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Panegyrikus der jetzigen Medizin

Gustav Theodor Fechner: Panegyrikus der jetzigen Medizin - Kapitel 1
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typeessay
titlePanegyrikus der jetzigen Medizin
authorGustav Theodor Fechner
sendergustav@rz.uni-leipzig.de
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firstpub1821
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Panegyrikus der jetzigen Medizin

Gustav Theodor Fechner

Vorbemerkung

Zur Zeit der Abfassung dieses Schriftchens ging man in der praktischen Medizin vielfach auf die alten Ärzte zurück und nannte eine Kurmethode gern eine Hippokratische, um sie als einfach rationelle zu bezeichnen, ohne daß sie es deshalb immer war. Calomel, Blausäure u. a. spielten damals noch eine andere Rolle als jetzt.

Die Medizin ist jetzt auf einem Standpunkt, von dem sie mit Stolz auf alle früheren Zeitalter und alle anderen Wissenschaften herabschauen kann. Nur noch ein kleiner Schritt, und es fehlt zu ihrer Vollendung nichts mehr als der Rückblick auf diese Vollendung. Ihn schon vorläufig darauf zu werfen, ist der Zweck der folgenden Specimina.

Erstes Specimen.

Hippokrates war für seine Zeit ein großer und gelehrter Arzt; wenn er aber jetzt auf die Oberwelt zurückkäme und nun dächte, seine alte Rolle noch fortspielen zu wollen, würde er sich sicher gewaltig irren. In allen Examen würde er auf unseren Universitäten durchfallen. Da würde man ihm eine These aus seinen eigenen Aphorismen auszuarbeiten geben, und ihm dann vorwerfen, er verstände kein Griechisch und wüßte nichts von der Hippokratischen Methode. Freilich mit seinem Muttergriechisch käme er jetzt in unserer künstlichen medizinischen Kunstsprache nicht weit; und was sein bißchen Oxymel, seine Brühen und seinen Aderlaß betrifft, womit er sonst so große Wunder tat, so kann er nur glauben, daß bei dem jetzigen Stande der Medizin ein Barbierjunge sich schämen würde, so wenig Mittel in seinem Schersack zu haben. Ja wollte man ihm eine dickleibige materia medica zeigen, nur von den notwendigsten Dingen, die jetzt zur Hippokratischen Methode gehören, so möchte er wahrscheinlich vermuten, daß man selbige nicht sowohl nach ihm so genannt hätte, als nach der Etymologie eine, die Pferde zu bändigen vermöchte. Es geht hier beinahe wie mit jener Antike, die man in Gips abgegossen und von den Abgüssen immer wieder neue Abgüsse genommen hatte, bis die letzten einen halben Fuß dicker als die ursprüngliche Statue geworden waren, und vielleicht auch sonst, obwohl sie noch denselben Namen führten, ihr ziemlich unähnlich sehen mochten. So hat auch die spindeldürre Hippokratische Medizin durch fortgesetztes Abgießen derselben nach und nach eine recht stattliche Korpulenz erlangt.

Die Zeiten ändern manches. Die Medizin war sonst eine arme Kräutersammlerin, die ihre Kräuter und Wurzeln bei rechter Mondzeit auf den nächsten Bergen suchte und in der Hausküche auskochte; der ganze Medizinvorrat fand im Speiseschranke mit Platz. Jetzt hat sie Küchen, worin selbst die Küchenjungen zu vornehm sind, Schürzen zu tragen; alle fünf Weltteile müssen Lieferungen hineinmachen, und ihre Speisekammer, die materia medica, ist jetzt so reichlich versehen, daß sie gar nicht weiß, wie sie allen Vorrat verbrauchen soll, und manches daher ungenutzt darin verschimmeln läßt, bis sie es, wenn sie das andre überdrüssig geworden, einmal wieder hervorsucht.

Wirklich, jeder Menschenfreund muß sich freuen, wenn er unsere materia medica in Betrachtung zieht, und in ihr das gewisseste Zeichen findet, daß unsere jetzige Medizin den Gipfel ihres Fortschreitens wo nicht schon erreicht hat, doch bald erreichen werde. Die Alten waren froh, wenn sie gegen jede Krankheit nur ein Mittel hatten und gegen viele hatten sie gar keins. Wie viel glücklicher sind wir! Wir besitzen nicht nur unendlich viel Mittel gegen jede einzelne Krankheit, sondern auch jedes einzelne Mittel heilt jetzt unendlich viel Krankheiten, und was der Triumph der Wissenschaft ist, so haben wir jetzt gerade gegen die unheilbarsten Krankheiten die allermeisten und kräftigsten Mittel, so daß, wenn man z. B. jemand nach einer Lektüre der mat. Medica frei stellte, ob er lieber den Schnupfen oder die Schwindsucht haben wollte, er, wenn er nur einigermaßen vernünftig ist, gewiß letztere wählen wird, gegen die er uns mit so vielen und vortrefflichen Mitteln ausgerüstet sieht, daß, sollte auch einer schon die halbe Lunge durch die Gurgel gejagt haben, doch die andere Hälfte durch unsere Heilmittel so frisch und gesund werden muß, daß sie die Funktion der verlorenen mit ersetzen kann. Epilepsie, Wasserscheu u. dgl. sind jetzt nur noch spaßhafte Sachen: denn man entdeckt fast alle Tage neue Mittel dagegen und zwar, soviel ich mich wenigstens entsinnen kann, bisher lauter ganz untrügliche.

Wir könnten uns in der Tat nun mit dem begnügen, was wir haben, da auch ein flüchtiger Blick in die mat. medica uns lehren wird, daß wir von keiner Krankheit mehr etwas zu fürchten haben; doch ist es anderseits auch wieder löblich, wenn wir in dem raschen Schritte, mit dem unsere Wissenschaft dem Gipfel der Vollkommenheit entgegengeht, nicht innehalten wollen, und so sehen wir denn jetzt unaufhaltsam die Medizin dem Standpunkte zueilen, über den hinaus, als Ziel ihrer Vervollkommnung, kein weiteres Fortschreiten mehr wird möglich sein und der dann stattfinden wird, wenn wir es erst so weit gebracht haben, daß jedes Mittel alle Krankheiten heilt, und jede Krankheit sich umgekehrt durch alle Mittel heilen läßt. Mit einigen Krankheiten und Mitteln sind wir schon so weit; mit den anderen werden wir hoffentlich, wenn die Ärzte mit gleichem Eifer fortfahren, wie bisher, die Medizin extensiv und intensiv zu erweitern, bald so weit kommen. Es ist klar, daß auf diese Weise unsere Werke über Therapie und mat. medica nach und nach immer dicker und bändereicher werden, und zuletzt einen solchen Umfang annehmen müssen, daß sie sich gar nicht mehr durchstudieren lassen, und man dann verschiedene Auswege wird treffen müssen, um sich zu helfen, von denen auch in der jetzigen Zeit schon einige angedeutet liegen. Je mehr nämlich der Umfang einer Wissenschaft wächst, desto mehr wird sie in gesonderte Teile zerlegt, mit denen sich dann einzelne Menschen ausschließlich beschäftigen; und wenn sonst Medizin, Chirurgie und Pharmazie von einem Subjekt betrieben und für unzertrennlich gehalten wurden, jetzt aber sich in eine Trias zerspalten haben, so läßt sich auch erwarten, daß, wenn die Medizin dem von mir angegebenen Ziele nur noch ein weniges näher gerückt sein wird, jeder Arzt nur auf ein einziges Mittel wird studieren und promovieren dürfen, mit dem er, hat er anders das seinige gelernt, allen Krankheiten wird gewachsen sein, wie Herkules mit derselben Keule alle Ungetüme niederzuschlagen vermocht hat; wonach dann aber der Quecksilberarzt dem Chinaarzt und Opiumarzt nicht mehr ins Handwerk wird greifen dürfen.

Auch fängt man schon jetzt an, die Notwendigkeit dieser Trennung dringend zu fühlen, und obgleich sie noch nicht gesetzlich autorisiert ist, gibt es doch wirklich schon genug solcher Quecksilberärzte und Chinaärzte und blausaurer Ärzte, die mit ihrem einen Mittel alles zu tun vermögen, und die anderen nur so nebenbei brauchen, wie etwa auch der Musiker, der auf einem Instrumente Virtuose ist, und sich bei wichtigen Gelegenheiten nur auf diesem hören läßt, doch auch noch die anderen Instrumente nebenbei zu spielen versteht. Später aber muß dies ganz abgeschafft werden, und keinem Arzt erlaubt sein, in ein anderes Mittel zu pfuschen, da ihm eins genügt, und auf keine Weise besser die Einfachheit in der Kur, das so notwendige Requisit des Arztes, erreicht werden kann.

Das Mittel, was bisher die größte Sekte sich erworben hat, ist ohne Zweifel das Calomel, und man kann das Kapitel davon in jeder mat. medica als eine kleine Repetition der gesamten Pathologie empfehlen, indem es sich nach und nach mit allen Krankheiten verquickt und sie subigiert hat; den Skorbut etwa ausgenommen. Nun, es wäre eine Schande für unser Zeitalter, wenn das Calomel, das doch sonst die heterogensten Krankheiten unter einen Hut gebracht hat, das Calomel, dieser Heros in der materia med., der alle Übel und Ungetüme im menschlichen Leibe zu ersticken vermag, wenn dies mit dieser einzigen Krankheit nicht auch noch sollte fertig werden können; und ich habe wirklich in dieser Hinsicht die beste Hoffnung. Nur zwei- oder dreimal herzhaft empfohlen; und man gibt nichts mehr als Calomel im Skorbut.

