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Reinhold Eichacker: Panik - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titlePanik
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201509
projectidf48642f6
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Professor Earthcliffe warf die Logarithmentafel voll Wut auf den Tisch.

»Kreis und Rechteck! Ich werde wahnsinnig von diesem Warten! Herein! Heraus!« brüllte er wie ein Tobender, als es vorsichtig klopfte.

Durch den Spalt schob sich ängstlich der Kopf eines Dieners.

»Wer ist da! Was gibt es? Potz Wurzel aus dreizehn. Ich will meine Ruhe! R–u–h–e!«

Der Diener schwenkte erklärend die Hände. Vorsichtig wie ein Ei legte er eine weiße Karte auf den nächsten erreichbaren Tisch und sprang wie ein Reh gleich geängstigt zur Türe.

Mit beiden Fäusten fuhr der Alte empor.

»Besuch? Jetzt Besuch?! X, y durch Beta!«

Der Diener wartete seinen Tod nicht mehr ab. Mit hilflosem Laut wies er nur auf die Karte und floh, wie gejagt, aus der Höhle des Löwen. Ein kantiges Lineal schmetterte hinter ihm gegen die Türe. Ein flüchtiges Lachen lief über die Züge des kleinen Direktors. Sein Zorn war so plötzlich verraucht, wie entstanden. Mit langen Schritten schob er sich zwischen den Sesseln hindurch und griff nach der Karte.

Ein leiser Schrei der Überraschung, wie ein Pfiff, zwängte sich durch die gekniffenen Lippen. Dann stand er mit einem Satz zwischen der Türe.

»Wilkins! Wilkins! – Ist dieser Feigling schon fort!«

»Oh, ist nicht so schlimm!« kam es lachend zurück. »Ich komme schon selbst.«

Auf der Schwelle stand eine schlanke Gestalt, rank, rassig, gestrafft. In kleidsamer Sporttracht. Das junge, von Kraft überstrahlte Gesicht blond, blauäugig, lachend – –

Earthcliffe starrte den Ankömmling an und wich stumm zurück.

Der Jüngere schloß ohne Zögern die Türe mit flüchtigem Gruß.

»Doktor Nagel,« sagte er kurz.

Der andere wollte erwidern. Er kam nicht dazu. Er starrte noch immer in Frage und Zweifel in diese sieglachenden, strahlenden Augen.

»Doktor Nagel?« wiederholte er nur.

Der Fremde sah staunend im Zimmer umher.

»Donnerwetter – das ist originell! Sehen Sie, Herr Professor, genau so hatte ich Sie mir gedacht. Auch, daß Sie mich gleich vor die Türe setzen wollten. Paßte ganz ins Programm. Es tut mir aufrichtig leid, daß ich Ihr Idyll so jäh stören muß, aber sonst werden wir beide todsicher verrückt durch den dämlichen Punkt.«

Der Alte gewann seine Fassung zurück.

»Earthcliffe,« sagte er barsch und wies leicht auf den Stuhl. »Bitte, nehmen Sie Platz!«

»Kann man das denn, auf dem Dings? Ohne Lebensgefahr?« lachte Nagel zurück. »Potz ja, wie bequem!«

Die Mundwinkel des Professors zogen sich spannend herab, als unterdrücke er krampfhaft ein lächelndes Wort.

»Also Sie sind der Herr, der uns durch seine Fixsternentdeckung blamiert hat?«

In die Züge des Jungen trat leichtes Erstaunen.

»Blamiert? Wieso? Einer muß doch die Sache entdecken. Bei mir war es Zufall, mein ständiger Dusel. Die Berechnungen, das einzig Wertvolle an der ganzen Geschichte, die machten doch Sie dann.«

»Und der wissenschaftliche Ruf der Michigansternwarte? Wenn ihre vollkommenen Instrumente durch einen Amateur um die Ehre kommen – –?«

»Daran hatte ich gar nicht gedacht. Also, auf Wort, Herr Professor, der Gedanke ist mir ganz neu. Von Ihrem Standpunkt als Gelehrter –. Potz, ja, das tut mir aufrichtig leid. Ich fühle mich gegen Ihr Wissen so namenlos klein ...«

Earthcliffe wehrte einlenkend ab.

»Erfolg ist Erfolg.«

»Sag' ich auch, doch für mich ist das alles nur Sport, Neigung, Liebhaberei.«

»Ja, Potz Wurzel aus vierzehn! Das ist es ja eben! Sport mit dem Kosmos! Bin ich denn Jongleur?«

Doktor Nagel ging herzlich zu Earthcliffe hinüber.

»Verzeihen Sie, bitte, verehrtester Meister. In diesem Leben will ich gewiß keinen Fixstern mehr finden.«

Ein gesundes Lachen ging mit seinen Worten.

»Also Pakt! Ich versprech' es. Dafür jetzt meine Bitte.«

Das Gesicht des Gelehrten war Spannung und Neugier.

»Sehen Sie, Herr Professor, wir beide sind wieder einmal Konkurrenten geworden. Sie aus wissenschaftlichem Ehrgeiz, Pflicht, Beruf oder dergleichen. Ich aus Sport, Leidenschaft, Sensationsbedürfnis, wie Sie es wollen. Der verdammte schwarze Punkt vor der Sonne läßt uns beide nicht ruhen – – –.«

Earthcliffe stieß schweigend den Flügel des Fensters zurück und wies auf die geschlossene Kuppel des Sternwartgebäudes, die, lichtbestrahlt, blitzte.

Doktor Nagel sah frei in des anderen Blick.

