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Reinhold Eichacker: Panik - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorReinhold Eichacker
titlePanik
publisherUniversal-Verlag
year1924
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201509
projectidf48642f6
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Der Funkentelegrafist der Michigansternwarte riß wie ein Rasender an der Kurbel des Telefonapparates.

»Rattes and thunder!« fluchte er vor sich hin – »ist in dieser gottverlassenen Bude denn heute alles betrunken?«

Ein helles Lachen antwortete ihm von der Türe.

»Das wollen wir doch nicht hoffen, mein Lieber.«

Der Mann bekam einen roten Kopf und knickste verlegen.

»Verzeihung, Miß Earthcliffe, ich wußte nicht, daß Sie – –«

»Bin auch eben erst gekommen. Was gibt's denn so Schlimmes?«

Sie mußte fast schreien, so summten die Drähte.

Der andere riß einen Zettel vom Block ab.

»Eine wichtige Nachricht. Vor dreizehn Minuten. Wahrscheinlich sehr eilig. Sternwarte Valparaiso.«

Das Lärmen der zahllosen, surrenden Drähte zerriß seine Worte.

»Ich läutete gleich überall an. Zuerst Herrn Direktor. Dann Observatorium. Niemand antwortet. Wie verhext heute, alles. Ich besetzt. Kann nicht fort. Hochbetrieb in den Netzen ...«

Der Lärm in dem niedrigen Turm wurde stärker und härter. Mehrere Lichtklappen fielen tickend nach unten. Der Telegrafist rang die Hände.

Das Fräulein schob lächelnd den weißschlanken Arm vor.

»Dann geben Sie mir's, John! Ich will's meinem Vater – –«

Sssst – wwww – sssss – rrrrr! kam es oben. Sie griff nach dem Zettel und schloß schnell die Türe.

Mit leichten, federnden Schritten ging sie durch den Garten zum Wohnhaus hinüber. Sie nahm wie ein Turner die Treppe im Sprunge. Vor dem Saale des Sternwartdirektors zwang sie sich zum Warten. Sie zögerte sichtbar. Sie legte das Ohr an die riesige Türe und horchte nach innen. Das strenge Verbot jeder plötzlichen Störung galt auch für die Tochter des großen Gelehrten. Sie kannte den Vater. Die zahllosen Schrullen des Weltastronomen und Mathematikers Earthcliffe waren nicht minder berühmt als seine Berechnungen, Sätze und Formeln. Während der Arbeitsstunden lag rings um das Wohnhaus die Stille des Grabes.

Mabel Earthcliffe sah zögernd noch einmal den Text durch. Darin klopfte sie mutig und drückte das Schloß auf. Sie stockte ein wenig, den Fuß auf der Schwelle. Der Anblick des Raumes ging ihr auf die Nerven, so gut sie ihn kannte.

Ein riesiger Saal sprang sie an, wie ein Tierpark. Buntfarbige Teppiche mit eingewebten Zahlen, Strichen und Zeichen liefen quer über den Boden. Seltsam verschlungene, windschiefe Möbel hüpften und sprangen aus Ecken und Winkeln und sammelten sich um den kreisrunden Schreibtisch. Rechtecke, Rhomben, Zylinder, Kegel und Prismen. Hochlehnige Stühle in Form algebraischer Wurzeln umstanden die Fenster. Ein Rudel tollwütiger Integralzeichen sprang hoch an den Wänden und ihren Tapeten. Kein Gegenstand in diesem Saale, der nicht mathematisch berechnet, geboren, gestaltet – –

Mabel Earthcliffe strich sich unbewußt über Augen und Stirne und trat auf den Teppich. Jedesmal hatte sie hier ein Gefühl, als ginge sie durch einen Ameisenhaufen. Wie hunderte, seltsame, lebende Wesen ringelten sich die Figuren des Bodens kraus um ihre Füße. Ihr Blick irrte suchend rings über die Möbel.