Was sollen wir von der Blausäure sagen, die schon in ihren jungen Jahren solche Ravagen unter den Krankheiten angerichtet hat, daß die Natur bald auf neue Krankheiten für uns wird sinnen müssen, damit nur die Blausäure wieder etwas zu tun bekomme, da sie der alten Krankheiten beinahe schon überdrüssig geworden ist. Ich kann nicht umhin, bei diesem Mittel, dem Schoßkinde der neueren Medizin, etwas länger zu verweilen, um seine vorzüglichen Eigenschaften in recht helles Licht zu setzen. Man könnte glauben, die Blausäure sei vor einiger Zeit ein noch brauchbareres Mittel gewesen, als sie jetzt ist. Früher nämlich war sie das ausgezeichnetste Mittel in allen Krankheiten, mit deren Diagnose man nicht recht aufs Reine kommen konnte: denn eben, weil man noch nicht recht wußte, was aus der Blausäure zu machen war, so paßte sie ja gerade deshalb zu Krankheiten, für welche man ungewiß war, was passen konnte, am besten, und sie wütete daher auch besonders im Anfange unter solchen Krankheiten wahrhaft epidemisch.

Nun aber wird man ja die Tugenden und Laster der Blausäure bald von innen und von außen kennen, man wird sie bald zu den Mitteln rechnen, von denen man aufs Haar weiß, wie, wo, und warum sie wirken, und denen man mithin eine bestimmte Instruktion geben kann, wann und wo sie ihre Wirksamkeit zu äußern haben; man könnte sonach besorgen, wenn man auch die Blausäure an eine Kette von Indikationen wird gelegt haben, daß sie dann nicht mehr so frei unter allen Krankheiten wird umherlaufen können, wie bisher. – Man hat nicht nötig, dies zu fürchten. Bloß die Anwendungsart der Blausäure wird durch ihr Fesseln an Indikationen für die Ärzte etwas unbequemer werden. Früher nämlich konnten sie dieselbe anwenden, wenn und wo es ihnen beliebte, ohne sich weiter eben nach der Ursache zu fragen; nun aber wird man allemal verlangen, daß sie vorher sorgfältig überlegen und sich die Gründe klar machen sollen, weshalb sie dieselbe indiziert glauben; aber indiziert wird sie deshalb für alle Fälle bleiben. Denn ihre Indikationen sind ja schon gewissermaßen für die Hauptkrankheiten der Sensibilität, Irritabilität und Reproduktion festgestellt, und da dies die drei Personen sind, welche die Trinität des Organismus konstituieren, und sich, wie weiland Jupiter, Neptun und Pluto in die Herrschaft der Welt, so in die Herrschaft aller Krankheiten geteilt haben, so wird man zwar, wie billig, erst recht sorgsam nachdenken, ob auch diese oder jene Krankheit, die man vor sich hat, die Blausäure verträgt; indes zuletzt durch eine sorgfältige Prüfung doch immer dahin kommen, daß sie auf eine jener Grundkrankheiten zurückgeführt werden müsse, und: so die Blausäure im höchsten Grade indiziert finden. – Eine speziellere Auseinandersetzung der jetzt gebräuchlichen Wirkungen der Blausäure wird dies um so besser erläutern.

Die Blausäure ist ein souveränes Mittel gegen die Entzündung; ganz vorzüglich brauchbar aber, um den Nachtrab und die zurückgelassene Bagage derselben noch vollends aus dem Felde zu räumen. Sie bekämpft vermittelst ihrer wasserstoffigen Natur das in der Entzündung prävalierende Oxygen und macht so die ganze Entzündung zu Wasser; sie machte sogar einmal Miene, den Schnepper aus der Rüstkammer der Medizin zu verdrängen, und ich glaube, sie hätte es durchgesetzt, wenn man nicht einen Aufstand deshalb von den Chirurgen besorgt hatte: denn eher ließe sich wohl der Spanier seinen Degen, der Student sein Rappier und der Mohammedaner seinen Bart nehmen, ehe der Chirurg diesen seinen Schmuck und seine Zier. Da man nun in den neueren Zeiten sehr geschickt alle Krankheiten auf entzündliche Zustände zurückzuführen gewußt, und womöglich die Krankheit im Allgemeinen als eine species unter das genus Entzündung gebracht hat, so ist schon deshalb klar, daß die Blausäure gegen alle Krankheiten anwendbar sei.

Aber muß nicht auf diese Art die Blausäure ein ganz verabscheuungswürdiges Mittel für die werden, denen der Krampf Eierstock aller Krankheiten ist: Entzündung Krampf der Kapillargefäße, Stockung im Unterleibe Krampf der Pfortader, Apoplexie Krampf des Herzens, Epilepsie Krampf des Gehirns usw.? – Die Blausäure ist auch ein souveränes Mittel gegen den Krampf; was sich sogar so demonstrieren läßt, daß man es mit Händen greifen kann. Denn mittelst ihrer, im höchsten Grade expansiven Natur zerrt sie ja den Muskel, oder auf was sie sonst einwirkt, gerade nach der entgegengesetzten Seite, als der im höchsten Grade kontraktive Krampf; und wenn zwei Hunde sich um ein Stück Fleisch zanken, und der eine nach dieser, der andere nach jener Seite es zu ziehen strebt, so wird es ja wohl am Ende der stärkere dem schwächeren aus dem Rachen reißen.

Auch für diejenigen Ärzte also, deren Systeme von allgemeiner Krampfsucht oder Hysterie befallen sind, wird die Blausäure ein Universalmittel sein, und es gibt einen hohen Beweis von der Genialität derselben ab, daß, da sonst der Krampf und die Entzündung Idiosynkrasien haben, die einander e diametro entgegengesetzt sind, die Blausäure beide aus eine so meisterhaft geschickte Weise hat herumzukriegen gewußt, daß sie ihnen gleich angenehm geworden ist. Ich weiß nicht, ob man in älteren Zeiten es je so weit gebracht haben würde, zwei Krankheiten, die sich wie Hund und Katze vertragen, aus einer Schüssel ruhig fressen zu lassen; aber die Kunst weiß jetzt die Natur besser zu besiegen; und wenn sich eine Krankheit mit Händen und Füßen gegen ein Mittel stemmte, und durch die schrecklichsten Gebärden und Zuckungen zu erkennen gäbe, daß sie es durchaus nicht vertragen könnte. So würde sich doch dadurch kein rechtschaffener Arzt abhalten lassen, ihr, wie einem ungezogenen Kinde, auf dessen Geschrei man beim Eingeben der Mittel nicht hören muß, die Medizin einzuzwingen, und dabei ganz ruhig zu demonstrieren, daß sie das Mittel durchaus schlucken müsse; sonst gäbe es ja keine rationelle Medizin. Auch wird man nach und nach die Kapriolen, die eine Krankheit macht, wenn sie ein Mittel nehmen muß, das ihr nicht ansieht, so gewohnt, daß man das als zur Sache gehörig betrachtet, und sich über die Wirksamkeit seiner Kur recht herzlich dabei freut.

Doch, um wieder auf die Blausäure zurückzukommen, so ist sie drittens auch ein Hauptmittel gegen alle Krankheiten, die von Verstopfung im Unterleibe herrühren. Wenn man nämlich vermutet, daß in dieser großen Kloake eine Menge Unreinigkeiten sitzen geblieben sind, und die Röhren, durch welche dieselben abgeführt werden sollen, zugeklebt haben, so schickt man zuerst eine Menge resolventia hinein, die sie aufweichen sollen, oder versucht auch, sie durch die große Abzugsschleuse auf einmal auszuspülen, nachdem man zuvor, weil es denn doch ein Aufwaschen ist, den Zufluß derselben erst recht befördert hat. Will das nichts verschlagen, sind die purgamenta schon zu zähe geworden, so muß dann öfters die Blausäure noch der Herkules sein, den Stall des Augias zu misten, indem sie einen Strom Wasserstoff hineinschickt, und dadurch dem Vertrocknetsten eine solche Flüssigkeit mitteilt, daß alles wieder zu laufen und in Gang zu kommen anfängt. Zugleich macht sie auch des Lymphgefäßen wieder solchen Appetit, daß sie in kurzem alles Aas aufzehren, was im Organismus dalag und ihn verpestete.

Freilich ist in der eben genannten Hinsicht die Blausäure jetzt nicht mehr so wichtig, als sie einmal in früheren Zeiten hätte sein können, wenn sie schon bekannt gewesen wäre, obgleich sie schon damals in der aqua laurocerasi vorspukte.

Zu Stoll’s und Kämpf’s Zeiten war nämlich der Unterleib der Pflanzgarten aller Krankheiten, aus dem diese nach Brust und Kopf emporwuchsen und dann freilich ihre giftigen Blüten und Früchte oft erst in den höheren Organen zeigten. Indes, ob sich gleich jetzt die meisten schämen, den Bauch zum Gotte ihrer Wissenschaft zu machen, so gibt es doch noch genug, die heimlich oder öffentlich fest an der alten Sitte halten, und Herz und Gehirn nur als ein paar wenig bedeutende Anhängsel oder Schellen an der großen Bauchtrommel achten, die, wenn diese gerüttelt wird, dissonierende Töne von sich geben, nicht aber umgekehrt dieselbe zu erschüttern vermöchten. – Also auch für diese ist in der Blausäure gesorgt.

Ich will nun noch einige einzelne Krankheiten anführen, die zwar, wie sich von selbst versteht, unter den vorigen Allgemeinheiten schon enthalten sein müssen, indes doch der Blausäure vorzüglichen Ruhm erworben haben.

Hierher gehört zuvörderst der Keuchhusten, von dem wir nun nach langen und sorgfältigen Untersuchungen bestimmt wissen, daß er entweder aus dem Unterleibe herrühre, der nur vermöge eines gewissen sympathetischen Gefühls mit seiner Nachbarin, der Brust, dieser einige freundschaftliche Stöße mitteile, oder daß eine entzündliche Gefäßreizung in den Respirationsorganen daran schuld sei, die Krankheit mithin einen Schwanz auf itis haben müsse, oder daß die Nerven, und besonders der liederliche Nerv, vorzugsweise darin affiziert sind, daß mithin der Keuchhusten wirklich unter eine der drei Grundkrankheiten zu rechnen sei.

