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Reinhold Eichacker: Panik - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titlePanik
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201509
projectidf48642f6
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Mit entsetzensgeweiteten Augen sah Mabel Earthcliffe auf Don Ebros Lippen.

»Sprechen Sie! Ja, so sprechen Sie doch! – Und was tat Mister Nagel?«

Der Spanier schnappte nach Atem und riß sich zusammen.

»Sogleich, Sennorita, sogleich. Am Washingtonplatz stand der Herr. Oben hoch auf dem Denkmal und schrie in die Massen, die sich vor ihm drängten. Sprach, schrie, bat, drohte, erklärte, verklagte. Wie ein Verrückter, – Verzeihung, nein, wie ein Ertrinkender kämpfte er gegen den Wahnsinn da draußen. –«

»Und das Volk?«

»Hörte zu, – verstand nicht – schnappte einzelnes auf – wurde stutzig. Man drängte sich noch näher zusammen zum Denkmal. Plötzlich fiel ein Schuß – mitten aus der Menge.«

Mabel griff sich zum Herzen.

»Weiter, weiter ...« flehte sie tonlos.

»Ich sah im gleichen Augenblick nach jener Richtung. Der Teufel soll mich holen, Miß, wenn ich die höhnische Fratze nicht kannte!«

»Mister Wepp?«

»Und kein anderer! Man soll mich hängen, Sennorita. Ein Blitzlicht, dann war wieder alles verschwunden.«

»Und Nagel?«

»Er fuhr mit der Hand nach der Stirne und wankte ein wenig. Man sah es nicht deutlich auf diese Entfernung. – Und dann sprach er weiter. Mich packte der Strom aus den anderen Straßen und drückte mich weiter. Jetzt suche ich Hilfe.«

»Wir müssen ihn suchen?«

»Jetzt, wo es schon dunkelt! Signora, unmöglich für Sie, eine Dame! Ich hole erst Männer ...«

»Dann gehe ich allein ...«

»Miß, Sennorita.«

Mit einer schwungvollen Bewegung warf er den Rock um die Schulter und folgte ihr eilig.

»Ich wußte es!« sagte er leise und dankbar.

Gleißender Mondschimmer lag auf den Plätzen und Straßen. Mit glühenden Augen durchstießen die riesigen Häuser gespenstisch die nächtliche Kälte. Wie dicke Blöcke, quer über die flimmernden Streifen gewürfelt, lagen wuchtige Schatten, breit, klobig und drohend.

Das Lincoln-Denkmal brannte in lodernden Fackeln. Bis auf die oberen Stufen hinauf stand das Volk um den Redner im Halbkreis. Menschen, Menschen, wohin man sah. Der Platz schwarz und wimmelnd, und noch immer strömender Zufluß der Straßen.

Wie eine Ausgeburt der wahnsinnigen Nacht stand der Schatten des Redners steil zwischen den Flammen. Seine Gestalt vervielfachte sich, aufblitzend und wankend zwischen den Sternen des Himmels im Spiegel des Marmors. Ab und zu schoß ein Arm wie ein düsterer Vogel ins wogende Dunkel. Funkenschwärme der rauchenden Fackeln zischten hoch auf und verloschen zersprühend.

Das Echo der Nacht gab der Stimme da oben vervielfachte Schallkraft. Eine heftige Bewegung lief durch die Menge. Irgendwoher kam ein Schreien und Gröhlen. Das Volk unten bebte.

Heiser und scharf, wie gepeitscht durch die Nacht, klang die Stimme herab.

»Laßt euch nicht mißbrauchen von dieser Horde von Bestien! Ausnützen wollen sie nur eure Angst. Wucher treiben mit eurer Verzweiflung. Glaubten sie selbst an das Ende der Welt, würden sie dann nach Bereicherung gieren? Euer mühsam erspartes Geld will man euch nehmen durch Börsenmanöver. Eure Häuser, euer eigenes Heim lockt man euch ab für einen Bruchteil des Wertes. Man jagt euch hinein in Verwirrung und Schrecken, um euch zu betrügen. Brüder, Schwestern, hört nicht auf diese Verbrecher! Glaubt nicht ihren Zeitungen, die nur das Gift und die Lüge bezahlen, um euch zu bestehlen. Werft dieses Gift ungelesen ins Feuer. Verlangt volle Wahrheit! Es gibt eine Hoffnung. Es gibt eine Rettung. Die Michiganwarte, die das Mondmeteor als die erste entdeckte –«

»Wepp! Wepp!« schrie es gellend. Ein ohrenbetäubendes Pfeifen und Johlen zerriß jäh die Stille. Der Redner am Denkmal schwang heftig die Fackel.

