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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Oversberg - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDorf- und Schloßgeschichten
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1991
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-32972-2
titleOversberg
pages325-374
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zum Begräbnis, um keinen Preis früher, ist Herr Robi erschienen. Dabeisein, wenn sein Kind leidet – unmöglich; das konnt er nicht, so grausam ist er nicht. Jetzt aber zeigt er sich! Alles aus Wien kommen lassen, den ganzen Pomp: sechs Schimmel, blauen, silberbeschlagenen Wagen, silberbeschlagenen Sarg – silbergesticktes Bahrtuch, Fackelträger und so weiter. Die Geistlichkeit aus der ganzen Gegend zusammengetrommelt; der Zudrang ungeheuer – natürlich. Von weit und breit sind die Menschen herbeigelaufen, um das Leichenfest mitzumachen. Wie einen Prinzen, erzählt man sich, wird Herr von Siegshofen seinen Erstgeborenen begraben lassen, ›und Herr Oversberg wird ihm ins Grab nachspringen‹, setzten die Eingeweihten hinzu.

Ist ihm aber nicht nachgesprungen. Dagestanden und sich geniert, weil Herr Robi gar so theatralisch war, besonders in dem Moment, in dem er die ersten Schollen Erde auf den Sarg werfen und dann die Schaufel dem Oberstleutnant reichen mußte.

Der hatte durchaus mitgehen und seine alte Uniform anlegen wollen und nahm sich in ihr aus – zum Weinen; sie ist an ihm gehängt wie an einem Rechen. Ihretwegen wahrscheinlich auch das militärische Auftreten, zu dem er sich, seinem runden Rücken und seinen wackligen Beinen zum Trotz, gezwungen hat, und die Anstrengung, die er machte, um die Tränen hinunterzuschlucken, die ihn beinah erstickten.

Zuviel für den gebrochenen Mann... Wie er die Hände nach der Schaufel ausstreckte, zitterte er so stark, daß er danebengriff; sie fiel, er stolperte und wäre bei einem Haar gestürzt, knapp neben der Grube. Wir haben ihn glücklich aufgefangen, ich und Oversberg, und der hat ihn beim Arm genommen und nach Haus geführt.

An den Neugierigen vorbei sind sie gegangen, die Oversberg unverschämt anglotzten. Nun ja – er hat ihre Erwartungen getäuscht... Auch er schaut – zieht die Augenbrauen zusammen, und sein Blick sagt deutlich, niemand konnte es mißverstehen: Gesindel!

Ja, wenn er sich nur öfters hätte ärgern können, es ist ihm gut gestanden.

Seit der gewissen Andeutung, die ich ihm gemacht habe, hat er nie wieder von dem Kinde gesprochen. Was er im stillen durchgemacht haben wird – meiner Treu, lieber er als ich. Äußerlich hat sich an ihm wenig verändert, nur daß er womöglich noch fleißiger geworden ist als früher – angezogen, angezogen – die pure Schraube!... Viel später einmal kam, ganz zufällig, die Rede auf den kleinen Robi, und daß es doch schade ist um das einzige Kind Frau Lenes.

›Ein Unglück‹, sage ich, und er seufzt tief auf: ›Nein – ein Glück. Den Willen sollte man ihm tun, und ihn dabei doch erziehen... Er so kränklich, und wir so schwach... Wir hätten ihn verwöhnt, was wäre aus ihm geworden? O wohl ihm! wohl ihm!‹

Darauf konnte ich nur entgegnen: ›Dann ist's ja recht. Aber Ruhe würde ich mir an Ihrer Stelle gönnen. Für wen plagen Sie sich, wenn das Kind nicht mehr da ist, dem Siebenschloß doch einmal zugefallen wäre? Was haben Sie jetzt von Ihrer Arbeit?‹

Er sah mich an, wie wenn ich die größte Dummheit ins Leben gesetzt hätte, und gab mir zur Antwort: ›Nun doch – die Arbeit.‹«

Diese Auffassung erregte das Mißfallen der Herren Beamten. Der Verwalter fand kein Ende mit: »Erlauben Sie mir, und, und, und...« Der Oberförster rief: »Dilettantenfleiß, Unsinn das!« Der Kontrollor polterte, so ein verzwickter Junggeselle, dem nie ein Dunst davon aufgestiegen ist, was es heißt, eine Familie ernähren, habe leicht plappern. Am gelassensten blieb der Förster, der sprach einfach: »Von der Arbeit nichts haben wollen als Arbeit – das ist mir zu hoch.«