Jede der drei genannten Ansichten ist übrigens gleich unwiderleglich und gewiß. Man lese nur die verschiedenen Therapien, in denen sie vorgetragen sind, so wird man finden, daß für jede einzelne derselben Symptome, Wirkung der Mittel, Leichenöffnungen, der ganze Gang der Krankheit auf das Unwidersprechlichste zeugen, und eine Übereinstimmung geben, die man gar nicht schöner wünschen kann, während zugleich die Falschheit der beiden anderen Ansichten klar vor Augen liegt. Da dies nun von jeder einzelnen gilt, so kann man eine Ansicht wählen, welche man will, man wird immer die treffen, deren Wahrheit keinem vernünftigen Zweifel mehr ausgesetzt sein kann. – Der Blausäure kann es übrigens ganz gleich sein, welche Ansicht man wählen wird, sie wird nach Erfahrungs- und Vernunftgründen deshalb immer gleich indiziert bleiben.

In der Tat findet man auch, daß die Blausäure den Keuchhusten oft in nicht viel längerer Zeit heilt, als das Mittel, was wir für das kräftigste überhaupt in allen Krankheiten ansehen, nur aber eben deshalb vielleicht für zu heroisch achten, und sehr, sehr selten wirken lassen, ich will sagen: die Natur. Man kann sich nach 6 bis 8 Wochen eine ziemlich sichere Wirkung von der Blausäure versprechen, und sie leistet auf jeden Fall eben so viel, als: Belladonna, Opium, Hyosciamus, China, Valeriana, Asa foetida, Moschus, Canthariden, Zinkblumen usw. (mit diesem usw. meine ich die übrigen Mittel, die man überhaupt noch in dem Index einer mat. med. oder Pharmacopoe findet und dort von A bis Z nachlesen kann) und die ja alle so herrliche Wirkung gegen den Keuchhusten zeigen.

Daß die Blausäure auch den Stachel der Reizbarkeit bei gewöhnlichem katarrhalischem Husten vortrefflich abstumpfe, ist bekannt. Eigentlich zwar hat diese Krankheit den Hyosciamus zum Leib-, Mund- und Magendoktor, der sie früh und abends einmal zu besuchen pflegt, häufig noch von einem Famulus, dem Kermes, begleitet. Indes kann jener einmal nicht helfen, so wird ja auch wohl nach einem anderen großen Arzt geschickt, der sich alle Krankheiten heilen zu können vermißt, und siehe, die Blausäure kommt in einem schönen weißen Rock gar stattlich angeschritten.

Auch in der Schwindsucht hat sich die Blausäure einen so ausgezeichneten Ruhm erworben, daß in der Tat die meisten, die daran krank sind, sie mit dem auffallendsten Nutzen bis an ihr Ende brauchen und täglich Besserung davon verspüren. Ebenso ist sie ein Hauptmittel in fast allen organischen Krankheiten, besonders denen des Herzens, und sie wird vielleicht die Digitalis wohlfeiler machen.

Ich bin etwas weitläufiger bei der Blausäure gewesen, um an einem Beispiele zu zeigen, wie nahe unsere jetzige Zeit dem von mir angegebenen Zielpunkt der Medizin schon gerückt ist. Wenn die Blausäure, ein so junges Mittel, sich schon einen so ausgedehnten Einfluß erworben hat, so können wir um so mehr von den älteren Mitteln erwarten, daß sie nach und nach mit allen Krankheiten Bekanntschaften angeknüpft haben. Dies war indes erst eine Seite der Vollkommenheit, der die Medizin zustrebt; sie soll aber auch auf der anderen Seite jede einzelne Krankheit durch alle Mittel zu heilen verstehen; und daß sie auch diesen Gipfel beinahe erreicht hat, will ich gleichfalls durch ein Beispiel zu erläutern suchen.

Ich bin in Verlegenheit; welche Krankheit soll ich auswählen? – alle haben gleiche Ansprüche darauf – ich möchte keiner gern Unrecht tun, indem ich sie zurückzusetzen schiene. Je nun, ich habe den Consbruch in meinem Repositorium stehen, mag der mir raten. Der kurze untersetzte Mann, dem der grandiose Kieser, welcher daneben steht (nebst den beiden Kopfgliedern von des alten Richters Skolopenderwerke, die sich noch bei mir verhalten haben, mein ganzes collegium medicam), freilich ein großes Stück über die Achseln wegsieht, wundert sich, was ich doch nach so langer Zeit, daß ich nicht zu ihm gekommen, wieder einmal bei ihm will; – ich schlage das erste beste Blatt auf: – Scrophulosis – gut, weil es denn der Zufall so gewollt hat, mag die Skrophelkrankheit zum Beispiel dienen.

Zuvörderst erlaube man mir noch einige Bemerkungen, zu denen mir der Consbruch, weil er einmal daliegt, Veranlassung gibt, sollten sie mich auch etwas vom Ziele abführen, das ich indes nicht vergessen werde wieder ins Auge zu fassen.

Man hält Consbruchs Klinik fast allgemein für ein ganz passables Vademecum für einen Arzt, der gerade nicht auf die Sublimiora der Neuesten Anspruch machen will. Was ihn aber am meisten um seinen Kredit bringt und bewirkt, daß viele sich schämen, mit ihm Umgang zu haben, ist: daß er sich noch immer mit der, um mich eines derben Studentenausdrucks zu bedienen, in »Verschiß gethanen Sthenie« und Asthenie abgibt, und so darf er es freilich nicht übel nehmen, daß mancher mit einem verächtlichen Lächeln an ihm vorübergeht. Brown wollte die Medizin durchaus auf zwei Beine stellen, aber sie konnte die rechte Contenance nicht erhalten und fiel endlich vorwärts, auf ein drittes, daher man sie auch in neueren Zeiten fast allgemein für ein dreibeiniges Tier hält. Nun ist Brown längst proscribiert und alle seine Anhänger mit ihm in die Acht erklärt, und das Volk braucht nur einen Knopf oder eine Tresse aus Browns Nachlasse an eines Rocke zu sehen, so wird der Mann ohne Erbarmen in Stücken zerrissen. Die Medizin hat eine Zeit lang so viel Browniana einnehmen müssen, daß sie nun glaubt, eine eigne, in der Natur gegründete Idiosynkrasie dagegen zu haben, und, wenn sie das Kind mit dem rechten Namen genannt sieht, auffährt, und nicht mehr daran will. Vorsichtige Ärzte wissen sich aber zu helfen. Will der Kranke kein Quecksilber oder Opium mehr nehmen, so schreiben sie es unter anderem Namen auf die Rezepte auf, und der Kranke nimmt immer das alte Mittel, während er denkt, Wunder was für eine andere Medizin zu erhalten. Es geht mit der Sthenie und Asthenie eben so; es sind immer noch die Hauptingredienzien vieler unserer neuen Systeme, aber so umgetauft und so eingewickelt, daß man den Brown nicht gleich herausriecht. Der Puppe wird ein andrer Name umgehangen, und, da im Grunde betrachtet das Kleid auch nur die Hauptsache daran ist, so merkt das Volk nicht, daß es noch den alten Balg vor sich hat, wenn überhaupt einer darin ist.

Doch um wieder zurückzukommen, was haben wir denn eigentlich an der Scrophulosis für eine Krankheit? Sie ist eine Schwester der Syphilis, nach einigen sogar ein Bastard derselben. Sie besteht in einer gewissen Faulheit des lymphatischen Systems und der Lymphe insbesondere, die auf ihrer Reife zum roten Meere in die am Wege liegenden conglobierten Drüsen einkehrt und dort denkt ihrer Ruhe pflegen zu können, ja wohl gar ganz darin sitzen bleibt; daher auch viele Mittel eigens dazu angewandt werden, ihr wieder Beine zu machen. – Es läßt sich leicht aus der Analogie mit anderen Krankheiten schließen, daß dies nicht die einzige Erklärungsart ist, sondern daß man, um auf jeden Fall das Rechte zu ergreifen, auch die entgegengesetzte wird versucht haben; daher denn auch wirklich nach anderen die Skrophelkrankheit nicht auf einem Torpor, sondern auf einer überwiegenden Tätigkeit und Herrschaft des lymphatischen Systems beruht, das allen anderen Systemen seinen code aufdringen will und den ganzen Leib lieber gar zu einer einzigen großen Lymphdrüse machte. So ist auch nach einigen das Leiden der Reproduktion, was bei der Skrophelkrankheit stattfindet, die Wurzel derselben, nach anderen die Frucht, nach anderen ein Samenkorn, woraus sie entstanden, und das sie auch wieder trägt; kurz, man sieht hieraus, daß die Krankheit schon ziemlich allseitig betrachtet worden ist, und doch auf der anderen Seite auch wieder sehr einseitig. Bei fast allen anderen Krankheiten nämlich ist man nach und nach fast alle Systeme und Organe durchgelaufen, in denen sie ihren Sitz haben sollten; es ist wirklich eigen, daß man bei der Skrophelkrankheit so hartnäckig bei dem lymphatischen System stehen geblieben ist, und ich kann mir diese wunderbare Erscheinung in der Tat nicht anders erklären, als daß ich glaube, es liegt bloß daran, daß man noch in anderen Krankheiten bisher genug zu tun gefunden hat, neue Theorien zu erfinden, und daher nicht Zeit gehabt, an die Skropheln zu kommen. Ich will mich daher selbst um die Wissenschaft verdient machen und nächstens luce clarius beweisen, daß die Skropheln auf einer überwiegenden Tätigkeit des arteriellen Systems beruhen, und dies mit Symptomen, Ausgang der Krankheit, Kurerfolg usw. eben so deutlich belegen, als andere es in jeder anderen Krankheitstheorie getan haben. Gelegentlich findet sich dann auch wohl einer, der die Skropheln auf das Nervensystem zurückführt, damit sie doch in der Hauptsache ihren Zyklus durchgemacht habe.

Noch ist zu erwähnen, daß einige auch einen deus ex machina mit in die Skrophelkrankheit hineingebracht haben, der alles, was die anderen nächsten Ursachen nicht capabel sind durchzusetzen, zu bewerkstelligen weiß, ich meine das Oxygen. Die Skrophelkrankheit beruht zum Teil auf übermäßiger Oxygenation der Lymphe. Ich will angeben, wie man ungefähr zur Erkenntnis dieses Gottes gekommen ist.

