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Wilhelm Heinrich von Riehl: Ovid bei Hofe - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleKulturgeschichtliche Novellen
authorWilhelm Heinrich Riehl
year1923
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart und Berlin
titleOvid bei Hofe
pages79-162
created20030708
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1855
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Wilhelm Heinrich Riehl

Ovid bei Hofe.

(1855.)

In nova fert animus mutatas dicere formas
Corpora.
Ov. Met. I, 1.

Erstes Kapitel.

Die Fürstin gähnte.

Der Fürst selber servierte ihr heute den Kaffee im Minnedienst des Flitterjahres ihrer Ehe. Sie saßen allein in dem traulichen kleinen Gemach, dessen Wände so ganz von Blumen verhüllt waren, daß es der Hofmarschall neuerdings als die »Grotte der Flora« in das Zimmerregister hatte eintragen lassen. Durch die weit geöffneten Fensterflügel strich die erweckende Kühle des schönsten Maimorgens, und die leise Luft spielte in dem wallenden Haare der jungen Fürstin, das, noch nicht kunstvoll geordnet, nur durch ein rotes Band zusammengehalten wurde. Eine Fülle der Anmut ergoß sich über diese »Grotte«, daß Götter selig darin hätten schwelgen können – und dennoch gähnte die Fürstin!

Der Fürst hatte einige Papiere vor sich auf dem Kaffeetisch liegen; denn er hielt eben, wie er's nannte, seinen kleinen Kabinettsrat. Dieser aber galt allezeit nur der Fürstin und ihren geistreichen Launen, und der Fürst war noch artig genug, das Tagewerk seiner Regierungsarbeiten an jedem Morgen mit diesem schwierigsten Departement des Innersten zu beginnen.

Selten wohl hat ein junger Ehemann seine Gattin so ganz nach Herzenslust die anmutigste Verschwendung entfalten lassen, wie unser Fürst Karl August. Die Fürstin Eudoxia nannte den Gemahl aber bei seinem zweiten Namen Augustus, weil sie gerne ein augustisches Zeitalter des künstlerischen Prunkes und geistberauschender feiner Ueppigkeit im kleinen Reichsfürstentume hervorgezaubert hätte. Die etwas bäuerlichen Bürger der Residenzstadt ihrerseits hatten in mangelhafter Kenntnis der byzantinischen Geschichte den Namen ihrer neuen Fürstin Eudoxia nicht recht verstanden und schlechtweg zur Fürstin Eidechse verdeutscht. Und in der That, sah man das kleine bewegliche Wesen mit den klugen Augen, jeden Tag mit einem anderen goldschimmernden Gewand angethan, durch die Laubgänge des Schloßgartens mehr gleiten und schlüpfen als gehen, dann mußte man bekennen, Eudoxia sei anzuschauen recht wie die klugblickende grüngoldene Eidechse, die so lustig im Frühlingsstrahle hin und her huscht, harmlos, heiter, in Lebenslust gesättigt.

Also Eudoxia durfte ihren Schönheitsphantasien, ihren künstlerischen Plänen und Launen noch ganz freien Lauf lassen, und dieser Pläne waren so viele und ihre Durchführung erforderte so starkes Kopfbrechen, daß fast an jedem Morgen der kleine Kabinettsrat am Kaffeetisch abgehalten werden mußte und oft gar schwer zum Schlusse kam.

Aber die Maisonne, welche durchs Fenster der Frühlingsgrotte so hell hereinscheint, ist ja die Maisonne des Jahres 1724, wo große und kleine Fürsten noch unbekrittelt ihren Launen leben durften und Geld besaßen wie Heu, um in feinem Geschmack mit Trianon zu wetteifern und in phantastischer Pracht mit Versailles.