»Nein, Earthcliffe – die Wahrheit ...!«

Man hörte nur Schreien, verworrene Laute, und drängte nach vorne. Nagel hielt beide Hände als Sprachrohr zum Munde. Es klang wie ein Ächzen. Die Stimmbänder schmerzten. Wüstes Heulen kam näher und näher.

»Volkshetzer! – Verführer! – Aufwiegler! Laterne! Hoch an die Laterne! Laterne! Laterne!«

Die Menge stockte unschlüssig und zweifelnd. Eine seltsame Veränderung ging durch ihre Hirne, als habe da drinnen ein Etwas geschlafen, was jetzt jäh erwachte. Ein heißes Gefühl letzter wilder Verzweiflung kam über die Massen. Bluthaß auf den Nächsten – man brauchte ein Opfer – man suchte Entladung. –

Immer neue Kehlen stimmten ein in das Heulen. Kreischend, gellend, heiser, tierisch, blutdürstig.

»Nagel! – Nagel! – An die Laterne! Volkshetzer! Betrüger!«

»Mörder! Mörder!« gellte eine schneidende Stimme. »Auto Menschen getötet ...!«

»An die Laterne! An die Laterne!« schwoll es heran. Tausende heulende Rufe verschmolzen im Echo. Tausend drohende Arme streckten sich in den Mondschein hinein, zu dem Denkmal hinauf, nach dem einzelnen Manne ...

Nagel strich sich verwirrt durch das Haar.

»Brüder!« schrie er mit äußerster Kraft. Es war nur ein Hauch in dem Toben der Nacht. Wie eine spannunggeladene Wolke lag es um den Platz. Nagel fühlte sie wie etwas Körperliches, das ihm die Kehle zuschnürte. Schatten tauchten hinter ihm auf. Mit einem Ruck drehte er sich um. Eine leuchtende Hand griff ihn flehend am Arm.

»Mabel!« rief er bestürzt, »was tun Sie hier?«

»Kommen Sie! Kommen Sie!« drängte sie bleich. »Man verlangt Ihren Tod. Wepp –. Er hetzt alle auf.«

»Dann heran mit dem Schuft! Dann werden wir kämpfen, – hier, ... Mann gegen Mann.«

Vorgebeugt wie ein Ringer, mit suchenden Händen stand Nagel im Lichtschein. Das Haar hing ihm strähnig und lang in die Stirne. Blut klebte in Brauen und über der Schläfe. Mabel zitterte am ganzen Leibe.

»Um Gottes willen!« flehte sie nochmals. »Die Menge da unten wird Sie ja zerreißen. Das Volk ist von Sinnen. Fort, eh' es zu spät ist!«

»Die Menge? Das Volk?! Das ich retten will –? Teufel!«

Erst jetzt sah er unten die wogenden Massen, die drohenden Fäuste, die tierischen Fratzen. Blitzhaft erkannte er seine Gefahr, sah er, was Mabel hier für ihn gewagt hatte. Da kam wilder, glückhafter Mut wie ein Sturm über ihn.

»Mabel!« jauchzte er auf und ergriff ihren Arm. »Tod und Leben – wir zwei!«

Das Volk unten schrie plötzlich auf wie ein heulendes Tier. Oben von dem Denkmal wirbelten Dutzende Fackeln herab, schossen die marmornen Stufen zu Tal, flogen wie Wurfspeere weit auf den Platz unter das drängende, schreiende Pack. Setzten in Brand, was sie zischend erfaßt, rissen sich Löcher und Gassen ins Schwarz, flammten, zersprühten zu kreischender Angst ...

Jammern, Fluchen, Wutschreie gellten zum nächtlichen Himmel empor. Mensch rang gegen Mensch in verbissener Wut, schlug, trat, biß ohne Wahl oder Ziel. Jeder des anderen bitterster Feind. Jeder ein Mörder in sinnlosem Haß.

Nagel sah in das Toben hinab ... Sieghafter Kampfzorn blitzte in seinen Augen. Er griff nach der äußersten Fackel und legte den Arm um Mabels bebenden Leib.

»Es wird Zeit!« sagte er furchtlos. Nochmals wirbelte sein Arm durch die Luft. »Dies, euch Bestien, zum Gruß!« schrie er laut in die Nacht. »Ihr verdient euer Los!«

In rasendem Kreisel zischte die glühende Fackel hinab. Um die Statue Lincolns sprang schützend die Nacht. Keine Fackel mehr stand auf dem oberen Teil. In doppelter Finsternis ragte des Mächtigen Haupt. Minutenlang. Zahllose Sterne spiegelten auf in dem düsteren Marmor, in höhnischem Licht ...