»Stimmt, hatte ich auch schon gesehen. Die Fernrohre, ja. Drüben schläft man vielleicht. Doch ein Earthcliffe schläft nicht. Ebensowenig wie ich. Wenn's noch länger so bleibt, sind wir beide bald reif – –«

Er machte eine bezeichnende Geste und ging durch das Zimmer. Der Blick des Professors verfolgte ihn scharf, doch nicht ohne Güte.

»Angenommen, es wäre so,« nickte er ruhig, »was veranlaßt Sie dann – – –«

»– jetzt zu Ihnen zu kommen, wollten Sie sagen. Nur die Erkenntnis, daß wir beide uns gegenseitig leicht helfen könnten. Ich denke dabei an den Sport. Sieger bleibt meist nicht der Muskelathlet. Sieger wird, wer das Glück mit dem Können vereint. Ich bin in der Astronomie Amateur, Stümper, Dilettant. Meine Instrumente reichen nicht annähernd aus. Sie sind zur Zeit der befähigteste Kopf, den die Erde besitzt. Neben Werndt, diesem Gott der Physik. Sie haben die vollkommensten Instrumente zur Hand. Beides fehlt mir zum Sieg, nur das Dritte ist mein.«

Earthcliffe lächelte kühl.

»Und das wäre, mein Herr?«

»Das Glück, Herr Professor! Der unverdiente Dusel, ohne den man kein Rennen gewinnt. Und den habe ich! Schon von Kindesbeinen an. Ihnen fehlt er bestimmt. Was Sie sich durch mühsames Forschen verdienen, was Sie durch Ihr phänomenales Wissen dem Kosmos stückweise abringen, das fällt mir, dem Glückskind, kampflos in den Schoß. Jeder allein kommt bei dem schwarzen Phantom, das uns narrt, nicht zum Ziel. Ihnen fehlt der Dusel, mir fehlt das Wissen.«

Mit einem Ruck stellte er sich vor den kleinen Direktor.

»Ich kam hierher, Ihnen einen Vorschlag zu machen. Stellen Sie mir eine Zeitlang Ihre Instrumente zur Verfügung. Lassen Sie mich einige Wochen als Hilfskraft hier wirken. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn wir beide zusammen den höllischen Punkt nicht zur Strecke bekämen!«

Earthcliffe zog seine Hand leicht zurück und strich sich damit durch das glatte Gesicht.

»Sehr interessant!« meinte er mit erkennbarem Spott. »Wie Sie selbst sagen, sind mein Wissen und meine Instrumente anerkannte und unbezweifelte Größen. Faktoren mit denen man rechnen kann. Was Ihren soeben behaupteten Dusel betrifft, so – – –«

»– – – steht er ebenso fest. Daß ich kürzlich den neuen Fixstern entdeckte, ist Ihnen bekannt. War das etwa kein Dusel? So geht es mit allem. Das werden Sie ebenso sicher erkennen, wenn ich erst bei Ihnen hier einige Zeit – –«

Der Blick des Gelehrten war kühl und ironisch.

»Ich bedauere lebhaft, daß ich voraussichtlich keine Gelegenheit haben werde, Ihren kostbaren Dusel –«

Er unterbrach sich und horchte. Im gleichen Augenblick klopfte es kurz an die Türe. Erregt, mit geröteten Wangen trat Mabel ins Zimmer, den Vater begrüßend.

»Verzeih, Papa, du hast ja Besuch, da störe ich wohl nicht. Denke dir, was meinem Windspiel geschehen ist ...!«

Erst jetzt wandte sie sich dem Gast zu. Eine helle Röte der Überraschung flog über das süße Gesichtchen bis tief in die Schläfen.

»Aber – ja – nein, das ist doch! Da sind Sie ja selber!«

Ihre Augen leuchteten. Sie reichte dem Doktor die Hand. Der junge Sportsmann hielt ihre Rechte mit herzlichem Druck. In seinem Gesicht stand das sieghafte Lachen.

»Also muß es wohl sein.«

Der kleine Direktor sah stumm auf die beiden und zupfte den Haarschopf.

»Du kennst Doktor Nagel?«

Sie schlug überrascht ihre Hände zusammen.

»Sie sind Doktor Nagel? Doch nicht Valparaiso? Ja, das ist doch zu toll, Pa!«

Sie legte den Arm um die Schulter des Vaters.

»So denk dir den Zufall! Ich gehe vorhin mit Miß Mail und dem Windspiel die Lafayettestraße hinunter. Neben dem Denkmal Mac Leans stand wartend ein Auto. Ganz weiß. Ein Modell, das man hier noch nicht sah. Plötzlich bemerke ich Presto mitten auf der Straße, einen Ölfleck beschnuppernd. Im gleichen Moment rast um die Ecke ein anderes Auto, pfeift, sieht den Hund, sucht zu bremsen, – zu spät. Der Hund ist verwirrt, macht einen Satz, fast ins Auto hinein. Da steht dieser Herr wie ein Blitz vor dem Tier, reißt es hoch, springt zurück, wird vom Schutzblech gestreift – die Gefahr ist vorbei. Ich atmete auf. Presto hatte nur eine leichte Verletzung am Bein. Sein Retter einen Reißer im Rock. Der Herr war so freundlich, uns in seinem Wagen zum Tierarzt zu fahren. Dann war er verschwunden, bevor ich noch recht meinen Dank – –«

»Ich mußte ja Ihren Herrn Vater besuchen.«

»Und jetzt ist er hier, und heißt Doktor Nagel! Ist das denn nicht köstlich?«

Ihr herzliches Lachen war Staunen und Freude.