Die ganzen Mittel lassen sich in vier Klassen teilen: sauerstoffige, wasserstoffige, kohlenstoffige und stickstoffige. Die feine Nase der Klassifikatoren weiß jedesmal sehr leicht herauszuspüren, in welchem Mittel sich diese respektiven Stoffe befinden und vorwalten, und die Chemie darf ihnen freilich nicht viel dabei hineinreden, sonst schlagen sie dieselbe sogleich auf den Mund, indem sie sagen: meine subtile Vernunft wird doch wohl mehr zu erforschen im Stande sein, als deine töpfernen Tiegel und Retorten, die dir zum Werkzeug der Untersuchung dienen. In der Tat, diese Leute müssen einen besonderen chemischen Sinn haben, der uns anderen abgeht, mit dem sie die Chemie selbst Lügen zu strafen, und manchmal wirklich das Unbegreifliche herauszufinden vermögen. Sie haben denn nun auch in den Mitteln, die man gegen die Skropheln rühmt, eine große Menge Wasserstoff eingewickelt gefunden, der nun freilich auf unseren Körper nicht anders als desoxydierend einwirken kann. Ihr ganzer Gang ist daher folgender: Erstens, von den Mitteln, von denen man in Büchern liest daß sie die Skropheln heilen, subsumieren sie, daß sie dies wirklich vermögen, woraus man schon sehen kann, daß sie fleißige Leute sind, die sich gern am Studiertisch aufhalten; ferner subsumieren sie, daß in diesen Mitteln der Wasserstoff prävaliert, — zwar würden sie von mehreren antiscrophulosis selbst zugeben, daß es sauerstoffige Mittel sind, indes von diesen können sie ja, solange sie mit Bildung ihrer Theorie beschäftigt sind, derweil abstrahieren. – Weiter subsumieren sie, daß diese wasserstoffigen Mittel nur vermittelst der desoxydierenden Kraft des Wasserstoffs wirren; und so kommen sie denn, nachdem sie, kühne Leute, diese einem anderen etwas gefährlich scheinende Treppe ganz wohlgemut herabgeklettert, oder, wo Stufen fehlten, herabgesprungen sind, glücklich bei der Konklusion an, daß nun auch wirklich die Skrophelkrankheit auf einem Übermaß des Oxygens im Lymphsysteme beruhen müsse. Da nun überdies skrophulöse Kinder häufig noch Säure im Magen haben, so sieht man auf diese Weise den nach dem Vorigen auf deduktive Weise sehr schön durchgeführten Schluß auch durch eine vollständige Induktion bestätigt.

Doch nun zur Sache selbst, d.h. zur Kur der Skropheln.

Fürs Erste müssen die Wege im Leibe gehörig gefegt werden, damit die Prozession der Heilgötter, die nach und nach hindurch spazieren werden, freie Passage finde. Man hat dazu zweierlei Besen, deren einer den Kehricht aus der Vordertür, der andre aus der Hintertür auskehrt. Daß man den Aderlaß noch nicht zur Vorbereitungskur der Skropheln empfohlen hat, zeigt, wie auch schon einiges früher Berührte an, daß gegen die übrigen Krankheiten genommen, wir in der Theorie und Kur der Skropheln eigentlich noch wenig fortgeschritten sind, und ich im Grunde eins der unpassendsten Beispiele zum Beleg meines Satzes getroffen habe; um so mehr kann man annehmen, daß, was von den Skropheln gilt, von den anderen Krankheiten in viel höherem Grade gelte. Welche Krankheit ist wohl sonst, in der man den Menschen nicht vielfach angezapft hätte, um dieses Gift herauszulassen, was überall im Körper umherläuft, um Unordnung anzurichten? Gewiß, wenn man manchen nur ihr Arteriensystem und noch zehnmal mehr ihr Venensystem aus dem Leibe präparieren könnte, sie müßten die gesündesten Menschen von der Welt werden. Je nun, der Arzt tue nur das Seinige, den Menschen von der Erbquelle aller Übel zu befreien, die darin enthalten ist, und die Natur wird dann auch das Ihrige tun, und die sprudelnde, kochende, rote Brühe durch ein sanft und ruhig fließendes Wasser ersetzen, wobei der Kranke, wenn er vorher noch so mager war, dann dick und voll aussehen, und sich nicht mehr über den Mangel schön gewölbter Waden und Schenkel zu beklagen haben wird.

Ein auffallendes Beispiel von der ausgezeichneten Wirkung des Aderlasses in krampfhaften Krankheiten, wo man ihn doch sonst gerade nicht empfiehlt, kann ich selbst als Augenzeuge erzählen. Ein wirklich berühmter Arzt war zu einer Kranken gerufen, die des Tags ein paar Mal die Epilepsie bekam. Der Arzt merkte gleich, daß der böse Dämon im Blute säße, und ließ ihm geschwind ein Türchen aufmachen, damit er herauslaufen könnte. Kaum war die Ader wieder zugebunden, so fiel das Weib in alle Arten klonische und tonische Krämpfe, so heftig sie nie vorher gewesen waren, und ich sie nie sonst gesehen habe. Man dachte jeden Augenblick, es wäre ihr Letztes. Sehen sie wohl, sagte der Arzt mit selbstzufriedener Miene zu mir, der dabeistand und dem Schauspiel mit zusah, wie heftig dieser jetzige Anfall war? Wie gut war es, daß wir noch so zu rechter Zeit den Aderlaß vornahmen, unfehlbar wäre sonst in diesem Anfall das Weib gestorben. Unvergeßlich wird mir diese Rettung eines Menschenlebens durch den Aderlaß bleiben.

– Gestern kam ein Bekannter zu mir und erzählte mir voller Freude, wie er einen Kranken, der in einem Nervenfieber etwas zuviel gesprochen, weil die Gehirngefäße zu voll gewesen, durch einen tüchtigen Aderlaß zur Ruhe gebracht habe, daß er kaum noch vernehmlich murmle. Mir fiel dabei folgendes Geschichtchen ein.

Die S. . . . .n Bürger sahen einmal auf ihrem Kirchturm ein paar Hälmchen Gras wachsen. Damit nun über das Eigentumsrecht daran kein Streit entstehen möchte, beschlossen sie, es durch den Gemeindeochsen fressen zu lassen. Sie legten demselben ein Seil um den Hals, und mit großer Anstrengung, trotz seines vielen Brüllens, war er den Turm hinaufgezogen. Als er oben war, ward er ganz still und streckte die Zunge weit hinaus. Ganz S. . . . . was unten stand und zusah, klatschte nun laut und rief: o seht, wie gut es ihm schmeckt, wie weit reckt er schon die Zunge danach aus! Hineingezogen hat er sie freilich nicht wieder.

Heute kam mein Freund wieder und sagte mit betrübter Miene, sein Patient sei gestorben, trotz des gestrigen Aderlasses und der Blutigel, die er ihm heute noch habe legen lassen; aber er wolle ein andermal schon kühner sein, und noch mehr Blut weglassen; er habe ja gesehen, wie gut es ihm bekommen sei. Nun, die Skropheln mögen sich immer auch gegen den Schnepper waffnen; er wird auch schon einmal an sie kommen, und wer weiß, ob man dann noch so viel skrophulöse Kinder wird herumlaufen sehen. Nachdem nun Hr. Consbruch die Vorbereitungskur der Skropheln angegeben, sagt er: »Einige der wichtigsten Mittel gegen die Skropheln sollen nun näher bestimmt werden.«

Eltern, die ihr trostlos über eurer Kinder böse Köpfe und triefende Augen und dicke Bäuche und Knoten am Halse seid, lest diese paar Worte, vergleicht das Darauffolgende damit, und ihr werdet getröstet von hinnen gehen. Consbruch hebt bloß die wichtigsten Mittel aus, und erschöpft beinahe die ganze materia medica; nehmen wir nun noch die übrigen wichtigen und die weniger wichtigen Mittel dazu, die Consbruch nicht erwähnt, nun so sieht man, welcher unendliche Schatz von Hilfsmitteln uns gegen die Skropheln zu Gebote steht; und wenn diese Krankheit dennoch in neueren Zeiten so ungeheuer überhand nimmt, so kann dies wohl nur daher rühren, daß die Reaktion der Aktion immer gleich ist, und die bewundernswerte Wirkung unserer Antiscrophulosa daher auch einen entsprechenden Widerstand der Skrophelkrankheit im Allgemeinen hervorruft. Aus diesem höheren Gesichtspunkte betrachtet muß die Verschlimmerung der Skrophelkrankheit durch unsere Mittel nur noch mehr für deren Wirksamkeit sprechen, und ich würde in der Tat auf diese Art dieselbe am liebsten beweisen.

Das Verzeichnis der von Consbruch angegebenen einigen wichtigsten Mittel ist folgendes:

Jalappe, Aloe, Rhabarber, Antimonialia, Mercarialia, salzsaure Schwererde und salzsaurer Kalk, frisch ausgepreßte Kräutersäfte, feste und flüchtige Laugensalze nebst gebranntem Schwamm und Seife, erdige und absorbierende Mittel, Gummiresinen, Huflattig, stärkende, adstringierende und bittere Mittel, Martialia, aromatische, erweckende Mittel, Narcotica.

Man sieht, der gute Mann hat, um nur einigermaßen sein Versprechen, uns mit einigen der wichtigsten antiscrophulosis bekannt zu machen, zu erfüllen, und jedem ein paar Worte als belobendes Testimonium mitzugeben, dieselben in ganze Sippen zusammenschachteln müssen, von denen jede einzelne beinahe wieder eine Unzahl von Mitteln enthält. Hierzu kommen nun noch, abgesehen von den Mitteln, die Consbruch unterschlagen hat, eine gewaltige Menge externa, die, zugleich mit den internis angewandt, die Skrophelkrankheit zwischen zwei Feuer bringen, ferner Composita, die gleichsam wie Kettenkugeln oder Granaten gegen die Krankheit abgeschossen werden, und nachdem sie ganz in den Magen gelangt sind, dann nach allen Ecken und Enden auseinanderfahren, und die Skropheln so in Knochen, Häuten, Nerven und Gefäßen auf einmal totschlagen.