Es war wie ein Dickicht voll lauernder Bestien. Gerade ihr gegenüber dehnte sich eine riesige Wand. Ohne Fenster, schwarz, opak. Eine einzige finstere Tafel phantastischen Umfangs, aus mattgeschliffenem Spiegelglas, über die ganze Breite des Saales bis hoch an die Decke. Ein glitzerndes Etwas sauste darüber, an einem verworrenen Spinnetz metallischer Stangen und endloser Drähte. Schoß quer durch das Schwarz, wie ein zierliches Webschiff, und zog weiße Linien, Punkte und Zahlen: Der Mathematiker Earthcliffe war bei seiner Arbeit. Nur solch gigantische Rechentafel genügte den riesigen Reihen der Zahlen und Formeln und krausen Figuren des großen Gelehrten. Der raffiniert ausgedachte Mechanismus bewegte den Schreibstuhl im Takt der Gedanken und ganz nach Bedarf vor der haushohen Fläche.

Miß Mabel besann sich. Sie kannte das alles.

»Vater!« rief sie mit kräftiger Stimme. Sie mußte fast schreien. Der riesige Raum sog den Ton wie ein Schwamm auf.

»Vater! Hallo! Einen Augenblick, bitte!«

Ein wütendes Zischen kam hoch von der Decke. Sie ließ sich nicht schrecken und schwenkte den Zettel.

»Eine wichtige Meldung! Du gabst keine Antwort –«

Das blitzende Etwas sauste wütend zur anderen Seite und bremste. Ein kleiner silberner Sessel stand wie ein Spuk in der obersten Ecke.

Mabel grüßte nach oben, den Kopf tief im Nacken.

»Also, Vater, nun hör' mal! Wie eine Spinne schaust du jetzt aus in dem Netz deiner Stangen.«

Über den Sessel bog sich ein menschlicher Kopf. Zwanzig Meter vom Boden. Eine schneidende Stimme biß krähend nach unten.

»Wer ist da? Wer wagt da! Kreuzschock im Quadrat! Wer ...?!«

Jeder Ton überschlug sich.

»Ich, – Mabel – ich bin es!« klang's lachend von unten.

Wieder kam's wie ein Zischen. Der silberne Sessel sprang heftig zur Mitte.

»Wer ist Ich? Wer Mabel?! Ich arbeite! Thunder Potz Wurzel aus dreizehn! v x plus y ... wie kannst du es wagen – du kennst mein Verbot! Ganze Rechnung gefährdet! I–t im Quadrat durch ...!«

Wieder machte der Sitz einen Hopser ins Schwarze.

»Geh! fort!« biß es zischend.

Als Antwort hielt Mabel die Hand in die Höhe.

»Sehr wichtige Meldung ... Ein Funkspruch ...«

Sie kannte den Vater und nahm ihn nicht tragisch.

Mit einem Ruck stand der Sessel.

»Quadratschock, was gibt es? Lies vor! Siebte Wurzel ... So lies doch! Ich warte!«

Sie hielt das Papier in das Taglicht des Fensters.

»Nigra ronda punkto diametris sunon eble planetido au kometido 19 h 30 m 22, 45-19 h 38 m 16 s tm t. – –, Don Ebro Valparaiso.«

Wie ein Blitz lief es über die Tafel. Mit beängstigender Geschwindigkeit schoß der silberne Sessel nach unten und warf seinen Herrn fast im Sturz auf den Teppich. Mit einem einzigen Satz sprang der greise Gelehrte ins Zimmer und riß das Papier an die blinzelnden Augen.

Seine kleine Figur stand gereckt auf den Zehen. Trotzdem reichte er seiner rehschlanken Tochter kaum über die Schultern. Wie eine hellweiße Kugel saß der Kopf auf dem Halse. Dicht über dem schnittscharfen Mund sprang die eckig gebogene Nase keilförmig nach vorne. Die Hälfte des Kopfes nahm die Stirne in Anspruch. Breit, rund, voller Wülste, verlängert nach oben in glänzender Glatze. Wie auf einer schillernden Billardkugel stand mitten im Schädel ein einzelner Haarschopf und hing in die Stirne, die Augen zerteilend. Earthcliffe zupfte nervös an der Strähne und zischte. Stoßweise las er die Meldung noch einmal, sie laut übersetzend.