»Nagel – Mörder – schlagt den Kerl tot!«

Doch der Platz vor dem oberen Denkmal – war leer ...

* * *

Der Direktor des Mount Wilson-Observatoriums las den Funkspruch und nickte befriedigt.

»Doktor Wepp und Direktor Blackfriend werden 11 Uhr 35 Minuten im Flugzeug ›Albatros‹ eintreffen. – Noch eine halbe Stunde. Es ist gut.«

Der Diener zog sich geräuschlos zurück. Der riesige Kuppelsaal lag in bläulichem Halbdunkel.

Vom großen Refraktor löste sich ein wankender Schatten. Ein kleines, rundliches Männchen kam näher zum Lichtschein.

Der Direktor sah ihn von der Seite an. Er zwinkerte belustigt mit den buschigen Brauen.

»Jetzt kommt Mister Stores großer Fragebogen. Ich weiß schon, mein Lieber.«

Der Kleine zog seinen Mund zusammen wie einen Rüssel und errötete wie ein ertapptes Kind.

»Ich bin nicht neugierig. Ich möchte nur wissen ...«

»Ich weiß schon! Ich weiß schon!« lachte der andere. »Erstens, zweitens, drittens. Erstens, warum wir auf diesen Mister Wepp warten müssen. Zweitens, was er bei unserer wichtigen Beobachtung heute mitternacht hier zu schaffen hat. Und drittens, was dieser Mister Wepp überhaupt für ein Mensch ist. Das ist's doch, Verehrter, was Sie zu mir hertreibt?«

Der Kleine machte runde Augen vor Staunen.

»Sie sind ein Hellseher, Herr Direktor!«

»Um Himmels willen! Nur Mathematiker! Logiker, wenn Sie wollen. Ich kann übrigens Ihre Wißbegier stillen.«

Der rundliche Schatten des Assistenten kugelte sich aus dem Halbdunkel.

»Vom moralischen Standpunkt betrachtet, ist Mister Wepp nur ein Schurke, denn er verriet seine wissenschaftliche Ehre und spekulierte mit Menschenleben.«

»Ist ganz meine Ansicht.«

Der Direktor ließ sich nicht beirren.

»Vom historischen Standpunkt ist er seit vierzehn Tagen einer der reichsten Menschen der Erde. Vielleicht schon der reichste. Bevor seine berüchtigte Notiz vor vier Wochen herauskam, hatte er sich auf Wechsel hin Versicherungsaktien, Stahl- und Betonaktien fast aller größeren Gesellschaften Amerikas gesichert. In Höhe von mehreren Milliarden. Ohne einen Dollar zu haben.«

In den vor Staunen geöffneten Mund Mister Stores fiel das Blaulicht der Ampel.

»Nach vierzehn Tagen stieß er den ganzen Besitz mit enormem Gewinn ab. Seitdem ist er Milliardär, bewohnt einen märchenhaften Palast in Newyork und spielt den Wohltäter der von ihm betrogenen Menschheit.«

»Und was will er heute ...?«

»Was er hier will? Sehr einfach. Er hat dem Mount Wilson-Observatorium zehn Millionen gestiftet.«

»Herrgott – Klamotten – Verzeihung!«

»Unter der Bedingung, daß er heute mitternacht der entscheidenden Beobachtung des Meteors auf unserer Sternwarte beiwohnen darf.«

Der Kleine fand seine Ruhe nicht wieder.

»Zehn Millionen Dollars. Dafür konnte er ja die ganze Sternwarte kaufen. Ein nettes Eintrittsgeld für das Meteortheater. Potz Zacken!«

»Wird's dem Manne schon wert sein. Irgendeine Teufelei lauert sicher dahinter. Aber sollte das Direktorium die Stiftung verweigern? Mister Wepp hätte jede andere Sternwarte mit Kußhand bekommen.«

»Der Mann paßt nach Amerika, – bitte!«

»Ich glaube, Sie sind auf sein Erscheinen gespannter als auf den prophezeiten Vorbeigang des Meteors.«

»Herrgott, das Meteor!« rief der Kleine und eilte zum großen Refraktor hinüber.

Die Türe des Vorraums sank leise ins Zimmer.

»Mister Wepp, Mister Blackfriend,« meldete der Diener. Der Direktor ging den Gästen diensteifrig entgegen.