»Das ist doch ein närrischer Zufall!«

»Nur Dusel!« verbesserte Nagel. »Mein ewiger Dusel.«

Es war wie ein seltsam verhaltenes Jauchzen.

»Und doch will man mir meinen Dusel bestreiten.«

Auf dem schmalen Gesicht des Gelehrten lag freundliche Duldung. »Es scheint fast, Sie haben ihn wirklich, Verehrter. Allein, mit dem Dusel fängt man wohl die Sonne, doch kaum schwarze Punkte. Jeder bei seinen Leisten. Nur der Dusel macht's auch nicht. Im übrigen, lieber Herr Doktor, hat wohl meine Tochter den lebhaften Wunsch, dem Retter ihres Lieblings ein wenig zu danken. Wir würden uns freuen, Sie heute mittag als Gast zu begrüßen. Kommen Sie mit! Es wird Zeit, an den Magen zu denken. Sie brachten den Sturmwind der Jugend von draußen. Ich fühle, potz x, wirklich etwas wie Hunger. Zum erstenmal wieder – seit endlosen Wochen!«

* * *

Professor Earthcliffe wehrte sich vergebens gegen die Einsicht, daß ihm Doktor Nagel gefiel. Die sieghafte Lebenskraft, die von ihm ausging, nahm auch seinen Willen im Sturmlauf gefangen. Er überraschte sich bei der Mahlzeit selbst dreimal beim herzlichen Lachen. Das war seit dem höllischen Punkt vor der Sonne hier nicht mehr geschehen. Miß Mabel war auch wie von Fesseln erlöst und hing mit dem strahlenden, staunenden Blick an den Lippen des lebhaft erzählenden Nachbarn.

Die haarsträubenden Erlebnisse seiner letzten Tigerjagd hörten sich in seiner Schilderung an wie ein Spiel mit den Waffen. Nur ein leises, wohliges Gruseln blieb den Hörern zurück.

Doktor Nagel hob lächelnd den feinen Kristall und schlürfte in stillem Genießen den Wein. Seine Augen, die noch Erinnerung hielten, kehrten langsam zum Leben des Tages zurück.

»Und sehen Sie, so war es noch immer. Was ich unternahm, was ich auch gewagt, – der Dusel, mein heiliges Glück war dabei. Schon bei meiner Geburt. Ich kam als ein Zwilling zur Welt. Der andere Zwilling war ein Mädchen. Ich wurde der Mann – –«

»Und das nennen Sie Glück?« warf sie auflachend ein.

»Etwa nicht?«

Seine rassige Nordlandsfigur reckte sich kraftbewußt hoch. »Mann sein! Gibt es etwas Schöneres auf dieser Welt? Könnte ich sonst hier auch, an Ihre Seite gebannt, den Zauber des weiblichen Wesens empfinden?«

Mit scherzhafter Drohung hob sie die Hand. Sie war rot geworden, ganz gegen Gewohnheit, und sah schnell am Stuhl ihres Nachbarn vorüber. »Das paßte zu Ihnen nur, weil es ein Spott war.«

Earthcliffe erhob sich gelassen. Der Diener reichte Liköre auf Eis und zog sich zurück. Eine Pause entstand. Doktor Nagel sah kurz auf die Uhr. Er war ernst.

»Ihre Zeit ist knapp, Herr Professor. Ich darf Ihre Güte nicht länger mißbrauchen. Auch mich ruft die Pflicht. Ich machte Ihnen einen Vorschlag, heute morgen. Ich erbitte die Antwort.«

Von den Lippen des Sternwartdirektors verschwand das behagliche, schmunzelnde Lächeln. Seine Stirnfalte trat leise drohend hervor.

»Ich glaubte den Scherz schon erledigt. Potz Wurzel. Was zwingt Sie zur Jagd nach dem Punkt vor der Sonne?«

»Mein sportliches Pflichtgefühl, wenn Sie so wollen. Was ich einmal angefangen habe, das führe ich auch bis zum richtigen Ende. So habe ich es von meinen deutschen Eltern gelernt. Hätte ich nicht eine Aufgabe mit diesem Punkt zu erfüllen, so hätte ich ihn nicht als erster gesehen. Warum trieb das Schicksal mir das wieder zu?«

Earthcliffe griff überrascht nach der Lehne des Sessels.

»Ihnen zu? Sie als erster? x Wurzel aus zehn. Diesmal klappte es doch nicht. So was nenne ich Pech. Mit dem Entdecker Don Ebro zusammen zu wohnen – die nämliche Stadt, und selbst nichts zu sehen ...«

Er sah starr zum Sessel des Jungen hinüber. Doktor Nagel rieb vor Vergnügen die tränenden Augen.

»Don Ebro? Don Ebro? – Das ist ja zum Heulen. Verzeihen Sie, bitte, verehrtester Meister. Das ließ sich der wackere Don Ebro nicht träumen.«

Earthcliffes Gesicht war ganz Kühle und Frage.

»Und darf ich um eine Erklärung ersuchen? Die Lustigkeit eben – – –«

Der andere zwang sich zu ruhiger Antwort.

»Sofort, Herr Direktor. Da – kommt die Erklärung.«

In der Türe stand, von dem Diener geführt, ein Mensch, lang und hager. Den Kopf hoch erhoben, starr und steif und voll Würde. Den Fuß wie zum Tanz leicht nach vorne geschoben. Das Faltengesicht unbeweglich und steinern. Mit lebhaften, rollenden, blitzenden Augen. Auf den verschränkten Armen trug er ein schneeweißes Windspiel. Ein Beinchen des Tiers war in Leinen gewickelt. Es winselte leise im Griff seines Trägers.