»Ist es Ihnen?« versetzte der Inspektor mit spöttischem Triumphe – offenbar hatte er sein Publikum jetzt da, wo er es haben wollte. – »Nun, mir auch. Für tüchtige Arbeit tüchtigen Lohn ist mein Grundsatz. Und zum Beweis, daß ich ihn auch ausübe – eine Mitteilung, meine Herren.«

Er war plötzlich in seinen trockensten Geschäftston übergegangen, erhob sich (wir, selbstverständlich, sprangen auf), schlug an sein Glas und sprach unter lautloser Stille: »Unser gnädigster Herr Fürst hat auf meinen Antrag die Besoldung sämtlicher hier anwesender Forst- und Wirtschaftsbeamten um fünfundzwanzig Prozent erhöht.«

Das war eine Überraschung, eine Rührung, eine Dankbarkeit, ein gegenseitiges Glückwünschen! Ich mußte warten, bis die hochgehende Flut der allgemeinen Freude sich gelegt hatte, um, mit dem Rechte des einzigen, der bei einer großen Bescherung nichts bekommen hat – aber auch nichts braucht, Gott sei Dank! -, den Herrn Inspektor um das Ende der Geschichte Oversbergs zu bitten.

»Sie hat kein End«, erwiderte er, »Sie ist aus, das ist ihr End.«

»Ach«, rief der Förster, ganz übermütig gemacht durch das unerwartete Glück, das ihm zuteil geworden (er ist unser ländlicher Don Juan). »Verehrter Herr Inspektor, entschuldigen, daß ich mich ausdrücke, aber mir scheint, Herr Oversberg war ein Narr und hat keine Courage gehabt. Wenn er zugegriffen hätte, da sich das hübsche Fräulein so tapfer für ihn deklariert hat, alles wäre gut geworden. Der alte Herr hätte sich erholt, wie er sich ja erholt hat, und verziehen und seine Enkel gehutscht, anstatt...«

Der Inspektor unterbrach ihn: »Natürlich! – Hab ihm's auch vorgehalten... Aber der!... mich spazieren geschickt, nichts anderes; gesagt: ›Sie haben ihn ja damals gesehen – nämlich den Alten. Nach menschlicher Voraussicht wäre er einer neuen Gemütsbewegung gewiß unterlegen, und – wir können nur nach menschlicher Voraussicht handeln... und auch nur nach unserem eigenen Charakter... Sie und viele – Stärkere als ich würden anders gehandelt haben... ich, ich bin ein schwacher Mensch. Und noch etwas: Die Liebe in einem Winkel des Herzens, die Hochachtung in einem anderen – es kommt oft vor. Bei mir wohnen sie beisammen. Die Lene, die von ihrem sterbenden Vater weg zu mir gelaufen wäre – das wäre nicht mehr meine Lene gewesen...‹«

»Bravo!« rief der Kontrollor, »da hört man einmal etwas Vernünftiges von ihm.«

»Und was ist denn«, fragte der Verwalter und gab seiner Weste eine so nachdrückliche Mahnung, daß sie genug hatte und für diesen Abend ihre ehrgeizigen Bestrebungen aufgab, »was ist denn mit dem Herrn Oberstleutnant geschehen, und, und?...«

»Der Oberstleutnant weinte und klagte seinen Schmerz um den Sohn seiner Lene aus«, erwiderte der Inspektor, »und duselte dann noch viele Jahre gemütlich weiter und wurde uralt, und mein guter Oversberg auch nicht jünger. Tag für Tag, bei jedem Wetter, wanderten beide zum Kirchhof. Der Alte setzte sich auf ein Bänklein am Grab seiner Tochter, blieb in Sommerszeit stundenlang dort sitzen und war Ihnen stillvergnügt. Die Schmetterlinge hatten jetzt Ruhe vor ihm. Ungeniert konnten sie ihn umflattern, sich auf seine Hand niederlassen, er betrachtete sie mit Kennerblicken und – ließ sie fliegen. Ein besonders schöner Admiral hatte einmal Platz genommen auf dem Netze, das er gewohnheitsmäßig immer mittrug und neben sich auf das Bänklein legte.