Wepp reichte ihm lässig die magere Hand. Er war nach der neuesten Mode gekleidet. Das rötliche Haar brannte selbst in der Dämmerung.

»Bitte, lassen Sie sich nicht stören, Herr Direktor,« winkte er ab. Mit jenem Zuviel der Bewegung, das den Emporkömmling verrät. »Sie sind über meine Wünsche unterrichtet? Durch meinen Sekretär?«

Der andere brummte verärgert Bejahung.

»Na, schön – also bitte –, lassen Sie sich nicht aufhalten. In zwanzig Minuten soll ja der Vorübergang stattfinden, nicht wahr? Mister Blackfriend und ich werden diese Sessel hier nehmen und warten. Bitte nachher nur die Meldung und nähere Daten –!«

Als sei der Direktor für ihn nicht mehr vorhanden, blickte er über ihn weg und ließ sich in einen Klubsessel fallen.

»Flegel!« brummte der andere leise und ging zum Refraktor.

»Setz' dich, Blackfriend!« lachte Wepp höhnisch. Es machte ihm Freude, die Menschen zu ärgern.

Der dicke Direktor der Newyork Versicherungsgesellschaft sah zu ihm auf wie zu einem Propheten. Seit Wepps großem Sieg war er nur mehr der Schatten des Weltspekulanten. In hündischer Ehrfurcht war er ihm ergeben.

»Darf ich jetzt erfahren, Wepp, was wir hier wollen?«

»Was ich will!« verbesserte Wepp, seine Hände verschränkend. »Du darfst es, mein Lieber. Mußt es sogar, denn es geht dich, wie mich an. In fünfzehn Minuten fällt die große Entscheidung.«

»Entscheidung? Worüber?«

»Du schläfst, seit du reich bist! Über das famose Meteor, deinen Freund.«

Mister Blackfriend fuhr hoch. »Wie? Was? Ob es abstürzt?!«

»Das auch – vor allem, ob es mir hilft, meinen Plan zu vollenden.«

Der dicke Direktor rutschte nervös in dem Sessel. Seine spärlichen Augenbrauen waren ängstlich verzogen, seine Fettfalten zuckten.

»Was ist denn nun wieder los mit dem verteufelten Mondvieh?! Man kommt ja aus den Aufregungen überhaupt nicht heraus! Ich denke, der Absturz des Dings war nur Schwindel und –«

»Im Gegenteil! Alles spricht noch dafür, mein verehrtester Bankheld. Wenn du übrigens noch zehn Minuten Geduld hast, wirst du es ganz genau wissen. Professor Earthcliffe, mein hoher Gönner und Freund, war so liebenswürdig, an Hand des bisherigen Beobachtungsmaterials die voraussichtliche Bahn unseres Meteors zu berechnen. Danach müßte das Ding heute, genau um Mitternacht, an einer ganz bestimmten Stelle des Himmels, etwas unterhalb des Mondes, zu sehen sein. Leider läuft es nicht über die Mondscheibe selbst. Also Beobachtung schwierig.«

»Und was soll diese Beobachtung zeigen?«

»Nimm Stangenpomade, mein Lieber! Deine Haare steigen sonst wieder zu Berge. Nach Earthcliffe muß diese Beobachtung zweifelsfrei ergeben, ob das Meteor sich inzwischen der Erde genähert hat. Mit anderen Worten, ob das Meteor in seiner Spiralbahn gegen die Erde herangeschrumpft ist, oder ob die Beständigkeit der Bahnachse gewährleistet und damit die Katastrophe um Tausende von Jahren hinausgeschoben erscheint.«

»Wenn die Bahn also herangeschrumpft ist –«

»Fällt das Meteor dir allein auf den Kopf! Du siehst ja jetzt schon so aus.«

Mit sadistischer Freude weidete sich Wepp an der Angst des Direktors. Plötzlich schlug er erregt auf die Lehne.

»Himmelherrgott, was interessiert mich der Absturz! In fünf Minuten entscheidet sich mehr als das bißchen – Mein Plan –, alles, – alles!«

Aufgereckt, hager, sehnig, verkörperte Willenskraft und Herrschsucht, stand er vor seinem Sessel.

Ängstlich und scheu blinzelte Blackfriend zu ihm hinauf.

»Was für Pläne? Was alles? Bist du denn noch nicht zufrieden mit deinen Milliarden?«

In den wimperlosen Augen Wepps stand dämonisches Leuchten.

»Milliarden? Zufrieden? Ein Anfang das alles!«

Geheimnisvoll flüsternd beugte er sich zu dem andern nieder. Ein leises Knistern ging durch sein rötliches Haar. Seine Zähne knirschten.