»Gestatten Sie, Herr Professor: mein treuer Diener, Don Ebro da Gama, ein Sproß stolzer Spanier. An dem fraglichen Tage der Sonnenbetrachtung gab ich ihm den Auftrag, die Meldung zu funken. Ich selbst mußte fort. Die Tigerjagd rief mich. Ich sprach schon darüber. Don Ebro gab meine Funkmeldung auf und zeichnete gleich mit dem eigenen Namen.«

Wieder zuckte es um seinen Mund.

Die Gestalt in der Türe zog langsam den Fuß an und schloß ihre Hacken.

»Sennor Doktor Nagel hat leider das Unglück, einen Namen zu tragen, dem Würde und Klang fehlt. Ich war als sein dienender Mitmensch verpflichtet, ihm diesmal den Klang meines Namens zu leihen – –«

Das starre, nur von seinen Augen belebte Gesicht stand wieder in Falten. Der Fuß schob sich langsam um Handbreite vorwärts, als ging es zum Tanze.

»Esel!« zischte der kleine Direktor in seiner Enttäuschung.

Mabel nahm ihm den Hund zärtlich ab und trug ihn zum Diwan.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie freundlich und drückte dem Mann ein Geschenk in die Rechte.

Don Ebro hob würdig die magere Hand in die Höhe und legte den Schein auf die Platte des Tisches.

»Don Ebro nimmt niemals Geschenke, Signora. Der Ritterdienst ist einem Edelmann Pflichtdienst.«

Verlegen und unschlüssig suchte Miß Mabel das Antlitz des Doktors. Er winkte ihr heimlich mit lachenden Augen. Don Ebro entfernte sich, würdevoll grüßend.

Earthcliffe lief heftig erregt durch das Zimmer. Seine Finger nestelten ununterbrochen den Haarschopf nach unten. Plötzlich blieb er vor Nagel stehen und reckte sich auf den erhobenen Zehen.

»Herr!« krähte er wütend, »dann sind Sie der erste Entdecker gewesen?«

»Ich hatte den Dusel!«

»Herr, bleiben Sie mir mit Ihrem Dusel vom Leibe! Potz Wurzel aus dreizehn, das geht mit dem Teufel! Wollen Sie etwa aus Sport einem Earthcliffe ans Leder? Wollen Sie mir meine Sterne abjagen, weil das Ihnen Spaß macht?!«

Wie ein fauchender Löwe lief er durch das Zimmer. Mabel legte ihm zärtlich die Hand auf die Schulter.

»Er war doch kaum eine Sekunde voraus!«

»Was? Eine Sekunde? Zwei hundertstel nur! Das ist schon genug! Potz und Wetter, zum zweitenmal ist meine Sternwarte dadurch –«

Mit einem Ruck blieb er vor Nagel stehen, den baumelnden Schopf in der zitternden Rechten.

»Herr, – Offenheit will ich! Was haben Sie vor? Warum sind Sie trotz allem zu mir gekommen?«

Der Jüngere wich seinen Blicken nicht aus.

»Weil wir einzeln die Lösung des Rätsels nicht finden. Es stimmt etwas nicht!«

»Was?!« schrie Earthcliffe auf. »Was sagten Sie da?«

»Es stimmt etwas nicht. Das steht für mich fest. Ich bin kein Gelehrter vom Bau, so wie Sie. Ich fühle das nur. Dieser Punkt ist und wird kein normaler Planet.«

Mit beiden Händen griff der Direktor die Lehne des Stuhls. Seine Lippen bewegten sich, angstvoll, verwirrt ...

»Herr, Herr, wie kommen Sie zu diesem Schluß?! Was mich in all diesen Wochen verfolgt, was ich durch Zahlen und Rechnungen fand – –. Wie kommen Sie blutiger Laie dazu, das hier auszusprechen, was ich nur geahnt! Wer hat Sie auf dieses Geheimnis gebracht?!«

»Allein mein Gefühl. Oder, obwohl Sie's nicht wollen, mein Dusel. Darf ich jetzt bei Ihnen bleiben, Herr Earthcliffe?«

»Mann, gehen Sie mit Ihrem Dusel zum Teu – –!«

»Zur Sternwarte also! Ich danke von Herzen. Ich wünsche gesegnete Mahlzeit und Arbeit!«

Verdutzt sahen Vater und Tochter sich an. Die Tür fiel ins Schloß. Von unten klang zweimal die schrille Sirene. Mabel sah schnell hinab.

»Pa, er schickt seinen Wagen zurück und geht selber zum Turmhaus.«

Über das schmale Gesicht des Professors fiel glitzerndes Licht. Ein seltsamer Schimmer der tiefblauen Augen verjüngte sein strenges, zergrübeltes Antlitz. Leicht, wie im Bann eines fremden Erstaunens strich er sich den Haarschopf.

»Ich glaube, den Jungen da zwingen wir nicht. Er muß seinen Weg gehen. Er ist wie das Glück, wie die Jugend, das Leben ...«

Mit geneigter, sinnender Stirne ging der Alte zur Arbeit.

Mabel stand stumm an das Fenster gelehnt und preßte sich tief in den Purpur des Vorhangs.