Kurz, der Arzt braucht nur in eine Apotheke zu gehen, und die erste beste Büchse zu nehmen, er kann sicher sein, daß er ein wirksames antiscrophulosum darin treffen wird. Wenn man denn doch einige Mittel vorzugsweise vor anderen dagegen anwendet, wie z. B. jetzt die antimonialia, so rührt dies in der Tat bloß von der Mode her, und ich kann versichern, von jedem anderen Mittel eben so vortreffliche Wirkungen gesehen zu haben. Die Jodine, dieses jüngst geborene Kind der immer schwangeren materia medica, hat auch bei ihrer Aufnahme in die Gemeinde christlicher Heilmittel unter anderen recht hübschen Patengeschenken eine virtus antiscrophulosa bekommen, und wenn sie mit diesem Pfunde wuchert, so kann sie vielleicht einmal später recht ansehnliche Geschäfte damit machen.

Ich glaube, die angeführten Beispiele werden hinreichen zu zeigen, wie wenig in der Therapie und mat. medica noch zu tun übrig ist, um sie zu ihrer höchstmöglichen Vollkommenheit zu bringen. Zugleich wird man aber auch daraus sehen, wie schwierig das umfassende Studium dieser Wissenschaften wegen ihres erstaunlichen und noch immer wachsenden Reichtums sein und alle Jahre in höherem Grade werden muß. Ich bin nun auf einen sehr glücklichen Einfall gekommen, dieser Schwierigkeit abzuhelfen. Bei der bisherigen Einrichtung unserer Lehrbücher mußten diese alle Jahre an Volumen zunehmen und zuletzt nicht mehr durchzulesen sein; nach meiner Einrichtung wird das Lehrbuch um so dünner werden, je mehr die Wissenschaft an Reichtum zunimmt, und zuletzt, wenn sie ihren Gipfel erreicht hat, in ein oder zwei Zeilen zusammenschmelzen. Man denke, welch ungeheurer Vorteil, wenn das Studium mit dem Umfang an Leichtigkeit gewinnt, und man, wo man sonst eine Bibliothek durchzulesen hätte, in ein paar Zeilen eben so viel enthalten finden kann. Daher verspreche ich mir auch für mein Unternehmen einen ausgezeichneten Erfolg. Ich werde nämlich nächstens eine materia medica herausgeben, wo ich nicht bei jedem Mittel herzähle, welche Krankheiten es heilt, sondern bloß die, welche es nicht heilt, namhaft mache, und denke so schon jetzt in einem ganz dünnen Bändchen eben so viel sagen zu können, als andere in vielen dicken. Dies Bändchen wird mit jeder neuen Ausgabe dünner werden, indem jedes Mittel nach und nach mehrere Krankheiten heilen lernt. Denselben Gang werde ich auch bei der Therapie verfolgen, und späterhin, weil jede Wissenschaft einzeln kein Bändchen mehr ausfüllen wird, sie in eines vereinigen. Zuletzt wird der Titel, obgleich ich auch diesen durch ein analoges Verfahren ins Kurze zu ziehen gesonnen bin, länger als das Werk werden, die mat. med. und Therapie auf eine Seite zusammenfließen, und mein Werk unter folgender Gestalt herauskommen, die nun ihrem Wesen nach keine weitere Veränderung mehr erleiden wird.

Titelblatt:

Bibliothek der gesamten materia medica und

Therapie von D. Mises

Mitglied aller gelehrten Gesellschaften, ausgenommen etwa der und der.

Das Werk selbst wird nun weiter nichts als die beiden schon oben berührten Formeln enthalten. Materia medica. Jedes Mittel heilt alle Krankheiten. Therapie. Jede Krankheit wird durch alle Mittel geheilt.

Also frisch, ihr Ärzte, rüstig fort auf der mit so viel Glück betretenen Bahn, und die Medizin wird nach ein paar Jahrzehnten nicht mehr vollkommener werden können. Mein Werk wird euch als richtiges Thermometer eurer Fortschritte dienen können. Hoffentlich wird es bald auf dem oben angegebenen Nullpunkte stehen, und ihr dann statt einer schwankenden wellenbewegten Wissenschaft eine feste erlangen, wo ihr überall trocknen Fußes wandeln könnt.

Zweites Specimen.

Der rohe Zustand der frühsten Medizin zeigt sich unter anderen recht auffallend darin, daß man alle Arzneimittel roh anzuwenden pflegte: die Wurzel, wie sie aus der Erde gegraben war, den Saft frisch ausgedrückt, die Blume oder das Kraut frisch gepflückt. Da die Medizin eine Kunst wurde, lernte man das besser einsehen. Nicht nur nahm man den schönen Grundsatz Horazens, decimum prematur in annum, mit in die materia medica hinüber, und hält jetzt keine Wurzel der Anwendung wert, die nicht wenigstens ein Jahr im Kasten gelegen hat; sondern man kocht, schmort, pökelt, zuckert und syrupt auch jedes Arzneimittel ebenso geschickt ein, als die vollendetste Kochkunst mit ihren Objekten es nur zu tun vermag; und in einer recht kunstmäßig zubereiteten Medizin muß man ebensowenig die eigentlichen Bestandteile herauszuschmecken vermögen, als in einem nach dem haut gout zubereiteten Gerichte. Die Arzneimittel, wie sie die Natur wachsen läßt, geben jetzt bloß noch Quacksalber, die sich der Verachtung aller gelehrten Ärzte und der Ahndung höheren Orts würdig machen.

Was nicht durch die Garküche der Medizin gelaufen ist, und in deren Fegefeuer seine von der Natur überkommene Individualität abgestreift hat, darf jetzt auf keines Kranken Tafel kommen. Im Symbole scheinen die Alten schon diese große Wahrheit dunkel geahnt zu haben, die jetzt in unserer ganzen Heilkunst so siegend hervorbricht und priesen daher die Mumie als das größte Heilmittel an. Was nicht zur Mumie geworden ist, taugt nichts als Heilmittel. Nicht in der lebendigen Pflanze, sondern in ihrem ausgetrockneten, zermörselten Kadaver hat man den Tropfen zu suchen, der der schwindenden Wurzel des Lebens neue Kräfte gibt, und den daran nagenden Wurm vergiftet. Alles, was die Natur zu einem Heilmittel getan hat, muß erst abdestilliert oder chemisiert werden, ehe es der Kunst zu ihren Zwecken brauchbar wird, und die Apotheke des Arztes hat weiter nichts zu tun, als das, was die Apotheke der Natur an den Mitteln verdorben hat, abzuscheiden und in die rechte Form zu bringen, wozu sie allerdings oft den größten Kraftaufwand und die sinnreichsten Vorkehrungen anwenden muß . Naturam furca expellas, usque tamen redibit. Sehr wohl sieht die Medizin das ein, und weil es mit der Gabel allein nicht gehen will, so nimmt sie noch Messer und Mörser und Tiegel und Retorte und Wasser und Feuer, kurz alle möglichen Waffen, deren sie nur habhaft werden kann, zu Hilfe, damit der unsaubere Geist der natürlichen Kraft endlich aus den Mitteln ausfahre, und der reinen Wirkung der Kunst nicht mehr im Wege stehe. Ich weiß auch gar nicht, was die Leute denken, die da verlangen, man solle die Mittel anwenden, wie sie die Natur uns gibt, obgleich das nur wenig Sonderlinge sind, die etwa mit Rousseau in eine Klasse zu stellen wären, der es auch lieber gesehen hätte, wenn wir wieder in Tierhäuten gegangen wären und rohe Eicheln gegessen hätten. Der Zustand, in den uns die Natur hinstellt, ist doch wahrlich immer der erbärmlichste, den es nur geben kann. Wie will es auch anders sein? Die Natur hat es ja nie sich angelegen sein lassen, auf irgend einer Universität Rezeptierkunst oder die ersten Grundbegriffe einer pharmazeutischen Chemie oder etwas anderes dahin einschlagendes zu hören. Nun frage ich, wie will sie denn Mixturen zu Wege bringen, in denen die gehörige Zusammenmischung von constituentibus, corrigentibus, adjuvantibus, etc. und den corrigentibus und adjuvantibus der corrigentium und adjuvantium und sofort stattfindet? Nackt, wie sie aus ihrem großen Mutterschoße kommen, wirft sie uns die Mittel hin, und überläßt es unserer Sorge, sie in dezente Gewänder einzukleiden. Wenn die Natur gewußt hätte, was uns Not wäre, so hätte sie gewiß statt die Zitrone mit Zitronensäure und Apfelsäure für unsere Gallenfieber zu füllen, sie mit einer schönen Ertractsolution nach dem Rezepte R Extr. tarax. gram. aa Zjj tart. tart. 3ß. Aqu. font. 3V angefüllt, und an dem Liquirizienbaume Salmiakkuchen wachsen lassen; so aber sieht man, daß sie nicht einmal das leichteste Rezept vernünftig zu mischen verstanden hat. Ein Mittel allein taugt ja nie etwas; es ist entweder zu stark oder zu schwach, zu beißend oder zu kratzend, zu lösend oder zu verstopfend, zu süß oder zu sauer; und in einer nach den Regeln der Kunst zusammengesetzten Medizin muß daher jedes Mittel erst wieder ein Mittel haben, von dem seine Mängel kuriert werden, ehe es sich an die Kur unserer Krankheiten wagen darf; so wie auf analoge Weise jeder Arzt sich wieder seinen Arzt halten sollte, damit er gesund zur Heilung anderer sein könnte. Wenn nun aber auch die Natur wirklich solche schöne Mixturen, Pulver und Pillen, zu denen wir es durch ein mehr als tausendjähriges Studium gebracht haben, hervorzubringen vermöchte, so bin ich doch von der Vortrefflichkeit unserer Medizin so überzeugt, daß ich glaube, sie würde die Natur abermals überfliegen; und wenn der Pfefferstrauch statt der Pfefferkörner z. B. Pillen aus Sapo med.; rheum, fel tauri, gummi, ammoniac. trüge, diese erst wieder zerstampfen und mit einem halb Dutzend andrer aus ebenso viel Materialien zusammengesetzter Mittel zu einer neuen Pillenmasse formen: denn schon jetzt wird sie ja gewissermaßen transzendental und komponiert ihre Composita zu neuen Compositis und diese abermals, und so geht denn zuletzt in manche Medizinflasche ein microcosmus beinahe der ganzen Apotheke ein; und wenn man sich Anaxagoras' Chaos aus seinen Homöomerien vorstellen will, so muß eine solche Flasche gewiß das alleranschaulichste Bild davon geben, indem die kleinen mineralischen, vegetabilischen und animalischen Partikelchen hier vereint untereinander herumschwimmen, die Erde sich dann mittels ihrer Schwere zu Boden senkt etc. Es muß spaßhaft sein, was manchmal für Spektakel unter den verschiedenen Mitteln, die in einen Käfig eingeschlossen werden, entstehen mag, und ich wünschte mir nur ein eignes chemisches Gesicht, um dem so recht zusehen zu können. Es müßte ungefähr sein, als wenn man alle mögliche Tiere zusammen in einen Stall sperrte, die dann gegenseitig anfangen würden, sich zu katzbalgen, und einander aufzufressen, bis am Ende nur die stärksten übrigblieben. Ja solche Späßchen macht die Medizin; die Natur hat es noch zu keinem einzigen so guten Witze gebracht.