»Weißt du, Spottgeburt meiner Laune, wer Wepp wirklich ist? Was Wepp will? Glaubst du, er fische nach Flitter und Geld und spiele um Scherben? Träumst du Tor, daß ein Wepp eine Chance, die kaum in zehntausend Jahren sich einer Welt bietet, wie ihr nur zu Kleingeld und Alltagslohn münze?! Milliarden habe ich mir gewonnen, während ihr euch mit blassen Millionen begnügtet. Aber ich habe mir selbst in den Arm fallen müssen. Ich mußte meine Aktien pfundweise verkaufen, um aus meinem Nichts die Milliarden zu lösen. Die Börse, der Markt waren plötzlich überschwemmt mit meinen Papieren. Die Aktien fielen, nachdem ich geerntet. Sie fallen noch immer. Neues, Neues muß geschehen, bevor ich am Ziel bin. Ich werde Amerika aufkaufen mit meinen Milliarden, wenn alles verzweifelt den Kursstand herabdrückt. Ich werde, die Panik von neuem aufpeitschend, mit meinen Milliarden Billionen gewinnen. Ich werde die Erde besitzen, wenn sie morgens aufwacht. Herr will ich werden der Welt, während ihr alle zittert! Das Meteor ist mein Stern, mein Genosse der Hölle.«

Wie eine große Katze schlich er unhörbar zum Fernrohr hinüber. Der Direktor und Mister Store lagen vor dem Riesenokular und schauten in größter Erwartung zum Himmel.

»Ist es so weit?« fragte Wepp. Er war heiser.

»Noch eine Minute,« gab der Direktor zurück, »55 Sekunden.«

Wepp zog seine Uhr. Ihr Radiumzifferblatt leuchtete magisch. »45 Sekunden – 40 – 35 ...« zählte er langsam, »20 – 15 – 10 – 5 –« Seine Lippen bewegten sich lautlos bebend. »Jetzt – jetzt ...!«

Mit weitaufgerissenen Augen starrte er nach der Scheibe des Mondes, als wolle er mit seinem Blick selbst die Sternenwelt bannen.

»Sehen Sie es? Sehen Sie es?« fragte er heftig. »Herr, so reden Sie doch!«

Die beiden Beobachter regten sich nicht. Ihre Köpfe lagen wie verwachsen mit dem riesigen Rohr vor den blitzenden Gläsern. Leise tickten die Schalter und Hebel.

Eine Minute verfloß, zwei Minuten, fünf Minuten. Wepp atmete keuchend. Er hatte den Arm Mister Blackfriends umklammert wie mit einem Schraubstock.

Endlich lehnte sich der Sternwartdirektor müde zurück und stand von dem Rohr auf.

»Nichts! Nichts!« sagte er ruhig. »Er hat sich verrechnet.«

Mit einem Sprung war Wepp vor dem Rohre. »Wer hat sich verrechnet? Wer? Wepp oder Earthcliffe? Ein Earthcliffe verrechnet sich nicht. Rattes! Das weiß ich am besten.«

Heißen Blickes lag er vor dem Glase und suchte das Feld ab. Der greise Direktor stand ruhig und wartend. Eine halbe Stunde verging, ohne daß Wepp sich regte. Plötzlich sprang er wild auf und stieß Blackfriend zur Seite.

»Teufelskreuz! Oben ist nichts zu sehen. Mag sich Earthcliffe verrechnen – meine Rechnung stimmt doch!«

Ohne sich Zeit zu einem Gruß zu nehmen, stürzte er voller Wut durch den Ausgang und verschwand in dem Dunkel.

* * *

»... Die neuesten Berechnungen, die, auf ein reiches Beobachtungsmaterial gestützt, nunmehr einen großen Grad von Genauigkeit gewährleisten, ergeben in bezug auf das Verhalten des eigenartigen Meteors folgende Daten: Die Bahn des schweifenden Körpers ist eine Ellipse, in deren einem Brennpunkte die Erde steht. Die Größe der Ellipse ist aber nicht gleichbleibend, sondern ihre Halbachsen nehmen fortwährend ab. Und zwar mit einer schon jetzt beträchtlichen, in Zukunft sich noch ungemein steigernden Geschwindigkeit. Das Ende dieses Werdeganges würde und müßte sein, daß das Meteor irgendwo in steil geneigter, tangentialer Einschußbahn in die Erdatmosphäre eindringt und zum Absturz gelangt, wenn nicht noch eine Möglichkeit gegeben wäre, die uns die Katastrophe vielleicht ersparen kann, nämlich – der Mond.

