Nebels los und flatterten zischend und knatternd zurück. Wie ein Gurgeln unterirdischer Quellen lief es die Straßen entlang, leise aufklingend, wachsend, die Nacht überschreiend und wieder verebbend. – – –

»Earthcliffe – Mörder – Michiganwarte!«

Wepp hatte gut gearbeitet. Die tausende Menschengehirne durchstieß nur ein Bann, ein Befehl, eine Lust: Mord – Rache – Rettung! Wer die Straße betrat, der verfiel diesem Rausch. Die Massensuggestion fraß jeden Widerstand auf. Niemand fand noch die Kraft zur Besinnung, zur Vernunft, zur Klarheit des Denkens. Niemand kam in Gefahr, in Gewissenskonflikt. Jeder Warner wäre zerrissen worden von der Wut der Entmenschten. Aber es gab keine Warner. Die entfesselte Wut des mißleiteten Stroms riß die Nüchternsten mit.

An den Ecken stauten sich die Körper. Flugzettel flogen auf wie Vogelschwärme. Extrablätter, Sprachrohre brüllten den Inhalt von Fenstern hinab in das Massengehirn.

»Earthcliffe – Mord – Michiganwarte – Rache – Rettung ...!«

Immer von neuem brannte sich Wepps Suggestion wie ein Brandstempel ein. Immer hastiger, sinnloser, blutdürstiger hetzte die furchtbare Schlange sich vorwärts.

Ein greller Lichtschein schnitt durch die brüllende Nacht. Hoch über den Köpfen flammte es auf. Ein Scheinwerfer warf seinen blendenden Kegel voraus. Wie ein phantastischer Vogel zog ein gigantisches Flugzeug im Dunkel dahin. Eine leuchtend helle Scheibe, ein Lichtplakat, schwebte über der Menge:

»Hier fliegt Wepp – ich führe euch – folgt alle nach!«

Brausender Jubel, heiserer Schrei schwoll zu ihm auf. Die vordersten Gruppen liefen schon Trab. In wilden Sprüngen hüpften die Fackeln und Köpfe querbeet.

* * *

Das Riesengebäude der Michiganwarte umfloß tiefste Nacht. Schweigend, wie ein drohendes Geheimnis, lag der breitwipflige Park. Wie eine ferne Brandung brauste es rings um die Mauern der Burg. Ein einziges, flammendes Meer loderte vor den Toren hinauf.

Nagel lehnte sich tief in das Fenster zurück. Seine rechte Hand hielt den Hebel des Maschinengewehrs umpreßt.

»Das Bild wäre zum Jauchzen schön, wenn es nicht so verteufelt ernst für uns wäre.«

Mabel Earthcliffe kam aus dem Saale heran.

»Sehen Sie, sie legen Feuer vors Tor!«

»Noch nicht, es sind nur die Fackeln des Parks. Hunderttausende müssen da draußen lauern, um uns zu vernichten. Die Hölle ist los ...!«

»Wie viele Maschinengewehre haben wir hier?«

»Etwa siebzig, Miß! Sie sind auf alle Gebäude verteilt.«

»Und sie genügen als Schutz?«

Nagel antwortete nicht. Ungeduldig wiederholte sie ihre Frage.

»Bitte, antworten Sie. Ich vertrage die Wahrheit. Ich bin doch kein Kind.«

Um Nagels Mund lief ein flüchtiges Weh.

»Wenn jede unserer Kugeln einen Feind ausstrich aus der Menge, so würden wir gerade ein Hundertstel ...«

Vor dem Tore erscholl schrilles Gebrüll. So entsetzlich entmenscht, daß Mabel unwillkürlich den Arm Nagels ergriff. Gewaltsam schüttelte sie den Schauder ab.

»Was war das?«

»Walter Werndts elektrische Sicherung der Mauern. Einige Leute müssen versucht haben, die Tore zu überklettern und wurden von der elektrischen Spannung erfaßt. Wahrscheinlich hat man von unten noch Rettung versucht. Die ersten, die's wagten, verbrannten sofort.«

»Schrecklich,« stammelte sie.