»Ein schwarzer, runder Punkt überquerte die Sonne. Möglicherweise planetarischer oder kometarischer Abkunft. Zwischen 10 Uhr 30 Minuten 16 Sekunden Weltzeit – – –.«

Mit einem seltsamen, weltfernen Ausdruck starrten die tiefblauen, leuchtenden Augen des greisen Gelehrten zur Decke des Zimmers. Das ganze Gesicht war gespannt und verzogen.

Miß Mabel bemerkte die hohe Erregung und wies auf das Ende der wichtigen Mitteilung. Auch sie war ganz Anteil.

»Und wer kann das sein? Valparaiso steht darunter ...«

»Valparai– wie?!« Es klang wie ein Aufschrei.

Er hielt das Papier nochmals dicht vor die Augen.

»Gott sei Dank – Ein Don Ebro. Ein Trost bei dem Unglück. Nicht wieder der Nagel!«

Seine Tochter sah ihn verständnislos an.

»Nagel? Unglück? Wie meinst du das, Vater?«

Earthcliffe war mit den Augen noch immer im Weiten. Dann hob er den Zettel.

»Es ist wie ein Unglück. Wenn's stimmt, was man meldet, dann sind wir noch einmal blamiert und geschlagen. Wie kürzlich beim Fixstern, den Nagel entdeckte. Entdeckte ... durch Zufall. Ohne die weltberühmte Michigansternwarte mit den vollkommensten Instrumenten der Zeit. Dieser schwarze Punkt vor der Sonne kann eine Entdeckung enthalten von größter Bedeutung ...«

Sein Blick glühte tief, wie verborgenes Feuer.

»Streitfragen von Jahrhunderten tauchen auf mit diesem Punkt hier – –«

Sie bat mit den Blicken um eine Erklärung. Ihn hielt die Erregung und trieb ihn zum Sprechen.

»In alten astronomischen Schriften aus dem 17. und 18. Jahrhundert wurden schon die Wahrnehmungen von solchen Punkten behauptet, die rasch vor der Sonne erschienen und schwanden. Von den besten Gelehrten. Mit allen Belegen. Zwei Jahrhunderte haben wir Astronomen nun schon auf der Lauer gelegen. Nichts wurde gesehen! Nichts wurde bestätigt. Und nun diese Meldung! Potz Wurzel aus dreizehn! Wenn's stimmt, wenn das wahr ist ...!«

»Was soll's mit den Punkten?«

»In der Bahn des Merkur stellte man Störungen fest. Keiner weiß die Begründung. Man riet auf Ablenkung durch einen unbekannten Planeten. Man erfand den Vulkanus. Niemand hat ihn gesehen. Theorie! Keiner glaubt daran! Nur der Punkt vor der Sonne ...! Wenn's nun doch den Vulkan gibt! Hab' ihn immer bestritten. Paramerkur – Intramerkur! Zwanzig Jahre bin ich nun schon hinterher. Mit dem Glas und mit Zahlen. Himmelschock und Potenzen! Wenn der Kerl mir zuvorkam ...!«

Mit eckigen Sätzen sprang er durch das Dickicht der Möbel zum Schreibtisch und griff nach dem Hörer.

»Observatorium – Sonnenturm! Wie? Doktor Wepp! – Ja, persönlich!«

Ungeduldig trampelte er von einem Fuß auf den anderen.

»Ah – hallo – Doktor Wepp dort? Hier Earthcliffe. Sie haben doch heute morgen die Sonne beobachtet – wie? Mit dem Heliokinographen? Vorzüglich! Wäre Rettung noch denkbar. Eben kam hier ein Funkspruch. Scheinbar wichtige Meldung. Ein Don – Ebro – Valparaiso – nein, ich kenne den Mann nicht – will schwarze Punkte gesehen haben vor der Sonne. Wie? Ja, wenn's keine schwarzen Mäuse gewesen sind. Na, Ihre Aufnahmen müssen das bald ergeben. Bitte Film gleich entwickeln! Alle Mann an die Arbeit. Dann Meldung – ich danke! ... Doch noch eine Hoffnung!«

Mit einem erleichterten Seufzer drehte er sich ins Zimmer.