Infolge des ganzen Getriebes des himmlischen Uhrwerks wird es sich am Tage des kommenden Mondperigäums genau um Mitternacht ereignen, daß das kritische Meteor in seinem Apogäum dem Monde sich derart nähert, daß die Scheidelinie, welche die Anziehungsbereiche von Erde und Mond trennt, fast genau vom Meteor erreicht wird. Es handelt sich da um wenige hundert Meter. Unsere Berechnungen haben aber einen mittleren Fehler von plus oder minus 500 Kilometer. Wir können daher heute weder behaupten, daß der Mond uns dieses Mal erretten wird und das Meteor in seinen Ringgebirgen begraben will, noch, daß der neuentdeckte Himmelskörper zur Erde abstürzen wird. Eine Sicherheit über das zu erwartende Verhalten des Meteors kann es für den Mathematiker erst dann geben, wenn es gelingen sollte, den Vorübergang des Körpers in der von mir errechneten Zeit unterhalb des Mondes in der genannten Mitternacht zu beobachten. Diese Beobachtung unter allen Umständen zu erreichen, wird das Bestreben aller Sternwarten der Erde sein.

Earthcliffe.«

... Immer und immer wieder las Professor Earthcliffe den vor ihm liegenden Ausschnitt der Washington News vor sich hin. Mit einem hilflosen, gequälten Blick sah er über die Möbel und auf seine unheimlich schillernde Tafel. Müde, mechanisch zog seine bleiche, durchgeistigte Hand an dem strähnigen Haarschopf.

»Lassen Sie nur!« sagte er tonlos zu Nagel hinüber, der vor einem Tisch saß und Zeichnungen prüfte. »Es ist ja doch alles vergeblich und zwecklos. Earthcliffe ist erledigt, verstümpert, verrechnet.«

»Nein, Ihre Rechnungen stimmen.«

Eine bittere Entschlossenheit lag um die Lippen des Doktors. Über Earthcliffes durchwachtes Gesicht flog ein flüchtiges Lächeln.

»Die Rechnungen stimmen? Und doch nichts zu sehen? Die Mitternacht klar wie der sonnigste Tag. Alles für die Beobachtung nur so gemacht. Alle Gläser der Welt auf die Bahn eingestellt, die das Ding laufen muß, wenn die Rechnung hier stimmt?! Und dann nichts, aber gar nichts zu sehen. Selbst Ihr berühmter Dusel sah nichts, diese letzte Instanz!«

Nagel gab keine Antwort. Unwillig wühlte er beide Fäuste in das lockige Braunhaar. Der Direktor pfiff durch die Lippen.

»So erregt, junger Freund? Hat Mister Wepp eigentlich mein Fiasko für heute nacht noch nicht für sich vernutzt?«

Der andere riß einen ganzen Stoß Zeitungen aus seinem Rock und reichte ihn Earthcliffe mit rotem Gesicht.

»Einmal müssen Sie es ja doch erfahren. Oh, dieser Wepp, dieser Schuft!«

Der Gelehrte sah überrascht auf die Blätter.

»Ah, – schau – eine eigene Zeitungskorrespondenz. Also Arbeit im großen. Mister Wepp versteht sein Geschäft. Potz drei – was ist das?!«

Mit wachsender Erregung durchflog er den Text. Sein übernächtigtes Gesicht rötete sich langsam. Seiner Gewohnheit gemäß las er laut und betonend.