»Und doch unsere einzige Rettung. Der elektrische Strom liegt wie ein unübersteigbarer Wall rings um unsere Burg.«

»Wo ist Walter Werndt?«

»Bei Ihrem Vater. Sie beobachten beide mit der Kamera das Meteor. Es sind in den letzten Stunden in seiner Bahn Unregelmäßigkeiten aufgetreten, die nach Erklärung verlangen –.«

»Daß sie die Ruhe bewahren im Anblick des Todes!«

»Tod? Noch sind wir hoffentlich nicht so weit. Solange Werndts Stromschutz die Eingänge sichert ...«

Er unterbrach sich und beugte sich aufhorchend vor. Draußen brandete wieder ein wüstes Geschrei. Eine dunkle Masse hob sich und stieg in die Nacht. Der Nebel vervielfachte wankend ihr Bild. Gespenstische Flügel dehnten sich über den Park. Miß Mabel wandte fragend das Haupt.

»Ein Flugzeug?«

»Es scheint so. Das hat jedenfalls einen wichtigen Zweck.«

Der unheimliche Vogel zog Kreis über Kreis.

»Er hat offensichtlich ein Ziel. Wenn ich nur wüßte, was dieser Bursche ...«

Ein sausendes Pfeifen durchzischte die Nacht. Sssssst – krach – ssss – rrrrnngggg ...!

Einmal, zweimal, dreimal ...

Ein sengender, beißender Geruch lag in der Luft. Stichflammen züngelten hoch, sekundenlang riß es an Wänden und Haus. Eine berstende Schallwelle flutete hoch. Es war, als schütte eine titanische Faust Riesenblöcke hinab auf ein stählernes Blech. Die Fensterscheiben sprangen splitternd hinab.

Ein vieltausendstimmiger Schrei stieg zum Himmel empor. Jubel und Wut. Hammerschläge durchschlugen die Nacht, kreischende Sägen, kurze Explosionen. Plötzlich flammten Fackeln im Park. Einzelne, Dutzende, Hunderte – – – flackernder Schein sprang in die uralten Wipfel. Terrasse um Terrasse schwoll der Lichtschein hinauf, hüpfend, springend, sich überschlagend ...

Nagel stand einen Augenblick starr.

»Himmel!« stöhnte er auf mit einem verzweifelten Blick auf das Weib neben ihm. »Das war Wepp. Satan, du! Er kannte die elektrische Kraftzentrale und hat sie mit Bomben zerstört. Werndts Schutz – – – wir sind ...«

Wütend warf er sich auf das Maschinengewehr. Tackend und ratternd spie es den Tod in das Dunkel des Parks. Wie auf ein Signal setzten die anderen Schießwaffen ein. Ein höllischer Lärm geisterte los. Von allen Seiten schlug das vernichtende Blei in den splitternden Park. Angst und Wut schrien zurück. Fackeln wirbelten hoch und verlöschten seitab. Hundert andere sprangen herauf.

Mabel reichte Nagel stumm die Munition. Er sah sich nicht um. Mit verbissener Wut schob er Streifen um Streifen vors glühende Rohr. Kugeln schlugen gegen die Fensterbrüstung und warfen den Kalk von der splitternden Wand. Nagel strich sich den Schweiß von der Stirn –.

»Rufen Sie Werndt,« sagte er kurz. »Schnell, Miß, es eilt!« stieß er unwillig nach, als sie einen Augenblick zögerte. Mabel verschwand.

Wenige Minuten später stand Werndt schon im Saal. Mit schnellem Blick übersah er die Lage. Seine Lippen preßten sich noch etwas fester zusammen, doch sein Auge blieb klar, seine Stimme war kühl.

»Kraftzentrale zerstört. Schlimm. Bitte, hören Sie auf. Das Schießen nützt hier nichts mehr.«

»Sollen sie uns etwa wehrlos ermorden?«

Werndt überhörte den Einwurf. Er stand kampfbereit.

»Wir vergeuden hier nur Munition. Das Wohnhaus ist nicht mehr zu halten. Wir müssen zum Observatorium. Alles zurück!«

Auf einer seltsam gewinkelten Trillerpfeife gab er ein schrilles Signal.

»Die Leute müssen sich sammeln. Dort oben beim Turm ist die Zufahrt sehr schmal. Jedes Fenster wird doppelt besetzt. Wir müssen Zeit gewinnen. In vier Stunden haben wir Tag.«

Knirschend gehorchte Nagel. Er sah ein, daß der Ältere wahr sprach. Das Wohnhaus war nicht mehr zu retten. Es war höchste Zeit. Mit einem wütenden Fluch warf er das Maschinengewehr auf die Schulter. Mabel schleppte den spärlichen Rest der Munition aus dem Saal.

Hastig eilten sie an dem Arbeitszimmer Direktor Earthcliffes vorbei. Durch die Korridore kam hastendes Flüchten. Die Besatzung der Nebengebäude hatte Werndts Signale gehört und keuchte unter der Last der Maschinengewehre zum Turm. Manche waren verwundet, mehrere fehlten.