»Gott sei Dank, Doktor Wepp hat zufällig zur genau gleichen Zeit kinematographische Aufnahmen von der Sonne gekurbelt. Jetzt kommt's darauf an, wer die Dinger zuerst sah.«

Sie lachte belustigt.

»Also wieder im Kosmos ein Wettrennen, Vater? Ist es denn nicht ganz gleichgültig, wer zuerst etwas sah, wenn's überhaupt einer sieht?«

»Frauen! Nonsens! Dilettantismus! Bin ich Professor Earthcliffe, oder bin ich es nicht?! Wie? Habe ich die Michigansternwarte mit den besten Instrumenten der Welt? Habe ich sie nur so zum Spaß, was?! Ehrenpflicht oder nicht?«

Er stieß einen Stuhl, daß er sich überschlug. Die Figur schnellte hoch und schlug wieder nach vorne. Earthcliffe sah kurz nach der Türe. Es klopfte vernehmlich.

»Herein! Doktor Wepp – ah – good – morning, Verehrter! Ist alles am Werk? Schön.«

Der Assistent nickte.

»Sechs beim Entwickeln und vier beim Fixierbad. In einer Viertelstunde hoffe ich die erste Meldung zu machen. Darf ich den Funkspruch ...? Ich danke ...«

Der kleine Professor gab ihm stumm die Meldung. Seine leuchtenden Kinderaugen ruhten forschend dabei auf dem Antlitz des lesenden Doktors. Eine scharfe Linie unbewußter Zurückhaltung grub sich um seine gekniffenen Lippen.

Doktor Webb hob den Kopf und wies leicht auf den Zettel. Sein rotblondes Haar stand borstig nach oben. Um den wulstigen Mund lag ein zynisches Grinsen.

»Interessant! Interessant! Wenn es stimmt. Meine Filmaufnahmen werden das alles ja notwendig zeigen.«

»Sie benutzten das Doppelfernrohr. Wer bediente das Leitrohr?«

»Miß Gogh, diesen Morgen.«

Earthcliffe zupfte sich an seinem Haarschopf.

»Merkwürdig, daß sie den schwarzen Punkt dann nicht sah, wenn sie dauernd die Fläche der Sonne verfolgte. Das Dings zog doch rund acht Minuten vorbei.«

Doktor Webb kniff die blaßblauen Augen zusammen. Ihre Ränder waren ein wenig gerötet und fast ohne Wimpern.

»Und trotzdem leicht möglich. Ich hatte die Sonne in 1600facher Vergrößerung eingestellt, so daß sie sich als riesige Scheibe im Brennpunkte dehnte. Im Gesichtsfeld waren darum vielleicht nur 1/100 zu überblicken. Wenn jener Punkt also nicht gerade durch ihr Gesichtsfeld vorbeizog, kann sie ihn unmöglich gesehen haben. Auf dem Film müßte er aber trotzdem deutlich erscheinen. Auf ihm ist die ganze Sonnenscheibe ständig gebildet. Außerdem haben wir in der fraglichen Zeit von 469 Sekunden nicht weniger als 37 520 Aufnahmen gemacht. Der Apparat lief heute mit 80 Touren in jeder Sekunde.«

Der Professor nickte, nur scheinbar befriedigt.

»Wir wollen es hoffen. Hatte es mir schon so ähnlich gedacht. Das Telegramm hier enthält außerdem nicht die geringste Angabe über den Positionswinkel, in dem unser schwarzes Objekt vor die Sonne getreten und wieder verschwunden. Der Mann hatte entweder kein Positionsmikrometer, oder er ist Amateur. Von der Sorte, die uns neuerdings immer mehr in das Fach pfuscht.«

Der andere grinste kaum merklich.