»Proletarier, sind euch nun die Augen geöffnet? Seht ihr nun endlich das Drohnentum jener Sorte von Menschen, die ihr bisher wegen ihres angeblich überlegenen Wissens geachtet und durch eure Sparpfennige unterstützt habt? Wer war der wahrhaftige Freund in eurer Not? Ich oder jene? Hättet ihr getan, was ich euch längst geraten! Dann brauchtet ihr euch wenigstens jetzt nicht darüber zu ärgern, wie die Milliarden, die ihre Observatorien gekostet haben, nutzlos hinausgeworfen sind. Wozu brauchen wir Astronomen? Kann es uns nicht ganz gleichgültig sein, ob sie einen neuen Stern oder einen neuen Kometen entdeckten oder nicht? Ob sie sich ›berühmt‹ dadurch machen oder nicht? Sterben wir deswegen vielleicht früher oder später, ob die Astronomen arbeiten oder faulenzen? Nein, gewiß nicht. Aber jetzt! Jetzt, Genossen, ist die Sachlage eine ganz andere geworden. Zum ersten Male, seit die Erde steht, bedroht ein Himmelskörper von gewaltiger Dimension, voll von ungeahnten Kräften, geschwängert vielleicht von unentdeckten, giftigen, hinmordenden Substanzen, das Leben, unser aller Leben auf der Erde. Zum ersten Male sehen wir eine wahrhaft großkosmische Katastrophe sich vorbereiten, bei der wir nicht die fernen Zuschauer in Fixsternweiten von Billionen von Kilometern Abstand sind, sondern die Opfer selbst. Jetzt ist der Augenblick da, wo die Astronomen ihre Kunst bewähren könnten, jetzt der Moment, wo jeder Mensch im entlegensten Winkel der Erde nur mehr zu ihnen als den einzigen Rettern aus dieser Not des Todesgrauens emporschaut, wie zu den Priestern einer höheren Kraft, die berufen und mächtig sind, dem Schicksale, das uns allen droht, in den Arm zu fallen. Genossen, seht ihr, wie sie ohnmächtig sind! Seht ihr, wie sie sich einkapseln in ihre Kuppeln, wie in Schneckenhäuser! Wie sie ganz unzugänglich geworden sind für jedermann. Wie sie gar nicht mächtig sind, jene Berechnungen anzustellen, die uns alle vielleicht erretten könnten. Warum versuchen sie immer noch zu dementieren oder zu zweifeln? Nur weil sie mehr Angst haben vor dem Schwinden ihres Nimbus als vor dem Absturz dieses Meteors! Oder wollen sie etwa durch ihr Dementieren nur die Bankkurse drücken? Die Papiere entwerten, in denen ihr, Stiefkinder der Erde, eure kleinen Ersparnisse angelegt habt?! – – –«

Mit einem Ausdruck des Ekels schob Earthcliffe die Zeitung beiseite. Er sah Nagels fragenden Blick.

»Ja, gibt es denn heute, im zwanzigsten Jahrhundert, noch Menschen, die solche Torheiten lesen?«

»Lesen? Millionen schwören darauf!«

»Dann lohnt es auch nicht, sich um das Ende zu sorgen. Seit dem Auftauchen des Meteors ist der ›berühmte‹ Earthcliffe mit Blindheit geschlagen ... Er sieht nicht und rechnet nicht mehr. Dieses Ding oben lacht seiner Mühe.«

»Er rechnet sehr gut, aber er sieht trotzdem nicht.«

»Was soll dieser Witz?«

Nagel erhob sich und ging durch den Saal.

»Kein Witz, sondern meine Überzeugung. Diese gigantischen Rechnungen stimmen so sicher, wie ich wirklich bin. Das neue Meteor lief die Bahn, die hier steht und befand sich in der letzten Mitternacht auch genau dort, wo alle Welt es gesucht. Das ist meine heilige Überzeugung und bleibt es.«

»Das Ding hatte wohl eine Tarnkappe auf?«

Nagel sah den Älteren offen an.

»Ja,« nickte er mit Betonung. »Es hatte eine Tarnkappe auf. Es war unsichtbar.«

»In der sternklaren Nacht?«

» Wie das geschah, weiß ich nicht. So was fühle ich nur. Hier ist ein Rätsel zu lösen von ganz neuer Art. Und da kann nur noch einer helfen, die Lösung zu finden ...«

Der kleine Professor wehrte mit beiden Händen ab.

»Natürlich Ihr Werndt! Ich weiß schon, ich weiß! Seit zwei Wochen liegen Sie mir mit dem Mann in den Ohren. Muß ja ein fabelhafter Kerl sein, Ihr Professor Werndt.«

In Nagels Blick trat ein enthusiastischer Glanz.

»Walter Werndt ist der genialste Kopf, den die Menschheit besaß.«

Earthcliffe lächelte spöttisch.

»Etwas viel – etwas viel!«

»Aber wahr! Wer Werndt persönlich kennenlernen durfte, weiß es gleich mir. Ein Jahr war ich sein Schüler, sein Schatten, ah, was soll ich davon sprechen. Ihr Gelehrten seht in ihm doch nur den Gegner, den Konkurrenten, und in Amerika am meisten, wo jeder nur Amerika kennt. Für uns Deutsche ist er ein Gott. Daß er unserem Vaterland durch seine genialen, weltumwälzenden Erfindungen die Freiheit zurückgab und uns aus einem Sklavenvolk zu Führern und Vorkämpfern der Nationen gemacht hat, das wißt auch ihr hier Siehe »Der Kampf ums Gold«. Roman von Reinhold Eichacker.. Ihr habt diese Tat, die ein Weltschicksal trug, kühl rechnend gesehen, wie eine Sensation im Film, wie ein Geschäft, das man bucht – und gleich mitmachen muß. Was dieser Kampf um das Gold, diese Tat des Genies aber uns Deutschen gab, wie Werndt für 60 Millionen gefesselter Menschen als Heiland gewirkt hat – das –, Herr Direktor, werdet ihr Amerikaner wohl niemals begreifen und nachfühlen können! Selbst die besten Köpfe Amerikas nicht, wie Sie, Mister Earthcliffe!«