»Vorwärts!« trieb Nagel. Näher und näher drängte die Brandung heran. Schon hoben sich einzelne Zurufe ab. Schüsse schlugen durch die zerstörten Fenster herein. Licht flackerte auf.

Mit einem erleichterten Aufatmen ließ Nagel die Letzten der kleinen Besatzung herein. Mit einem krachenden Knall warf er das Stahltor ins Schloß. Schon hämmerten oben die ersten Maschinengewehre hinab. Durch die Querlöcher des drei Meter dicken Sternwartturmes sah man die Köpfe der ersten Verfolger, die wieder verschwanden.

Die erste Gefahr für das Leben der kleinen Besatzung schien glücklich beseitigt.

Mabel schlich sich zu Nagel hinauf. Der Doktor empfing sie mit kampffrohem Lachen.

»Hier sitzen wir fein warm, liebste Miß. Zigarette gefällig? An den Mauern des Turmes wird sich auch Mister Wepp schon den Schädel einrennen.«

Er winkte einen jüngeren Beamten heran, der das Gewehr übernahm.

»Wir sind hier zunächst überflüssig. Durch die Zufahrt des Turmes kann kein Mensch mehr herauf. Es sei denn, er vertrüge zehn Kugeln im Leib. Kommen Sie, Miß! Gehen wir auf das Dach! Dort gibt's sicher manches zu sehen!«

Oben fanden sie schon Walter Werndt. Er war schweigsam und ernst. Mit seinem stahlharten Adlerblick übersah er das schauerlich herrliche Bild dieser Nacht. Von der Höhe des Turmes bot sich ein überwältigender Blick auf den Park und die Stadt.

Wie ein flammender, funkensprühender Gürtel lag es rings um den toten Koloß des burgartigen Wohngebäudes der Michiganwarte. Lange, lodernde, ständig bewegte Feuerbäche flossen von dort durch den Park, durch die Tore hinaus und weit hin zum Feld. Fackel an Fackel zerbrannte das Schwarz, das schwer wie ein Block auf den Abwegen lag. Das silberne Lichtmeer der Stadt stand blaß und verträumt in dem Rot dieser Glut. Schwelender Dunst hielt die flimmernden Sterne des Himmels verhüllt.

Die Nebengebäude der Sternwarte standen sämtlich in Brand. Als flammender Kreis lohten sie rings zu dem Wohnhaus hinauf. Plötzlich schoß eine Flamme vom Haupttore hoch. Der vordere Saal, den Mabel und Nagel noch eben verteidigt, stand glutübergossen. Die Fensterfüllungen brannten. In dem taghellen Licht sah man erst deutlich das unübersehbare Gewimmel von Menschen.

»Jetzt da hineinpfeffern!« rief Nagel und machte Miene, nach unten zu eilen.

Werndt hielt ihn zurück.

»Keine Munitionsverschwendung, mein Lieber. Außerdem haben wir Wichtigeres zu tun.«

Nagels Frage erstarb auf den Lippen. Ein leiser Aufschrei ließ ihn zusammenfahren. Erschrocken wandte er sich zu Mabel, die totbleich an der Turmtüre lehnte und mit weit aufgerissenen Augen zum Wohnhaus hinabsah.

»Der Vater!« stöhnte sie tonlos. »Er ist noch im Wohnhaus, in seinem Arbeitszimmer!«

Nagel durchzuckte es wie ein Schlag.

»Himmel! Wie konnten wir das vergessen! Jetzt ist er verloren. Die wütende Menge – – ich muß hinüber – – sofort!«

Walter Werndt wehrte ab.

»Ich. Nicht Sie! Sie kämen keine zehn Schritt weit. Man kennt Sie genau. Mich nicht. Ich habe außerdem noch etwas Wichtiges drüben zu holen, bevor es zu spät ist. Sie selbst bleiben hier und verteidigen den Turm mit seinen wertvollen Instrumenten und seiner Besatzung. Ich werde rechtzeitig zurück sein!«

Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er im Innern des Observatoriums. Wenige Minuten später huschte eine dunkle Gestalt aus dem Turme ins Freie.