»Nur gut, daß nicht wieder Herr Nagel dabei war.«

Im Winkel des Blicks saß ein Höhnen und Lauern.

»Potz Wurzel aus dreizehn! Der Teufel soll all diese Sportfexen holen! Der Kosmos ist doch noch kein Fußball für Kinder! Der Mensch hat uns scheußlich blamiert mit dem Fixstern. Na, – bitte gleich Meldung!«

Eine nervöse Unruhe war über den Alten gekommen. Er zupfte sich heftig den Schopf aus den Augen. Der andere sah es und ging schnell zur Türe.

Miß Mabel schaute ihm nachdenklich nach.

»Ein seltsamer Mensch, Doktor Wepp ...«

Earthcliffe drehte sich um.

»Ich weiß, ja, ich weiß! Euch Frauen ist er nicht reizvoll genug, ihr könnt seine knollige Nase nicht sehn, seine wässerigen Augen, sein fuchsiges Haar ... Doch er kann seine Sache, versteht was vom Fach ...!«

Mabel lächelte still.

»Und weshalb hast du selbst ihn so kritisch betrachtet?«

»Ich? Wann?«

»Als er las.«

»Ah, sieh da!« Der Astronom zog die buschigen Brauen strichbreit in die Höhe. »Die Tochter studiert ihren Vater. All right!«

»Du weichst aus. Dann stimmt es. Nun noch eine Frage.«

»Inquisition? Also bitte.«

Seine wundersam leuchtenden Augen ruhten mit lächelndem Stolz auf der Schönheit der Tochter.

»Wer ist Doktor Nagel? Ihr nanntet den Namen.«

Sofort trat ein Schatten in Earthcliffes Behagen.

»Potz x! Doktor Nagel! Der Name fällt mir auf die Nerven. Ein Ignorant, ein Nichtstuer, ein Allerweltssportfex. Weil Tennis, Golf, Hockey usw. den Mann nicht mehr reizen und Auto und Flugzeug ihm nicht mehr genügen, treibt jetzt dieser Mensch einfach Sport mit den Sternen. Sportfexerei in der Astronomie! Baut sich mit seinen Millionen, die er irgendwelchen obskuren Erfindungen verdankt, eine Privatsternwarte in Valparaiso, um die ihn ein Sternwartdirektor beneidet, sitzt ein paar Wochen, zum Sport, vor dem Fernrohr, und – sieht vor uns allen den Stern in der Jungfrau. Potz Schock und Trillionen! Man wagt sich als Sternwartdirektor kaum noch auf die Straße nach dieser Blamage!«

Sie strich ihm beruhigend über den Kahlkopf.

»Weshalb da gleich ärgern? Das ist doch recht spannend.«

»Spannend? Spannend?! Ein Skandal ist das alles! Potz Wurzel aus dreizehn! Wo bleibt nur die Meldung?! Mir läßt's keine Ruhe.«

»Hast du denn noch Bedenken? Der Film wird doch sicher – –«

Der kleine Professor zerriß fast den Haarschopf.

»Pah, pah, nichts ist sicher. Der ehrbare Doktor vergißt, daß die Wirkung der Parallaxe schon hinreicht, um bei dem großen Breitenunterschied zwischen Valparaiso und uns die Projektion der Bahn des Objekts gar nicht auf die Sonne zu werfen.«

Mabel rang wie verzweifelnd die Hände.

»Herrgott, eure Sprache! Könnt ihr Gelehrten denn nicht menschlicher reden! Was ist Parallaxe?«

»Was ist denn da unklar? So heißt das doch einmal. Soll ich Schielwinkel sagen. Dafür gibt's keinen Ausdruck. Du kennst doch den Vorgang beim üblichen Neumond. Der zieht ohne Finsternis für unsere Erde über und unter der Sonne vorüber. Genau so kann der Gesichtswinkel bei uns von dem in Valparaiso so abweichend sein, daß der dämliche Punkt uns einfach über oder unter der Sonne vorbeirutscht. Zumal wenn der Abstand des Körpers zur Erde gering war ...«

»Woraus schließest du das?«

»Aus der großen Geschwindigkeit der scheinbaren Bewegung.«

Von dem Tisch kam ein Summen. Eine Lichtbirne blitzte. Earthcliffe nahm den Hörer.