Ist es doch binnen Jahresfrist in der kleinen Residenz hergegangen, als gälte es, eine neue Welt zu schaffen. Bauleute sind eben noch beschäftigt, den alten Schloßbau durch zwei neue Flügel zu modernisieren. Der Schloßgarten ist völlig umgewandelt. Hier entfaltete sich der Geschmack der jungen Fürstin am reichsten. Da wurden Grotten angelegt, Laubgänge, Teiche, Wasserfälle, Brücken, griechische Tempel und chinesische Pavillons. Die massige, über und über verzierte Steinbalustrade längs der großen Terrasse prangt mit sechs kolossalen Erzvasen, von schön modelliertem, vergoldetem Laubwerk umrankt; dagegen ist Apoll mit den neun Musen bei dem Springbrunnen zur mehreren Bequemlichkeit der Gießer und der fürstlichen Kasse nur aus Blei gegossen und mit weißer Oelfarbe angestrichen, »doch also, daß es aussiehet,« wie ein gleichzeitiger begeisterter Beschreiber sagt, »als seien die statuen aus wahrhaftigem penthelischem Marmor gehauen«.

Die junge Fürstin galt für unermeßlich reich, und der Fürst hatte neuerdings eine große Erbschaft gethan, so daß beim Volke die Sage ging, des Nachts zögen ganze Karawanen von Mauleseln die Straßen zur Residenz entlang, mit Fässern und Säcken Goldes beladen, um die ungezählten Schätze zusammenzutragen, in welche der Fürst nur mit verschwenderischer Hand hineinzulangen brauche. Am Ersten jedes Monats, fuhr dann die Sage fort, pflege sich Karl August ganz allein in sein Kabinett einzuschließen, um sämtliche quittierte Rechnungen der abgelaufenen vier Wochen höchsteigenhändig im Kamin zu verbrennen, damit keine Seele je erfahre, wieviel Geld er verthan und er selber nicht jezuweilen erschrecke vor den ungeheuren Summen.

Also die Fürstin gähnte.

Es geschah dies aber nicht aus Langweile, sondern aus gelinder Verzweiflung; denn die gelindeste Form der Verzweiflung zwingt zum Gähnen.

Eudoxia schwärmte gegenwärtig für Ovids »Verwandlungen«, die sie unlängst aus einer französischen Uebersetzung kennen gelernt hatte. Bereits stickte sie die Geschichte von Philemon und Baucis auf einen Ofenschirm; allein weit Größeres war noch im Werk. In dem erlesensten Zirkel des Hofes wurden Schauspiele aufgeführt, Opern sogar mit Ballett, und die Herren und Damen vom Hofe wirkten hierbei zusammen mit einigen für diese Unterhaltung eigens berufenen Künstlern. Damals gehörte es aber zum Glanz eines Hofes, nicht bloß eigene darstellende, sondern auch eigene schöpferische Künstler zu besitzen. Nicht bloß Opern geben wollte man, sondern jeder Hof wollte auch seine eigenen Opern geben, seine eigenen Schauspiele und Ballette. Die Fürstin hatte darum einen Hofopernkomponisten von Wien verschreiben lassen in der Person des Maestro Ignaz Lämml. Da man aber bei diesem Posten ebenso bequem sparen zu können glaubte, wie bei dem bleiernen Apoll mit seinen angestrichenen neun Musen, so hatte man dem guten Wiener, der nie in seinem Leben einen Vers gemacht, zugleich die Verrichtung aufgelegt, sich zu der allmonatlich zu liefernden neuen Oper oder Kantate seinen Text selbst zu schreiben und zugleich, wenn's not thue, als Hofpoet auszuhelfen.

Nun war die Aufgabe des armen Ignaz für den laufenden Monat keine leichte. Er sollte die Geschichte von Pyramus und Thisbe zu einer Oper verarbeiten. Allein trotz ihrer Vorliebe für Ovid hatte die Fürstin doch eine bedeutende Abweichung von der Erzählung des alten Römers für das Libretto befohlen: die Oper durfte nicht tragisch schließen, Pyramus und Thisbe sollten sich am Schlusse heiraten, damit alsdann ein lustiger Tanz eintrete.

Das war zu viel für Ignaz Lämml. In einer schriftlichen Eingabe, die eben im »kleinen Kabinettsrate« vorlag, und gerade sie war es auch, welche die Fürstin zum Gähnen der gelinden Verzweiflung gebracht, erklärte der Maestro eine solche Umbildung der Fabel für ganz unmöglich.