Ein leichtes Knirschen schreckte sie hoch. Die Türe zum Flur flog wie windgeweht auf. Eine schwarze Gestalt stand erstarrt auf der Schwelle. Den Fuß eine Handbreit nach vorne geschoben, als wolle er tanzen. Mit eckigem Schritt ging Don Ebro zum Tische, nahm würdevoll das erst verschmähte Geschenk und strich mit der Hand jede einzelne Note. Dann glitt er hinaus wie ein drolliger Spuk ...

Da kam es zu Mabel wie lachender Sturm. Weit reckte sie ihre schimmernden Arme in den sonnenbeschienenen Vorhang empor, die leuchtenden Augen voll Sehnsucht und Licht ...

»Er ist wie das Leben, wie Jugend, wie – Glück! ...«

* * *

In der riesigen Kuppel der Michigansternwarte lag blauweißes Mondlicht.

Gespenstisch, mit langen Armen stießen die schlanken Fernrohre hinauf in den nächtlichen Himmel und griffen die flimmernden Rätsel der Sterne. Tiefe Stille saß in den Ecken und schlafenden Fenstern. Ab und zu klang ein leichtes metallisches Ticken sich drehender Schalter und blitzender Hebel, wie Stimmen von Saiten.

Vor dem Zehnzöller dehnten sich schwebende Schatten von menschlichen Köpfen. Hoben und senkten sich, drehten sich leicht auseinander und flossen zu neuen Gebilden zusammen. Ein weißes Gesicht stieg hinauf in den Lichtschein. Zwei schimmernde Augen zerträumten das Dunkel – – –.

»Wie wunderbar ist das doch alles! Wie namenlos herrlich!«

Es klang wie ein Atmen von zitternden Lippen.

Der andere Schatten stand langsam vom Rohr auf. Ein Schaltergriff tickte. Das scharfe Profil Doktor Nagels wuchs auf aus dem Dunkel.

»Sie träumen, Miß Mabel? Es geht von den Sternen ein seltsamer Strom aus und dringt in die Herzen. Und doch ist das alles, der nächtliche Himmel, die Augen des Dunkels, für uns nur der Eingang zum ewigen Kosmos. Ein strahlendes Tor nur, umlagert von Rätseln. Zu wissen, daß dort diese winzigen Sterne, für unser Empfinden so dicht beieinander, als könne die Hand sie greifspielend umfassen, so weit voneinander ins Weltall gestellt sind, daß dagegen der Abstand zur Sonne verschwindet. Zu wissen, daß Lichtstrahlen jenes weißglitzernden Blinksterns zweihundert Jahre zu uns durch den Raum ziehen! Platzte der Stern heute krachend entzwei, löschte sein Glanz wie ein Kerzenlicht aus – in zweihundert Jahren erst würden die künftigen Menschen es sehen. Und Sterne, die uns jetzt noch helleuchtend scheinen, sind lange erloschen. Weltkörper, die unser Auge nicht schaut, senden uns schon viele Jahre ihr Leuchten herüber. Plötzlich ein neuer, ringbildender Glanz, ein Stern leuchtet auf: der reisende Lichtstrahl, der erste geflügelte Bote der erdfernen Welt, hat jahrelang strebend die Erde gewonnen. Das Band ist geknüpft, ein Lichtband zu uns ...«

Mabels gemeißelter Kopf sank nach vorne. Das bläuliche Flimmern umspielte ihr Haar.

»Ich glaube, so ist es auch oft mit uns Menschen. Wir wissen nicht, ist unser Dasein nur Schein, wie Buddha uns lehrte, oder wirkliches Leben. Sind wir Gedanken des ewigen Alls, oder sind wir schon Taten, vollendete Früchte. Reist unser Licht in den Äther hinaus, um weiter zu wirken, und wo liegt das Endziel?«

Ihre Lippen erzitterten leicht. Aus dem Nachthimmel griff es mit fröstelnden Händen.

Nagel stellte das Rohr wieder ein und ließ es dem strahlenden Jupiter folgen. Mabel legte das Auge ans Glas. Eine Lichtfülle fremdkalter Welten umflutete sie. Deutlich sah sie die Schatten der kleinen Trabanten als winzige Scheibchen im Glase vorbeiziehen. Doktor Nagel machte kurze Notizen, vermerkte die Zeiten der Ein- und Austritte und verglich sie mit vorher berechneten Daten.

Plötzlich faßte ihn Mabel am Arm. Hart, erregt, hastig – –

»Doktor, rasch! Bitte, schauen Sie! Schnell!«

Er beugte sich vor. Ein Laut des Erstaunens entfuhr seinem Munde. Er preßte die Hände erregt an die Hebel und atmete hörbar.

»Ist das nicht seltsam?« fragte sie drängend.

»Seltsam! Höchst seltsam!« nickte er flüchtig. Er regte sich nicht. Wie zum Sprung lag er vor, alle Nerven gespannt.

»Fort! Vorbei! – Doch es war keine Täuschung. Es kann keine Täuschung – –«

»Bestimmt nicht. Wir sahen doch beide das gleiche.«

»Was sahen Sie, bitte?«

»Einen ganz schwarzen Punkt, etwa zweimal größer an Durchmesser als der Schatten des dritten Trabanten. Und ebenso dunkel. Er zog vor der Jupiterscheibe vorüber. Und auffallend schnell. In etwa fünf Sekunden hatte der Punkt schon die Mitte der Scheibe gewonnen. Dann rief ich Sie her – –«

»Und ich sah den Punkt. Schwarz, wie Sie ihn gesehen. In drei Sekunden durchlief er das letzte Drittel der Jupiterscheibe und war dann verschwunden.«

Sie blickte ihn aufgeregt an.