»Doktor Wepp? Sind Sie fertig? Was ist mit dem Punkt? Wie? So, bitte, – jetzt Meldung.«

Mit einer leichten Handbewegung schob er den zierlichen Stift auf den Schreibblock. Der Apparat schrieb jedes Wort des Gesprochenen nieder.

»Schwarzer Punkt vor der Sonne auch hier aufgenommen. Erster Kontakt mit dem Sonnenrande 19 h 30 m 22,47 sek ...«

»X hoch nix!« schrie der Alte ins Sprachrohr und fuchtelte wild mit der Hand durch die Sonne. Also sind wir dem Kerl doch um volle zwei hundertstel Sekunden im Rücken geblieben!«

Der Stift auf dem Block stockte kurz und schrieb weiter.

»... letzter Kontakt 19 h 39 m 14,86 sek. Passage des Mittelmeridians der Sonne 19 h 34 m 49,815 sek. Dauer des Vorübergangs vor der Sonne 8 m 50,09 sek. Positionswinkel 15 Grad und 75 Grad. Durchmesser des Körpers 0,17 Minuten.«

»Very well, Doktor Wepp! Thanks, all right!«

Wie ein Ball sprang der kleine Professor ins Zimmer und stieß nach den Möbeln. Ein Dutzend Zahlen und Formeln schnellte im Rennen von seinen Lippen. Seine Hand zog ununterbrochen an seinem Haarschopf.

»Mabel, schnell –! Telegramm! Hier den Block – da den Stift. Also Text: Schwarzer Punkt vor der Sonne hier heliokinographisch aufgenommen. Eintritt Positionswinkel 15 Grad, Austritt unter 75 Grad. Dauer des Vorbeigangs 8 Minuten 50,09 Sekunden. Bitte um nähere Mitteilungen. Earthcliffe.« »Hast du's? Dann schnell das Register!«

Mabel reichte zwei dicke Folianten herüber. Earthcliffe nahm nur den zweiten und blätterte grinsend und pfeifend die Seiten. K bis Z. Doktor Nagel, Valparaiso. 23 778 428. – Notier die Adresse. All right? Wird den Mann mächtig freuen. Man wird langsam boshaft.«

»Soll der Funkspruch nur an Doktor Nagel?«

»Nein, an diesen Herrn und an sämtliche öffentlichen Sternwarten der Erde. Fix, Mädel, zum Funkturm!«

Zwinkernd und tanzend schob er sie aus dem Zimmer.

Wenige Minuten später übersetzte der Telegrafist die Depesche in Weltesperanto, in dem alle Meldungen abgefaßt wurden, und gab sie im Senderaum drahtlos den Lüften. Einmal mit der Wellenlänge, die er auf neuntastigem Schaltbrett mit 023 778 428 einstellte, auf die Doktor Nagels Empfänger gestimmt war, einmal mit der Leitzahl 003 000 100, die für internationale astronomische Telegramme alle Sternwarten anrief.

Eine Stunde später, gegen 2 Uhr nachmittags Weltzeit, nach dem Meridian von Neuyork schrieb der Empfänger der Michigansternwarte schon eine Antwort. Den Spruch Doktor Nagels:

»Ich beobachte eben mit meinem Zehnzöller die Sonne ...«

In diesem Augenblick trat eine atmosphärische Störung von heftiger Art ein und trennte die Meldung.

Earthcliffe hörte den Funkspruch mit listigem Schmunzeln.