Mit einem Anflug von Ironie verteidigte der Fürst die Ansicht des Kapellmeisters, während die Fürstin für ihre eigene Sache sprach.

Und mit all dem liebenswürdigen Eifer, dessen nur ein junger weiblicher Anwalt fähig ist, rief sie: »Ein König von Frankreich, Karl – Karl der so und so vielte (wer kann die langweiligen Namen und Zahlen behalten!) stellte das Gesetz auf, daß jede Oper heiter und versöhnt enden müsse. Es gehört das gleichsam zur Hofetikette der Oper – –«

»Allein,« unterbrach der Fürst, »unsere großen Meister kehren sich längst nicht mehr an dieses Gesetz.«

»Große Meister? Ja! Aber gerade darum, weil er kein großer, sondern ein kleiner Meister ist, muß sich unser Ignaz Lämml daran kehren. Alle Kunstgesetze sind vergleichbar den Spinnweben, die großen Fliegen brechen hindurch und die kleinen werden darin gefangen. Und so soll sich unser Lämml nur ruhig gefangen geben dem ehrwürdigen Königsgesetz der Oper.«

»Wahrlich, gefangen wird er sich geben, aber die Oper nicht fertig bringen. Denn als er jüngsthin Acis und Galatea schrieb, ging es ihm wie Vetter Christian im Sprichwort, der glaubte, er habe ein Päckchen Tabak gekauft, da hatte er's gestohlen. Er bettelte und stahl sich die Verse aus allen anderen Galateen zusammen. Wo soll der Arme aber die Verse zu Pyramus und Thisbe stehlen, die sich heiraten, statt sich zu ermorden? Hättest du ihm noch die Geschichte vom Dädalus zur Bearbeitung aufgegeben, er würde die Figur des Minotaurus wenigstens an sich selbst haben abstehlen können, denn wie kann man den Ignaz Lämml besser schildern als mit Ovids Worten: › Semibovemque virum, semivirumque bovem‹ (ein halbochsiger Mensch, ein halbmenschlicher Ochs). Aber verzeih, liebe Eudoxia, ein höchst gutmütiger Geselle ist der Kapellmeister doch und ein vortrefflicher Musikant dazu.«

Die harten Worte des Fürsten waren mit so zärtlicher Schalkhaftigkeit des Tones gesprochen, daß sich Eudoxia nicht gekränkt fühlen konnte. »Unser armer Poet hat Succurs erhalten!« rief sie triumphierend in ihrer vollen anmutigen Munterkeit. »Vor einigen Wochen ist sein Sohn, ein trefflicher Sänger und ein wahrer Tausendkünstler, von Wien herübergekommen, der schneidet ihm jetzt die Verse zu. Der junge Mensch thut höchst geheimnisvoll, macht sich äußerst rar in der Stadt und im Schlosse, kaum weiß jemand, daß er hier ist – aber um so besser für uns, um so glänzender wird die Ueberraschung sein, womit wir euch Zweifler besiegen werden!«

»Nun,« sprach der Fürst, gedankenlos in den Papieren blätternd, »wenn Pyramus und Thisbe glücklich und lustig zur Ehe kommen, dann wäre ich im stande und sänge selber mit in eurer Opera.«

Es hatte ihn aber die Fürstin schon gar oft um seine Mitwirkung als um eine ganz besondere Gunst gebeten, denn Ludwig hatte ja auch zu Versailles im Ballett getanzt. Allein diese einzige Bitte hatte der Fürst immer stracks zurückgewiesen mit den Worten: »Ein Fürst soll nicht Komödie spielen!«

Jetzt aber sprang Eudoxia jubelnd auf. »Das Wort halte ich fest, welches du eben gesprochen, und dich halte ich fest bei deinem Wort!«