»Sollte das nicht ...?«

»Sie denken an unseren Punkt vor der Sonne? Potz Wetter, ich auch! Doch wie kann der Kerl, der doch dicht um die Sonne herumkreisen soll, wenn die Rechnungen stimmen, auf einmal jetzt zwischen Erde und Jupiter turnen?«

»Kann ihn nicht der Merkur aus der Bahn gebracht haben?«

»Nein. Das ist undenkbar. Weder Merkur, noch Venus, noch beide zusammen vermöchten das Kunststück. Mir ist dieser Vorgang ein offenes Rätsel.«

»Und wenn der vermeinte Planet keiner war, sondern etwa als Mond unsere Erde umkreiste?«

»Das widerspricht dem Augenschein unserer ersten Beobachtung. Da hilft nur Ihr Vater –«

Er griff nach dem Sprechrohr.

»Hier Ostkuppel. Herr Direktor selbst dort, ja? Unser Punkt lief uns auf – wie? Vor der Jupiterscheibe. Wie? Das ist wahrscheinlich ...«

Das Gespräch riß jäh ab. Nagel strich sich die Stirne.

»Er kommt selbst herüber.«

Auf dem Gang klangen schnelle, sich nähernde Schritte. Earthcliffe lief wie ein Spuk in den zitternden Lichtschein. Seine Hand riß nervös an dem strähnigen Haarschopf.

»Sie sahen den Punkt vor dem Jupiter auch? was?«

»Auch?«

»Eben teilte das Mount Wilson-Observatorium mit, daß der Punkt vor dem Jupiter deutlich gesehen ... Haben Sie die Positionen, Zeit und Daten der Passage gewonnen?«

»Nein, leider nicht ganz. Der Punkt wurde erst von Miß Mabel gesehen. Durch Zufall. Sie legte die Sehne nicht fest, die er auf der Scheibe des Jupiter zog. Es fehlten nur Zehntelsekunden, bis sie mich ans Rohr rief.«

Der kleine Professor fuhr unwillig auf.

»Potz Wurzel aus dreizehn! Dann ist uns der Kerl also wieder entwischt, Herr!«

Mabel griff seine fuchtelnde Hand.

»Das Mount Wilson-Observatorium hat doch die Daten!«

»Nichts, nichts! Nützt uns gar nichts! Eine Messung ist nichts in der Trigonometrie, zwei sind alles!«

Nagel hielt ihm die Zeichenblankette entgegen.

»Meine eigene Notiz. Wenig zwar, aber immerhin besser als gar nichts. Ich schätze den Fehler auf nicht mehr als plus oder minus drei Sekunden.«

Der Alte nahm das Papier in die Hand. Seine Finger durchspielten das bläuliche Licht, als griffen sie Zahlen und Formeln heraus – –.

»Dx nach dt –!« schalt er laut in den nächtlichen Raum. »Damit rechnet kein Gott! Potz und Wett ...!«

Mit heftigen Sätzen schoß er hinaus durch die Türe.

»Pech!« nickte Nagel. »Vielleicht – oder nicht – wollen sehen, was es wird.«

Mißmutig drehte er an den Schaltern des großen Motors. Mit leisem Rauschen schloß sich die Kuppel und schluckte die Nacht ein. Mit müden Schritten gingen sie quer durch den schlafenden Park. Mit bitterem Lachen und doch halb versöhnt drohte Nagel zum Dunkel hinauf. Golden, strahlend, breit warf Jupiter seinen Glanz ihm zu ... Sie sahen ihn beide noch, wie durch das Rohr. Eine riesige Scheibe von blendendem Schein, und auf ihm ein tanzender, höhnischer Punkt ...

»Warte nur, Freundchen, und lach' uns nur aus! Earthcliffe und Nagel – – wir fangen dich doch!«

* * *

Professor Earthcliffe strich in Gedanken den Haarschopf nach unten. Mit einem kurzen Blick überflog er sein Zimmer. Die mathematischen Möbel umstanden ihn schweigend wie starre Soldaten. Kaum bemerkte man zwischen ihnen die wartenden Menschen.

»Setzen Sie sich, meine Herren!« sagte er müde.

Doktor Nagel ließ sich in ein Rhomboid sinken. Wepp wählte ein Rechteck.

»Ich möchte mit Ihnen das Ergebnis meiner Untersuchung besprechen. Der Punkt vor der Sonne stellt stets neue Rätsel.«

Er wies auf die haushohe, glitzernde Tafel. Sie war bis zur Decke mit Zahlen beschrieben.

»Ich habe geprüft und berechnet, und bin doch nur schrittweise weitergekommen. Die Annahme der Pariser Sternwarte, daß ein Planet neben oder zwischen Merkur in Frage komme, ist Unsinn.«

Nagel brummte stumm Beifall.

»Ich habe es immer bestritten. Ihre Jupiterbeobachtung, Herr Nagel, ergab mir den Nachweis.«

Auf Doktor Wepps Stirn trat ein rötlicher Fleck auf.

»Sofern die Beobachtung eines Amateurs für so wichtige Dinge maßgebend sein kann.«

Um Nagels Mund spielte ein spöttisches Lächeln. Earthcliffe beobachtete kaum diesen Einwurf.

»Die Beobachtung wurde durch das Mount Wilson-Observatorium fraglos bestätigt. Die Intramerkurtheorie ist damit für uns erledigt. Es kommt heute für uns nur ein Trabant noch in Frage. Der Körper kreist nicht um die Sonne und nicht um den Mond. Er kreist um die Erde.«

Wepp rieb seine Hände nervös aneinander.