* * *

Vor dem brennenden Wohnhause wimmelte es wie ein Ameisenhaufen. In allen Korridoren drängten sich stoßende, brüllende Menschen –. Vertierte Grimassen mit schweißverklebten Haaren und zerrissenen Kleidern stierten mit blutunterlaufenen Augen in die Privaträume Earthcliffes und der Sternwartbeamten und rissen an sich, was ihre Habgier zu reizen vermochte. Straßenpöbel schnitt die kostbaren Ölgemälde aus den breitgoldenen Rahmen, warf die schweren Teppiche zum Fenster hinaus und zerschlug in vandalischer Zerstörungswut die umherstehenden Bronzen, Porzellansammlungen und Instrumente. Nichts war den Unmenschen heilig. Um eine in Gold getriebene Madonna, das fürstliche Geschenk einer amerikanischen Universität an den großen Gelehrten, entstand eine blutige Rauferei. Längst hatte die Masse vergessen, weshalb sie hierhergekommen. Brutale Vernichtungswut, Raublust und Mordgier leitete alle ihre Handlungen.

Wie ein Tierbändiger, die Peitsche in der Hand, mit starrem, hypnotisierendem Blick bahnte sich Wepp einen Weg durch die Menschen. Er hatte sofort erkannt, daß die Wohnräume schon längst von ihren Besitzern verlassen waren. Unwillig sah er, wie sich das Volk seinem Plane entzog und nur noch an Raub und Bereicherung dachte. Mit knirschender Wut stellte er fest, daß der Aufstieg zum Observatorium mit Maschinengewehren besetzt war. Dem ersten Versuch, die schmale Zufahrt zu stürmen, schlug ein vernichtender Hagel von Geschossen entgegen. Dutzende fielen, den Zugang versperrend. Die übrigen flüchteten fluchend ins Wohnhaus und zu seinem Inhalt. Niemand fragte nach den Instrumenten des Turmes und ihrer Bedeutung. Immer deutlicher fühlte Wepp seinen Händen die Zügel entgleiten. Mit einem furchtbaren Fluch riß er das Sprachrohr an seine Lippen. Sein Befehl drang bis in die äußersten Winkel des Hauses.

»Hierher, Leute! Verliert keine Zeit mit dem Dreck in den Zimmern! Denkt an das Meteor! Denkt an das Mordinstrument eurer Feinde! Earthcliffe sitzt schon am Hebel und zieht das Meteor nach der Erde. Mir nach – hierher – mir nach! Sonst seid ihr alle verloren!«

Ein eisiger Schreck lief durch die Gänge. Wie ein Erwachen kam es über die Menschen. Kreischend und jagend stießen sie sich auf den Treppen. Unablässig brüllten die Worte Wepps durch die Räume, den Schrecken vergrößernd. Wie eine aufgescheuchte Herde sammelte sich die Menge um ihren scheltenden Führer –.

Vor Earthcliffes Arbeitssaal blieb Wepp luftholend stehen. Der Anblick des Zimmers mit seinen phantastischen Möbeln mußte die plündernden Banden verwirren, daß sie sich besannen, weshalb sie gekommen. Mit lautem Krach flogen die Flügeltüren nach innen. Unwillkürlich stockte die Menge. Sekundenlang. Die Nachfolgenden schoben. Ein blitzjunger Bursche mit verlotterten Zügen sprang lachend ins Zimmer. Der Bann war gebrochen. Gröhlend und brüllend wälzte der Mob sich vorwärts. Schwammige Weiber mit offenen Blusen schaukelten sich in den wippenden Sesseln. Gassenjungen schlugen Purzelbäume auf dem hüpfenden Teppich. Wie ein wüster Faschingsspuk tollte es durch die seltsame Halle.

Dutzende Männer umdrängten die riesige Tafel. Das bunt verquirlte Gestänge des Aufzugs zog immer mehr Neugierige an sich. Einige kletterten lachend ein Stückchen nach oben.

Plötzlich zeigte ein Mann in die Höhe. Hundert Augenpaare folgten seinem Winke. – Ganz oben an der Decke, zwanzig Meter über den Köpfen, stand ein winziger silberner Sessel. Und aus diesem Sessel kam wütendes Zischen.

Wepp war durch die Zurufe aufmerksam geworden. Mit eiligen Sätzen kam er nach vorne. In teuflischer Freude übersah er die Lage. Das war seine Rettung. Das gab ihm von neuem die Macht in die Hände.

»Earthcliffe!« schrie er aufjauchzend aus. »Earthcliffe sitzt oben! Der Mörder! Gefangen! Faßt ihn! Zum Galgen! Hängt ihn an die Stangen!«

Zwei-, dreimal brüllte er seinen keuchenden Haß in den Trichter des Sprachrohrs. Ein wüstes Gedränge entstand um die Tafel, im Saale und draußen bis weit in die Gänge. Hunderte blutdürstender, sinnlos verhetzter Bestien standen mit erhobenen Fäusten und nach oben gereckten Köpfen und schrien den Namen des greisen Gelehrten.