»Na, schau du nur lustig mit deinem Zehnzöller! Diesmal, mein Freundchen, bist du der Blamierte! Dicht neben dir sitzt er, der wackre Don Ebro, und du hast geschlafen, m, v, i, t, cosinus 1500 y ..., dreifach Integral nach dx, dy, dz ...«

Wie ein Jongleur warf er Zahlen und Formeln, den Haarschopf zerzupfend. Die Arabesken des Teppichs umtanzten gespenstisch die hüpfenden Füße. Plötzlich stürzte der Alte sich auf seine Tafel. Durch einen einzigen Schaltgriff löschte er alles, was auf ihr geschrieben und mühsam geformt war. Kratzend fuhr ein quadratischer Filz wie ein Schwamm durch die Zahlen. In wenigen Minuten sah alles tiefschwarz aus.

» Formel« lachte Earthcliffe und sprang in den Sessel. »Sehen kann auch ein Laubfrosch. Berechnen kann ich's nur!«

Ein kurzer Druck auf den Hebel, und wie eine riesige Spinne schoß lautlos der silberne Fahrstuhl nach oben – – –.

* * *

Monate waren seit der ersten Entdeckung vergangen. Monate fieberhaften Betriebs für alle Sternwarten der Erde. Jedes verfügbare Objektiv war auf die blendende Scheibe der Sonne gerichtet. Die weltberühmten Instrumente der Michigansternwarte, wie das kleinste Fernrohr der zahllosen Liebhaberastronomen. Leuchtend klar, wie ein Hohn für die Menschen, lachte der ewige Lichtball von oben. Die Sommerhitze brannte entsetzlich. Die Augenärzte schwelgten in Hochkonjunktur. Jeder wollte der Wiederentdecker des Punktes sein. Das Wettrennen riß auch die Nüchternsten mit sich.

Große Preise der führenden Presse ergaben den nicht mehr versagenden Antrieb.

Das unbeteiligte Publikum hatte die erste Notiz voller Gleichmut gelesen. Was ging es der Punkt an. Jetzt war es Partei. Voll verbissenem Eifer. Fast ohne zu wollen, mitschwimmend im Taumel. Die Fernrohre stiegen fast täglich im Preise, und was zuerst Sport schien, war Jagd nach Millionen, das Glückspiel der Armen.

Außer den beiden ersten Entdeckern, der Michigansternwarte und jenem Don Ebro, hatte sich noch ein Forscher aus Oxford gemeldet. Mit ähnlichen Daten. Sonst war auf der ganzen verschlafenen Welt die große Entdeckung verborgen geblieben. Der Laie begriff diese Tatsache schwer. Doch wer im Betrieb einer Sternwarte stand, nahm dieses Versagen fast gleichgültig hin. Seit Jahrzehnten war die Erforschung des Himmels ein Schachspiel am Schreibtisch des Sternwartdirektors geworden. Sternwartgelehrte rühmten sich selbst oft, seit Jahren kein Fernrohr gerichtet zu haben. Mit der Ergründung der Himmelsgesetze war Werden und Sterben der kosmischen Welten für viele Gelehrte nur noch eine Rechnung, ein Integralrebus mit Formeln und Wurzeln. Und die Assistenten der Großinstitute ermüdeten durch ihren reizlosen Tagdienst und wurden Statistiker, Handlanger, Träumer ... –

Naturgemäß gab es auch Zweifler und Neider. Man erinnerte an die zahlreichen Sinnestäuschungen früherer Jahrzehnte. Man wies mathematisch und logisch Undenkbarkeit nach. Selbst die Witzblätter nahmen den dankbaren Stoff auf. Der Possenrefrain: »Du siehst schwarze Punkte – du bist wohl verrückt« wurde ständiger Witz aller Sprachen der Welt.

Unter den staatlichen Sternwarten zog die Pariser die Gläubigen an. Mit dem Instinkt der lateinischen Rasse sah die seit langen Jahrzehnten sterile französische Wissenschaft hier die Gelegenheit endlich gekommen, mit fremder Entdeckung den eigenen Ruhm wieder neu zu vergolden. Die von ihr immer verfochtene These von einem Planeten, dem Intramerkurius, erhielt durch den Punkt vor der Sonne Belebung. Mit fanatischem Eifer stürzte sich daher die Schar der französischen Blätter auf diese Entdeckung und krähte den Sieg des französischen Geistes rings über die Erde.