»Ich glaube das nicht. Dagegen spricht schon die Parallaxe der ersten Beobachtung. Festgelegt wurde die Sehne, die unser Punkt vor der Sonne beschrieb, doch nur durch mich selbst. Herr – – ehem – – Herr Nagel besaß kein Positionsmikrometer oder hielt diese wichtigste wissenschaftliche Arbeit für unnütze Mühe.«

Wieder flog ein Lächeln um Nagels Mund. Er sah den Rivalen mit kühlem Blick an.

Wepp biß sich die Lippen.

»Die zweite Beobachtung, außer der wertlosen aus Valparaiso – gab uns Mister Blackwood aus Oxford. Die geringe Parallaxe von damals ergibt, daß der Körper mindestens 100 000 000 km von der Erde entfernt ziehen muß. Liefe er zwischen Erde und Mond, als ein Erdentrabant, so müßte die Entfernung der beiden Sehnen eine viel größere sein. Ich brauche ja wohl selbst Herrn Nagel nicht mehr zu erklären, daß die Parallaxe, der Schielwinkel, die Entfernung der Sehnen von den verschiedenen Standpunkten der beiden Beobachter eine um so größere sein muß, je näher der Körper der Erde vorbeizieht.«

»Danke sehr!« nickte Nagel. Sein Blick lachte drohend. Der kleine Professor ging quer durch das Zimmer.

»Stimmt alles genau, und doch stimmt's gewiß nicht! Die geringe Parallaxe ist wie ein Verhängnis. Ich habe alles sechsmal durchrechnet. Die Rechnungen geben mir keine Erklärung. Stimmen die beiden Beobachtungen, so laufen die Sehnen so dicht aneinander, daß eine Entfernung der Körper herauskommt, die vielfach zu groß ist. Und doch will ich schwören, – er kreist um die Erde!«

»Dann ist eben eine der beiden Beobachtungen falsch,« brummte Nagel und rieb seinen Lackschuh leicht über den Teppich.

Doktor Wepp brauste auf.

» Meine Beobachtungen stimmen!«

Earthcliffe blickte überrascht auf. Zum erstenmal bemerkte er die Gereiztheit des anderen.

Nagel wölbte den Mund.

»Also muß die Berechnung aus Oxford verfehlt sein. Kann ich mir als Amateur übrigens sehr gut denken. Der Herr aus Oxford treibt ja auch Sport, wie ich. Obwohl Mister Wepp uns Amateuren so wohlwill –«

Wepp ballte die Finger. Sein Blick war gerötet. Nagel sah gleichgültig drein und strich seinen Rock glatt.

»Was hat dieser Mister aus Oxford gemeldet, und wo steckt der Widerspruch, bitte?«

Earthcliffe hob ein Papier auf.

»Er spricht vom neunten Parallel der südlichen Sonnenhemisphäre.«

»Wenn er nun die nördliche gemeint hat?«

»Unsinn!« zischte Wepp durch die Zähne.

Earthcliffe winkte kurz ab.

»Unwahrscheinlich. Er muß doch noch wissen, was Nord und was Süd ist.«

Nagel ließ sich nicht schrecken.

»Würde ein Vertauschen der beiden Seiten viel ausmachen für das Ergebnis?«

»Selbstverständlich. Dann wäre gleich alles in Ordnung.«

»Schön, dann haben wir's schon. Dieser Fehler ist mir nämlich auch schon mal passiert. Der gute Mann hat einfach nach der Projektionsmethode beobachtet und dabei vergessen, daß das Bild spiegelbildlich und seitenvertauscht ist. Das ist die Erklärung.«

Doktor Wepp wurde bleich und sah wütend auf Earthcliffe. Der kleine Professor stieß sich durch das Zimmer und lief an den Schreibtisch. Er atmete hörbar. Mit unglaublicher Schnelligkeit schrieb er die Zahlen. Reihe auf Reihe entstand, ohne Pause. Die anderen warteten stumm und in Spannung.

Endlich hob Earthcliffe den Kopf. Seine Blauaugen glänzten.

»Oh, ihr verdammten Banausen und Pfuscher! Auf einen derartigen Patzer kann auch nur ein Mensch kommen, der selbst Amateur ist! Die Rechnungen stimmen! Die Rechnungen stimmen! Der Mister aus Oxford hat Süden und Norden tatsächlich verwechselt. Ihr Sportfexen stellt selbst die Sonne koppheista.«

Doktor Wepp strich sich über die borstigen Haare.

»Und Sie schließen daraus?«

»Daß der Planet keiner war, sondern, daß er ein Mond ist. Ein Mondmeteor, zwischen Mond und der Erde. Die Rechnung, der Nachweis ist jetzt schon gelungen. Wir kennen jetzt zwei Parallaxen, zwei Stellungen des Körpers und zwei Beobachtungszeiten. Leider fehlt noch die dritte zur vollen Bestimmung der sechs Bahnelemente. Wie die berichtigten Sehnen ganz deutlich verraten, läuft der schweifende Körper in einer der Ekliptikalebene sehr angeschmiegten Bahn, so daß wir nach der kosmotechnischen Lehre uns vorstellen müssen, daß es sich um einen sehr großen Boliden aus fernsten Weltenräumen handelt, dessen Bahn, ursprünglich vielleicht zur Ekliptik stark geneigt, im Laufe der Zeiten glücklich, ohne von Saturn oder Jupiter eingefangen zu werden, bis an die Erde herangeschrumpft ist und sich dabei der Erdbahnebene mehr und mehr angeschmiegt hat.«

Er sah in die Weite, mit zitternden Lippen.