»Earthcliffe! An den Galgen!«

Der Sessel schoß wütend zur Mitte der Tafel. Eine keifende Stimme biß krähend nach unten –.

»Schert euch zum Satan! Ich habe zu rechnen! Das Meteor auf eure Schädel! Wo sind meine Diener!?«

Ein höhnisches Brüllen erscholl unten als Antwort!

»Habt ihr es gehört? Habt ihr es gehört?« schrie Wepp in das Sprachrohr. »Das Meteor wünscht er auf eure Schädel! Er hat es gestanden! An den Galgen, den Mörder!«

In den vordersten Reihen gestikulierte man wütend nach oben. Ein großer Mensch in zerrissener, blauer Arbeiterbluse und rußgeschwärztem Gesicht schrie heisere Flüche. Wie in einem plötzlichen Anfall von Mordlust stürzte er sich auf den Hebel des Aufzugs.

»Herunter mit dem Schuft! Herunter der Mörder!« brüllte er heiser und arbeitete wie ein Besessener an der Maschine. Ein Eisenstück klirrte hart auf den Boden. Blitzschnell hob der Bursche es auf und ließ es in seiner Tasche verschwinden –. Ein kurzes befriedigtes Zucken, wie leiser Hohn lief über seine gekniffenen Lippen. Seine stahlharten Adleraugen sahen prüfend nach oben. Dann brüllte er heiser von neuem: »Herunter mit dem Mörder! An den Galgen! Der Schuft hat den Hebel des Aufzugs von oben geschlossen. Der Lift funktioniert nicht. Ich werde ihn holen.«

Unter den johlenden Zurufen der Menge kletterte er an dem Gestänge nach oben. Meter um Meter überwand er geschmeidig, wie eine Katze. Earthcliffe drehte den Kopf nicht und schrieb wie ein Rasender an seinen Zahlen. Plötzlich hörte er dicht an seinen Ohren den eigenen Namen. In maßloser Wut trat er mit beiden Beinen nach unten. Ohne sich umzusehen, hieb er mit der einen Hand auf den Kopf seines Gegners. Plötzlich fühlte er sich von zwei eisernen Fäusten umschlossen. Ein breiter Riemen zog ihm die Arme dicht an seinen Leib. Wie ein Bündel alter Kleider riß ihn der blaubebluste Kerl aus dem Sessel und über die Schulter.

Sein Zappeln und Fluchen ward leiser und leiser. Der Atem verging ihm. Tausendstimmiges Gebrüll belohnte diese Leistung des Blauen. Der hielt sich keuchend am Eisen und sah in die Tiefe. Vorsichtig, jeden Griff überlegend, rutschte er an den Stangen nach unten, bis fast in die Mitte. Dort lief ein breiterer Streifen zur Seite. Der Blaue legte sein Opfer einen Augenblick nieder und prüfte die Riemen. Dann hob er den halb bewußtlosen, kleinen Gelehrten schnell auf seine Schulter und tastete sich nach der eisernen Leiter, die von dem Gestänge zum Dach hinauf führte. Sein Atem ging keuchend, seine Stirnadern schwollen. Mit gierigen Blicken verfolgte die Menge von unten sein Klettern.

»Herunter den Mörder! Wirf ihn herunter! Zu Brei soll er werden!« kreischten die Weiber.

Der Blaue würdigte sie keines Blickes ... Mit einer letzten Anstrengung riß er den Riegel der Dachluke auf und schob den reglosen Körper nach oben. Aufatmend schwang er sich dann in das Freie. Der sternklare Nachthimmel wölbte sich über dem Dache.

Der Blaue holte einen Augenblick Luft und strich sich den Schweiß aus der blutenden Stirne. Hastig löste er den Riemen vom Leib seines Opfers und forschte besorgt in dessen todbleichen Zügen. Earthcliffe starrte ihn mit offenen Augen an. Der Schrecken der halsbrecherischen Kletterei, zwanzig Meter über dem Boden, stand noch in seinen Blicken.

»Was wollen Sie von mir?« stöhnte er kurzatmig.

»Gott sei Dank!« lachte der andere. Es klang wie Erlösung. »Das wäre gelungen!«

Über Earthcliffes Gesicht ging ein maßloses Staunen.