Es ist wahr, viel fehlt immer noch unseren Apotheken zu ihrer wahren Vollkommenheit. Die zusammengesetzten Mittel werden so ganz ohne bestimmtes System und Ordnung bereitet. Dem ließe sich auf eine für alle unsere Ärzte sehr vorteilhafte Weise abhelfen. Der Apotheker soll billig jedes Mittel einzeln haben, wenn etwa ein Bauer oder sonst eine unwissende Person z.B. einen einfachen Tee von Baldrian oder Kamillen für die Kolik verlangte, – denn für Ärzte wäre es nicht nötig, – dann mische er immer je zwei, je drei, je vier Mittel zusammen, so daß zuletzt über alle diese Composita eine Hauptmedizin, ein Compositissimum stehe, das alle Mittel in nuce enthält, und das er sowohl in Pillen als Pulver- und Mixturform dastehen haben muß. Der Vorteil einer solchen Einrichtung wäre nicht gering. Wie oft geschieht es nicht, daß ein Arzt in einer Krankheit Symptome aus fast allen Krankheiten sieht, und was für Zeit und Papier muß er nicht manchmal damit verschwenden, für jedes Symptom auch das Mittel auf das Rezept zu setzen; so schreibt er gleich die Mittel, und während ihrer ein Dutzend, die indes, wenn wir uns die composita, die in unsere Rezepte mit eingehen, zerlegt denken wollten, gewöhnlich nicht reichen möchten, mit einem Namen auf; ja, ist der Kranke ein reicher Mann, so kann der Arzt gleich anfangs der Krankheit für alle mögliche Fälle, die Universalpille geben, und deren Gebrauch durch den ganzen Verlauf der Krankheit fortsetzen lassen, was eine sehr einfache und zugleich bequeme Heilungsmethode abgeben, ja auch ein gutes Vorurteil beim Kranken erwecken würde, der, wenn er sich mit einer Medizin kuriert sieht, glaubt, der Arzt müsse das Wesen der Krankheit recht gefaßt haben. Stürbe der Kranke dennoch zufällig, so könnte dann der Arzt mit Recht die Achseln zuckend sagen: die Hilfe der Kunst war erschöpft; ein Ausdruck, der jetzt häufig mißbraucht wird, indem sich der Arzt damit zu rechtfertigen gedenkt, da er doch oft nicht viel über die Hälfte der Mittel, die es gibt, in der respektiven Krankheit angewandt hat und vielleicht höchstens eine halbe Mandel auf einmal; dagegen die Krankheit vielleicht nicht würde haben widerstehen können, wenn er ihr mit der ganzen Apotheke auf einmal zu Leibe gerückt wäre.

Auf der anderen Seite wäre aber auch sehr zu wünschen, daß man die Ärzte zu mehr Ordnung im Kurplane anhielte. Man nehme z. B. Gicht und Hypochondrie. Wie unordentlich untereinander werden hier die Mittel gegeben. Es ist wahr, im allgemeinen werden diese Krankheiten nicht vernachlässigt: der Kranke bekommt gewöhnlich nach und nach alle Mittel, die in unserer Schatzkammer existieren, und weil man sonst nicht durchkommen würde, meist eine gute Portion zusammen; aber das alles geschieht ohne eine bestimmte Regel. Der Arzt sollte sich hier einen festen Kurplan machen, den er durch die ganze Krankheit befolgte, und um Wiederholungen zu vermeiden, die Mittel entweder nach dem Alphabete oder nach der Reihe wie die Büchsen in der Apotheke stehen geben; so kann er immer wissen, welches Mittel schon drangewesen ist, und die Krankheit ihren ordentlichen Kursus durchmachen lassen. Wie es jetzt geht, kommt der Kranke um manches Mittel wahrlich bloß deswegen, weil der Arzt bei seinen vielen Geschäften sich doch nicht gleich auf alle Mittel besinnen kann. Ich bin nicht so eitel, diesen Vorschlag als wesentliche Verbesserung unserer jetzigen Medizin ausgeben zu wollen; aber er dürfte vielleicht die Ausübungsart derselben, wie sie jetzt ist, mehr systematisch machen. Es ist allerdings wahr, in neueren Zeiten sprechen ausgezeichnete Ärzte sehr laut und nachdrücklich gegen die Kombination vieler Mittel und für die Einfachheit der Kurmethode. Man muß aber dabei die Relativität der Begriffe viel und Einfachheit sehr in Anschlag bringen; und es könnte sich manchmal zutragen, wenn ein Narr die einfachen Rezepte und Kurpläne dieser Ärzte sähe, daß er sich wieder versucht fühlte, gegen die Kombination vieler Mittel und das Herumfahren im Kurplane, wovon selbst die ausgezeichnetsten Ärzte unserer Zeit nicht frei wären, loszuziehen.

Ein Hauptvorzug der neueren vor der alten Medizin besteht auch in ihren Extrakten und abgezogenen Wässern. Erstere sind der Arzneikunst ungefähr dasselbe, was der Kochkunst Zucker und Sirup. Nämlich diese beiden entgegengesetzten Künste haben auch entgegengesetzte Zwecke die Kochkunst, den möglichsten Wohlgeschmack der Speisen hervorzubringen, wozu ihr eben Zucker und Sirup dient; die Arzneikunst dagegen, die Medizin so abscheulich schmeckend einzurichten, als es nur immer möglich ist; was man ja auch im gemeinen Leben als das Kriterium der Medizin ansieht. Hierzu dienen nun vorzüglich die Extrakte. Die Natur hat in ihrem ganzen Vorrate keine Substanz aufzuweisen, die den zu einer Medizin erforderlichen Übelgeschmack besäße; auch das ist bloß ein Vorzug der Kunst. Man wird hier abermals, bemerken, wie vorteilhaft sich der verständige, ausgebildete Mensch von dem Tier und dem rohen Wilden unterscheidet, die bloß dem blinden Triebe der Natur folgen, und, wenn sie krank sind, bloß die Mittel zu sich nehmen, wozu unwiderstehliche Neigung und Appetit sie drängt. Es bedurfte des tiefblickenden Verstandes des Menschen, die wahre Heilkraft in dem zu entdecken, wovon ein fast unüberwindlicher Abscheu uns zurückhält zu erkennen, daß man dem armen, nach Erquickung lechzenden Kranken, der einen Schwamm mit Essig verlangt, ihn mit Wermut getränkt reichen müsse. Es ist wahr, wenn der Kranke sich zwischen den zwei Übeln eingeschlossen sieht, dem gespenstischen Tode auf der einen Seite und der bitteren Medizinflasche auf der anderen, sagt er öfters zu sich, wähle das kleinere Übel, und wirft sich dem Gerippe in die Arme, vor dem ihm weniger schaudert. Aber so erfordert es nun einmal der Ernst der Medizin, und das kann nicht anders sein. Wenn die Medizin ein Torturwerkzeug für den Gaumen ist, so ist ja ohnehin nicht mehr als billig, daß einer an dem Teile, woran er gesündigt hat, auch gestraft werde. Die Medizin ist eine Rute, die dem Kinde freilich weh tut, aber auch die Unart aus ihm austreibt; und wenn ein Wilder glaubt, ein Heilmittel müsse etwas sein, was dem Kranken wunderbar wohltue und ihn sogleich Erleichterung fühlen lasse, nun so zeigt er ja eben durch solche ungeschlachte Begriffe, daß er nicht die mindeste Kultur habe. Daß übrigens das Hauptwesen der Medizin allgemein von den Ärzten in den Übelgeschmack derselben gesetzt wird, läßt sich schon daraus schließen, daß, wenn ein Arzt eine Medizin verschreiben will, die nicht gerade einen besonderen Zweck haben soll, – Medizin verschreiben muß aber doch jeder Arzt – er gewöhnlich aus einer Portion Extrakten eine solche Mischung zusammensetzen wird, die der Kranke lieber gleich in locum secretum gösse, als erst durch das Filtrum seines Körpers dahin laufen ließe. An einer solchen Medizin, die von allen empirischen Bedingungen einer Krankheit gleichsam abstrahiert, muß man doch ihr Wesen rein erkennen können, wenn irgends. Wirklich gar nicht zu entbehren sind die Extrakte dazu, den recht eigentlichen Medizingeschmack, und selbst eine gewisse angenehme dunkel-schwärzliche Medizinfarbe hervorzubringen, die an sich schon das Wasser im Munde zusammenlaufen machen kann. Sie sind das tägliche Brot des Kranken, die er, wie dieses während des ganzen Lebens, so während der ganzen Krankheit nicht überdrüssig werden darf, und mit jeder anderen Krankheitsspeise zu sich nehmen, ja wovon er sich allein nähren muß, wenn nichts andres zu haben ist, höchstens mit etwas Salz vermischt. Diese unmäßige Konsumtion hat es denn auch nötig gemacht, die sogenannten leviora extracta, von denen hier die Rede ist, nicht bloß aus einer Pflanze zu bereiten, denn dann wäre gewiß das taraxacum und triticum repens denn längst ausgerottet; sondern man hat überhaupt eine Menge Unkraut am Wege und im Garten dazu genommen, vielleicht eben, um dadurch nach und nach seine Ausbreitung zu beschränken, und zugleich zu hindern, daß es ja nie zu den Extrakten an Materialien fehle. – So haben auch die abgezogenen Wässer ihren eigentümlichen Nutzen. Teils parfümieren sie die Medizin, die dessen wie Leute mit übelriechendem Atem öfters gar sehr bedarf; teils auch sind sie wie eine Art Stempelpapier zu betrachten, in das die Medizin, der Vermehrung der Revenüen wegen, eingeschrieben werden muß; und gewöhnliches würde zwar vielleicht dem Kranken eben die Dienste leisten, aber gewiß nicht dem Apotheker.