»Schmeichelhaft – wirklich schmeichelhaft, junger Freund! Die Verdienste des Mannes in allen Ehren, besonders für euer Land. Ich weiß nur nicht, weshalb Mister Werndt uns auch hier raten soll. Soviel ich im Bilde bin, ist der Herr Ingenieur und Chemiker, nicht Astronom – oder –«

»Walter Werndt ist ein Genie von der Universalität des Kosmos. Er springt mit seinem phänomenalen Gehirn die Erkenntnisse an. Er arbeitet mit Intuition, wie wir gewöhnlichen Menschen mit den armen fünf Sinnen, mit Maß und Gewicht. Er jagt den Welträtseln nach wie ein Spürhund, wie ein Detektiv. Ich habe den Mann arbeiten sehen. Ich war Zeuge, wie er Wunder erfand. Und ich weiß, daß auch heute nur einer das Rätsel errät. Walter Werndt – niemand sonst!«

Um die Lippen des Astronomen lag ein ärgerlicher Zug.

»Telefonieren Sie ihm doch! Telefonieren Sie ihm!«

»Das habe ich bereits heute getan.«

Mit einem Satz war der andere aus dem Sessel. Blitzenden Auges stand er Nagel gegenüber, auf den Zehen gereckt.

»Herr, das haben Sie gewagt? Ohne mich zu fragen, gewagt?«

Nagels Gesicht war von Stahl.

»Da war nichts zu wagen, Herr Professor. Es handelt sich hier nicht um ein Privatexperiment des Herrn Earthcliffe, sondern um das Schicksal der Welt. Seit heute mitternacht wissen wir zwei, daß unsere Kraft ihre Grenze erreicht hat. Nun muß ein Größerer, Auserwählter den Weg weitergehen, den Sie ihm gebahnt haben. Ich habe Werndt telefoniert heute morgen um neun. Er war über alles genau informiert. Ich wußte dies schon. In fünf Tagen wird er im Flugzeug auf der Michigansternwarte eintreffen, um zusammen mit Ihnen die Lösung zu finden. Bis dahin hält eine neue Erfindung ihn fest.«

Durch die Gestalt des Professors lief plötzliches Zittern. Die von wochenlangen Nachtwachen zerrütteten Nerven widerstanden nicht mehr. Mit einem unterdrückten Stöhnen sank er in einen kreisrunden Sessel und vergrub sein Gesicht in der bebenden Hand.

»Also Earthcliffe bankrott! Er versagte heute mitternacht. Drum fort mit dem Kerl! Geschieht mir ganz recht. Wer nichts kann, kriegt den Tritt!«

Nagel ging auf den Schluchzenden zu und legte ihm leicht die Hand auf die zuckende Schulter.

»Die wahre Größe eines Menschen zeigt sich in der Selbstüberwindung. Ein Earthcliffe wird nicht, wie ein Narr, an Eitelkeiten zerbrechen. Es ist hart, liebster Meister, Zweiter sein zu sollen, wenn man stets Erster war. Aber diesmal wird die Welt zwei Erste sehen: Earthcliffe und Werndt. Diese Namen wird man bis in die fernsten Zeiten zusammen nennen, wenn man das Schicksal der Erde bespricht. Earthcliffe und Werndt, die beiden größten Geister der Zeit. Ohne Earthcliffe kein Weg, ohne Werndt kein Erfolg. Selbst das Genie eines Werndt würde das Ziel nicht erreichen, wenn Sie, Meister, ihm nicht die Bahn vorgezeichnet hätten. Wer ist hier Erster, wer Zweiter zum Sieg?«

Der greise Gelehrte stand leicht wankend auf. In seinen umflorten Augen lag etwas wie Hoffen und Stolz. Mit einem fragenden Blick überflog er der riesigen Tafel phantastische Schrift. Er hob seine Hand, als wolle er etwas sagen, aber sein Arm sank in halber Höhe zurück.

Wie ein Schlafwandler ging er mit tastenden Schritten hinaus.

* * *

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