»Walter Werndt? Sie?«

»Gut geraten, Verehrter! Es ist nicht ratsam, allzulange zu rechnen. Wenn alles in Brand steht ... Es ging um Sekunden. Heiß ist mir geworden.«

Earthcliffe stand leicht wankend auf.

»Was bedeutet das alles? Bin ich hier im Tollhaus?«

Der Ingenieur wehrte ab.

»Später! Später! Zuerst an die Arbeit. Die Hauptsache kommt noch.«

Mit elastischen Schritten ging er auf die andere Seite des Daches, den kleinen Gelehrten dicht hinter sich ziehend.

Lichtübergossen vom blauweißen Mondschein wiegte sich Werndts schlankes Flugzeug. Earthcliffe begriff, ohne lange zu fragen. Mit hastigen Griffen kletterte er auf den Flugsitz. Werndt ließ durch einen kurzen Druck den Motor anspringen. Lautlos, fast senkrecht hob sich die wundervolle Libelle in die winterkalte Nachtluft, als schwebe sie langsam dem Monde entgegen. – – –

In Earthcliffes Arbeitssaal tobte die Hölle. In instinktiver Ahnung des Richtigen erriet die verhetzte Masse, daß sie genarrt war. Wepp stand mit kalkbleichem, verzerrtem Gesicht auf dem Schreibtisch und brüllte voll Haß in sein Sprachrohr. Dutzende tierischer Kerle kletterten an dem Gestänge nach oben und stürmten die Leiter. Sie fanden die Luke des Dachs fest verschlossen ...

Über Wepp kam eine sinnlose Wut. Wieder sah er seinen Gegner entfliehen, seine Pläne zerschellen. Er mußte sein Ziel erreichen, koste es, was es wolle. Und sollten Tausende dabei zugrunde gehen. Heiser und scharf schrie er seine Befehle ins Zimmer.

»Man hat uns betrogen. Earthcliffe entflohen. Auf zum Turm! Zum Schaltbrett der Schurken! Im Turm ist das Mordrohr! – Meteor! Letzte Rettung!«

Von Mund zu Mund eilte die Nachricht nach außen, durch die Gänge des Hauses, in den Park, auf das Feld und die Straßen. Wie eine Sturmflut lief es über die Massen. Ein Geheul brauste auf, daß die Fackeln flackerten und ein minutenlanges Pfeifen die Lüfte durchschnitt.

Nagel und Mabel hörten das Heulen auf dem Dache des Turmes. Erschauernd lehnte sie sich an den Mann. Ihre Lippen bebten erbleichend.

»Sie haben ihn gefunden! Jetzt ist er verloren! Und Werndt!«

Von unten hämmerten plötzlich die Maschinengewehre wie rasend. Ohne eine Antwort zu geben, stürzte Nagel zur Türe und verschwand in dem Turme. Eine wahnsinnige Wut trieb ihm das Blut in die Schläfen. Earthcliffe ermordet, Werndt verloren! Die beiden genialsten Köpfe der Zeit diesen Tieren geopfert!

Rache! Rache! schrie es in ihm auf! Rache auch für Mabel! die ihren Vater verloren. Er übernahm das Maschinengewehr an der vordersten Luke. Der Mond ließ die ganze Länge des Zugangs erkennen ... Dichte Massen drängten durch den Tunnel nach vorne. Wie von einer unsichtbaren Hand wurden die Stürmer zu Boden gemäht. Dutzende, in Reihen, haufenweise übereinandergeworfen, lagen die Toten und verstopften den Aufgang.

Mit einem schrillen Pfiff seiner Signalpfeife stoppte Nagel das Feuer. Weiteres Schießen war zwecklos. Die Kugeln schlugen nur in die Leiber der Leichen. Ein dichter Wall von Körpern verschloß jeden Zugang.

Aufatmend lehnte sich Nagel zurück. Da faßte ihn eine zitternde Hand. Mit einem Ruck fuhr er herum. Das bleiche, schöne Gesicht Mabels sah ihm entgegen. Ihre Stimme klang tief in dem Schmerz des Erlebten. Aber sie war ruhig und tapfer.

»Kommen Sie!« sagte sie leise. »Kommen Sie auf das Dach – Wepp scheint eine neue Teufelei vorzubereiten. Er steigt in sein Flugzeug.«

In langen Sätzen eilte Nagel die Treppe nach oben. Erwachender Tag tauchte die ganze Umgebung in fahles Dämmerlicht. Am tiefsten Punkte des Parks war geschäftiges Treiben. Offenbar bereitete sich Wepps gigantisches Flugzeug zum Aufstieg. Man sah durch das Glas deutlich seine hagere Gestalt. Einige Umstehende hoben breite Gegenstände in das Innere.