Karl August erschrak, sann nach – da ward ihm erst klar der gedankenlos hingeworfenen Zusage Bedeutung. Sich der dankbaren Zärtlichkeit seiner Gemahlin entwindend, sprach er mit fast feierlichem Ernste: »Der König von Frankreich, des Namens du dich nicht entsinnen konntest, war Karl VI. Er hat in der That verordnet, daß jede Oper heiter und versöhnt schließen müsse. Aber schauerlich verhöhnte das Geschick diesen Satz in der letzten Komödie, die dieser König selbst gespielt. Bei einem Fastnachtsscherz trat er als wilder Mann auf, in zottiges Fell und einen Pechkittel vermummt. Da kam er einer Pechfackel zu nahe, das Pechgewand fing Feuer, und der lustige König, der jede Komödie heiter wollte geendigt wissen, starb an dem Schreck und den Brandwunden des letzten Finales dieser letzten Komödie, die er selber mitgespielt. Ein Fürst, Eudoxia, soll nicht Komödie spielen! Doch du hast mein Wort; ich werde es einlösen.«

Eine Wolke flog über das Gesicht der Fürstin, allein sie ging rascher noch vorüber wie Aprilgewölk.

Und sie zog ganz sachte die Replik des Hofkapellmeisters Ignaz Lämml hervor und präsentierte sie samt Tinte und Feder in holdester Anmut schweigend dem Fürsten, daß er den Entscheid darauf schreibe.

Lächelnd schrieb Karl August mit festen Zügen: »Die Opera Pyramus und Thisbe soll lustig mit der Liebenden Heirat schließen. Coûte-que-coûte: – so will und befehl' ich's. Carolus Augustus.«

Und diesem Kabinettsbefehl ward ein Lohn, wie er Kabinettsbefehlen sonst nimmer zu werden pflegt: ein Kuß von den schönsten Lippen.

Der Fürst sprang auf, trat ans Fenster und blickte nachdenklich in den Schloßhof.

»Schau!« rief er, »welch seltsamer Aufzug! Vier Männer tragen eine ungeheure, mit Blumen bekränzte Brezel, die stolzeste Geburtstagsbrezel. Sie wollen zu dem schmalen Pförtchen hinein, das zu deines Hofsängers, des Maestro Dal Segno Wohnung führt. Ah! das gilt wohl der Tochter des Welschen, der schönen Cornelia! Aber die Pforte ist zu eng – sie kommen nicht durch mit der ungeheuren Brezel. Sie gehen zurück – nein! – sie halten Kriegsrat. Was werden sie beginnen? Sie steigen zu dem großen Doppelfenster hinein! Das ist unverschämt – wider alle Schloßordnung – vor unseren Augen und am hellen Tage!«

Der Fürst klingelte. Der Kammerdiener erschien.

»Hat Er den unverschämten Kerl gesehen, der eben samt drei anderen und einer ungeheuren Brezel zu Dal Segnos Fenster eingestiegen ist? Wer war der Halunke?«

»Der Maler Friedrich Bergmann, zu Euer Durchlaucht Befehl.«

»Er soll in Arrest gehen, sechs Stunden –«

»Zu Befehl – sechs Stunden.«

»Halt! Sechs Stunden heute und morgen noch einmal sechs Stunden. Mache, daß du fortkommst! – Halt! Sogleich, auf der Stelle soll er sich auf der Wachtstube zum Arrest melden. Hörst du! Absitzen noch heute morgen!«

»Das ist hart!« lispelte die Fürstin, als sie wieder allein waren. »Der arme Bergmann!«

»Die Schloßordnung muß gewahrt werden! Und siehst du, Eudoxia, alles fängt jetzt an, hier Komödie zu spielen, selbst meine Leute! Der ganze Hof phantasiert –«

»Aber warum mußte denn der Arrest des armen Bergmann verdoppelt werden?« fiel die Fürstin rasch, wie das böse Gewissen, ins Wort.

»Weil er ein gescheiter Kerl ist, ein durchtriebener Bursche, der alles kann und weiß, wenn er nur will.«

»Aber du schiebst ihn ja sonst immer zurück hinter den französischen Maler, der Hofmaler werden soll!«

»Weil er sich anstellt wie eine deutsche bête, da er doch ein deutsches Genie sein könnte weit über den Franzosen hinaus. Darum eben schicke ich ihn mit doppelter Strafportion ins Cachot, daß er zum Bewußtsein erweckt werde. Kind, du weißt nicht, wie man deutsche Künstler erzieht!«

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