›Fangen‹, sagte ich – denn, müssen Sie wissen, ich besuchte ihn hie und da auf seinem stillen Plätzchen -, ›fangen Sie ihn doch!‹

Er lachte, wiegte den Kopf hin und her und erwiderte mit ordentlich schalkhafter Miene: ›Du sollst nicht töten!‹

Da konnte ich mir's nicht versagen, die Frage an ihn zu stellen, ob diese Auslegung des göttlichen Gebotes von ihm selbst oder von Oversberg herstamme, brachte aber eine klare Antwort aus ihm nicht heraus. So bleibt es denn ewig unentschieden, dürfen wir oder dürfen wir nicht unter den vielen Verdiensten, die der heilige Albrecht sich erworben hat, auch aufzählen: Er rettete mehreren Schmetterlingen das Leben... verdarb damit freilich dem alten Oberstleutnant seine letzte Freude, wodurch das Verdienst wieder vermindert wird – um wieviel? – Das sind Spintisierungen, in die ich mich nicht einlasse, das geht Sie an, Herr Dechant.«

Dieser nahm den Scherz nicht übel, sondern erwiderte mit Schmunzeln: »Spintisierungen, ja, über einen Konflikt der Pflichten, die einem buddhistischen Weisen besser anstünden als einem christlichen Priester.«

»Aha!« rief der Inspektor, »der gute Oversberg gibt sogar Ihnen ein Rätsel auf. Lassen Sie mir, ich bitte recht sehr, gelten, daß er für mich eines bleiben durfte bis an sein seliges Ende... Denn selig soll es gewesen und er mit einem Sprichwort auf den Lippen gestorben sein. Das lautete: ›O welch ein Glück!‹ – Im Leben alle Augenblicke: ›Welch ein Glück!‹ und im Sterben, als er den Arzt, der ihn für bewußtlos hielt, sagen hörte: ›Es geht zu Ende‹ – auch wieder: ›Welch ein Glück!‹ So hatte er sich's angewöhnt. Wie oft haben wir ihn deswegen ausgelacht! Seine berühmte Chance als Ökonom hat ihn ja auch manchmal sitzenlassen, die Dummheit und Bosheit der Menschen ihm auch zu schaffen gegeben. – Einmal ist die ganze Gemeinde gegen ihn aufgestanden, bis auf – zwei Häusler: ›Zwei Ehrenleute‹, sagt er: ›Welch ein Glück!‹... Wirklich, ich fahr ihn an: ›Wenn Ihnen der Sturm Ihr Haus zerstört und nur zwei Ziegel aufeinander sitzenbleiben, Sie werden noch sagen: Welch ein Glück!... Nein, Ihre sanftmütige Heiterkeit, wo Sie die hernehmen!‹

›Woher?‹ – das gab ihm zu denken, und erst nach einiger Zeit antwortete er: ›Sie hat vielleicht einen recht engherzigen Grund; sie kommt vielleicht aus dem Bewußtsein – ich habe alle meine Lieben geborgen, es kann nur noch mir etwas geschehen.‹

Er war ein alter Mann, seine Haare waren weiß geworden, den Kopf trug er ein wenig gebückt, sah jeden von unten herauf mit außerordentlichem Wohlwollen an. Manche, besonders die Jüngeren, wie sie schon sind, erwiderten das so gewiß: Machen Sie sich doch nichts aus mir, ich mache mir ja nichts aus ihnen. – Ob mein guter Oversberg so etwas gemerkt hätte? – Nie!... Er ging dahin...«

Zum letzten Male an dem Abend unterbrach der Herr Dechant den Herrn Inspektor. Der alte Herr lehnte sich zurück in seinen Sessel, legte die Hände auf den Rand des Tisches, wie er sie auf die Kanzelbrüstung zu legen pflegt, und sprach: »Er ging dahin, unverwundbar durch seine Harmlosigkeit und Güte, wie die Helden der nordischen Sage es geworden sein sollen durch ein Bad in Drachenblut. Ehre seinem Andenken! Sonderbar, Herr Inspektor, sehr sonderbar, Sie haben mir mehr von ihm erzählt, als Sie selbst von ihm wissen und wissen können. Denn, nehmen Sie es ja nicht übel, wenn ich mir die Bemerkung erlaube: Sie sind ein gescheiter Mann, ein rechter Schätzmeister der Fähigkeiten, der Arbeitskraft anderer in ihrem wichtigen, weit umfassenden Wirkungskreise. Aber einen einfachen und edlen Menschen – verstehen Sie nicht.«

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