»Sie laden Bomben auf,« nickte Nagel.

Mabel sah ihn gefaßt an.

»Sie glauben also ...?«

»Daß er unseren Turm von oben angreifen will.«

»Das heißt mit anderen Worten –«

»Hut ab zum Gebet! Gegen Wepps Bomben sind die dünnen Decken des Turmes vergebens. Seine dicken Mauern hätten vielleicht widerstanden, aber –. Wir können nur noch versuchen, ihn durch unsere Maschinengewehre fernzuhalten. Aber er wird gepanzert sein, dieser Schurke.«

Durch das Telefon gab er seine Befehle nach unten. Mit Ausnahme einiger Maschinengewehre, die für den Zugang genügten, verteilte er alle Waffen auf dem Dache des Turmes. Es war höchste Zeit. Wie eine schwarze, drohende Wolke löste sich der Vierdecker schon aus dem Nebel. In einem großen Kreise umzog er den Sternturm. Enger und enger schrumpften seine Spiralen. Ein wütender Hagel von Geschossen prasselte ihm entgegen.

»Der Kerl schüttelt sie ab wie ein Hund tote Flöhe!« schalt Nagel. »Herrgott, wenn ich jetzt meine ›Schwalbe‹ hier hätte! Dem Kerl an die Gurgel. Das müßte die höchste Wonne meines Lebens sein –!«

Mit unheimlicher Gleichmäßigkeit zog der schwarze Riesenvogel seine gefährlichen Kreise. Einige Leute der Besatzung wurden unruhig und sahen nervös nach dem Ausgang. Ein älterer Beamter schlich sich an Nagel heran und würgte an einer Frage.

Nagels Stirn zog sich verächtlich zusammen.

»Ja, geht nur, geht! Verkriecht euch im Keller! In fünf Minuten sind wir doch alle im Jenseits.«

Als hätten sie nur auf diese Erlaubnis gewartet, drängten die Leute ins Innere des Turmes. Ein einziges Maschinengewehr blieb zurück. Neben ihm stand eine schwarze Gestalt, unbeweglich, die Arme verschränkt. Der eine Fuß war einen Schritt breit nach vorne geschoben, als ginge es zum Tanzen.

»Don Ebro!« sagte Mabel erstaunt.

Nagel wandte sich zu ihm.

»Warum gehst du nicht auch in den Keller?«

Der Spanier verzog keine Miene des Faltengesichts.

»Es ist noch eine Dame hier oben!« sagte er ruhig, mit selbstverständlicher Würde. Dann beschaute er sich interessiert das gigantische Flugzeug, das oben heranzog.

Nagel drückte ihm herzlich die Hand.

»Du bist ein Prachtkerl, alter Spanier!«

Dann wandte er sich an Mabel, die mit traurigen Augen dabeistand. Wie in einem gemeinsamen Gedanken fanden sich ihre Hände.

»Mabel!« sagte er leise, mit einem leichten Zittern in seiner Stimme. »Sie haben soeben Ihren Vater verloren. Ich meinen vergötterten Meister und Freund. Die Stunde ist vielleicht ungeeignet für meine Worte. Aber in wenigen Sekunden ist es vielleicht zu spät. Lassen Sie mich Lebewohl sagen, liebste Mabel. Ich habe auf dieser Erde nichts zu verlassen, was mir so lieb war, wie Sie!«

Mit tränenumflortem Blick sah sie ihn an. Dann reichte sie ihm stumm ihre blühenden Lippen.

Don Ebro hatte sich abgewandt. Plötzlich zog er den Fuß an sich heran. Irgend etwas mußte seine besondere Aufmerksamkeit erregt haben.

Nagel löste sich sanft aus den Armen der Liebsten. Gewaltsam schüttelte er die Rührung ab.

»Ich möchte wissen, warum der Kerl noch zögert. Der Schuft scheint mit uns noch etwas spielen zu wollen!«

Erstaunt drehte er sich um und starrte verwundert nach oben. Das Flugzeug Wepps war aus der Kurve nach auswärts gebogen. Man sah erregte Gesichter in der Kabine. Der schwarze Vogel flog, wie verfolgt, wild im Zickzack. Im Sturmflug kam er nach unten, bis über das Wohnhaus. Da schrie Mabel leicht auf.

Hoch über dem Feinde stand plötzlich ein Lichtkreis, ein schillerndes Etwas, wie ein blitzender Stern. Schoß wie eine Sternschnuppe vom Himmel und blieb leuchtend stehen.