Im Gegensatz zu dem Geschrei der Pariser verhielten die wahren Entdecker sich schweigend. Der Brite aus Oxford war selber kein Fachmann und wagte sich in diesem Punkte nicht zu äußern. Der Forscher Don Ebro war spurlos verschwunden. Auch in Valparaiso war nichts zu erfahren. Man kannte den Mann nicht und nicht seine Warte. Man wußte dort nur von der Sternwarte Nagels. So blieb auf den Photos der Michiganwarte die ganze Beweislast. Ihr Ruf war die Säule des ganzen Gebäudes.

Die Michigansternwarte schwieg aber weiter. Professor Earthcliffe war ganz unzugänglich für jeden Reporter und schloß sich oft tagelang hintereinander ins Schreibzimmer ein, nur mit Zahlen jonglierend. Trotzdem geschah auf der Warte am meisten. Der photographische Refraktor samt Kamera und Kinoapparat lief den ganzen Tag automatisch dem Sonnenball nach. Große Beobachtungsgenauigkeit war hierzu nicht mehr von Not.

Eine Aufnahme in jeder Sekunde genügte vollkommen, das schwarze Objekt nicht entwischen zu lassen. Sofern man es antraf. Sofern – – –

So erhielt man an lichtklaren Tagen bis zu 30 000 der Sonnenaufnahmen. Die Filmstreifen schlangen das Geld und die Arbeit. Tagtäglich erfolglos. Der Haarschopf des kleinen Professors schien dünner und dünner vom Zupfen zu werden. Herr Wepp machte mürrisch die tägliche Meldung. Der Punkt blieb verschwunden. Ein offenes Rätsel.

Eines Morgens öffnete Earthcliffe sein Zimmer, ging quer durch das Herbstlaub der Gartenanlagen zum Sternturm hinüber und sah stumm und sinnend den Aufnahmen zu. Eine Stunde später gab er den kurzen Befehl, alle weiteren Nachforschungen einzustellen. Ohne lange Erklärung, durchs Telefon, klanglos.

Ein befreites Aufatmen lief durch den riesigen Steinbau. Die Fernrohre zogen die Ringleiber ein. Die gigantische Kuppel des Sonnenturms schloß sich. Die Michigansternwarte, Hoffnung der Fachwelt und Stolz aller Länder, sank lautlos in Schlummer, dem Meister gehorchend.

Professor Earthcliffe selbst zog sich ganz in sein seltsames Zimmer zurück. Tag für Tag turnte er vor seiner schillernden Tafel verzweifelnd herum, rannte, den Haarschopf zerzupfend, durch das Labyrinth der unheimlichen Möbel, oder saß unbeweglich, im Denken erstarrt, vor den ewigen Rätseln der sternklaren Nacht.

Tiefe Falten durchliefen die Stirn. Scharf und kantig stand der gekniffene Mund. Schweigsam, in sich gekehrt, kam er mittags zu Tisch. Sinnend, in stumme Gedanken versenkt, nahm er lustlos das Mahl.

Auf die besorgten Fragen der Tochter gab der Professor wie träumend Bescheid. Das freundliche Lächeln, zu dem er sich zwang, die väterlich liebevolle Geste, mit der er dem Liebling das Lockenhaar strich, geschah wie im Schlaf, starr, mechanisch und matt.

»Es stimmt etwas nicht!« war sein einziger Satz. »Etwas stimmt dabei nicht. Etwas stimmt dabei nicht!«

Mabel kannte den Vater zu gut, und sie fragte nicht mehr. Ihre Jugend war weniger zäh und sehnte sich wieder zum Leben zurück. Ohne höhnischen Punkt, nicht durch Rätsel getrübt, lachte die ewige Sonne ihr zu ...

* * *

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