»Bis vor einigen Jahren mag dieser Körper die Sonne in einer ziemlich exzentrischen Bahn zwischen Erde und Mars umkreist haben, bis er endlich in einer dazu günstigen Opposition von der Erde eingefangen und zu ihrem Trabanten gemacht wurde. Immer dann, wenn seine Knotenlinie von der Erde zur Sonne zeigt und er sich gerade in dem Punkte seiner Linie befindet, bietet sich Gelegenheit, daß er als schwarzer Punkt vor der Sonne vorbeizieht und so eine Sonnenfinsternis im kleinen erzeugt. Kennten wir seine Bahnelemente genau, so wäre es ein leichtes, das Eintreten dieser Passagen voraus zu berechnen. Dazu fehlt uns aber die dritte Beobachtung. Diese muß man erreichen.«

Doktor Wepp hob den Kopf mit den blinzelnden Augen.

»Wie groß schätzen Sie selbst die Entfernung des Körpers zur Erde?«

»Sie schwankt zwischen 7/8 und 15/8 des Mondbahnradius. Die Beobachtungen, die wir haben, sind noch zu ungenau.«

»Und die Größe des – ehem – Meteors?«

»Zwischen 180 bis 300 Meter Durchmesser.«

In Wepps Augen saß plötzlich ein Lauern der Spannung.

»Dann wäre also der Fall nicht unmöglich, daß einmal der neue Trabant von der Anziehungskraft der Erde bezwungen, bald oder später zur Erde herabstürzt?«

Earthcliffe strich seinen Haarschopf in tiefen Gedanken ...

»Der Fall wäre möglich, sogar sehr wahrscheinlich. Er steht noch in Frage. Der Körper nähert sich der Erde gewiß in Spiralbahn. Möglich wäre nun noch, daß der Mond sich des Meteors vorher bemächtigt und als Satelliten zweiter Ordnung in seine Bahn einzwingt.«

Der andere kaute erregt mit den Backen. – Er wartete sichtbar mit äußerster Spannung.

»Und wenn der Mond bei diesem Körper versagte ...?«

»Wenn? Wenn? Dann müßte das Meteor über kurz oder lang auf die Erde abstürzen. Darüber gibt's keinen Zweifel.«

Nagel sprang aus dem Sessel.

»Das wäre ein Schlager. Donnerwetter, das gäbe eine Geschichte, wenn die Leute das wüßten! Diese Angst und das Jammern! Dieser Krach auf den Börsen. Wollen Sie das denn den Leuten so einfach erzählen, was ihnen bevorsteht? Das hieße doch Panik!«

Earthcliffe strich sich den Schopf. Wie aus weltfernen Träumen erwachten die Augen. Der Gedanke des Jüngeren war ihm erstaunlich. Er sah wie in Frage und Zweifel zu Wepp hin. Der blickte zu Boden, mit höhnischem Ausdruck, als brüte er über geheimen Gedanken. Earthcliffe fühlte verwirrt eine Frage entstehen, die ihm noch ganz fremd war. Für ihn war der Körper ein Prüfstein gewesen für Rechenmethode. Nicht mehr und nicht weniger. Ein erwünschtes Objekt für die Anwendung des höheren geometrischen Kalküls. Ein Musterbeispiel für die analytischen Künste. Nun zwang ihn der Einwurf des Doktors zur Erde und zu ihren Sorgen. Mit leichter Verlegenheit über sein erdfremdes Denken sah er auf die Rechnung.

»In drei bis vier Wochen haben wir schon einen kritischen Tag. Dann geht das Meteor in größter Erdnähe zwischen Erde und Mond durch. Dann muß sich entscheiden, ob er auf die Erde herabstürzen wird oder ob er vom Mond als Nebenmond eingefangen ist.«

Die Männer standen mit ernsten Gesichtern und schwiegen. Die Last dieser Erklärung wuchtete auf ihren Schultern wie drohende Ahnung. Mit einem Ruck warf der Professor den Haarschopf nach hinten.

»Meine Herren, wir stehen vor einem der wichtigsten Ereignisse für unsere Erde. Vor einer Gefahr für das irdische Leben. Sie waren und sind mit mir selber berufen, die große Bedrohung als erste zu wissen und sie zu berechnen. Noch ist eine Rettung vom Monde nicht ganz ausgeschlossen. Eine verfrühte Mitteilung von der Gefahr kann unübersehbare Wirkungen bringen. Die Masse der dummen, kritiklosen Menge würde die kosmische Gefahr und Drohung gewiß nicht ertragen. Die Panik wäre nicht zu verhindern. Unsere Pflicht ist jetzt klar. Rastlos beobachten und alles erforschen. Aber wie das Grab schweigen bis alles gewiß ist! Meine Herren, ich bringe Ihnen in dieser Stunde das Vertrauen entgegen, daß ich mich auf ihr Schweigen verlassen kann. Unbedingt und unter allen Umständen verlassen! Verrat wäre Mord! wäre Erdkatastrophe!«

Nagel schlug mit bekümmertem Blick in die Hand des Professors. Doktor Wepp machte nur eine kurze Verbeugung. Er sah auf den Boden. Ein kaltes Frösteln des Unbehagens, wie ein Ahnen nahdrohenden Unheils lag plötzlich im Zimmer. Earthcliffe zerriß das Gefühl mit erhobener Stimme.

»Ihr Ehrenwort! Schweigen! Und nun an die Arbeit!«

* * *

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