»Walter Werndts Falke!« schrie Nagel voll Jubel. Er riß Mabel Earthcliffe fast in seine Arme. Mit glückstrahlenden Augen sahen sie zu dem Retter hinauf. Der Anblick währte nur wenige Sekunden. Wepps Apparat suchte sich mit höchster Geschwindigkeit vor dem unerwarteten Gegner zu retten. Es war schon zu spät. Werndt fing ihn ein, wohin er auch ausbog. Kreis um Kreis schraubten sich die beiden Kämpfer nach oben. Jeder suchte dem anderen den günstigsten Platz abzugewinnen. Aber Werndts Falke ließ seinen Gegner nicht frei. Immer enger schnürte er ihn ein. Wie ein Netz zog er seine Spiralen um Wepp. Nur einen Augenblick stand er regungslos still. Gerade über dem wendenden Feind. Wie ein blitzender Punkt. Dann sauste er wie ein Habicht herab. Eine Flamme schlug auf ... In rote Fahnen gehüllt, stürzte Wepps Flugzeug ins Feld. –

Ein vieltausendstimmiger Schrei brandete auf. Aber er galt nicht mehr dem Flugzeug allein. Ein niegesehener Anblick ließ das Blut all der Menschen da unten erstarren ... Blendende Lohe schien plötzlich den Himmel zu färben. Als schwölle die Lichtstärke des Tagesgestirns ins Unermeßliche, drang unerträgliche Helle schmerzpeitschend ins Auge. Eine ungeheure Explosion mußte dort oben vor sich gehen. Ein weißglühender Körper stand mitten im Raum. Wie ein Mond im Zerbersten.

Keine Sonnenprotuberanz konnte ein so furchtbares Aussehen haben, wie dies Sichzerfleischen der Himmelsgestirne. Vorgänge, die sonst in 150 Millionen Kilometer Abstand dem menschlichen Auge entgingen, spielten sich hier vor den Augen der wahnsinnig fliehenden Masse wenige 100 000 Kilometer weit ab. Und doch drang kein Laut, kein Getöse ans Ohr der erzitternden Menschheit. Während die Blicke die entsetzlichen Explosionen verfolgten, barsten die Massen des glühenden Körpers noch außerhalb des irdischen Luftraumes und sandten keine Schallwelle bis auf die friedliche Erde. Dadurch wurde der Vorgang noch unheimlicher, gespenstischer, grauenerregender. Hunderte wurden wahnsinnig vor Angst und Entsetzen und warfen sich schreiend aufs Feld, in die Gräben, kletterten auf die Bäume, stürzten sich von den Mauern zerschmetternd zur Tiefe. Mann kämpfte gegen Mann, um sich Rettung zu bahnen. Kinder und Weiber wurden niedergeschlagen. Wie in einem Wirbel des Wahnsinns wütete die dichtgedrängte Menge gegeneinander und fand keinen Ausweg. Mordend und rasend, wie brennende Bestien, liefen die Massen geblendet im Kreise.

Plötzlich schien der Körper an Durchmesser bedeutend kleiner zu werden. Der im Widerschein der Meteorglut leuchtende Wasserdampf zerstob allmählich, und verschwand endlich ganz. Wie eine ferne Sonne, blendend, strahlte das Meteor jetzt am Firmamente und rührte sich nicht.

Zitternd und fragend starrten die Augen der Menschheit nach oben. Da dröhnte es plötzlich wie eine Stimme des Jüngsten Gerichts hoch vom Himmel. Sie kam aus dem Sprachrohr des leuchtenden Flugzeugs.

»Hier Earthcliffe und Werndt. Das Meteor ist mit einem Welteiskörper zusammengestoßen und in seiner Bahn zurückgeworfen worden. Das Meteor wird binnen weniger Stunden fast senkrecht auf unsere Erde abstürzen!«

Ein einziger Schrei entsetzlichen Grauens stieg bis in die Wolken. Als berste der Boden in zahllose Teile, brach der Damm der gestauten Massen in tausende Stücke auseinander. Ströme schreiender, zappelnder Menschen ergossen sich über die Felder und zwischen die Straßen. Autos jagten, Flugzeuge schossen hoch über die Häuser dahin, als wollten sie flüchtend der Erde entgehen. Und unten rannte das Volk, rannte ums Leben, blind, sinnlos, verzweifelt und doch ohne Endziel, die Panik im Nacken, nur eines im Hirne:

Der Absturz! – – – Das Ende! – – –

* * *

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