Wohl gemerkt, alle diese Vorzüge, die ich jetzt von unserer Medizin gerühmt habe, gelten bloß für die echt Hippokratische, die alleinseligmachende. Aber »es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen, und das Erhabene in den Staub zu ziehen«; und so hat denn auch die neuere Zeit eine infame Satire auf dieses göttliche System hervorgebracht; ich meine das Hahnemannianische System. Wirklich, ich glaube, man verkennt zu häufig die Tendenz desselben. Man gibt ja allgemein zu, daß Hahnemann nicht auf den Kopf gefallen ist; wie kann man denn glauben, daß er sein System wirklich im Ernste aufstellte. Nein, es ist ein schlauer Fuchs, der bloß auf eine recht pikante Weise unsere Medizin durchziehen will, weil Satire jetzt besser bezahlt wird als ernsthafte Wahrheit, und er mag sich recht ins Fäustchen lachen, wenn er sieht, wie man von allen Seiten über ihn loszieht, als meinte er im Ernste das alles so, wie er es sagt, und wie andre sogar Stein und Bein auf die Wahrheit desselben schwören, so wie Swift seinerseits gewiß recht herzlich gelacht haben würde, wenn man ihm mit vielen physischen und philosophischen Gründen hätte zu beweisen gesucht, daß seine Liliputer und Brobdignacker unmöglich existieren könnten, und andre dennoch auf seine Autorität hin die mühseligsten Reisen nach deren Ländern hin unternommen hätten. Wie gesagt, das muß Hahnemann unendlichen Spaß machen. Die Hippokratiker sind Leute von umfassender Gelehrsamkeit, die nach rationellen Ansichten kurieren, ihre Mittel in hinlänglichen Dosen geben und gehörig nach den vorkommenden Fällen miteinander kombinieren. Einer solchen platonischen Ärzterepublik stellt denn der Spötter eine andre gegenüber von Leuten, die rationis und intellectus plane expertes sein dürfen, sobald sie nur sensus haben, die Symptome sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen zu können, und die sonst nicht über drei zählen zu können brauchten, wenn sie nicht eine so große Menge Symptome zu zählen hätten; die ferner von Vorkenntnissen weiter nichts nötig haben, als richtig zu lesen, um in Hahnemann's Bibel bei vorkommenden Fällen nachschlagen zu können; von Sprachen bloß die Deutsche nötig haben zu verstehen, um in J. das Doktorexamen zu bestehen, die trotz der komponiertesten Symptome die simpelsten Mittel geben oder vielmehr die Leute ganz ohne Mittel kurieren, da unendlich klein so viel als nichts ist, und die dennoch die wundervollsten Kuren verrichten, zu denen die Leute von gelehrten, rationellen, Hippokratischen Ärzten haufenweise laufen und die in 4 Wochen Übel kurieren, mit denen diese oft Jahre lang umsonst sich herumschlugen. Wahrlich, die Satire hätte nicht krasser geschrieben werden können, als sie ins Leben getreten ist, und es ist deshalb schon recht, daß man den Pasquillanten ins Exil gejagt hat. Laufen auch noch einige seiner vorzüglichsten Schüler unter uns herum, so geschieht das ja auch bei anderen Witzbolden, daß ihre besten, sarkastischsten Witze, nachdem sie selbst entfernt sind, immer noch eine Weile kursieren, und als solche satirische Witzfunken, mit denen Hahnemann unsere Medizin und Mediziner lächerlich machen will, lassen sich ja gewissermaßen die Schüler, die er gebildet, betrachten.

Den Apothekern mag wohl bei dem Hahnemann'schen Spaße ein rechter Schreck in den Leib gefahren sein, die sich sowohl, ach sowohl bei unserer jetzigen Medizin befinden, daß man schon daraus absehen kann, die ersten Begründer derselben müssen Pharmazeuten und Arzt in einer Person vereinigt haben. Wie die Perückenmacher zur Zeit jener berühmten Katastrophe, da das Ehrwürdigste vom Haupte des Menschen, das ihm erst das wahre Ansehen gab, gerissen wurde, würden sie ohne Brot herumlaufen, die Zeit der alten goldenen Medizin zurückwünschend, sollte je das Hahnemann'sche System die Oberhand gewinnen. Schon jetzt hänseln die Hahnemannianer die Apotheker auf alle Weise, und da man ihnen durchaus zumuten will, sich in den Töpfen der letzteren ihre Mittel kochen zu lassen, so schreiben sie ihnen zum Torte Rezepte auf, wie z. B. folgendes: R. Oxymell. simpl. 3jj. cremor tart. grvi. M. f. pulvis. Freilich mag es eine saure Aufgabe für den Apotheker sein, daraus ein Pulver zu machen; es geschieht aber bloß, ihn zu hudeln. Ein andermal ärgern sie ihn auf die Weise, daß sie zu einer Mixtur, wobei der Apotheker denkt wenigstens 3 bis 4 Drachmen Extrakt absetzen zu können, 3 Gran extr. Taraxaci setzen lassen ( res non fictae) und das wahrscheinlich noch mit einer Miene, als fürchteten sie, den Kranken zu vergiften. Wahrlich, reißt das System mehr ein, so haben wir nächstens eine Gallenfieberepidemie unter den Apothekern. Doch sie haben nichts zu fürchten. Die Wahrheiten unserer jetzigen Medizin sind tausendjährige tiefgewurzelte Eichen, die höchstens ein Erdbeben, das den ganzen Grund aufwühlt, nicht aber das Lachen eines Witzlings erschüttern kann. Der Arzt, der Apotheker, der Drogist, alle befinden sich ja so vortrefflich bei unserer Medizin; sollten wir sie darum aufgeben, weil sich vielleicht bloß eine Person, ich meine den Kranken, schlecht dabei befindet? Wer ist so unbillig, das zu verlangen? Unsere Medizin ist ein sich durch sich selbst immer mehrendes Kapital. Wie wenig Ärzte konnten ehedem davon leben; jetzt, nachdem die Medizin zu einem so hohen Gipfel gebracht worden ist, finden Legionen Ärzte ihr Brot in Besorgung der Krankheiten. Man fahre nur fort, tapfer darauf los zu kurieren, und der Fond wird sich schon noch mehr vergrößern, und wenn die göttliche Kunst am höchsten gestiegen sein wird, dann wird hoffentlich auch die Welt ein Lazarett, in dem der Arzt alleinherrschend umhergeht, und das allgemeine Speisehaus die Apotheke sein, und man wird dem Tod statt der Totenuhr eine Medizinflasche in die Hand geben, damit man wisse, wann das letzte Stündlein nahe.

Drittes Specimen.

Es scheint sonderbar, warum doch gerade in unseren Zeiten das Studium der Medizin in einem alles Verhältnis gegen andere Wissenschaften übersteigenden Grade überhandnimmt. Dies hängt aber notwendig mit unserer fortschreitenden Kultur zusammen. Man sieht immer mehr ein, was die wahre Wissenschaft des Lebens ist, und so wird das Streben danach auch immer allgemeiner. Eine ganze Zunft hat sich jetzt wieder eng an die eigentliche Medizin angeschlossen. Jede Barbierstube ist jetzt eine Vorschule für künftig auszubildende Ärzte; und wie man zu sagen pflegt: Laß dich den Teufel bei einem Haare fassen, und er hat dich ganz, so braucht auch jetzt ein Barbier nur des Menschen Bart zu packen, und er wird bald nach seinem ganzen Leibe trachten. Wirklich ist die Barbierstube eine weit würdigere Vorbereitung als das Gymnasium, was man auch, wie es jetzt das Ansehen hat, bald allgemein einsehen, und dem Arzt seine Gymnasienzeit erlassen, dafür aber verlangen wird, daß er 6 Jahre in einer Barbierstube gelernt habe. Wie will denn einer bei der strengen Schulzucht und dem Herumschlagen mit lateinischen Brocken das rechte Gelenk in der Zunge und den gehörigen praktischen Pli wegbekommen, die doch zu den Haupterfordernissen des Arztes gehören, und gewiß nirgends besser, als in einer Barbierstube erlernt werden. Daher sieht man denn auch, daß der Arzt, der sich in letzterer zu seinen Studien würdig vorbereitet hat, immer zehnmal eher und mehr Praxis bekommt, als ein anderer, der als gelehrter Mann von der Schule nach der Universität kam, ja daß jener gewöhnlich mit der Praxis schon seine Studienkosten zu bestreiten vermag. Wie oft trifft es sich nicht ferner, daß gelehrte Ärzte, wenn sie anfangen zu kurieren, kaum noch zwei- und dreimal eine Ader haben schlagen sehen, und sich eben so sehr scheuen würden, das Instrument dazu anzugreifen, als ein Wilder das Schießgewehr des Europäers. Schon deshalb sollte man den gewesenen Barbier, dem dies Instrument familiär wie sein Brotmesser ist, dem gelehrten Arzt vorziehen. Diesem nützt ohnehin seine Gelehrsamkeit häufig nichts. Viele sind zu tölpisch, sie an den Mann zu bringen; und wenn der gewesene amputator barbae, der eben anfängt ein Kollegium über Anatomie zu hören, seinen ehemaligen Kunden erzählt, er wisse schon die gefährlichen Krankheiten sternocleidomastoideus und coracobrachioideus zu kurieren, so mögen gegen ein solches lumen, dem das Latein wie Wasser vom Munde fließt, die schulgelehrten Ärzte manchmal recht ignorant dastehen, die nur Deutsch reden und deutsche Krankheiten kurieren zu können scheinen.

Es leitet mich dies darauf, hier einige Regeln im allgemeinen beizubringen, wie sich der Arzt, und besonders der junge beim Eintritt in seine Praxis zu benehmen hat, die aus dem Leben vorzüglicher Meister abstrahiert sind, und somit wohl in einem Panegyrikus einen Platz finden mögen.

Das Erste, was ein Student zu tun hat, wenn er anfängt Praxis zu bekommen, ist, daß er seinen Ziegenhainer in einen Winkel stellt, oder einer neu ankommenden Vulpecula ein Geschenk damit macht und dafür ein Zuckerrohr zur Hand nimmt, auf das er sich, wenn er es ganz fein machen will, nicht beim Gehen stützen darf, sondern bloß hinten damit in die Luft aussticht. Ging er vorher im bloßen Halse, so wickelt er nun ein Halstuch um, und den Rock läßt er eine halbe Elle länger hängen; kurz, er zieht den alten Adam ganz und gar aus, und geht eine neue Verpuppung ein. Auch Schritt und Miene ändern sich; ersterer muß eine gewisse Eilfertigkeit annehmen, als wenn man nicht fertig werden könnte; letztere ein je ne sais quoi, was sich nicht beschreiben läßt, woran aber der Kenner als an einem pathognomonischen Zeichen den Arzt, und besonders den jungen, der von der Wichtigkeit seines Berufs noch ganz durchdrungen ist, sogleich herauszufinden vermag. Hält man ihn jetzt auf der Straße an und fragt: Wohin so eilig? – so hat er bloß zu erwidern: Praxis! Praxis! und schiebt schnell weiter; oder was ebensoviel Eindruck macht: er bleibt ein halb Stündchen stehen, und erzählt dem Befragenden, wie er jede Minute zusammennehmen müsse, um nur bei seinen Patienten herumzukommen. Raten würde ich jetzt jedem, daß er bei einem alten Praktiker Stunde nähme oder sich wenigstens fleißig vor dem Spiegel übte, das rechte Achselzucken und diejenige bedenkliche Miene hervorzubringen, die der Arzt alle Tage nötig hat; der junge ernsteres besonders nach dem Ausgange, letztere zu Anfange der Krankheit. Die größte Kunst aber muß er im Augenblicke des Pulsfühlens zeigen. An dem Air, was er dabei annimmt, kann das Glück seiner Praxis hängen. Mit ernstem, stierem Blick muß er dabei dastehen, als wenn eben der Schleier der isishaften Krankheit weggezogen und ihre innersten Geheimnisse vor ihm aufgeschlossen würden. Das Krankenexamen muß er, wenn er schon einigen Ruf erlangt hat, anstellen, als wenn er schon vor der Tür die ganze Krankheit gerochen hätte, und nur des Herkommens wegen den Kranken noch ausfragte; sonst aber muß er, wenn er etwa nicht weiß, wonach er eigentlich zu fragen hat, ein verzeihlicher Fehler bei jungen Ärzten, einen pathologisch-anatomischen Kursus aller Teile mit dem Kranken durchmachen; und es schadet nichts, wenn der Kranke Kopfschmerzen hat, daß er ihn nach dem Nagel der kleinen Fußzehe fragt; der Kranke bewundert vielmehr den Arzt, dem alle Beziehungen und Sympathien der Glieder wichtig sind. In der Diagnose muß der Arzt fest und sicher sein, das heißt, er muß aus den Symptomen sogleich den Namen der Krankheit erkennen, und nach diesem sein Rezept einrichten. Die Prognose, die er dem Kranken stellt, muß in einem hypothetischen Satz abgefaßt werden, und hier muß der Arzt vorzüglich seine Verwandtschaft mit dem König aller Ärzte, dem pythischen Apoll, beurkunden, indem er seine Aussprüche dessen Orakeln in gewisser Hinsicht ähnlich macht. Alles, was sich in der Krankheit zuträgt, muß der Arzt gleich zu Anfange derselben vorausgesehen haben, und das auch dem Patienten, an dem Tage, wo es sich zugetragen hat, nicht verheimlichen. Stirbt der Kranke, so war er unheilbar, und kein Engel hätte ihn retten können; ja ohne die Medizin wäre er schon lange tot gewesen.

Sehr hat der Arzt sich zu hüten, alle Patienten in der Behandlung über einen Kamm zu scheren, sondern er hat richtig zu individualisieren. Reiche Patienten hat er zur Frühstücksstunde zu besuchen, um zu sehen, was er ihnen für den Tag Neues zu verschreiben hat und, um ihnen als Hausarzt für die Frühstücke, die er bei dieser Gelegenheit genießt, doch auch ein Vergnügen zu machen, sie jedes Jahr in ein andres Bad zu schicken. Arme Patienten braucht er, da auf ihre Krankheit nicht viel ankommt, überhaupt nur selten zu besuchen, kann ihnen aber dafür eine Medizin, die auf lange reicht, verschreiben. Will die Krankheit doch nicht weichen, so hat er dem Patienten grob zu kommen, was dann manchmal hilft, daß dieser ihn nicht wiederkommen läßt.

Dergleichen Regeln ließen sich noch viele geben; ich wollte aber bloß deren einige einschaltungsweise beifügen, und nun zuletzt noch etwas über vorzügliche Diagnose und Indikation hinzusetzen. Da fallen mir aber zwei Geschichten ein, die ich mich erinnere in öffentlichen Blättern gelesen zu haben, und deren jede allein schon einen so vollkommenen Panegyrikus in dieser Hinsicht abgeben könnte, daß ich meine Preisrede nicht würdiger beschließen zu können glaube, als wenn ich sie unverfälscht hersetze, und dadurch dieses letzte Specimen gehaltreicher als alle vorigen mache.

»Im Spital einer großen Stadt starb ein Kranker. Die Ärzte, die ihn mit großer Sorgfalt behandelt hatten, sagten voraus, was der Sektionsbefund in jedem Teil des Körpers zeigen würde. Die Sektion wurde vorgenommen, und die Ärzte fanden ihre Diagnose bis auf die geringsten Partikularitäten bestätigt. Indes ergab es sich hernach, daß man aus Versehen einen ganz anderen und an einer ganz verschiedenen Krankheit gestorbenen Leichnam seziert hatte, als auf den die Diagnose des Leichenbefunds eigentlich gestellt war.«

Wenn sich hier die Diagnose bei einem falschen Kadaver so schön bestätigte: wie wunderschön müßte sie sich nicht erst bestätigt haben, wenn man das rechte Kadaver getroffen hätte; und die vorliegende Geschichte gibt sicher den klarsten Beweis, daß ein Arzt nie so leicht in seiner Diagnose irren kann; es ist eine Tatsache, wodurch die Gewißheit, die Sicherheit der Medizin über allen Zweifel erhoben wird.

Übrigens ist es gar kein Wunder, wenn man jetzt in der Diagnose so weit kommt. Man weiß ja jetzt durch alle Sinne diese Wissenschaft dem Arzt einzuflößen, ohne daß er nur an ein Krankenbett kommt. Nicht genug, daß man die Krankheiten, so vieler man habhaft werden kann, in Spiritus und unter Lackfirniß setzt, so malt man sie auch jetzt so treffend ab, daß jeder ein vollkommenes Bild davon, im eigentlichsten Sinne des Wortes, erhalten kann. Besonders ist das bisher mit den Augenkrankheiten geschehen; und an einer Dissertation, die etwas honett aussehen will, wird man auch gewöhnlich einen zerfressenen Magen oder Oesophagus, ein Mondkalb, ein Knochengeschwür oder dergleichen abgebildet finden, damit man es in der Natur danach wieder erkenne; ja neulich habe ich auch sehr schöne wohlgetroffene Porträts des gelben Fiebers und der schwarzen Blatter gesehen. Sicher hat jemand schon den Plan gemacht, eine Pathologie mit Kupfern herauszugeben, worin jede darin beschriebene Krankheit in Lebensgröße abgebildet sein soll. Man arbeitet auch schon daraufhin, die Krankheiten in Musik zu setzen, und sucht ihnen durch Hörröhre ihre Töne abzulauschen, so daß man sie mit der Zeit einmal durch Noten ausdrücken und auf dem Klavier abspielen können wird. Vorschläge sind ferner schon eingereicht, Geschmacks- und Geruchsphantome von den Krankheiten durch chemische Mittel zu verfertigen; und es fehlt dann weiter nichts, als daß man sie noch in Stein haue, um auch für das Getast etwas zu haben. Kurz, man umstellt die Krankheit auf allen Seiten mit so viel diagnostischen Netzen, daß sie sicher nicht mehr hindurchschlüpfen können wird. Doch zur anderen Geschichte!

»In einem Londoner Hospitale lag ein Kranker, der an beiden Füßen litt. Den einen erklärten die Ärzte in Konsultation für unrettbar, und beauftragten den dazu bestimmten Unterarzt, ihn abzulösen, den anderen Fuß aber hofften sie noch erhalten zu können. Die Amputation erfolgte aus Mißverständnis an dem weniger schadhaften Fuße, und der eigentlich zum Abschneiden verurteilte gesundete nach wenig Wochen.«

Den wahren Schlüssel zu dieser Geschichte gab mir erst ein Freund, dem ich dieselbe mitteilte. Sicher, sagte er, wäre der kranke Fuß nicht gesundet, wenn der gesunde nicht abgelöst worden wäre. Die Amputation war also hier in einem solchen Grade angezeigt, daß sie, selbst an dem nebenstehenden, gesunderen Beine verrichtet, die Heilung des eigentlich kranken zu Wege bringen konnte. Si fabula vera, setzt das öffentliche Blatt zur Geschichte hinzu. Es ist freilich kaum glaublich, daß ein Mensch es bis zu einem solchen Grade der Kunst bringen könne. Man sollte aber wirklich künftig die Probe machen, und allemal das gesunde Bein ablösen, damit das kranke gesund werden könnte.








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